CHome

23. Im Superyachthafen Malaga

Künftiges Model (2.v.l.) im Morgenrot in Marbella

Dienstag (08.11.), 02:17h (!!). In Málaga soll es, sagte mir der Hamburger vom Nachbarboot in La Linea, ein völlig leeres neues Hafenbecken geben, wo man gut (und umsonst) ankern kann. Auf Karte und Navionics finde ich nur einen erweiterten alten Flusslauf, außerhalb und neben dem Industriehafen. Die Marina liegt ebenfalls ab vom Schuss (und hat schlechte Kritiken: teuer, keine Liegeplätze für Durchreisende, unfreundlich). Aber in der Karte ist im innersten Hafenbecken eine Marina verzeichnet, allerdings nur als Symbol, kein Funkkanal, keine weiteren Angaben. Aber wenn da eine Marina ist, kann ich dort auch reinfahren. Als endlich die drei Kreuzfahrtschiffe größer werden, auf die ich drei Stunden zugedampft bin, (kein erwähnenswerter Wind), tuckere ich gegen halb fünf endlich in die Einfahrt (16:30 Uhr wird die Málaga Port Control später als TOA eintragen: ich hätte mich per Funk (Kanal 11) anmelden müssen, das war aber weder in der Karte noch auf Navionics vermerkt). Das innerste Hafenbecken (noch ein viertes Kreuzfahrtschiff) ist zwar leer, aber superschick und die Yachten am Kai sind alle riesig. Vorsichtig frage ich über VHF, ob sie auch eine kleine Yacht wie die Elli nähmen? – Klar, ich soll irgendwo festmachen, er (der Marinero) werde dann gleich vorbeikommen und mich einweisen. Gut. Kommt er auch und gibt mir einen Platz zwischen zwei Megayachten. Rückwärts Einparken, der Besitzer (vermute ich) des spiegelblanken hellgrauen Luxuskatamarans neben mir wirkt sehr nervös, packt zusätzliche (unbenutzt aussehende) Fender an die Seite zwischen uns, springt schließlich auf die Kaimauer und hilft dem Marinero, mich festzuzurren. Denn: der Hafen ist auf Yachten ab 30m eingestellt, die Muringleinen ziehen uns gegen das Nachbarschiff. Erst eine zusätzliche Spring vom Bug zu einem seitlichen Poller (es gibt keine Klampen) hilft.

SABETH: zwischen zwei Megayachten kaum zu sehen

Auch die Megayacht auf meiner anderen Seite funkelt in Lichtgrau: elephant breath scheint die Farbe der Saison zu sein.
Kaum angelegt checke ich Mails. Ein von Hendrik, Ehemann einer lieben ehem. Kollegin, allerdings gerichtet an eine »Liebe Frau Anja F…«. Leichte Panik. Anja heißt meine ehem. Schulleiterin, evtl. hat sie neu geheiratet …? Alles Quatsch: Hendrik verteidigt mein Blog gegen die (berechtigten) Vorwürfe von Frau F., ich hätte den Jungs (Julian und Lukas) nicht deutlich genug klargemacht, dass ihre Segelerfahrungen nicht für eine größere Tour ausreichen (u.a.). Danke, Hendrik! Und danke, Frau … da fällt mir auf, dass Frau F. die erste Blogleserin sein muss, die nicht mit mir verwandt, befreundet, bekannt ist. Holla, die Waldfee: Wie schön!

Die IYG-Marina in Málaga ist auf Superyachten spezialisiert. Vorteil 1: Es gibt keine Chipkarte für die Zugangskontrolle (muss man sonst immer Pfand zahlen und morgens zurückgeben), weil: die Anleger sind Tag und Nacht engmaschig bewacht: als ich eben nicht mehr schlafen konnte (Alptraum: Fressmaschine von Riesenziege schlachtet an einem Berghang ein allzu zutrauliches Kalb. Wobei das Kalb so groß war, dass ich (im Traum unten am Abhang) hastig ausweichen musste, damit mich der mit einem Huftritt bewusstlos gehauene, den Hang herabtorkelnde Tierkörper nicht erschlägt. Der Kopf der Riesenziege sprang in der Mitte auf (wie Schwarzenegger in Total Recall) und hatte im Inneren einen bleichen (Briten-) allesfressenden Menschenkopf, darunter ein Fahrgestell aus kreiselnden Raupen – Ende Alptraum). Als ich jedenfalls meine (quietschende) Achterluke aufschob, war die freundliche Vigilantin bereits auf dem Kai über dem Boot, noch bevor ich ins Cockpit geklettert war. À propos Kai: der ist natürlich auch überhoch, weil für die Überhecks der Megayachten gedacht; bei Ebbe musste ich gestern Nacht ziemlich klettern (mich sitzend von der Hafenmauer herablassen), um aufs Boot zu kommen. Grüßt mich die junge Frau von der Nachtwache schon, als ich gerade die Luken aufschließe … 

Wo war ich? Ah ja: Vor- und Nachteile. Vorteil 2: Standort; nur fünf Minuten Fußweg zur Kathedrale, zum römischen Amphitheater, zur maurischen Stadtfestung. Zentrales Zentrum, die Marina liegt ideal. Vorteil 3: SEHR persönlicher Service. Die Desk Managerin (»Ich bin Alejandra, encantada«) begrüßt mich mit Handschlag, gibt mir zum Abschied ihre Karte (»Sie können mich JEDERZEIT anrufen!« – »Auch, wenn ich das Restaurant nicht finde (das sie mir kurz zuvor empfohlen hatte – sollte ein Witz sein!)?« – »Auf jeden Fall (in vollem diensteifrig-charmantem Ernst)!«. (Klar, dass sie jung und attraktiv ist; klar, dass ich das nicht persönlich nehme, oder?)
Nachteil: Es gibt keine Duschen (»alle Megayachten haben ihr eigenes Bad.«). Nachteil: Preis. Nachteil: Stress beim Ablegen. Links spiegelblanke fünf Millionen (der Übervorsichtige war der Matrose, er und ein Kollege wohnen vorne im rechten Rumpf), rechts blitzende acht Millionen (geschätzt, ich hoffe, ich trete niemandem auf den Schlips (nicht vorhanden: links saß abends ein Typ (Mitte 40, unscheinbar) im Sweatshirt vor dem Rechner, allerdings im Salon, den die Matrosen sonst nicht benutzen). Keine Ahnung wie ich da morgen schadlos rauskomme – wahrscheinlich darf ich mit meinen dreckigen Fendern den spiegelnden Monstern nicht einmal nahekommen …

Eben (mitten in der Nacht), die Elli schaukelt bedenklich in der kaum sichtbaren Hafendünung, während sich die 30m-Monster kaum bewegen, sitze ich im Cockpit: knarrt ein Festmacher. Ich sofort nervös. War aber der Festmacher vom 8-Mio-Nachbar – auch Großgeld bewahrt einen nicht davor, die falsche Art Leine einzuziehen!

Malaga ist übrigens ein Traum: wunderschön und geschmackvoll überlaufen (Turronladen [span. Süßware] mit 300 Sorten Mandelkonfekt, alle handgemacht!). Weil der Laden, den mir Alejandra empfohlen hat (»da geh ich selber auch hin«), geschlossen hatte (die machen erst um halb neun auf, hatte ich nicht die Nerven und zuviel Appetit für), beim Edelitaliener. In meiner Lasagna war (Hackfleisch vom) Stierschwanz, daher wahrscheinlich der Alptraum! Später doch noch am La Campana vorbeigeschaut: winzige Bar, Tische davor, fischlastige Karte – das wäre es gewesen. Fazit: Málaga ist schön, aber schlecht für’s Budget. Aber hier (für lau) zu ankern wäre eine unerhört verschwendete Gelegenheit gewesen – alles richtig gemacht.

Vladimir Nabokov: it Die Schwestern Vane (Erzählungen, danke, Cornelia!). Welch ein Stilist! In drei Sprachen! Chancenlos neidvolle Bewunderung. So ein Leben/Schicksal muss man aber auch erst einmal durchstehen, um davon berichten zu können (Leben, um davon zu erzählen hat Marques seine Memoiren betitelt). Ganz großes Kino für die Ohren bzw. das Sprachgefühl (oder wie das heißt).

Almerimar
Ebenfalls grau (aber alt): Nachbarn am Kai in Almerimar

Do (10.11.), 06:00h. Der Vollmond steht über dem Hafen, alle Häuschen am Kai schlafensstill, nur ein früher Raucher hustet auf seinem Balkon, in der Ferne rumort die Straßenreinigung und das sanfte Rauschen der Küstenautobahn. Almerimar wird nach allem, was ich bisher gesehen habe, die abgeranzteste Marina, in der ich jemals war. Aber nett. Und vor allem: alle Gewerke im Hafen, sogar ein umfangreiches Lager mit gebrauchten Ersatzteilen – muss ich noch checken.

Die Etappe von Malaga war eine Druckfahrt, 78 nm [ca. 137 km]. Musste aber sein, weil ab Donnerstag widrige Winde angesagt sind. Segeln unter Zeitdruck ist ein Widerspruch in sich.
Bei der frühen (08:45) Ausfahrt aus dem Hafen – wichtig: vorher von der Malaga Port Control die Erlaubnis dazu einholen, kein Problem: »no hay trafico«– ziehen schon die ersten zwei Delfine sachte ihre Bahnen im Hafenbecken. Sicher ein gutes Omen.
Draußen weht der angekündigte Westwind, allerdings nicht so ausgeprägt wie erhofft. Dann Mittagsflaute. Dann Abendflaute. Aber dazwischen immer wieder ein wenig Wind.

Glorioser Abschluss einer lahmen Nacht: mit vier kn an Motril vorbeigerauscht
Gegenschuss: Motril im Morgengrauen

Dann Morgenflaute. Um halb zehn werfe ich die Maschine an. Fazit: fünfzig Meilen in 24 Stunden gesegelt, 25 Meilen in fünf Stunden motort. Zwei Längengrade überfahren. Aber: nur die (60) Minuten der Breitengrade entsprechen einer Seemeile, deswegen darf man Entfernungen nur an den seitlichen (nicht: oben oder unten) Rändern der Seekarte abgreifen! Deswegen liegen zwischen den LÄNGENgraden keine 60 sm. Dennoch Dank an Winkelmann für seine Kartenprojektion, die (zwar keine realistische Darstellung der Oberfläche, aber) winkel- und distanzgetreue Wiedergabe bereitstellt (und so Navigation erst ermöglicht). Wurde eine lange Nacht, obwohl Signore Giorgio brav gesteuert hat, die meiste Zeit unter Schmetterling. Zweimal Kartoffel-Lauchsuppe, zwei Schachteln Kippen. Eins der Projekte für Almeria: Rauchen aufhören. Der einsame Huster heute früh klang genauso krank wie mein keuchend-knorpeliges Abhusten am Morgen. Allerdings liegt genau gegenüber meines Festmacheplatzes (»por polpa«: Heck zum Kai) ein tabaco. Wenn das kein Wink eines übelmeinenden Schicksals ist …

Almerimar habe ich angesteuert, weil lt. Youtube dies der Hafen für Reparaturen und Ausrüstungsergänzungen ist. Der Hafenmeister äußerte sich ähnlich selbstbewusst – dafür sind wir der beste Platz. Also stehen in den nächsten zwei Wochen Arbeiten an. Über die ich erst die Ergebnisse berichte. In anderen Worten: dieser Blog macht drei Wochen Pause. Dank euch für eure Treue bisher, für eure vielen aufmunternden und (wenigen) kritischen Anmerkungen (Hartwig, Susan, Andrea (muss meinen inneren Schweinehund [male chauvinist pig] im Zaum halten), Frau F.), bleibt der ELIZABETH und mir gewogen und schaltet Anfang Dezember wieder ein!

Herzliche Grüße

Ulrich

Gästebuch:

22. Straße von Gibraltar

Überraschung: Marbella liegt am Mittelmeer

Na, das war nun keine Überraschung. Aber wie viel sich verändert hat auf den knapp über 40 nm seit Gibraltar: Marinas (heißen nicht mehr so) sind ausgebucht, Yachten von 10m nehmen sie überhaupt nicht (»wir haben nur Liegeplätze für Yachten ab 12 m«, die Snobs), keine Schwimmstege (weil: (so gut wie) keine Tide), Anlegen römisch-katholisch [(keine Ahnung, woher diese Bezeichnung kommt): Heck zum Kai, zwei Achterleinen; im Hafenbecken sind tief unter und vor dem Bug lange Muringleinen verankert, deren Ende vom Kai aus hochgezogen (Marineros), nach vorn geführt und am Bug belegt werden]. Marbella (Victor: »con el jet-set!«) ist am strahlenden nächsten Morgen genauso (wenig) schön wie in der Nacht. Aber wenigstens hat uns der überhilfreiche Abend-Hafenmeister einen Platz am Wartesteg zu- und uns nicht abgewiesen wie sein Kollege von der anderen Marina. Heute morgen mussten wir dann umlegen. Rückwärts in eine kaum schiffsbreite Lücke zwischen zwei andere Yachten gesetzt, der Marinero nimmt die Heckleinen und hebt uns die Muringleine aus dem Wasser. Klappt Bombe. Jetzt ist Celia am Strand, ihren ausgefallenen Sommerurlaub nachholen.

Endlich was gelernt

… hat aber nur einen Tag funktioniert. Und zwar: Richtige Entscheidung, in Sancti Petri fünf (!!!) Tage auf besseren Wind zu warten. Weil: die Strecke nach Barbate, die ich einen langen Tag lang nicht mal zu einem Drittel geschafft hatte, war mit Rückenwind unter Gennaker locker in einem Tag zu machen. Und: Sonntag Nachmittag rief Celia (Tochter) an, setzte sich noch am selben Abend in den Zug und kam am Montag Abend in Cádiz an! Große Freude. Bacalao in Cognaksoße an der Plaza San Franzisco (die zu probieren ich nicht mehr gehofft hatte), Rückweg mit der S-Bahn durch die Vororte, deren Straßen an Halloween komplett verstopft waren. Auch aus der ankommenden S-Bahn stiegen jede Menge feierwütig Verkleidete (Lieblingskostüm: Engelchen (weißes Brautkleid), Teufelchen (schwarzer Minirock, Netzstrümpfe): Cádiz hatte bridge&tunnel day.

Am nächsten Tag Sicherheitseinweisung für Ce und Aufbruch. Sicher einer der schönsten Tage bisher: kräftiger raumer [schräg von hinten] Wind, der Gennaker zog den ganzen Tag, strahlender Sonnenschein. Das Kap von Trafalgar (wo Nelson pures Glück (und günstigen Wind) hatte, wie uns ein missgünstiger Ire angesäuselt-wortreich im Irish pub an der Plaza San Franzisco erklärt hatte) gerundet.

Celia am Cabo de Trafalgar

Gegen fünf kommen hohe Berge weit draußen auf dem Meer, abseits von Spanien in Sicht: Afrika! Das Atlasgebirge Marokkos.

hinter Celias Tasse: Afrika

Beim Dunkelwerden in Barbate eingefahren, erst am falschen Steg festgemacht, dann vom Hafenmeister Liegeplatz, Chipkarte (für Klo- und Stegzugang) und Wegweisung zum Städtchen bekommen. Super Abendessen in Strandpromenadenrestaurant – wir waren die letzten Gäste. Barabate scheint die Hauptstadt des Atun de almadraba (gewesen) zu sein, hat sich aber scheint es nicht halten können: der entsprechende Infopavillon am Hafen ist verwaist und verfallen. Aber immerhin gibt es auf der Speisekarte eine eigene Abteilung für den berühmten Fisch (und eine Abbildung der Fischteile, damit der Kellner einem zeigen kann, welches Stück man serviert bekommt. Ich natürlich nur das Beste: den Bauch. Ce, vegan: Salat, patatas bravas [gekochte, dann frittierte Kartoffeln mit scharfer Soße]. Der Sandstrand von Barbate ist unerreicht: vogelkäfigfein und breit.

Schon beim ersten Versuch, Barbate zu erreichen waren im Funk irgendwelche Amphibien-Manöver angekündigt, das Gebiet ist Übungsgebiet der spanischen Marine. Als wir am Mittwoch (02.11.) die nächste Landspitze südlich umfahren, liegt oder kreuzt dort ein graues Navy-Schiff. Tasächlich sollen wir das Kap mit drei Meilen Abstand umfahren, weist uns der freundliche Funker (»gracias por su collaboration«) an. Zwei Stunden Umweg straks nach Süden. Und später schießen die tatsächlich blitzend explodierende Salven Richtung Land!


Tatsächlich hat die neue Planungskompetenz gerade noch für einen halben sonnigen Tag unter Gennaker gereicht, dann kam der Wind wieder von vorn und wir sind fast vier Stunden nach Tarifa motort (die engste Stelle der Straße von Gibraltar (Ce: »Wahrscheinlich heißt die auf spanisch „Straße von Tarifa“!«, entsprechende Strömungen, die wir aber eingeplant hatten!) und spät, wieder bei Einbruch der Dunkelheit, nach Tarifa reingefahren. Riesenhafter, leerer, ausladend beleuchteter Hafen, keine einzige Yacht zu sehen, spooky. Erst weist uns einer der Männer vom hinausjagenden Piloten-Zubringerboot aus im Hafenbecken nach weiter hinten. Dort ist der Fischereihafen – kein freundlicher Empfang zu erwarten. Von dort scheucht uns der Hafenpolizist vom Land aus weg, zeigt uns in Richtung porentief ausgeleuchtetem, völlig leerem Kai. Dann zeigt uns der zurückkommende Lotsendampfer (mit dem Suchscheinwerfer) einen kurzen leeren Schwimmsteg. Als wir dort festmachen, kommt der Polizist schon angelaufen: für eine Nacht okay, aber am nächsten Morgen müssen wir weg sein, bevor die (Fähre? oder) Ausflugsschiffe den Steg nutzen. Denn (Planungsfehler): Tarifa hat keine Marina. Und kurz darauf legt eine riesige Kreuzfahrtfähre rückwärts entlang des angestrahlten Kais an – Tarifa ist augenscheinlich DER Fährhafen in Länder, wo Frauen Kopftuch und Männer Schnurrbart tragen. Busladungen stehen rauchend und auf Gepäck sitzend am Kai. Später dreht noch eine überbreite Katamaran-Hochseefähre im Hafenbecken und legt an.

ELISHA vor der maurischen Festung von Tarifa

Tarifa hat noch Gebäude aus der Zeit der Conquista, der arabischen Herrschaft in Spanien. Und ein Hafenviertel mit engen Gassen (und Seemannskneipen, bzw. heute Touristenbars. War anscheinend immer Grenz- und Festungsstadt. Und schön.

Tarifa: Burgfried am Hafen

Berückendes Morgenrot am Donnerstag (03.11.), früher Start (09:30), voller Tag unter Gennaker, »farbkastenblauer Himmel« (Ce) in allen Schattierungen und gut Fahrt gemacht. „The Rock“, der Affenfelsen, schiebt sich steil aufsteigend und brüsk abbrechend hinter der nächsten Landzunge in den Horizont: Gibraltar. Die Queensway Quay Marina (im britischen Bereich) hat keinen Platz für ein Schiff wie unseres, liegt anscheinend schon im Mittelmeer.

In der ewig langen Hafeneinfahrt, die voller Frachter vor Anker steht, zerfetzt uns eine Bö den Gennaker, später brechen wir im Seegang am überkragenden Betonkai der Marina von La Linea ein handbreites Stück aus der Scheuerleiste am Übergang zwischen Deck und Rumpf der armen Lizzy – Zeit für den Reparaturaufenthalt irgendwo im Mittelmeer. Zwei Hamburger vom übernächsten Nachbarschiff empfehlen Fuengirola, kurz hinter Marbella. Eine schweizer Rennyacht mit Familienbesatzung, die in der Nacht in Tarifa noch neben uns festgemacht hatte (und uns tagsüber hat stehen lassen), steht schon am Kai und wartet, dass das Büro (nach der Siesta) aufmacht – sehr viel haben die uns auch nicht abgenommen.

kaum zu erkennen: die Bucht von Gibraltar im letzten Licht

Druckspaziergang in die britische Enklave, Grenzübertritt klappt reibungslos, obwohl Ce nur einen Perso dabei hat. Quer über die Landebahn in die Festungsstadt, die gleichzeitg ein britische Seebad am Mittelmeer ist. Mainstreet wie in irgendeiner englischen Kleinstadt, inklusive kaum bekleideter Britinnen. Sauftourismus. Seilbahn auf den Felsen hoch hat bereits geschlossen (nur bis 17:45h), also bergauf. Wir schaffen ca. ein Drittel, mehr als ein Blick über die Bucht incl. Sonnenuntergang ist nicht drin. Keine Affen. Rückweg durch altes Viertel. Gibraltar ist so klein, dass jeder jeden kennt, Vorteil und Nachteil zugleich, erklärt ein Gibraltese (o.ä.). Abendessen in la Linea, im Sparfuchs-Restaurant: Einheitsmenü für € 11, solala.

Ce vor Affenfelsen (Affen nicht zu sehen)

Am Freitag (04.11.) Rauschefahrt unter großer Genua, teilweise im Schmetterling, teilweise bis über 7 kn (wahrscheinlich incl. Meerengenströmung). Und Delfine, eine ganze Schule, sicher mindestens 15 Stück, begleiten uns sicher eine Stunde lang. Ce, die im Bugkorb mit dem Gesicht nach unten lag, kommt ganz beseelt zurück: die Tiere spielen unter und hinter dem Bug mit der Strömung, schubsen sich gegenseitig weg, reiben sich aneinander …

Abends schläft der Wind ein, zwei Stunden unter Motor bis Marbella. Also nicht ganz. Ce am Steuer, ich schau mir unten die Karte für die Einfahrt an, ruft Ce mich hoch: ein Motorboot, und ganz nah! Als ich hochkomme, blendet uns ein Suchscheinwerfer. Ein Schnellboot der Guardia Civil (unbeleuchtet) fährt fast längsseits. Erst sollen wir den Motor stoppen, was wir machen, dann sollen wir wieder aufs Meer hinausfahren, was wir nicht machen. Tatsächlich sollen wir nur den Bug gegen die Wellen stellen, damit ein Polizeibeamter an Bord kommen und das Schiff durchsuchen kann. Schicken sie den jüngsten, der sowas ersichtlich auch zum ersten Mal macht, es kaum herüber schafft (Seegang) und alle Fächer und Bettstellen durchsucht. Und Fragen stellt. »Woher? Schon vorher in Spanien gewesen? Schon mal im Knast gewesen? Weswegen?« Nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei und sie wünschen uns gute Fahrt.
Die kleinere Marina in Marbella, die sie uns empfohlen haben, hat keinen Platz für ein Boot von nur 10 m. Der freundlichere Kollege vom Puerto deportivo (»Bin selbst Seefahrer seit ich ein kleiner Junge war, weiß wie das ist, wenn man nachts ankommt, da kann man doch niemand abweisen!« (er hat den Funkverkehr und mein Betteln um einen Liegeplatz mitbekommen). 21:30 an Marbella, heftiger Bar-, Disko- und Shisha-Cafébetrieb an der Promenade, Abendessen eine Ecke weiter in die Stadt. Und sehr glücklich.

Sehr glücklich: Celia vor Trafalgar

Am Samstag (05.11.) geht Celia Baden, es ist ihr Sommerurlaub, und einkaufen, ich schreibe. Für abends hat sie eine vegetarische Paella an einer Strandbude aufgetan, darauf freuen wir uns. Dann ein Spaziergang den Berg hoch zur Busstation – dort wird am nächsten Tag Ce‘s Blablacar losfahren. Und in der Altstadt (casco antiguo) im el Gallo Bier und ein köstlicher arroz vegetariano (Paella). Wunderschöner letzter Abend mit Ce. Sonntags Baden und Schreiben, Bratkartoffeln mit gebratenen grünen Paprika, um halb vier geht die Mitfahrgelegenheit los. Ich mache um Viertel vor fünf los und dampfe drei Stunden (Flaute) durch einen Sonnenuntergang in allen Regenbogenfarben, der Felsen von Gibraltar und gegenüber der hohe Atlas zeichnen sich deutlich gegen das Abendrot ab, nach it Fuengirola, an 20:30h. Die Promenade ist Gangstalandia: Shishabars, Sportsbars, Discos. Marbella in arm, selbst die Animierpersonen vor den Bars sehen abgelebter aus. Als nichts wie weg hier (Montag, 07.11.), sobald dieser Beitrag hier abgeschickt ist – selbst das WiFi schwächelt.

21. Ab Cádiz

Do, (27.10.), 23:00h. Anscheinend jeden Abend üben an der Strandpromenade, gegenüber vom Containerhafen (wo sie niemanden stören) die Mitglieder eines gigantischen Blasorchesters, sicher 150 Mensch (auch Frauen) stark, alle Instrumente, vier- bis zehnfach besetzt, mit ultrahohen Sopran-Trompeten, die sich über Ventile halb- oder vierteltonweise verstellen lassen und Tubas und Posaunen und Trompeten und einer viel zu lauten Pauken- und Konzerttrommel-Sektion. Abgefahrenes Zeug, das sich (aus der Ferne) anhört wie von einem violinlastigen Symphonieorchester gespielt, die könnten eine Corrida [Stierkampfveranstaltung] ebensogut bespielen wie Filmmusik für eine Endzeit-Dystopie aufnehmen. Unfassbar gut und präzise und zugleich völlig unprätentiös (die Trompeter rauchen während sie ein paar Takte Pause haben; zwischen den Stücken (die Rhthmusgruppe hält den (Marsch-)Takt) checkt die Hälfte der Band die neuesten Handynachrichten). Strange und schön. Hab leider bisher nicht rausgekriegt, wie die sich nennen, scheinen ambitionierte Amateure zu sein. Guckst du: https://youtu.be/bfVerZX1XeM. Jedenfalls superschön am Abend. Z.B. beim Heimtrotten von einem heftig guten Abendessen (Krabben-Kroketten, (Meeresfrüchte-) gefüllter Squid mit Muscheln (Schalen zum Aufbewahren in Spülmittel einweichen!), Tarta de la abuela (Schokoladen-Keksbrei-Torte), Rotwein, Kaffee, Kognak. Hoffe, den Jungs geht’s ebenso gut, die mussten zehn Kilometer marschieren, um morgen ihren Blabla-Car nach Vila Real zu kriegen. Jam Session war also nicht, ebensowenig wie ich losgefahren bin. Ganz nach Lektion 21: Lieber eine zusätzliche Nacht im Hafen verbringen als einen Tag lang gegen widrigen Wind zu kreuzen … Morgen sehen wir weiter.

Manche lernen’s nie
Schiffsfriedhof in Sancti Petri

Sa., 29.10. Sancti Petri. Die Jungs sind weg, doch das Glück ist geblieben: Gestern Nacht den Versuch abgebrochen, gegen den Wind anzukreuzen. Der Club Nautico Sancti Petri (17 km südlich von Cádiz) liegt an [ist auf einem (gegen den Wind) fahrbaren Kurs direkt zu erreichen], nur am Ende, schon in der Landabdeckung, als Wind und Seegang sich beruhigen, zwei Meilen gegenan motort und in die lange Einfahrt um eine vorgelagerte Insel mit Festung und Leuchtfeuer herum eingebogen. Halb zwei Morgens per Funk die Marina und kurz darauf den Warteponton erreicht. Von der Gegenströmung (der Hafen liegt in einer Flussmündung) nichts gespürt, ich hatte sie im Rücken. Merkte ich erst später. Denn Club Nautico ist nicht die (danebenliegende) Marina (des Puerto Sancti Petri), sondern ein Muringbojenfeld. Der Marinero weist mich ein, übergibt mir die Muringleinen zur Boje. Und alles ist gut. Aufgedreht, erst um vier einschlafen können.
Nachtankunft – Morgenschön. Die vorgelagerte hügelige Sanddüneninsel mit der Festung sieht nach Nordsee aus. Die weißgetüchten hingeduckten Häuschen des Hafens mit Schmuckgiebeln und dunkelblau abgesetzten Kanten erinnern an die spanischen Missionsstationen an der kalifornischen Küste (El pueblo de Nuestra Señora la Reina de los Àngeles [geht noch weiter] – Nervt euch meine Schlaumeierei? Tja: einmal Lehrer – immer Lehrer, sorry). Und das Örtchen heißt auch so und ist wahrscheinlich auch aus derselben Zeit.

Sancti Petri: LIZ an Boje
Lady in Red

Elli mit der ungebrauchten, aber dreißig Jahre alten winzigen Fock (mein Sturmsegel), stierblutrotbraun und hochgeschnitten (hab ich für die Kanalüberfahrt geplant gehabt, weil man gut drunter durchgucken kann), mit zwei Reffs im Großsegel (haben die Jungs noch eingebunden). Rausgefahren, rauschend überholt von einem Sportsegler mit Code 0 [Zero, einem übergroßen fliegend [nicht am Stag] gesetzten Vorsegel]. Die haben mich praktisch stehen lassen. Draußen zeigt sich, dass ich exakt für den auffrischenden Wind besegelt bin. Die rotbraune Fock steht gut, mit nur einem Reff im Groß (mit Mühe ausgeschüttelt, Reffleinen übersehen) ist das Rigg ausgeglichen. Wenn die rote Fock innerhalb der Oberwanten geschotet ist [üblicherweise laufen die Schoten des Vorsegels außerhalb der Wanten], ist sogar Höhe zu machen. Allerdings knattert das Achterliek hart am Wind [„Kneifen“] brutal, versetzt das gesamte Rigg in übles Rütteln. Keine Freude. Trotzdem knüpple ich einen kompletten Segeltag gegenan bei Windstärke 5, in Böen 7 (laut Wetterbericht), Seegang 1, oft auch fast 2 Meter. Die gute alte Else steckt das tapfer weg, ein zähes Luder von alter Dame. Signore Giorgio steuert es klaglos aus wie ein hartgesottener Macho. Dennoch anstrengend für Mensch und Material. Manche (z.B. ich) lernen’s eben nie (Lektion 21/Regel 8: lieber zwei Tage im Hafen, als einen Tag gegenan). Das Schiff macht (jetzt noch) allerhöchstens 80° gegen den wahren Wind, nach Süden waren nicht mehr als 220° drin (bei wahrem Wind aus 140°), auf Gegenkurs sind es gerade mal 60° – wir fahren als sozusagen zurück auf Cádiz zu. War ohnehin schwer genug aus dem Hafen heraus, die lange Ausfahrt um die weit außen liegende letzte Tonne – den halben Nachmittag waren die hohen Pylonen der Hängebrücke zu sehen, bis sie gegen Abend endlich im Dunst verschwanden. Andererseits: Für Mensch … Es war ein strahlend schöner Tag, keine Wolke, Seegang hoch aber handhabbar, idealer Segelwind – nur eben aus der falschen Richtung. Und wer leuchtet uns abends an der Boje zum Greifen nah heim: die zwei nachts signalrot illuminierten Pylone der Hängebrücke (auf die wir ein paar Nächte zuvor mit den Jungs schon mehr als vier Stunden unter Motor zugefahren sind). Die guck ich mit dem Arsch nicht an und auch Liz streckt ihnen nur das breite Hinterteil entgegen (Flut).

Heute früh die Marineros angefunkt, die einen sofort abholen vom Boot, geduscht, Kaffee getrunken, telefoniert. Und gleich auch noch Mittag gegessen, weil sie abends zumachen … Nachmittagsschläfchen.

Wochenendausflügler

Ewig langer Sandstrand, Kitesurfer, Windsurfer, ein Touristenbähnchen und eine ganze Reihe Fressbuden – Sancti Petri scheint eines der Naherholungsziele von Cádiz (oder von Chiclana de la Frontera, liegt gleich im Osten) zu sein. Immernoch Samstag, kurz vor Sonnenuntergang (hinter den Dünen der vorgelagerten Halbinsel). Wasser aus beiden Bilgen ausgetupft (zweieinhalb Eimer, ca. 18 l). Anscheinend macht die Lisbeth bei starkem Seegang Wasser (die Laufdecks waren gestern teilweise überspült). Tja, wenn man alte Damen richtig rannimmt, werden sie eben feucht. Sonst nicht. Motorbilge entölt bzw. damit angefangen. (Dort unten stehen sicher fast zwei Liter. Wo die herkommen? Keine Ahnung. Im Motor ist ausreichend Öl – gecheckt, zusammen mit Lukas (Maschinenbauer)). Zeitungen zerknüllt und reingetaucht. Aber nicht einmal zum Ölaufsaugen taugt die Frankfurter Allgemeine. Wahrscheinlich imprägniert (genau wie gegen fortschrittliches Gedankengut). Gennaker heißbereit zurechtgelegt, Schoten nach hinten gezogen, Kopf und Fuß oben im Sack (auf Deck festgezurrt) deponiert. Theoretisch kann ich das Ding direkt aus seinem (festgebundenen) Segelsack hissen. Probiere ich demnächst.

Isla Sancti Petri, Dinghy im Vordergrund; rüberrudern hab ich mich nicht getraut

Bacalao-Salat (mit Orangen) und Chipirones (frittierte Baby-Tintenfische, heißen hier aber Puntillitas und sind die örtliche Spezialität) gegessen, schon mittags, weil sie abends zumachen. Abends scheinen die Ausflügler nach Hause zu fahren.
Pläne: Morgen (Sonntag) das Dinghy klarmachen und einen Ausflug zur Insel mit der Festung – wenn die Flut es zulässt, die hier mit fast drei kn rein- und rausblubbert. Wir stehen in der Mündung eines langen Flusses, der hier auch noch Wasser aus einem ausgedehnten Naturschutzgebiet zieht. Frühestens Dienstag soll der Wind sich drehen, dann aber mehrere Tage lang nach Osten pusten. Plan: Auslaufen mit der höchsten Flut, und wenn es mitten in der Nacht ist. Endlich was gelernt zu haben hoffe ich. Jetzt ist blaue Stunde, der Mond halb oben, Leuchtturm und Bojen in der langen Einfahrt sind angesprungen, der Himmel in allen Pastelltönen taubengrau. Nur der Wind kommt aus der falschen Richtung. Und auf der anderen Seite strahlt die Brücke von Cádiz höhnisch rosig herüber.

20. Nach Cádiz

Am Ende haben die Jungs den Bogen dann doch noch überspannt (zu niedriges Gebot und dann auch noch Zeitdruck gemacht). Jedenfalls sind sie jetzt als Kontakt bei drei Engländern (Andy, Andrew und ein Berufstaucher irgendwo am anderen Ende der Welt) gesperrt. Tja, Fortuna ist eine launische Dame.

Spät am Nachmittag (die Nachtfahrt war geplant) in Guerreros de Rio losgemacht, den Guadiana mit der auslaufenden Ebbe hinab motort, unter der langgestreckten Hängebrücke hindurch, die mich von der Einfahrt in den Panama-Kanal träumen lässt (Telefonat mit Axel), im Dunkeln in Vila Real kurz angelegt, weil Lukas von einem (weiteren) Engländer eine gebrauchte Schwimmweste für Hund SlowMo versprochen bekommen hat, dann hinaus auf die Bucht von Cádiz. Zunächst mit frischem, aber wechselhaften Segelwind gut Fahrt gemacht, dann schläft er ein, wir dümpeln die halbe Nacht, in Julians Wache (00:00 bis 03:00) läuft so gut wie gar nichts, mit der Hydrovane ist er unzufrieden. Auch ich mache in meiner Wache (drei bis sechs) keine nennenswerte Fahrt (und dafür drei ungeplante Halsen). Lukas (sechs bis neun) schwärmt am Morgen vom »schönsten Sonnenaufgang meines Lebens« (er hat schon oft die Sonne aufgehen sehen) und macht Julian neidisch. Am Vormittag weht uns der Wind auf die Nase (von vorn), es geht nur nach Süden voran, wir wollen aber nach Südosten. Schließlich um 17:00 die (ausnehmend zuverlässige!) Maschine angeworfen und motort. Ein Ankerplatz mit vielen Frachtern zieht sich ewig, dann kommen Land und in der Abenddämmerung die Lichter der Großstadt in Sicht. Die Jungs sind begeistert von ihrer ersten Etappe über mehr als einen Tag, am Ende werden es über 30 Stunden, und nach wie vor wild entschlossen, ein Boot zu kaufen und die Atlantiküberquerung anzugehen. In Julians Telefonat mit seinem Vater (Zuschuss angefragt) und seiner Mutter (über die Gefahren beruhigt) höre ich meine milden Weisheiten mit Inbrunst und wortwörtlich zitiert als ewig gültige Wahrheiten wieder – für die Jungs bin ich der Segelgott. Hätten die vielen Zweifler Zuhause mal mitkriegen sollen.

Nachts um halb elf (die Einfahrt nach Cádiz zieht sich ewig) in der Marina Puerto America (gutes Omen für die Jungs, die einen Hitch auf die Kanaren auftun wollen) festgemacht, für uns (über Funk angekündigt) hat die Nachtwache das Marinabüro noch offen gehalten. Ich geh duschen und eine Flasche Wein aufmachen (nur halb geleert, wie Zuhause versprochen), die Jungs haben noch Energie für einen Gang ins Städtchen (SlowMo leeren) und einen Barbesuch.

Heute (Di., 25.10.) sind Reparaturen angesagt: Beim Beiliegen hab ich mir den UV-Schutz der Genua aufgeschlitzt, außerdem ist der Baumniederholer gebrochen. Zudem will ich endlich den Yankee (oder Flieger) aufziehen, den ich zu teuer gekauft, falsch umarbeiten lassen und noch nie gesetzt habe. Und die Jungs gehen selbstverständlich auf Bootssuche: Laut Internet stehen hierin Cádiz mehrere Yachten in ihrer Preisklasse zum Verkauf.

Càdiz hat eine mindestens so schöne Hängebrücke wie Vila Real: schlanke Pylonen, die mit geschlossenen Füßen ihre Knie spreizen, damit die Autos auf der Fahrbahn dazwischen hindurchfahren können. Großer Hafen, Industrie, Fähren ins Mittelmeer und auf die Kanaren, riesenhafte Kreuzfahrtschiffe (AIDA, TUI MEIN SCHIFF). Die Marina Puerto Amerika ist mitten im Hafengewusel, dabei super ruhig und günstig, mit allem, sogar WiFi (in der unmittelbarer Nähe des Büros).

Streunender Hund

Q:  »Woran erkennst du, dass Hippies zu Besuch waren?« –
A: »Weil sie immer noch da sind.«

(Witz, Julians Version)

A: »Weil ihre Hundehaare immer noch da sind.«

(Witz, meine Version)

… wirklich nur ein Witz, die Jungs haben vorbildlich saubergemacht. Also vor allem Lukas. Julian hat eher die Oberaufsicht geführt und intensive Boote gesucht (oder irgendwas anderes am Handy geregeltmacht).
Cádiz ist wunderschön, aber drei Nächte sind (mir) genug. Heute nachmittag weiter Richtung Barbate. Leider steht der Wind ungünstig, genau auf die Nase. Mal sehen, wie weit ich komme.

Knallharte Hippies mit Hund und Glückssträhne (nicht im Bild): Julian und Lukas auf dem Steg in Cádiz

Am Ende haben die Jungs doch wieder Glück gehabt, der Taucher hat sich noch einmal mit einem sehr akzeptablen Gegenangebot gemeldet. Lukas will ihn noch runterhandeln, aber eigentlich sollten sie sich leicht einig werden. Tja, knallharte Verhandler, diese Hippies … Ich glaubejedenfalls, dass ich die JASSEMINE und die Jungs in irgendeinem Hafen noch einmal treffen werde … Ihnen und ihrem Boot herzliche Glückwünsche, Mast- und Schotbruch und immer eine Handbreit … bzw. eine Faustbreit, wie Lukas sich ausdrücken würde (z.B. im Gästebuch)) – Allzeit gute Fahrt, JASSEMINE!

Heute früh tapste der Hund noch über das Achterdeck, habe ich im Halbschlaf mitbekommen. Als ich gegen halb neun losziehe, um Vorräte einzukaufen, ist nichts von SloMo zu sehen. Auf der Hafenpromenade, sicher einen halben Kilometer von der Marina entfernt, kommt er mir entgegen. Ich weise ihn an, sitzen zu bleiben und zu warten, bis ich zurückkomme, selbstverständlich macht er das nicht, sondern trottet mir hinterher. An der ersten Straßenüberquerung rennt er auf die Fahrbahn und hält den Verkehr auf. Von der Baustelle an der Plaza de España knote ich ein Stück Absperrband los und improvisiere daraus eine Leine. Alles geht gut, brav wartet er beim Frühstück im Straßencafé (eine Frau hat ihn schon früher am Morgen herumstreunen gesehen (»Tiene dueño?« – »Si, es el perro de un amigo.«)) Klar hat SloMo nicht nur ein Herrchen, sondern auch dessen Nummer um den Hals. Vor dem Supermarkt binde ich ihn wieder fest. Als ich eine halbe Stunde später herauskomme, ist er weg. Keine Spur von ihm.
Kaum zurück am Boot, bekommt Lukas einen Anruf: Wir haben deinen Hund gefunden! – Wenn das Glück dir hold ist, kämmt es dir eine Strähne. Jetzt ist SloMo wieder da und alles ist gut. Um zwei machen sich die drei auf den Weg, heute abend sind sie (beide Schlagzeuger) zu einer Jam session eingeladen. Wenn der Gegenwind nicht nachlässt, bleibe ich noch eine Nacht und hör mir das an.

Die EILISH im Puerto America in Cádiz

19. Ein Wunder von einem Abenteuer inmitten eines Abenteuers

Weltwunder, ganz bescheiden

Wolfgang Herrndorf Arbeit und Struktur. Auch beim Wiederlesen groß und bewegend. Schrecklich natürlich, dass einer erst sterbenskrank werden muss, bevor er zu einem produktiven (druckbedingt hastigeren, oberflächlicheren) Schreibtempo findet. Bestätigt natürlich das hoffentlich falsche Vorurteil, dass nur große persönliche Tragik große Kunst hervorzubringen imstande ist. Dass er Tschick schon unter dem Bewusstsein seines Todesurteils geschrieben/fertiggestellt hat, hatte ich schon wieder verdrängt.

Die ISOBEL (Bildmitte) in der Marina von Vila Real de Santo Antonio (Rio Guardiana)
Foto: unbekannter Drohnenpilot im Hafen

Sa., 22.10., Guerreros de Rio (Guadiana). Der Fluss bildet die Grenze zwischen Spanien und Portugal, wir sind auf der portugiesischen Seite, aber selbstverständlich hat das roaming-info meines Telefonanbieters eine SMS nach der anderen geschickt. Die Grenze zwischen den Ländern ist leicht zu erkennen. Portugiesische Seite: Olivenhaine, Pinien – Toskana. Spanische Seite: Bettenburgen, Ferienwohnungsblöcke, teils noch (seit Jahren) im Rohbau: Benidorm. Wir liegen an einem Schwimmsteg, nicht wie geplant an einer Muringboje oder vor Anker, alles einfacher, vor allem für Hund SlowMo („Slow Motion“). Lukas hat den Anleger gefahren, alles easy.
Überhaupt läuft es supergut mit den beiden, lieb und nett und rücksichtsvoll und superinteressiert. Wollen alles lernen, wollen alles selber machen. Herrliches Skipperleben: Ansagen absetzen, der Rest ist Entspannung.

Schöne junge Menschen vor schöner alter Landschaft: das muss wohl Glück sein.
Bittersüßer Tee

In Lagos war ich mit dem Weltumsegler des Nachbarbootes ins Gespräch gekommen. Erik, Schwede, hat zurzeit seine Frau an Bord, aber lange Strecken segelt sie nicht mit. Gerne teilt er seine Erfahrungen mit mir, zeigt mir sein Sturmsegel (allererste Qualität, 30 Jahre alt), das er gerne loswerden möchte, für einen Spottpreis, leider passt es nicht ans Babystag der Lizzy, schenkt mir wertvolle Bücher (Bootsreparaturen (auf schwedisch), Atlantikinseln, Atlantikkarte) und erklärt sich bereit, mich in die tieferen Ebenen von Navionics einzuführen, das er selbst auch benutzt. Ich lade ihn auf einen Tee zu mir herüber ein. Er nimmt Zucker. Ich reiche ihm das ehemalige Marmeladenglas mit dem braunen Pulver. Was das sei? – Ich: Brauner Zucker, trinken die jungen Leute heutzutage, schmeckt malziger, aber gut. Erik ist einverstanden. Über Navionics lerne ich Aufschlussreiches, Gezeiten- und Satellitendarstellung bei hoher Auflösung. Nur seinen Tee trinkt er irgendwie nicht. Als wir durch sind (Ich: Will er seinen Tee mitnehmen?) würgt er ihn (wie ich jetzt weiß) dankend hinunter: Ich hab die Gläschen verwechselt und ihm Nesquik angeboten. Erik, falls du das liest: Es tut mir schrecklich leid. Und ist mir peinlich. Wieder einmal bewahrheitet sich Regel 8: Arroganz (»Das trinkt man heutzutage so!«) ist die Wurzel allen Übels.

Tatsächlich am Dienstag (18.10.) abends noch Julian und Lukas an Bord genommen, Sicherheitseinweisung, Kojenzuteilung, Betten überziehen etc. Julian kocht Salat und Nudeln mit Tomatensoße (mit Gemüse aufgepeppt). Mittwoch Morgen (Mittag) los. Die Jungs sind nicht nur süß, sondern total geflasht – für die geht ein Traum in Erfüllung. Video? Guckst du: Ab Lagos https://youtu.be/HO4AZqRm8V8

Und irgendwie ist dieser jugendliche Enthusiasmus auch ansteckend. Die Sandsteinfelsen an der Punta de Piedade bei der Ausfahrt noch einmal aus der Nähe fotografiert (den Touristen oben auf den Felsen zugewunken (zugejubelt: »Alegría!«) und ihren (imaginierten) Neid genossen. Dann ab Richtung Vilamoura. Entspannter Segeltag, ordentlich Wellen, guter Wind, lebhafter Halbwindkurs. Die Jungs schwärmen und bedanken sich bei mir gefühlt jede halbe Stunde (und wollen mich abends drücken, ist inzwischen fast schon Ritual geworden). Vilamoura ist ein Retortenressort, Luxusmotoryachten am besten Pier, wir weiter hinten auf den billigen Plätzen (und unsere Zugangskarte passt auch nur auf unseren Pier – ausgefuchst). Riesenhotel (Tivoli) in der Einfahrt, Hafen gesäumt von Fressbuden aller Nationalitäten. Aber vor allem Engländer. Riesenpavillon am Strand, Sektempfang, Dinner am Pool, schöngemachte Menschen in leichten Kleidchen, mit Blumen im Haar: Height Ashbury (San Franzisko 1969) für pauschal (Bus vom Flughafen, am Eingang warten schon die Kellner mit den gefüllten Tabletts). Dennoch einen Tag geblieben: Es schüttet wie aus Kübeln, keine Besserung in Sicht. Schreib- und Videoschnitt-Tag. Freitag einigermaßen früh (10:30h) wieder los, ewig lang auf die Landzunge vor Faro zugefahren, danach Gennaker rausgeholt und auch die Sonne zeigt sich kurz: die Jungs im Glück (und mir geht’s auch gut).

Julian and Jenny have fun

Die Strecke ist zu lang geplant, wir kommen in die Dunkelheit (finden die Jungs spannend, sind andererseits super motiviert und checken alles, ich kann mich sogar ein Stündchen hinlegen!), die anvisierten Koordinaten vor der Einfahrt nach Vila Real de Santo António erreichen wir um halb zwölf in der Nacht. Flussmündung des Rio Guardiana nicht ganz übersichtlich und nicht eng betonnt. Vor der Einfahrt in die Stadtmarina steht die Tidenströmung stark, aber alles geht gut. Halb eins sind wir da, der Papa geht schlafen, die Kids treiben sich noch bis vier Uhr in der Früh im Städtchen herum.

Heute (Sa., 22.10.) steht der Wind exakt in den Fluss hinein (und hinauf), also segeln wir, nur unter Genua, betörend schön und entspannt, den Guadiana hinauf und machen am Steg fest, den uns der freundliche Engländer (und Hundebesitzer: Kunstrasen als Pissplatz) und Nachbar am Steg in Vila Real empfohlen hat. Kaffee direkt am Anleger, Bar del Rio, die auch extrazuverlässiges WiFi hat.

Vila Real de Santo Antonio. Die LISBETH liegt ganz unten am äußeren Steg.

Wieder ein wunderschöner Tag, wieder umarmen wir uns, weil die Jungs ihr Glück nicht fassen können (sich andererseits als Glücksbringer anbieten und verkaufen wollen – tatsächlich haben sie den Charme, die Ausstrahlung und das Selbstbewusstsein dazu). 

Jeder Tag ein Abenteuer

… wird (vielleicht) der Titel des Reiseberichts, den Julian schreibt. Seine Erlebnisse zu notieren hatte er sich schön länger vorgenommen und hat hier auf der Liz angefangen zu schreiben …
Tatsächlich haben die beiden mit ihren 24 bzw. 25 Jahren schon viel zu erzählen. Julian (Typ Jonny Depp), Zimmermann, war ein paar Monate auf La Gomera und ein Jahr in Australien auf der Walz bzw. hat work&travel gemacht (und im Unterschied zu vielen anderen tatsächlich als Zimmermann gearbeitet), ist viel in Europa herumgereist und jetzt seit mehreren Monaten unterwegs. Lukas (Bilderbuch-Freak, blonde Locks bis zur Brust, leuchtend graue Augen, Zauselbart, sehnig und großgewachsen), Maschinenbauer, hat schon als Schüler angefangen, Oldtimer (Autos und Motorräder) zu restaurieren und sich damit finanziert, auch eine größere Werkstatt betrieben. Mit seinem VW-Bully ist er ab Genua die Südküste Europas entlanggefahren, hat jeden Strand abgeklappert und ist schließlich in Portugal auf dem Campo (Pampa) auf einem eigenen Stück Land inkl. selbstgebautem Haus und Lehm-Iglu (mit Waschmaschinentüren als Fenster) gelandet (sesshaft ist er nicht geworden). Seinen (ersten) Jugendtraum, einen 1956er Magirus-Deutz Laster mit Kastenaufbau („Grummel“) hat er sich bereits erfüllt und war damit unterwegs bis in Marokko.

Er ist nach der Schulzeit und (abgekürztem) Militärdienst (Lastwagenführerschein!) seit mehreren Jahren unterwegs. Die beiden sehen sich, völlig nachvollziehbar, als Glückspilze und auch Glücksbringer – bis jetzt kann ich das nur bestätigen.

Gestern (Sa, 22.10.), nachdem wir den Guadiana mit perfektem Wind und schiebendem Tidenstrom heraufgesegelt sind, 10 Meilen ins Land hinein auch endlich die vielen Yachten gesehen haben, die hier vor Anker oder Muringbojen liegen sollen (ich bin aus sentimentalen Gründen hier, weil ich den Ort sehen wollte, an dem ich beinahe meine erste Moody erstanden hätte (Danke Nacho, Danke Perico)), gestern jedenfalls, wir liegen an einem Steg mit nettem Hafencafé (Guerreros de Rio) und haben den Nachmittag frei, der fiese Platzregen hat sich zum Glück verzogen, übt im Dorf einer lautstark Dudelsack. Muss sicher ein Schotte sein, wie der Typ mit dem ich vor zwei Jahren über die Moody verhandelt habe – am Telefon, hab ihn nie kennengelernt.
Kaum zwei Stunden später, ich sitze hinten unten in der Achterkabine und tippe, da werden die Jungs von einem Mann angesprochen (»Ist das nicht eine Moody 37?«) und in ein Gespräch gezogen. Er ist der Mann mit dem Dudelsack, der Schotte. Aufgescheucht klettere ich aus meinem Kabuff: kennt er nicht etwa (»Schotten kennen sich doch!«) Scot, den anderen Schotten, der hier irgendwo leben muss? Er kennt einen Scot, weiß dessen Nachnamen aber nicht. Wäre wohl auch ein Zufall zuviel gewesen. Lukas war gerade dabei, nach Yachten zu googeln, die zu verkaufen sind und findet auf Apollo Duck tatsächlich ein Boot (JASSEMINE), das wir kurz zuvor im Fluss verankert umkreist und bewundert haben. Komplett ausgerüstet für die Langfahrt und gar nicht unerschwinglich. Aufgeregte SMS-Kontaktaufnahme. Tatsächlich, der Besitzer antwortet, ist zwar nicht im Land, aber ein Freund von ihm schon … long story short: heute vormittag haben die Jungs einen Besichtigungstermin mit klaren Anweisungen („no starting the engine, no hoisting the sails„) auf dem zum Verkauf stehenden Boot, das sie sich sogar leisten könnten! Der Freund, der uns (ich bin eingeladen, mitzubesichtigen) gleich abholen wird, ist … der dudelsackdudelnde Schotte! Wer auch sonst, wenn Julian und Lukas ihre magischen Glückfinger im Spiel haben? – Nach vier Tagen Segeln (auf der Elli) und sieben Tage, nachdem sie ihren Traum (über den Atlantik und in die Karibik) zum ersten Mal angesprochen haben. Wie als Krönung ihrer Erlebnisse: zehn Tagen zuvor in Sines gestartet, innerhalb von fünf Minuten (am Hafen) einen Hitch nach Sagres (Mitsegeln auf dem Boot eines Holländers) klargemacht, (nach Lagos zu Fuß gewandert) und dort, fünf Minuten nach ihrer Ankunft, mich reinfahren sehen und angesprochen. Si non é vero, é buon trovato! [Falls es (die Geschichte) nicht wahr ist, ist sie gut erfunden]. Und jetzt also sogar das eigene Boot in Griffweite – nicht zu fassen!

Der Dudelsackschotte war es am Ende doch nicht, der um zehn an den Steg kam und sein Dinghy ausschöpfte, sondern ein anderer Andy (der allerdings meinen Scot kannte und versprach, ihm Grüße auszurichten). Die Yacht JASSEMINE besichtigt (fünfzig Jahre alt, komplett ausgerüstet (ist schon um die Welt gesegelt), gut in Schuss, aber vor allem: riecht (im Inneren) gut). Die Jungs sind in Verkaufsverhandlungen und haben bereits ein Gegenangebot gemacht. Wahnsinn. Mit Paula telefoniert. Jetzt noch Strecke für heute Nachmittag abchecken, Vorleine betakeln, Bilge ausschöpfen (Milch ausgelaufen). Um vier soll es losgehen, Richtung Cadiz.

18. Ab Oeiras

Morgenröte Lissabon
Vasco da Gama

Der Entdecker des Seewegs nach Indien ist in Sines [„Síndsh“] allgegenwärtig. Nach ihm ist der halbmondförmige Sandstrand im süßen Stadthafen (heute von riesigen Industriekais und Wellenbrechern umbaut) benannt, in dem auch die Marina liegt, darüber die Festung, in der sein Vater Bürgermeister war, daneben die Kirche, in der er mit elf oder zwölf seine erste Tonsur geschoren bekommen hat, das Stadthäuschen, in dem er (vielleicht) geboren worden ist – die Tourismusbroschüre erspart uns kein Detail. Gibt allerdings Schlimmeres, als überall an einen der Helden des Zeitalters der Entdeckungen (heute eher: der Beginn der Kolonialisierung(en) – das Abschaffen der individuellen Sklaverei lässt sich leicht verschmerzen, wenn man (die Europäer) es vermocht hat, sich ganze Volkswirtschaften zur Ausbeutung bereitzuschießen) im 15./16. Jahrhundert erinnert zu werden. Dass die großen Entdecker Hazardeure waren, Glücksritter und Hochstapler, verkrachte Existenzen, die in ihrem bürgerlichen Leben nicht zurechtkamen, steht auf einem anderen Blatt (und nicht so deutlich in den Geschichtsbüchern). Aber wie schon Barr (Justizminister unter Trump) zitierte (ich weiß nicht, wen): »Geschichte wird von den Siegern geschrieben.«

Alles Vasco oder was? Festung, Kirche, Sandstrand (v.r.n.l.), neue Großschot

Auf allen Bildern wird da Gama mit strammen Waden dargestellt (ungewöhnlich für einen Seefahrer!) Wer (wie ich heute zweimal) die steilen Treppen vom Meer zur Festung hochgestiegen ist, kennt den Grund.
Wie immer nach Nachtankunft (Sa., 15.10., 02:00h) ist am nächsten Morgen das Städtchen strahlend schön. Leon, du hast wieder mal Recht gehabt: sobald du abgeflogen warst, hat hier das Wetter auf Sommer zurückgeschaltet, blitzeblauer Himmel, leichter perfekter Segelwind.

Kreuzfahrtschiff am Morgen – zu spät für den Sonnenaufgang über Lisboa

Am Freitag (14.10.) morgens in Oeiras (bei Lissabon) abgelegt, der enge Liegeplatz, nur rückwärts gegen Seitenwind zu verlassen, hat mir unnötig Sorgen gemacht: alles lief gut. Draußen, ich hab eine Strecke von 53 nm vor mir, schlief erst einmal der Wind ein. Hab ich ausgesessen, auch die Motorsegler ignoriert, die mich überholt haben. Eine Stunde später setzt Segelwind ein, erst aus NW, dann aus NE: perfekt. Nach dem Kap Espichel auf Kurs SE gewechselt, der Wind kommt mit Bf 4 genau von hinten, Schmetterling [Groß- und Vorsegel stehen in unterschiedliche Richtungen quer, soll schick aussehen]! Georgieboy (ab heute: Signore Giorgio) steuert den Schmetterling tadellos aus, mehr als sechs Stunden, bis in die Nacht, bis zu fast 5 kn, ab und zu fällt das Vorsegel ein, aber mit mir am Steuer wär das noch viel öfter passiert – ein Traum. So ausgeglichen ist die Fahrt, dass ich (essen und) Kartoffeln kochen und -salat daraus machen kann. Nicht so lecker wie bei Muttern, aber dennoch ein Stück Heimat. Dann zieht sich die Strecke, inzwischen wird sie vom Navi mit 83 nm angegeben, bin ich Umwege gefahren? Ausgerechnet nach Mitternacht, das Ziel ist nur noch weniger als 10 Meilen entfernt, frischt der Wind auf, die gute Elli braust mit 5 kn drauflos. Kann ich nur nicht mehr genießen, weil ich mich jetzt auf die Ankunft vorbereiten muss (Leinen und Fender raus, Hydrovane-Ruder einziehen, Marina anfunken). Um halb zwei am Morgen ist das Marinabüro nicht mehr besetzt, also alleine in den Hafen geschlichen und den erstbesten Liegeplatz angesteuert. Erleichterung. Ich war noch nicht wieder auf Nachtfahrten eingestellt und hatte tagsüber zu wenig geschlafen, war anstrengend (auch danach wieder runterzukommen).

Kartoffelsalat zum Frühstück

Heute Morgen (für mich: Mittag) angemeldet, die lächerlich niedrigen (18€) Gebühren bezahlt, geduscht, Wäsche gewaschen, eingekauft. Dazu im Städtchen (gegenüber der Festung, s.o.) portugiesisches Süßgebäck (Blätterteig, Buttercremefüllung) und einen kleinen Kaffee für 0,85€ (!!) genossen. Paradies. Jetzt Filme schneiden, ausruhen, Abendessen, Wetter für morgen checken. Viel schlafen.
Adega de Sines heißt der Originalportugiese, geführt von zwei tattrigen Alten (auf die alle warten müssen), gibt keinen Fisch mehr, nur Hühnchen, Pommes, Salat, Pudding des Hauses (span. Eierpudding). Ben gegenüber am Tisch, 25, Kalifornier, hat den Jakobsweg gepilgert und wandert jetzt von Lissabon die Küste hinab, teilweise am Sandstrand. Und will mit über den Atlantik: Nummern ausgetauscht. À propos: In Oeiras hab ich eine der Nummern von einem Aushangzettel antelefoniert, eine Ina, die schrecklich jung klang auf ihrer Mailbox. Einen Tag später ruft sie zurück, studiert jetzt, gerade angefangen, ihr Freund ist surfen in Südfrankreich, aber nett, dass ich mich gemeldet hab, blabla: Schuss inn‘ Ofen. Kann man vergessen, die Aushänge (in Lagos hängt derselbe, längst nicht mehr aktuelle Aushang).

Seven Sisters

… oder Zwölf Apostel oder so ähnlich hießen in jedem anderen Land der Welt die bizarr-wunderschönen ausgespülten Höhlen und Bögen, einzeln stehenden Felsen und Sandsteinskulpturen an der Einfahrt nach Lagos. Und wären Weltwunder. Hier ist zumindest eine ansehnliche Flotte von Touristenbooten unterwegs, um die Höhlen anzugucken und auch sonst jede erdenkliche Art von Vergnügen zu bieten (Flöße nachschleppen, Trampolins, Delfine gucken, Mittagessen). In einem Wort: Lagos ist wunderschön, teuer und komplett überlaufen. Aber angenehm. Gestern (Montag, 17.10.) abends noch mit zwei Travellern, Lukas und Julian, Bier trinken gewesen, an der Plaza (Praca), Live-Musik von hochprofessionellen Straßenmusikanten, begeistertes Publikum, das mitgeht und tanzt (oder wenigstens wippt). Superschön. Julian und Lukas (und Hund Slo-Mo) wollen vielleicht eine Strecke mitsegeln.

Punta de Piedade (vor Lagos)

Am So. (16.10.) mittags in Sines losgemacht, nachmittags regnet es, dafür weht so gut wie kein Wind, mit 1,5kn schleichen die Lisbeth und ich nach Süden.

Quizfrage: Warum ist die Situation im Bild nicht bedrohlich?
A) Es regnet, kann also nichts anbrennen;
B) Das nächste Land, die Küste ist ja ganz in der Nähe;
C) Das Foto ist doch mit Teleobjektiv aufgenommen;
D) Zwischen uns und dem Frachter sind ja noch die Salonscheibe und irgendein Seil.
Richtige Antwort: E) Der Frachter hat keine Bugwelle, er liegt vor Anker (im Bild nicht zu erkennen)

Sonnenuntergang okay, ich finde zurück in die single-handed-Routine, schlafe immer wieder zwischendurch, esse zweimal warm (Ratatouille und Reis) um 18:00 und Mitternacht. Um zehn war schon einmal das Leuchtfeuer des Cabo de São Vicente zu sehen, des südwestlichsten Punkts Portugals (und Europas?), verschwand dann aber wieder im Dunst (der nachts nicht zu sehen ist). Später geht der Halbmond strahlend auf und die Lichter der Küste funkeln anziehend; leider ziehen sie nicht so flott vorbei, wie ich wünschte. Um halb drei in der Früh rauscht die Lizzy vielversprechend (4,5 kn)dahin, misstrauisch stehe ich auf und richtig: Sie (bzw. der Wind) hat auf 245° gedreht und fährt Richtung Kanaren. Sehr schön, nur für mich zu früh. Dann schläft der Wind wieder ein bzw. scheint aus allen Richtungen zu wehen. Im Dunkeln schaffe ich es nicht, einen neuen Kurs zu finden. Sobald es (gegen halb acht) hell wird, ist das kein Problem. Kommen allerdings wieder nur 1,5 kn raus. D.h. für die vierzig Meilen bis zum Ziel müsste ich auch noch die folgende Nacht durchsegeln. Hab ich keine Lust zu, denke ich an Leon (»bringt doch nichts«) und werfe die Mühle an. Richtige Entscheidung im Rückblick. Zwar werde ich am Abend fast neun Stunden motort haben, aber Mittags runde ich das Kap im Sonnenschein (zusammen mit einem Dreimaster, der BLUE SKY aus GB).

Doppelt so lang, dreimal so viel Masten, aber auch nicht viel schneller: Blue Sky
Kaum zu sehen: Nebelbänke

Zwei Stunden später bei Sagres ist eine Nebelbank so dicht, dass ich keine 100m weit sehen kann (und froh bin, mit der Maschine stur Kurs halten zu können). Andererseits ist der Nebel nur ganz flach: von oben scheint die Sonne durch die Suppe!
Dann bleiben die Nebelbänke zurück und die sagenhaft schöne Einfahrt nach Lagos liegt in der leuchtend orangen Nachmittagssonne. Halb sieben fest am Besucherkai der Marina, wo mir zwei Freaks (Dreadlocks, barfuß, Hund) schon mit einem selbstgemalten Schild („Canaries“) zuwinken. Und alles ist gut.

Weltwunder, ganz bescheiden

17. Nach Lissabon

(für Ce)
Willkommen zu den höchsten Wellen der Welt

… steht über dem stählernen Torbogen, gleichzeitig Sperre für den Autoverkehr, vor den letzten anderthalb Kilometern steile Landstraße hinunter zur Festung, dem Aussichtspunkt und Leuchtturm („Farol“), über der Brandung bei Nazaré, magischer Ort für Wellensurfer und You-Tube-Afficionados wie mich.

Um sechs nachmittags in der Marina Nazaré angekommen, superfreundlicher Hafenmeister bestellt mir um kurz vor sieben ein Taxi hinauf zur Festung. Im letzten Licht (und dichtem Nebel) kommen mir jede Menge Schaulustige entgegen. Die Festung selbst liegt zum Glück gerade unterhalb des Nebelschleiers, die brausende Brandung am berühmten Sandstrand ist zu sehen und zu hören.

Wellen oder Dünung gibt es allerdings – bei Windstille – keine besonders eindrucksvollen. Dennoch ist die Magie des Ortes zu spüren. Das kleine Museum in der Festung steht voller Surfbretter, signiert und mit Dank an die Helfer, die Bevölkerung und die Atmosphäre in Nazaré vollgeschrieben.

Die Erlebnisberichte sind nichts für schwache Nerven: »zehn Minuten bewusstlos gewesen, kurz aufgewacht, den beiden Vertrauten zugeblinzelt (bewegungsunfähig, weil auf der Trage festgeschnallt,, dann wieder bewusstlos im Rettungswagen, im Krankenhaus wieder aufgewacht«; »die höchsten Wellen, die ich jemals gesehen habe und gesurft bin« – Erfahrungsberichte gibt es nur von denen, die überlebt haben. Es wird rasch dunkel, Festung und Museum leeren sich, die machen um 20:00 dicht.

Oben auf dem Felsen über der Stadt kleben Häuser, Restaurants, Andenkenläden, eine Kirche nah an der Kante, an der Brüstungsmauer geht es hunderte Meter senkrecht hinab, die Lichter der Altstadt liegen unten ausgebreitet.

 Jede halbe Stunde fährt die Drahtseilbahn, schräge gestufte Sitze, bis direkt in die Innenstadt. Mit Leon bin ich im Aki del Mar verabredet, absolut frischer Fisch und Meeresfrüchte in der Auslage, aber eher lieblos zubereitet und dafür dann doch zu teuer.

Am Dienstag (11.10.) früh abgelegt, Kurs Süd. Noch immer ist es diesig, aber wenigstens trocken und Wind kommt auf: fünf Stunden gute Fahrt unter Gennaker, dann frischt es auf und das Riesensegel ist kaum zu bergen, 6,2 kn hat das gute alte Ding uns gezogen.

Wellensurfen (Beispielbild)

Die letzten beiden Meilen rund ums Kap Corvoeiro (Cabo Corvoeiro) kocht die See, aber die gute Bets rauscht mit sieben kn bis zum Wellenbrecher vor dem Hafen von Peniche da Cima (alle sagen nur „Penísch“).

Die Marina ist voll und eng, mühsam wieder rausmanövriert, eine französische Yacht aus St. Malo ist einverstanden, dass wir längsseits gehen und nimmt unsere Leinen. Die wollen im Dezember über den Atlantik in die Karibik und sehen sehr gut ausgerüstet und vorbereitet aus. Warten allerdings auf ein Ersatzteil für ihren Motor. Das heftige Knarren meiner ungeeigneten Festmacherleinen hat den kleinen Sohn (ca. 2 J) aufgeweckt und der französische Skipper (ein belgischer Freund ist auch an Bord) gibt mir seine (geschlagene) Leine: viel besser.

Leon hat wieder den ganzen Tag gesteuert, untadelig, unermüdlich, unablösbar: in den fünf Tagen, seit er in Porto zugestiegen ist, war ich insgesamt vielleicht eine Viertelstunde am Ruder. Allerdings sind wir auch nur höchstens insgesamt fünf Minuten gesegelt. Bis zum Dienstag, den wir beide ausdrücklich sehr genossen haben.

Untadelig, unermüdlich, unablösbar: Leon

Abends mit den Männern telefoniert, großes Hallo. Und mit Paula (aus Berlin zurück) und gekocht: Ottolengis pfannengerührter Spitzkohl à la Jeffrey. Lecker, fand Leon.

Heute früh um sechs nicht mehr schlafen können, wir wollten ohnehin früh los. Ins Fischer-Industrieviertel spaziert, eine 24h-Tankstelle hat geöffnet und verkauft Kaffee und Kippen – Erlösung. In der Marina von Peniche gibt es kein Hafenbüro, nur eine Telefonnummer. Dafür eine Zugangstür, die sich nur mit Codekarte öffnen lässt. Oder eben, indem man auf das Gittertor klettert und den Innen-Knopf von außen drückt. Die superfrühe Abfahrt war dann um zwanzig nach acht. Draußen kein Wind. Also motoren wir. Leon wird morgen nachmittag von Lissabonn aus zurückfliegen.

Die Einfahrt in den Tejo war grandios. Zum ersten Mal an diesem Tag strahlender Sonnenschein, glasklare Sicht, mit bis zu 7 kn bei halbem Wind nach Lissabon reingerauscht, Leon am Steuer (wie immer). Marinaplatz klargemacht, einigermaßen angelegt (heftiger Wind). Duschen und Abendessen in irgendeiner Sozialeinrichtung, kaltes Büffet, das eigentlich warm sein sollte, aber die Heizlampen haben’s nicht gebracht. Dennoch Salat, Lachssteaks mit Knofikartoffeln, Rippchen mit Pommes, Mousse au chocolat. Dann noch zwei Cocktails in der schicken Bar an der Marina (»ihr seid uns sympatisch« – eigentlich ist drinnen nur zum Essen, aber draußen war’s uns zu kalt, wir sind beide etwas verschnupft: zu viel windige Seeluft.

Was glänzt ist die hohe, laute Brücke

Heute (Do., 13.10.) früh fahren zwei Kreuzfahrtschiffe zum Sonnenaufgang in die Innenstadt hinein. Scheinen die extra so zu timen: Lissabon im Glanz. Kurz darauf bringt ein Marina-Angestellter frische Brötchen aufs Boot. Hab ich noch nie erlebt, fantastisch. Also Cockpittisch aufgebaut und draußen gefrühstückt. Leon nimmt ein Taxi, ich leihe mir ein Fahrrad. Schwerer Fehler: für die Strecke zum Placa do Comercio im Zentrum, sollte eigentlich in einer Dreiviertelstunde zu schaffen sein (sagt der durchtrainierte junge Typ vom Bootsbedarfsladen), brauche ich volle drei Stunden.

Placa do Comercio

Dabei bin ich mit Leon verabredet, der um halb zwei zum Flughafen muss. Schwer geschwitzt. Im Bootsbedarfsladen beim schiefen Turm hatten sie auch keine große, dafür umso teurere Auswahl an Leinen – die Großschot ist durchgescheuert, der Ersatz, den ich gestern eingeschoren [eingefädelt] habe, ist zu kurz und taugt nur als Provisorium. Einzige Pause, sonst durchgeradelt, komme völlig fertig am Treffpunkt an. Reicht gerade noch zu Toast und schnellem Bier (für Leon), zu O-Saft und Brathuhnbrötchen und Milchkaffee (Pingo heißt der nur in Porto!) für mich. Lissabon wie immer grandios, strahlend und voller Touristen. (Als ich beim Torre Belem und dem Kolumbus-Denkmal vorbeiradelte, war die Strandpromenade schwarz vor Menschen, die Kreuzfahrtschiffe hatten ihre Kunden für die Stadtrundfahrt ausgespuckt und mit Bussen herangekarrt.) Dann ist Leon weg, seufz. Alone again, naturally.
Rückweg ruhiger angegangen, in einer gutsortierten Chandlery neue Leinen für Großschot und Baumniederholer gekauft, auch einige Umweg vermieden. Kaffee und Eis mit Sahne in einer Strandbar mit Bikini-Schönheiten. Hier herrscht Sommer; kurze Hose, T-Shirt, Sandalen beim Leinen einfädeln. Jetzt noch Nervennudeln kochen, Blog und Insta-Post abschicken (ich hab das WLAN-Passwort verlegt, dabei ist das Wifi in der Marina Oeiras ultraschnell und superstabil!).
Rankin: Der kalte Hauch der Nacht (Set in Darkness): wieder ganz groß. Aber lieber im Original lesen, Rebus‘ Sarkasmus und Schlagfertigkeit leiden in der Übersetzung.

16. ab Vigo

Vigo

3.10. Anscheinend immer, wenn ich nach einer Nachtfahrt irgendwo ankomme, ist die Stadt am nächsten Morgen im Sonnenschein strahlend schön. Vigo macht da keine Ausnahme. Die Fahrt von Finisterre hierher war 10 (von 10): günstiger Wind, keine Wellen, die Segel schlafen, Sonnenuntergang, Sternenhimmel, halber Mond hängt freundlich schief und wirft festliche Reflexe aufs Wasser – perfekt!

360° Sonnenuntergang – die Kimmkrümmung ist von mir, sorry.
Die Einfahrt nach Vigo – der Canal del Norte im Kringel

Festgemacht um 04:30. Die Einfahrt nach Vigo ist nicht ganz ohne (vorgelagerte Inselchen). Vor der Marina per Funk Liegeplatz angefragt – »Affirmativo!« In der verwinkelten Hafeneinfahrt spielt das AIS verrückt, alle 5 Sekunden (nicht übertrieben!) geht der collision alarm los – der Hafen ist voller Yachten mit AIS. Zwischendurch krächzt das Funkgerät »Es la otra marina!« – Hä? Ich bin doch laut Navi in der richtigen Marina? Überfordert mich jetzt, in der engen Gasse zwischen teuren Yachten. Finde ich einen Platz am Steg, kaum fest kommt die Nachtwache (Typ Cyborg: durchtrainiert, braungebrannt, platinblonde Haare): dies ist das Hafenbecken für große (teure) Yachten. Ein kleines Ding wie die Elizabeth kommt in das andere (kleinere) Becken. Die Nacht über (es ist halb fünf Uhr morgens) kann ich aber erstmal hierbleiben. Erleichterung und Schlafen.

Rankin: Let it bleed – ganz, ganz großes Kino. Perfekt: alle sozialen Schichten von Junkiehöhle bis Geldadel, gut kompliziert geplottet, Dialoge und Figuren zum Niederknien, Detective Inspector J. Rebus ein Wrack (Zahnabszess, Alkoholkonsum) (Das Spätnachmittagssegeln gestern war so entspannt, dass ich Zeit zum Lesen hatte.)

Zuckertüte vom Café an der Hafenpromenade, Vigo
(doch kein Linsenfehler, der Schatten, sondern ein (billige Handy-)Hüllenfehler – hat die Nagelschere behoben)

»Wenn du’s erträumen kannst, kannst du’s auch machen.«

Zuckertütchenweisheit

Könnte auch das Motto für diesen Blog sein.

Zweitbeste Eisdiele der Welt (Jutta & Christian) nicht gefunden („Capri“ »direkt gegenüber der Marina«). Eis ist sowieso nicht so meins (die machen hier keine Amarena-Becher).

Schiffsbewegungen …

… gibt es drei (außer der (hoffentlich) Fahrt nach vorn): Rollen [Schaukeln in der Längsachse des Rumpfs – links-rechts] (gleicht der kardanisch [schwenkbar] aufgehängte Herd locker aus – wenn der Deckel auf dem Topf festgebunden ist) (Rollen ist vor allem unangenehm bei Flaute, weil die Segel dann die Bewegung nicht dämpfen, sondern schlagen; das Geräusch mag der Seemann gar nicht; Stampfen [Schaukeln um die horizontale Querachse – vorne hoch, hinten runter und umgekehrt] glücklicherweise setzt die Elli dabei (meist) sanft ein, d.h. der Bug schlägt nicht ins Wasser (auch kein angenehmes Geräusch), und Rütteln [kein Fachausdruck, hab ich erfunden; ruckartige Rumpfbewegungen in alle Richtungen: links/rechts, oben/unten, vor/zurück (Abbremsen/Beschleunigen); ab 6,5 kn, bei Seegang.

In Spanien müssen sogar die Plastikblumen diebstahlgeschützt vergittert werden


Gestern Abend, nach Stadtrundgang (Festung auf dem Hügel über der Stadt, bronzezeitliche (Castro) und römische Ruinen auf der Meerseite des Hügels, Altstadt mit Fischerhäuschen (die ich nicht gefunden hab): Abendessen. Tunfischbauchsalat (der aus der Virgen del Mar in Mazarron ist unerreicht), Pulpo auf galizisch (in feine Rädchen geschnitten, gebraten, mit Paprikaöl beträufelt, Peppinos (gegrillte kleine grüne Paprikas), Wein und Kognak (52€ – teuerstes Abendessen bis dato). Aber fein. Zeit zum Philosophieren (Frauen glotzen). Diva: teurer Haarschnitt, perfekt gebräunt, Glitzersandalen mit Absatz, Lederröckchen, achselfreies T-Shirt, damenhaftes Gehabe (Zeigefinger an Unterlippe, Köpfchen geneigt) – macht was her, muss man gar nicht ausnehmend hübsch sein für. Dagegen die Bedienung: perfekte Figur, hübsches Gesicht, Pferdeschwanz und Brille. Ein Augenschmaus, aber eben nur diensteifrig, neutral, kein bisschen anbiedernd oder flirtend: verkauft sich unter Wert. Wahrscheinlich hab ich zuviel Zeit (und zu viel Magno (schmeckt superdünn) im Kopf) gehabt. Vigo (Vicus bei den Römern) traditionsreiche Salz- (Bronzezeit), Industrie- (Zementfabrik mitten in der Altstadt) und Fischerstadt, heute vor allem Tourist trap, ist ganz nett, aber kein Muss.

Do., 6.10. Leixões [Ley-SCHO-ish] ist hässlich (Industriehafen). Liegt aber günstig zum Flughafen – gleich kommt Leon, der ein paar Tage mitsegelt. Darauf freue ich mich. Jetzt noch Aufräumen, Spülen, klar Schiff. Hab ja nicht so oft Besuch.

Leixões: nicht einmal im Morgenrot schön.
Schön: Seesterne im Hafenbecken

Zwischen zwei Schräubchen (Bilderrahmen im Salon, Cockpitbeleuchtung solar) kurz übers Heck gepinkelt. Ungehörig. Kommt aus dem Nichts ein kleines Motorboot vorbei. Peinlich. Die wohlverdiente Strafe folgt auf dem Fuß: Tabak und Papierchen ins Wasser gefallen.

Kann ich zwar rausfischen und zu trocknen versuchen, aber die nächsten zwei Tage brennt keine einzige Kippe richtig. Selber schuld.

Lauchsuppe zum Frühstück

Dienstag nachmittag um eins (es soll günstigen Wind geben, zumindest für ein paar Stunden) von Vigo losgefahren, eine Stunde bis zur Einfahrt in die Bucht (Ria) motort, dann stolzgeschwellt aus dem Canal del sur hinausgesegelt.

Canal del Sur, Vigo

T-Shirt-Wetter, genial. Um halb sechs, der Wind ist schwach, den Gennaker [größtes, geblähtes Vorsegel] gesetzt, das Meer ist glatt, bis auf winzige Wellen („ripples“), wir machen vier Knoten, die Segel schlafen, ein Traum. Und diesmal auch mit Delfinen. Weil der Wind schwach bleibt und nichts auf eine Wetteränderung hindeutet, riskiere ich es und lasse den Gennaker über Nacht oben (das Segel ist nicht ganz einfach zu bergen [einzuholen]). Außerdem kreuze ich vor dem (Nicht-) Wind [wenn der Wind genau von hinten kommt, schaukelt das Schiff, die Segel flappen. Einige Grade seitlich fährt man zwar einen Umweg, hat aber angenehmere Bewegungen (und ist auch nicht viel langsamer)] Um halb eins in der Nacht zeigt das Navi, dass ich die Grenze zu Portugal überfahren hab, prima. Um zwei Uhr fahre ich meine erste Gennaker-Halse. Klappt fast ohne Probleme. Um halb vier fährt ein grell beleuchtetes Fischerboot genau auf mich zu, dreht auch nicht ab. Sie leuchten mich an, ich richte meine Taschenlampe auf die Segel – hilft alles nichts, sie halten stur auf mich zu. Als sie bis auf 20 Meter (!!!) herankommen, – ich sehe die Fischer so nahe wie an der Bushaltestelle über die Straße, winke, bekomme aber außer Starren keine Reaktion – erkenne ich den Grund: sie ziehen ein ewig langes Tau hoch, nehmen es aufs Boot (untersuchen es, pulen wahrscheinlich evtl. gefangene Fische ab) und werfen es wieder ins Meer. Ab und an kommt auch ein betongefüllter Autoreifen (Ballast) ans Licht (nicht ans Tageslicht, es ist mitten in der Nacht).
Mittag- und Abendessen: Zwiebelreis mit Ratatouille (in Vigo vorgekocht). Kochen auf einer Flamme: Zwiebeln in der Pfanne anbraten, Reis und abgemessene Menge Wasser (1/3 Meerwasser) dazu, einmal aufkochen, dann kommt die Suppe in den Thermosbehälter (Danke, Tom!) und nach einer halben Stunde ist (das Ratatouille in derselben Pfanne und) der Reis fertig, gar und duftend – das Prinzip Kochkiste. Auch die Thermoskanne (Danke, Paula!) funktioniert super: vor der Abfahrt mit kochendem Wasser gefüllt, kann man sich die ganze Nacht über Kaffee aufbrühen.

Ich hab eine Tonne zum Freund
Windpark im ersten Licht

Stundenlang bin ich auf die roten Lichter eines Offshore-Windparks zugefahren/getrieben, teilweise mit unter 0,5 kn (Vergleichstempo: gehbehinderter Rentner mit Spazierstock, der vor jedem Schaufenster verschnauft), um halb acht morgens piepst der Kollisionsalarm los: ich bin an den Schwimmpontons der Windräder (die ich noch nicht sehen kann). Im Halbschlaf drücke ich am Funkgerät die falsche Taste und hab plötzlich das Hindernis (die Tonne AtoN [keine Ahnung, wofür die Abkürzung steht] als „Freund“ eingespeichert. Vorteil: das nervtötende Piepsen hört auf. Nachteil: Weil das AIS davon ausgeht, dass ich ein befreundetes Boot im Blick behalte, warnt es mich nicht mehr vor meinem „Freund“, Tonne Anton (die ich noch nicht sehen kann). Um acht, im ersten Licht, habe ich den Windpark (noch nicht einmal die halbe Strecke nach Porto!) endlich passiert. Und erblicke meinen Freund Anton zum ersten Mal: eine gelbe Bake.

Anton leuchtet schwach in der Bildmitte (hinter dem rechten Delfinrücken)

Die Delfine, mindestens sechs Stück, die die ganze Nacht über um mein Ruder herumgespielt haben (sehr elegant!), fangen jetzt auch noch an, mich anzupfeifen! Deren Sprache spreche ich leider nicht, obwohl ich zurückpfeife, so gut ich kann. Sonnenaufgang hübsch wie gewohnt, Stimmung bessert sich bei Tageslicht deutlich. Mittags passiert mich ein Fischerboot, das in rasender Fahrt klappernd sein Netz auslegt (und auch nicht ausweicht). Um halb eins, die Flaute ist perfekt, noch nicht einmal „ripples“ auf dem Wasser, habe ich noch mehr als 21 nm bis Porto. Maschine angeschmissen und 6h, am Ende auch noch rechtwinklig um das Sperrgebiet um einen Ölhafen herumgefahren, hat mich sicher eine zusätzliche Stunde gekostet, in den Hafen von Leixões eingefahren. Hat nicht viel Charme: draußen, weithin sichtbar, die unzähligen Kamine einer Riesenraffinerie, am Wellenbrecher wird gewerkelt, das Leuchtfeuer funktioniert nicht, ist wohl abgebaut, drinnen Riesencontainerschiffe und am Kai die hochaufgetürmten Lagerflächen für die Überseekisten.

Aber: direkt neben der Kaimauer liegt ein wunderhübscher Sandstrand, incl. Surfer und Kitesurfer, die ihre akrobatischen Kunststücke vorführen. Sundowner in der Strandbar: Pingo („pingado“), das portugiesische Pendant zum cortado (Espresso mit einer Haube Milchschaum). Da sieht die Welt (und der Hafen) doch schon gleich viel freundlicher aus. (Bin ich zu ausführlich? Langweile ich euch?) Abends Taxas, Tapaskneipe, mit dem Spiel Benfica Lissabon gegen Paris St. Germain: unglaublich packender Fußball, die portugiesischen Underdogs lassen sich von der Beste-Spieler-die-für-Geld-zu-haben-sind-Truppe nicht die Butter vom Brot nehmen, kassieren aber in der 20. Minute völlig unverdient (eine einzige Chance) ein unhaltbares Traumtor durch Messi. Danach musste ich gehen, der (rote) Vinho verde (junger, fruchtiger Wein) forderte seinen Tribut. In der Nacht ist jeder Hafen schön.

Sicher sehr schön – wenn man es ausmachen könnte: Aveiro (Foto: Leon)
Aveiro im Nebel

Sa., 8.10. Gestern ist Leon angekommen, Hurra! Sein Flug wurde abgesagt (Eurowings streikt), hat er umgebucht und landete (Lufthansa) schon um zwei (statt um sechs, wie geplant). Bringt meinen Arbeitsplan (Klar Schiff, kleinere Verschönerungen, Kühlschrank putzen, s.u.) völlig durcheinander. Dann steht auch noch Siggi (TALOFA, Regensburg) auf dem Kai über der Lizzy und will zu einem Kaffee eingeladen werden. Kann man nicht ablehnen. Weltumsegler (1989 bis 96), jetzt seit sieben Jahren im Mittelmeer unterwegs, Bär, graue Mähne im Pferdeschwanz, grauer Rauschebart, grollendes Lachen. Weiß Bescheid. (»Im Mittelmeer gibst du deine (letzten) Mittel her«, »Du siehst aus wie ein typischer Ostseesegler.« (kein vernünftiges Dinghi, keine Bimini, keine elektr. Ankerwinsch). Kann ich meinen Arbeitsplan komplett vergessen. Als Leon um vier am Pier steht, scheuche ich Siggi weg, komme nicht mal dazu, seine Tasse wegzuräumen … Aber Leon ist unkompliziert. Einbuchen für eine weitere Nacht, Einkaufen im Supermarkt, Sundowner-Bier in der Strandbar am Surferstrand (dabei steht die Sonne noch hoch), Abendessen beim ersten Portugiesen an der Touristenmeile – aber gut, weil authentisch (und günstig). Schön.

Freitag früh kommen vier Franzosen an, quetschen sich mit Mühe an den winzigen Platz am Steg hinter uns, kommen aus dem Süden und haben einen Tag motoren hinter sich (erzählen uns aber auch von Aveiro). Zehn Uhr abgelegt, unter Motor einen Abstecher in die Einfahrt nach Porto gemacht (Foto für Doro: Porto war unser Sehnsuchtsort nach der geplanten gemeinsamen Biskaya-Überquerung …), die berühmte Brücke ist im Dunst nur blass auszumachen, dann raus und Kurs Süd.

Porto – Brücke im Dunst (Foto: Leon)

Der Nebel wird den Tag über immer dichter, kein Wind, dafür eine lange alte Dünung vom Atlantik herein. Leon steuert die gesamte Fahrt unter Motor, teilweise mit Segelunterstützung (Motorsailing ist gar nicht so verkehrt, die Fock bringt sicher einen halben kn zusätzlich). Aber keine Sicht. Nachmittags soll uns laut AIS ein Schiff mit CPA 1 nm, also in 1800m Abstand passiert haben, wir halten Ausguck, als ginge es um was, können das Ding aber nicht ausmachen. Vor der Einfahrt nach Aveiro wird die Suppe noch dichter, falls das möglich ist.

Im Mælstrom

Als wir uns der Küste nähern und die Wassertiefe unter 20m sinkt, schiebt sich die lange Dünung höher und kürzer auf. Unangenehm, zumal der (laut Karte und Navi) weit ins Meer ausgreifende Wellenbrecher vor Aveiro im Nebel nicht auszumachen ist – es ist noch zu hell für die Leuchtfeuer. Noch unangenehmer. Als die inzwischen meterhohen Wogen oben kleine Gischtkämme bilden, wird es richtig ungemütlich: wenn die brechen, sind wir in Schwierigkeiten. Dann dreht kurz vor der Hafeneinfahrt (hoffen wir) das Navi komplett durch. Obwohl wir mit fast voller Kraft Richtung (vermuteter) Einfahrt fahren, spielt der Richtungspfeil verrückt, dreht in alle Quadranten der Windrose und zeigt als Fahrt über Grund höchstens 2 kn (irgendwohin). Bei Vollgas sollte die Ellie fast sechs kn machen. Das Meer um uns brodelt und kocht, Strudel und aufquellende Flächen. Kabbelwasser auf hohem Niveau. Mehrfach wird das Schiff wie von Geisterhand um 180° gedreht und herumgeworfen. Die Hölle. Leon steuert tapfer. Doch wohin soll er sich orientieren? Was tun?
Laut Karte führt ein Kurs von 60° direkt in die Einfahrt, laut Navi wirbelt es uns mitten in der Einfahrt durch die Gegend. Laut Ausguck ist es in alle Richtungen gleich hellgrau. Also neue Ansage: Navi ignorieren und stur nach Kompass 60° steuern. Klingt so abenteuerlich, wie es war. Trotz auf vollen Touren laufender Maschine kommen wir nur schleichend voran, mit ein bis zwei kn.
Dann taucht schemenhaft eine dunkle Wand backbords auf: wir haben den Wellenbrecher erreicht! Am Fuß der hohen Steinmauer herrscht heftige Strömung aufs Meer hinaus. Überraschung: die Einfahrt nach Aveiro ist zugleich die Mündung eines Flusses, der das angrenzende Naturschutzgebiet mit seinen ausgedehnten Wasserflächen entwässert. Die alte Tante Else muss mit voller Kraft dagegenhalten und doch kriechen wir nur im Schritttempo am Wellenbrecher entlang. Den wir nicht aus den Augen verlieren wollen, das andere Ufer ist nicht zu sehen! Nach einer Stunde motoren haben wir endlich die zwei Meilen zu unserem geplanten Ankerplatz, einer durch Dämme geschützten Bucht außerhalb der Strömung, geschafft und biegen sacht in ruhigeres Fahrwasser ein. Sofort zeigt der Geschwindigkeitsmesser 6,3 kn: die gute Tante Elsbeth hat wirklich alles gegeben. Stand nur eine Tidenströmung von sicher fast 5kn dagegen. Und jetzt, bei Hereinbrechen der Dunkelheit, gehen endlich auch die Leuchtfeuer an den Bojen an. Die Bucht ist voll, die besten Ankerplätze belegt. Wir finden eine Boje in einem Muringfeld der örtlichen Angler. Und setzen zum ersten Mal das Wunderding von Ösengreifer ein, das ich in Plymouth erstanden habe.
Brot mit Oliven, grüner Salat mit Zwiebeln und Kirschtomaten, Spiralnudeln mit zwei Farben Soße, Champagner – der Abend macht den Tag rund.
Die Flasche Schampus wollte ich bei gelungener Biskaya-Überquerung köpfen. Jetzt, in Gesellschaft mit Leon haben wir endlich Gelegenheit dazu. Auf der Biskaya ging mir ein nervtötendes Sägegeräusch an die Nieren. Als ob zwei mittelalterliche Holzfäller mit einer Langsäge einen dicken Stamm bearbeiteten: Ritsche – (Pause) – Ratsche. Immer wieder. Konnte nicht herausfinden, woher das Geräusch rührte (dass keine Holzarbeiter am Schiff werkelten, war klar). Nach der Ankunft in La Coruña die Auflösung: ich hatte die Champagnerflasche schon mal in den (fast leeren) Kühlschrank gelegt. Bei jedem Rollen des Boots kugelte sie über den Gitterrost im Kühlschrank von Bb nach StB (Ritsche) und zurück (Ratsche). Deswegen sind Etikett, Korkenfolie und Zierbänder komplett in Fetzen (und im Kühlschrank verstreut). Und ich kann nicht mehr entziffern, wem ich die Flasche verdanke (Thomas und Paola?). Auf jeden Fall war der Champus, trotz heftigen Rüttelns (inzwischen wieder beruhigt und gut gekühlt) absolut köstlich (Danke, Jemand)!

8.10. Figueira da Foz. Sonnenschein bei der Ankunft nach einem Tag undurchdringlichen Nebels. Leon hat wieder tapfer gesteuert, unter Motor, alles gut. Das Städtchen macht einen netten Eindruck. Gehen wir heute Abend essen.

So., 9.10. Francesinhas (“kleine Französinnen“) heißen die lokalen Spezialitäten (des Restaurants Taxas de Lucia): Filet und Paprikawurst und Käse zwischen zwei Toasts, das Ganze in Käse eingewickelt, auf Pommes, schwimmt in einem halben Liter Bratensoße, obendrauf ein Spiegelei – eine komplette Mahlzeit, sagt Leon. Spaziergang durchs Städtchen: nett.

Spanien – 15. La Coruña

Sonntagvormittag eine Runde durchs Städtchen gedreht, Cafe con leche, Kippen, Frühstück in der besten (Eigenwerbung) winzigen Bäckerei an der Plaza do Xeneral Azcarraga geholt, wunderschöne Altstadt, Vormittags noch menschenleer. Ausführlicher Mittagsschlaf, Großfall (verhakt sich am Radarreflektor im Mast) klargemacht, Klo (vollgelaufen, pumpt nicht ab, Riesensauerei) kaputtrepariert, Gasherd dito. Abendessen an der Plaza, gebratene Sardinen, gegrillte Peppinos, Ölkartoffeln (à la Yayi), Salat, zwei Estrella Galicia und ein Carlos III – Paradies.

Elizabeth hinter Gischtvorhang (Foto: J. Huth)

Montagvormittag E-Mails an Paula (Organisatorisches), dann den Blog ab (13.) Plymouth aktualisiert und ins Netz gestellt. Die neuen Festmacher sind Schrott, sie knarrten die ganze Nacht über nervenzerrend. Es sind ehemalige Fallen, null Reck [Dehnung]. Das Knarren ließe sich (möglicherweise) aushalten, aber es rührt daher, dass sich die Taue bei jedem Rucken ein paar Millimeter in den Klampen [zweiarmige Haken am Steg] verschieben. Über Nacht kommen so fast 20 Zentimeter neues Spiel in die Festmacherleinen. Mehr Spiel heißt mehr Belastung beim nächsten Ruckeln – unhaltbarer Zustand. Nachmittags Vorräte einkaufen bei it Gladis (Supermarkt), vier schwere Taschen Konserven,Nudeln, Säfte, Obst und Gemüse – Taxi zur Marina (€ 4,80 – gegen England ist alles scheißbillig hier!). Abends Dichtungssatz für Klo aus der ferreteria naval Pomba (scheißteuer und eine halbe Stunde Fußmarsch am anderen Ende des Hafens entfernt), frisches Brot und Salami (fuet), Dreiviertelflasche Rotwein. Und die alten Festmacher wieder eingezogen.

Dienstag halb zehn Blog geschrieben (Biskaya), als nächstes ist die Kloreparatur dran. Für heute ist draußen starker Seegang angesagt, auch hier, hinter dem Wellenbrecher schaukeln die Schiffe. Also bleibe ich noch eine Nacht. Abends mit Christian und Jutta (Nachbarschiff, kommen aus Hamburg) zum Essen verabredet.

Griff ins Klo

Leider hatte die Überschrift so ganz und gar nichts Metaphorisches an sich: die Schüssel war verstopft. Kein Klopapier, ich schwöre, sondern nur rein organische Materie. Aber gut abgesetzt und verdichtet. Weil der Abfluss im rechten Winkel abgeht, musste ich sogar um die Ecke stochern (halbe Wäscheklammer, davon hab ich genug). Hat mich eine Stunde gekostet, das Ding wenigstens an Laufen (Spülen) zu bekommen. Ich erspare euch die Details. (Doch neugierig geworden? Mehr Einzelheiten, in Farbe, gefällig? Guckst du //http:/youtube/watch=grrrgharch!/ [Link funktioniert nicht? War auch nur ein Witz bzw. ein Geschmackstest]). Um eins gefrühstückt (nach GRÜNDLICHEM Händewaschen), kurz nach halb vier funktioniert die Schüssel wieder, besser denn je – Hurra. Jetzt Waschen, Rasieren, Duschen. Vielleicht reicht die Zeit noch für einen Wisch mit dem Feudel durch das Schiff. Geschirr spülen und Kühlschrank auswischen wären auch dran. Tja, das herrliche Yachtie-Leben hat auch seine Schattenseiten …

Der Leuchtturm am Ende der Welt

Fr., 30.9., Finisterre (Fisterra), das absolute Ende (km 0,00) des Jakobswegs. Voller hard-core-Pilger in entsprechendem Outfit (Sonnenhüte, Wanderschuhe, Kniebandagen, Gehstöcke), Typ Altfreak bevölkern das Örtchen. Fin do Camino heißen die Restaurants und Herbergen. Außerdem der billigste Liegeplatz ever: umsonst. Strom, Duschen? Fehlanzeige. »Es gratis, pero no hay nada.« Am A… der Welt eben.

Das Abendessen in La Coruña mit Christian und Jutta (Roth & Reichelt (consulting)) war sehr schön, Touristenschuppen in der Altstadt, aber raciones und tapas vom Feinsten. Leckere Tortilla und Pepinos. Die beiden haben in Valencia ihr Schiff CAÑAS DOS gekauft und wollten es innerhalb von vier Wochen (!!) nach Norddeutschland (Liegeplatz auf der Schlei) überführen. Haben sie in Vigo abgemustert, einen Skipper (von Navismare) angeheuert, der die Fahrt vollenden sollte. Ist nur bis La Coruña gekommen, 24 h motort. Dort liegt das Schiff jetzt fest, mit Motorproblemen. Sie leben darauf und haben sich in der Stadt in einer Bürogemeinschaft eingemietet (Freiberufler). Im November geht’s nach Hamburg und für nächste Saison ist geplant (das Unterwasserschiff zu machen) und mit dem Skipper über die Biskaya. Guter Plan.

Am nächsten Morgen wollte ich um zehn Uhr los, ist Viertel vor Zwölf geworden. Ziel: Vigo. Selten so gelacht. Ewig gebraucht, das Groß hochzuziehen (Mastrutscher [Plastikteil, das in einer Nut am Mast verschieblich angebracht ist und das Großsegel dort hält] verklemmt). Fast bis zum Sandstrand am Hafenende getrieben, der Rettungskreuzer kam schon an (hab ich mir vielleicht auch eingebildet). Dann zog sich die Ausfahrt nach Norden wie Kaugummi, Eine Dreierformation von Polizeihubschraubern, die während der vergangenen Tage ihre Runden über die Innenstadt zogen (Große Polizei(sympathie)ausstellung im Hafen: Fahrzeuge, Ausrüstung, Mitmachaktionen (Fahndungsforo schießen)) kamen drei Mal herangeflogen bis über mich, drehten dann wieder ab zur Stadt. Nach Westen war kein Vorankommen (Nordwestwind). Und La Coruña und der alte Torre Hercules lagen den ganzen Nachmittag und die halbe Nacht immer wieder querab. Frustig.

Zwei Stunden motort, bis das Großsegel so geknattert hat, dass es nicht mehr auszuhalten war. Mit soviel Wind muss doch zu segeln sein! Gesagt, getan. Beste Entscheidung bisher! Hart am Wind mit 5 Knoten auf Kurs 220 (Südwest) bzw. 310 (Nordwest) Heissa! Hat Spaß gemacht.

Nur: Nach Westen kam ich dennoch nicht. Und Aufkreuzen in der Nacht ist kein Vergnügen. Und stets leuchtet La Coruña querab oder schräg hinter uns wie um uns zu verhöhnen.

Regel 19: Lieber zwei Tage auf guten Wind warten als eine Nacht gegenan bolzen.

Ullis Depp, durch Erfahrung weiß geworden

Morgens um 01:30 Wende, doch die Windanzeige spinnt. Ohne die ist in der Dunkelheit die optimale Segelstellung sauschwer auszumachen. Weniger als 310° sind jedenfalls nicht zu schaffen. Scheißlaune.

Die Mörtelkiste

Costa de la muerte heißt die Küstenlinie um die Nordwestecke Spaniens herum. Keine Ahnung, was das heißen soll, Mörtelkiste vermute ich mal. (Vielleicht hab ich die Übersetzung auch falsch nachgegoogelt. Aber sie passt wie A… auf Eimer: Zäh wie Segeln im Maurerschlamm fühlt sich das an, wenn man trotz Wind und Superfahrt einfach nicht dort hinkommt, wo man hinwill). Und der andauernde Collision alarm bringt mich auch zur Weißglut. Anscheinend sind schon andere Seefahrer an dieser Küste verzweifelt, weil rundherum ODAS-Tonnen [Bojen als Unterschlupf für Schiffbrüchige] aufgestellt sind: Sicher haben sich schon öfter Seeleute aus Frust über die vergebliche Anstrengung an der Mörderküste … ähm: der Mörtelkiste über die Reling gestürzt. Ganz so weit bin ich noch nicht. Aber verstehen könnte ich es.

Der Scheiß, den ich in diese Nacht zusammengefahren bin.
Gelbe Kringel: gefahrene Schleifen. Pinker Balken: Wunschkurs.

Foto

Um halb acht fängt endlich das Morgengrauen an, dann soll laut Funkwettervorhersage der Wind auf N drehen. Und tatsächlich: 08:30 weist das Logbuch Kurs 270° (straks W) und 5 kn Geschwindigkeit aus: »Läuft!« hat der Skipper geschrieben. Dabei ziehen lange hohe Wellenberge vom Atlantik herein, 3-4 m sagt der Wetterbericht. Und: »Meereszustand: ruhig.« Dabei schaukeln selbst die treibenden (oder ankernden?) Frachter wild hin und her. Guckst du Video: Frachterschaukeln
Dennoch: rauschende Fahrt, Müsli zum Frühstück fast vollständig einverleibt (statt: im Cockpit verteilt). Lisbeth legt sich immer wieder hart in den Wind bzw. in die Wellentäler, sicher 15° nach jeder Seite [diesmal sind die °-Angaben Winkel gegen die Senkrechte]. Unten im Salon klatscht Wasser gegen die Bodenbretter, seitlich, wo sie nur wenige Milimeter über dem Rumpf liegen, spritzt es sichtbar hoch. Es ist Salzwasser (Geschmacksprobe!). Die Elsbeth wird doch auf ihre alten Tage nicht inkontinent geworden sein?
Um 11.30 liegt das Cabo Vilàn endlich so weit querab, dass ich auf Südkurs gehen kann, um eins platt vor dem Wind [Wind genau von hinten]. Jetzt schaukeln uns nur noch die Wellen, nicht mehr der Wind. Besser ist das auch nicht.

Einfahrt in Muxía (Foto: J. Huth)

16:45 angelegt in Muxía [„Muschíah“]. Die Marina Muxía, nebenher auch eine Tankstelle, ist die günstigste bis dato.: 16,80, inkl. Strom, Duschen und funktionierendem WLAN. Respekt!
Viereinhalb Eimer Wasser (ca. 30 Liter) aus beiden Bilgen geschöpft (mit dem Schwamm getupft), danach Salon mit Frischwasser gefeudelt – Salzwasser klebt und trocknet sehr schlecht. Nur: Wo kam das ganze Wasser her? Im Schiffsinneren und auf der Einrichtung sind keine feuchten Stellen zu finden. Die Deckskante, die Verbindung zwischen Deck und Rumpf? Immerhin jagte die gute Elli mit so viel Lage [schief] durchs Meer, dass die seitlichen Laufdecks überspült worden sind. (Zum Glück hab ich Verenas Ratschlag befolgt und sämtliche Fender und Festmacher vorher verstaut! (Danke, Hartwig und Verena!)). Am Mast haben sich Leinen um den Radarreflektor verheddert. Als ich das behebe, fällt mir auch der Grund für das Salzwasser im Schiff ins Auge: Auf dem Vorschiff habe ich in der wilden Nacht einen Lüfter abgefetzt, wahrscheinlich mit der Fockschot [wird bei jeder Wende über das Vorschiff gezogen/gezerrt]. Im Deck klafft ein Loch mit fünf Zentimeter Durchmesser!

Hier (Gaffertapekreis) war einmal ein Lüfter

Allerding haben die pfiffigen Konstrukteure der Moody den Lüfter im Klo exakt über dem Waschbecken eingebaut. Und selbst das Wasser, das danebenging, hat auf dem Toilettenboden (dient zugleich als Dusche) keinerlei Spuren hinterlassen.

EntspannendesAbendessen ist angesagt nach dieser Nacht und diesem Tag. Frag ich den Tankwart/Hafenmeister (jung, gelangweilt, unbedarft) nach einem Fischrestaurant. Empfiehlt er mit das beste Haus am Platz (Gruß aus der Küche, Stoffservietten). Aber was solls, musste sein. Salat mit lecker chèvre chaud, aber unter Erdbeersoße versteckt. Exzellenter Pulpo, Grillgemüse leider aus der Dose. Bier, Wein, Kaffee, Kognak: € 47. Tat gut.

Marina Muxía

Heute früh 07:00 wach geworden, stockfinster. Tankstelle/Marinabüro macht um acht auf (Stromadapter zurückgeben, Superbenzin für Außenborder bunkern).
09:45 nach exzellentem Ablegemanöver (mit montiertem Hydrovane-Ruder – da lässt sich das Schiff kaum manövrieren!) hoffnungsvoll alle Segel hochgezogen. Gerade mal aus der Bucht heraus geschafft. Flaute.
Um halb eins den Motor angeschmissen, viereinhalb Stunden bei 1800 U/min und 5 kn Fahrt motort, am Ende um das Cabo finisterre herum. Die MOANA, Jonathan und Frau und zwei 6-8jährige Kinder, ist auch ausgelaufen. Jonathan hatte mich am Vorabend angesprochen. Er hat »tolle Fotos« von meiner Einfahrt in Muxia gemacht (er und die Kinder standen auf der Mole) und will sie mir schicken. Super! Die wollen die Rias abklappern, fjordartige Flussmündungen, von denen es zwischen Muxia und Vigo zahlreiche gibt. Außer der MOANA läuft noch eine Yacht aus, fast drei Stunden motoren wir parallel. Am Kap Finisterre liegt eine Insel im Weg.

Ich fahre innerhalb vorbei (an dem Tag herrschte höhere Brandung, der Fels an der Insel warf meterhoch Gischt in die Luft), ein paar Minuten Kabbelwasser, das war’s. Die anderen beiden fahren außenrum. Bin ich zu leichtsinnig? Um halb fünf in Finisterre eingelaufen, ein junges dänisches Paar, deren Yacht dort schon liegt, über nimmt meine Leinen [hilft beim Anlegen].

Hafen Finisterre. Elizabeth in der Bildmitte

Nagelneue moderne Fischauktionshalle mit Zuschauertribüne hinter Glas. Einladende Strandpromenade (Mama Celia hat ein anheimelnd altmodisches Kneipenschild, ist aber ein hochtechnisierter Schnellabfüllschuppen).

Von der Meerseite gesehen hat Finisterre einen wunderbaren Sandstrand. Dort wandele/pilgere ich jetzt hin, zum Sonnenuntergang. Vielleicht nehm ich sogar die angebrochene Flasche Wein mit … Toilette funktioniert übrigens wie neu.

Der Strand (an der Meerseite) von Finisterre

Sonnenuntergang verpasst (lag eh hinter Wolkenbank) weil: Abendessen (Taschenmessermuscheln), Merca Chino (Brillenschraubenzieherchen, neues Solarlämpchen, Bilderrahmen). Auf dem Weg zum Strand kommen mir Jungfreaks entgegen (Rauschebärte oder Dreadlocks (aber nie beides), barfuß, einer trägt ein meterlanges meergeschwärztes Wurzelholz (Strandgut – wird sicher ein Kunstwerk) oder sitzen im letzten Abendrot in Grüppchen am Strand: das (westliche) Ende der (europäischen) Welt ist ein Sehnsuchtsort. Später, in der Dunkelheit, fluoresziert die rauschende Brandung deutlich. Hab ich zum ersten Mal vor fast fünfzig Jahren an einem Nordseestrand irgendwo in Holland gesehen. Hat mir nie jemand geglaubt. Vielleicht halluziniere ich auch (drei Gläser Wein). Aber bei den Delfinen bin ich mir sicher: irgendwelches Mikroplankton gibt bei Wasserbewegung grünliches Licht ab.

Das Kap der Sehnsucht

Sa., 1.10. Finisterre. Morgens Nieselregen, Videos geschnitten (zusammengefriemelt), hochgeladen. Das über die Biskaya (viereinhalb Minuten) hat fast drei Stunden gedauert. Zwischendurch läuft gar nichts mehr. Kommt eine SMS meines Handy-Providers: meine High-Speed-Daten sind aufgebraucht. Mit einer einzigen Taste kann ich aber 2 GB zusätzliche Daten buchen. Drück ich. Läuft der Upload wieder. Innerhalb von Sekunden. Die Wunder der modernen Technik. Kostet allerdings 10 Euro, später nochmal 10: ihr wisst gar nicht, was mir euer Lesevergnügen wert ist …

Nachmittags klart es auf, spitzelt sogar ab und zu die Sonne raus. Pilgere ich die allerletzten zwei Kilometer des Jakobswegs. Mitten in einer Horde echter Pilger. Die Entgegenkommenden wünschen »Buen camino«, im Café auf dem Kap gibt es Stempel fürs Pilgerbuch, dort steht auch ein Sammelcontainer für ausgebrauchte Wanderschuhe (damit sie nicht in Flammen aufgehen »Ein Ritual, das es niemals gab« – Waldbrandgefahr!). Und dann steht dort der weltberühmte Leuchtturm. 

(Der Schatten oben links ist ein Linsenfehler, danke für den Hinweis. Mein Finger wäre dicker.)

Erinnerungsfotos werden geschossen, Pilger fallen sich in die Arme »Wir haben’s geschafft!«, weltbewegende Telefonate werden geführt »Hello, I am calling from the end of the world …«. Almosenbettelnde Jungfreaks sind selbstverständlich auch da, springen Hunde drumrum … Der Ausblick ist wirklich schön, weites Meer, Brandung, das Ende von etwas. 

Getreidespeicher

Auf dem Rückweg, über den Hügel hinter dem Kap, bin ich fast alleine. Im alten Dorf oben am Hügel stehen noch mehr der in Galizien üblichen Getreidespeicher. (Die Säulenfüße und Kragsteine sollen die Mäuse abhalten). Anderthalb Stunden Lesen am Stadtstrand, dann zum Argentinier. Das größte (und beste) Rinderkotelett meines Lebens (Verzeihung Celia, Lioba: musste mal sein). Jetzt noch diesen Blog abschicken und Feierabend. Morgen soll es Nordwind geben. Gut, um nach Süden zu kommen …

14. Biskaya

Bekalmt auf der B.

Blauer Himmel von Horizont bis Horizont, die letzten beiden Frachter verschwinden gerade über die Kimm [Horizont, auf dem Meer nur wenige Meilen (6?) entfernt], die Sonne steht tief, putzt sich die Zähne und macht sich zum Schlafengehen bereit, ein laues Lüftchen schiebt die gute Lisbeth gemächlich voran (1,5 kn, Spaziergangsgeschwindigkeit), keine nennenswerte Bugwelle, im Kielwasser noch nicht einmal Bläschen – traumhaft und friedlich: fantastisch. (Dienstag, 19.9.)

Falmouth Adieu

Gestern, Montag, in Falmouth abgelegt (an dem Kai, an dem 1968/69) Knox-Johnston losgefahren und ein Jahr später auch wieder angekommen ist: Bronzeabdrücke seiner Seglerschuhe (erste Einhand-Nonstop-Weltumsegelung, ein ziemlich berühmtes Rennen mit tragischen Geschichten (Selbstmord (??), Nervenzusammenbruch (??): Moitessier fährt einfach weiter in die Südsee). Legendäres Pflaster also.

Morgens die Schwimmhilfen vom Heck und alle Festmacher und alle Fender weggenommen – die werde ich in den nächsten Tagen nicht brauchen. Fühlt sich an wie der Aufbruch zu etwas Bedeutendem. Ein Mitsegler scheint das zu sehen und wünscht mir Glück, er wird auch gleich rausfahren. Kaum Wind, höchstens ablandig, keine Tidenströmung – der Ableger klappt wie im Bilderbuch, das Hydrovane-Ruder ist auch bereits installiert (hab ich vor dem Schuhe-Anziehen in Crocks gemacht, ich muss dazu jedes Mal auf die Badeleiter und knöcheltief ins Wasser). In der Hafenausfahrt, noch vor der Ansteuerungstonne, ziehe ich das Vorsegel auf und schalte den Motor ab. Von jetzt an wird gesegelt. Wind spielt mit, bald liegt Lizard Point, der vorletzte östlichste Zipfel Cornwalls, querab (starkes Leuchtfeuer, das mich die ganze Nacht begleiten wird), dahinter ist die Landzunge von it Land’s End (letzter Zipfel) im Dunst zu ahnen.

England Landesende

Sonnenschein. Morgens beim Spülen und Frühstücken habe ich BBC 2 angemacht und komme den ganzen Tag nicht davon weg: Berichte und Erlebnisse von der Beerdigung der Queen. Der Gottesdienst wird in voller Länge übertragen, über den Trauerzug mit allen Stationen berichtet (dazwischen Verkehrsmeldungen: ganze Stadtteile von Landon und Westminster sind gesperrt, dazu die Autobahn nach Windsor). Große Patrioten, die Briten, stolz auf ihren Dienst in der Armee, auf ihre Fähigkeit, Pomp und Trauer zu inszenieren (das größte Polizeiaufgebot in der Geschichte Großbritanniens), ihrer Queen zugeneigt wie einem Familienmitglied, einer Großmutter. Auch wenn sie bekennende Nicht-Monarchisten sind. Dazwischen die angemessenste Musik, die man sich vorstellen kann: Musical-Arien, Nora Jones, Tom Taylor, Simply Red, Simon&Garfunkel. Nachmittags Telefonbeteiligung und SMS-Berichte von Erfahrungen des Tages (»sind um 4 Uhr morgens losgefahren, 13 Stunden in der Schlange gestanden«, »gucke die Beerdigung auf dem Glockenturm meiner Kirche, nachdem ich 93 Mal für die Queen geläutet habe«, »unser Sohn spielt in der Militärkapelle/ist als Polizist im Dienst/schmiert Sandwiches für den Besucherandrang in den Parks und bei den Public Viewings«. Ein Tag, der schon an seinem Morgen als historischer Tag (»das werden wir niemals vergessen«) markiert ist. Sehr schön und sehr bewegend. »Erinnern Sie sich, wo Sie waren am Tag als die Queen zu Grabe getragen wurde?« – »Auf dem Weg auf die Biskaya.«

So ruhig ist die Fahrt, dass ich dazu komme, meine neuen (auf dem Müll gefundenen) Festmacher auf Länge zu kappen und zu betakeln [die Enden einzuschnüren, damit sie nicht ausfransen]. Es ist derart windstill, dass ich zum Schmelzen der Kunststoff-Taue sogar eine Kerze auf Deck brennen haben kann. Sie wird offiziell zur Takelkerze erklärt.

Noch’n Sonnenuntergang

Gewohnt spektakulärer Sonnenuntergang, Keksmond und Sternmiriaden etc. Fluoreszierende Delfine (diesmal mindestens fünf), einer springt im hohen Bogen aus dem Wasser (damit ich sie nicht wieder für Tunfische halte!) und bei der geruhsamen Fahrt fluoresziert sogar meine (mickrige) Bugwelle – ein Traumbild.

(Beispielbild)

Wird aber noch besser: in der Morgenröte kommen die Delfine wieder, tauchen ihre Rücken aus dem ölig glatten, in allen Regenbogenfarben schimmernden Wasser – schöner geht es nicht (Leider die Kamera zu spät herausgeholt).

Nachts ging ungefähr jede halbe Stunde (gefühlt: gerade, wenn ich mich wieder hingelegt hatte) der collision alarm (»Bidip!-bidip!-bidip!«) los. Aufrappeln, hoch ins Cockpit, Horizont absuchen. War nie was. Bis auf einmal, als ein flutlichheller Fischer auf uns zuzufahren schien … hat aber schnell abgedreht.

Draußen, kurz vor der hundert-Meter-Tiefenlinie, liegen Frachter vor Anker, warten auf Aufträge: es herrscht Krise. Auf einen von ihnen halte ich zu, erreiche ihn aber nicht mehr vor dem Schlafengehen. Morgens liegt er da noch immer (in der Nacht hat der Wind gedreht und wir sind nach Westen (statt nach Süden) gelaufen, aber bei dem lahmen Vorankommen macht es nicht viel Unterschied): der Frachter liegt noch immer dort, es dauerte den ganzen Tag, ihn endlich hinter der Kimm zu lassen.

Auch Frachter schlafen …

Gegen Mittag schläft der wenige Wind komplett ein. Aber alte Wellen (Dünung) lassen die Lillibeth trotzdem rollen und die Segel schlagen (sanft). Fock [Vorsegel] ausgebaumt, dazu den Spinnakerbaum zum ersten Mal in Betrieb genommen und Vor- und Achterholer [Leinen, die den Baum, eine Alu-Stange, die seitlich vom Mast absteht, nach vorn und hinten (und unten) stabilisieren] aufgeriggt.

Die Drei-Punkt-Position: bei jeder Verrichtung, auch bei Flaute, stemmt sich der Seemann mit gespreizten Beinen mit Hüfte oder Hintern an einem Teil der Einrichtung ab. Oder hält sich mit einer Hand fest, beim Zwiebelschälen, beim Erbsenglas aufdrehen, beim Reis abmessen, beim Gasherd anzünden. Stürze fangen mit einer kleinen Bewegung an, die sich aber (unabgestützt) unkontrolliert verstärken würde.

DreiPunktPosition (wenn das Ölzeug einmal nicht rasch genug ausgezogen ist)

Auf Deck ist der Seemann (außerhalb des Cockpits: immer!) mit einer Sicherheitsleine eingeklinkt, die zur Not einen Sturz auffangen würde. Was man aber nicht möchte und sich, wenn geht, zusätzlich festhält.
Auf der großformatigen Karte der Biskaya (1:1.350.000, im Din-A-2-Format, Südküste Englands am oberen, Nordküste Spaniens am unteren Kartenrand) liegen die Kreuzchen, mit denen ich meine Position mindestens alle vier Stunden markiere, fast übereinander. Bei dieser Geschwindigkeit wird das eine SEHR lange Überfahrt. Hoffentlich kann ich an der französischen Küste eine SMS absetzen, damit die Zuhause sich keine Sorgen machen.
Andererseits: heute Nachmittag wuselte ein Schwarm kleiner Fische (Sardinengröße) im Schatten der alten Tante Else um das Ruder der Selbststeueranlage. Das erklärt, was die Delfine unter dem Rumpf des Schiffes wollen: Häppchen abgreifen.
Gerade, rechtzeitig zum Sonnenuntergang (Was soll ich sagen? Kitschig knatschbunt eben) taucht am Horizont wieder ein blendend weißer Frachter auf und es ist vorbei mit der Herrlichkeit, dass der gesamte Ozean allein mir gehört. Traumhaft jedenfalls.
Und: Pinkeln vom Heck (im Lee [windabgewandte Seite]) – die Freuden der Flaute und der Einsamkeit.

Rauschefahrt

Donnerstag, 22.9., etwa auf Höhe von Lorient/Bretagne. Die See liegt ölig, nur ein laues Lüftchen weht: keine Fahrt (aber in die richtige Richtung, haha).

Meer so weit

Flautenzeit ist Lesezeit: Karin Slaughter (der Name ist Programm): Zerstört. (Blanvalet). Kann man lesen, muss man aber nicht. Überkonstruiert, verwirrend geschachtelt, Hauptfiguren hölzern, sprunghaft und unglaubwürdig. Dabei brutal grausam. Und schrecklich mies übersetzt. Aber: mutiges tragisches Ende (kein happy ending!) Eric Hiscock: Sailing around the world in Wanderer III. Stoisch, nüchtern, veraltet (von 1959!). Aber natürlich ein Klassiker.

Flipper (links im Bild)

Irgendwann am Dienstagabend frischte der Wind auf, um neun machte die gute Lizzy 3,5 kn Fahrt. Erfrischend nach zwei Tagen Flaute. In der Nacht (03:00) steigerte sie sich auf viereinhalb (in der Spitze 5,8 kn) und rauschte nur so dahin. Kein Geräusch außer dem Gurgeln und Rauschen des Wassers unter dem Rumpf. Mondsichelchen, sternenklar, Delfine – das ganze Programm. Berauschend. Oder schlicht oberaffengeil.

»Das lauteste, was Sie hören, ist das Klacken der Hängeseifen gegen die Klowand.«

(aus dem Werbeprospekt für die Elizabeth)

(Hängeseifen waren Werbegeschenke von Oscar – Möbel & Objekte. Danke!)
Wir sausen mitten durch die Frachterroute am Südeingang zum Kanal. Endlich kapiere ich die Wunder des AIS [Automated Information System]: Es gibt mit zu jeder Kollisionswarnung auf Tastendruck Name und Herkunft des betreffenden Frachters, auch Ziel, Größe etc. Und eine Peilung (bearing). Am Kompass ist einfach abzulesen, welches der vielen (jeweils 6 bis 8) Schiffe in meinem Sichtbereich gemeint ist. Und die errechnete nächste Annäherung (CPA: Closest Point of Approach) und die Zeit bis dahin (TCPA). Ein Wunderding. Im Morgenrot passiert mich die SOLONG in einer halben Meile Abstand (900m). Ich kann ihre Maschine hören.

Solong (oder so)

Der Mittwoch (21.9.) geht genauso herrlich weiter. Rauschefahrt und strahlender Sonnenaufgang. Gegen acht warnt mich das AIS vor einer Kollision (»collision alarm!  Bidip-bidip-bidip-bidip (da capo al fine)!« Nervtötend und nicht zu überhören, nicht mal im Schlaf!) vor einem Crash mit der ARKLOW CADET aus Irland, untewegs nach IEWAT (nie gehört. Steht wahrscheinlich für It’s Exactly What Anybody Thinks). CPA sollen 0,10 Meilen sein. Ganz schön knapp. Aber immer noch 180 Meter. Und dann dreht der Kahn direkt auf mich zu!
Funke ich ihn an: »Are you aware of me?« – »Yes. I just changed my course to give you way.« – »Thank you. Have a good watch.« Tatsächlich zieht der Frachter in engem Abstand vorbei und geht dann wieder auf seinen alten Kurs. Dankeschön, Arklow Cadet!
Um halb neun kommt mir ein Segelschiff entgegen, seltener Anblick.
Zum Frühstück gibt es Toast. So schräg legt sich die gute Liz ins Zeug, dass ich (von der Salonkoje gegenüber den BODEN der Pfanne von unten sehen kann!
Inzwischen sind wir auf der Höhe der Ile d’Ouessant, dem östlichsten Zipfel Frankreichs. Aber leider kein Handyempfang (»kein Signal« hätte Peter Kress übersetzt): zu weit weg. Ich hätte gerne Zuhause Bescheid gesagt, dass ich mich verspäte, geschätzt hatte ich drei bis sechs Tage für die Überquerung der Biskaya. Werden wahrscheinlich doppelt so viele. Aber jeder einzelne ein Genuss. Mittags sausen wir noch immer mit vier Knoten voran, ein Etmal [Tagesstrecke von Mittag bis Mittag] von 75 sm: nicht schlecht für einen Nachmittag Flaute. Die NORD CRUX aus Singapore passiert mit CPA 1,2 sm – easy!

Kurz darauf die Ellen Essberger, besonders hübsch rot und weiß angemalt, CPA 0,4 sm, 450m.

Ellen Essberger

Wir sausen mitten durch die endlose Reihe von Frachtern am Nordeingang zum Kanal. Aber: kein Verkehrstrennunggebiet (TSS) ist hier ausgewiesen, ich kann fahren, wie ich will (und habe sogar Vorfahrt). Georgie macht dabei seinen Job tadellos, wird nie müde und braucht nie Pause. Ein wirklicher Schatz.

»Nobody does ist better.
Forget about all the rest.
Nobody does it quite like you do,
Georgie, you’re the best!«

Aus der Playlist zum Queen’s Funeral-Radioprogramm. Alles nachdenklich-gedämpfte Songs: Fragile, I will fix you, Bridge over troubled water

Um halb fünf kommt mir schon wieder ein Segelschiff entgegen, ein Katamaran. Unter Motor (und Großsegel) hält er genau auf mich zu. Die MAHANA ist auf Kollisionskurs. Und funkt mich an. Sie kommen aus La Coruña, sei sehr windig dort gewesen. Wollen nach Brest. Und vor allem reden. Erst als sie vorbei sind, entdecke ich die deutsche Fahne am Heck. Hätte mir schon am Akzent auffallen müssen.

Mahana – die wollen nur quatschen

Außerdem meldet er sich mit »Katamaran Mahana«. Ich hätte die beiden bitten können, in Brest einr SMS nach Hause abzusetzen. Als ich ihn anfunke, noch in Sichtweite, geht er nicht dran. Hat wahrscheinlich sein Funkgerät wieder abgeschaltet, wollte wohl nur plaudern.
Ausführliche Fußhygiene (der Gestank fiel schon unter das Biowaffen-Kontrollabkommen) in Atlantikwasser. Die Meerwasser-Seifenmühle funktioniert eins A – Danke, Norbert!
Um halb neun kommt der Nicht-Wind aus allen Richtungen, die Nadel im Masttopp dreht sich mehrfach im Kreis. Ich halse (oder wie immer man das nennt, wenn man versucht, zu erraten, wo der Wind herblasen könnte und Segel und Selbststeueranlage entsprechend einstellt). Kein Erfolg, um halb zehn halse ich zurück. Eine dreiviertel Stunde später zieht Liz gemächlich ihre Bahn, 2,3 kn. Delfine sind nah am Schiff. Kaum zu sehen, aber ihr plätscherndes Auftauchen und prustendes Ausblasen und Atemholen sind eindeutig zu hören.

(Beispielbild)

Inzwischen sind wir auf der Höhe von Douarnez/Bretagne, haben also über ein Drittel der Überquerung geschafft.

AIS: Schwarz vor Frachtern

Donnerstag, 22.9. 01:30: die Nacht ist voller Frachter, die Delfine fluoreszieren wieder (schwach). Um halb vier passiert die EURICA LATVIA mit CPA 0,00 – theoretisch ein Crash. Fährt aber dann doch in einer Entfernung vorbei. Das AIS gibt eben nur Schätzungen und Annäherungen an. Vielleicht sind die Letten auch ausgewichen. In der Nacht schlafe ich bei (sanft) schlagenden Segeln. Ist einfach kein Hauch auszumachen. Im Morgengrauen sehe ich, dass auch die Dampfer nachts schlafen: um mich herum dümpeln 6 Frachter antriebslos (auf über hundert Meter Tiefe werden sie wohl nicht ankern, schätze ich). Jedenfalls gehen ringsum nach und nach die Navigationslichter aus, auch meine.

Auch Frachter schlafen …

Die FMT BERGAMA lag die ganze Nacht in der Nähe. Um halb acht funke ich sie an. »Do you have any form of land communication?« – »Yo, I have Whatsapp.«
Der Mann auf der Brücke ist superfreundlich und nimmt meine Nachricht auf. Er kommt aus Malta, sein Englisch ist makellos, zeigt höchstens leichten Akzent. »Everything okay. Only takes longer. No wind. Ulrich.« (Ulrich hab ich buchstabiert).

Die Stunden später funkt er mich wieder an (»This is Bergama calling unknown sailing vessel, Ulrich«), kann aber meine Antwort nicht hören (vielleicht zu weit weg, meine Antenne sitzt zwar auf der Mastspitze, aber die Antennenhöhe entscheidet über die Reichweite)(später erfahre ich den wahren Grund, s.u.). Ich denke mal, meine Nachricht ist angekommen. Oder er hat sich inzwischen mit Paula angefreundet – er hat schließlich ihre Handynummer.

Eine lange, hohe Dünung (1,50m) rollt vom Atlantik herein – irgendwo da draußen IST Wind. Und nicht zu knapp.
Das Funkgerät spinnt schon wieder. Zwar machen wir im Moment wenig Fahrt, aber 0,0 kn scheint mir doch untertrieben. Ein bisschen Strömung müsste es doch wenigstens geben! (Das Funkgerät misst die Fahrt über Grund (SOG=speed over ground). Dass es ohne Fahrt auch die Kursangabe (COG=course over ground) nicht verändert, leuchtet dagegen schon eher ein.

Knie und Ischias sind schon wieder fast in Ordnung (Tat weh. Sogar Peterspitz-Wickel gemacht – Danke, Mutter! Alte Männer und ihre Wehwehchen: Stoff für einen anderen Blog (den ich nicht schreibe, versprochen! Deswegen erwähne ich auch meine ausführlich Zahnhygiene von heute früh hier nicht.)

Das AIS zeigt Länge und Breite auf vier Stellen hinter dem Komma genau an, also auf eine Zehntausendstel Meile oder 18 cm genau (theoretisch -tatsächlich ist es technisch unscharf gestellt und nur auf ca. zehn Meter genau; doch auf 3m exakt für die US-amerikanischen Truppen – und ihre Freunde). Doch gerade verändert sich noch nicht einmal die letzte Stelle: Wir stehen.

Also: Flautenzeit ist Schreibzeit. Jetzt ist es fast Zwölf und der Windhauch wirkt beinahe, als könnte er sich verstärken … Es ist ein herrlicher Tag, sonnig. Eben hab ich sogar ein paar Fotos von Delfinen UNTER dem Schiff geschossen – glaubt mir doch sonst eh keiner …

WilderRitt

Donnerstag (22.9.) 14:25 die GUANYIN, CPA 0,37sm (genug von Frachtern gehört? Genug Frachterfotos gesehen? Kommen aber noch mehr.) Eine Stunde später kommt Wind auf, dazu Sonnenschein, 4 kn Fahrt aufs Ziel – geht nicht besser. Viertel vor vier das erste Funkgespräch auf spanisch: wahrscheinlich zwei Fischer weit draußen. 16:00 die 200m-Tiefenlinie überfahren. Es geht ins Blauwasser.

20:00 die 2000m (sic!)-Linie überfahren, bin auf der Höhe von Nantes. Der Himmel ist bedeckt, kein Sonnenuntergang, kein Sternhimmel, keine Delfine. Die HAPPY RIVER passiert (CPA 1,2sm) (Nerve ich euch? Wahrscheinlich habe ich aus Nervosität so viel notiert. Und: Jeder Frachter ist Zivilisation in dieser Wüste von Meer. Fluoreszierende Delfine. Kochkartoffeln à la Yayi, Brechbohnensalat, Joghurt.

23:40 Die gute Tante Else zieht genügsam ihre Bahn durch die Nacht, rauscht dahin wie auf Schienen, 4,3 kn. Als ich aufwache ist alles ruhig, das Schiff läuft – genial. Also nochmal umdrehen und weiterschlafen. Oder doch sicherheitshalber den Kurs kontrollieren? Muss ich den inneren Schweinehund schwer an die Kette nehmen. Dabei ist alles bestens: Kurs 250°, 4,3 kn: Läuft.
Obwohl: 250° ist fast direkt nach Westen (270°), wir jagen mit inzwischen 5,1 kn direkt auf den Atlantik hinaus! Die gute Windsteuerung macht ihren Job tadellos. Dafür, dass der Wind gedreht hat, kann sie nichts. Also angezogen (Jacke, Schwimmweste, Sicherheitsleine), Segelstellung korrigiert, Georgie auf den neuen (alten) Kurs 195° justiert, wieder hingelegt.

03:00 bedeckt, draußen alles zappenduster, kein Stern, kein Mond (es herrscht ohnehin Neumond, oder fast. In La Coruña werde ich kein Mondlicht haben – das konnte ich nicht auch noch berücksichtigen.

Freitag früh (04:30) regnet es, die Kimm ist kaum auszumachen. Um 07:10 weckt mich ein merkwürdiger Funkspruch, südländisch (oder Nafri-) klingender Typ, Anbaggerintonation, nuschelt und nennt seinen Schiffsnamen nur verwaschen. Sucht Kontakt zu irgendeiner Segelyacht, mein Schiffsname fällt nicht. Schlaftrunken wie ich bin, melde ich mich trotzdem. In kurzer Entfernung schaukelt eine Motoryacht. Was will der Typ von mir?

»This is Elizabeth. What can I do for you?«

(etwas unwirsch)

Ende der Funkkommunikation. Jetzt, wach, schaue ich mich um (inzwischen hat das Morgengrauen eingesetzt): weit und breit keine Motoryacht zu sehen, überhaupt kein anderes Schiff. Muss ich halluziniert haben.

Georgie muss im Regen stehen

10:00 Sprühregen, aber 3,7 kn. Alles okay. Um elf hat der Wind aufgefrischt, NW 3, der Regen hat aufgehört, die Sonne spitzelt raus. Wir jagen bei halbem Wind (beam reach) mit 6 kn nach Süden – super. Mittags sogar 6,4 k!, so muss sich Piratenglück anfühlen! Nachmittags um drei immer noch wilder Ritt, wir haben die untere Hälfte der Seekarte erreicht, ein Etmal von 73 sm.
Inzwischen auf 4000m Tiefe. Da sollte sich doch das angeblich unbeschreibliche tiefe Meeresblau einstellen, von dem alle Langstreckensegler schwärmen … Blau ist die See, satt dunkel königsblau. Aber es ist nur die Reflexion des Sonnenlichts, bei bedecktem Himmel oder Regen, ist das Wasser genauso grau, als wäre es nur wenige Dutzend Meter tief …

16:00 erreicht die Lizzy ihre bisherige Spitzengeschwindigkeit: 7,2 Knoten. Bei Wind NW Bf 5. Wild und rauschend und geil. Störtebeker-Feeling. Inzwischen gibt es Wellen von fast zwei Metern, die ersten zeigen einzelne Schaumkämme – das wäre dann das Anzeichen für Windstärke 6. Nicht das geringste Problem, wird super.

Aber:

»Starkwind im Sonnenschein ist lang nicht so stark wie Starkwind bei Nacht.« 

Regel 9 (selbst erfunden)

Und weil es auf den Abend zugeht, binde ich das zweite Reff ins Groß und rolle die Fock auf 1/3 ein (dauert beigelegt [Boot steht mit back [gegen den Wind] gespanntem Vorsegel und lose schwingendem Großsegel quer zum Wind und treibt sachte ab] rund eine Stunde. (War vielleicht übervorsichtig, das Reffen. Aber Regel 10 sagt: Rechtzeitig reffen! (Da drückt man sich nämlich gerne vor.)) Um viertel vor sieben sind wir wieder unterwegs, trotz Reff bei raumem Wind [schräg von hinten] 5,3 kn direkt aufs Ziel zu – genial. So besorgt es sich die Ellie die gesamte Nacht hindurch, nie unter 4, meist über 5 Knoten: krass Klasse Braut.

Um Mitternacht kommt uns die zweite Segelyacht auf diesem Törn entgegen, TORBAS, aus D. Morgens 05:10 drehe ich im frühen Licht ein paar Minuten Eindrücke von wilder Fahrt und hohem Seegang. (Video folgt)

Samstagvormittag, immer noch flott unterwegs, strahlt die Sonne und wirft einen funkelnden Regenbogen auf die von NW heranziehenden Cumulus-Wolken (mit dunkler Unterkante: es könnte Regen geben). Mittags errechne ich ein Etmal von 120 sm (fast 200 km!), das beste bisher. Um vier steigt eine der hohen Wogen ins Cockpit, vor allem Schaum bzw. Gischt. Nicht mehr als ein Viertelliter Seewasser kommt hereingespritzt. Aber die See zeigt, was sie draufhat. Die langen, hohen Wellen (4-5m) werden nicht schwächer. Aber bei raumem Wind, gerefften Segeln und Fahrt zwischen 4 und 5,5 Knoten gibt es rein gar nichts zu meckern. Merke:

»Mit sechs Knoten über die Wellen jagen ist bei Tag ein herrliches Schauspiel. Nachts aber eher Nervenkitzel.«

(neuste Ulli-Depp-Weisheit)

Außerdem werden die sonst sanften Schiffsbewegungen ab 6kn ruppiger, die Else rauscht nicht mehr glatt dahin, sondern rüttelt sich über die Wellenstöße. Ein klitzekleinwenig fühlt sich das an wie Boris Hermann (nur dass der mit dem sechseinhalbfachen an Geschwindigkeit unterwegs war).

18:25 Land-ho! Die hohen brauen Felsenklippen bei La Coruña sind selbst aus 27 sm Entfernung zu sehen. Und plötzlich ist die See wieder voller Betrieb. Kleine Fischertrawler, aus Frankreich herüber. Merke: auch der Fischer hat gerne Landsicht (Grüße an Nina!). Es wird dunkel, die französischen Fischer werfen ihre starken Scheinwerfer an und juckeln los, Richtung Heimat. 21:30 Handy hat Empfang – Beruhigungs-SMS an Paula abgesetzt: »Ich kann Spanien sehen!«.
Irgendwas stimmt nicht mit dem Herd. Nur eine Flamme geht noch. Sollte die Gasflasche schon wieder leer sein? Hab ich erst in Dartmouth ausgetauscht!
Selbst als ich nahe an der Küste bin, liegt La Coruña noch um ein Kap herum, 21 sm entfernt. Auch bei günstigstem Wind bleiben noch mehrere Stunden zu fahren.
Dann dreht der Wind in alle möglichen Richtungen, ich bekomme die Selbststeuerung nicht wieder justiert, steuere die letzten Meilen von Hand. Im ersten Licht, als hätte ich es so geplant, hole ich in der Hafenzufahrt die Segel ein, befestige die neuen Festmacherleinen (4 Stück) und hänge die Fender raus (6 Stück). Ich starte den Motor, die Einfahrt dauert noch über eine Stunde, und bin bereit für den ersten Anleger nach sieben Tagen. 07:30 passieren wir in der Hafeneinfahrt den Torre Hercules, – aus der Römerzeit, der älteste noch in Betrieb befindliche Leuchtturm der Welt! –, um 08:30 liege ich fest in der Marina Coruña. Ich habe sie angefunkt, aber keine Antwort erhalten. Da klärt sich mit den beiden supernetten Hafenmeistern der Frühschicht auch mein Funkproblem: Irgendwann habe ich den Squelch (Rauschunterdrückung) zu hoch und dafür die Lautstärke zu niedrig eingestellt. Das Funkgerät funktioniert völlig einwandfrei, man muss es nur zu bedienen wissen!

Netter könnte der Empfang nicht sein. Der Hafenmeister kocht mir Kaffee, sein Helfer legt mir eine selbstgedrehte Zigarette hin (die erste seit vier Tagen!)  – geht nicht besser. Nur der Boden schwankt, ich bin noch etwas unsicher auf den Beinen. Eine lange heiße Dusche später (die erste seit sieben Tagen) und ich bin wieder jung. La Coruña ist ein Traum.

Voll die Flaute!