44. Golfo de San Miguel

Adios, la Palma

Rosenmontag, 12.02. Rio Iglesias (ein Nebenfluss des Rio Sabana). Der Flussarm ist kaum fünfzig Meter breit, wir liegen zwischen Mangroven, aus dem Dschungel dahinter krächzen Vögel, ansonsten himmlische Stille. Der Ankerplatz ist paradiesisch. Ab und zu tuckert ein Einbaum vorbei, eine Meile den Fluss hinauf ist ein Umschlagplatz mit vielen Autos und einem Green Warehouse, wo man von der Straße auf die Lanchas, die Wassertaxis umsteigen kann. Aber außer ab und zu Lastwagengebrumm aus der Ferne (die Panamericana endet ganz in der Nähe) ist hier nichts zu hören. Das war letzte Nacht anders: Dieselgeneratorenbrummen, Musikfetzen (vor allem die Bässe!) La Palma war kein angenehmer Ort. Diskos, Casino, Hotel, Badeanstalt, Supermärkte, Trinkgelegenheiten. Die Hauptstadt des Darién zeigt starke Mitlitär-und Polizeipräsenz. Aber am Karnevalssonntag vor allem einen abgesperrten Bereich der Hauptgasse, der bauchdröhnend beschallt wird und als Wasserschlachtarena dient (eine Hahnenkampfarena gibt es auch an der Hauptstraße). Hat mich ein wenig mürbe und niedergeschlagen gemacht. So oder ähnlich müssen die Westernstädte zur Zeit des Goldrauschs ausgesehen haben. Alkohol, Glücksspiel, Hahnenkämpfe und Mädels. La Palma hat uns jedenfalls nicht gefallen.

Tunela (oder so ähnlich)

Am Donnerstag, 8.2. Weiberfastnacht, sind wir noch eine Nacht in Pearl Island Marina geblieben, haben nochmal zu Abend gegessen. Ein Dinghy-Ausflug zu einer Landhütte, wo anlanden (und in den Ort spazieren) möglich schien, war ein Fehlschlag: wir befanden uns noch immer auf dem Privatgelände des BeachClubs. Und konnten das DInghy dort nicht lassen, nicht anlanden, gar nichts. Außerdem war das Meer zu unruhig, choppy und die Welle zu steil und der Wind zu heftig, also sind wir zurück in die Marina (und ich war froh, dass wir heil ankamen).
Freitag früh los. Ableger bei starkem Wind, rückwärts aus der Gasse, fast wieder quer zwischen den Fingerstegen, aber ging gut. Rüber nach Isla del Rey, die größte der Las Perlas. Bewegte Überfahrt, Wind und Wellen, und das Dinghy (mit Motor!) geschleppt, sehr unseemännisch. In kleiner Bucht am Südende haben wir geankert. Eine Militärpatrouille kurvt um uns rum. Fischer fragen nach Softdrinks, bekommen sie und schenken uns dafür einen Fisch Tunela: sehr sehr lecker. Odysse hat ihn sauber ausgenommen, war gar nicht so groß, die Sauerei im Cockpit. Aber: der Fisch war so frisch, dass er noch Leichenstarre hatte, man konnte den Bauchlappen nicht aufklappen, sondern musste ihn aufbrechen. Dazu Kartoffel-Möhrengemüse.

Samstag sehr früh (07:00) los, Motor verstaut, wir hatten eine lange Überfahrt vor: 34 nm zum Festland, nach Darién, dem bergigen Dschungelgebiet an der Grenze zu Kolumbien, das der Panamerican Highway nicht quert. Viel Wind, viel Welle, zwischendurch gerefft, mit Strom von hinten und (hoch) am Wind bis zu 6 kn gemacht und früher als geplant, schon um vier, an unserem Ankerplatz angekommen. »Punkt A« nennt unser Führer Schwalbe Zydler & Zydler: Panama Guide diesen Ort inmitten des Golfs von San Miguel, der augenscheinlich mitten im Meer, tatsächlich aber auf nur drei Meter Tiefe vor/hinter der Insel Isla Iguana liegt und sicher auch oft genug geschützt ist vor der Welle aus dem Pazifik. Wir hatten leider Nordwind und eine nervig schaukelige Nacht. Zwischendurch war ich so aggressiv, dass ich hätte brüllen mögen. Wusste nur nicht, gegen wen. Am Sonntag dann ewig lange Motorfahrt (z.T. englisch, mit steif gespannter Genua) quer über den Golf, in die Mündung zweier Flüsse, Boca Grande. Durch Strudel und emporquellendes Wasser, zwischen treibendem Laub und Baumstämmen hindurch, durch eine nervenzerfetzende Abkürzung mit »Stromschnellchen« und »Untiefen« bis vor die Hauptstadt der Dschungelregion Darién, La Palma, 4500 Bewohner.

LIZ vor la Palma – quer zur Strömung
Tinseltown
Gasse in La Palma. Foto: Odysse

Schon vom Fluss aus (hier sicher einen Kilometer breit) flackern einem die Disco-Lichter und dröht einem der zugehörige Bass entgegen. Hinter der Ansiedlung eine Art Bucht, Fischerhäuser auf Stelzen am Ufer, dort ist unser Ankerplatz. Ebbe und Flut, Tiefe, die sich wie von Geisterhand ändert, Strömungen flußauf- und flußabwärts, je nach Tide: eine vernünftige Ankermöglichkeit hab ich nicht rausgekriegt. Bug- und Heckanker hat nicht funktioniert, als wir zurückkamen lag die ELLI quer zur Strömung (und der Fluss war so stark gestiegen, dass die Festmachreleinen des Dinghys unter Wasser lagen!). Zufallslösung: Wenn man die Leinen/Ketten beider Anker am Bug vereinigt und das Boot mittels Ruder auf den Fluss hinaus steuert, stehen zwar die Halteleinen/ketten seitlich (zum Ufer) vom Boot ab und vibrieren vor Strom, aber das Boot hält genug Abstand vom Ufer, um vernünftigen Tiefgang zu garantieren. Bei Tidenwechsel selbstverständlich umsteuern!

Aufgestelzte Häuser (5m Tidenhub!) bei La Palma

Rosenmontag, 12. Mit der kommenden Flut (11:56h) losfahren wollen. Ab zehn hab ich mich um die Anker gekümmert, wurde tatsächlich schwer. Der zweite (Bruce-) Anker ließ sich partout nicht ausbrechen, stand unter heftigem Zug, selbst als er schon fast an Bord kommen sollte: er hatte sich in der (straff gespannten) Kette eines anderen (meines anderen???) Ankers eingehängt. Odysse hat die Kette hochgezogen, ich versucht, den Anker darunter hervorzuholen, war nicht zu machen. Also zweiten (ersten, Haupt-) Anker gehoben, kam die blöde Kette wieder hoch und verhakte sich am Snubber, der Zusatzleine, die mit einem Gummipuffer parallel zu den letzten Metern Kette gespannt ist und Kette und Ankerspill entlasten soll. Chaos. Irgendwann ging dann doch alles klar, beide Anker, sämtliche Ketten und Taue an Bord. Und eine Riesensauerei metallischgrauer Schlick, der in der Hitze zu betonharten Krusten trocknet.

Ein Marienbild? Ein Fliegenpilz?

Jetzt, um vier, ist die Flut hereingeströmt und wir machen uns auf Richtung Quimba/Las  Iglesias, einem Örtchen eine halbe Stunde Fußmarsch flussaufwärts. Mal sehen.

Ein Platz für den Sommer?

Das Dinghy landen wir an einem Boatyard, ein japanischstämmiger Bootsbauer und Besitzer des Geländes werkelt dort, hat auch Zeit für einen Schwatz. Ob ich wohl die ELLI dort ein paar Monate stehen lassen kann? Sein Kran kann nur 4 Tonnen, zu wenig für die dicke Alte. Vor seinem Grundstück verläuft eine fantastisch ausgebaute Straße, hügelan, hügelab zwischen Finkas mit Bananenplantagen und Rinderfarmen (mit Verladerampen – für Vieh). Vor uns eine Trinkgesellschaft zu Fuß, eine bleibt zurück und tapert hinterher, ist aber nicht langsamer, wir holen sie auch erst kurz vor dem Ort ein.

Las Iglesias sieht amerikanisch aus, einzeln stehende Häuser, oft von der Straße zurückgesetzt. Es gibt Läden und Trinkhallen, auch einen Gemüsestand. Zigaretten und Bier soll es in La Cantina geben, nach der Schule rechts. Die Schule sieht gepflegt aus, weißblauer Zaun, Spielgeräte im Hof, alles geschlossen – Rosenmontag ist auch hier Feiertag, wie auch der Dienstag. Die Cantina hätten wir alleine nicht gefunden, eine anonyme Bretterbude. Aber ein redseliger Trinker/Philosoph dröhnt sich davor mit Rum zu und ist mehr als gesprächig, ruft den Wirt heraus, der uns Biere bringt. Zugaretten besorgt uns sein Kumpel, wahrscheinlich aus Privatvorrat; und zu essen gebe es auch. Die zweite Seite des Gemüsestands ist auch Restaurant, abgeranzte Tische mit zerfetzten Plastikdecken, macht aber einen freundlichen Eindruck. Was es gibt? Tortillas und gebratene Chorizo. Bestellen wir. Biertrinken und Rauchen in der Cantina, und reden. Der Fußmarsch über die Berge von Kolumbien dauere drei Tage (und zwei Nächte), es gebe oft Räubereien und sogar Mord und Totschlag. Viele Migranten seien mit Frauen und sogar Kindern unterwegs. Grausame Schicksale. Oder: ganz in der Nähe gebe es eine Lagune, Süßwasser, wo uns der jüngere gerne hinführen würde, jederzeit.

Die Busse von Panamá nach La Palma verkehren bis zur Rampe am Fluß (Green Warehouse), an der wir vorbeigefahren sind. (von La Palma nach Kolumbien geht es mit der Lancha/Motorboot Mo, Mi, Fr, in zwei Stunden zum ersten Hafen, in vier zur Bahia Solana (To-do-list: Checken, ob es von dort eine Busverbindung ins Landesinnere gibt!). Las Iglesias, das im Führer als nice, clean beezeichne wird, hat Straßenanbindung. Das macht allen Unterschied. Nach dem Essen (Tortilla tiefgefroren vom Convenience-Truck, Wurst okay, gibtaber weder Senf, noch Ketchup, noch Mayo) Rückweg in die Nacht zum Yachtbauer. Seine Hunde verbellen uns, aber alles geht gut. In der Mondsichelnacht (drei Tage nach Neumond) ist die ELLI kaum auszumachen, erst als wir schon fast da sind, taucht sie aus dem Dunkel auf – große Erleichterung. Die kleine Insel, hinter der wir ankern, ist ein Vogelparadies, alle Bäume leuchten vor weißem Gefieder. Auf dem Schiff: Stille, die die Ohren klingeln lässt. Dschungelgeräusche.

Brüllaffen klingen wie startende Düsenjäger

Am nächsten Morgen hab ich sie auf Video aufgenommen, vielleicht sind sogar die Brüllaffen zu hören, hoffentlich. Inzwischen herrscht Flut, am Ufer ist kein Streifen Morast mehr zu sehen, am gestrigen Nachmittag lagen wir inmitten von Schlammkegeln, heute mitten im Fluss. Odysse steht um Mitternacht auf, um zu checken, ob wir auch nicht aufsetzen (Wassertiefe laut Echolot 70 cm, bei 1,55 m Tiefgang). Wurde aber alles nicht so heiß gegessen. Heute früh um 06:00 aufgestanden, Frühstart wegen der Flut, die ab Viertal nach sechs ablaufen soll. Ging tatsächlich gegen sieben los, nur kalte Tortilla zum Frühstück. Ausfahrt aus dem unberührt wirkenden Fluss traumhaft. Vogelkreischen, Froschquaken, Brüllaffen nur in der Morgendämmreung. Anker unfassbar vermulcht, zäher, betongrauer Schlamm, der auch fast so schlimm härtet. Nach vier Biegungen (bei Flut keinerlei Stress, Tiefe immer über zehn, bis zu 19 m) treihen wir den Rio Sabenas hinab, den breiten Fluss, der sich mit dem Rio Tiuro verbindet und im Boca Grande in die Bucht von San Miguel ausläuft. Frühstück (Toast, Marmelade) beim Treibenlassen mitten im Fluss. Sehr leise. Später starten wir einen Segelversuch. Odysse schafft tatsächlich die 2,6 kn, die wir unter Motor (1400 u/min) vorwärts gekommen sind. Zusätzlich schieben bis über 5 kn Tidenstrom, sodass wir über Grund mit bis zu 8 kn jagen. Baumstämme und Laub und Müll in Strudeln auf dem Weg.
Hinter la Palma nehmen wir diesmal die ganze Flussbiegung mit und nicht die Abkürzung. Wind schläft ein, noch mehr Baumstämme und Biomüll im Wasser. Die Spanische Festung, die sich auf der riesigen Insel in der Flussbiegung befinden soll, können wir nicht ausmachen. (Von der Halbinsel am Rio Sabenas aus soll Bilboa (zweispitziger Lederhelm wie der Mann mit dem Goldhelm), der als erster Europäer die Landenge Panamás überquert hat, den Pazifik „entdeckt“ haben.) Odysse steuert, ich döse fast bis zu unserem Tagesziel: Punta Allegre. Schon draußen, beim Ankerplatzsuchen, weist uns ein Fischer im Einbaum ein: Victor. Und verabredet sich mit uns für einen Ausflug nach Mogue, zu den Emberá für den nächsten Tag. Außerdem bezahlen wir ihm heute an der Tanke den Sprit. Dann kommen acht Jungs im Fischerboot vorbei. Wollen Quatschen und uns Hummer oder anderen Fisch verkaufen. Mögen wir nicht. Wir sehen uns gleich im Dorf!

Hummer gefällig?

Ging aber anders aus als erwartet. Kaum ziehen wir das Dinghy auf den (hohen: Flut!) Strand, erwartet uns der erste, Xavier. Führt uns zum »Fischmarkt«, wo sie ihren Fang in die Tiefkühltruhe räumen. Und uns zwei Pfund Hummer verkaufen. Die werden im Restaurant für uns zubereitet werden. Wir warten solange in der Dorfbar, Odysse gibt Xavier und Manuel (und jedem, der da ist) Bier aus. Ich rauche. Das mit dem Esse zieht sich. Schaue ich mich im Ort um. Ein Fischer flickt sein Netz, Kinder spielen, Frauen sitzen im Schatten auf einer Art Veranda. Es gibt nur ein betoniertes Trottoir, sonst alles Sand. Bretterhütten, eine ist die Bar, eine die Disko, eine sicher auch der Lebensmittelladen, auf den wir gehofft hatten. Nach einer Stunde ist Essenzeit. Manuels Mutter (Victors Tochter) bringt uns vier kleine Hummer, rosaorange gekocht. Und zeigt uns, wie man sie knackt und isst. Sie selbst kriegt auch das Fleisch aus den Beinchen und sogar aus den Scheren heraus. Ich nicht. Stellen wir uns sicher ungeschickt an. Lassen sie uns aber nicht spüren.

Zwei von Victors Töchtern (links) und andere Schönheiten

Drei Heiratsanträge hab ich in der Bar bekommen (Victors zwei andere Töchter sind schon etwas beschickert, in der Disco gewesen. Odysse ist Zielperson einer Tanzenden mit augefahrenem Dekollete, zeigt sich aber unbedarft: „Mein Spanisch ist ein Katastrophe“).
Xavier  bemüht sich um Konversation, findet aber nicht viele Themen. Ein paar kleine, erste Hummer, Langustino, sind schon rosa und fertig, wir bekommen sie von der Köchin gebracht und gezeigt, wie man sie aufmacht (den Darm entfernt) und wie man sie isst: Wir essen alles. »Se come todo.«
Endlich ist das Essen fertig, wir gehen – auf den Balkon eines Privathauses und bekommen eine Glasform mit vier Pfund Hummer und Papitos (Kochbananenpuffern) serviert. Besteck ist nicht vorgesehen. Unter den Augen aller acht Jungs (und ihrer Freunde) machen wir uns darüber her. Der erste Hummer meines Lebens. Superlecker. Aber den Kopf mit seinem wabbeligen Inhalt auszusaugen, bringe ich nicht. Aber selbst wenn wir nur die Schwänze essen, werden wir satt. Bei der Bezahlung tun sie sich schwer. Ein lauter Wortführer, der immer wieder ins Englische fällt, hat für den Hummer 16 bekommen. Der Koch (einer der Jungs) ist mit seinen 5, dann 10 unzufrieden. Aber vor allem, weil der Wortführer seine vier Restdollar nicht rausrückt. Dann Tanken mit Victor, drei Gallonen (15 Liter) für 13,50 Dollar. Die Tankstelle ist zufällig genau unter der Terrasse, auf der wir aßen. Dann Dorfrundgang. Der aber nicht stattfindet, weil wir lieber wegwollen. Xavier und Manuel (Victors Enkel) bleiben zurück.

Flechtwerkverkäuferin mit kleinem Bruder

Beim Dinghylosmachen bietet uns ein superschüchternes Mädchen (ihre/die ihrer Mutter) Flechtarbeit an. Zuckersüß, aber leider lehnen wir ab. Vielleicht finden wir die Kleine morgen nochmal.

Denn um 06:00 holt uns Victor am Boot ab, samt Wasser, Schwimmweste und Mitbringsel für die Emberá-Kinder (Schreib und Malzeug). Wird sicher spannend.  Abends in Punta Allegre (sic): Karneval auch hier. Wir liegen vor Anker, sicher hundert Meter vom Örtchen entfernt, aber der Salsa-Pop dröhnt bis hier herüber.

Kap der Hexe – verhextes Kap

Fr., 16.2., Playa del Merced, Punta Brujas [Bruchas]. Die gute Nachricht ist: Es ist paradiesisch schön hier, freundliches Dorf, sauber und ordentlich, aufgeschlossene fleißige Menschen, unser Ankerplatz liegt mitten in einem schmalen Fluss (keine zehn Meter auf jeder Seite) ist tidensicher und traumhaft schön (Dschungel, Brüllaffen, ein vorwitziger Reiher, der dauernd aufs Schiff kommt und mit Rangehen, Winken, Schimpfen kaum zu vertreiben ist). Die schlechte Nachricht ist: wir haben keinen Antrieb. Die Maschine läuft (hat aber fast kein Öl mehr), überträgt jedoch keine Kraft auf Getriebe und Propeller: Getriebe- oder Motorschaden. Morgen früh holt uns Oswaldo, Bootsbauer und Fischer ab, um uns wenigstens aus der Flussmündung und weit genug hinaus zu schleppen, dass wir segeln können.

Victor (hinten). Alle Skipperfotos: Odysse

Am Mittwochmorgen war Victor ((»Ich bin Victor. Schickt jeden (Touristen), der etwas in Punto Allegre braucht zu mir! Victor ist euer Mann.« Und das ist er tatsächlich, sein Enkel hat uns in Dorf geleitet (und sich von Odysse Bier ausgeben lassen, zwei seiner drei Töchter wollten ein Kind von mir (milchkaffebraune Haut), die dritte hat uns die Hummer gebracht), Victor also ist schon um halb sechs am Schiff und rügt uns, weil wir kein Ankerlicht ausgebracht hatten. Wir sind noch am Frühstücken und laden ihn ein. Dann geht es quer über die Bucht und einen anfangs breiten, später immer schmaleren und windungsreicheren Fluss hinauf, einmal auch durch eine kurvige, kaum Einbaumbreite Abkürzung. An einer Stelle versperrt uns ein quer im Wasser liegender Baum die Weiterfahrt, ist auch von Victor mit dem Spatenpaddel nicht zu bewegen.

Blockiert!

Glücklicherweise gibt es exakt an der Stelle ein kleines Altwasser, sodass wir doch noch weiterkommen. Mogue, das Embará-Dorf, liegt weit verstreut. Bei den ersten, palmdachbeschützen Hütten (auf Stelzen) kündigt Victor uns lautstark rufend an. Es spricht Embará, wie wir später erfahren werden. An der Anlegestelle ragt ein flachverwurzelter Baum über den Bach. Victor hat Schwierigkeiten, sein Boot zu verankern (seine Croqs drin vergessen), ich versuche ihm zu helfen und gleite auf den Wurzeln aus, hänge einen Meter über dem Wasser und sterbe vor Peinlichkeit: Ich habe als einziger ein Schwimmweste an (hat Victer empfohlen, Odysse hat seine vergessen) und stelle mir vor, wie die Indigenos sich totlachen über den blöden Gringo, der praktisch an Land in den Bach fällt, und dann explodiert auch noch seine Schwimmweste! Also eisern festgehalten, mich wieder auf den Baum gewuchtet, die Abschürfung am Unterarm tut lange nicht so weh wie verletzter Stolz, und die Situation geklärt. Und während der ganzen Zeit, kommentiert Odysse anerkennend, meine brennende Zigarette nicht aus der Hand gelassen.

Hinten: Die Wurzel allen Übels (hier beim Ablegen)

Ein Fußweg (betoniert) führt zum Dorf. Mogue, so heißt der Ort, ist, sagt unser Führer, auf Touristen eingestellt. Tatsächlich begrüßen uns El Dirigente, der Ortsvorsteher (wird alle fünf Jahre gewählt), der Kazike ( Häuptling, Heiler, aus Perlen geflochten Amtskette um den Hals, eher jung für sein Amt) und der Tourismusbeauftragte (Beanie, Sporthose). Erster Tagesordnungspunkt: Andenken kaufen (eine geschnitzte Schildkröte (Tortuga, Chichilló), geflochtene Bastteller/Topfuntersetzer, eine Halskette mit Perlenbehang.

Links: El Dirigente, Mitte hinten: der Tourismusbeauftragte, rechts: dicker Bauch

Zweiter Tagesordnungspunkt: Ansprache des Tourismusbeauftragten. Der Besuch kostet USD 10 Eintritt pro Kopf. Akzeptiert. Dann Ortsführung. Jede Familie wohnt in zwei nebeneinanderliegenden Häusern: Casa cultural, die traditionelle Palmdachhütte mit eingekerbten Baumstämmen als Leitern in den hochliegenden Aufenthaltsbereich (im Sommer in der Hitze kühler). Und Casa moderna (Holzgerüst, Blechdach, regendicht). Angebaut wird Banane, Yucca , Zucker (für Honig (??)), Kaffee (wurde gerade getrocknet, wird zum Rösten in die Hauptstadt gebracht; seit drei Jahren hat Mogue eine Straßenanbindung). Es gibt Schweine, Hühner (auch winzige, neugierige Küken, die an Croqs picken!), Ziegen (nicht gesehen) und Esel und Pferde. Und Kühe (nicht gesehen) füt Milch und Fleisch. Am Bach waschen Frauen und Mädchen Wäsche auf Steinen klopfend. Sehr pittoresk alles. Besuch beim Holzhauer/Instumentenbauer. Seine Söhne üben (Flöte, Trommel), um für die Touristen eine Band zusammenzustellen. Schnitzarbeiten, der US-Soldat trägt einen Helm wie Balboa, einer Art Schiffchen.

Waschtag

Exkurs: Ich sitze im Cockpit, während ich das schreibe. Und die Bremsen fressen mich auf! Heute Nacht gab es Mosquitos (Sirren) und Fledermäuse (in den Kabinen!) Ich hab nur den Flatterwindhauch gespürt, Odysse in der Vorderkabine hat seine Fledermaus sogar gesehen!))

Casa cultural

Das Gemeinschaftshaus für Versammlungen ist ein schlichtes Nutzgebäude, Blechdach, Holzbänke, ein langer Tisch für den Dirigente. Das Kulturhaus, Palmreetdach, ist leider beim letzten Sturm vor zwei Jahren zerstört worden und wartet auf seinen Wiederaufbau (»Dafür ist ein Komitee zuständig«). Dann ist die Führung zu Ende, weil Victor (der inzwischen seinen Sack leerverkauft und neu vollgekauft hat) und wir mit der Flut wieder hinausmüssen. Kiloweise Kochbananen und Yucca werden ihm aufs Boot geliefert. Weil inzwischen ein doppelt so großes Motoreinbaumkanu Victors Boot in der Flußmitte blockiert, muss einer der Helfer ins Wasser. Macht der ohne Mucken, klettert aufs Boot, holt es ans Ufer.

Anlegerprobleme
„Der Rücken von Odysse“

Rückfahrt ereignislos, aber im Video dokumentiert. LIZZY liegt noch immer brav vor Anker, als Victor uns zurückbringt. Und seine Kopflampe vom Morgen vergisst. Gehen wir sehr gerne noch einmal mit dem Dinghy ins Dorf, kaufen ein, trinken Limo mit Käsecräckern (lecker) und kaufen dem schüchternen Mädchen doch noch ihren Flechtteller ab. Rückfahrt zum Boot wegen a) Tidenstrom, b) Wind, c) Entfernung grenzwertig, Odysse schafft es aber, gerudert. Dann Dinghy-Abbau. Dauert von halb fünf bis Einbruch der Dunkelheit. Anstrengend und sehr nervig.

Flechtarbeiten

Am Donnerstag sind wir mit ablaufender Flut ankerauf gegenagen und aus der Bucht motort. Und leider auch fast den gesamten Tag (6 ½ h), weil partout kein Wind aufkommen wollte. »Heute einmal nur ein mittelschöner Tag,« kommentiere ich (weil wir uns sonst fast jeden Tag gesagt hatten, wie er schön er gewesen war, und das waren sie auch), was sich als folgenschwerer Fehler herausstellen sollte. Hab ich wohl das Karma gekränkt.

Denn: beim Einfahren in die Flussmündung, in der wir ankern wollen, sitzen wir plötzlich (eher: sanft) fest, im weichen, anthrazitgrauen Schlamm/Sand. Odysse kann Gas geben, so viel er will, er bekommt die ELLI nicht mehr frei. Werfen wir Anker, warten wir bis Flut kommt. Schwimmen wir an Land (da Dinghy aufbauen ist zu viel Nerv), drehen eine Runde durchs Dorf. Jugendliche folgen uns, bringen uns zum Bootsbauer (der Vater des einen), der zwar Fischerboote bis 50 Fuß baut, aber keine Möglichkeit sieht, unser Boot aus dem Wasser zu holen. Kaufen wir Kippen, Brot gibt es keines. Gehen wir bis zum anderen Ende des Ortes, auch eine Fluss(Bach-)mündung. Treibt einer der beiden Jungs (beide 13/14, aber der eine doppelt so groß wie der andere) einen Fußball auf. Und Odysse (Freizeitkicker) und die beiden Supertrickser liefern sich auf dem Fußballplatz ein Match. Sahen alle drei ziemlich professionell aus. Im Abendlicht zurück aufs Schiff, umankern. Jetzt ist es aufgeschwommen, aber Odysse kriegt es dennoch nicht in Bewegung, obwohl kaum Strom und so gut wie kein Wind herrschen. Werfe ich den Anker erneut, ein Dutzend Meter weiter die Mündung hinein. Seitlich kollidieren wir zwar fast mit einem dort festgemachten kleinen Fischerboot, bringen zur Sicherheit noch den zweiten Anker weiter ins Tiefe aus. Und liegen seither dort fest.

2 Kommentare zu „44. Golfo de San Miguel“

  1. Deine Beschreibungen klingen schwer nach Fitzcarraldo: ans Ufer schwimmen, mit den Einheimischen Geschäfte machen, Widrigkeiten überwinden. Das Boot wieder frei zu kriegen kann also gar kein Problem sein. Ein echter Abenteuerroman! VG aus aus Kölle

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