14. Biskaya

Bekalmt auf der B.

Blauer Himmel von Horizont bis Horizont, die letzten beiden Frachter verschwinden gerade über die Kimm [Horizont, auf dem Meer nur wenige Meilen (6?) entfernt], die Sonne steht tief, putzt sich die Zähne und macht sich zum Schlafengehen bereit, ein laues Lüftchen schiebt die gute Lisbeth gemächlich voran (1,5 kn, Spaziergangsgeschwindigkeit), keine nennenswerte Bugwelle, im Kielwasser noch nicht einmal Bläschen – traumhaft und friedlich: fantastisch. (Dienstag, 19.9.)

Falmouth Adieu

Gestern, Montag, in Falmouth abgelegt (an dem Kai, an dem 1968/69) Knox-Johnston losgefahren und ein Jahr später auch wieder angekommen ist: Bronzeabdrücke seiner Seglerschuhe (erste Einhand-Nonstop-Weltumsegelung, ein ziemlich berühmtes Rennen mit tragischen Geschichten (Selbstmord (??), Nervenzusammenbruch (??): Moitessier fährt einfach weiter in die Südsee). Legendäres Pflaster also.

Morgens die Schwimmhilfen vom Heck und alle Festmacher und alle Fender weggenommen – die werde ich in den nächsten Tagen nicht brauchen. Fühlt sich an wie der Aufbruch zu etwas Bedeutendem. Ein Mitsegler scheint das zu sehen und wünscht mir Glück, er wird auch gleich rausfahren. Kaum Wind, höchstens ablandig, keine Tidenströmung – der Ableger klappt wie im Bilderbuch, das Hydrovane-Ruder ist auch bereits installiert (hab ich vor dem Schuhe-Anziehen in Crocks gemacht, ich muss dazu jedes Mal auf die Badeleiter und knöcheltief ins Wasser). In der Hafenausfahrt, noch vor der Ansteuerungstonne, ziehe ich das Vorsegel auf und schalte den Motor ab. Von jetzt an wird gesegelt. Wind spielt mit, bald liegt Lizard Point, der vorletzte östlichste Zipfel Cornwalls, querab (starkes Leuchtfeuer, das mich die ganze Nacht begleiten wird), dahinter ist die Landzunge von it Land’s End (letzter Zipfel) im Dunst zu ahnen.

England Landesende

Sonnenschein. Morgens beim Spülen und Frühstücken habe ich BBC 2 angemacht und komme den ganzen Tag nicht davon weg: Berichte und Erlebnisse von der Beerdigung der Queen. Der Gottesdienst wird in voller Länge übertragen, über den Trauerzug mit allen Stationen berichtet (dazwischen Verkehrsmeldungen: ganze Stadtteile von Landon und Westminster sind gesperrt, dazu die Autobahn nach Windsor). Große Patrioten, die Briten, stolz auf ihren Dienst in der Armee, auf ihre Fähigkeit, Pomp und Trauer zu inszenieren (das größte Polizeiaufgebot in der Geschichte Großbritanniens), ihrer Queen zugeneigt wie einem Familienmitglied, einer Großmutter. Auch wenn sie bekennende Nicht-Monarchisten sind. Dazwischen die angemessenste Musik, die man sich vorstellen kann: Musical-Arien, Nora Jones, Tom Taylor, Simply Red, Simon&Garfunkel. Nachmittags Telefonbeteiligung und SMS-Berichte von Erfahrungen des Tages (»sind um 4 Uhr morgens losgefahren, 13 Stunden in der Schlange gestanden«, »gucke die Beerdigung auf dem Glockenturm meiner Kirche, nachdem ich 93 Mal für die Queen geläutet habe«, »unser Sohn spielt in der Militärkapelle/ist als Polizist im Dienst/schmiert Sandwiches für den Besucherandrang in den Parks und bei den Public Viewings«. Ein Tag, der schon an seinem Morgen als historischer Tag (»das werden wir niemals vergessen«) markiert ist. Sehr schön und sehr bewegend. »Erinnern Sie sich, wo Sie waren am Tag als die Queen zu Grabe getragen wurde?« – »Auf dem Weg auf die Biskaya.«

So ruhig ist die Fahrt, dass ich dazu komme, meine neuen (auf dem Müll gefundenen) Festmacher auf Länge zu kappen und zu betakeln [die Enden einzuschnüren, damit sie nicht ausfransen]. Es ist derart windstill, dass ich zum Schmelzen der Kunststoff-Taue sogar eine Kerze auf Deck brennen haben kann. Sie wird offiziell zur Takelkerze erklärt.

Noch’n Sonnenuntergang

Gewohnt spektakulärer Sonnenuntergang, Keksmond und Sternmiriaden etc. Fluoreszierende Delfine (diesmal mindestens fünf), einer springt im hohen Bogen aus dem Wasser (damit ich sie nicht wieder für Tunfische halte!) und bei der geruhsamen Fahrt fluoresziert sogar meine (mickrige) Bugwelle – ein Traumbild.

(Beispielbild)

Wird aber noch besser: in der Morgenröte kommen die Delfine wieder, tauchen ihre Rücken aus dem ölig glatten, in allen Regenbogenfarben schimmernden Wasser – schöner geht es nicht (Leider die Kamera zu spät herausgeholt).

Nachts ging ungefähr jede halbe Stunde (gefühlt: gerade, wenn ich mich wieder hingelegt hatte) der collision alarm (»Bidip!-bidip!-bidip!«) los. Aufrappeln, hoch ins Cockpit, Horizont absuchen. War nie was. Bis auf einmal, als ein flutlichheller Fischer auf uns zuzufahren schien … hat aber schnell abgedreht.

Draußen, kurz vor der hundert-Meter-Tiefenlinie, liegen Frachter vor Anker, warten auf Aufträge: es herrscht Krise. Auf einen von ihnen halte ich zu, erreiche ihn aber nicht mehr vor dem Schlafengehen. Morgens liegt er da noch immer (in der Nacht hat der Wind gedreht und wir sind nach Westen (statt nach Süden) gelaufen, aber bei dem lahmen Vorankommen macht es nicht viel Unterschied): der Frachter liegt noch immer dort, es dauerte den ganzen Tag, ihn endlich hinter der Kimm zu lassen.

Auch Frachter schlafen …

Gegen Mittag schläft der wenige Wind komplett ein. Aber alte Wellen (Dünung) lassen die Lillibeth trotzdem rollen und die Segel schlagen (sanft). Fock [Vorsegel] ausgebaumt, dazu den Spinnakerbaum zum ersten Mal in Betrieb genommen und Vor- und Achterholer [Leinen, die den Baum, eine Alu-Stange, die seitlich vom Mast absteht, nach vorn und hinten (und unten) stabilisieren] aufgeriggt.

Die Drei-Punkt-Position: bei jeder Verrichtung, auch bei Flaute, stemmt sich der Seemann mit gespreizten Beinen mit Hüfte oder Hintern an einem Teil der Einrichtung ab. Oder hält sich mit einer Hand fest, beim Zwiebelschälen, beim Erbsenglas aufdrehen, beim Reis abmessen, beim Gasherd anzünden. Stürze fangen mit einer kleinen Bewegung an, die sich aber (unabgestützt) unkontrolliert verstärken würde.

DreiPunktPosition (wenn das Ölzeug einmal nicht rasch genug ausgezogen ist)

Auf Deck ist der Seemann (außerhalb des Cockpits: immer!) mit einer Sicherheitsleine eingeklinkt, die zur Not einen Sturz auffangen würde. Was man aber nicht möchte und sich, wenn geht, zusätzlich festhält.
Auf der großformatigen Karte der Biskaya (1:1.350.000, im Din-A-2-Format, Südküste Englands am oberen, Nordküste Spaniens am unteren Kartenrand) liegen die Kreuzchen, mit denen ich meine Position mindestens alle vier Stunden markiere, fast übereinander. Bei dieser Geschwindigkeit wird das eine SEHR lange Überfahrt. Hoffentlich kann ich an der französischen Küste eine SMS absetzen, damit die Zuhause sich keine Sorgen machen.
Andererseits: heute Nachmittag wuselte ein Schwarm kleiner Fische (Sardinengröße) im Schatten der alten Tante Else um das Ruder der Selbststeueranlage. Das erklärt, was die Delfine unter dem Rumpf des Schiffes wollen: Häppchen abgreifen.
Gerade, rechtzeitig zum Sonnenuntergang (Was soll ich sagen? Kitschig knatschbunt eben) taucht am Horizont wieder ein blendend weißer Frachter auf und es ist vorbei mit der Herrlichkeit, dass der gesamte Ozean allein mir gehört. Traumhaft jedenfalls.
Und: Pinkeln vom Heck (im Lee [windabgewandte Seite]) – die Freuden der Flaute und der Einsamkeit.

Rauschefahrt

Donnerstag, 22.9., etwa auf Höhe von Lorient/Bretagne. Die See liegt ölig, nur ein laues Lüftchen weht: keine Fahrt (aber in die richtige Richtung, haha).

Meer so weit

Flautenzeit ist Lesezeit: Karin Slaughter (der Name ist Programm): Zerstört. (Blanvalet). Kann man lesen, muss man aber nicht. Überkonstruiert, verwirrend geschachtelt, Hauptfiguren hölzern, sprunghaft und unglaubwürdig. Dabei brutal grausam. Und schrecklich mies übersetzt. Aber: mutiges tragisches Ende (kein happy ending!) Eric Hiscock: Sailing around the world in Wanderer III. Stoisch, nüchtern, veraltet (von 1959!). Aber natürlich ein Klassiker.

Flipper (links im Bild)

Irgendwann am Dienstagabend frischte der Wind auf, um neun machte die gute Lizzy 3,5 kn Fahrt. Erfrischend nach zwei Tagen Flaute. In der Nacht (03:00) steigerte sie sich auf viereinhalb (in der Spitze 5,8 kn) und rauschte nur so dahin. Kein Geräusch außer dem Gurgeln und Rauschen des Wassers unter dem Rumpf. Mondsichelchen, sternenklar, Delfine – das ganze Programm. Berauschend. Oder schlicht oberaffengeil.

»Das lauteste, was Sie hören, ist das Klacken der Hängeseifen gegen die Klowand.«

(aus dem Werbeprospekt für die Elizabeth)

(Hängeseifen waren Werbegeschenke von Oscar – Möbel & Objekte. Danke!)
Wir sausen mitten durch die Frachterroute am Südeingang zum Kanal. Endlich kapiere ich die Wunder des AIS [Automated Information System]: Es gibt mit zu jeder Kollisionswarnung auf Tastendruck Name und Herkunft des betreffenden Frachters, auch Ziel, Größe etc. Und eine Peilung (bearing). Am Kompass ist einfach abzulesen, welches der vielen (jeweils 6 bis 8) Schiffe in meinem Sichtbereich gemeint ist. Und die errechnete nächste Annäherung (CPA: Closest Point of Approach) und die Zeit bis dahin (TCPA). Ein Wunderding. Im Morgenrot passiert mich die SOLONG in einer halben Meile Abstand (900m). Ich kann ihre Maschine hören.

Solong (oder so)

Der Mittwoch (21.9.) geht genauso herrlich weiter. Rauschefahrt und strahlender Sonnenaufgang. Gegen acht warnt mich das AIS vor einer Kollision (»collision alarm!  Bidip-bidip-bidip-bidip (da capo al fine)!« Nervtötend und nicht zu überhören, nicht mal im Schlaf!) vor einem Crash mit der ARKLOW CADET aus Irland, untewegs nach IEWAT (nie gehört. Steht wahrscheinlich für It’s Exactly What Anybody Thinks). CPA sollen 0,10 Meilen sein. Ganz schön knapp. Aber immer noch 180 Meter. Und dann dreht der Kahn direkt auf mich zu!
Funke ich ihn an: »Are you aware of me?« – »Yes. I just changed my course to give you way.« – »Thank you. Have a good watch.« Tatsächlich zieht der Frachter in engem Abstand vorbei und geht dann wieder auf seinen alten Kurs. Dankeschön, Arklow Cadet!
Um halb neun kommt mir ein Segelschiff entgegen, seltener Anblick.
Zum Frühstück gibt es Toast. So schräg legt sich die gute Liz ins Zeug, dass ich (von der Salonkoje gegenüber den BODEN der Pfanne von unten sehen kann!
Inzwischen sind wir auf der Höhe der Ile d’Ouessant, dem östlichsten Zipfel Frankreichs. Aber leider kein Handyempfang (»kein Signal« hätte Peter Kress übersetzt): zu weit weg. Ich hätte gerne Zuhause Bescheid gesagt, dass ich mich verspäte, geschätzt hatte ich drei bis sechs Tage für die Überquerung der Biskaya. Werden wahrscheinlich doppelt so viele. Aber jeder einzelne ein Genuss. Mittags sausen wir noch immer mit vier Knoten voran, ein Etmal [Tagesstrecke von Mittag bis Mittag] von 75 sm: nicht schlecht für einen Nachmittag Flaute. Die NORD CRUX aus Singapore passiert mit CPA 1,2 sm – easy!

Kurz darauf die Ellen Essberger, besonders hübsch rot und weiß angemalt, CPA 0,4 sm, 450m.

Ellen Essberger

Wir sausen mitten durch die endlose Reihe von Frachtern am Nordeingang zum Kanal. Aber: kein Verkehrstrennunggebiet (TSS) ist hier ausgewiesen, ich kann fahren, wie ich will (und habe sogar Vorfahrt). Georgie macht dabei seinen Job tadellos, wird nie müde und braucht nie Pause. Ein wirklicher Schatz.

»Nobody does ist better.
Forget about all the rest.
Nobody does it quite like you do,
Georgie, you’re the best!«

Aus der Playlist zum Queen’s Funeral-Radioprogramm. Alles nachdenklich-gedämpfte Songs: Fragile, I will fix you, Bridge over troubled water

Um halb fünf kommt mir schon wieder ein Segelschiff entgegen, ein Katamaran. Unter Motor (und Großsegel) hält er genau auf mich zu. Die MAHANA ist auf Kollisionskurs. Und funkt mich an. Sie kommen aus La Coruña, sei sehr windig dort gewesen. Wollen nach Brest. Und vor allem reden. Erst als sie vorbei sind, entdecke ich die deutsche Fahne am Heck. Hätte mir schon am Akzent auffallen müssen.

Mahana – die wollen nur quatschen

Außerdem meldet er sich mit »Katamaran Mahana«. Ich hätte die beiden bitten können, in Brest einr SMS nach Hause abzusetzen. Als ich ihn anfunke, noch in Sichtweite, geht er nicht dran. Hat wahrscheinlich sein Funkgerät wieder abgeschaltet, wollte wohl nur plaudern.
Ausführliche Fußhygiene (der Gestank fiel schon unter das Biowaffen-Kontrollabkommen) in Atlantikwasser. Die Meerwasser-Seifenmühle funktioniert eins A – Danke, Norbert!
Um halb neun kommt der Nicht-Wind aus allen Richtungen, die Nadel im Masttopp dreht sich mehrfach im Kreis. Ich halse (oder wie immer man das nennt, wenn man versucht, zu erraten, wo der Wind herblasen könnte und Segel und Selbststeueranlage entsprechend einstellt). Kein Erfolg, um halb zehn halse ich zurück. Eine dreiviertel Stunde später zieht Liz gemächlich ihre Bahn, 2,3 kn. Delfine sind nah am Schiff. Kaum zu sehen, aber ihr plätscherndes Auftauchen und prustendes Ausblasen und Atemholen sind eindeutig zu hören.

(Beispielbild)

Inzwischen sind wir auf der Höhe von Douarnez/Bretagne, haben also über ein Drittel der Überquerung geschafft.

AIS: Schwarz vor Frachtern

Donnerstag, 22.9. 01:30: die Nacht ist voller Frachter, die Delfine fluoreszieren wieder (schwach). Um halb vier passiert die EURICA LATVIA mit CPA 0,00 – theoretisch ein Crash. Fährt aber dann doch in einer Entfernung vorbei. Das AIS gibt eben nur Schätzungen und Annäherungen an. Vielleicht sind die Letten auch ausgewichen. In der Nacht schlafe ich bei (sanft) schlagenden Segeln. Ist einfach kein Hauch auszumachen. Im Morgengrauen sehe ich, dass auch die Dampfer nachts schlafen: um mich herum dümpeln 6 Frachter antriebslos (auf über hundert Meter Tiefe werden sie wohl nicht ankern, schätze ich). Jedenfalls gehen ringsum nach und nach die Navigationslichter aus, auch meine.

Auch Frachter schlafen …

Die FMT BERGAMA lag die ganze Nacht in der Nähe. Um halb acht funke ich sie an. »Do you have any form of land communication?« – »Yo, I have Whatsapp.«
Der Mann auf der Brücke ist superfreundlich und nimmt meine Nachricht auf. Er kommt aus Malta, sein Englisch ist makellos, zeigt höchstens leichten Akzent. »Everything okay. Only takes longer. No wind. Ulrich.« (Ulrich hab ich buchstabiert).

Die Stunden später funkt er mich wieder an (»This is Bergama calling unknown sailing vessel, Ulrich«), kann aber meine Antwort nicht hören (vielleicht zu weit weg, meine Antenne sitzt zwar auf der Mastspitze, aber die Antennenhöhe entscheidet über die Reichweite)(später erfahre ich den wahren Grund, s.u.). Ich denke mal, meine Nachricht ist angekommen. Oder er hat sich inzwischen mit Paula angefreundet – er hat schließlich ihre Handynummer.

Eine lange, hohe Dünung (1,50m) rollt vom Atlantik herein – irgendwo da draußen IST Wind. Und nicht zu knapp.
Das Funkgerät spinnt schon wieder. Zwar machen wir im Moment wenig Fahrt, aber 0,0 kn scheint mir doch untertrieben. Ein bisschen Strömung müsste es doch wenigstens geben! (Das Funkgerät misst die Fahrt über Grund (SOG=speed over ground). Dass es ohne Fahrt auch die Kursangabe (COG=course over ground) nicht verändert, leuchtet dagegen schon eher ein.

Knie und Ischias sind schon wieder fast in Ordnung (Tat weh. Sogar Peterspitz-Wickel gemacht – Danke, Mutter! Alte Männer und ihre Wehwehchen: Stoff für einen anderen Blog (den ich nicht schreibe, versprochen! Deswegen erwähne ich auch meine ausführlich Zahnhygiene von heute früh hier nicht.)

Das AIS zeigt Länge und Breite auf vier Stellen hinter dem Komma genau an, also auf eine Zehntausendstel Meile oder 18 cm genau (theoretisch -tatsächlich ist es technisch unscharf gestellt und nur auf ca. zehn Meter genau; doch auf 3m exakt für die US-amerikanischen Truppen – und ihre Freunde). Doch gerade verändert sich noch nicht einmal die letzte Stelle: Wir stehen.

Also: Flautenzeit ist Schreibzeit. Jetzt ist es fast Zwölf und der Windhauch wirkt beinahe, als könnte er sich verstärken … Es ist ein herrlicher Tag, sonnig. Eben hab ich sogar ein paar Fotos von Delfinen UNTER dem Schiff geschossen – glaubt mir doch sonst eh keiner …

WilderRitt

Donnerstag (22.9.) 14:25 die GUANYIN, CPA 0,37sm (genug von Frachtern gehört? Genug Frachterfotos gesehen? Kommen aber noch mehr.) Eine Stunde später kommt Wind auf, dazu Sonnenschein, 4 kn Fahrt aufs Ziel – geht nicht besser. Viertel vor vier das erste Funkgespräch auf spanisch: wahrscheinlich zwei Fischer weit draußen. 16:00 die 200m-Tiefenlinie überfahren. Es geht ins Blauwasser.

20:00 die 2000m (sic!)-Linie überfahren, bin auf der Höhe von Nantes. Der Himmel ist bedeckt, kein Sonnenuntergang, kein Sternhimmel, keine Delfine. Die HAPPY RIVER passiert (CPA 1,2sm) (Nerve ich euch? Wahrscheinlich habe ich aus Nervosität so viel notiert. Und: Jeder Frachter ist Zivilisation in dieser Wüste von Meer. Fluoreszierende Delfine. Kochkartoffeln à la Yayi, Brechbohnensalat, Joghurt.

23:40 Die gute Tante Else zieht genügsam ihre Bahn durch die Nacht, rauscht dahin wie auf Schienen, 4,3 kn. Als ich aufwache ist alles ruhig, das Schiff läuft – genial. Also nochmal umdrehen und weiterschlafen. Oder doch sicherheitshalber den Kurs kontrollieren? Muss ich den inneren Schweinehund schwer an die Kette nehmen. Dabei ist alles bestens: Kurs 250°, 4,3 kn: Läuft.
Obwohl: 250° ist fast direkt nach Westen (270°), wir jagen mit inzwischen 5,1 kn direkt auf den Atlantik hinaus! Die gute Windsteuerung macht ihren Job tadellos. Dafür, dass der Wind gedreht hat, kann sie nichts. Also angezogen (Jacke, Schwimmweste, Sicherheitsleine), Segelstellung korrigiert, Georgie auf den neuen (alten) Kurs 195° justiert, wieder hingelegt.

03:00 bedeckt, draußen alles zappenduster, kein Stern, kein Mond (es herrscht ohnehin Neumond, oder fast. In La Coruña werde ich kein Mondlicht haben – das konnte ich nicht auch noch berücksichtigen.

Freitag früh (04:30) regnet es, die Kimm ist kaum auszumachen. Um 07:10 weckt mich ein merkwürdiger Funkspruch, südländisch (oder Nafri-) klingender Typ, Anbaggerintonation, nuschelt und nennt seinen Schiffsnamen nur verwaschen. Sucht Kontakt zu irgendeiner Segelyacht, mein Schiffsname fällt nicht. Schlaftrunken wie ich bin, melde ich mich trotzdem. In kurzer Entfernung schaukelt eine Motoryacht. Was will der Typ von mir?

»This is Elizabeth. What can I do for you?«

(etwas unwirsch)

Ende der Funkkommunikation. Jetzt, wach, schaue ich mich um (inzwischen hat das Morgengrauen eingesetzt): weit und breit keine Motoryacht zu sehen, überhaupt kein anderes Schiff. Muss ich halluziniert haben.

Georgie muss im Regen stehen

10:00 Sprühregen, aber 3,7 kn. Alles okay. Um elf hat der Wind aufgefrischt, NW 3, der Regen hat aufgehört, die Sonne spitzelt raus. Wir jagen bei halbem Wind (beam reach) mit 6 kn nach Süden – super. Mittags sogar 6,4 k!, so muss sich Piratenglück anfühlen! Nachmittags um drei immer noch wilder Ritt, wir haben die untere Hälfte der Seekarte erreicht, ein Etmal von 73 sm.
Inzwischen auf 4000m Tiefe. Da sollte sich doch das angeblich unbeschreibliche tiefe Meeresblau einstellen, von dem alle Langstreckensegler schwärmen … Blau ist die See, satt dunkel königsblau. Aber es ist nur die Reflexion des Sonnenlichts, bei bedecktem Himmel oder Regen, ist das Wasser genauso grau, als wäre es nur wenige Dutzend Meter tief …

16:00 erreicht die Lizzy ihre bisherige Spitzengeschwindigkeit: 7,2 Knoten. Bei Wind NW Bf 5. Wild und rauschend und geil. Störtebeker-Feeling. Inzwischen gibt es Wellen von fast zwei Metern, die ersten zeigen einzelne Schaumkämme – das wäre dann das Anzeichen für Windstärke 6. Nicht das geringste Problem, wird super.

Aber:

»Starkwind im Sonnenschein ist lang nicht so stark wie Starkwind bei Nacht.« 

Regel 9 (selbst erfunden)

Und weil es auf den Abend zugeht, binde ich das zweite Reff ins Groß und rolle die Fock auf 1/3 ein (dauert beigelegt [Boot steht mit back [gegen den Wind] gespanntem Vorsegel und lose schwingendem Großsegel quer zum Wind und treibt sachte ab] rund eine Stunde. (War vielleicht übervorsichtig, das Reffen. Aber Regel 10 sagt: Rechtzeitig reffen! (Da drückt man sich nämlich gerne vor.)) Um viertel vor sieben sind wir wieder unterwegs, trotz Reff bei raumem Wind [schräg von hinten] 5,3 kn direkt aufs Ziel zu – genial. So besorgt es sich die Ellie die gesamte Nacht hindurch, nie unter 4, meist über 5 Knoten: krass Klasse Braut.

Um Mitternacht kommt uns die zweite Segelyacht auf diesem Törn entgegen, TORBAS, aus D. Morgens 05:10 drehe ich im frühen Licht ein paar Minuten Eindrücke von wilder Fahrt und hohem Seegang. (Video folgt)

Samstagvormittag, immer noch flott unterwegs, strahlt die Sonne und wirft einen funkelnden Regenbogen auf die von NW heranziehenden Cumulus-Wolken (mit dunkler Unterkante: es könnte Regen geben). Mittags errechne ich ein Etmal von 120 sm (fast 200 km!), das beste bisher. Um vier steigt eine der hohen Wogen ins Cockpit, vor allem Schaum bzw. Gischt. Nicht mehr als ein Viertelliter Seewasser kommt hereingespritzt. Aber die See zeigt, was sie draufhat. Die langen, hohen Wellen (4-5m) werden nicht schwächer. Aber bei raumem Wind, gerefften Segeln und Fahrt zwischen 4 und 5,5 Knoten gibt es rein gar nichts zu meckern. Merke:

»Mit sechs Knoten über die Wellen jagen ist bei Tag ein herrliches Schauspiel. Nachts aber eher Nervenkitzel.«

(neuste Ulli-Depp-Weisheit)

Außerdem werden die sonst sanften Schiffsbewegungen ab 6kn ruppiger, die Else rauscht nicht mehr glatt dahin, sondern rüttelt sich über die Wellenstöße. Ein klitzekleinwenig fühlt sich das an wie Boris Hermann (nur dass der mit dem sechseinhalbfachen an Geschwindigkeit unterwegs war).

18:25 Land-ho! Die hohen brauen Felsenklippen bei La Coruña sind selbst aus 27 sm Entfernung zu sehen. Und plötzlich ist die See wieder voller Betrieb. Kleine Fischertrawler, aus Frankreich herüber. Merke: auch der Fischer hat gerne Landsicht (Grüße an Nina!). Es wird dunkel, die französischen Fischer werfen ihre starken Scheinwerfer an und juckeln los, Richtung Heimat. 21:30 Handy hat Empfang – Beruhigungs-SMS an Paula abgesetzt: »Ich kann Spanien sehen!«.
Irgendwas stimmt nicht mit dem Herd. Nur eine Flamme geht noch. Sollte die Gasflasche schon wieder leer sein? Hab ich erst in Dartmouth ausgetauscht!
Selbst als ich nahe an der Küste bin, liegt La Coruña noch um ein Kap herum, 21 sm entfernt. Auch bei günstigstem Wind bleiben noch mehrere Stunden zu fahren.
Dann dreht der Wind in alle möglichen Richtungen, ich bekomme die Selbststeuerung nicht wieder justiert, steuere die letzten Meilen von Hand. Im ersten Licht, als hätte ich es so geplant, hole ich in der Hafenzufahrt die Segel ein, befestige die neuen Festmacherleinen (4 Stück) und hänge die Fender raus (6 Stück). Ich starte den Motor, die Einfahrt dauert noch über eine Stunde, und bin bereit für den ersten Anleger nach sieben Tagen. 07:30 passieren wir in der Hafeneinfahrt den Torre Hercules, – aus der Römerzeit, der älteste noch in Betrieb befindliche Leuchtturm der Welt! –, um 08:30 liege ich fest in der Marina Coruña. Ich habe sie angefunkt, aber keine Antwort erhalten. Da klärt sich mit den beiden supernetten Hafenmeistern der Frühschicht auch mein Funkproblem: Irgendwann habe ich den Squelch (Rauschunterdrückung) zu hoch und dafür die Lautstärke zu niedrig eingestellt. Das Funkgerät funktioniert völlig einwandfrei, man muss es nur zu bedienen wissen!

Netter könnte der Empfang nicht sein. Der Hafenmeister kocht mir Kaffee, sein Helfer legt mir eine selbstgedrehte Zigarette hin (die erste seit vier Tagen!)  – geht nicht besser. Nur der Boden schwankt, ich bin noch etwas unsicher auf den Beinen. Eine lange heiße Dusche später (die erste seit sieben Tagen) und ich bin wieder jung. La Coruña ist ein Traum.

Voll die Flaute!

13. Plymouth

Und dann stirbt auch noch die Queen … Am Donnerstag (8.9.) um halb fünf zufällig (?) Radio eingeschaltet. Die BBC sendet auf allen Kanälen weltweit ein und dasselbe Programm: aktuelles Magazin zum Tod von Elizabeth II. Sie ist im Geschirr gestorben, zwei Tage zuvor hatte sie noch den alten Premierminister verabschiedet und die neue begrüßt (sie wollte dafür sogar noch nach London reisen!), nur einen Termin am Tag zuvor hatte sie auf Anraten ihrer Ärzte absagen lassen. Kaum Musik im Radio, nur Nachrichten und Erfahrungen, kurz nach halb vier ist die Nachricht durchgesickert, um sechs gibt es eine Ansprache der neuen Premierministerin, sie weiß auch schon den Namen des neuen Königs: Charles III. So wird das tagelang gehen, Berichte über alltägliche Begegnungen mit der Queen, aufmunternde Musik, Elton John hoch und runter (Hallo, Beate!). Ein Arbeiter aus Schottland berichtet, wie er einmal zwei Stunden zu Fuß zur Route des Königinnen-Trosses marschiert ist, und sich dann, als die Karosse vorbeifuhr, so tief verbeugte, dass er von der verehrten Königin rein gar nichts gesehen hat. Einer ihrer Sicherheitsleute berichtet von einer Wanderung in der Nähe von Schloss Balmoral (wo sie gestorben ist), zwei amerikanische Touristen strichen dort auch herum, trafen die freundliche alte Dame und wollten, dass sie ein Foto von ihnen macht, reichten der Queen das Handy … Der Wachmann ging dazwischen, übernahm die Kamera, und schoss das Foto – die Amis hatten die Queen in ihre Mitte genommen. Aber bis zum Weitergehen ein paar Minuten später keine Ahnung, nicht den blassesten Schimmer, wen sie da getroffen hatten … kaum waren die Amis weg, raunte die Queen zu ihrem Sicherheitsmann, sie wäre gerne Mäuschen („a fly on the wall“) wenn die Amerikaner zuhause ihre Fotos zeigten und irgendjemand erkannte, wen sie da in ihre Mitte genommen hatten. Humor scheint sie jedenfalls gehabt zu haben.

Draußen ist plötzlich alles still, kein Motordampferbrummen, kein Verkehrslärm, selbst die Möwen scheinen den Schnabel zu halten. Fehlte nur noch, dass auch die Tide zum Stillstand käme …

Kurz darauf weht die Flagge über der Marina auf Halbmast. Ich habe die courtesy flag noch oben. Was tun? Ist das ungehörig? Außerdem ist eh die falsche Flagge, die britischen Seeleute fahren nicht den Union Jack, sondern „The Ensign“, eine dunkelrote Flagge, die den Union Jack nur im oberen linken Quadranten zeigt. Hole ich meine falsche Flagge ein. Axel ruft an, ob ich die Neuigkeit schon mitbekommen hätte? Auch in Deutschland läuft anscheinend eine Sonderendung über den Tod der Königin. Gut ist, dass nicht nur ich, sondern fast ganz Großbritannien nicht weiß, wie man sich beim Tod einer Monarchin zu verhalten hat, es war einfach zu lange her … Morgens hat Uli angerufen und mir ins Gewissen geredet, ich solle mir für die Biskaya doch einen Skipper anheuern, die Freunde hätten sich Gedanken gemacht, Uli würde auch Geld beisteuern, wenn es daran scheitern sollte … Freunde sind Gold. AM nächsten Tag frage ich in der Marina, am Freitag Abend auch Gareth und Lisa. Sie sind für das Wochenende nach Plymouth gekommen, um die Lorelia heimzuholen.

Samstag Mittag (10.09.) geht es los, es herrscht wenig Wind, wir schaffen es nur bis Salcombe, ehemaliges Fischerdorf am tief eingeschnittenen Flusstal, heute der Ort mit den höchsten Grundstückspreisen in ganz Devon. Der Hafenmeister weist uns eine Boje weit oben im Fluss zu, ein Wassertaxi bringt (die Hunde zum Gassigehen und) uns zum Hafen, Abendessen im Pub und Billiard. Hat Spaß gemacht (mindestens dreißig Jahre nicht mehr gespielt, Gareth zieht Lisa und mich nach Strich und Faden ab). Hätte ich unseren Hochzeitstag nicht verschwitzt, wäre das die angemessene Feier gewesen …

Sonntag um halb eins (die Kinder und Hunde auf der Lorelia schlafen lang) losgemacht und rausgetuckert. Draußen stehen Wind und Strom so ungünstig, dass wir es nicht einmal straks nach Süden schaffen (wir müssen nach Osten). Also von zwei bis halb sieben motort, gute Belastungsprobe für die alte Tucke. Läuft wie die eins. Motorsailing, beliebt bei den Briten: So tun als ob man segelt, aber die Maschine mitlaufen lassen. Video? (folgt hier:)

Um halb vier liegt Salcombe endlich wieder querab, um halb sieben festgemacht am Visitor Pontoon in Dartmouth. »It feels like coming home!« (Ulli Depp, nachdem er zum ersten Mal aus eigener Kraft hereingekommen ist – und nicht geschleppt. Wahrscheinlich war ich einfach zu lange hier.

Gareth kämpft, wie ich später erfahre, zwei Stunden mit seinen Mooringleinen, die anscheinend die Spannung der gesamten Yachtenreihe aushalten müssen, an denen die Schiffe aufgereiht hängen; außerdem sind Dinghy und Laser (kleines Segelboot) vom Regen der vergangenen Woche vollgelaufen. Ich warte jedenfalls vergeblich, gehe noch in den Pub. Betrunken sind die Briten mindestens so herzlich wie die Kölschen. Louis ist Sous-Chef in einem angesagten Restaurant und in Redelaune. Draußen telefoniere ich kurz mit Paula (»Wo bist du?« – Ich muss auf das Kneipenschild schauen, »Im Dolphin.« – »Ich weiß genau, wo du stehst, hinter dir ist die Markthalle und über die Straße die französische Konditorei!« – magisch und erhebend. Und romantisch. Seit sie in Dartmouth war, ist Paula meinem Projekt sehr viel näher.

Montag (12.9.) Nick (Elektroniker) telefoniert (nach Plymouth hat er es nicht geschafft). Er kann frühestens am Mittwoch gucken, ab Donnerstag ist er auf der Bootsmesse in Southhampton, für zehn Tage … scheiß drauf. Endlich die Motorbilge saubergemacht (Diesel, Wasser, Scheißjob) weil Gareth endlich mit den Treibstoffkabeln zufrieden ist und mich fahren lässt. Mittwoch will ich los.

Am Dienstag das Drehzahlmesserkabel repariert, um halb zwei holt Gareth mich ab, wir fahren die Zwillinge von der Schule abholen, Riesenauftrieb, alle SUV-Mütter stauen sich in dem kleinen Ort, um ihre Sprösslinge in Empfang zu nehmen. Gareths BMW mit der aufgeflexten Kühlerhaube (aus der der rot lackierte Torbolader hochsteht) ist das bei weitem lauteste. Das Zuhause der Familie in einer Reihenhaussiedlung der Gemeinde ist noch nicht ganz fertig renoviert, Gareth will die Böden abziehen, wird sicher schön. Lisa hat jedes Zimmer im Vollton gestrichen, das Schlafzimmer tiefscharz. Durch die weißen Tür- und Fensterrahm und weiß abgesetzte Decken (Stuckleiste auf 7/8) Höhe wirkt das sehr lebendig (»Ich hasse weiße Wände.«) Die Kinder zeigen ihre Zimmer, werden bespielt. Pünktlich um halb sechs Aufbruch zum Abendessen. Bantham Beach ist (nicht nur im Sommer) ein höchst populärer Strand, eine weite Bucht, die Mündung des Avon, ein unendlicher Sandstrand, eine vorgelagert Insel (mit Luxuhotel, Sea-Traktor, ein hochbeiniger Bulldog, der auch bei mittlerer Flut Hotelgäste zum Festland übersetzt). Vor allem ist der Strand aber für Lisa und Gareth mit Erinnerungen verbunden. Hier stand auf einer Weide direkt am Strand der Caravan von Lisas Großvater (und dessen Großvater), hier hat sie die Sommer ihrer Kindheit verbracht, diese Bucht war der Grund, warum sie nah Devon gezogen sind, in den Caravan, dort haben die Zwillinge ihre ersten Jahre erlebt, dort hat Badger Kaninchenjagd gelernt »A rabbit a day is the healthiest diet for a dog you can have.«. Wehmütige Stimmung. Außerdem ist Bantham ein mythischer Ort. Seit der Bronzezeit als Hafen genutzt (Artefakte (Handelswaren) aus ganz Europa), unter den Römern der wichtigste Hafen Britanniens, am Hang sind noch Ruinen einer römischen Villa (mit Fußbodenheizung) zu sehen. Außerdem gehen wir in den Pub (”the Stoop Inn“), wo Lisa jahrelang gekellnert und ihre beste Freundin Micha (Miehscha) kennengelernt hat. Die sollte dort heute arbeiten, bekam aber kurzfristig abgesagt. Und kommt trotzdem mit. Ein Energiebündel, wilde Locken, funkelnd Augen, ansteckendes Lachen – und sie hat schon alles über mich gehört. – Nur Gutes, hoffe ich? – Nein, schlreckliche Dinge!.

Lisa und Micha bekommen im Pub nicht nur den besten Tisch, sondern auch Mitarbeiterrabatt. Fischpastete (Fish Pie, mit Kartoffeln und Käse überbacken, Sticky Toffee Pudding mit Custard (Vanillesoße) – »The most typical britisch desert!« und, weil Micha und Lisa die Getränke übernehmen, troztdem das günstigste Abendessen bisher. Nach einem wunderschönen und bewegenden Strandspaziergang.

Lisa hat eine Überraschung für mich, ein selbstgemaltes Bild: »Set Sail to the Seas of Wonder.“ Peinlich, dass ich nichts für sie habe.

Nachts muss Gareth noch in die Werkstatt, ein Kunde wartet auf sein Auto, und setzt mich oben in Dartmouth ab.

Mittwoch früh um halb acht verdunkelt sich die Sonne, weil ein riesiges Kreuzfahrtschiff in den Dart einfährt: die it Maud von Hurtigrouten Explorer. Sie kann kaum wenden auf der Fläche oberhalb der Higher Ferry (die stillsteht) und ankert vor dem Stadtanleger mitten im Fluss.

11.30 abgefahren, vorher noch „red diesel“ vollgetankt. Um halb zwei Stanton Beach (Trainingsgelände für die Invasion der Normandie) passiert, um 14:00 stehen white horses vor Start Pont., eine Viertelstunde später Bantham passiert. Um sechs, eine Stunde motort, der Wind war eingeschlafen, wird es urplötzlich windig, die See kabbelig. Also kurzerhand in den Yealm River eingebogen. Geheimtipp: der zweite, obere Ponton ist weit weniger populär und voll (hat Morgensonne, der untere dafür Abendsonne, erklärt mir der Hafenmeister am nächsten Morgen, der mich mit an Land nimmt).

Zauberhafter Morgen am Donnerstag (15.9.) Wind und Fluss still und spiegelglatt. Vor den steil ansteigenden bewaldete Hügeln im satten Grün fühlt es sich an, als ob man im Blautopf ankerte. Eingekauft, Wassertaxi zurück zum Boot. 11:50 Abfahrt, eine Stunde gesegelt, aber der Wind kommt von vorn, 14:15 an in der Mayflower Marine, Plymouth.

Suchbild: Elizabeth in Plymouth

Lisas Bild im Salon aufgehängt, Zeit zum Lesen

Szczepan Twardoch: Das schwarze Königreich. Große und erhaben. Und schrecklich Über Juden in Pulen in beiden Kriegen, vor allem im Zweiten, im Ghetto, im Aufstand und nach der it Großaktion – dem massenhaften Abtransport nach Treblinka. Ganz großer Stoff, groß erzählt. Mitnehmend und erschütternd. Danke, Georg und Brigitte!

Auf der Yacht gegenüber arbeitet ein Elektroniker. Kurzerhand angesprochen, kommt er viertel nach vier herüber (»That’s the dryest Moody I have ever seen.«), schaut sich mein System an, kennt sich aus. „We‘ll get you on your way.« Bringt noch einen Kollegen mit, sie besprechen. Ist zwar wahrscheinlich die teuerste Chandlery unter den eh schon teuren Bootsbedarfsläden, aber ich brauche nicht zwei Wochen lang hinter irgendeinem Nick Bloomfield hertelefonieren, der zwar superfreundlich klingt, aber eben nie Zeit hat.

Am Freitag (16.9. gestern) kommt Darren (ich hab über Nacht die Bodenbretter rausgenommen und alle Kabel freigelegt) und macht sich ans Werk. Hievt mich auch zwei Mal in den Mast (»Eine Ein-Gang-Winsch? Du bist zu schwer. Ich kann dich nicht hieven, du musst klettern!« Am Ende zieht er mich hoch, indem er mit einer Hand ins senkrecht gespannte Fall greift), checkt alles, flickt alle Kabel, ich brauche einen neuen it Transducer (Echolot und Geschwindigkeitslog), repariert meinen Windanzeiger, zeigt mir, wie ich ihn montieren muss etc. pp. – Glückseeligkeit: Alle Instrumente funktionieren wieder. Im Überschwang bestelle ich gleich noch 30m Kette (Gareth hat am Vorabend (halb elf, ich hatte schon nicht mehr mit ihm gerechnet) den versprochenen Anker gebracht, ein Riesenmonster, 34 Pfund, siebzehn Kilo. Aber: Je schwerer der Anker, desto sicherer. Außerdem hat er noch eine Dieselleitung ausgetauscht und sich endgültig verabschiedet. Wehmütig.

Umd fünf ist die Rechnung fertig, Darren hat mir gnädigerweise nur vier Stunden aufgeschrieben, obwohl er fast den ganzen Tag hier war. Trotzdem 790 Eier (allein der Transducer waren 400, außerdem noch 480 für Kette, Schäkel und Bojengreiferautomatikarm. Geht meine Kreditkarte in die Knie.

Bis Abends Kette eingebracht, vermessen, gekennzeichnet, Anker montiert.

Zur Belohnung Abendessen im Wildwood, im angesagten neuen Ausgehviertel Royal William Yard. Pizza, Salat, Tiger Beer.

Nach dem Essen bringt die Bedienung das Kartenautomätchen. »The client.« – Hä? – »the client!« Klar bin ich der Kunde, aber was soll der Kunde machen? Da zeigt sie mir das Display und der Groschen fällt (größere Münzen wären eh nicht mehr drin): it declined. Meine Kreditkarte weigert sich.

Und nachts den letzten Rest Eifelwhisky (Danke, Wolfgang und Claire!) getrunken.

Heute morgen wieder Queen-Radio. Sechzehn Stunden beträgt die Wartezeit in der der Schlange, die bei St. Paul’s Cathedral anfängt, über die wobbly bridge zum London Eye und über die Westminster Bridge zurück zur Aufbahrung geht. Sehr zivil, gute Stimmung sei in der Schlage, machen haben die gesamte Nacht über gewartet. Erst in Westminster Hall sei die Stimmung sober and sombre. Dass die halbe City im Stau steckt bzw. gesperrt ist, versteht sich von selbst. Gestern abend noch Öl und Gareths alte Kette weggebracht. Und vier tadellose neu Festmacher (weiß, rote Punkte) gefunden, auf dem Müll. Die Elizabeth (plötzlich findet jeder den Namen des Schiffes schön!) bekommt ein neues Styling: Vier Festmacher in denselben Farben – sobald ich Zeit zum takeln finde … Heute früh letzte Blaubeermarmlade gegessen. War superlecker. Danke Doro! (Andere Doro). Tiden und Wind gecheckt, Kurs geplant: 250° geht es nach Falmouth.

Ü5 Mondüberglänzte Zaubernacht

Bis eins hat es gedauert, die Eingeweide der alten Else wieder zusammenzusetzen. Duschen , Einkaufen, Abspülen. Auf dem Weg zum Supermarkt: Mount Wise und das Scott Memorial, das den Polarforscher ehrt. Eine windgepeitsche geflügelte Victoria ist dabei, den Helden mit gleich zwei Lorbeerkränzen zu krönen. Held wurde Scott allerdings erst posthum. Prall vor Stolz und Selbstüberschätzung und ein Meister der Selbstvermarktung (in seinen Tagebüchern) »Wären wir zurückgekommen, hätte ich Geschichten erzählen können von Wagemut und Opferbereitschaft …« (auf die er allerdings angewiesen war, weil seine Pläne realitätsfern und überehrgeizig waren). Gute Story jedenfalls. Für den künftigen Helden war das Beste an Material und Ausrüstung gerade gut genug. Oder wie die Abenteurerweisheit der Zeitgenossen wusste:

»Willst du die beste Ausrüstung, fahr mit Scott.
Willst du erfolgreich sein, fahr mit Amundsen.
Willst du zurückkommen, fahr mit Shakleton (der bei seiner mindesten ebenso wagemutigen Expedition zum Südpol ungeheure Schwierigkeiten zu meistern hatte (für die er nichts konnte), zurückkam und keinen einzigen Mann verlor (Frauen waren nicht dabei). Scott jedenfalls war aus dem Holz, aus dem Helden gemacht werden. Muss man wollen.

Kurz vor 17:00 losgefahren, noch im Hafen das Hydrovane-Ruder eingesteckt (blöde Arbeit, geht leichter mit meinem neuen Gummizug-System, aber mir noch längst nicht leicht von der Hand). Schon vor dem Wellenbrecher im Hafen von Plymouth die Segel gesetzt und auf it einem Bug [ohne wenden, also den Bug durch den Wind drehen zu müssen] bis Falmouth geprescht. Der Wind stand ideal, NW 4 bis 5, in Böen 6 waren angesagt. Hoch (nicht hart) am Wind jagte die flotte Elsbeth behände übers Meer, in Rauschefahrt wie das Windspiel, das sie ja eigentlich auch ist. (Moodys haben den Ruf, bei wenig Wind lahm zu sein, aber mit viel Wind gut klarzukommen). Traumhafter Sonnenuntergang, laue Nacht (zu Anfang), wolkenloser Sternenhimmel. Lizzy machte mächtig Fahrt, in der Spitze 7 kn (12,5 km/h), im Durchschnitt über sechs Knoten! Entspricht fast 11 km/h oder einem gemächlichen Radfahrer. Aber die Elli braucht nie eine Pause und nichts zu futtern und fährt auch die Nacht durch. Geniales Gefühl. Gegen Mitternacht ging der Mond auf, fahl in seinem Hof, doch dann leuchtend gelb und schief hängend wie ein Orangenschnitz. Sehr romantisch.

Und dann strichen noch zwei Delphine (oder sehr große Tunfische, waren in der Dunkelheit nicht zu erkennen) ums Boot, tauchten planschend auf, zischten nur wenige Meter entfernt dem Schiff entlang (und jagten ihm locker davon), zogen im flachen Winkel seitlich weg und rasten gleich darauf wieder heran, unter den Rumpf, wahrscheinlich um den Ballastkiel herum. Warum ich das alle so genau beschreiben kann, wo es doch stockdunkel war (der Mond stand noch flach)? Weil sie sekundenlang grünlich fluoreszierende Spuren durchs Wasser zogen, konnte ich erst nicht glauben. Aber die Tauchspuren glänzten geistergrün, auch auf der Backbordseite, konnten also keine Reflexionen von den Navigationslichtern sein (die sind Bb rot). – Ein märchenhaft magischer Moment, eine verzauberte Viertelstunde. Genial, majestätisch, romantisch, umwerfend. Besser kann es nicht mehr werden. Ein 10er Tag (oder besser: eine 10er Nacht).

Auch weil: Gegen halb zwei wollte ich mich ein Stündchen hinlegen, auch um mich an den Schlaf-Wach-rhythmus zu gewöhnen. Ein letzter Kontrollblick auf Karte und Navigationsbildschirm – oha, wir sind nur noch 8,3 sm vom Ziel (auf dem Festland) entfernt! Bei 5,5 kn Fahrt krachen wir in anderthalb Stunden auf Fels! Wollen wir nicht schon wieder. Zwei starke Kaffees gekocht, wach geblieben. Halbe Stunde später lässt der Wind nach, mit nur noch 3 kn nähern wir uns Falmouth. Erste nächtliche Annäherung an einen unbekannte Hafen für mich. Will man vorsichtig angehen. Und wie wir in der Hafeneinfahrt stehen, schläft der Wind kompett ein! Fantastisch! In aller Ruhe kann ich die Segel streichen, die Fender raushängen, die Festmacherleinen klarlegen. Und dann mit meinem superzuverlässigen Motor gemütlich (1800 U/min, 3,2 kn, später 1000 U/min, wird das Boot so langsam, dass die Navi-Software aussetzt). Laut Karte muss ich durch ein Feld von vor Anker oder Bojen liegenden Yachten, geisterhaft tauchen sie aus der Dunkelheit auf. Zum Glück reflektieren die Lichter der Stadt (auch) genau vor mir und ich kann das Wasser spiegeln sehen. Außerdem sind die Seitenmarkierungen (Bojen) des Fahrwassers beleuchtet und blinken mich freundlich herein. Die Falmouth Premier Marina antwortet nicht auf meinen Funkruf (inzwischen ist es halb drei), die Gasse zwischen den Yachten an ihren Schwimmstegen sieht eng aus. Was tun? Am Vorderende des Piers gibt es eine Tankstelle. Jetzt, mitten in der Nacht, arbeiten die nicht. Also mache ich prügelbreit am Tankanleger fest. Große Erleichterung, große Begeisterung. Was für eine Nacht! Höflichkeitshalber gehe ich die Stege landeinwärts zum Büro des Hafenmeisters, mal sehen, ob er Aushänge für Besucher angeschlagen hat. Kommt da ein Typ raus, Wachmann. Er habe mich gehört, auch auf meinen Funkruf reagiert. Er ist superfroh über die Abwechslung und erzählt mir bei einer Zigarette (die war der Hauptgrund, warum ich mich von der Tankstelle entfernen wollte) sein Leben: wohnt auf seiner Motoryacht, 50 Jahre alt (das Schiff) selbst renoviert, hier im Hafen (zeigt mir ein kunstvoll musikunterlegtes Video der Inneneinrichtung), hat eine kranke Frau im Pflegeheim, wird sich gleich einen einschenken etc. Ihm ist langweilig, die Nachtwache zieht sich. Nur: Liegeplatz gibt es keinen, die Marina ist rappelvoll belegt, alles Dauermieter. Soll ich bis zum Morgen warten.

Morgens (drei Stunden geschlafen, ich will früh im Marinabüro sein und einen guten Eindruck machen) kommt die Tagwache. Sie haben tatsächlich keinen Platz, um neun macht die Tankszelle auf, dann muss ich weg sein. Superfreundlich dabei und herzlich, it cheers!

Andere Marina angerufen, Boot umgesetzt, um 10:30 bin ich wieder an Land. Großes Frühstück, Obst und Gemüse und Säfte kaufen, (Bastelladen Torga o.s.ä. entdeckt, Häkchen für Kojensegel gekauft, telefoniert, geduscht, diesen Blog geschrieben – ist der Sonntag auch vorbei. Morgen ist die Beerdigung der Queen. Ihr zu Ehren gehe ich gleich einen heben. Alles Bestens eben. Geht nicht besser. Jetzt nur nicht übermütig werden! Oder gar, Scott bewahre, selbstüberschätzend!

BEM: In Falmouth ist schlechtes WiFi, deshalb diesmal keine Fotos, liefe ich nach.

Nach dem Bruch – 12. Nach Dartmouth

Ende August ging die Elizabeth wieder ins Wasser und lief sogar fast eine halbe Stunde aus eigener Kraft. Beweise? Hier:

25. August 2022 – ein schöner Tag

Nachträge:

Seit 7. Juni war ich im Gästeappartment der East Cornworthy Farm untergebracht, bei der Familie, die Blackness Marine betreiben. Zwei Minuten Fußweg zum Schiff, sehr praktisch. Das Wochende 11./12. Juni mit Gareth, Lisa, Zac, Oli, Etty (Badger und Moss) auf der Lorelia verbracht. Ausflug zur Fishcombe Cove bei Brixham, wo alles passiert ist. Am Samstagnachmittag das untere Teil des Skegs und ein Stahlteil vom Kiel gefunden. Die Felsen zeigen noch immer Abschürfungen und Reste der schwarzen (und darunter blauen) Farbe meines Unterwasserschiffs.

(Abschürfungen nicht zu erkennen)

Am Sonntagvormittag (Niedrigwasser um 10:45) vergeblich den Anker gesucht. Traumsegeln hin und zurück, Fish&Chips in Brixham, Grillschinken im Brötchen auf dem Boot.

Anfang Juli bin ich, wie lange geplant, auf Heimaturlaub gefahren.

Lobpreis

(vom Stand vor der Rückfahrt nach Köln)
Weil es mir ein tiefes Bedürfnis ist und auf Anregung einer reizenden älteren Dame (meiner Mutter) formuliere ich hier meinen Dank an „Jenes Höhere Wesen, das wir verEhren“ (Heinr. Böll (?)):

Dank dir, JHWE…
– dass in der Zeit auf den Felsen bei Brixham nicht Schlimmeres passiert ist, dass die Rettung in Gestalt der RNLI so rasch kam, dass den Rettern, vor allem dem Helden, der auf das Boot geklettert ist und das Abschleppen organisiert und dirigiert, dann das Leck am Ruderkoker abgedichtet hat, mich mit seinen Kollegen in den Hafen und auf den Platz zum Trockenfallen geschleppt hat, nichts passiert ist;
– dass du mir so viele kompetente Helfer geschickt hast;
– dass mir nichts passiert ist, dass ich zu keiner Zeit Sorge um mich selbst haben musste,
– dass du mir Gareth und Lisa, Zac, Oli, Etty und die beiden Hunde geschickt hast, die mich nicht nur beraten und unterstützt, sondern auch nach Dartmouth geschleppt haben, mich getröstet und bekocht und eine Woche später wieder an die Schiffbruchstelle mitgenommen und das abgebrochene Teil des Ruderskegs gefunden haben – und inzwischen gute Freunde geworden sind;
– dass du mir glücklich die Hand geführt hast beim Entrosten der Schrammen und Abschürfungen am Kiel, beim Ausbau des zerbrochenen Ruders und des verbogenen Ruderschafts, beim Abschrauben der verbogenen Anoden und Entfernen der Schrauben der abgescherten Anode, beim Zersägen des Ruderblatts und Herausschälen den Schafts, beim Ausbau des Propellers, der Schaftstütze (P-Bracket) und der Schaftabdichtung, beim Bohren und Einkleben einer starken Gewindestange um den Skeg zu schienen, beim Laminieren unzähliger Lagen Epoxy um den Skeg, beim Zusammenkleben der beiden Ruderblatthälften und der Rekonstruktion der abgebrochenen Teile;
– dass du mir Louay (Epoxy-Spezialist) geschickt hast, der vier Mann dazu gebracht hat, den unreparierbaren Ruderschaft mit aller Gewalt wieder geradezubiegen, James und Tom, die das Boot aus dem Wasser geholt und fachmännisch manövriert und gelagert haben, Duncan, Engineer, der mir mit Mike einen extralangen Bohrer geschweißt hat, Jamie, der mit einen Excenterschleifer geliehen hat, Kelvin, der versucht hat, einen stoffeligen Gebrauchtteilehändler in Florida dazu zu bringen, den Ruderquadranten nach Europa zu verschiffen, an Marylin und Richard, Gasteltern in der Higher East Cornworthy Farm, David und Rebecca, Manager der Blackness Marine, Pippa Harrington, überfreundliche Rezeptionistin,
– dass du mir (fast) durchgehend reparaturfreundliches Wetter ermöglicht hast (frische gewaschene Wettersocken? Angenehm, das, oder?),
– dass ich trotz Arbeiten mit gefährlichen Werkzeugen (Winkelschleifer, Stechbeitel) von Verletzungen verschont geblieben bin,
– dass meine zweite Socke (aus Gravelines) wieder aufgetaucht ist,
– dass du mir immer wieder neuen Mut geschenkt hast, auch wenn ich oft vor der Größe der Aufgabe zurückgeschreckt und am Ende, wie immer, in Zeitnot geraten bin …
DANKE

Für den Juli (ich in Köln und Waltenhausen) war vereinbart, dass Gareth sich um den Motor kümmert (einmal komplett überholen, einzelne Schläuche und Kabel austauschen, die er für marode hält) und dass Louay die Reparatur des großen Lochs im Rumpf um den Ruderschaft angeht. Passiert ist das nicht. Gareth hat den Propellerschaft ausgebaut und ihn zusammen mit dem Propeller zu seinem Kumpel Ben gebracht, der mit einem Händchen für Metallbearbeitung gesegnet ist.

Ben (rechts; hier mit dem Ruder und dem exakt angepassten -Quadranten)
Dartmouth Sailing Week
So., 28. August, Dartmouth, Devon

Ruderwettbewerbeauf dem Fluss(für Familien, Kneipenmannschaften, KellnerInnencrews), Fässerrollen und ein Riesenjahrmarkt am Kai und auf der Promenade, gestern Nachmittag die Flaggenparade ausgewählter Schiffe vor dem Innenstadtufer, Yachten und Boote aus den letzten hundert Jahren (Kielboote mit Dampfmaschinen!) und gestern Nacht großes Feuerwerk am Fähranleger – Dartmouth feiert die Wiederinbetriebnahme der Elizabeth mit großem Tamtam!

Parade on the dart

Ein Witz, selbstverständlich. Mit seinem unfehlbaren Anfängerglück ist Skipper Klein-Ulli beim Zu-Wasser-lassen seines Bootes in den Dart ausgerechnet in das betriebsamste Wochenende der gesamten Saison geraten. Gab selbstverständlich Stress …

Die Kurzfassung:
  • Bilanz: vier Wochen Segelreise, sieben Wochen Reparatur: kein gutes Verhältnis;
  • Kosten: reine Reparatur ca. 5000 GBP (€ 6500); Unterbringung, Mietwagen, etc.: nochmal das Doppelte drauf;

Derzeitige Situation: Das Boot liegt im Wasser, zwischen zwei Mooringbojen, längsseits mit der Lorelia von Gareth, Liza und den Kindern. Es ist absolut dicht und hat auf den ca. drei Meilen von der Blackness-Bootswerft bis hierher auf Ruder, Motor, Propellereinsatz gut reagiert und ist gefahren, als wäre nie etwas passiert. Jetzt richte ich die letzten Kleinigkeiten wieder her und hoffe, dass ich zum (nächsten) Wochenende Richtung Plymouth starten kann. Ach ja: der Motor funktioniert noch nicht wie er soll. Neue Regel: Wenn der Motor hier nicht erwähnt wird, ist davon auszugehen, dass er funktioniert.
Über die Reparaturarbeiten schreibe ich nur ganz kurz, aber es gab einfach zu viele Leute, die mir geholfen haben, als dass sie hier unerwähnt bleiben könnten. Den Weiterverlauf der Reise findet ihr im übernächsten Kapitel: Ab Plymouth.

Zeittafel:
8. Mai: Abfahrt de Heen
3. Juni: Auflaufen nahe Brixham, abgeschleppt in den Hafen, Trockenfallen auf den Grids dort
5. Juni: von der Lorelia nach Dartmouth geschleppt
7. Juni in der Blackness Marine, East Cornworthy, Totnes, aus dem Wasser gehoben
(2. Juli: Rückfahrt nach Köln, 7./8. August: Wiederankunft Blackness zusammen mit Paula)
25. August: Launching Day

Große Ausname: Skipper in Freizeitkleidung
Juni: Warten auf Louay

In den vier Wochen, die ich nicht in der Werft war, hat Louay, der die Reparatur des Rumpfes mit Epoxy machen sollte, nicht angefangen (heute weiß ich warum). Jetzt kommt er auch nicht bei: Fußverletzung, Rückenprobleme, Gicht.
Arbeiten im Juni: Ruder ausgebaut, Ruderblatt aufgesägt, Ruderschaft ausgeschält (-gebrochen), gesäubert. Ruderblatthälften von Antifouling freigeschält. Propeller ausgebaut. Propellerbock ausgebaut. Propellerwelle auszubauen versucht (so großen Inbus mit Hebel habe ich nicht).
Löcher und Flickstellen im Rumpf freigelegt und mit Kreide gekennzeichnet: Löcher im Rumpf (orange), tiefe Schürfungen (grün) und oberflächliche Kratzer (weiß).
Bruchstellen und Kratzer am Stahlkiel entrostet und vorlackiert.
Kratzer am Überwasserschiff abgeklebt und geschliffen.
(Louay hat die Ruderwelle zu einer Spezialfirma gebracht, die haben es geschafft, das Ding geradezubiegen!)
Nach zwei Wochen bringt Louay endlich das zugesagte Werkzeug (Winkelschleifer, Lackkratzer) und ich kann anfangen, die Löcher und tiefen Kratzer im Rumpf zu flachen Trichtern (handbreite Ränder) auszuschleifen und mit so vielen Lagen Glasfasermatte und Epoxy zu bekleben, bis die Trichter wieder gefüllt sind (ca. 4-5 Lagen).
Um den Skeg [die Kielflosse, die das Ruderblatt nach vorne hält und stützt und das untere Ruderlager umfasst] zu stabilisieren, bohre ich zwei tiefe Löcher (Bohrerverlängerung geschweißt von Mike), nach oben in den Skegstumpf, nach unten in das abgebrochene Skegteil, das Gareth zum Glück an der Unfallstelle gefunden hat. Dahinein wird eine 10mm-Gewindestange mit Epoxy vergossen. Und die Flickstelle mit unzähligen Lagen Glasfasermatte verklebt.(Louay findet die Flickstelle am Skeg zu schwach. Er lässt sich bequatschen, den Skeg selbst zu reparieren.)
Ruderschaft in die beiden Blatthälften eingeklebt (epoxiert) und an den Fugen mit Glasfasermatte und Epoxy belegt. Fehlende Teile des Ruders (Oberkante am hinteren oberen Ende, Unterkante komplett) mit Holzkonstruktion ergänzt und mit Glasfasermatte überzogen.

»Your rudder looks like a rudder again!«

James

Die letzten beiden Lagen Glasmatte für das Ruderblatt aber nicht mehr geschafft, bevor am 2. Juli mein Zug fuhr.
Videozusammenfassung der Reparatur: Timelapse Reparatur Elizabeth

August

Am Montag, 8. August zusammen mit Paula in Cornworthy angekommen, Spaziergang zur Werft, Louay hat das größte Loch im Rumpf, rund um das eingedrückte Führungsrohr des Ruderschafts (Ruderkoker) und den Skeg großräumig freigeschliffen, viel zu tief (findet Gareth). Außerdem hat er Winkelschleifer, Glasmatten und Epoxy wieder an sich genommen. Warten auf L. ist angesagt.

Der Rest des alten Ruderkokers

Das Paket mit dem gebrauchten neuen Quadranten ist nicht angekommen, behauptet Pippa. Stellt sich zum Glück als Irrtum heraus. Für das andere Paket, das ich an mich selbst geschickt habe (ausgetauschtes Funkgerät, Geschenke für die Kinder) muss ich erst Zoll zahlen, bevor sie es zustellen (70 GBP).
Ben, Gareths Kumpel, den ich bis jetzt noch gar nicht kenne, soll es geschafft haben, die unreparierbare Propellerwelle gerade zu biegen. Am unreparierbaren Propeller ist er dran. Der Typ scheint wirklich zaubern zu können.
Louay bringt den verbogenen Propellerbock unbearbeitet zurück – seine Biegespezialisten sind nicht dazu gekommen. Gareth wird sich darum kümmern. Das Paket mit dem Ruderquadranten ist doch da, leider haben sie den falschen eingepackt. Stellt sich aber als Glücksfall heraus.

Der Quadrant

Ein Ruderquadrant lenkt den Impuls der beiden Steuerseile aus Stahl, die vom Steuerrad über Zahnrad und Kette bewegt werden, in eine Viertelkreisbewegung auf den Ruderschaft um. Er ist ein Formteil aus Aluminiumguss und in meinem Fall durch die schweren Schläge des eingerammten Ruderschafts in vier Teile zerbrochen. Ein Ersatzteil (gebraucht) findet sich im Internet, allerdings nur ein einziges weltweit. Es liegt bei einem Gerbrauchtteilehändler in Florida. Kelvin, Metallingenieur und Motorbootsbesitzer und Nachbar auf der Blackness Marine, bietet sich an, das Teil zu bestellen (»nach Europa liefern wir nicht«) bzw. von Bekannten in den USA bestellen zu lassen. Klappt leider nicht.
Auftritt Chris. Paulas Cousine Sibylle (lebt in New Orleans) kommt nach einigem Nachdenken auf den Namen eines guten Freundes, der a) in den USA lebt und b) bereit ist, sich den Quadranten schicken zu lassen und an mich weiter zu verschicken. Chris Carrol tut nicht nur das, er bequatscht den laut Kelvin unerreichbaren Gebrauchtteilehändler in Florida, legt das Porto vor und schafft es, das Teil innerhalb von zwei Wochen an die Blackness Marine zu schicken. Leider habe ich versäumt, ihm zu sagen, dass gar kein Zeitdruck herrscht – ich bin ohnehin nicht dort. Der Quadrant zeigt deutliche Gebrauchsspuren, ist aber voll funktionsfähig – theoretisch. Er muss noch aufgebohrt und angepasst (Keyway) werden. Ben erledigt das vorbildlich. Nur falsch instruiert. Gareth behebt das über Nacht.
Den alten geborstenen Quadranten habe ich auf Kelvins Rat hin mit nach Köln genommen und dort einen Schlosserbetrieb aufgetan, der Kontakte zu einem Spezialschweißer habe, der Aluguss schweißen könne. Stellt sich nach drei Wochen heraus, dass die spezielle Legierung meines alten Quadranten nicht schweißbar ist. Inzwischen ist es auch zu spät für die mechanische Reparatur mittels Edelstahlbolzen, die Kelvin vorgeschlagen hat. Also liegt jetzt ein Teil (liegen jetzt vier Teile) der Elizabeth in einer Werkstatt in Iversheim (Eifel).
Mit dem neu/alten Quadranten, der wie sich später herausstellen wird, das einzige Teil der alten Tante Else sein wird, das tatsächlich nicht mehr zu reparieren war, bin ich am Ende sehr glücklich und konnte Chris – endlich, mit sechs Wochen Verspätung! – ein Foto des eingebauten Quadranten schicken.
Louay ist inzwischen wieder hergestellt und erledigt die Reparatur am Ruderkoker innerhalb von drei Tagen: altes Kokerrohr ausbohren, Reparaturstelle innen freischleifen bis auf das nackte GFK-Gewebe, neues Rohr einpassen (den Flansch daran hat Louay über das Wochenende gegossen/gelegt – er sieht toll aus (der Flansch)!
Außerdem kommen wir bei der Reparatur zum Reden: Schon am ersten Tag hat er zum Marinamanager Dave gesagt, dass der Job am Ende wohl bei ihm landen wird. (Möchte nicht wissen, wie die sonst noch über den Deppen hergezogen haben, der erst sein Boot auf den Felsen setzt und dann behauptet, er könne es innerhalb von zwei Wochen eigenhändig reparieren …)
Und: dass keine Versicherung für die Reparatur aufgekommen wäre. Für die wäre das ein wirtschaftlicher Totalschaden gewesen. Weil: die hätten einen neuen Kiel gießen lassen, außerdem sämtliche Flickstellen am Rumpf VON INNEN reparieren lassen. Zum „reparierten“ Ruder möchte Louay lieber nichts sagen. Außer dass ich stets klarstellen soll, dass die Reparatur nicht von ihm ist.

Paula malt

Inzwischen sind zwei Wochen ins wunderschöne Devon-Land gezogen, Paula hat die Flickstellen am Unterwasserschiff grundiert (Primer) und zweimal mit Antifouling gestrichen, ich habe die Stellen am Überwasserschiff geschliffen und lackiert. Gareth hat den Propellerbock in der Mache. Wir setzen als Termin für das Zu-Wasser-lassen Montag, den 22. August fest. Da für die Elli ein besonders kräftiger Traktor und drei Leute gebraucht werden, muss der Termin mindestens einen Tag zuvor bestätigt/abgesagt werden. Er wird nicht klappen. (Aber das habt ihr euch sicher schon gedacht.)

Rush hour in Devon

Um das Ruderkoker-Rohr einzupassen, haben Louay und ich das Ruder eingesetzt. Sah gar nicht so schlecht aus. Aber als das Rohr eingeklebt ist, schabt die unförmig reparierte Vorderkante des Ruders am Skeg. Schlecht. Louay hätte das Ruder völlig neu aufgebaut. Und mit Schaum ausgesprüht. Und in die alte Form gebracht. Mein Ruder ist unförmig verklebt, außerdem ist die Holzkonstruktion an der Unterkante irgendwie verrutscht und einseitig. Aber was solls, dachte sich Klein-Ulli, unter Wasser sieht das eh keiner. Von Louay kriege ich die Erlaubnis, seine Skeg-Reparatur ein wenig beizuschleifen, damit mein Ruder passt. Außerdem nehme ich von der Vorderkante Ruder so viel weg, wie ich mich traue, ohne dass die beiden Blatthälften wieder auseinanderfallen…

Zwischendurch: bei den Segelmachern

Neuer Launch-Termin ist Dienstag. Gareth ist noch nicht dazu gekommen, das P-Bracket in die Presse zu spannen. Laut Internet gibt es kein Ersatzteil. Wenn der Wellenbock beim Zurückbiegen brechen sollte, ist (nicht nur) guter Rat teuer …

Anderthalb Tonnen Hydraulikdruck – große Gewalt verlangt große Gegenkraft!
(Das P-Bracket (Propellerbock) ist das bedrängte Bronzeteil in der Mitte)

Das Ruder wird oberhalb des Kokerrohrs von einem Lager mit Packung [eingelegte Textilseile, die angepresst werden und den Schaft wasserdicht umschließen] gehalten. Als dieses Lager montiert ist, lässt sich das Ruder kein bisschen mehr bewegen. Das heißt, das Boot ist manövrierunfähig, die gesamte Reparatur für die Katz. Große Frustration am Freitagabend. Könnte man auch Verzweiflung nennen.

Kinderbespaßung


Am Samstagmorgen Reparaturversuch: falls das obere Lager „nur“ verkantet war und damit die Blockade ausgelöst hat, sollte sich das (theoretisch) durch Ausgleichen mit Unterlegscheiben lösen lassen. Klar, dass das Lager inzwischen (von mir) fachgerecht dick mit Abdichtmasse verklebt wurde, die sich nur schwer wieder entfernen lässt …
Klappt aber. Samstagnachmittag große Erleichterung: das Ruder (streift nicht mehr am Skeg und) lässt sich von Hand bewegen. Montagnacht hat Garreth es geschafft, das P-Bracket geradezubiegen (anderthalb Tonnen Druck in einer hydraulischen Presse, aufgeheizt bis fast zum Glühen).
Dienstag abend kommt Gareth mit Familie zum Picknick und setzt innerhalb von wenigen Minuten die Propellerwelle und das P-Bracket ein. Ein mittelgroßes Wunder.

Lisa, Oli (o.), Zac, Skip, Gareth, Etty (v.)
Gareth erklärt, wie er es geschafft hat

Mittwoch besorge ich neue Befestigungsbolzen und Anoden [Metallteile aus Zink (oder einem anderen unedlen Metall/Legierung), die Propeller und -schaft davor schützen sollen, galvanisch angefressen zu werden], es müssen speziell europäische sein, damit die alten Bohrungen passen. Bolzen eingesetzt und mit Marinekleber abgedichtet. Neuer Launch-Termin ist Donnerstag, nachmittags um halb fünf (hängt von der Tide ab: nur bei Flut ist genug Wasser im Dart). Wenn der Termin nicht klappt, kann David, sagt er, mich erst am Montag wieder einsetzen – er hat dreißig Boote im Wasser und alle Hände voll zu tun bis dahin. Inzwischen weiß ich warum: Dartmouth Regatta Weekend.
Donnerstag vormittag nur noch schnell den Quadranten einsetzen und die Steuerseile spannen (nicht zu sehr, sonst blockiert wieder alles – schon ausprobiert!), am Ende funktioniert die Steuerung leichtergängig als zuvor – bilde ich mir jedenfalls ein.
Und rasch die beiden Anoden anschrauben. Steuerbordseite passt gut. Backbord stehen die frisch eingesetzten Bolzen leider ein paar (fünf) Millimeter zu weit auseinander. Deswegen also war die alte Anode auf einer Seite aufgebohrt. Was tun? Anodenstahl wegfeilen? Sieht ziemlich massiv aus.
Also am Morgen des Launching-Tages ein zusätzliches Loch ins Schiff gebohrt. Bolzen neu eingesetzt, abgedichtet. Und zwei Stunden gewartet, bis die Dichtungsmasse einigermaßen fest genug ist, um die Bolzen anzuziehen und mit Antifouling zu überziehen. Rasch noch Staubsaugen, solange ich noch am Landstrom hänge … Frühstück bei Alf Resco.

Die Lower Ferry in Dartmouth (im Hgrd: Kingswear)

Nachmittags um eins hängt die Else bereits in den Gurten des Lift-Anhängers. Wenige Zentimeter über dem Boden, jedenfalls zu tief, um Antifouling an die Unterseite des Kiels zu malen, wo er die gesamten zwei Monate auf zwei Balken aufsaß.  Anoden festgeschraubt. Meine Sachen eingeräumt. Schiff einigermaßen seefest geräumt. Noch immer habe ich keinen Anker. Zur Sicherheit wenigstens ein Vorsegel aufgezogen.
Launch klappt vorbildlich. Bier für die Jungs.

»You’re a gentleman.«

Tom
Am Steg in Blackness (Die Werft liegt oben auf dem Hügel)

Um halb sechs kommt die Lorelia und geht an die Tonne, die für die eine Nacht für uns reserviert ist. Können aber keine zwei Schiffe dran. Also Ablegen (Paula macht ihren Crashkurs Leinenführung innerhalb von Minuten) und hinaus auf den Dart, strahlender Sonnenschein. Ruder und Motor funktionieren vorbildlich. Lizzy fährt sich, als wäre nie etwas passiert. Schiere pure Glückseeligkeit.

Sheer bliss

Nach zwanzig Minuten setzt der Motor aus. Die Lorelia schleppt uns an ihren Liegeplatz weiter unten am Fluss, vor Dartmouth. Anscheinend ist es mir nicht vergönnt, ein einziges Mal aus eigener Kraft in diesen Hafen einzulaufen …
Abends das Dinghi entfaltet und zu Wasser gelassen. Nur leider den Schlüssel nicht gefunden. Gesamtes Boot durchsucht.
Paula muss am nächsten Morgen um sieben an Land, um ein Taxi nach Blackness zu kriegen, dort den Mietwagen holen, ihn nach Exeter zurückfahren, dort ein Taxi zum Zug nach London zu erwischen.
Völlig fertig, zu keinem klaren Gedanken fähig, zusammengesunken auf der Bank im Salon. Wassertaxi per Funk angefordert. Muss ich am nächsten Morgen nochmal machen, sie nehmen keine Reservierungen an.
Nach ein paar Stunden Schlaf wache ich mitten in der Nacht auf und weiß, wo der Dinghi-Schlüssel ist: in einer Plastiktüte bei den übrigen Beiboot-Sachen (Benzinkanister, Kette, Schöpfbecher) in der StB-Backskiste. Tatsächlich finde ich ihn am Morgen genau dort. Dinghi-Motor springt sofort an, bringt Paula und mich auch ein paar hundert Meter Richtung Anleger, stirbt ab. Benzinhahn falsch herum auf- (also zu-) gedreht. Paula winkt einen heimkehrenden Angler herbei, der uns zum Fähranleger schleppt, wo wir festmachen und zum Taxi hetzen …

Am Ende klappt alles, Paula erwischt ihren Zug. Die Erleichterung setzt erst schrittweise und nach Stunden ein. Selbst am nächsten Tag, dem Samstag der großen Flaggenparade und des Feuerwerks kann ich es noch nicht richtig fassen, tatsächlich wieder an Bord zu sein.

Lizbeth: (spärlich) bewimpelt. Lorelia: riesig beflaggt (Capt. Blackbeard)

Montag, Bank holiday. Dartmouth ist am Sonntagmorgen zum regulären Betrieb zurückgekehrt (kein Parkverbot mehr, keine Absperrungen und Einbahn-Ampel in der Innenstadt, sämtlicher Müll verräumt). Was ich noch gebraucht hätte: ein Ersatzruder (meins hab ich in der Hektiknacht auf dem Dinghi gelassen, hat sich losgemacht und ist weg) und eine Ersatzgasflasche, die letzte war leer. Aber seit zwei Wochen gibt es in UK kein Gas in Flaschen – Lieferengpass.
Bis morgen (große Wäsche, Besuch im Internetcafé) hab ich Zeit zum Aufräumen.

Lizbeth, belebt

It takes a village (Danksagung)

Dank an James und Tom (Boot rausheben), Duncan (Packung Ruderlager), Mike (Bohrerverlängerung), Paul, Simon, Lee (Tischverleih), David (Manager), Rebecca (Rezeption), Pippa (Rezeption, Paketpost), Richard und Marilyn (Vermieter East Cornworthy Farm), Louay (GFK, Werkzeugverleih), Rouanne (Sprayhood), Gareth (alles Erdenkliche, Motor, P-Bracket, Riemen, Anker und -kette, Sturmfock), Ben (Wonder(Re-)BENder: Propeller, -welle, Quadrant), Chris (unbekannterweise, Quadrantverschickung), Kelvin (Metallberatung, Quadrantreparatur, Rudersicherung), Grahame und Sue (Vermieter Hunter’s Lodge, Cornworthy), Brigitte (französisch ausgesprochen) und Marge, (Vermieterinnen Red Lion Inn, Dittisham), Lindaon (Barmann Red Lion), Raymond (dito), Jamie und Kara (Schleifmaschine, Fahrrad), Liza, Oli, Zac, Etty (Seelentröstung), Herrn Rupperath, Iversheim (Quadrantreparatur), Paula (Antifouling).

Auf dem Weg nach Plymouth

Zum Erbrechen peinlich

oder

Neues aus der unbeliebten Reihe „Erfahrungen, die man niemals machen –Fehler, die man niemals zugeben möchte“

Dienstag, 30. August. Heute hat sich herausgestellt, das mein Schiffbruch ganz allein meine Schuld war. Und das ging so: Nach fast drei Monaten hatte ich endlich wieder Zugang zur Vorschiffskabine (die war mit den ganzen Sachen vollgestopft, die ich aus der Achterkabine räumen musste). Einer der Punkte auf meiner To-do-Liste war das Hochziehen (des Rests) der Ankerkette. Dabei hat sich herausgestellt, dass ich anscheinend nur weniger als acht Meter Kette gesteckt hatte, als sie gebrochen ist! 8m Kette bei 6m Wassertiefe ist selbst bei absoluter Windstille unsagbar doof. Im Sturm dagegen kriminell dumm. Ein Wunder, dass der Anker gehalten hat. Zunächst lag ich genau im Wind vor der Lorelia mit Liza und Gareth (und diese Tatsache war einer der Gründe warum sie ihren Platz an der Mooring so schnell wie möglich verlassen haben). Aber spätestens als sie weg waren, morgens um halb sechs, hätte ich ohne Probleme mindestens zwanzig Meter mehr Kette stecken können, die extremen Belastungen meiner Kette wären vermieden worden und der ganze Schlamassel wäre nicht passiert. Muss man sich mal klarmachen!

Keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte. Ich hätte jederzeit Stein, Bein und bei meinem Leben geschworen, das ich mindestens zwanzig, eher dreißig Meter gesteckt hatte. (Das war auch der Grund, warum ich den Anker später nicht wiederfinden konnte: ich hab an der falschen Stelle gesucht!)
Die Regel für die Ankerkettenlänge ist: fünfzehn Meter plus zweimal die Wassertiefe. Das wären in meinem Fall 27m gewesen. Und bei besonderen Belastungen (wie z.B. Sturm) mehr Kette zu geben, ist Lektion 101 im Kurs „Ankern für Dummies“. Jeder weiß das. Auch ich.

»Think. Think. Think.«

Marco, skipperte uns von Pula bis Mali Losinj.

Warum ich am fraglichen Morgen darauf nicht gekommen bin, ist mir schleierhaft. Wahrscheinlich sollte ich wirklich nicht alleine segeln. Den jeder und jede Mitseglerin hätte sich (und mir) am 3. Juni morgens die (bange) Frage gestellt: »Haben wir auch genug Kette draußen?«
Kein Wunder also, dass bei den idiotischen Fehlern, die mir unterlaufen, niemand mit mir segeln will …
Und die Spruchweisheit, dass man aus Erfahrung klüger würde, hätte ich mir in diesem Fall sehr gerne erspart. Deshalb klingen auch die Seglerweisheiten von Gareth, die ich mir gestern noch begeistert und leichten Herzens notiert habe, jetzt, in meinem neuen Leben als Vollidiot, in meinen Ohren ziemlich schal:

»Even the highest waves can‘t break a ship. Only rocks can.«

Gareth

»If what you’ve experienced didn’t scare you – nothing will.«

Gareth (auf meine Ankündigung hin, meine Reise abzubrechen, falls mir die Erlebnisse den Schneid abkaufen)

»You don’t step UP into a liferaft. You step DOWN.«

Gareth (über den richtigen Zeitpunkt, von einem sinkenden Schiff in die Rettungsinsel überzuwechseln)

Leider ist es erst zwei Uhr nachmittags, sonst wäre ich jetzt mehr als bereit, eine Flasche Rotwein aufzumachen. Außerdem muss ich noch zum Waschsalon, zum Supermarkt und nach Brixham in den Schiffsbedarfsladen.

Morgen bin ich mit Gareth zum Probesegeln (bzw. Probemotoren) verabredet. Hoffentlich habe ich bis dahin meine Selbstzweifel im Griff. Ein Vierer-Tag, höchstens, auf der Skala von 0=fürchterlich bis 10=genial (nur drei Tage vor dem Launch, als durch meine laienhafte Ruderblatt-Flickerei der Erfolg der gesamten Reparatur infrage stand, war ich noch niedergeschlagener). Bitte vielmals um Verständnis, aber manchmal müssen Seglerblogs, zumal dieser hier, doch tatsächlich weinerlich sein.
Draußen herrscht übrigens herrliches Sommerwetter, weht fantastischer Segelwind, zeigt sich Dartmouth von seiner hübschesten Seite. Und wahrscheinlich läuft sogar mein Motor.

Lorelia querab (die mir, obgleich zweieinhalb Meter länger, den Nachmittag über gerade mal zwei Bootslängen davonfuhr)

Plymouth

Montag, 5. September. Geht weinerlich weiter: Heute morgen auszulaufen versucht, alles vorbereitet, ablegen gegen den Wind mit rückwärts Eindampfen in die Spring. Aber der Unaussprechliche kommt nicht auf Touren, schafft es nicht, das Schiff vom Steg abzudrücken. Und dann funktioniert der Aus-Knopf nicht. Wahrscheinlich sollte ich diesen Blog umbenennen: Wieviele Probleme kann ein einzelner Motor machen? Aber gemäß meiner neuen Regel bin ich dann nicht ausgelaufen, sondern habe einen Mechaniker gesucht. Der kommt vielleicht bald.

Am Mi., 30. August hatte das Probesegelen nicht stattgefunden, Gareth hatte zu viel zu tun, die Familie kam erst gegen sechs. Dafür am Donnerstag (1.9.): raus aus der Dart-Mündung, Start Point gerundet (»der gefährlichste Ort der Küste« (Gareth, weil ich dort die Segel aufgezogen habe)), Bilderbuchsegeln bei Halbwind und der Tidenströmung im Rücken bis 8,2 kn (Rekord bisher!), im letzten Licht gegen halb neun auf dem völlig überfüllten Yealm River einen Platz am Ponton gesucht und dank hilfsbereiter Segler auch gefunden: es ist wieder einmal Regatta-Tag (Salcombe-Yealm). Nachts noch das Dinghy ausgefaltet: die Hunde mussten an Land.

Handwerkern hinterhertelefonieren … (Blickkontakt: Moss – und Etty)

Freitag Mittag wieder los, kaum Wind, deswegen motort. Vier volle Stunden ging das gut. Dann sind wir zurück nach Plymouth, ich wieder mal im Schlepptau.

Etty schleppt ab

19:00 am Ponton das Saltash Yacht Club (max. 2 Stunden). Lisa klärt mit dem Clubchef, dass wir über Nacht bleiben dürfen, weil M.-probleme. »Wir wollen ja nicht, dass ein manövrierunfähiges Boot im Hafen von Plymouth herumtreibt, oder?« Gareth schneidet ein undichtes Stück aus der Dieselleitung. Motor läuft wieder.

Aus dem Zug: Lorelia und Elizabeth im Päckchen am Anleger des Saltash Yacht Clubs

Samstag 7:55 den Zug nach Newton Abbot (große Pferderennbahn) zum Bootsflohmarkt (boat jumble) im Innenraum des Rennbahnrunds. Drei Fender und diverses Kleinzeug gekauft (und Pete Goss geschenkt bekommen, Lisas Lieblingsbuch). Nachmittags zurück, mitten in den Jahrmarkt am Kai, Gareths neues Dinghy geschleppt (mindestens 80 Kilo!) und einen Anschiss vom Hafenmeister kassiert: wir dürfen dort nicht festmachen!

Tatsächlich ist Saltash der perfekte Ort, um Besatzung aufzunehmen: zwei Stunden festmachen am Yachtclub sind erlaubt, acht Min. Fußweg zum Bahnhof an der Hauptstrecke London-Penzance. Gegen vier abgelegt, ziemlich im Sturm, zum Glück immernoch im Päckchen [Elizabeth seitlich gegen Lorelia geschnürt]. Denn: Motor setzt aus, Gareth kommt rüber und repariert Dieselschläuche. Halb sechs: Mayflower Marina, Plymouth (Luftlinie ca. 2 km). Abendessen im Wildwood, 20 min Fußweg, aber schick und lecker und sehr nett. Sonntag (4.9.) 10h losgefahren, aber draußen steigen hohe Wellen, 2-3m, es regnet – wieder reingefahren. Jetzt haben Lisa und Gareth ein Problem: am Montag müssen Oli und Zac in die Schule. Sie suchen jemand, der sie mit dem Auto abholt. Gegen zwei leg ich mich völlig erschossen zu einem Schläfchen und wache erst um fünf wieder auf. Border Force ist in Gestalt einer drei Mann starken Patrouille da, wollen wissen, wo ich losgefahren bin. Ich zeige auf die drei Meter entfernte Box, wo ich tatsächlich bis zum Morgen lag. Fanden sie nicht lustig. Ich muss die Yachtline anrufen, um meinen Stand bei der Immigration zu klären. Tue ich auch. Nur: die sind ausschließlich für ZOLLfragen zuständig, wie lange ich im Land bleibe ist denen völlig schnurz. Was fürein Chaos. Inzwischen herrschte Starkregen, ich hatte den ganzen Nachmittag geschlafen, auf der Lorelia war alles verrammelt. Und doch steht heute früh plötzlich Gareth am Boot! Er hat sich gestern Nacht noch nach Dartmouth durchgeschlagen und das Auto geholt! Die Zwillinge haben schon ihre Schuluniformen an und sind bereit. Auch ich rüste mich, schließlich habe ich morgen meinen Elektroniker-Termin in Dartmouth. Und dann schafft der Motor es nicht, mich vom Steg zu schieben.

In der Marina weisen sich mich an M&G Mechaniker. Die sind ausgebucht, können frühestens in der folgenden Woche. Geben mir die Nummer von einem Mechaniker, der zwar nicht gleich heute, aber vielleicht bald kann. Nick (Marienelektroniker)  habe ich abgesagt, er ist vielleicht diese Woche in Plymouth und kommt dann vorbei… Ich hab mich jedenfalls erste einmal bis zum Samstag hier in der Marina eingebucht. Und vorher das Motorpanel geschrottet.

Am Montag abend tauchen plötzlich Lisa, Gareth und die Kinder auf und Gareth schraubt sämtliche Dieselleitungen aus meinem Motor. Er hat es inzwischen genauso satt wie ich: alles muss neu. Andererseits passen jetzt, wo ich meinen Blog für die Wiederveröffentlichung korrekturgelesen habe, alle Symptome: Wenn die Dieselleitungen undichte Stellen haben, (tritt Diesel aus und) saugt der Motor Luft an. Unter Belastung saugt er mehr Treibstoff. Bekommt er nicht genug, kommt er nicht auf Touren oder stirbt ab. Also neue Hoffnung.

Bessere Zeiten

Außerdem ist es wahrscheinlich gar keine schlechte Idee, in der Marina zu bleiben: draußen jagt ein Sturmtiefe das nächste, jeden Tag mindestens einmal starke Schauer, dazwischen sonnige Abschnitte. Aber Im Moment ist der Schwell [Windwellen] so stark, dass sogar hier, zwei Meilen innerhalb der Mündung und von zwei Wellenbrechern, einer Halbinsel und einer Insel geschützt, die Yachten wild hin- und her schwanken …

Draußen will man da nicht sein, geschweige denn auf dem Weg über die Biscaya. Alles gut also.

11. Ab Worbarrow Bay

Alles ist ruhig – bis ein Sturm aufkommt, ausgerechnet aus der einzigen Richtung, in der das Schiff ungeschützt ist. Geht nicht gut aus.

Mittag in Worbarrow Bay
Abendstimmung

Do., 2. Juni und Freitag, 3. Juni  Worbarrow Bay – Brixham. Abends 21:00 in Worborrow Bay losgemacht, Absegeln war Nervensache, Wind steht in die Bucht rein, die Felsen sind vielleicht dreißig Meter entfernt. Wende klappt aber.

»Wenden geht nicht immer, Halsen geht immer.«

Andreas, Yachtschule Eichler, Hamburg

Platz für Halse wäre vielleicht knapp gewesen. Sei‘s drum, Kurs offenes Meer. Die Dunkelheit bricht rasch herein. Zunächst dem Tidenstrom folgend die Küste entlang nach Westen. Wind soll ab 22:00 kräftiger werden, zunächst nur ein laues Lüftchen, wir kriechen. Dann die Halbinsel Portland Bill entlang nach Süden. Geht gut voran. Über Weymouth (Feuerwerk! Es ist das lange Wochenende des Elizabeth II-70jährigen (Platinum) Kronjubiäums) geht ein bleicher Mond als Sichel unter. Navigation: erst 90° dann 180°, bei genügender Entfernung von der Spitze der Halbinsel (Portland Race ist eine gefürchtete Gefahrenstelle, die Wirbel und Kreuzseen sollen schon ganz Schiffe verschlungen haben) vier nm Entfernung, dann Kurs 270°(oder 250) – Navigation im rechtem Winkel. Wind frischt auf, See noch immer glatt: super segeln. Ab 04:00 fängt es an hell zu werden, Sonnenaufgang (blutig rot) ab kurz nach fünf. Läuft noch immer gut, niedrige Wellen (< 0,5m), bedeckt, aber freundlich. Immer wieder mal versucht, den Motor zu starten, ruckelt manchmal vielversprechend, aber kommt einfach nicht auf Touren. Nach und nach alles gefuttert, was an Mahlzeiten vorbereitet ist (kalt, aus der Thermosdose bzw. dem leeren Marmeladenglas). Trotzdem lecker. Und eine komplette Packung Schoko-Cookies. Fehler. Zum ersten Mal ist mir so etwas ähnliches wie schlecht. Könnte auch an den insgesamt drei Fluppen liegen, die ich mir aus zerfriemelten Kippenresten bastele. Nicht lecker, beruhigt aber die Sucht (etwas).

Hochseeverkehr
… etwa alle zwei Stunden
Weicht nicht gerne aus, so ein Fischer
Hat vor allem Nerven aus Stahlnetz
Und ein weiches Herz

Dartmouth bzw. die Flussmündung des River Dart liegen genau voraus. Der Schlag quer übers Meer, die Küste kaum auszumachen, zieht sich. Die Hügel von Torquay mache ich gegen 13:00 aus. Uff, fast geschafft. Dann schläft der Wind ein. Strömung geht in meine Richtung, vor Dartmouth allerdings nach Süden. So ruhig sind Meer und Wind, dass ich versuche, meinen Patzer vorm Vortag auszumerzen: der waschbenzingereinigte erste (oder Vor-) Filter muss vor dem Einbau gefüllt (geprimed) werden. Ich werde es mit Schuurds maßgefertigtem Kännchen probieren. Letzter rascher Kontrollblick, bevor ich wieder Schweinerei mit Diesel anrichte: das gläserne Kontrollgefäß (sitzt ganz unten) ist fast gefüllt. Könnte doch der Filter darüber ebenfalls voll sein? Motor springt jedenfalls nicht an. Zweiten Filter entlüftet/befüllt (ich brauche eine Spritze für diesen Job). Ohne ist sie (die Schweinerei) kaum zu vermeiden. Geht aber (vielleicht), Sprit ist jedenfalls genug (daneben) ausgelaufen. Schuurds Minitrichter ist lange nicht so genial wie sein Filterkännchen. 16:00 rufe ich den Hafenmeister von Dartmouth und den Funk der Marina. Keine Antwort. Was hätte ich auch erwartet? Neun Meilen vor dem Ziel (also mindestens zwei Stunden Schleppen). Warten auf Wind. Lähmend. Halb sechs kommt so etwas wie ein Lüftchen auf, dass mich innerhalb von drei Stunden in ankerbar flaches Wasser bringt. Habe es tatsächlich geschafft. Winzige Abweichung nach Norden würde mich sogar in eine traumhaft schön (auf der Karte) aussehende kleine Bucht (Fishcombe Cove) bringen. Auch das klappt. Superleise ziehe ich in die Bucht ein, dort sind schon drei Boote, aber Platz ist genug. Nur die Muringbojen fahre ich nicht an, kurz dahinter ist schon der Fels, ich hätte einen einzigen Versuch … zu riskant. Also Ankern. Klappt wunderbar. Die Bucht ist pittoresk, Urwald, Kiesstrand, Badetreppen in den Fels gehauen, Ferienhäuser oben auf der Klippe. Auf einem Boot wird gegrillt, eine junge Mutter führt ihr Kinder auf dem Stand-Up-Brett aus. Idyllisch.

Extrempanorama: lauschiger Abend

Abends ziehen alle anderen Boote ab. Bis auf ein blaues. Romantisch ruhiger Abend, traumhafter Sonnenuntergang. Ich geh früh schlafen, war 23 h unterwegs.

Super Felsen
Super Strand. Links: die Lorelia

PanPan Elizabeth

Nachts werde ich von lautem Lärm geweckt. Ein Sturm ist aufgezogen, aus Nordost. Exakt die einzige Richtung, aus der Seegang quer durch die Torbay, die Bucht von Torquay, auf unsere Zwei-Boot-Idylle einsteigt. Das blaue Boot ist an einer der drei Murings festgemacht, schaukelt ziemlich, hebt die schwere Muringboje bis zu einem Meter hoch aus dem Wasser, hält sich aber tapfer. Auch die Elizabeth hat schwer zu kämpfen.

Aber was kann ich tun? Eine Muringboje könnte ich nur mit dem Dinghi erreichen, traue ich mir bei dem Wind und den wilden Wellen nicht zu. Re-Framing: Die Laute (Knallen, Knarzen, Ächzen, Schlagen), die von der Ankerkette (in ihrer Führung) und der Großschot (an ihrem Flaschenzug) erzeugt werden, sind kaum auszuhalten. Um fünf Uhr früh im ersten Licht geb ich dem Anker mehr Kette. Frühstücken. Danach, oh Schreck, ist das blaue Boot weg. Die lagen auch VIEL zu nahe an den Felsen, vielleicht nur drei oder vier Meter entfernt. Ich hab wenigstens 20m. Reframing geht über die Krächzlaute der Ankerkette. Eigentlich schlimme Töne, aber: solange die Kette ächzt, ist sie nicht gebrochen. Damit sind es plötzlich positive Geräusche, mit denen sich gut leben lässt. Außerdem verbringe ich den Rest der Nacht komplett angezogen in der V-Kabine im Bug (wo man sich ganz gut mit den Hüften einklemmen kann und so die Schiffsbewegungen mitgeht).

»… sitze gerade im schaukelnden Boot im Sturm und wünschte, ich wäre nie losgefahren. Oder fast.«

SMS an Doro, 06:30h

Dann (06:45) hört das Kettengeräusch auf. Ganz wie befürchtet ist die Kette gebrochen. Der wilde Wind treibt die arme Elli rasch auf die Felsen zu. Eine Möglichkeit, unter Vorsegel wegzukommen, scheint beinahe zu klappen. Aber eben nur beinahe. Motor springt nicht an. Juckelt sich die Elli auf den Fels. Wird mit Wucht auf und ab geworfen, um den Rumpf bildet sich braunes Wasser (die Farbe des zermahlenen Felsgesteins).

Rufe ich PanPan über Kanal 16 die Solent Küstenwache. Die haben eine Menge Fragen (»Are you wearing a lifevest?«) und geben dann den (milderen, Mayday gibt man nur, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht) Notruf weiter. Ein Kriegsschiff, das weiter draußen in der Bucht ankert, hat Sichtkontakt zu mir und will (»in the next one-zero minutes«) ein Beiboot schicken. Thank you Warship Portland!) Dazu kommt es aber gar nicht, weil ein Schlauchboot der Küstenwache aufkreuzt, mit viel zu schwachem Außenborder, wie mir scheint, denn die Elli hat sich inzwischen in den Felsen verkeilt und auch Schlagseite. Erster Abschleppversuch klappt nicht.

Zwischendurch meldet die Küstenwache (»All stations, all stations, all stations«), dass die Situation von PanPan Elizabeth (so heißt mein Fall offiziell) „under control“ sei. Da beschwer ich mich aber, ich stecke hier in den Felsen fest, mein Schiff kassiert schwerste Schläge, und das soll unter Kontrolle sein? Hab ich wohl die Reaktion verpasst. Inzwischen wollen die Schlauchbootfahrer einen Mann übersetzen, der das Kommando übernimmt, alle möglichen Fragen klärt (Wassereinbruch? – Glaub ich nicht.) und weitergibt (»… appears to be competent« (auf mich gemünzt) – »Thank you.«) Er erspürt die Schiffsbewegungen (immer wieder schweres Aufsetzen, dazwischen aber auch Aufschwimmen) und dirigiert die Richtung, in die das Schlauchboot ziehen soll – und die kriegen mich frei! Wassereinbruch? Vielleicht doch? Im Motorraum und in der Bilge steht klares Wasser.

»Klares Wasser: schlecht.
Trübes Wasser: gut.«

Unknown Coast Guard Volunteer

Klares Wasser bedeutet Wassereinbruch. Nach kaum fünfzig Meter Schleppfahrt nimmt mich ein Rettungskreuzer der RNLI [Royal National Lifesaving Institution] (acht Mann Besatzung) längsseits, sie werfen auch eine Riesenpumpe an, die Elli und mich am Schwimmen halten soll. In der Hafeneinfahrt von Brixham wechseln sie wieder, die Kaimauer ist für den Rettungskreuzer zu gefährlich (Wasser reicht nicht tief genug) und das Schlauchboot dirigiert mich zu den Grids, unter Wasser liegende Querbalken, auf denen man trockenfallen kann (Grids, nicht Ribs, hatte ich falsch geschrieben, sorry, Leon). Inzwischen sind um die zwanzig Personen für mich im Einsatz, mit roten, gelb-roten, blauen, neongelben und ohne Uniform. Pumpen werden angeschmissen und wieder abgebaut („wir sind kein Reparaturunternehmen“), jemand holt Kaffee für jeden der will (für mich auch einen, bitte), ich erfrage Erlaubnis, mir rasch Tabak kaufen zu gehen (kein Problem, ich bin hier der, der am wenigsten zu tun hat, sondern nur eine Handpumpe bedient und aus dem Weg geht.) Der Dirigiermann, der zuerst an Bord war, spürt inzwischen die Ursache des Wassereinbruchs auf: die Propellerwelle/Stopfbuchse. War aber weiter hinten das Fundament des Ruderschafts, aus dem GFK-Schaum-Komposit-Gewebe sind pflaumengroße Stücke rausgebrochen. Als ich das Schränkchen (mein Büro) ausräume, fallen mir grünlackierte Holzsplitter auf, wie von meiner Rechner-Kiste (zur Blickwinkel-Erhöhung). Tatsächlich hat der Ruderschaft ins Innere des Schränkchens gestoßen und meine Bürokiste angefressen/zertrümmert. Dort unten kommt auch das Wasser in Wasserhahn-Sprudelstärke herein. Der Dirigier-Checker hat (wie ich später feststelle) blitzschnell den Ruderquadranten ausgebaut und mit bordeigener Schnur (m)ein Handtuch um den Ruderschaft gebunden. Hält das Wasser sehr auf. Inzwischen funktioniert auch meine selbstinstallierte Bilgepumpe brav. (Während die Handpumpe zwar ordentlich fördert, aber nur ins Cockpit, wo nichts ablaufen kann, weil ich angewiesen worden bin, sämtliche Außenventile abzusperren.)

Um zehn ist der Spuk so rasch vorbei, wie er begonnen hat. Jemand erklärt mir, wie die Benzinpumpe anzuschmeißen ist, dann sind alle weg. Keiner außer mir hat es geschafft, seinen Kaffee zu trinken, sie nehmen ihn mit. Kommt noch ein Mitarbeiter des Hafenmeisters, bringt eine Elektro-Pumpe (und Stromkabel und Adapter auf Camping-Stecker), dann bin ich auf mich alleine gestellt. Ebbe ist um vier, in sechs Stunden. Aber die Elektropumpe schafft rasend was weg. Die Motorbilge ist in einer halben Minute leer. Im Salon steht das Wasser bis unter die Bodenbretter.

Und dann kommt das Ehepaar vom blauen Boot (im Lauf des Tages erfahre ich, dass die gesamte Marina, wahrscheinlich die halbe Stadt, mein Missgeschick mitbekommen haben, jedenfalls gesehen haben, wie ich mit dem ganz großen RNLI-Besteck in den Hafen geleitet worden bin.)
Lisa macht sich Vorwürfe, dass sie mich in der kleinen Bucht alleine gelassen hätten. Was Quatsch ist. Gareth ist Mechaniker und hätte meinen Motor gestern abend locker richten können. Scheiße gelaufen. Jedenfalls kümmern sie sich rührend um mich, wollen gleich wieder vorbeischauen, Fender bringen etc. Drei kleine Kinder, Zac, Oli und das Nesthäkchen (und Frechdachs) Etty.

Um eins steht die Elli auf Beton (Gareth hat mir erklärt, was ich beim Trockenfallen beachten muss (die Wasservorräte müssen auf die Landseite!)). Also Stress, als Elizabeth überraschend anfängt, auf dem Grund aufzudotzen. Dann steht sie. Jetzt nur noch warten, bis das Wasser abgelaufen ist. (Fish&Chips)

Um 15:00 findet über der Stadt eine Flugschau statt, mit den Red Arrows, Formationsflug vom Feinsten, den ich als Pazifist nicht wirklich wertschätzen kann (tatsächlich war ich zu fertig, um von meiner Mahlzeit aufzustehen).

Kaum zu übersehen: Das Schiff steht ja schief!
Trockenfallen, erster Versuch

Um vier bin ich wieder am Boot, das Dinghi von Lisa und Gareth (und den Töchtern) liegt schon im Flachwasser neben der Lizbeth. Sie können den Rumpf von unten sehen. Ich nicht.

»How does it look?«

Ulli Depp

»You don’t want to know.«

Lisa

Also Gummistiefel an, auf der Platte steht noch zwanzig Zentimeter hoch Wasser, Leiter hinabklettern und inspizieren. Guckst du Video (URL YouTube).

Das arme Ding sieht schlimm aus. Aus dem Kiel (Gusseisen!) ist ein halb basketballgroßer Halbmond aus der Hinterkante gebrochen, die untere Ecke fehlt ebenfalls (Viertel Basketball). Im Rumpf sind mehrere Risse und Eindrückungen. Der Ballastkiel muss gearbeitet haben, die Farbe an der Naht zum Rumpf zeigt einen Riss. Der Propeller, nagelneu und glänzend, noch mit der V.M.S.-Edding-Markierung, sieht aus wie eine vertrocknete Topfpflanze. Und vor allem: Das Ruder ist zerstört. Steht schief vom Skeg [die Ruderstütze, ein flaches Dreieck unter dem Rumpf] ab, der Skeg hat sicher ein Drittel seiner Länge eingebüßt. Unten am Ruder steht der Edelstahlkern verbogen vor. Die Epoxier-Materialien, die ich vorsichtshalber beim Marine-Ausstatter gekauft habe (der machte wegen Kronjubiläum heut schon um drei zu) kann ich glatt vergessen.

Teurer guter Rat.
Gareth sagt: im Prinzip machbar. Wenn er gesagt hätte: Räum deine Sachen aus der Schüssel und fahr nach Hause, hätte ich das auch gemacht (und gar nicht so ungern!)
Was jetzt ansteht: Solange die Ebbe anhält eine Schiene bauen, eine Konstruktion, die das Ruder starr und an seinem Platz hält, dann die Löcher mit Marine Sealant (so eine Art Silikon) verschließen und hoffen, dass das Ding bei der nächsten Flut wieder aufschwimmt (sonst muss die Pumpe pumpen). Was soll ich sagen? Hat geklappt. Als ich mit dem Verstopfen einigermaßen durch bin, kommt einer der Männer von heute früh (blauer Overall), um nach mir zu sehen. Ich erkenne ihn wieder und wir quatschen. Da leckt das Wasser heran. Und ich hab noch nicht aufgeräumt. Wieder Stress (klinge ich weinerlich? War gar nicht so. Als mein Kaffee kam und ich aufseufzte (vor Wonne, denk ich mal), fragte mich der jüngste der Schlauchbootbesatzung ernsthaft und eindringlich »Are you okay?«. Und ich war es. Für einen Nervenzusammenbruch hatte ich überhaupt nicht die Zeit.)

Schalung sitzt!

Drei Segler sprechen mich unabhängig voneinander an, einer bringt mir eine Riesentafel Schokolade. Dann kommt noch der Hafenmeister auf Datenaufnahme und einen Plausch. Dann kommt noch der Hafenmeister aus Dartmouth auf einen Plausch, die Coast Guard habe mich dort schon angekündigt. 

Abends wieder Lisa und Gareth, die mir eine Dusche bei ihnen in der Marina spendieren (war extrem nötig nach vier Tagen vor Anker). Und am Ende des Abends, Drink-Up-Time, war auch noch ein Pint drin. Jetzt, zwei Uhr morgens, ist die Elli wieder sauber auf dem Trockenen und lehnt sich an den Kai und ich kann (diesmal nur mit leichter Schräglage; ich lerne, so rasch ich kann) schlafen.

Montag, 6. Juni, Dartmouth

»Arroganz ist die Wurzel allen Übels.«

Ulli Depp, aus Erfahrung klüger

Denn eigentlich fing das Unglück, um ganz ehrlich zu sein, schon am Vorabend an. Zum Sonnenuntergang rauschte (schlich) ich unter Segeln auf die Fishcombe Cove (neben Fishcombe Point) zu. Georgieboy steuert genau auf eine Mooring-Tonne, aber mit Wind von hinten und ohne Motor traue ich mich nicht, die Öse der Tonne zu erhaschen, es gibt nur einen Versuch. Segel habe ich runtergenommen, lasse den Anker fallen. Alles bilderbuchmäßig, sieht bestimmt toll aus. Ein paar Meter weiter haben zwei Motorbootfahrer geankert. Typ Bankangestellter, der von seinem Abteilungsleiter mit aufs Boot mitgenommen worden ist. Nackte Oberkörper, bleiche Schmerbäuche, Bierdosen in der Faust. Schauen neidvoll herüber. Ich kam mir vor wie der Marlboro-Cowboy persönlich. Schwerer Fehler. Ob ich sie fragen soll, ob sie Zigaretten haben, kam mir in den Sinn. Aber nicht, sie zu bitten, für mich eine Leine zur Mooringboje zu legen. Erstens hätten die das sicher liebend gerne gemacht (kurze Zeit später lichteten sie eh und fuhren nach Hause), zweitens hätte ich dann sicher an einer Boje bis neun Tonnen zulässiges Bootsgewicht liegen können, am besten mit zwei Vorleinen. Gareth und Lisa lagen an so einer Tonne und die haben zwölf Tonnen Gesamtgewicht. Doch die Tonne hielt. Stattdessen sonnte ich mich im Neid der Bleichgesichter. Hab ich teuer für bezahlt.

Im Schlepptau nach Dartmouth
Die Lorelia schleppt. Zac schaut herüber.

Sonntagfrüh, 5. Juni kam die Polizei, wollten meinen Pass sehen, aber vor allem quatschen (die üblichen Fragen nach den Stempeln aus Russland und China. Russland hatte ich bereits vergessen: die phantastischen vier Tage in St. Petersburg, die Paula mir zum 60sten geschenkt hatte). Ob sie mir irgendwie helfen könnten? Ziemlich entspannte Burschen, das. Um elf, kurz bevor die Ebbe wieder einsetzen sollte, kam Gareth mit dem Dinghi, brachte mich zum Büro des Hafenmeisters, um Pumpe, Verlängerungskabel und Adapter zurückzubringen (Security-Typ erklärte sich bereit, die Sachen später einzuschließen, Sonntags ist die Hafenmeisterei nicht besetzt, ich hatte kein Handy dabei und es war auch nicht dringend genug für die Notfallnummer). Dann schleppte Gareth mich zur Lorelia, Lisa und die Kinder (die Zwillinge sind Jungs!) zeigten mir die Yacht. Alles Teak, nur vom Feinsten, Warmwasser, Zentralheizung, ein 24-Volt Kühlschrank, der so gut wie keinen Strom verbraucht. Vielleicht kann ich Gareth helfen, seine Oberflächen zu varnishen (klarzulackieren), vielleicht war es auch nur Spaß von ihm. Lisa macht Rolls (Semmeln) mit Grillwürstchen, Schinken, Burger. Um eins zieht Garreth die Schleppleinen klar und legt los nach Süden. Zieht mich mit, ohne mit der Wimper zu zucken (Perkins-Motor, 80 PS). Außerdem sieht er, dass meine Windfahne der Instrumentendarstellung abgefallen ist, wahrscheinlich von den Erschütterungen auf den Felsen. Vor der Hafeneinfahrt zum Dart gibt es einen rauchenden Felsen einzeln vor der Küste stehend, die Gischt, die in einen Hohlraum dringt und dann als weiße Fahne aufsprüht, sieht exakt aus wie der Ausatem eines Rauchers (und kommt auch im selben Atemrhythmus).

Auf dem Dart. Auf dem Fluss dürfen die Jungs in den (Besan-) Mast klettern.

Dartmouth zeigt sich als Modelleisenbahn-Kulisse. Mittelalterliche Burgen an beiden Seiten der Flussmündung, verwunschene Wehrtürme und Klammbrücken, 19. Jhdt-Klippenvillen mit sicher atemberauschendem Blick aufs Meer (und privatem Wasserzugang oder Bootsanleger), Stadthäuser aus den letzten sechshundert Jahren malerisch in die Hügel gebaut, zwei Fähren (untere: Ponton und drangezwungener Schlepper, obere: Seilfähre, unromantisch) verbinden Dartmouth und die Schwesterstadt Kingswear am gegenüberliegenden Ufer. Dort pfeift auch eine Dampflok mit historischen Waggons, die regelmäßig zu verkehren scheint, allein während wir den Dart hochtuckern, fahren drei Mal pfeifende Züge hin und her – Gustav Märklin hätte es nicht pittoresker hintupfen können. Anlegen (macht Gareth für mich, die Elisa ist längsseits vertäut) am DA Visitor’s Pontoon am nördlichen Ende der Stadt, Lisa und Gareth laden aus, Gareth holt den Wagen, legt die Lorelia an die Boje und bringt das Dinghi weg, ich bin solange mit Lisa, Etty (zweieindrittel) und den beiden Hunden im Park. Sommerfrische muss sich so anfühlen.

Abends Spaziergang ins Städtchen. Ältestes Haus von dreizehnhundertirgendwas, Kneipe sieht auch so alt aus (vorgemerkt). Bootsverleih, Ausflugsdampfer, Yachtanleger, – Marinas und -Muringbojen ohne Ende. Ente, Ingwer, Frühlingszwiebeln, gebratene Nudeln vom Asiaten (mit ungarischer Thekenfrau). Joghurt mit Haferflocken und Honig.

Heute, Montag früh als erstes den superfreundlichen (schwulen? Ist doch voller Vorurteile, dieser Skipper!) Hafenmeister angerufen (»Wir haben gerade über Sie geredet«) und bei der Bootswerft angefragt. Bis 12:00 würden sie mich nehmen, danach geht die Flut weg. Lisa (tel Gareth): heute Vormittag geht es nicht. Sie werden gegen fünf kommen, haben dann hoffentlich ihr Dinghi (das RIB, Rigid Inflatable Boat o.ä.: Schlauchboot) verkauft, sie können Geld gebrauchen. Dann schleppen sie mich zur Blackness Marine, wo ich die Nacht über an Boje C1 bleiben kann. Full english breakfast im Dart Café. Zwei gemütliche Männer (s.o.) als Crew, nur Yachties über 70 als Gäste. Aber lecker Schinkenspeck und O-Saft. Geld gezogen, Vorräte eingekauft. Harbour Control (Luke) war auch da, weil ich geschleppt worden bin, nimmt er nur die Hafengebühr (GBP 15,70). Allerdings gibt es auch weder Strom noch Wasser noch Duschen (soweit ich sehe). Sonniger Nachmittag, etwa wie Bad Neuenahr vor der Flut. Browns Hotel kostet 150 bis 190 für zwei/Nacht inkl. Frühstück.

Dienstag, 7. Juni

An der Boje vor Blackness Point

Die ruhigste Nacht seit langem, kein Windhauch nur die Ebbe gleitet lautlos den Dart hinab. Drei Seehunde wohnen auf dem Ponton zwanzig Meter weiter, haben im Abendlicht noch gejagt (und sind aus dem Wasser gehechtet), eine Idylle.

Drei Seehunde

06:00 wachgeworden, aufgestanden, bevor um halb zehn das Liftkommando kommt, will ich noch das Beiboot klarmachen. Zusammenstecken im Regen, Aussetzen klappt auch, um neun bin ich fertig (gute Stunde, mit Routine sicher weniger). Zwei Jungs mit Traktor und Hebe-Anhänger (wie Neve, nur kleiner) tauchen auf, schleppen mich zum Steg, holen einen größeren Hebeanhänger mit Gurten und ziehen die Elizabeth aus dem Wasser. Allgemeines Staunen über die Schäden an Ruder, Kiel und Rumpf (»Sieht man auch nicht alle Tage.« »Hab ich noch nie gesehen.« »Hast du Glück gehabt, dass du das Boot nicht verloren hast.«) David, der Manager der Werft, macht Ansagen. Über meine Einschätzung, den Schaden innerhalb von vierzehn Tagen behoben haben zu wollen, kann er nur den Kopf schütteln. Ihm ist es egal, sie haben Platz so lange ich brauche. Jetzt ist die Sonne herausgekommen, man könnte es fast aushalten hier.

»There’s worse places to get stranded.« .

Luke Craig, Harbour Patrol Dartmouth

Hier kommen noch ein paar Fotos von den Schäden an der alten Tante Elli. Aber dieser Blog macht Pause (ich will euch ja nicht mit Reparaturberichten langweilen), bis ich wieder flott bin. Bis dahin – schönen Juni (oder Juli?). – oder August.

Ruder
Propeller
Rumpf
Kiel

10. Ab Portsmouth

Durch den Solent
Gunwharf Quays, Portsmouth

Jaab legt um 10:30 ab, ich eine Viertelstunde später (Wir lagen im Päckchen [das zweite Boot macht nicht am Steg, sondern an einem Boot fest, das am Steg liegt], ging nicht gleichzeitig). Übler Seitenwind, war aber mit einer zusätzlichen Leine zu machen. Im Hafen und vor allem draußen ist die Hölle los.

Solent, leer

Das berühmteste Segelrevier der Welt ist auch eins der belebtesten. Yachten in alle Richtungen bis zum Horizont (der nicht sehr weit ist, weil der Solent zwischen dem Festland und der Isle of Wight liegt – fast rundherum Land, das auch den Wind abhält bzw. schwächt. Dafür drehende Winde und Windstillen. Zumindest heute. Alle Boote legen sich mächtig auf die Backe, Wind bis Bf 6 (hat Jaab gemessen), keine Welle: perfekte Segelbedingungen, zwar bedeckt, aber trocken. Jaabs Strömungskalkulation haut auf den Punkt hin: der Tidenstrom schiebt uns mit mindestens 3 kn, die Bojen legen sich schräg an ihren Ketten, Eine hat sogar leise geklingelt (Glockenboje). Klar fahren alle mit Vollzeug, bei den perfekten Bedingungen. Bis auf mich. Weil ich reffen schwierig finde, wenn ich gleichzeitig steuern soll, fahre ich im zweiten Reff (also nur mit zwei Dritteln der Segelfläche) im Groß. Überholen mich eben alle, was solls. Aber ich fühl mich besser dabei. Ein entgegenkommendes Boot ruft sogar herüber, warum ich denn nicht das Segel hochziehe? Gelächter unter den jungen Frauen im anderen Boot. Aber ich bin eben ein fauler Segler.
Trotzdem komme ich, nach einigen Winddrehern und unfreiwilligen Wenden (Georgie scheint nicht seinen besten Tag zu haben) zügig voran. Mittags liegt der Ausgang des Solent vor mir, eine Engstelle (Festungen zu beiden Seiten) mit dem Needles Channel dahinter. Scheinbarer Wind 3 kn, Strom in dieselbe Richtung 3 kn – ich stehe im Wasser, auch wenn sich das Schiff über Grund bewegt. Weil der Needles Channel laut Handbuch besonders schwierige Strömungsverhältnisse aufweist (für größere Tanker ist er verboten), werfe ich den Motor an.

Needles sind die drei (vier) kleinen Felsen am linken Bildrand

Needles, drei einzeln stehende Reste der Kalkfelsen am westlichen Ende der Isle of Wight, sind unter Seglern legendär. Leider war ich zu weit weg, auf dem Selfie sind sie kaum zu erkennen.

… auch nicht besser zu erkennen.

Unmittelbar hinter der Engstelle und der zugehörigen Landzunge frischt der Wind deutlich auf, Auch nur unter Vorsegel (ist viel bequemer auszurollen als das Groß) mache ich fast 7 kn (sicher drei davon Strömung!) Dann kommt über Funk ein Mayday. Eine Yacht ist auf Grund gelaufen, nur etwa drei Meilen entfernt. Einen Wimpernschlag lang überlege ich, mich zu melden. Ich meine, ich kann die Yacht sehen, im Winkel zwischen Küste und Landzunge. Doch bald melden sich zwei starke Motoryachten, die auch weniger Tiefgang haben und kurz darauf sind eine ganze Reihe Schiffe am Ort der Havarie. Solent Coast Guard fragt nach den Umständen, der Anzahl der Personen, ob das Schiff Wasser zieht etc. Vier Stunden lang verfolge ich (und der gesamte Schiffsverkehr in der näheren (und weiteren: teilweise Stimmen aus Frankreich) Umgebung a) die Art der Havarie: die Yacht, zwei Meter Tiefgang, ist auf Sand gelaufen. Der Skipper fürchtet, bei ablaufender Flut in Schräglage zu geraten. Das erste Motorboot übergibt, in Absprache mit Solent CG, eine Leine, schafft es aber nicht, den Mayday-Kandidaten wegzubewegen. Inzwischen ist auch die Yarmouth Coast Guard unterwegs. Später fragen die für die Akten, wie es zur Havarie kam. Eine gravierende Fehlfunktion im Chartplotter war die Ursache. Und dann fährt man einfach auf eine Landzunge mit deutlich erkennbarem Sandstrand zu? Außerdem haben die es noch nicht einmal geschafft, die Segel herunterzunehmen. Nicht: absichtlich stehen gelassen, um Schräglage (und weniger Tiefgang) zu erzeugen, nein: die Segel schlagen zu sehr im Wind, deswegen kriegen die sie nicht runter. (Alles über Funk – selbstverständlich war ich zu weit weg, um das zu sehen.) Nach zwei Stunden stuft Solent CG den Vorfall zu Panpan (frz: Panne, Panne) herunter. Nach drei Stunden wartet Yarmouth Coast Guard, dass die Flut hoch genug steigt, damit das Schiff freikommt (dabei sollte doch eben noch fallendes Wasser drohen?) Nach vier Stunden ist der Unglücksrabe frei und kann seine Fahrt fortsetzen. Und zwar völlig kostenfrei. Und Solent CG cancelt die Panpan-Funkstille.

Nachmittags wird der Wind schwächer, dreht sich auch im Uhrzeigersinn (heißt, dass das Hoch über mir nach Osten zieht (wenn ich beim SKS richtig aufgepasst habe)).

Bournemouth

Im Abendlicht passiere ich Bournemouth. Viele schöne Erinnerungen. Als ich im Februar 2002 als Lehrer angefangen habe, schenkte Paula mir und uns (Lioba war anderthalb) eine Woche in England, in den Osterferien. Um mein Englisch aufzufrischen. Super Idee, eigentlich. Little did we know, dass in meinem neuen Job geschliffenes Englisch so ziemlich das letzte war, was ich brauchte. Im ersten Jahr habe ich eine Vorladung als Zeuge in einem Missbrauchsprozess bekommen (ich sollte dem Missbraucher ähnlich sehen), eine Rüge der Bezirksregierung kassiert (ich hatte in einem Brief an die Eltern der Klasse Klassenbucheinträge aufgelistet (also veröffentlicht), eine Anzeige wegen Nötigung (Freizeitdealer (Klasse 9) wollte seine  Quellen nicht nennen), eine dienstliche Anweisung der Schulleitung, eine Disziplinarmaßnahme (Ausschluss vom Unterricht für drei Tage) zurückzunehmen und ich soll gegenüber der Konrektorin den Satz gesagt haben: „Ich bin noch nie so gedemütigt worden, wie in diesem Job!“ Den hat sie noch Jahre später zitiert/zum Besten gegeben. (Schöne Grüße, Frau Borowski!) Andererseits habe ich auch in diesem ersten Jahr eine Creative writing-AG ins Leben gerufen, samt kopierter kleiner Broschüre mit von SchülerInnen-geschrieben Texten (Dialoge, Kurzgeschichten), auf die der Schulleiter noch lange stolz war (und vielleicht immer noch ist – Schöne Grüße, Herr Schwarz!) Wo war ich?

Bournemouth

Bournemouth. Superschöne Erinnerungen: schnuckeliges Bed&Breakfast mit köstlichem Tee (schwarz, auch für das Kleinkind – „Die vertragen das super!“), grandioses Abendessen im Restaurant des Strandhotels (der weiße Rundbau links unterhalb des Riesenrads – soll ich eine Lupe reichen?), Strandspaziergänge und eine eigene Badehütte am Meer (die weißen Kästchenreihe am linken Bildrand) inklusive zweier Liegestühle. Und zwei schlimme: Abendessen beim Asiaten, Lioba (1,5) wird übel, sie erbricht sich auf den Tisch, wir schaffen es gerade noch aus dem Laden, aber auf der Schwelle oder knapp daneben entleert sich das gesamte Kind (No connection with the tea, I presume?). War uns superpeinlich, aber die Asiatin lächelt freundlich dazu. Die andere Erinnerung ist noch viel schlimmer. Ich hatte mehrere Tage Verstopfung. Als ich endlich auf der Toilette eines kleinen Cafés zu Potte kam, gebar ich einen Stuhl von der Konsistenz (und Länge) eines Schlagzeugstocks. Oder eher: ein Prügel. Das Ding passte in kein Abflussrohr, schon gar nicht um die enge Krümmung. Mangels andere Werkzeuge (keine Klobürste!) rückte ich ihm mit einer zusammengefalteten Zeitung zuleibe. Keine Chance, der Prügel blieb stocksteif. Nach einer halben Stunde verließ ich den Ort der Peinlichkeit, Zeitung und Stuhl in der Schlüssel steckend zurücklassend. Und war gottfroh, dass draußen niemand wartete, ich muss sicher eine Dreiviertelstunde drin gewesen sein. Falls der Café-Besitzer (oder seine Reinemacheperson) dies lesen (es ist 20 Jahre her, aber ich bin felsenfest überzeugt, dass sie sich an den Betonstuhl erinnern): es tut mir furchtbar leid. Eigentlich tat es mir schon im Moment der Erleichterung furchtbar leid. Und: Ich schulde euch mindestens einen Drink, bitte melden!

Bournemouth – viele schwere Gedanken

 An Bournemouth bin ich jedenfalls mit gemischten Gefühlen vorbeigefahren. Dann kam schon die Einfahrt nach Poole, ohne Navi kaum zu finden und der Kanal durch den zweitgrößten Naturhafen der Welt (1. Platz: San Franzisko? Mein Google hat keine Lust), wo ich mich sogar mit Navi verfahren hab und die lange Strecke zur hintersten (von Jaab zurecht empfohlenen) Marina, dem Poole Quay Boat Haven. Liegt am Kai, Häuser sehen aus wie alte Fischerkneipen, könnte die Altstadt von Poole sein. Sehr hübsch und sehr praktisch jedenfalls. Erst verfahre ich mich noch in der Marina, doch dann klappt der Anleger (es war fast windstill) vorzüglich (und sah gut aus). An der Einfahrt des Hafens liegt wie selbstverständlich die Medallia, das Rennboot, mit dem Pip Hare (die kommt wohl aus Poole) bei der Vendée Globe mitgeheizt ist, gegenüber ist ein Tesco (Vorräte kaufen für die Tage vor Anker und Muringboje), weiter innen am Kai gibt es einen Chandler (CO2-Patrone für Rettungsweste) und eine Tankstelle (und ein Fischercafé, wo sie sicher gutes Frühstück machen). Alles perfekt also. Bis auf den Preis. Er fängt mit achtundvierzig an und hört mit Pfund auf.

Elli in Poole. Dahinter ein kleines Motorboot
Naja, doch eher riesengroß
Ein schöner Tag zum Segeln
Segelschule

Lizzy in der Bucht von Swanage. Dienstag, 31. Mai, 19:00h Sonnenuntergang über der Bay, am Himmel nur ein paar Wölkchen. Aber: Wind aus Südwest, genau mir auf die Nase (wie immer beim Ankern, aber für morgen sollte er drehen). Um mich herum tobt eine Segelschule, die Hälfte davon in RS Fevas, wie der Opi eine in Spanien liegen hat. Schöne Erinnerungen; überhaupt könnte das Leben recht schön sein, Motor läuft wieder, Funk ebenso. Nur den Tag gestern musste ich erst einmal verdauen …

Kein schöner Tag

Montag, 30. Mai. Hätte man schon morgens ahnen können, dass der Tag fies wird. Über Nacht haben mir Möven das Cockpit vollgeschissen. Also nicht randvoll, aber doch ein paar dicke Flatschen. Will ich mir den Schlauch holen, der neben meinem Liegeplatz seinen Hahn hat – ist der zum SuperdickMotorschiff Rahal (Rahel, Rachel: wahrscheinlich arabisch), direkt neben mir gelegt, die Besatzung braust und wienert das Schiff von oben bis unten. Sollen die mir Bescheid sagen, wenn sie fertig sind. Sicher, no worries. Erstmal zum Chandler, sein Assistent kennt sich aus mit Schwimmwesten, hatte jahrelang den Job, sie nachzuladen: genau der richtige Mann. Sie verkaufen mir auch die Patrone, weigern sich aber sie einzubauen – das dürften sie nicht. Außerdem beharrt der junge Mann darauf, dass die Salztablette [die sich bei Wasserkontakt auflöst und die Weste auslöst] verbraucht sei. Deswegen sei mir zwei Mal die neue Patrone aufgeblasen. Neuer Auslöser war beim Paket auch dabei. Also ich auf den Kai gegenüber vom Laden, Schwimmweste zusammengebaut und: funktioniert! Genial. Dann den Wasserschlauch für eine Viertelstunde geliehen, Cockpit gesäubert und Wassertank und -kanister nachgefüllt. War das in de Heen überhaupt eine gute Idee für deinen Rücken, Andrzej? Danke jedenfalls. Der Ableger klappt vorzüglich, obwohl nicht ganz einfach, bei Wind seitlich gegen den Steg, vor und hinter mir zwei Schlauchboote, die Gasse supereng. Aber souverän gemeistert, sah gut aus. Jetzt noch tanken, gehen wahrscheinlich nur vierzig Liter rein, aber die nächsten Tage werde ich vor Anker liegen (Worbarrow Bay, Dartmouth), also aufstocken (wie gestern auch im Tesco am Kai Vorräte eingekauft). Bloß: die Tankstelle akzeptiert meine Karten nicht (nur wenn man ein Konto beim Betreiber hat). Also unverrichteter Dinge wieder abgelegt. Nur klappt der Ableger ganz und gar nicht, ich komme nicht um die Kurve und werde unter die Klappbrücke gedrückt (eisern, 19. Jhdt, Industriedenkmal und eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt). Oberwant und Achterstag krachen gegen die Brücke, der Bug schiebt sich auf einen Holzpoller, der die Brückenpfeiler schützt: ich hab die Strömung (es ist steigendes Wasser) völlig übersehen, die mit sicher drei Knoten den Fluss hoch drückt. Eine Leine zum Holzpoller kann ich ausbringen und mich zumindest einen halben Meter ranziehen, aber die arme Lizzy hängt quer zur Strömung fast mitten im reißenden Strom, Oberwant und Achterstag scheuern an der stählernen Fußreling der seitlichen Fußgängerstege am Brückenrand. Wenn die Flut noch zunimmt, wird sie mich unter die Brücke drücken. Lektion 15: Vor dem Ablegen auf ALLES achten!

»Think, Think, think!«

Marco, Skipper aus Kroatien

Praktisch sofort kommen jede Menge hilfsbereiter oder sensationslüsterner Passanten, das halb unter der Brücke eingeklemmte Schiff sieht von oben sicher interessant aus … einer will die Coast Guard rufen. Gerne. Einer kommt mit dem Schlauchboot, versucht mich freizuschleppen, aber sein Motor ist viel zu schwach. Ich kann die Brückenunterseite und die Scheuerstelle am Oberwant erreichen, versuche ein Kissen dazwischenzuschieben – keine Chance, die Strömung presst mich viel zu stark dagegen. Zwei junge Briten mit einem starken Motorboot kommen, bleiben aber auf Rufweite. Sie wollen eine Leine quer über den Fluss spannen, um mich abzuhalten, Sehe ich nicht als realistisch an, soviel Kraft kann niemand aufbringen. Also hilft nur warten: anderthalb Stunden später wird die Tide kippen, dann hört die Strömung auf. Danke und bis später. Aber die beiden sind neugierig, bleiben in der Nähe, halten sich mit ihrem starken Motor locker rückwärts gegen den Strom auf der Stelle. Von oben steigt ein hilfsbereiter Passant herab, aber selbst zu zweit, ich auf dem Bugkorb sitzend, er auf der Holzverschalung und mit den Füßen schaffen wir es nicht, den Bug abzustoßen oder gegen den Strom zu bewegen. Inzwischen ist oben auch der Brückenwärter angekommen. Ihn interessiert allein, ob seine denkmalgeschützte Brücke etwas abbekommen hat. Ich beruhige ihn, aber er hört vor allem auf die beiden jungen Briten, die ihn ebenfalls beruhigen. Gute Leute. Tatsächlich erreicht die Flut um Viertel nach zwei ihren Höchststand, der Strom kommt zum Erliegen und die beiden Briten können mich mit meiner Mittelleine leicht (so wirkt es jedenfalls: superstarker Außenborder im Rückwärtsgang) freiziehen. Aufatmen. Beim Weg den Fluss hinab grüßen mich die Besatzungen der Superyachten (von denen es in Poole eine Menge zu geben scheint), die alle gerade saubermachen oder reparieren, überfreundlich: Mein Brückenklemmer war den ganzen Fluss hinauf schon von Weitem zu sehen, ich bin wieder Mal das Tagesgespräch. Aufatmen, als ich endlich aus dem Hafen und dem ewig langen Zufahrtskanal heraus bin. Draußen geht es gut ab, Wind sicher Bf 4 bis 5, die Yachten liegen alle auf der Backe. Ich rolle erstmal nur das Vorsegel aus, will zu einer wunderschönen und auffälligen Formation einzeln stehender Kalksteinsäulen vor der Küste, dort Hydrovane installieren und Segel hochziehen. Die Bilderbuchfelsen bilden allerdings gleichzeitig ein Kap, um das herum es zwar weniger Wind, dafür umso höhere Wellen gibt. Beim Einsetzen des Hartgummiruders, dazu muss ich jedes Mal wadentief ins Wasser die Badeleiter hinabsteigen, schaukelt das Schiff mich bis Oberschenkel nass (Gummistiefel reichen nur bis zur Waden hoch), außerdem einen Arm fast bis zum Ellbogen. Lektion 16: Hydrovane nur in absolut ruhigen Wassern aufbauen. Dann Segel hoch (dauert auch eine halbe Stunde bei dem Geschaukel) und los geht’s. Strahlend schönes Segeln, genau auf Kurs 180°, straks nach Süden, um die Halbinsel zwischen mir und meinem Tagesziel herum. Georgieboy steuert, einmal installiert, wie die eins. Starkwind und Sonnenschein … geht nicht besser. 18:00h: Als ich die Halbinsel klar passiert und schräg hinter mir (achterlicher als querab) habe, setze ich neuen Kurs auf die weiße Felsformation, die an die Worbarrow Bay grenzt, ihr Erkennungszeichen, und kann es direkt anlegen (hoch am Wind, aber das bin ich ja inzwischen gewöhnt): ein Traum. Dann schaue ich aufs Navi und muss erkennen, dass ich mal wieder die Strömung nicht bedacht habe. Der Bug zeigt zwar aufs Ziel, aber in Kombination mit der Tidenströmung habe ich Kurs genau auf die Küste der Halbinsel (Felsen, nur ein schmaler Streifen Niedrigwasser). Keine gute Perspektive. Also Motor angeschmissen, zusammen mit den Segeln bringt er mich auf 4 kn Fahrt in die Richtige Richtung. Dann fällt der Funk aus. Die Stille (kein andauernder AIS-Alarm) ist zwar erholsam, aber Kontakt zur Außenwelt wäre auch nicht schlecht. Dann fängt der Motor an zu schwächeln, verliert Drehzahl, fängt sich wieder und geht bald völlig aus. Stille (bis auf das Fauchen des Windes in Takelage und Mast).

Tja, ein neuer Plan muss her. Ohne Motor ist die Worbarrow Bay nicht zu erreichen. Mit Glück kann ich versuchen, an Land zu kommen, um nicht zurück zu den Needles Felsen (die am Horizont wunderschön und sehr vielversprechend leuchten) getrieben zu werden. Vorwindkurs der Küste entlang: entspanntes Abendsegeln, ein paar Jungs rufen von den Klippen zu mir herüber. Ein halbe Packung Schokokekse für die Nerven. Tabak hab ich zum Glück auf Vorrat gekauft. Die erste Bucht nach dem Kap sieht ruhig aus, Kies- oder Steingrund, keine einzige Yacht zu sehen. Trotzdem probiere ich schon einmal, ob ich ohne Wind hinein und nahe genug ans Land zum Ankern komme. Klappt. Die nächste Bucht, ein ausgewiesener Anker- und Bojenplatz, wartet hinter der nächsten Spitze (stets mit Leuchtturm): Swanage Bay. So dicht wie möglich ums Kap herum versuche ich einzubiegen, ich hab nur eine Chance, in die Bucht und zu einer Boje zu kommen. Die Bucht ist gut besucht, lauter moderne Yachten, vorbildlich mit Ankerlicht, entspannt beim (dritten?) Sundowner (inzwischen ist es 21:00 geworden und wird deutlich dunkel). Lautlos schleiche ich bei 0,1 bis 1,5 kn (also praktisch im Stehen) zwischen den Yachten hindurch, versuche abzuschätzen, wohin der leichte Wind mich drücken könnte (bei kaum Geschwindigkeit ist das Schiff auch kaum zu steuern). Visiere eine Boje an, treffe sie auch, sie schrammt leise an der Bordwand entlang, aber sie hat keine Öse, auch mit dem Bootshaken bekomme ich ihr Ankertau nicht zu fassen. Die zweite Boje verpasse ich, kann sie um einen oder anderthalb Meter nicht erreichen: Boje fassen ist für Solosegler nicht trivial. Weiter innen in der Bucht locken größere Bojen mit irgendwelchen Aufbauten (sicher Einhängeösen, denkt der Dödel…ich). Beim Näherkommen stellen sie sich als Verkehrsschilder (maximal 5 Knoten!) heraus. Ich wäre froh, wenn ich zwei schaffen könnte.

Die Boje des Verlangens
5 Knots Max

Also lasse ich neben der letzten Warnboje den Anker fallen und alles ist gut.
Hunger hatte ich keinen mehr (Schokokekse!), aber Durst auf den Whisky, den Wolfgang und Claire mir aus der Eifel mitgebracht haben (danke ihr beiden!)

»Never drink whiskey without water.
Never drink water without whiskey.«

Irische Volksweisheit

Die Iren, große Sänger und große Trinker, haben es einfach drauf. Nach zwei Gläsern sieht die Welt schon viel freundlicher aus.

»Der Alkohol nimmt die Spitzen.«

Dietmar Hüsemann

Und ich falle kopfüber ins Bett.
Was ich noch vergessen habe: Weil beim dauernden Orgeln die Motorbatterie sich schwächer werdend anhörte und weil ich sie notfalls gegen die Verbrauchsbatterie austauschen können wollte, habe ich abends extrem Strom gespart, kein Licht gemacht (nur kleinbatteriebtriebene LED-Leuchten, keine Wasserpumpe benutzt. Nur, Dödel, ich, vergessen, den Kühlschrank (läuft, wann er es braucht, auch nachts) auszuschalten!

Heute hab ich Betsy einen geblasen (oder eigentlich drei)

Dienstag, 31.05. war Reparaturtag. Kräftiges Frühstück (Toast aus der Pfanne, Butter, Marmelade, Kaffee) und ab 10:00 die Reparaturen angegangen. Erst (um mich zu drücken) Motorbilge (3/4 Eimer) und beide Salonbilgen (1 ¼ Eimer) ausgetupft. Mich dann sechs Stunden im Bauch der alten Tante Elli herumgedrückt, den Kraftstofffilter ausgewechselt (Schuurds Ersatzteillager geplündert), wollte ich ohnehin lernen (Sache von Minuten), dann die Einspritzdüsen auszubauen versucht, war nicht zu machen (Lassen Sie diese Arbeit auf jeden Fall von einem Fachmann erledigen, sagt die Bedienungsanleitung), aber wenigstens die Zuflussleitungen und die Einspritzdüsen (drei Zylinder – drei Einspritzdüsen) mittels Druckbeatmung auf Gängigkeit geprüft. Scheinen alle in Ordnung zu sein. Dann alles wieder zusammengebaut. Motor springt nicht an (aber orgelt beruhigend kräftig). Stimmt ja: Dieselmotoren müssen entlüftet werden! Also sicher zwei Stunden den Pumphebel an der Kraftstoffpumpe gesucht, mittels dessen man die Dieselzufuhr entlüften kann. Die gesamte Pumpe ist nur hühnereigroß, aber ich hab es nicht geschafft, daran einen kleinen Hebel zu finden. Youtube sagt, es gibt auch Motoren, die sich selbst entlüften. Muss man eben länger orgeln. Super Idee. Diesel aus Ersatztank ins Loch der Entlüftungsschraube gekippt (Riesenschweinerei), georgelt. Beim zehnten Versuch oder so springt er kurz an, geht sofort wieder aus. Zehn weitere Versuche und er läuft, aber jetzt geht der Drehzahlmesser nicht! Keilriemen quietscht (hat wahrscheinlich vom Dieseleinfüllen was abbekommen, sollte doch gut geschmiert sein!) Dann läuft wieder alles. Zur Probe und zum Aufladen der Batterie eine gute Viertelstunde laufen lassen. Ohne Probleme. Motor läuft also wieder. Glaube nur nicht, dass das irgendetwas mit meiner „Reparatur“ zu tun hat …

Das Funkgerät war dagegen piepseinfach. Stromkabel aus der Lüsterklemme gerutscht. Hat irgendein Dödel (ich) nicht richtig angezogen. Funktioniert wieder wie es soll.

21:00 Endlich hat der Wind gedreht: NNW, fantastisch. Morgen kann es in aller Frühe losgehen. Jetzt noch Kochen und Essen. Zwiebelreis mit buntem Salat, Apfelmus.

Third time lucky

Oder

Mein persönliches Kap Hoorn

(Langsam komm ich mir schon selber wichtigtuerisch vor, weil jeden Tag die schlimmsten Katastrophen passieren. Aber a) ich übertreibe nicht und b) ich wäre gottfroh, wenn alles glatter liefe, ich schwöre!)

Mittwoch, 1. Juni. Doro ist krank (Covid) und kann vielleicht nicht pünktlich kommen. Ich werde warten. 04:00 aufgestanden, weil heute günstiger Wind sein sollte und ich den langen Schlag nach Dartmouth wagen möchte. 05:30 Anker hochgezogen und abgefahren. Mindestens eine Stunde Traumsegeln, frischer Wind, kaum Wellen. Die Flut ist am höchsten, es gibt keine Strömung. Später wird sie auslaufen und mich schieben. Am St. Alban’s Head (die Landspitze, die ich schon vorgestern zu runden versucht habe), bin ich fast vorbei. Alles super. Aber:

»Man soll den Sex nicht vor dem Orgasm…
Äh: … den Sessel nicht vor dem Aufstehen loben.«

Spruchweisheit

Da schläft der Wind ein. Das Funkgerät spinnt und gibt keinen Kurs über Grund mehr an. Also das ipad und Navionics angeschmissen. Die Tidenströmung treibt mich nach Nordosten! Sollte mich nach meiner Orientierung eigentlich nach Süden schieben. Kann ich mir nicht erklären. Um gegen die Strömung wenigstens die nächste Landspitze zu erreichen, muss ich hoch am Wind gegenan fahren und komme doch nur im rechten Winkel zur Fahrtrichtung seitlich voran. Die Tidenströmungen machen mich fertig. Den Anvil Point und Durlston Head kann ich runden (um ins Lee der Steilküste zu kommen) und suche mir die allernächste Bucht aus (Durlston Bay, kaum ein Mandarinenschnitz), um Anker zu werfen und auf das Kippen der Flut (gegen 18:00) zu warten. Leider bin ich zu übervorsichtig, flaches Wasser zu erreichen und der Anker fällt viel zu nah am Ufer. Wir setzen auf, sanft zwar und auf den Ballastkiel aus Stahl, aber die einzelnen Rumpler sind deutlich zu hören (und zu spüren). Steiniger Grund. Wenn jetzt gleich, wie ich kalkuliert habe, fallendes Wasser einsetzt, liegt die Elli am Boden, mindestens bis zur nächsten Flut. Aber das Wasser steht ja nicht still. Auf Steinen oder Felsen zermahlt sich ein Kunststoffboot in wenigen Tagen (oder Stunden?). Will ich jedenfalls nicht probieren, ich schmeiße die Maschine an. Volle Kraft rückwärts und scheppert und kracht, weil ich dabei den Anker gleich mit ausreiße und über den Grund zerre. Dachte ich. Tatsächlich bemerke ich, als ich tieferes Wasser erreiche, dass ich mir beinahe die gesamte Ankerkette (50m) aus dem Kasten gezerrt habe. Das hat den Riesenradau verursacht! Also Notfallstopp und hinten den zweiten Anker (den ich zum Glück in Ramsgate gekauft und ausgerüstet habe) hinten seitlich ins tiefere Wasser geworfen. (Anker werfen ist übrigens eine Metapher. Selbst ein kleiner wie meiner, 15 kg, platscht so ziemlich direkt neben dem Boot nach unten. Zum Glück greift er rasch und ich kann die Elli mit diesem Heckanker vom Flachwasser und den Felsen abhalten. Aber was jetzt tun? Den Originalanker aufgeben (weil er eh nicht rauszuholen ist, liegt im viel zu flachen Wasser)? Das Beiboot klarmachen und damit versuchen, den Hauptanker zu bergen? Klarmachen dauert eine gute halbe Stunde und es ist keineswegs gesagt, dass ich mit dem kleinen Ding 50 Meter Kette und den Anker heraushieven kann (falls ich ihn loskriege)? Guter Rat wäre jetzt unbezahlbar (würde aber gerne genommen). Einerseits will ich ungern den Anker aufgeben, andererseits will ich auch nicht riskieren, das ganze Boot zu verlieren. Dritterseits läuft mir die Zeit davon. Außer hektisch zu rauchen fällt mir nichts ein.
Dann entschließe ich mich für einen einzigen Versuch. (Wenn der misslingt, werde ich die Ankerkette losmachen und zurücklassen und vielleicht später versuchen, sie rauszuholen).
Der Plan ist folgender: Den zweiten Heckanker führe ich zum Bug. Dann hole ich den ersten Anker nach und nach ein und gebe dem zweiten Anker zweimeterweise Lose, wenn sein Tau zu sehr unter Spannung kommt. Falls der zweite Anker ausbricht, wird der Versuch zu Ende sein und ich davonfahren (falls das dann noch geht).
Um es kurz zu machen: nachdem ich alle Taue, die ich habe, nach und nach verbunden und am zweiten Anker ausgebracht habe, nachdem ich 50m Kette mit der handbetriebenen Ankerwinsch (langer Hebel: dreiviertel Meter Armbewegung – fünf Zentimeter Kette kommen rein) eingerasselt und-geknarzt habe, nachdem ich mit dem Motor nachgeholfen und das wieder sein gelassen habe, weil zu viel Druck auf das Tau des zweiten Ankers kam, nachdem das Boot wieder mehrfach aufgesetzt hat, nachdem ich die letzten Meter Kette mit Gewalt (und gegen den zweiten Anker) reingewuchtet habe und nachdem die arme Ankerwinsch unter aller Gewalt es geschafft hat, auch noch den Anker aus dem Boden zu brechen, bin ich frei (aber vom Ufer nur wenige Meter entfernt). Jetzt rasend rasch das Tau zum zweiten Anker einholen (von Hand, weil ich so schnell die Ankerwinsch nicht freibekomme), während das Boot unter Motor im kleinsten Gang Richtung offenes Wasser ziehen soll (so hab ich zumindest das Steuerrad eingestellt gehabt). Aber gegen den Motor kriege ich das Tau nicht eingeholt, nicht mit aller Kraft (ich hab Sternchen gesehen). Also Motor abstellen und riskieren, dass die Elli wieder an Land treibt …
Was soll ich sagen? Nach einer Dreiviertstunde Kampf bin ich nassgeschwitzt und völlig fertig, aber eben auch sehr stolz, dass ich den Anker gerettet habe und dem Schiff, bis auf ein paar Schrammen nichts passiert ist.
Aus Erfahrung klüger geworden ankere ich unmittelbar darauf weiter draußen. Und warte. Und räume das ganze Tauwerk zusammen. Und sehe auf dem Wasser einzelne Segler auf dem Kurs vorbeisegeln, den ich zwei Stunden früher nicht geschafft habe. Irgendwas ist faul mit meinen Berechnungen. Neu nachgeschaut und kalkuliert: die Flut ist um 15:00, ab eins müsste das Wasser stehen und ich weiterfahren können. Jetzt ist es halb eins. Atempausen sind anscheinend für Leute, die keine Hobbies haben. Losgemacht und abgefahren, der Wind hat aufgefrischt, kommt jetzt ziemlich aus Südsüdwest, sollte er überhaupt nicht laut Vorhersage, aber scheiß drauf, es geht mächtig voran. Georgieboy steuert uns klag- und fehlerlos schnurstracks nach Süden, die Strömung macht daraus einen Kurs nach Südsüdost. Hauptsache nur, ich komme endlich an diesem vermaledeiten Kap vorbei!

Letzte Schikane: In der Seekarte stand irgendetwas von overfalls und kleine Spiralen sollten wohl Wirbel andeuten, die sich von der Landspitze meilenweit ins Meer hinausziehen (weil sich zwei Strömungen überlagern). Als ich (weit genug draußen, meine ich) wende, um das Kap zu umfahren und näherkomme, sehe ich merkwürdige Brandung. Mitten auf dem Meer? Da dämmert mir, dass „Overfalls“ wahrscheinlich Brecher heißt, hier draußen sind auch Notfall-Schutzbojen ausgelegt, große Stahlbehälter, in denen Schiffbrüchige Unterschlupf finden können. Drei Stück, im Westen, im Osten und im Süden der Brecher-Zone. Könnte etwas zu bedeuten haben. Also umfahre ich das Gebiet weiträumig (gerate trotzdem kurz hinein, aber ich will euch nicht langweilen, die Elli schaukelt und bockt, nimmt es aber stur wie ein Pferd) und sehe, wie zwei andere Yachten (Ortskundige sicher) einfach mitten durchfahren. Aber ich hab nichts dagegen, als übervorsichtig zu gelten. Noch schöner wäre es, man konnte das merken.

Ab ca. 15:30 Kurs laut Navi auf das Ziel, die Worbarrow Bay (laut Kompass dreißig Grad daneben: die bescheuerten Tidenströme). Um 17:30 fahre ich ein, werfe Anker und bin extrem erleichtert.

Was ich morgen Abend vorhabe, darüber schreibe ich erst, wenn es gelaufen ist. Vielleicht gibt es doch einen Grund, weshalb Seefahrer abergläubisch sind. Zuchini in Tomatensoße mit Dinkelpenne.

Ach ja: Der Motor ist wieder ausgegangen, mittendrin. Und verliert Diesel, nicht wenig. Als ich ihn allerdings gebraucht habe, beim Notfall-Rückwärtsrausfahren, hat er funktioniert. Wahrscheinlich braucht er auch einen Namen. Vielleicht „Boy“? Denn zusammen mit der Hydrovane verschafft er mir dringend nötige Atempausen. Und heute Vormittag hat das Funkgerät gesponnen – wenn ich bei meinen „Reparaturen“ mehr schlimmer mache als heil, sollte ich es vielleicht besser lassen.

»Was man nicht reparieren kann, ist auch nicht kaputt.«

Alf, Außerirdischer
Pin, sicher festgeschnallt am Steuerrad

Donnerstag, 2. Juni. Pin (oder auch Pip) heißt der -guin, mein Maskottchen, das ich von Schuurd übernommen habe. Steuersäulengriff geschweißt von der Fa. Landsperger, Krumbach (Danke, Herr Landsperger, funktioniert super), Handlauf gebogen von der Fa. Wachter, Waltenhausen und Aletshausen (Danke, Lothar!). Tassen (und Aschenbecher-) Kästchen von Doro, wie schon gedankt. Dingen Namen zu geben scheint üblich zu sein. Hab ich schon erzählt, dass Solosegler dazu tendieren, wunderlich zu werden? Der Zausel neben mir (Catweazel-Frisur, 70er Jahre Sonnenbrille, spillerige Beine in kurzen Hosen, mit Hund) hat gestern eine halbe Stunde damit zugebracht, seinen Außenborder ans Laufen zu kriegen. Nur um damit fünf Minuten die Bucht hoch und wieder zurück zu fahren. Musste heute früh allerdings auch den Hund zum Kacken ans Land bringen. Sein Schlauchboot ist winzig, aber sicher praktisch. Eben hat er sein (wunderhübsches) Boot ans andere Ende der Bucht verlegt. Es ist unruhiger geworden.

Schönes Boot in schöner Bucht: Worbarrow Bay

Nach allem, was ich bisher sehe, verliert Boy, der Motor, keinen Diesel mehr. Keine Ahnung, ob das mit meiner dreistündigen Reparatur heute Vormittag zu tun hat, hoffe das aber.

Inzwischen schaukelt die alte Elly mächtig: heute Nacht hat (sich der Wind und damit auch) sie sich gedreht. Jetzt zeigt die Nase aufs offene Meer. Von wo die Wellen in die Bucht steigen. Was aber ein gutes Zeichen ist: der Südostwind (auf den ich warte) verstetigt sich. Sonnenschein und ein ruhiger Tag in einer der schönsten Umgebungen der Britischen Inseln (Tom Cunliffe, The Shell Channel Pilot, das Standardwerk für den Ärmelkanal), was will man mehr?

Handyempfang wäre schön. Die Bucht liegt mitten in einem Militärübungsgelände, einem (aufgegebenen? Sagt jedenfalls die Solent Coast Guard) Marine-Schießplatz. Wie heute Nacht eine SMS von Paula durchgekommen ist, kann ich mir nicht erklären. Außer: Gestern spät lief vor der Bucht eine Motorsuperyacht vorbei, heller erleuchtet als jeder Kitsch-Christbaum (War vielleicht die Rahal aus Poole, das liegt nur 12 Meilen entfernt um die Ecke. Vielleicht haben die Telefonempfang vom Satellit und übertragen ihn über extrastarkes WLAN? Und grillen sich damit die Unterleibe? Tja, teure Freunde aus dem Nahen Osten, falls es mit der Dynastie nicht so gut klappt – ich hätte da eine Idee, woran es liegen könnte.

Hab jetzt, gegen alle Vernunft, mein Telefon hoch an den Mast geklemmt. Vielleicht gibt es ja hier irgendwo doch einen leichten Schleier Netzverbindung zur Außenwelt.

14:00 Das Schaukeln hat zugenommen. Der Zausel hatte den richtigen Riecher. Ganz schön professionell, der Zausel. Also Anker auf, für die kurze Fahrt ziehe ich nur die Rettungsweste an, Motor tuckert brav im Leerlauf, kriege den Anker auch hoch, bringe die Elli auf Kurs – stottert der Motor, geht aus. Lässt sich wieder starten, geht wieder aus. Rasch wieder Anker fallen lassen, an einer tieferen Stelle diesmal, 21 Meter rasseln raus. Aber wir sind wieder sicher. Scheiße das. Und in der Motorbilge ist auch schon wieder Diesel zu sehen (abgetropfter Rest von meiner neuerlichen „Reparatur“, hofft der Seemann). Erstmal essen. Dickes Blumenkohl-Sahne-Süppchen. Dann wieder ans Werk.

19:00 Ersten, vordersten Kraftstofffilter ausgebaut. Sah ziemlich verpeekt aus. Wahrscheinlich hätte ich damit anfangen sollen (Spar dir deinen Kommentar, Axel!), aber der Diesel darin sah so sauber aus! (Es war der bereits gefilterte). Außerdem sitzt das Ding ganz hinten im Motorraum (in den ich inzwischen schon sehr flüssig (geradezu elegant, scheint mir) eintauchen kann).

Regel 9: Den faulen Seemann bestraft das Leben

Gorbi

Hülse aus Blech, darunter Sichtgefäß aus Kunststoff (nicht mit der Zange angreifen!), darunter Fassung aus Billigplastik. Muss wohl die Blechhülse sein. Eigentlich gibt es dafür spezielle Zangen, mit Gewebeband und Klemmer. Hab ich nicht. Zurrgurt und Rohrzange müssen es tun, übel gewuchtet, dann bewegt sich die Hülse (kleine Delle reingedrückt). Heissa! Dann fängt die ganze Apparatur an zu suppen. Vielleicht besser was unterstellen? Und erkenne, dass Vorbesitzer Schuurd genau zu diesem Zweck eine exakt passende Kanne an Bord hat, samt Anklemmvorrichtung (ich Laie hab das Ding bisher schnöde zum Bilge-Ausschöpfern benutzt). Dann geht, nach einem endlos langen Gewinde, endlich der ganze Apparat ab – und zerfällt in seine Einzelteile. Oben ist nämlich, leicht zugänglich, eine Schraube (M11), die in eine Gewindestange im Zentrum des Filterapparats fasst. Wäre so leicht gewesen … früher hatten Spritfilter Papiereinsätze, die man auswechseln oder zur Not von Hand säubern konnte. Dieser hier ist wieder einmal ein Wegwerfteil: C1191PL Fuel Filter Fram. Merk ich mir besser. Leider ist kein Ersatz an Bord (schwere Rüge, Schuurd!) Also bade ich seither das Teil in seinem maßgeschneiderten Kännchen in Waschbenzin. Trübt sich etwas, mal sehen, ob es hilft. Jedenfalls ist beim nächsten Stopp, wo immer das sein wird, ein neuer C-elf-einundneunzig-Pe-El für Boy-Boy fällig, versprochen.

Tja, Kaffee ist alle, Tabak ist alle: für meine erste Nachtfahrt bin ich prima vorbereitet! (Suppe von heute und Zucchini-Penne von gestern sind noch da.)

Und irgendwo werde ich sicher auch wieder Handyempfang haben …

9. Südküste Englands (bis Portsmouth)

Spinnaker Tower, Portsmouth

Das schuldige Kabel

Das Kabel des Verderbens. Links gequetscht (Matts Vermutung), rechts ausgefranst (meine Theorie)

Da liegt es, Bikinizone am rechten oberen Ende. Räkelt sich das kleine Ding nicht arg extra-unbeteiligt in der Sonne (um sein Schuldbewusstsein zu kaschieren. Oder kommt nur mir das so vor?)?

Hilfe, ich bin berühmt!

(aber bei den falschen Leuten)

In Gravelines ist am folgenden Tag das Hafenpolizeischlauchboot aufgetaucht, hat im Hafen patroulliert und irgendwas (oder-wen gesucht). Beim Hinausfahren winkt mir der Kommandierende am Steuer des Schlauchbootes zu. Superfreundlich. Und (mir) superpeinlich. Die Ramsgate Coast Guard wird mich in Erinnerung behalten (weil meine Donation zu karg war – Witz!). Der Border-Force-Offizier, der mit mir (mit seinem Sachbearbeiter in Büro der Immigration die ganze Zeit am Telefon) durch den halben Hafen gehetzt ist, nachdem er beim Anblick meiner Klarsichtfolien-Dokumentensammlung noch meinen Ordnungssinn (Haha) gelobt hatte, musste dann noch auf mich warten, weil ich fieberhaft meinen Pass suchen musste (»Don’t be nervous, Take your time!«) Während er gleichzeitig, mit der anderen Arschbacke nervös von einem Fuß auf den anderen trat (mixing my metaphores). So lange hat das gedauert, dass die vom Mutterschiff (25m Luftlinie, aber halber Kilometer Fußweg über die Stege) ihm einen zweiten Mann, einen Schrank von GI (zwei Meter hoch, mindestens halb so breit, dafür ohne Nacken) geschickt haben. Wahrscheinlich haben sie befürchtet, ich will den Officer entführen oder Schlimmeres. Und wie der Schrank, um das Eis zu brechen (und mich abzuchecken) sich scheißfreundlich-uninteressiert nach dem Boot, dessen Marke, Alter usw. erkundigt hat …. Wie die Ramsgate Port Control, nachdem ich von ihr schon die Freigabe zur Ausfahrt bekommen hatte, einem anderen Schiff (über Funk für alle zu hören!) Anweisungen gab zu warten, eine Yacht habe Schwierigkeiten beim Wenden … War natürlich ich.
Wie die Dover Port Control in der Dämmerung versuchte, mit einer unidentifizierten Yacht »Unknown white ship, unknown white ship?« Kontakt aufzunehmen (war auch ich). Wie das Patrouillenboot der Dover Harbor Police rausgefahren kam. Wie das Personal im Hafenbüro der Sovereign Harbor Marina (bereits zweimal ausgetauscht: drei Schichten später) sofort Bescheid wusste: »Ich bin der, der in den Pier gecrasht ist, ähem…« – »Ach, Sie sind das!« Wie die Eastbourne Marina einem Boot die Freigabe zur Ausfahrt erteilte und der Typ zwei Minuten darauf kleinlaut zugeben musste, dass er noch nicht so weit ist … Alles superpeinlich. Aber der Brite kennt keine Blamagen, nur (blasierte) Förmlichkeit: »Your safety is preeminent, Sir.« Und überlässt es dem Gegenüber, sich unmöglich zu machen. Doch ich greife vor …

Britischer Humor: Letzte Toilette vor Frankreich
Ab Ramsgate

Sonntag, 22. Mai. Vormittags Full English Breakfast (Würstchen, Schinken, Kartoffelbrownies, Bohnen in Tomatensoße, Dosentomaten, Toast, Kaffee) im Ship Shaped Café, einem Hausfrauengemanagten Laden in einem Gewölbe am Hafen. Außerdem bei Marlec Marine, die Apotheke (sagt Matt) von Chandlery [Eisenwarenladen/Yachtbedarf] eine Ersatzpatrone für die Rettungsweste gekauft (ist direkt beim Einbauen losgegangen, mühsam frisch entlüftete Rettungsweste sofort wieder aufgeplustert: Irgendwas mache ich falsch, 25 Pfund in die Luft (CO2) gejagt) und einen Zweit-Anker (Bruce-Nachbau) gekauft. Auf feilschen steht der Marlec-Typ nicht so besonders (»you’re a pain in the ass«), aber ich bleibe, ganz in Paulas Stil, charmant und unbeirrt. Um zwölf will Marita anrufen, sie hätte schon früher gekonnt, ich hatte aber mein Handy nicht dabei (eigentlich wollte ich nur spülen und die Patrone kaufen gehen). Zwei Stunden Kaffeeklatsch an Deck, Tracy und Marita nehmen sogar meine ulkigen Sonnenhüte an, weil es einfach zu heiß ist. Dann muss ich wie angekündigt los.

Tracy und Mary

Abfahrt 15:30 (Auflaufendes Wasser, Flut um halb sechs) Marita und Tracy filmen die Ausfahrt. Ankündige Abfahrt bei der Port Control. Kurz darauf teilt die einem anderen Schiff mit, dass sie warten müssen, weil eine Yacht Schwierigkeiten hat, zu wenden. Das bin ich. Weil das Hydrovane-Ruder das Manövrieren echt schwer macht, vor allem in einer engen Gasse zwischen zwei Schwimmstegen. Aber irgendwann krieg ich das Heck herum, schramme noch an meinem eigenen Steg entlang und bin endlich bereit für die Ausfahrt. Winken und Küsschen. Mal sehen wie die Videos geworden sind. Mit Marita vereinbare ich, dass ich sie anrufe, wenn ich 20 min vor dem Pier in Deal bin (wo sie wohnen und meine Vorbeifahrt filmen könnten). Als ich um 16:30 Bescheid geben will, sind sie noch beim Pizzaessen. Wird also nix. Geplant hatte ich zwei Stunden, also bis halb sechs. Tatsächlich wird es halb sieben bis ich den weit ins Meer hinausragenden Riesenpier passiert habe.

Deal Pier
Häuser von Deal

Soviel zur Genauigkeit meiner Navigation (der Wind ist eingeschlafen, könnte man als Ausrede nutzen, tatsächlich starte ich den Motor kurz darauf, um wenigstens um die Landzunge herum und durch die Hafeneinfahrten von Dover zu kommen. Unter Segel und ohne Wind wäre das nicht ratsam). Navionics schlägt mir einen Kurs am Hafen von Dover vorbei vor. Ich folge ihm, genau auf der lila Linie. Östliche Hafeneinfahrt passiert ohne Schwierigkeiten. Aus der westlichen Einfahrt kommt ein Polizeipatrouillenboot. Die meinen tatsächlich mich (gibt auch weit und breit sonst kein Boot. Nur weit draußen eine zweite Yacht auf parallelem Kurs). Ich gehe in den Leerlauf, die kommen längsseits, auf Rufweite. Was meine Absichten sind? -Richtung Folkstone. – Gut. – Warum ich nicht den Hafen mit einer Meile Abstand passiere, wie es Vorschrift ist, wegen der vielen Fähren. – Mein Navi hat exakt diesen Kurs vorgeschlagen. Aber entscheiden müsste natürlich ich. – Eben.
Dennoch winkt er mir zum Abschied, als ich (unter seiner „Begleitung“) dabei bin, die westliche Hafeneinfahrt zu passieren. Jetzt ergeben auch die Funksprüche (Frauenstimme von der Dover Port Control) Sinn: »Unknown white sailship, white sailship«, aber die Koordinaten haben nicht (exakt) gestimmt, der Kurs auch nicht. Klarer Fall von Missachtung der Lektion 3: Kommunizieren!

Fast Folkestone, fast dunkel

Im letzten Licht Segel gesetzt und an Folkestone innerhalb von vier Stunden mühsam (unter 1 kn) mehr vorbeigetrieben als gesegelt. Abendessen gekocht (Chorizo-Gemüse-Penne-Pfanne; schmeckt wie Currywurst in geschmackvoll.) Mitternacht schmeiße ich die Mühle wieder an (geiles Gefühl, mit zuverlässiger Maschine zu fahren!), die mich bis an meinen geplanten Ankerplatz vor Ducheness bringt. 05:30 im ersten Licht Ankern vor Littlehouse-at-Sea. Erstmal schlafen. Um sieben geht es weiter, aber nach zwei Stunden Schlaf bin ich wie neu. In der Nacht waren mir schon sekundenweise die Augen zugefallen Aber dann piepst das Funkgerät auf und ich schrecke hoch.

Ducheness: Tracy hat mir den Hintergrund des Ortes erzählt, sie und Marita waren genau an diesem Wochenende dort. Und jetzt am Morgen sehe ich, was sie meint. British Rail hat auf einem Nebengleis ins Nirgendwo ausrangierte Güterwaggons entsorgt oder geparkt. Im Lauf der (50er?) Jahre sind sie aufgebrochen, besetzt und belebt worden, umgebaut und erweitert. Heute gelten sie als schick: eine einzelne Reihe von Häusern, am Strand aufgereiht wie auf einer Perlenschnur, alle von derselben Breite (Waggonformat) keins sieht aus wie das andere: jeder Squatter hat individuell gebaut. Schön. Nur das Nirgendwo ist noch immer eine karamellbraune Wüste, am Meer zu steilen Dämmen aufgeschütteteter Sand, Bootswracks und ausrangierte Bulldozer darauf: eine Mad-Max-Szenerie. Kam mir auch so vor, als wäre dort ein Filmteam am Drehen: neongrüne Regenkleidung, eine Regisseurin in roter, ein Kameramann in schwarzer Allwetterjacke. Falls (ich mir das alles nicht nur einbilde und falls) also im nächsten Derek-Jarman-Film (der lebt dort) eine Yacht im Hintergrund einer apokalyptischen Strandszene auftaucht, dann bin das ich gewesen. – Außerdem steht dort, gottverlassene Gegend, wie gesagt, wie selbstverständlich ein riesiges Atomkraftwerk. Endzeitstimmung eben.

Seit dem Cap Ducheness regnet es Niesel, dauerhaft, aber nicht stark. Bedeckt, jedoch mit einzelnen helleren Stellen – nicht bedrückend. Vor allem geht es mir gold: die Hydrovane steuert bei jedem Wetter. Und Georgieboy hat sich noch nie beklagt. Ich sitze unten im Trockenen und schreibe (dies hier) oder stehe im Niedergang und schaue mir die graue Welt an. Kein bisschen trostlos, sondern sehr entspannt.

Damit ich eine Lauchsuppe zubereiten kann, steuert  Georgie tadellos auch hart am Wind (BF 4). Aber Kochen bei 15° [Seiten-]Lage und Wellen bis 1,5m ist alles andere als trivial. Kartoffeln schälen und schneiden, Lauch schneiden (Brettchen und Messer immer gut festhalten!) ist noch die leichtere Übung. Kartoffeln und später Lauch in Butter anschmelzen ist schon anspruchsvoller. Dann kommt noch Ninas letzte Milch rein. Superlecker, die Suppe esse ich im Cockpit auf dem Schoß. Kann ich den Kurs überprüfen. Aber vor allem: Das Cockpit macht sich von selber sauber, falls ich was verschütte. Geht drei Teller lang gut. Ich fühl mich wie der König der Welt. Essen und Trinken hält alles zusammen.

Die letzten zwei Stunden am Ende motore ich, weil ich nicht im Dunkeln ankommen will, mit Vollgas (3200U/m) nach Eastbourne Sovereign Harbor. 17:45 Einlaufen. Hafenmeister weist mir einen Liegeplatz zu, ich finde ihn auch, aber von da an läuft alles schief …

Der schlechteste Anleger der Welt

Meine Box D 14 ist eng, aber nicht zu eng. Der Raum zwischen den Piers schmal, aber machbar. Erst schaffe ich die Drehung nicht, laufe auf den Stb Fingerpier zu, bremse [Boote haben keine Bremse. Bremsen heißt: im Rückwärtsgang Gas geben]. Jetzt treibt der Wind das Heck gegen den Fingerpier, ich laufe schräg in die Box. Das wäre der Moment gewesen, das Manöver abzubrechen und neu anzusetzen. Habe ich verpasst. Ich versuche, mit noch mehr Gas doch noch reinzukommen, werde zu schnell, ramme hektisch den Rückwärtsgang ein, das Boot wird aber nicht langsamer. Mein Buganker (sehr stabil) verhakt sich in den Wanten des Nachbarschiffs, dann in einer Relingsstütze dort, fetzt schließlich frei und rammt den Pier. Großes Geklirr, als ein Stromkasten (mit schickem weißem Lichtwürfel oben) zu Bruch geht. Kleineres Knacken, als auch der Rettungringhalter daneben einen abbekommt. Bug schiebt sich auf den Pier und steht brusthoch aus dem Wasser. Franzose vom Nebenschiff, der mir mit den Leinen helfen wollte, kann ihn nicht zurückschieben. Ich lege den Rückwärtsgang ein, gebe Gas, erst zaghaft, dann mehr, aber nichts hilft: Ich bekomme das Boot nicht vom Steg herunter. Lächerliches Bild, eklatante Verletzung von Regel eins: Das Manöver muss gut aussehen.

Müßig zu erwähnen, dass am Steg gegenüber vier erfahrene Yachties (alles Männer, Gesamtalter sicher 200 Jahre), interessiert beobachten, wie ich Alleinsegler wohl den Anleger hinbekomme. Als das große Klirren und Knacken losgeht, zerstreut sich die Gruppe rasch (wahrscheinlich mit vor die Augen geschlagenen Händen) – Hafenkino vom feinsten. (Dieser  Anleger kommt, wie ich eben erfahren habe, auch in Jaabs Reisebericht vor, s.u.) 

Lektionen 10 bis 14: Beim Anlegen große Bögen fahren. Nicht in der Kurve anlegen, sondern das Schiff so lange wie möglich davor auf den endgültigen Kurs bringen. – So langsam fahren, wie es der Wind zulässt. – Nicht hektisch werden (Haha!) – Sich nicht genieren: Was passiert, passiert. Wenn man nichts machen kann, braucht man sich auch nicht aufregen (Haha). Und: Auch die erfahrendsten alten Hasen haben mal als kleine Häschen angefangen.

Ausreden: Ich war übernächtigt (nur zwei Stunden geschlafen). Ich hab vierzehn Stunden nicht geraucht. Ich hab die Kurve zu eng genommen (vermeidbarer Scheißfehler). Es gab Windböen, unregelmäßig und nicht schwach (kann leider immer wieder passieren). Die Motorschaltung hat versagt.

Beim Festmachen, der Franzose hat es schließlich geschafft, den Schiffsbug vom Steg zu wuchten, will ich sanft nach hinten fahren. Aber: Egal in welcher Stellung des Schalthebels, die Elli fährt nur voraus. (Deshalb habe ich sie nicht vom Steg bekommen!) Entweder die Schaltung ist kaputt oder der entsprechende Bowdenzug ist gerissen oder das Wendegtreibe ist am A…. Der gerissene Bowdenzug wäre die einfachste und billigste Lösung. Also Fehlersuche im Abendlicht.

»Langstreckensegeln ist, wenn man sein Boot an den schönsten Plätzen der Welt repariert.«

Seglerweisheit (Hab ich die nicht schonmal angebracht?)

Erster Gang/Run: Off-Licenze, der Tabakladen am anderen Ende des Hafens. Hat zum Glück noch offen. (Rauchen aufhören war zwar für diesen und den vorherigen Tag geplant, hat aber nicht geklappt. Ich hab sogar Tabakreste aus dem Aschenbecher aus alten Kippen gebröselt und auf dem Herd getrocknet– sehr erniedrigend und beschämend. Und schmeckt ziemlich scheiße. Aber wegen dem Geschmack raucht sowieso keiner (der noch alle Tassen im Schrank sturmsicher verrammelt hat.) Dann einchecken. Dann Abdeckung der Getriebeschaltung aufschrauben. Die gute Nachricht: Nichts ist gerissen oder geborsten, eine Hülse (um den Bowdenzug) an einem Flansch am Getriebe ist aus ihrer Klemme gerutscht. Lockern, an die richtige Stelle platzieren, wieder festschrauben – repariert! Genie, das ich bin: sehr zufrieden mit mir.

Neues Problem: Handy lädt nicht. Egal, wie herum und wo ich es einstecke. Haben die in England etwa noch immer 110 Volt? Aber auch über den Zigarettenanzünder (12 Volt) läuft nichts. Handyladung steht auf rot, das Smartphone ist mein Navi-Backup, außerdem meine Kommunikation nach Hause. SIM-Karte ins Ipad und damit telefonieren? Aber das ipad ist hauptsächlich für die Navigation. Dafür will ich es reservieren.
Irgendwie klamm fühlt sich das tote Smartphone an. Auch die Hülle. Es wird doch nicht nass geworden sein? Also raus aus der Hülle und tun, was alle Teenager tun, wenn sie ihr Telefon ins Klo haben fallen lassen– föhnen. Heizöfchen angeschmissen und das Telefon im Heißluftstrom platziert, Ladebuchse voran und hochdrapiert. Jeweils eine Viertelstunde köcheln auf Ober- und Unterseite. Jetzt müsste das Gerätchen eigentlich gar sein. Vielleicht erst abkühlen lassen? usw. usf. Kurz gesagt: Nichts funktioniert. Wahrscheinlich muss man dreizehn sein und echt krass verzweifelt, damit dieser Trick funktioniert … Abend ohne Handy. Käsebrot, Apfel, Orange. Zwei kleine Leffes.

Rund Beachy Head
Vor Kap Beachy Hoorn

Dienstag, 24. Mai 2022. 08:00 Hafenmeister kommt, den Schaden begutachten. (der Nachtwachentyp gestern Abend hat mich beruhigt: am Nachbarboot ist nichts zu sehen (die verbogene Relingstütze ist ihm nicht aufgefallen), für den Lichtwürfel am Stromkasten und die Plastikhalterung des Rettungsrings haben sie Ersatz, ich soll mir keine Sorgen machen …
Anders der Hafenmeister. Er wird den Bootsbesitzer des Nachbarbootes kontaktieren (hat der Nachtwachentyp auch schon versucht), die Stromsäule reparieren kostet mindestens dreißig Pfund usw. Was kann ich sagen? Wird es eben ein Fall für die Versicherung, nichts zu machen.
09:00 Beim Yachtbedarf eine neue (die dritte) CO2-Patrone für die Schwimmweste besorgen. Die machen erst um 10:30 auf (und an manchen Tagen gar nicht, sagt die Frau im Hafenmeisterbüro). 11:00 h Pressluftpatrone (Canister) gekauft, Fußmarsch zum nächsten Handyreparaturladen: 25 min. An vierspuriger Straße und durch Reihenhaussiedlungen. Schöne Erinnerungen an Auslandswochen mit Schülern (unter anderem in Eastbourne). Abends, wenn der Tag gelaufen war, Rückweg zu den Gasteltern; oft noch Halt in einem Pub (Svenja, du erinnerst dich?) Andere Zeiten.

Die Adresse des Handreparaturshops ist ein unauffälliges Reihenhaus. Türklopfer anstelle einer Klingel. Blumentopf steht mitten im Eingang. Niemand öffnet. Ich bin sicher völlig verkehrt. Was tun? Geh ich ums Haus herum, sitzt auf der Terrasse in der Sonne eine weißhaarige schmale Lady. Quatsch ich sie an. Der Handyman ist ihr Sohn, gerade nicht da, er kommt wahrscheinlich so gegen eins oder so wieder (»one-ish, half two-ish«). Ich soll ihn anrufen, sie gibt mir bereitwillig seine Karte. Anrufen? Schön. Nur womit?Ob SIE ihn anrufen würde? Auch das tut sie. Für Viertel vor eins sind wir verabredet, kaum 20 min später. Erleichterung.
Gegenüber steht ein uralter Chevrolet-Pickup. Völlig (sehr pittoresk) verrostet, aber anscheinend noch fahrtüchtig, tiefergelegt bis zum Asphaltkontakt, dem Kennzeichen nach von 1948. Ein Traum. (Der Traum aus American pie: »Drove my Chevy to the levy, but the levy was dry.«) Selfie:

Chevy on the dry

Karl Francis kommt Punkt Viertel vor. Die blaue Tür mit dem Klopfer und dem Blumentopf lässt sich tatsächlich öffnen. Innerhalb von Sekunden hat er mein Telefon gecheckt: alles funktioniert. Charger, Kabel, Telefon, einfach alles. Erleichtert und irritiert zugleich: Warum hat das bei mir nicht geklappt? Außerdem hat die alte Lady heute Geburtstag und wird 74. Congratulations, sieht man Ihnen nicht an! (War gelogen).

Auf dem Rückweg noch mehr Vergangenheitserinnerungen. An einer Softeisbude an der Strandpromenade tummeln sich sicher siebzig SchülerInnen, Klassen 6 bis 8; LehrerInnen weisen sie zurecht, rufen sie zum Sammeln (von geworfenen Steinen), mahnen zum Aufbruch. Dann setzt Regen ein. Beim Yachtbedarf noch einen neuen Feuerlöscher und Material für zwei Boomstays (dt. Verballhornung [aber offizielle Bezeichnung]: Bullenstander [Leinen, die auf Vorwindkursen den Baum nach vorne stabilisieren und ungewolltes Umschlagen des Baumes verhindern] gekauft.
16:30 Fish&Chips gegessen (beim Inder; fast die besten bisher), alles klargemacht zur Abfahrt, Harbormaster Bescheid gesagt: »Good to go.«
Aber: mein Boot fährt nur rückwärts. Rückwärts immer, vorwärts nimmer. Habormaster wieder abgesagt: Bin noch nicht so weit. – Kein Problem. »Give us a shout, when you’re ready.« Alter Hase, der ich bin, weiß ich die Ursache: Ich hab die Hülse am Bowdenzug zu hoch fixiert. Rückwärtsgang (den ich probiert habe) klappt zwar, aber Vorwärtsgang rastet nicht ein. Rettungsweste und Jacke ausgezogen, Klapptisch aus Motorraum geräumt, Werkzeugkiste unter Navitisch vorgewuchtet, 8er Gabelschlüssel gefunden, hinten unten im Motorraum am Getriebe zwei Schrauben losgedreht, Hülse verschoben, wieder angezogen, Motor an, ausprobiert: läuft. Wieder in Motorraum, Hülse endgültig angeschraubt/verklemmt, Klapptisch wieder in Motorraum geräumt, Werkzeugkiste wieder verstaut, Jacke und Schwimmweste wieder angezogen: innerhalb von 10 Minuten war ich wieder bereit und der Hafenmeister gibt mir die Anweisungen fürs Ausschleusen aus der Sovereign Harbor Marina Eastborne. Abfahrt 17:45, Schleuse 18:00h
Unter Motor Richtung Stadt und Beachy Head. 18:30 Eastborne Pier passiert, 19:30 unterer Leuchtturm Beachy head passiert usw. usf. Guckst du Video: https://youtu.be/U9kCzNNngAw
Um das Kap von Beachy Head herum laufen die Wogen ziemlich verworren, überschneiden sich zum Teil. Sind sie sonst anderthalb bis zwei Meter, erreichen sie dort leicht drei Meter. Sing ich mir eins (wie Jonny Depp in Pirates of the Caribbean, kurz bevor er endgültig überschnappt):

»Good ship Elizabeth,
taking to the waves,
good ship Elizabeth,
being mighty brave…« 

(da capo al fine ad lib.)
(Ulli Depp beim Untergang der S/V Elizabeth)
(Melod.: Brown Girl in the Ring, Boney M.)

Tatsächlich nimmt die gute alte Elli jede noch so quer kommende Kreuzsee klaglos und gutmütig. Bin sehr zufrieden. Beachy head im Abendlicht ist toll (und dramatisch beleuchtet).

(viele Bilder geschossen)

Die steile Kalksteinklippe ist ein nationales Monument für die Engländer. Als im WK II die Truppen Richtung Kontinent geflogen wurden, waren die unverwechselbaren Cliffs das letzte, was sie von ihrer Heimat sahen. Heute sind die Kuppen mit dem senkrecht abfallenden Abgrund ein Eldorado für Selbstmörder. Jede Person, so steht auf Hinweisschildern, die sich unschlüssig am Abgrund herumtreibt, ist so schnell wie möglich an die eigens dort stationierte Suicide Squat zu melden.(Weil ich mehrfach mit SchülerInnen da war, kenne ich die Aussicht, sehr schön dort oben! Vom Wasser aus ist selbstverständlich nichts von alledem zu bemerken.)

(sehr viele)

Eine Meile Abstand, dann bist du sicher, hat mir die Nachtwache am Vorabend empfohlen. Jetzt stelle ich fest, dass das Meer unter der Küste grün ist vor ausgewaschenem Kalksandstein. Draußen sieht es blau und etwas ruhiger aus. Lektion 15: Grünes Wasser: schlecht; blaues Wasser: gut. Tatsächlich ist es draußen minimal (Susan: ein My) weniger bewegt. Wie sehr es tatsächlich geschaukelt hat, ist auch auf dem Video nicht zu sehen. Aber: Elli war jederzeit in der Lage, jede See zu nehmen, ich hab mich nie unsicher gefühlt, sondern eher (zwar angestrengt aber) beschwingt: einmal um Beachy head herumzufahren. das war immer Teil des Traums gewesen.

(aber schöne)

Dann stelle ich fest, dass ich völlig vergessen habe, die Fender reinzuholen. Einer ist bereits dabei, sich von seinem Knoten zu lösen … Den reinzuholen und neu zu verknoten ist bei Wellen von 2m und Wind bis BF4 auch unter Motor nicht trivial. Später haben mir die Wellen von sich aus zwei Fender an Bord geworfen (u.a. den großen Kugelfender in die Bugbadewanne) und zwei andere (die ich rausgeholt hatte) wieder vom Seitendeck gespült. Als ich um die zweite Kalkwand von West Beachy Head herum bin, hole ich das Navi-ipad hoch: zum Ziel sind es noch immer über drei Meilen. Also Vollgas.

21:00 Hafeneinfahrt Newhaven. 21:30 Festgemacht. Der Franzose ist schon da und hilft mir wieder mit den Leinen. Wind W drückt mich gegen den Steg. Angenehm. Vom Fischkutter neben mir kommt den ganzen Abend gemütliches Brummen von Generator oder Eismaschine, während der Umgangston unter den Fischern eher rau ist (»You stupid fucking mongo!«).

Um Mitternacht legt die riesige Roll-on/off-Fähre („TransMancheFerries“) ab. Ich merke es daran, dass ich unten im Salon ein merkwürdiges Pfeifen höre, das ich nicht lokalisieren kann. Irgendwo ein Ventil offen? Läuft ein Ventilator? Ich hab, so weit ich weiß, nirgendwo ein Ventil an Bord. Das Heizöfchen ist definitiv stillgelegt. Merkwürdig. Dann steigert sich das Geräusch zu einem nervenzerfetzenden Kreischen, als würde jemand das Schiff von unten mit einem Dosenbohrer malträtieren (keine angenehme Vorstellung das, aber selbstverständlich undenkbar! (Obwohl: Taucher???)). Schließlich wird das Brummkratzen so laut, durchdringend und unangenehm wie das Rüttelbrummen beim Zahnarzt (nicht die schnelldrehende Turbine, sondern das dunkle, kalottendröhnende nervzerreißende Krächzschrammeln). Es sind die Schraubengeräusche der ablegenden Fähre, sicher zweihundert Meter entfernt. Aber weil Wasser Schall sehr viel weiter und vor allem ungedämpfter überträgt …

Den Wal stelle ich mir vor, der auf irgendeinem Weltmeer zu schlafen versucht und alle naselang kommt sein Zahnarzt und bohrt ihm den Schädel auf (oder macht jedenfalls die entsprechenden Geräusche) – der Wal möchte ich nicht sein; vor allem, wo diese Tiere doch anscheinend besonders geräuschempfindlich sind, sehr gut hören, und sich über ihre „Gesänge“ hunderte von Meilen weit verständigen/orientieren können). Für mich nur ein weiteres Beispiel dafür, das wir Menschheit (seit Jahrzehnten) dabei sind, es mit dieser Welt gründlich und ein-für allemal zu verkacken. Wie kann es sein, dass dieser Lärm keinem Taucher, keinem Yachtbesitzer auf den Geist gegangen ist und kein Ingenieur versucht hat, etwas dagegen zu tun? Es muss doch möglich sein, leisere Propeller/Turbinen zu bauen? Kleiner Hoffnungsschimmer: vielleicht sind die Geräusche nur bei Rückwärtsfahrt so laut? Im engen Hafen hier können die Riesendinger nur rückwärts rausfahren. Ernüchterung: eben (14:00) kam die nächste Fähre rein, vorwärts. Der Lärm war nicht wesentlich geringer. Adieu, gesunder Menschenverstand (falls das nicht eh ein Euphemismus ist).

Trotzdem wunderbar geschlafen, bis 08:00. Wachgeworden vom Anrollen der Brandung am Kieselstrand (??? Gibt hier weder das eine noch das andere). Auflösung: Gegenüber wird mit dem Bagger Schrott geordnet, aus den Baggerschaufeln rieseln Metallteile auf die berghohen Halden mit einem Geräusch wie Kiesel am Strand.

Mittwoch, 25.05. 10:00 beim Hafenmeister angemeldet. Zwei Nächte gebucht (heute ist Ruhetag, ich hab Zeit, diesen Blog zu schreiben. Aber in der Billigmarina (GBP 28.-) gibt es kein WiFi. Versuche ich später im Städtchen).
10:30 Frisch geduscht und Zähne geputzt, sieht der Tag (bedeckt, windig, Elli liegt sicher am Besucherpier), doch gleich viel freundlicher aus. Jetzt einen Kaffee und …
Der Witz geht so: Frühmorgenflug, irgendwo in den USA. Die Maschine ist gestartet, hat ihre Reisehöhe erreicht, im Cockpit kehrt Ruhe ein. Der Pilot reckt sich, zum Co: »So, jetzt einen Kaffee und einen Blowjob und das wird ein schöner Tag…« Weil sein Intercom noch für die Durchsage an die Passagiere eingeschaltet ist, hören es alle hinten in der Kabine laut und deutlich. Räuspern und nervöses Kichern. Eine Stewardess springt hastig auf und hetzt nach vorne zum Cockpit (um den Piloten auf sein Missgeschick hinzuweisen). Kommt eine Fistelstimme von hinten (wahrscheinlich zynischer alter Mann): »You forgot the coffee!«

Lizbeth in der Newhaven Marina. Im Vordergrund links Jaabs Boot mit der niederländischen Tricolore

Jaab heißt der alte Franzose. Außerdem ist er kein Franzose: ich Blödel hab die niederländische und die französische Flagge verwechselt. Wie konnte ich nur? Ausrede: Sie hängt schräg am Heck von Jaabs Boot, der Nehallenia aus Durgerdam (klingt auch nicht gerade französisch). Wo die Niederländische doch viel älter ist und die Franzosen sich bei der Revolution an ihr orientiert haben… sagt Jaab. Außerdem schreibt er auch gerade, er ist Redakteur bei einer Zeitschrift und wird seine Reiseerzählung dort herausbringen …

Eben Mail vom Marina Manager in Eastbourne erhalten/gelesen: der Besitzer des Nachbarbootes will mit mir sprechen. Wohlan.
Abends Essen gegangen mit Jaab. The Hope Inn, direkt neben der Marina. Krabbencocktail, Mac&Cheese, Guiness.

Mi., 25. und Donnerstag 26.05. waren Ruhetage (für mich, draußen tobte der Sturm, selbst dem Scallop-Fischer nebenan war es zu bewegt, er blieb im Hafen). Spazieren gegangen, kleinere Reparaturen. Vorgekocht (Ratatouille, Reis) für …

Freitag, 27. Mai. 06:00 los, Schwierigkeiten beim Ablegen (gegen den W-Wind, der mich an den Steg drückt). Als ich es raushabe und die alte Tante Else gegen eine Achterleine mit Motor sanft in den Wind schiebe, geht es mittendrin nicht weiter. Abstand zu Jaabs Boot: nur nervenaufreibende anderthalb Meter. Auflösung: einer meiner neu installierten Bullenstander hat sich am Poller des Stegs verhakt. Als ich den loswerfe, dreht sich das Schiff wie geplant. (Wieder beim Hafenmeister entschuldigt, dass ich solange brauche etc.) Dann rausgefahren, im Vorhafen hinter der Mole die Selbststeueranlage in Betrieb genommen (in Gummistiefeln die Badeleiter hinab wadentief ins Wasser steigen, Ruder einhängen, oben auf dem Achterdeck Windfahne anschrauben). Großsegel hochgezogen und ab gings: von 7 bis 11 vier wunderbare Stunden bei Wind (von vorn) und Sonne traumgesegelt. Dann schlief der Wind ein, dann kam er wieder, drehte sich, dann … jedenfalls hab ich keine vernünftige Segelstellung mehr gefunden. Um 12 entnervt den Motor gestartet. Die Landzunge (Selsey Bill), um die ich herum muss, liegt genau im (unzuverlässigen) Wind. 18:00 vor der Landzunge geankert. Im Lauf der Nacht ändert sich die Tidenströmung zwei Mal, Elli legt sich parallel zum Strand, bis Mitternacht Bug nach Norden, danach nach Süden, am Morgen war er wieder im Norden … Aber der Anker hat gehalten! Unruhige Nacht wegen einrollender Wellen. Aber geschlafen wie ein Stein. 8 bis 9 telefoniert, 10 losgefahren, Samstag, 28.05. Untiefen südlich der Halbinsel abgekürzt, paar Minuten Nervenkitzel, aber die ablaufende Flut ist noch sehr hoch.

Georgie steuert uns majestätisch in den Solent, das wahrscheinlich berühmteste Segelrevier der Welt zwischen Portsmouth,Southhampton und der Isle of Wight. Die Hölle ist los, der AIS-Alarm läuft Amok. Dann schwächelt George (oder der Wind dreht), also wieder zwei Stunden motort und um 13:45 in der Gunwharf Quay Marina festgemcht, mitten in einem EInkaufszentrum in einer Art Fußgängerzone, also so etwa wie mit dem Boot auf der Kreuzung Hohe Straße und Schildergasse liegen … auch schön.

Abends Sandwiches auf Jaabs Boot (der hat einen Cockpittisch). Ein Leffe, ein Glas Wein, Käse-Schinken/Gurken, Tomaten, Salat-Sandwiches.

Sabeth im Hafen von Portsmouth

8. Französische Nordseeküste

Gegen den Wind – aber in schön. 

Samstag, 14. Mai, der beste Tag bis dahin (für mich)

Beispielbild

Wenn wir die Tidenströmung ausnützen wollen, müssen wir früh los, hat uns der freundliche Hafenmeister Francis in Zeebrugge beraten. Also im Morgengrauen losgefahren, wir wollten Land gewinnen (darf man das überhaupt noch sagen, wenn Krieg herscht?) Nina und ich wollten jedenfalls möglichst weit vorankommen. 06:45 abgelegt, die ewig lange Hafenausfahrt raus motort, Zeebrügge ist der zweitgrößte Hafen Belgiens. Draußen bläst es etwas mehr. Wind Bf 1-2, SW, Kurs 280°, also ziemlich genau gegenan. Die Elizabeth nimmt die wenigen Wellen gutmütig. Bei bestem Segelwetter (Sonne, Wind, kaum Wellen) enorm Fahrt gemacht. 09:00 Blankenberge passiert, Nina ist nicht ganz so begeistert wie ich, mittags lassen wir es genug sein. Nachmittags 14:55 in der Mercator Marina in Oostende festgemacht. In der Einfahrt zur Schleuse ruft einer der Mitarbeiter der Nachbarmarina herüber: »Zur Mercator-Marina? Da müsst ihr aber vorher anrufen!« – »Haben wir gemacht!« Alte Segelhasen, die wir sind. Tatsächlich hab ich schon zwei Tage zuvor von Cadzand aus (Nullchecker, der ich bin – Oostend wäre niemals zu erreichen gewesen, schon gar nicht in zwei Stunden!) in der Marina angerufen und erfahren, dass sie ab Freitag (13. Mai) komplett ausgebucht sind: es findet irgendeine Wochenendregatta (Oostende Anker Week) statt. Deshalb habe ich heute draußen vor der Hafeneinfahrt angefunkt und Glück gehabt: Eine Yacht geht um zwei Uhr raus und wir können ihren Platz haben.

Die Innenstadtmarina in Oostende ist der Traum. Zentral gelegen, Stadtmitte, Bahnhof, Strand jeweils in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen. Als ich mit Paula im Januar hier war, habe ich noch sehnsüchtig den Yachten im Hafen und draußen vor der Küste nachgeschaut. Und jetzt bin ich selber auf einer! Ein Traum in echt. Stadtfein machen und zur Fischbude rennen ist eins. Drei hausgeräucherte Herings(doppel)filets (mit der Schere in aufspießfähige Stücke geschnitten und deshalb plötzlich obersaftig) sind selbst mit der Haut extrem lecker. Aber viel zu viel, selbst für zwei ausgehungerte SeglerInnen. Irgendwie gehen sie doch weg. Ein Schnaps wäre jetzt gut. Aber es ist erst halb vier. Abends soll es die legendäre Fischsuppe geben, für die Oostende bekannt ist. Ich hab Nina so oft davon vorgeschwärmt, dass ich sie jetzt dazu einladen will. Besser einen Tisch reservieren. Sehr gern (und gar nicht nötig, das Lokal ist leer). Nur: Sie schließen um 17:30h, last orders um fünf. Schon wieder zu essen klingt nicht verführerisch. Aber es muss eben dieser Laden, es muss diese Fischsuppe sein …

Anderthalb Stunden Schnellverdauen ist angesagt, beim Lauf durch die stark belebte Fußgängerzone, am James-Ensor-Haus vorbei, beim raschen Blick über die Strandpromenade. Dann müssen wir zurück.

Ob wir tatsächlich die Fischsuppe wollten? Ist eine ziemliche Portion, der supernette Kellner macht eine ausladende Handbewegung … Aber versprochen ist versprochen. Es muss diese Suppe sein, egal wie ausladend.

Bon Appetit!

Nina schafft wenigstens die Fischeinlage, ich kämpfe mich bis zum Grund des kinderbadewannengroßen Tellers. Sollte ich erwähnen, dass dazu noch hausgemachte rosa Crème-Fraîche-Sauce, Croutons und geriebener Käse serviert werden? Dazu lecker Brot und Butter? Vorher Oliven?

Punkt halb sechs schleppen wir uns aus dem Lokal. Für mich fällt der vorgesehene Stadtrundgang aus, ich kann nur noch rollen. Mittagsschläfchen ist angesagt. Nina zieht nach kurzer Ruhepause alleine los. Ich wache wie gerädert um halb zehn auf. Alles außer hungrig.

Bahnhof Oostende, Bauch: Westende

Beim ersten Hetzen durch die Stadt sind wir mitten durch eine Travestieshow gestolpert, sechs gesetzte Herren in lilaglitzernden engen Stramplern, zentimeterdick und bunt auf betörend geschminkt, halten sich zu übersteuert wummernden Abba-Hits Mikrophone vor den Mund. Aber sie (und das Publikum) haben Riesenspaß. Anscheinend ist CSD in Oostend. Jedenfalls ein Riesenvergnügen.

Jetzt, am Ende des Abends erinnert mich irgendwer, dass an diesem Samstag der Eurovision Song Contest übertragen wird, früher war das der höchste Feiertag unter unseren LGBTIQ-Freunden (die damals noch anders hießen). Wahrscheinlich übertragen sie die Auszählung (»Ukraina:: duusend punts, Jukrainia: twelve points, l’Uqureine: douze points«) – Weit gefehlt: Auf dem Platz läuft eine pansexuelle Monsterdisko, der DJ ist selbst sein bester Unterhalter, die Menge tobt. Von Abba, belgischem Schlager, über Pet shop boys bis zum härtesten Tekkno (eine Version von „Alle Gläser hoch!“ ist auch dabei – es ist fast wie Karneval, Masken kennt der Belgier nur für alte Leute) der Wirbelwind-DJ spielt alles nur kurz an, quatscht dazwischen und loopt wie ein Verrückter. Aber die Menge liebt es. Und ich, nach dem dritten Bier, auch. Sogar ein wenig gedanced hab ich. Kurz: Oostende hat sich an diesem Traumtag von seiner besten Seite gezeigt. Nina mag die Stadt auch.

Elli im Hafen von Oostende
Ein Bombentag

(darf man bestimmt auch nicht mehr sagen)

Seit drei Tagen sitze ich in Gravelines (reimt sich auf: (verpassten) Termin, dazu später) und starre auf die Hafenschleuse, obwohl die nur zwei Mal am Tag aufgeht (und dann auch nur für vier Stunden). Wenn sie aber aufgeht, ist es ein Schauspiel. Tidenhub von fünf Metern. Im Hafenbecken nur drei. Aber hinter bzw. vor der Schleuse wird aus einem breiten Kanal eine schäbige teigbraune Schlammsenke (mit Booten, die aufsitzen). Doch ich greife vor …

Ein Gennaker-Tag

Sonntag, 15. Mai. 09:00 öffnet der superfreundliche (wie anscheinend alle) Hafenmeister/Schleusenwärter in Oostende nach Funkanfrage allein für uns die Schleuse (eigentlich wollten wir um acht los, zum Beginn der Schleusenzeit, aber ich hatte eine Verabredung zum Tee mit Paula), wie üblich aus dem Hafen motort, Wind NO 3-4, Kurs 280°: perfekte Bedingungen. Übermütig Gennaker gesetzt, wir machen 2,8 Knoten, ganz okay für die alte Elizabeth (aber jeder sportliche Fußgänger könnte uns überholen). Nina steuert wie die eins, Gennaker steht hoch und bunt, es geht mächtig voran – ein Träumchen.

Nina and Jenny have fun

10:45 Hafeneinfahrt Niewport passiert, 13:35 Boie Whitley dito (HMS Whitley, Schiffswrack, schätze im WK II dort versenkt). 

Um das Riesensegel, als es einfällt, aufzublähen, greife ich ins Schot. Funktioniert auch super, dann fällt der Wind ins Segel, die Schot, nicht mehr als eine dünne Leine, schießt mir durch die Hand, entwickelt sofort mächtig Reibung … Finger (leicht) verbrannt (keine Blasen). Lektion 7: Gennaker nur mit Handschuhen.

Kaffeekühlung

Nina steuert den Gennaker aus, als hätte sie nie etwas anderes gemacht, sie genießt es sichtlich, ich nicht weniger … bis 14:15 die Fußleine bricht und das Riesensegel weit vor dem Vorstag im Himmel flattert. Also Gennaker einholen unter erschwerten Bedingungen. Schaffe ich auch (im Windschattten des rasch ausgerollten Vorsegels), (fast) ohne ihn ins Wasser fallen zu lassen: die letzten anderthalb Meter oder so sind eingetaucht. Bin ich schon ein wenig stolz auf dieses Manöver. Das Groß holen wir an diesem Tag nicht mehr raus, nur unter Vorsegel dümpeln wir Richtung Dünkirchen. Andere Yachten überholen uns. Scheiß der Hund drauf, uns geht’s gold.

»Schau auf den Fluss und warte geduldig, bis die Leichen deiner Gegner vorbeitreiben.«

Nach Nina, buddhismus-affin

Dann kommen die Fliegen. Ob die olle Tante Else wohl besonders streng riecht? Jedenfalls überfällt uns ein mächtiger Schwarm. Sie lassen sich auf allen Teilen des Bootes nieder, vor allem die Persenning [Schutzüberzug] des Großsegels scheint es ihnen angetan zu haben. Wo sie um den Mast spannt, ist von der dunkelblauen Farbe nichts mehr zu sehen, schwarz vor Fliegen (nicht übertrieben!). Abends holen wir die „Mausy“ (betont auf der letzten Silbe, es ist eine Yacht frankophoner Belgier) wieder ein. Später im Hafen reden wir – Mausí hat die Fliegenplage auch gehabt.

In der Marina sehe ich beim Einfahren eine Moody 33 liegen, Mk II, exakt dasselbe Modell, nur ein Jahr jünger. Übermütig rufe ich ihnen rüber »MOODY!!!«.1
Nina versteht »NUDELN!!! Macht irgendwie kurz vor dem Abendessen auch Sinn. 18:30 festmachen in Dunquerque. Der Skipper der anderen Moody winkt uns zu einer Box nahe seinem Schiff und hilft uns. Ich lade ihn und seine Lebensabschnittsbegleiterin (heißt inzwischen sicher auch anders) auf einen Wein nach dem Abendessen ein. Sie leben auf ihrem Boot das ganze Jahr über und scheinen damit zufrieden (und extrem ausgeglichen) zu sein. Außerdem leihen sie uns den Elektronik-Chip für die Toiletten: das Büro des Hafenmeisters ist nur von neun bis fünf besetzt (Marina im Besitz der öffentlichen Hand). Spaghetti (Nudeln!) mit Tomaten-Paprikasauce. Nina und ich sind jetzt seit einer Woche unterwegs. Kommt uns beiden länger vor.

«Sooo klein? Dann buch dir doch eine größere Kabine!«

Freundin von Nina

… sagte ihr eine Freundin, als Nina ihr erzählt hat, in welch beengtem Raum sie wird leben müssen. Um zu illustrieren, wie weit entfernt von unserem Segelabenteuer die Vorstellungswelt ihrer Bekannten ist. Müßig zu erwähnen, dass die alte Elizabeth nur über zwei Kabinen verfügt (hinten breit, aber nur 1,60 hoch, vorne große Liegefläche, Stehhöhe, eigene Luke, aber kaum Platz um sich aufrecht stehend zu bewegen (zum Beispiel sich anzuziehen)). Dass zwei Leute ihr ganzes Leben auf einem Schiff dieser Größe/Kleine verbringen, im Winter mit »Webastó« (Standheizung), wäre Ninas Freundinnen wohl kaum begreiflich zu machen.

Bei dem schönen Wetter hab ich meine neuen Croqs ausprobiert, barfuß. Und abends eine olfaktorische Epiphanie erlebt. Riecht überhaupt ziemlich streng in der Achterkabine. Lektion 8: Croqs? Nur mit Soqs!

Montag, 16. Mai. 08:00 (bevor der Hafenmeister kommt: Liegegeld geprellt (haben uns die Liveaboards ausdrücklich nicht von abgeraten: machen alle so. Zahlt eh der Staat)) Ablegen in Dünkirchen (weit außerhalb liegender Hafen mit nichtssagender Umgebung). Sieht ganz freundlich aus, der Tag. Großsegel und Genua hochgezogen. Draußen weht ein anderer Schnack: Wind SW 5-7, Welle 1,5m Kurs 290°, nach Wende 210°, also mal wieder fast gegenan. Leider nimmt der Wind noch zu. Im Starkwind ist an Reffen nicht zu denken, Nina traut sich nicht zu/ist zu schwach, das Boot auf Kurs zu halten. Und dann wird es auch noch diesig. Oder ist das die Gischt, die wir aufwerfen? Jedenfalls ziemlich ungemütlich. „Weather helm“ nennen es die Seeleute, wenn ein Schiff bei Starkwind schwerer zu steuern ist als üblich (Hydrovane-Bedienungsanleitung). Ich muss mich jedenfalls schwer ins Steuerrad stemmen, um die Elizabeth am Wind, nicht quer zu den Wellen und auf Kurs zu halten. Der Bug taucht bis zum Anker ein, Gischt wischt einen Fuß hoch über das Unterliek der Genua: Wir sind völlig übertakelt, aber mir fällt nichts ein, was ich tun könnte. Beiliegen bei dieser Welle (auflaufende Flut) wäre super wackelig. Die Wende Richtung Land wird eine Nervenprobe, klappt aber zum Glück. Keiner ist froher als ich, als ich an der Küste zwei Leuchttürme ausmache, die eine Hafeneinfahrt markieren könnten …

Tatsächlich laufen wir in Dunquerque-Ouest ein, aus irgendeinem Grund wird der riesige Industriehafen auf dem Navi (das ich bei diesen Bedingungen ohnehin nicht checken konnte) nicht als Möglichkeit dargestellt. Selbst im Hafenbecken bläst es derart herb, dass Nina das Boot nicht im Wind halten kann. Also Großsegel bergen, während sie quer zum Wind hin- und her motort.

Alles geht gut, wir machen an einer haushohen Kaimauer (für riesige Frachter oder Containerschiffe) fest. Nina hat die Vorleine noch nicht durch die überdimensionalen Ösen an der Hafenmauer gezogen, da hupt es hinter uns. Drei Mal. Kein gutes Zeichen.

Die Hafenpolizei kommt vier Mann hoch auf einem Schlauchboot mit Blaulicht: »Sie dürfen hier nicht festmachen!« Ich bettle darum, dass sie uns wenigstens eine halbe, zur Not nur eine Viertelstunde zugestehen, wir sind völlig erledigt und brauchen eine Pause. Einer funkt sogar mit der Hafenleitung, aber da ist nichts zu machen: da wir keine Panne haben, sind wir kein Notfall und müssen »immediatement«, also auf der Stelle, sofort! wieder losmachen. – »Oui, Monsieur, j’ai compris.« Inzwischen hätte Nina die Vorleine perfekt belegt gehabt …
Einer der beiden älteren Polizisten erklärt uns, dass wir uns, solange wir das Boot bewegen, so viel Zeit lassen können, wie wir brauchen. Also tuckern wir durch den riesigen Hafen, das öffentlich-rechtliche Schlauchboot wenige Meter hinter uns als Geleitschutz, aber ohne Blaulicht (glaube ich). Nina kocht Kaffee, ich rauche. Aber ich tuche auch das Großsegel auf und ziehe die Persenning drüber – segeln werden wir heute nicht mehr. Bis Gravelines ist es, glaubt man den Männern auf ihrem hochmotorisierten Schlauchboot, nur eine kleine halbe Stunde.

Wir brauchen ein große volle Stunde, bis wir die roten und grünen Säulen am Ende der ewig langen Schutzmolen ausmachen (nicht den pittoresken, schwarzweiß spiralig geschlängelten Leuchtturm (Weltkulturerbe, wie alle Leuchttürme an der franz. Kanalküste) ansteuern!) Dann geht es auf einen Kanal (Vauban was here, der große Meister des Festungsbaus) auf eine Art Scheune zu, 110° Kehre (liest Nina vom Navi ab) und wir fahren entspannt durch die Schleuse ins Becken der Marina Gravelines/Bassin Vauban). Little did we know dass wir (Anfängerdusel) genau die Nachmittagsöffnungszeit der Schleuse erwischt haben. Wegen des enormen Tidenhubs schließt die Schleuse zwei Stunden nach Hochwasser – um genug Tiefgang für die Yachten in der Marina zu gewährleisten. Die Motorboote am Hafenrand sinken jedoch bei jeder Ebbe in den weichen, tonartigen Schlammuntergrund.

14.20: Nina geht ins Städtchen (Altstadt innerhalb einer sternförmigen (Vauban!) Festung mit steilen Wällen und tiefen Wassergräben (zu tief, dass ein Pferd stehen, zu flach, dass ein Schiff fahren könnte, hab ich an der alten Festung nahe de Heen gelernt). Jedenfalls lässt die Schleuse bei Gravelines zu, dass sich das Bassin Vauban bei auflaufender Flut füllt und hält das Wasser der Aa (so heißt der Fluss durch das Örtchen, sicher ganz vorne im Lexikon der Bäche und Ströme) drin.

Abends das umgearbeitete neue (alte, gebrauchte) Segel, einen Flieger (oder Yankee) mit hochgeschnittenem Unterliek, wegen der besseren Sicht auf andere Schiffe, aufgez… ähem: aufzuziehen versucht. Ich Idiot hab nicht gemessen, nur geschätzt und statt 5 (oder vier?) Milimeter einen 6-Milimeter Keder [eingenähte Leine, die das Segel in der Nut des Vorstags hält] anbringen lassen. Klemmt und lässt sich nicht aufziehen. Ich ärgere mich schwarz (zumindest meine Lungen, zumindest eine halbe Stunde). Dann ziehen wir die kleinere Genua auf, unten um 20cm Leine verlängert (damit sie höher steht und man drunter durchgucken kann). Abendbier im Cockpit mit Nina auf diesen Sch…tag. Bei bestem Wetter, romantischem Sonnenuntergang, freundlichem Vollmond … Außerdem hat Wüst die NRW-Wahl gewonnen. Aber wie sagte schon Shakespeare: Nur die allerdümmsten Kälber … (könnte auch Robert Gernhard gewesen sein.) Tomate Mozarella, Hörnchen mit veganem Pesto, Wein.
23:00 öffnet sich die Schleuse geräuschlos und selbsttätig. Spooky.

Morgen fährt Nina aus dringenden familiären Gründen (hoffe, dass das stimmt und ich nicht etwa zu streng mit ihr war, sorry!) nach Hause, übermorgen in aller Herrgottsfrühe (bis 04:27h ist die Tidenschleuse offen) geht’s über den Kanal. Falls dies der letzte Eintrag in diesem Blog sein sollte, hat mich ein Frachter niedergesemmelt. Drückt mir die Daumen!

Die Schleuse des (Morgen-) Grauens

oder

Gestrandet in Gravelines (Port de Plaisance (höhö) Vauban-Gravelines)

oder

Eine Orange mit zwei Nabeln
und andere Missbildungen

Dienstag, 17. Mai 2022. Um 06:00 nicht mehr schlafen können, Superschnuck (mein anderer Blog bzw. Instagram-Account, zur PR meines Thrillers Qazqrom, der sich am Buchmarkt schwertut (liegt wahrscheinlich am sperrigen Titel) geschrieben. Aber: Das WLAN/WiFi in der Marina funktioniert nur für drei Stunden, ich brauche aber noch Internet für Navi- und Wetter-Updates, also verschoben (Fehler!), geräumt (meine Kleidung aus Reisetasche endlich in die Fächer der Achterkabine gestopft), Tidenübersicht (wegen der Strömungen im Kanal) geschrieben, Kurse geplant. 09:00 Diesel nachgefüllt (30 Liter Verbrauch für 20 Motorstunden, also nur 1,5l/h: Super! – »Nein: Diesel!«), halb elf geht Ninas Bus (nach Calais, volle Stunde für die 20 Kilometer, der hält an jedem Baum!), anschließend Runde durchs Städtchen (éclair au chocolat), Konsole für Funkgerät gesägt, neues Funkgerät (mit AIS [Automated Identification System], warnt (und gibt mir die Funkverbindung) vor jedem Frachter – ich hab mächtig Respekt vor der Einhand-[nur der Skipper an Bord] Ärmelkanalüberquerung, eingebaut und getestet (mit der Sekretärin des Hafenmeisterbüros: »Merci, Aurelie!«). MMSI und Atis-Nummern [persönliche Funkkennung für internationale und deutsche Gewässer] eingegeben. Funktioniert alles problemlos.

Problem war allerdings, dass mein Internet-Zugang anscheinend nicht steht. PredictWind und Navionics scheinen jedoch zu laufen. Hoffentlich. Bratkartoffeln mit Chorizo. Wein (ein wenig).

Im Hafenbecken schwimmen (bei Flut) große Schwärme von Jungfischen, könnten Forellen sein, und wirbeln das Wasser auf. Dazwischen Einzelgänger von ausgewachsenen Exemplaren, sicher armlang. Aber acht von zehn tragen fleischfarbene wulstige Geschwüre an Rücken oder Flanken, bis zu hühnereigroß. Sieht nicht schön aus. Sollte da etwa ein Atomkraftwerk in der Nähe stehen? Tut es, Wikipedia: Kernkraftwerk Gravelines.

Mittwoch, 18. Mai. 03:00 aufgestanden. Kaffee (auch auf Vorrat gekocht) und Kippe, Müslifrühstück. Kurz vor halb hab ich bereits die Foulie-Hose an [Foulies (für „foul weather gear“ nennen die Amerikaner (z.B. James von „sailing-zingaro“) die Schlechtwetterbekleidung: Latzhose, Jacke mit hohem Kragen], da meldet sich dringender Stuhlgangbedarf. Ist natürlich alles Kopfsache, nervöser Angstschiss. Aber raus muss er trotzdem. Also wieder Hose runter. Viertel vor vier, Seglermesser und Taschenlampe (es ist noch stockfinster, trotz Vollmond) griffbereit im Steuerradkästchen (Danke vielmals, Doro!), Schwimmweste und Sicherungsgurt bereitgelegt. Jetzt muss ich nur noch die Landstromleitung ausstöpseln und die Festmacher loswerfen. Doch der Motor springt nicht an. Das weiße Vorglühlämpchen glimmt nur ganz schwach, der Anlasser tut keinen Mucks. Mehrere Versuche, gleiches Resultat. Panik. In einer halben Stunde geht die Schleuse zu. Hektisch Batterien umgebaut (Verbrauchsbatterie gegen Motorbatterie getauscht). Selbes Resultat. Um Viertel nach vier gebe ich auf. Zwischen zwei Schleusentoren verklemmt oder gar zertrennt zu werden ist nicht die Art Ende, die ich mir für diese Geschichte wünsche. Denn blöderweise hab ich beobachtet, dass die Schleuse erst zugeht, kurz innehält und dann endgültig schließt. Erst dann (super Idee, ihr Mechaniker/Programmierer!) leuchtet die rote Ampel auf…

Ist nicht mehr zu schaffen. Erstmal in Ruhe (?!?) geraucht. Tatsächlich ging die Schleuse erst um halb sechs wirklich zu. Hätte mir aber auch nichts gebracht.

Bar und Querkiste am Salontisch ausgeräumt (Lebensmittelvorräte), geordnet und wieder eingeräumt. Zuvor eineinviertel Eimer Bilgenwasser aus der Querkiste geschöpft (getupft: Schwämmchen). Batterien gecheckt: kein loses Kabel, scheinen voll geladen zu sein, keine Ahnung, wie ich das prüfen kann. Charger gecheckt – lädt. Am Batterieende gecheckt – werden geladen. Für Tabak (14,40€ für 30 Gramm!) und Kaffee ins Städtchen – Nachdenken. Landstrom funktioniert. Könnte das Anschlusskabel verpolt sein? (Für Schukostecker ist die Polung belanglos, für das Ladegerät macht es einen Unterschied: Batterien können nur in eine Richtung geladen werden.) War es aber nicht. Ratlos im Büro des Hafenmeisters –»Campingstrom ist überall gleich – wir sind doch in Europa!«. Nachmittags soll für eine andere Yacht ein Bootsmechaniker kommen. Ob der für mich Zeit haben wird, ist alles andere als sicher, der Mann ist höchst beschäftigt …

Schalttafel am Zündschloss abgeschraubt und gecheckt: keine Auffälligkeiten, alle Kabel fest, an allen gewackelt – da springt plötzlich der Motor an, als wäre nichts gewesen. Nur die gelbe Ladeleuchte brennt. Also Schalttafel wieder ausgebaut, alle Kontakte eingesprüht. Motor springt tadellos an. Und auch die gelbe Ladeleuchte erlischt. Fühlt sich göttlich an, bin sehr zufrieden. Und überglücklich.

Sage beim Hafenmeister dem Bootsmechaniker ab. Erfahre dabei, dass das Wifi in der gesamten Marina schon seit Tagen (Wochen?) nicht funktioniert. Liegt also nicht an meiner Dämlichkeit.

Cockpitlautsprecher ans Funkgerät angeschlossen; angefangen, den Wackelkontakt an der Bug-Positionsleuchte zu suchen – ist bei Tageslicht schwierig. Kanisterbefestigung am Herd angebracht, endlich Schräubchen in Ordnungskästchen einsortiert: sehr befriedigend. 17:00 zum Super U, zwanzig Minuten Fußweg (gestern, zum Tanken, hat mich Jérémie, der Lehrling des Hafenmeisters gefahren – (Wir tun) »Alles für den Klienten!«, Gummistiefel und Akkus für die Bordtaschenlampe (Jetzt leuchtet sie!) gekauft. Unterwegs passiert man das Spantengerüst der Jean-Bart, dem Nachbau einer 17.Jhdt-Fregatte. Da arbeiten die seit vierzig Jahren dran, erklärt Jérémie. Erinnert mich irgendwie an irgendwas …

Alte Seemannsweisheit: »Wenn der Motor nicht anspringt, WD 40 auf den halb im Zündschloss steckenden Schlüssel sprühen, dann Zündschlüssel eindrücken und drehen – schmiert die Kontakte von innen.«

alter Zeemann mit zwei Zetts: Zigaretten ohne Ende, dafür keine Zähne

Hätte ich mal gestern früh wissen müssen.
Muss noch: zweites Reff ins Segel binden, neue Strömungstabelle schreiben (Flut ist morgen anderthalb Stunden später). Baguette mit Räucherlachs. Kein Alkohol.
Bei Anbruch der Dunkelheit Bugpositionsleuchtenkabel aufgeschnitten, Wackler nicht gefunden. Decksdurchlass (eine Art Steckdose, mehrfache Gummidichtungen, original von 1979, korrodiert) aufgeschraubt, brüchiges Kabel gefunden. Überbrückt. Aber Positionsleuchte strahlt trotzdem nicht. Um Mitternacht entnervt aufgegeben.
Morgen ist Abfahrt um 05:00. (Wenn Gott da nicht geschmunzelt hat, existiert er nicht. Oder er hört nicht gut zu.)

Donnerstag, 19. Mai 2022. 04:00 aufgestanden. Kurse im Logbuch vornotiert. Strömungstabelle korrigiert. Wettervorhersage gecheckt. Zweites Reff ins Groß gebunden. Fouliehose extra noch nicht angezogen. Motor … startet wieder nicht. Exakt gleiches Bild wie gestern. Anscheinend arbeitet die olle Tante Else nicht so gerne mitten in der Nacht. Ob der Motor die nächtliche Feuchtigkeit nicht verträgt? Bis zur Schleusenschließung hab ich offiziell noch zwanzig Minuten, aber sicher bleibt sie wieder länger auf …
Wärmeöfchen (volle Stärke, höchste Temperatur) in den Motorraum gestellt. Zwei geraucht. Motor springt an. Deswegen also hatte Schuurd, der alte Schlingel (und Vorbesitzer), das Elektroöfchen (das ich bei der Besichtigung für ein Batterieladegerät hielt) griffbereit unter dem Navigationstisch. Der Trick funktioniert selbstverständlich nur bei Landstromanschluss. Noch ein Grund, möglichst früh in den Süden zu kommen.
Jetzt nur noch rasch das Stromkabel ausstöpseln und einholen, die Leinen loswerfen und los! Dreh ich mich um: Die Schleuse hat sich (wie üblich geräuschlos) geschlossen.

»Lieber Gott, halt einfach mal’s Maul!!«

Skipper um 05:38 vor der Schleuse des Grauens
Die Schleuse des Grauens (zufällig gerade offen)

Tagesorange (Versprechen an Paula) gefrühstückt. War lecker. Noch eine angeschnitten (zum Schälen). Dabei stelle ich fest, dass sie zwei Nabel hatte, zwei Mal Blütennarbe und zwei Mal Stielansatz. Hab ich noch nie gesehen. Sicher ein gutes Omen (»Schnüss da oben!«)

Plan: Nachmittags geht die Schleuse wieder auf, hoffentlich gegen drei. Wenn ich bis dahin die Positionslichter am Start habe, fahre ich dann noch los. Sollten nicht mehr als sechs Stunden sein bis Dover. Aber eigentlich will ich auf keinen Fall im Dunkeln ankommen …

Ab halb sieben diesen Blog geschrieben. Um halb acht fängt es an zu regnen. Der Unaussprechliche setzt noch einen drauf und lässt es blitzen: fernes Gewitter: Gott ist bösartig (oder seine Wettersocken sind in der Wäsche). Unter diesen Umständen kann ich kein Kabel auf dem Vorschiff reparieren. Und der Motor startet auch nicht mehr. Scheint tatsächlich an der Feuchtigkeit zu liegen. Ich fühl mich verarscht. Gottfroh bin ich, dass ich im letzten Mai aus der Kirche ausgetreten bin (keine Begründung nötig, wäre sonst ein Wort mit W gewesen). Sonst würde ich für dieses (lautlose, aber) unüberhörbare Kichern auch noch Kirchensteuer bezahlen …
Und dann denke ich an Ninas Weisheiten und starre geduldig auf den Fluss. Oder in meinem Fall: auf die Schleuse.

11:00: Es regnet und windet, dazwischen böse Böen (sogar hier im Hafen). Eigentlich bin ich doch ganz froh, dass ich jetzt nicht draußen bin. (»Okay, Gott, vielleicht war ich zu harsch. Tut mir leid, sorry.« Vielleicht können wir es doch nochmal zusammen probieren.) Alle Einhandsegler fangen irgendwann an Selbstgespräche zu führen. Dass ich schon nach zwei Tagen soweit bin, macht mich nachdenklich. Sollte mich mit meinem einzigen Geprächspartner wohl nicht anlegen.

Neuer Plan: Morgen (Flut wahrscheinlich gegen sechs) um fünf Uhr Öfchen anwerfen, um sechs Uhr (Tageslicht!) abfahren. Wettervorhersage verspricht kaum Wind, keine Regenwahrscheinlichkeit. Die Tidenstromtabelle schreibe ich nicht mehr um, sondern neu. Klingt vielversprechend. (»Grins du nur, ich hör gar nicht hin.«)

13:00 Gott ist nachtragend: Eben sagt mir die Hafenmeisterin, dass sie gehört hat, dass Dover (Douvres) bis Mitte SEPTEMBER komplett geschlossen hat. Telefoniert, bestätigt. Umdisponiert auf Ramsgate. Am Arsh der Welt, aber immerhin Britain. Telefonaufzeichnung erklärt, dass sie keine Reservierungen machen. Ankommen auf Kanal 14 die Port Authority anrufen, auf Kanal 60 Weiteres vereinbaren. Sollte zu machen sein,

16:30 erster Waschtag, erstes Paar Socken getrennt – jetzt wird Gott auch noch kleinlich. Außerdem springt der Motor auch in der Hitze (20 Grad zeigt die Schleuse des Grauens in ihrem freundlich (oder hinterhältig?) rotleuchtenden Display) nicht an. Derzeit steht sie übrigens offen (seit 14:00). Abends ins Städtchen, auf den Rathausplatz strahlt noch die letzte Abendsonne. Dort sind allerdings alle Plätze im Café (und Tabakladen) besetzt. Zwei (kleine) dunkle Biere getrunken (à € 6,70 – ein Skandal!). Danach sieht die Welt schon freundlicher aus. Wenn die alte Tante morgen früh wieder nicht anspringt, verkaufe ich sie eben, denke ich fast beschwingt. Mangold gebraten aus der Wok-Pfanne.

D-Day

Der längste Tag bisher war Freitag, 18. Mai. Vier Uhr aufgestanden, Öfchen im Motorraum platziert, vorgeheizt. Kaum gefrühstückt, keine Wetterkleidung angezogen, nicht einmal den elektronischen „Badge“, der Zugang zu den Stegen, zu den Toiletten und dem Raum mit Spülbecken und Waschmaschiche ermöglich, in den dafür vorgesehenen Briefkasten am Steg geworfen: schon zwei Male musste ich mir den neu holen, superpeinlich – ich glaube, die Leute in der Marina sind nur deswegen so superfreundlich mit mir, weil sie mich für einen kompletten (und gefährlichen?) Idioten halten … was wollte ich sagen? Ach ja: Seeleute sind höllisch abergläubisch. Ich jetzt auch. Also: Die Elizabeth sieht aus wie immer, nichts deutet auf Aufbruch hin (Geschirrschränke zugeschoben, Gemüsekiste im Klo verstaut, Tisch zusammengebunden, Hocker daneben mit Kissen verklemmt, Topflappen in Schälchenfach gestopft, Schneidebrett vor das Tellerfach gesteckt, Klotür verriegelt – die Vorbereitungen für evtl. schlechtes Wetter dauern sicher zwanzig Minuten. Foulies, Schwimmweste, Sicherheitsgurt (Frühstücken, Kaffeekochen) nicht mitgerechnet.

Was soll ich sagen? Trotz Vorheizen sprang der Motor nicht an. Fluchen und Schimpfen halfen nicht viel. Am Ende bin wie Rumpelstilzchen auf dem Teil des Kabelstrangs herumgetrampelt, in dem ich den Wackelkontakt vermute. Geschrien wie der Märchenzwerg hab ich wohl auch. Und die Mühle sprang an! Rascher Seitenblick: die Schleuse ist noch offen, 5,35m zeigt die Anzeige, das Wasser steht hoch über der Marge von drei Metern, die ich nach tagelanger Beobachtung für die Schaltschwelle der Schleusenautomatik halte. Dass der Wasserstand im Minutentakt sinkt (und die Anzeige das leuchtenrot wiedergibt) erwähne ich gar nicht erst.

Also in aller Ruhe (Witz!) das Boot abfahrbereit gemacht, Kaffee gekocht, mich angezogen. Leinen los und um 05:30 habe ich es tatsächlich durch die Schleuse geschafft. Gemischte Gefühle.
Es wird gerade hell, das Städtchen schläft, nur ein Fischerboot überholt mich in der langen Hafen- und Molen-Ausfahrt. Und der Motor tuckert gemütlich. Super Geräusch.

Draußen ist es windstill, keine Welle, nur eine leichte Dünung [lange, sanfte Wellen, die von Winden der vergangenen Tage übrig geblieben sind] verzaubert das Wasser in seidiges Wogen. Bilderbuchsonnenaufgang in grellorange über der französischen Kanalküste. Im Westen sind die grauen Industriegebäude von Dünkirchen, im Osten die weißen Fährterminals von Calais zu sehen. Und erste Fähren legen auch schon ab.

Ohne Wind motore ich durch den stillen Morgen. Um 06:30 taucht ein Seehund den Kopf aus dem Wasser und schaut mir nach (es ist so ruhig, dass ich sogar während der Fahrt Logbuch führen kann), später weiter draußen noch ein zweiter. Unter Motor (und mit Navionics) ist Kurshalten ein Kinderspiel.

Um 08:30 fahre ich ins erste TSS [Traffic Separation Scheme, Verkehrstrennungsgebiet, die Autobahnen der Frachter] ein. Nicht besonders viel los. Vorschriftsgemäß ändere ich den Kurs, so dass ich die Großschiffroute im rechten Winkel kreuze. Dies ist der Teil der Kanalüberquerung, vor der ich den meisten Respekt hatte. Ein paar wenige Frachter ziehen vorbei, von West nach Ost (dies ist die rechte Spur), ob sie mir überhaupt ausweichen oder ohnehin viel zu schnell für mich sind, kann ich nicht sagen. Um 09:15 habe ich dieses erste TSS hinter mir. Erleichterung setzt ein. Weil mein neues Funkgerät AIS empfängt und jede Menge Schiffsverkehr herrscht, geht etwa alle dreißig Sekunden der Alarm los, ”Collision warning!“. Der muss jedes Mal zweifach weggedrückt werden. Zum Glück hab ich das Funkgerät hoch oben neben dem Niedergang platziert, wo es gut sicht- und erreichbar ist. Trotzdem nervt das andauernde Piepen (und lenkt auch ab). Im lila Bereich zwischen den Verkehrstrennungsgebieten (der Mittelstreifen sozusagen) kupple ich aus und lass mich treiben (Klopause, Versuch, das AIS auf geringere Entferung umzustellen: Warnungen vor einem Schiff, das mehr als 6 Meilen (ca. 11 Kilometer) entfernt ist, nutzen mir gar nichts. Aber verstellen lässt sich nur die Bildschirmdarstellung, nicht die Empfindlichkeit des Geräts (so weit ich das verstanden habe). i-pad so eingestellt, dass ich es nicht jedes Mal mit Geheimzahl entsichern muss. Nervt auf die Dauer auch. Aber alles läuft!

10:15 Einfahrt ins zweite (von drei) TSS (die Gegenspur). Hier sind eine ganze Reihe von Riesenschiffen unterwegs, überholen sich zum Teil. Das AIS spielt komplett verrückt. Aber ausschalten kann ich es natürlich auch nicht. Dazwischen sämtliche Funksprüche (und Warnungen und Wettervorhersagen von Dover bis Boulogne) Und der Funkverkehr zwischen den Schiffen (auf Kanal 16, muss angeschaltet sein: Vorschrift).

Ab zehn Uhr ist der strahlende Sonnenschein vorbei. Bedeckter Himmel mit einer dünnen Schicht gelblichen Nebels in der Ferne auf dem Wasser (Abgase?). Eine Viertelstunde später setzt leichter Regen ein. Wellen gibt es noch immer nicht, aber die Dünung hat etwas zugenommen, vielleicht 0,5m (aber in langen ruhigen Hebungen). Mehr zum Schaukeln bringen mich die Bugwellen der Riesenschiffe. Aber: Was soll’s, das wollte ich so.

Um 11:15 das dritte und letzte TSS (eine Art Einbiegespur) verlassen. Damit ist der Stress vorbei (dachte ich).

Um halb zwölf setzt leichter Wind ein. Könnte man segeln. Bei dem inzwischen stärkeren Regen bin ich zu faul, das Groß hochzuziehen und rolle nur das Vorsegel aus. Geht gut. Motor ausgemacht. Fehler (Habt ihr sicher schon vermutet, aber tagsüber sprang er doch meist irgendwann an. Und ich hatte noch eine lange Strecke vor mir und … vergesst es: Ihr habt Recht.) Dennoch geht es voran, ziemlich genau gegenan, aber mit der kleineren Genua angenehm zu fahren, 1,2kn. Um zwölf hat der Regen zugenommen, Graupelschauer dazwischen. Aus Versehen habe ich die Luke der Achterkabine aufgeschoben (mit dem Hintern), hat reingeregnet. Hektisch schieb ich sie zu. Da explodiert etwas direkt neben meinem Kopf: Ich muss die Handauslösung der Rettungsweste irrtümlich gezogen haben, denn soo stark kann der Regen auch nicht gewesen sein (war er aber tatsächlich, stellt sich später heraus). 

Gerettet!

Ich hab die Faxen dicke, rolle das Vorsegel ein, kämpfe mich aus der Rettungsweste (ist gar nicht so einfach: im aufgeblasenen Zustand presst sie sich ziemlich eng an Brust und Hals. Muss im Wasser sicher ganz angenehm sein.)

Und gequetscht!

Rauchpause (im Niedergang stehend, unter der Sprayhood: es regnet noch immer).
Da zeigt mir das neue Funkgerät stolz, wie gut sich das Schiff bewegt: Kurs 180°, Geschwindigkeit: 3,3 Knoten. Heißt: ich treibe mit Karacho zurück ins TSS (und nach Frankreich!). Alarm!

Zum Motor schweige ich hier. Also Vorsegel wieder hoch. Der Schwachwind hilft mir wenigstens aus der Gefahr, auf die Frachterautobahn zu treiben. Aber egal auf welchem Kurs, gegen die Tidenströmung komme ich nicht an. Ich bin völlig durchnässt (nur die Hände), trotz Südwester. Und ausgekühlt. Ich hab sogar, der Regen hat nachgelassen, die doppelt gestrickten Wollhandschuhe an (Danke, Tamara!) Keine Ahnung, wie ich England erreichen soll. Zwischen mir und der Küste liegt eine Untiefe, irgendwelche Sands, auf denen hunderte (nicht übertrieben!) Schiffe bis zurück zur Bronzezeit liegen, aber auch Schiffe der Ostindienkompanie, also von erfahrenen Seeleuten, Fregatten aus dem WK II. (Zum Glück lese ich das alles erst auf einer Gedenktafel in Ramsgate. Die Sands sind ein Eldorado für Archäologen (und Taucher/Schatzsucher, deshalb auch gesperrt)).

Jedenfalls muss ich auf dem Weg nach Ramsgate entweder im Norden oder im Süden um die langgestreckten Sandbänke herum. Nach Norden schaffe ich es nicht. Nach Süden ist der Weg zurück. Aber der einzig mögliche. Und die Strömung treibt mich weiterhin ab, inzwischen mit nur noch 2 Knoten. Um zwei müsste der Tidenstrom kippen. Aber auf meine reiche Erfahrung mit Ebbe und Flut möchte ich mich nicht verlassen. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Meine Hände sehen uns wie schlecht aufgetaute Tiefkühlkrabben (die Arbeitshandschuhe aus dem Baumarkt schützen zwar, lassen aber natürlich Schweiß (und Regenwasser) durch). Alle kleinen Verletzungen stehen offen. Nicht einmal eine halbwegs trockene Kippe kriege ich gerollt (trotz Handtuch am Niedergang, zufällig dort, aber eine gute Idee!). Dann frischt der Wind auf, es bläst ungemütlich und kalt. Verzagt stelle ich mir vor, wie ich mit der Küstenwache funke. In meiner Phantasieszene ist der Mann am Funk ziemlich barsch: »You‘e got a sailboat, you’ve got wind – Go sailing!« Ziemlich peinlich das. Aber die Vorstellung hilft mir, den letzten Rest Entschlossenheit zusammenzukratzen. Also rein ins Ölzeug, raus in den Regen, Segel hochziehen. Und zwar inklusive Groß, das zum Glück vorsichtshalber auf das 2. Reff verkleinert ist. Geht gut ab, frischer Wind ziemlich genau aus N. Das wäre Ankreuzen gegen Wind und Strom hoch nach Ramsgate. In meinem Zustand nicht zu schaffen. Oder halber Wind für die Strecke zurück Richtung Dover. Gegen zwei Uhr erspähe ich die englische Küste und nehme das neuentdeckte Land für Scholz in Besitz. Die Kreidefelsen sind immer wieder ein toller Anblick. Gerade jetzt kann ich den brauchen. Und dann geschieht ein Wunder. Um 15:20 nehme ich die Selbststeuerung in Betrieb, die ich leider bisher noch nicht ausprobieren konnte. Aber alles klappt, die Hydrovane steuert (inzwischen 270°, genau auf Deal zu, nordöstlich von Dover und Heimat von Marita, die ich treffen werde) wie die eins. Besser als ich selbst es könnte, hoch am Wind kratzend. Ich kann Pinkeln gehen, Rauchen, mich auf den Heckkorb setzen und die Kreidefelsen bewundern – einfach geil. Inzwischen hat es sich auch aufgehellt (das Wetter, nicht nur meine Stimmung). Wir bewegen uns auf die Küste zu, auch wenn die Tidenströmung noch immer größer ist als unsere Fahrt. Eine Wende (weil es doch ewig lange dauert zum Land und ich befürchte, an Dover vorbei wieder auf den Kanal getrieben zu werden) und dann geht es schnurstracks Richtung Ramsgate, im Wasser macht das Schiff kaum Fahrt, aber das Funkgerät loggt 5,4 Knoten (!!! – Tidenstrom, diesmal von hinten) wahrscheinlich hat sich auch der Wind gedreht, es klart auf, die Sonne scheint … zum ersten Mal an diesem Tag bin ich zuversichtlich, irgendeine Stelle an Land zu erreichen, den Anker rauszuschmeißen und zu riskieren, dass das ablaufende Wasser die Elizabeth auf die Seite legt. Nur Landkontakt, bitte!

Bis halb vier hat mich die Hydrovane (alle Segler geben ihren Selbststeueranlagen einen Namen. Meine wird George heißen, zu Ehren der Krimi-Autorin) tapfer vor den Hafen von Ramsgate gesteuert. Ich rufe die Port Control an (soll man machen, um sich einen Liegeplatz zuweisen zu lassen. Sagte die Computerstimme am Anrufbeantworter der Marina) und frage um Erlaubnis, unter Segeln einzufahren. Lieber schickt er mir die Coast Guard, die mich reinschleppen sollen »Your safety is preeminent, Sir!« Was das kostet, will ich wissen. – Die arbeiten umsonst.– Da lacht das Schwabenherz. – »But they take donations.« – Sollen sie haben.

Die Rettung!

Ende gut, alles gut: Unter den gezückten Kameras der Spaziergänger auf dem riesig hohen Schutzwall um den Hafen schleppt und bugsiert mich das Schlauchboot der Coastguard an den Schwimmsteg der Marina. Erleichtert ist gar kein Ausdruck.

… hat auch noch Zeit, für ein Foto zu posieren.

18:00 Festmachen in Ramsgate. Tomatensalat mit Ziegenkäse, Spaghetti Pesto. Wein.

Heute, Samstag, 20. Mai, hab ich den Hafenmeister nach einem Bootselektriker gefragt. Kaum fünf Minuten später steht Matt, vielleicht Ende zwanzig auf dem Steg, misst Strom und Spannung aus, findet den Fehler und hat bis 14:00 ein Kabel neu eingezogen und den Motor ans Laufen gebracht. Ein Genie!

Weil ich bis zur Klärung der Immigrationsbestimmungen das Boot nicht verlassen durfte (langes Telefonat zusammen mit einem Offizier der Zollgrenzer, die am Hafenausgang ein Kriegsschiff liegen haben und damit hauptsächlich Bootsflüchtlinge aufbringen/retten. Endlich hatte auch die aufgezogene gelbe Flagge ihren Sinn: Als ich den erlösenden Anruf der Immigration erhalte und wie geheißen die gelbe Flagge einhole, kann der Offizier auf der gegenüberliegenden Fregatte sehen, dass mein Status geklärt ist) habe ich keinen Penny Bargeld. Also nachmittags zur Cash Machine, Matt bezahlen (Werkstatt im Pulverturm des Hafens, aus Napoleonszeiten: hochfeste doppelte Rundwände, leichte Dachkonstruktion – wenn das Pulver hochgegangen wäre, jagte es nach oben, nicht seitlich weg, wo es den Hafen zerstört hätte), Spende an die Coast Guard und Marina bezahlen. Fish&Chips waren auch noch drin – das Seglerleben ist ein Traum.

Auf der Nordsee – 7. Ab de Heen

Sonntag, 8. Mai 2022

Der schlechteste Ableger der Welt

Fünf Handykameras waren am Start, als Nina und ich losmachten. Nach dem Ableger sollten wir eine schöne Vorbeifahrt für die Videos hinlegen. Also erst einmal zurück, weiter in die Marina hinein, und dann majestätisch vorbeifahren … so war zumindest der Plan. Wegen Seitenwind (klassisches Manöver: Eindampfen in die Spring [eine Leine seitlich am Schiff entlang zu einer Klampe [Doppelhaken zur Befestigung] am Bug hält die Yacht auf Position (sie kann nicht nach vorn), etwas Schub durch den Motor und das Heck schwenkt seitlich aus. Sobald die Yacht frei vom Steg ist, dampft man achteraus [zurück] und aus der Box] schlägt Axel vor, das Heck des Bootes mittels einer Leine zum benachbarten Fingersteg abzuhalten (wegzuziehen). Gesagt, getan, Axel zieht das Heck super weg, der Wind schiebt den Bug gegen den Steg, dadurch dreht das Heck noch weiter Richtung Bruder auf dem Nachbarsteg … Boot steht quer in zwei Boxen, lässt sich bei Rückwärtsfahrt auch nicht gut manövrieren, Axel hält und schiebt uns mit Wucht und Gewalt frei … sah sicher scheiße aus. Ist sicher auf allen Videos zu sehen. Eklatante Verletzung der wichtigsten Regel für Manöver: Es muss gut aussehen.

Also Planänderung, jetzt Vorausfahrt weiter in die Marina hinein, Umdrehen und zurück und majestätisch … mal sehen, wie die Videos geworden sind. Lektion 1: der Skipper entscheidet über seine Manöver (nach seinem Bauch).

Dem der weggeht, fällt der Abschied wahrscheinlich leichter. In de Heen, in der vertrauten Marina, in der ich lange, kalte, einsame Wintertage verbracht habe, wirkt die Abfahrt wie ein winziger Schritt. Dass es der Beginn einer weiten Reise werden soll, lässt sich nicht spüren. Wildes Winken und Tschüss.

Vor der stillgelegten Schleuse müssen wir warten, Nina und ich machen unseren ersten Anleger. Ereignislos. Im Volkerak herrscht reger Betrieb. Zwischen zwei Frachtschiffen schaffen wir es auf die andere Seite, machen den Motor aus und drehen das Vorsegel raus. Wind aus NW, Stärke 2 [Beaufort], Sonnenschein. Nina steuert, Ruhe kehrt ein. (Bis wir die falsche Seite einer weißgelben Tonne erwischen: Die warnen hier vor Untiefen.) Vor der Krammersluis schmeißen wir die Mühle wieder an, die Schleusentore stehen offen, vielleicht warten sie ja auf uns … also mehr Gas und mit Karacho (6 Knoten [11 Stundenkilometer – jeder Radfahrer in Reha ist schneller]) rauschen wir in die Schleuse. Tatsächlich haben sie auf uns gewartet, die Tore schließen sich hinter uns und der Vorgang geht los, noch bevor wir richtig festgemacht haben … um das Heck an die Schleusenwand zu bringen, bitte ich Nina, uns vorne festzumachen, damit ich nach hinten Gas geben kann und … schwerer Fehler! (Klassiker!) Die Vorleine verklemmt sich in ihrer Klüse [Führungsöffnung an der Oberkante der Bordwand] das Boot hängt an der Schleusenwand … davor habe ich jedenfalls mächtig Schiss, renne nach vorne, scheuche Nina weg und trete die verklemmte Vorleine mit Gewalt frei. Alles nochmal gut gegangen. Lektion 2: In der Schleuse NIEMALS festmachen. Klar sah das Manöver trotzdem scheiße aus, weil das Boot quer in der Kammer trieb, Bb am Heck und StB am Bug gegen die Betonwand schrammte. Deutliche Verletzung von Regel eins: gut aussehen.

Hinter der Krammersluis geht auch für mich unbekanntes Terrain los. Navigieren nach Landmarken: Wir hangeln uns den Fahrwassertonnen entlang bis zur Zeebrugge, einer Straßenüberquerung der Oosterschelde auf Stelzen und hohen Bögen. Ich meine sogar, einen Segler darunter durchrauschen gesehen zu haben. Wir fahren auf die Klappbrücke zu, die allerdings gerade geschlossen ist. Können wir doch auch den Bogen daneben nehmen, oder? Sieht ewig hoch aus. Beim Näherkommen allerdings nicht mehr. Also notfallmäßig Maschine anschmeißen, Abdrehen und Vorsegel einrollen (das Groß[segel] haben wir an diesem ersten Tag gar nicht ausgepackt). Erster Funkspruch meines Lebens: »Zeebrugge, wie hoch seid ihr? Ich habe 13 Meter Mast.« – »Geht gut, die Brücke[ndurchfahrt] ist 14 Meter sechzig hoch.« Also durch, unter Motor und mit mulmigem Gefühl. Der Meter sechzig über dem Mast sah gefühlt nach wenigen Zentimetern aus. Große Erleichterung, leichte Erschöpfung. Einfahrt in die Marina von Zierikzee. Anstelle eines Hafenmeisters gibt es eine App. Muss man mögen (und hinbekommen. Bei mir dauert das noch). Schnuckeliges Städtchen. Aber nicht, wenn man wegen Entzug zum letzten offenen Supermarkt hetzt. Aber selbst der riesige AH am Stadtrand hat am Sonntag um 21:00 geschlossen. Zum Glück hat Andrzej mir vier Zigarillos dagelassen, von denen noch einer für nach dem Abendessen übrig ist. Brokkoli mit Orecchiette (waren Hörnchen), Anchovis und Kapern nach Jamie Oliver, gekocht von Nina. Superlecker.

Mo., 9. Mai 2022 – Zierikzee – Roomportsluis

(Morgens als erstes Tabak gekauft.) Vormittags Seglerschuhe und Croqs erstanden. 

Nagelneue Seglerschuhe

Drei Uhr nachmittags raus, wellenlos flaches Meer, Sonnenschein. Superrelaxter Segeltag ohne besondere Vorkommnisse. Im Abendlicht zwei Ankerlieger vor der Schleuse zur Nordsee gesehen. Da wollen wir auch hin! Erst Schleuse gucken, dann in den Wartehafen daneben, eine künstlich angelegte quadratische Bucht – da liegen die zwei Ankerlieger. Sah von draußen völlig anders aus. Zweiter Funkspruch: »Rumportsläus, Rumportsläus, wann macht ihr morgen auf?« –»We are open twenty-four/seven!« – »Oh, I see.«. Nina: »Um zwanzig vor sieben machen die auf?«. So in etwa. Also geht es morgen raus auf die Nordsee.

»Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen«

(nach Emmanuel Carriere, Yoga)

Ins Wasser gegangen, um das Ruder der Selbststeueranlage zu montieren. Und gleich auch noch das Schaufelrädchen des Speedometers [Geschwindigkeitsanzeige] gangbar zu machen. War bitterkalt, unterzutauchen hab ich nicht gewagt. (Fastforward: die Geschwindigkeitsanzeige geht immer noch nicht.) Paprika-Tomaten-Pfanne mit Reis, Käse zum Nachtisch.

Skipper nach Kaltwasserbad
Di., 10. Mai

Morgens weht es ziemlich, bei bedecktem Himmel. Später sieht es freundlicher aus, aber die Windgeneratoren, die rings um die Ankerbucht aufragen, drehen sich ungemütlich zügig. Draußen muss es wahrscheinlich noch wilder sein. Und beim ersten Mal großes Meer … Pläne geändert: Tag vor Anker. Maskottchen befestigt, Wurfstangenhalterung gebastelt. Nachmittags Beiboot (Port-A-Bote) entfaltet und zu Wasser gebracht. 

Nina im Port-A-Bote

Nina, Rudererin seit sie fünfzehn ist, bringt uns gegen Wind (»und Strömung!«) zum Ufer, Spaziergang am Strand eines Ölhafens (o. ä.) entlang, durch Gestrüpp und Vogelbrutgebiet zum Strand neben der Schleuse. Kitesurfer und Sandstrand wie am Venice Beach, CA. Spitzkohl mit Penne, Ziegenweichkäse und gerösteten Erdnüssen.

Mi., 11. Mai

Lektion 4: Fahr nur raus, wenn du absolut sicher bist, dass du und deine Crew den Bedingungen gewachsen sind.

08:00 Frühstück, Beiboot einhieven, zusammenklappen und verstauen, Großsegel auf 3. Reff [kleinste (sicherste) Größe] reduziert. Wellen 0,5m, Wind 4-5 Bf [Beaufort: Einheit zur Windstärke. Windstille ist 0, schwerer Sturm geht bei 8 los, 12 ist zerstörerischer Orkan]. 11:00 Abfahrt zur Roomportsluis, 0,5 nm. 12:00 geht die Schleuse auf, unsere Festmacherleine hat sich verheddert, bis wir frei sind … geht die Schleuse wieder zu. Warten wir.

Elli und Nina vor Roomportsluis

Um 13:00 werde ich ungeduldig. 3. Funkspruch: »Wann macht ihr wieder auf?« – »Wo seid ihr?« – Wir stehen unmittelbar am Ostende der Schleuse.« – »Ich hab euch innerhalb der letzten Stunde schon aufgemacht.« – Folgt Entschuldigung, Erklärung. »Sagt Bescheid, wenn ihr soweit seid.« – »Wir sind bereit!« (seit anderthalb Stunden). Paar Minuten später geht die Schleuse auf, extra für uns, wir sind das einzige Schiff. Lektion 3: Kommunizieren!

Draußen sieht es ganz freundlich aus, paar Wellen, ordentlich Wind. Aber: Sonnenschein! Eine Stunde lang unter Motor dem Fahrwasser entlang gegen den Wind (der kommt genau aus der Richtung, in die wir wollen). Tonnen gezählt, identifiziert und in der Karte nachgesehen: Navigation nach Landmarken.

Gegen zwei die Segel rausgeholt, das höchst gereffte Groß und die Genua auf ungefähr dieselbe Größe blockiert. Nur: Die Reffkausch im Groß sitzt völlig an der falschen Stelle! Obwohl es ein Original-Moody-Segel ist (mit der eingestickten/-nähten Sonne) passt nichts zusammen. Der Baum hängt schräg zum Heck herab und scheuert auf der Oberkante der Sprayhood [Halbmondförmiger Wetterschutz am Cockpit über dem Niedergang]. Geht gar nicht. Also drittes Reff ausgeschüttelt, zweites Reff eingezogen (Jetzt weiß ich auch, warum der Vorbesitzer niemals eine Leine im dritten Reff gefahren hat). Inzwischen sind die Wellen 1,5 bis 2 Meter [vom tiefsten Wellental zum höchsten Kamm gemessen bzw. geschätzt], Wind SSW 5 – 6 Bf, in Böen sicher 7. Alleine die Reffs zu korrigieren, hat mich eine Dreiviertelstunde keuchende Schweißarbeit gekostet (Regenzeug, Gummistiefel, Schwimmweste und Sicherheitsleine selbstverständlich. Einmal hätte es mir fast die Mütze vom Kopf geweht). Eine Wende verkackt, Vorschoten verheddern sich, Maschine angeschmissen, um die Situation zu klären (und Nina angeschrieen, was ich auf jeden Fall vermeiden wollte, tut mir leid.) Irgendwann war die Karte zu Ende, doch wir fanden schon vorher auf ihr keine der Bojen mehr, die wir identifizieren konnten. Aber die Sonne schien fast die ganze Zeit freundlich.

»A ship in a harbor is safe. But that ‘s not what ships are made for.« 

(Seglerweisheit)

»No risk – no fun!«

Idiotenspruch – wenn mir einmal die Spruchweisheiten ausgehen, dann bin ich als Schreiber wirklich in Schwierigkeiten.

Nachmittags um drei (am selben Tag) fahren wir straks nach Süden, bei halbem Wind, Wellen nur noch 1 Meter, Wind höchstens 4-5. Himmel leicht bedeckt. So ruhig, dass ich nach unten und das Navi-Programm checken kann. Wir sind gar nicht so falsch, haben die größte Gefahr (eine Untiefe) längst hinter uns und könnten unser Ziel sogar noch erreichen: Ladzand am anderen Ufer der Westerschelde. Das Schiff segelt so ruhig, dass ich das Steuerrad zwischen den Beinen festklemmen kann, später segelt es sich selbst mit einem Gummizug als Ruderblockade für fast eine halbe Stunde. »Du machst das mit den Beinen, oder?« – »Nein, der Gummi steuert.« – »Ach so (ohne Hinzusehen).«

Später: »Hier rechts ist ein Bild, das du niemals sehen willst.« – »Okay.« – »Du guckst ja gar nicht.« Also steht Nina auf (bei der Schräglage des Bootes konnte sie den frontal auf uns zudampfenden großen Frachter nicht sehen). »Alles klar.« Später hab ich gehört, dass sie die Augen zugemacht hielt (» Du hast doch selbst gesagt, dass ich das nicht sehen will!«).

Das Bild, das man nicht sehen will (Abb. ähnl.)

Die letzte Stunde unter Motor genau gegenan wird vielleicht die härteste. Kurze steile Wellen von 2m, Wind 5-7, Gischt. (Wir sind nicht weinerlich. Wir wollen aber auch nicht übertreiben.) Wir haben gesehen, dass es dort einen Hafen und eine Marina geben muss (Mastspitzen!), aber wir sind heilfroh, als wir am Kai feststellen, dass wir tatsächlich in Ladzand gelandet sind. Jedenfalls heilfroh, als wir festgemacht haben. Die Gischtduschen haben uns die Plastikfolie der Sprayhood auf einer Seite fast komplett zerfetzt, auf der anderen Seite ein faustgroßes Loch gerissen. Zwei Fender und eine Festmacherleine wurden vom seitlichen Laufdeck gewaschen. Die beiden Fender waren zum Glück angebunden.

Im Salon hat sich die Pfanne mit den restlichen Nudeln und Spitzkohl über den Boden, die Werkzeugkiste und in meine neuen Segelschuhe verteilt. Extrem rutschig, das Gemüse. Tomate Mozarella; Bratkartoffeln mit Tunfisch; grüner Salat.

In der Ankerbucht der Roomportsluis (am Abend zuvor)

»Rauch! Rauch! Rauch unter meiner Kabine!« (Nina, 23:00h) – »Sprichst du mit mir?« (Ich, draußen beim Rauchen)

Durch die wilden Erschütterungen des Tages hat sich a) das Dreiecksbrett, das aus der Vorschiffskabine eine Liegewiese macht, verschoben und ist b) der Sicherungsstift des darunter angeschraubten Feuerlöschers herausgefallen. Und als Nina ins Bett steigen wollte … Zum Glück ist nicht wirklich ein Feuer ausgebrochen. Aber das dicke weiße Pulver, das sich auf alles setzt (und sicher giftig ist) musste erst einmal weggesaugt und -gewischt werden.

Der Angriff der Killerquallen
Quallenalarm!

Donnerstag, 12. Mai. Wollten wir es ruhig angehen lassen. Dabei war es ein traumhafter Vormittag, leichte Brise, Sonnenschein …

Beim Einkaufen nach dem Frühstück haben wir einem Bauarbeiter (Rumäne, 20 Jahre in Heinsberg gearbeitet) ein Stück Verpackungsfolie abgeschwatzt und anschließend die Sprayhood notdürftig repariert.

Nina bei Sprayhoodreparatur
Wunderschöne Tiere!

15:30 Abfahrt Ladzand, mit Ziel Oostende, Marina schon angerufen – Schleuse schließt um fünf! Aber es gibt auch noch einen Außenhafen … Was hat Gott geschmunzelt! – Nach einer Stunde motoren (Welle 1m, Wind 3-4bf) und zwei Stunden Anbolzen gegen den Wind (Welle 2m, Wind 5-7, aber alles bei strahlendstem Sonnenschein) haben wir es gerade mal bis Zeebrugge geschafft, ca. 15 km Luftlinie. Beim Wenden im Hafen des Royal Belgian Sailing Club hab ich an der aus Hartplastik geschweißten Schutzarmierung (die zwei superteure 300-PS-Außenborder an einem arschbreiten Schlauchboot verteidigt) einen Fender zerfetzt, er ist geradezu geplatzt …

Als ich Nina erzähle, dass ich das als einen superschönen Segeltag ansehen würde (durchgehend Sonne!) zieht sie nur skeptisch die Brauen zusammen. Denn die Elizabeth geht zwar bei der kurzen, steilen Welle manchmal bis zur Schiffsmitte aus dem Wasser, aber sie setzt danach (bis auf ein paar wenige Male) ”sanft“ wieder ein. Diesmal gab es keine größeren Schäden, Olivenölflasche aus Gummizughalterung gerollt, Regalbrett vom Herd, Tape aus dem Regal, Werkzeugkiste unter dem Navitisch hervor gerutscht. Über Plastiksachen reden wir gar nicht, wir sind ja nicht weinerlich. Asiatische Couscouspfanne mit Linsen, dicken Bohnen, Paprika und Has al Razout (o.s.ä.)

Frühstück

Vor allem: Seit ich heute (Freitag) früh den Hafenmeister gesprochen habe und er mir erklärt hat, wie stark die Strömungen im Ärmelkanal sind, hätten wir uns die ganze Viecherei wahrscheinlich ersparen können. Nur ein völlig unbedarfter Anfänger wie ich segelt gegen Wind UND Strömung. Lektion 5: Learn your trade, know your tides. (Guck auf Navionics und PredictWind und plane vor).

An einem Freitag, den 13. würde kein Seemann rausfahren. Wir auch nicht (zu viel Wind, ungünstige Strömung vor Zeebrugge [Sähbrüüsch bzw. Sehbrüüch]. Stattdessen Sockenwechsel (nach einer Woche!) …

Socken zur Astronavigation

Die Notsocken (Danke, Lioba und Celia) bilden die Formeln ab, mittels derer man ohne Instrumente, nur durch Beobachtung des Sonnen- bzw. Mondstandes den eigenen Standort bestimmen kann. Erkläre ich ein andermal (sobald ich es verstanden habe – Sonne ist leicht: kleiner Zeiger der Uhr auf die Sonne, die Richtung der Winkelhalbierenden zwischen Uhrzeit und 12 zeigt nach Süden). Mond ist mir schleierhaft. Sollten bei unsichtigem Wetter keine Gestirne zu sehen sein (oder die Astronavigationsnotfallsocken sind in der Wäsche), gilt Regel zwei: Kurs halten.

… und Fahrradausflug (Velos gestellt von der Marina, R.B.S.C., supernetter (und attraktiver) Hafenmeister: Francis) nach Damme (Fisch&Chips [Lekkerbek, Friets, Salat, Sc. Tartare {fait à la maison}]), Brügge (Merveilleux&Caffe latte) …

Brügge sehen und schwelgen

… und Lissewere [Lißwär] (Spezi). Abends Gaskiste aufs Deck versetzt (in der Vorschiffswanne stört sie allzu sehr} und Sprayhoodreparatur verbessert. Morgen sollen ab 06:00h günstige Strömungen sein – Springflut bei Vollmond.

Elli in der Marina des R.B.S.C., Zeebrugge

6. Zielgerade

Die letzten Wochen vor Abfahrt. Entspannt ist anders.

Name neu, Deck unaufgeräumt

Huch, die letzte Woche ist schon angebrochen. Vergangene Woche hab ich drei Tage am Boot gearbeitet (Luken ausgebaut, Einfassungen gespachtelt, epoxiert, geschliffen, lackiert), vorletzte Woche war ich offline, segeln auf der Anemoi, Lübeck-Rostock-Lübeck. (Gucken? Klickst du hier: Lübeck-Rostock-Lübeck

Vorvorgestern Gartenparty. Die Großzügigkeit der GästInnenspenden hat die Rettungsinsel der Elizabeth fast vollständig finanziert! Morgen früh fahre ich zum letzten Mal nach de Heen. Am Samstag kommt Paula, mitgebracht von Freunden, und nimmt das Auto mit zurück.

Doro (plant mitzufahren von Portsmouth nach La Coruña) ist inzwischen zwei (!) Mal mehrere Tage mit in Holland gewesen, zusammen haben wir die Bolzen an den Fundamenten der Windsteueranlage nachgezogen und den Rest der Anlage installiert. Außerdem hat sie mich in die besten holländischen Geschäfte für Haushaltswaren (Hema) und Bastlerbedarf (Kruswijs) geführt. Und Holzarbeiten erledigt. Und das komplette Schiff von innen und außen geschrubbt. Ist sehr schön geworden. Außerdem sind wir mit den neu aufgeklebten neuen Namen rausgefahren und haben drei Runden gedreht, damit die alte Schlange (alter Name) verwirrt wird und sich abhängen lässt und sich nicht mit der neuen Schlange (neuer Name) streitet, die stets hinter einem Schiff herschwimmt. (Weisheiten von White Spot Pirates, stammen von irgendwelchen Karibik-Ureinwohner-Seefahrern.)

Zwei Wochen später sollten endlich die neuen Fenster für Salon und Achterkabine kommen. War aber nix (ließen sich nicht aus den Rahmen schneiden, von mir sowieso nicht, aufgegeben nach einem halben Tag, aber auch nicht von Freddy, Bootsmechaniker par excellence). Gab also keine Arbeit für Doro und mich. Also komplett neue Scheiben bestellt, die hoffentlich bis morgen, 4. Mai da sind. Doro hat außerdem die alten Luken auf Salon und Vorschiff wieder eingebaut. War eine Nachtschicht bis 23:00, weil der Bootslack bei der Kälte superlangsam getrocknet war. Außerdem hat sie sämtliche (sechs) Teak-Handläufe am Deck geschliffen und geölt. Bis auf ein paar Risse sehen sie aus wie neu.

Hart arbeiten bei bester Laune: Doro am Schleifen

Äußerlich geht es der alten Tante Else also blendend. Was auch gut ist, weil: Am 8. Mai ist Abfahrt, das ist von heute ab in fünf Tagen. Langsam schlägt das Reisefieber durch. Oder mein Zittern kommt vom Schiss vor der Reise, der sich zunehmend einstellt. Optisch jedenfalls ist die Elizabeth bereit.

Schöne Schiffe … (… liegen weiter draußen in der Marina)
Hier fehlen noch schöne Fenster.

Morgen früh muss ich ein neues (gebrauchtes) kleineres Vorsegel (Flieger oder auch Yankee [das sind Segel mit hochgeschnittenem Unterliek („hohem Hals“), sie bilden also ein schmaleres, weiter oben auslaufendes Vorsegeldreieck] von der Segelmacherin abholen. Und dann schwer hoffen, dass die neuen Fenster angekommen sind. Drückt mir die Daumen!

»Wenn nicht, fährst du eben ohne Fenster.«

Freddy, Mechaniker (mit schlechtem Gewissen, weil er meinen Auftrag vierzehn Tage lang nicht weitergegeben hat)

Am Mittwoch, 4. Mai, nachmittags halb drei in de Heen angekommen (vorher in Voerde das (auf alt designte – rostrotbraun) gebrauchte (für mich neue), kleinere Vorsegel abgeholt), Elsa (Frau von Freddy) arbeitet am blauen Schiff: gute Nachrichten – die neuen Fenster sind da. Und einen Helfer weiß sie auch gleich: ihren Stiefsohn Richard, Anfang dreissig, lebt im Hafen auf einer Friendship [berühmte Yachtmarke] 28, ich hab das Boot und seinen Bewohner die ganzen Wintermonate über in der Marina gesehen, er hatte einen Ofen am Laufen. Halbverkrachte Existenz, „between jobs„, aber supernett. Und vor allem: Richard hat Zeit. Donnerstag Vormittag die Fensterverklebungen entfernt, Gaffertape geht superscheiße ab, vor allem das billige, das sich beim Abziehen auch noch auflöst (hat aber unweinerlich Spaß gemacht). Verdünnung und Waschbenzin helfen gleich schlecht. Donnerstag abend nach Osterhout gefahren (dreiviertelstunde Autobahn), um Muttern und Hutmuttern beim Großhändler abzuholen, der sie freundlicherweise abends mit in seine Privatwohnung genommen hat.

Pünktlich wie die Uhr kommt Richard am nächsten Tag um zwölf, wie vereinbart. Allerdings hat er eine alte Knieverletzung (Mopedunfall als Jugendlicher) und kann nur im Stehen arbeiten. Er dreht also im Bootsinneren die Muttern auf die Schrauben, ich bohre von außen die Löcher und stecke die Bolzen durch (116 Stück, Elsa hat abgezählt, weil jede der (zusätzlichen, optisch gefälligeren) Hutmuttern 55 Cent kostet. Elsa kommt mehrmals an diesem Nachmittag und kontrolliert unsere Arbeit (und Richard?). Einmal eine Scheibe zu hoch eingesetzt, ein Dutzend Löcher an der falschen Stelle gebohrt, es aber erst gemerkt, als der Bohrer beim dreizehnten Loch ins Leere ploppte. Löcher geflickt (mit Freddys Zaubersilikon, das sogar unter Wasser kleben soll [Notiz für Notfälle (Elsa:) Bei Loch im Rumpf die Seite einer Plastiktüte wild und dick mit dem grauen Zaubersilikon beschmieren, unters Boot und zum Leck tauchen, die halbe Plastiktüte mit dem Schmodder gegen die Bordwand drücken (das Zeug bindet auch unter Wasser!). Auftauchen, bevor die Luft ausgeht … und ab in den nächsten Hafen. Hoffe, dass es dazu niemals kommt. Bzw.: Das wird superspannend, wenn ich das zum ersten Mal probieren darf.] Vor allem aber: die neuen Scheiben sind ein Traum, rauchgrau, von außen undurchsichtig (außer man macht Licht im Inneren), von innen, da nagelneu, klar. als wären sie nicht eingebaut. Super Aussicht, superfreundliches Licht im Schiff, super Arbeit von Richard. (Hat allerdings bis abends um sieben gedauert, Elsa kam, half mit, die letzten Schrauben einzusetzen, überwachte das Anziehen (muss genug Druck drauf sein, um das Quetschband zu komprimieren, damit es dichtet, darf nicht zu viel Druck sein, weil sonst die Acrylscheiben zu reißen drohen). Donnerstagnacht total erschöpft in die Koje gefallen (aber die neuen Scheiben lassen romantisch das Mondlicht durch – traumhaft schön!).

Freitag den ganzen Vormittag wie wild aufgeräumt, Kleinigkeiten erledigt (Vorhangschienen gesäubert und wieder montiert), Hotelschlüssel in Steenbergen abgeholt, Kleinzeug im Baumarkt und Gemüse fürs Abendessen gekauft – abends wird hoher Besuch kommen: Susan und Andrzej bringen Cornelia (Mitseglerin bis Portsmouth [oder so]) und Paula mit, am Samstag wollen auch Axel und Petra kommen. Apero im Cockpit bei Sonnenuntergang, Diner zu fünft am großen Salontisch. Sehr befriedigend (nur versalzen). »Ist aber ziemliches Tohuwabohu aufm Schiff …« (, sagt Paula, nachdem ich einen halben Tag wie ein Wilder aufgeräumt hatte.) Außerdem ist seit Donnerstag nachmittag die Landstromversorgung ausgefallen, elektrische Geräte und vor allem der Batterielader funktionieren nicht mehr. Ziemlicher Alarm. Positionslichter im Bug gehen seit Herbst nicht mehr, haben aber beim Kauf des Bootes funktioniert. »So kannst du aber auf keinen Fall losfahren!« Hat Paula natürlich Recht. Aber verschieben mag ich auch nicht.

Samstag vormittag bunkern Andrzej und Susan Wasser bis zum Rand (ich will ausprobieren, wie die Elizabeth unter voller Beladung im Wasser liegt), Paula hängt Vorhänge auf, verlegt Teppichboden in der Achterkabine, nachmittags schraubt Andrzej zwei Adapter (Camping- gegen Schuko) zusammen, weil ich Landstrom derzeit nur über ein (geliehenes) Kabel provisorisch kriegen kann. Um zehn hält der Lieferwagen von Charles, Elektriker des Vertrauens am Kai, ich haue ihn sofort an, »It’s kind of an emergency!«, er schaut sich den Kabelsalat meiner 220-Volt-Anlage an, findet ein durchgeschmortes Kabel, »you can’t leave it like this!«, und knipst kurzerhand das Hauptzuführungskabel ab – zu gefährlich, das so zu lassen, muss ein Bootselektriker dran, Charles (behauptet, er) sieht sofort, wenn ein Haus- oder Auto-Elektriker am Boot gewerkelt hat. Er selbst kann nicht helfen, weil er super im Stress ist, Jobs ohne Ende. Vielleicht im Sommer, in Spanien, da muss er sowieso hin, eine Yacht zur Überführung abholen …

Dann kommt Paula aus der Achterkabine, findet heraus, das Charles mehrere Jahre in Spanien gelebt hat, die beiden parlieren Castellano, irgendwie hat Charles plötzlich doch Muße für einen Plausch … Außerdem sieht er spektakulär aus (findet Paula). Ich stehe jedenfalls komplett ohne Landstrom da.

Nachmittags gehen Cornelia und ich zum Großeinkauf in den Supermarkt, ziehen auch das Vorsegel auf.

Später am Nachmittag kommt Axel, findet nach einer Viertelstunde den Fehler (bei der Steckdose außen am Schiff ist das Nulleiter-Kabel aus der Lüsterklemme gerutscht, dauert ca. 10 Sekunden, das zu reparieren (und eine Viertelstunde, wieder alles zusammenzubauen)). Dann hätte alles wieder funktioniert. Nur: ist ja abgeknipst. Nachmittags legt Axel neue Leitungen (mit dem richtigen, dickeren Querschnitt) und mein Landstrom funktioniert wieder! Außerdem findet er nicht, dass die von Charles abgeknipsten Kabelenden und Lüsterklemmen verschmort aussehen … Aber superhübsch (wenn man auf den südländischen Typ steht) und extrem selbstbewusst ist der Elektriker auf jeden Fall.

Abends geschieht noch das zweite Wunder: Axel und Andrzej finden den Wackelkontakt in der Leitung zur Bug-Positionslampe, Andrzej setzt eine neue LED-Birne ein – meine Navigationslichter funktionieren wieder! Heller als je!! Wunder über Wunder!!! Und pünktlich zum Abendessen im Pfannkuchenhaus gegenüber der Marina waren wir auch.

Sonntag bin ich um zwei mit der Hafenmeisterin verabredet, Parkkarte abgeben und Kaution dafür zurückbekommen. Klingt nach Stress, stellt sich aber als machbar heraus, weil alle super mithelfen. Cornelia und ich ziehen das Großsegel hoch, unten den fachfrauischen Kommentaren der Gäste am Kai, Axel verräumt Ausrüstung in der Backskiste und befestigt den Wasserkanister, irgendwie ist im 13:00 alles erledigt. Bei der Abfahrt, pünktlich wie die Eisenbahn (früher vielleicht einmal war), sind fünf Handykameras auf die Elizabeth, Cornelia und mich gerichtet. 8. Mai 2022, 14:04h Abfahrt von de Heen. Abfahrt

5. Betsy in ihrer neuen schwarzen Unterwäsche

»Segler-Blogs sind doch alle weinerlich.«

Axel Brandt

Sagt mein Bruder (www.axelbrandt.de) und meint damit vor allem diesen Blog hier. Dabei kann ich ihm kein bisschen böse sein, weil er gerade meine neue Selbststeueranlage installiert hat (s.u.). Außerdem finde ich nicht, dass er Recht hat. Ich sehe auf Youtube immer nur tatkräftige schöne junge Menschen, die eins ihrer projects nach dem anderen realisieren, stets erfolgreich und bei allerbestem Wetter. Und in ihren Videos sieht es immer so aus, als seien die Vorhaben an ein und demselben Tag realisiert worden. (White Spot Pirates, Sailing Project Atticus, Sailing Millenial Falcon, Rebuilding Tally-Ho). Bis auf STLT, die zeigen – zur Belustigung der Zuschauer – auch ihre Fails im Schnelldurchlauf. Sehr sympathisch das, wie der ganze Kanal.

Die neue Windsteueranlage und ihr Monteur.

Von Freitag 14:00 bis Sonntag 14:00 haben wir zwei Tage allein für das Laminieren (Epoxy anmischen, manchmal widerborstiges Glasfasergewebe tränken und ankleben) der Fundamente und das Fixieren der Hauptsäule gebraucht. 

Elizabeth in ihrer neuen schwarzen Unterwäsche

Das kleine Schwarze ist (auf diesem Bild) allerdings so klein, dass es kaum zu sehen ist… – Klickbaitwarnung, ihr Testosteron-Helden – falls ihr eine Sexbombe erwartet habt, seid ihr veräppelt worden. Mein Schiff hat neues Antifouling bekommen, das Unterwasserschiff in schwarz. Ein Tag Abschleifen des alten Antifoulings, leuchtend königsblauer Staub, der in jede Ritze dringt (und giftig ist). Hat Spass gemacht. (Neuer unweinerlicher Ton).

Zustand nach einem Tag Antifouling abschleifen. (Das Grinsen ist gephotoshopped)
(Der Hintergrund ist gelb)

Am nächsten und übernächsten Tag zweimal vier Stunden Auftragen des neuen Anstrichs. Der zweite war wesentlich einfacher, hat sogar Spaß gemacht. (echt!)

Betsy geht schwimmen.

Beim Abholen (mit einem Hubwagen, der an einem schweren Traktor hängt) hatte Neve alle Zeit der Welt, ich hab zwei Schichten Antifouling (schwarz) aufgebracht auf die unbehandelten Stellen an den vier Quadraten, wo die Stützen angriffen und auf zwei Flecken unter dem Kiel, wo die Holzklötze saßen.

Antifouling – leidiges Thema. Als ob die Meere nicht vergiftet genug wären. Eine Beschichtung, die langsam Gift absondert, dabei ausgewaschen wird, um Bewuchs (Muscheln, Algen) zu verhindern. Gibt nicht wirklich gute Alternativen, je stärker das Gift im Antifouling ist, desto länger hält es, desto weniger oft muss das Schiff aus dem Wasser und abgeschliffen und neu gestrichen werden. Sind alles faule Kompromisse. Aber ohne Antifouling bleibt der Rumpf einfach stehen, weil der Bewuchs deutlich bremst.

Betsy ist nur einer der 99 Namen der Göttin; Elisabeth („Göttin ist vollkommen“), Elli liebevoll, Sabeth (M. Frisch) stilvoll-klassisch-reserviert, Olle Tante Else, wenn ich böse auf sie bin. Es gibt eine Liste mit 60 Namen in verschiedenen Sprachen, in Kombination mit jeweils »Tante« sind es mehr als genug, um die Benennungen des Propheten zu schlagen. Video vom Zu-Wasser-lassen gedreht, leider alles im Hochformat, sieht quergestellt entsprechend nah und unkoordiniert aus. Gucken? https://youtu.be/U_SWxBFLtMI
Wouter hat geholfen, Neve ist gefahren wie die gesengte Sau, war kaum ein Hinterherrennen. Bei starkem Seitenwind war es nicht ganz trivial, Tante Lisbeth zu halten und entsprechend hektisch. Außerdem hat eine Bö eine der Schwimmhilfen vom Heck geweht und ich musste auf die andere Seite des Kanals, um sie wieder raus zu fischen.