
Oder eigentlich besser: Abschied von der guten alten Elli, für hoffentlich (nur/mindestens) neun Monate, schnief.


Donnerstag, 14.03., hab ich früh getankt in der Marina Flamenco, Schulden bezahlt, bin losgefahren. Ereignislos bis mittags nach Vacamonte motort. Beim Torre angemeldet. Kommt mir Niño schon entgegen (Meine Sorge, ihn vielleicht nicht wiederzuerkennen war also völlig unbegründet; außerdem steht in großen Lettern »El Niño del West« auf seiner Lancha – und auf seinem Sonntags-Fußball-Trikot). Er macht mich längsseits an einem im Hafen liegenden Fischkutter fest. Find ich genial: brauch ich mir über Anker, Ebbe, Flut, keine Gedanken zu machen. Niño ist zutraulich, will quatschen, versorgt mich mit Essen (Frühstück: Eiersandwich, Abendessen: Bratfisch), Zigaretten, Wasser. Bringt mich an Land, wo ich beim Torre vorbeischaue, beim freundlichen Hafenbüroleiter eine Etage tiefer und bei der Seguridad (mein Carnet mit Lichtbild) abholen. Außerdem Essen im Restaurant (»Wo ist der Compañero?« werde ich gefragt, sie erkennen mich wieder, alle sind superherzlich). Wo ich schon mal an Land bin, gleich beim Astillero Nacional vorbeigeschaut, dem großen Kutterreparaturbetrieb mit eigenem Schiffshebewerk. Ingeniero Alejandro ist aber leider krank, kommt erst Montag wieder, zu spät für mich. Abends Bier mit Niño im Cockpit – er sitzt auf dem Deck des Kutters, anderthalb Meter entfernt. Er will alles Mögliche wissen, über Deutschland und mich. Da huscht ein Schatten über das Laufdeck. Ein kleiner Vogel? Dafür schleicht der Schatten zu sehr. Später sehe ich die Silhouette des Tiers im Mondlicht sehr deutlich.
Ratte an Bord
Zwar suche ich nach ihr, sie muss irgendwo auf dem Heck sitzen, aber kann sie nicht finden. Am nächsten Morgen ist klar, dass sie sich genau umgesehen hat: überall sind winzige Kotstreifen verschmiert, schwarz und zäh wie Lakritz. Nur riechen sie anders (Reviermarkierungen?). Freitags widme ich mich Aufräum- und Konservierarbeiten, ziehe die Cockpitpersenning auf, was das Sitzen einigermaßen unbequem macht. Dennoch kommt Niño gerne zum Abendessen (aleman!): Bratkartoffeln und Tomatensalat. Nachts knuspert es an Deck. Am Samstag früh hab ich die Ursache gesehen: Weil ich zu wenig Kartoffeln hatte, hab ich Niño ein Paket Kräcker aufgemacht. Hat er liegengelassen. Das war das Rascheln und Knuspern, das mich nachts geweckt hat. Im Innenraum, soweit ich das beurteilen kann: noch keine Ratte.
Die Illusion hat genau einen halben Tag gehalten. Als ich in der Backskiste der Stb-Salonbank die Bettwäsche für Niño heraussuchen will, jagd ein schwarzer Schatten davon und durch das Loch in der Wand zum Klo. Dort ist unter der Toilette jede Menge (für mich) unzugänglicher Stauraum, da unter den Bodenbrettern überall Durchlässe (für Wasserabfluss) sind, ein idealer Lebensraum, zum Beispiel für eine (trächtige?) Rättin auf der Suche nach einer neuen Heimat. Nachts macht mir das Tier Alpträume. Weibliche Mitfahrer kann ich wohl in Zukunft vergessen. Samstag abends gibt es Pasta mit Tomatensauce, danach Trauben und Käse. Niño scheint es zu schmecken, behauptet er wenigstens und bedankt sich aufgedreht. Er trinkt niemals mehr als ein Bier am Abend (aber bringt schon am Sonntagnachmittag das erste vorbei). Ich schon.
»Langfahrtsegeln heißt, sich ganz für sich allein zu betrinken.«
Kápi-Weisheit
(Montag, 18.3., Flughafen Tocumen, Panamá)
Für Sonntag hab ich mir nur noch wenige Arbeiten aufgespart: Geschirr spülen, Boden putzen, Seeventile und Gasflasche schließen. Niño bringt Frühstück (Tortilla, Spiegelei, gebratene Würstchen) vorbei, außerdem hatte ich schon den Rest der Tomatennudeln gegessen. Auf den Fischkuttern im Hafen verbringen die Mannschaften einen geruhsamen Sonntag, irgendwo dudeln Latino-Schnulzen. Ich verbrauche mein letztes Trinkwasser (ich will die Kanister wie den Tank trocken hinterlassen, weil sie, ist das Wasser einmal schlecht geworden, kaum noch sauber zu machen sind).
Regel 29: Wassertank muss leer sein, Dieseltank randvoll.
Aus: Maßnahmen für das Überwintern von Yachten

Den Motor mit Frischwasser gespült/laufen lassen und die Batterien abgeklemmt hatte ich schon am Samstag.
Heute früh kommt Niño wie verabredet, bringt mir Kaffee vorbei (in SEINER Köln-Tasse, auf die er ganz stolz ist »Kölsches Grundgesetz: §1: Et hät noch immer jot jejange … etc., pp.«, außerdem habe ich ihm den starken Bauhaus-Strahler geschenkt, den er begeistert einsetzt, um nachts weit entfernte Kutter anzuleuchten …). Er ist zu früh und der Abschied wird kurz und unzeremoniell: alles abgeschlossen, Persenning-Reißverschluss zugezogen und fünf Sachen auf Niños Boot geräumt: Kleider-Rucksack, kleiner Compi-Rucksack, übrige Lebensmittel für Niño, zwei Mülltüten. Um halb acht in der Frühe lasse ich Elli zurück.
Frühstück im Restaurant fällt aus, sie sind leergegessen. Taxi zum Jumbo, dem Supermarkt samt Bushaltestelle, Bus nach Panamá, zur Einkaufs- und Marktstraße 5 de Mayo, wo ich tatsächlich eine Hängematte erstehen kann, und Metro zum Flughafen. Ich bin schon um 12 da, mein Flug geht erst um 1700. Aber leider funktioniert das Flughafen-WLAN (für mich) nicht. Muss ich bin Bogotá versuchen, wo ich drei Stunden warten muss…
Bogotá hat kurz geklappt, eine halbe Stunde WLAN war frei. Hat aber nur gereicht, um Mails zu checken und die aktuelle Tagesschau zu gucken …
Manaus
(Di, 19.03.)
Die Stadt ist ziemlich erschlagend. Andererseits: ziemlich faszinierend. Morgens losgezogen, die Gegend zu Fuß zu erkunden. Nachts um eins war ich angekommen, durch den Zeitunterschied (eine Stunde weniger – ich bin auf dem Heimweg!) war es bereits zwei. Bis ich durch den Zoll und aus dem Flughafen war, noch später. Jedenfalls um drei ins Bett gefallen und mir den Wecker auf halb acht gestellt, weil Frühstück gibt es im Hotel Amazon (Empfehlung des Taxifahrers) nur bis acht. Punkt sieben trommelt und prasselt der Sturzregen auf das Wellblechdach über mir: Regenzeit! Um neun also losgezogen, die Altstadt und der Hafen musste am Ende der Magistrale sein, die ziemlich genau am Hotel (und am Busbahnhof gegenüber) vorbeiführt. Zwei Stunden stramm marschiert, tatsächlich irgendwann Gründerzeitgebäude und so etwas wie den zentralen Platz gefunden. Und Herbert. Lebt seit elf Jahren hier. Ist Deutscher aus Augsburg und wir waren uns auf Anhieb sympathisch (ich ihm als Kunde, er mir als prekärer Lebenskünstler). Long story short: erstmal im Fischrestaurant Pirarucu (Großfisch)-Eintopf mit Früchten und Gemüse gegessen – spektakulär. Vorher Fischsuppe (aufs Haus) und dazu Reis und orangene Gemüsesoße (nachgucken, wie das hieß!) Dann Stadtführung angesagt und (wie immer mit Führer) hab ich Sachen gesehen, die ich mich alleine niemals getraut hätte. Erst die Einkaufsmeile, die alte Zollstation, den Fährhafen, den Rio Negro (der erst hier in Manaus mit einem anderen Fluss zusammengeht und den Amazonas bildet), den Fleischmarkt, den Gemüsemarkt, den Fischmarkt, den Bananenmarkt (sic!), den Seitenarm des Rio Negro, die Müllsammelschiffe mit ihrem jeweils eigenen Bagger, die Villa des Kautschukbarons Scholz (verarmt in Deutschland gestorben), den Zucker-, Nüsse- und Trockenfrüchtemarkt. Und nebenbei Obst (und Anti-Mückenöl) für die Bootstour morgen gekauft. Und Acerola-Dicksaft (Açai [Assai]) getrunken, das Lebenselixier der Brasilianer, zumindest hier am Amazonas.


… bis ich mir wirklich nichts weiteres mehr merken konnte – Herbert ist ein wahres Lexikon: Gaviola heißen die Fährschiffe (Oberdeck nehmen!), Tucumao eine Frucht mit Blattansätzen, Guyaba eine Frucht zum frisch essen, Tucuma (falsch gemerkt?) eine Frucht, die die Brasilianer zum Frühstück essen, fett wie Avocado.


Als ich echt nicht mehr konnte, ging es erst richtig los: Armstrong (»Amistrong«), geboren im Jahr der Mondlandung, erwartet uns schon vor der Oper. Armstrong ist der Chef von Herbert und staatlich geprüfter Reiseführer (und Besitzer eines Hotels und einer Reiseagentur). Er hat mir jedenfalls eine Opernführung verpasst, Herbert durfte Stichworte beisteuern, und vor allem: meinen kompletten Brasilienaufenthalt durchgebucht. Herberts Vorschläge (Sao Luis, die Dünen und blauen Seen) aufgenommen, sämtliche Bustrips plus Transfers, Abholungen und Übernachtungen gebucht. Seither suche ich Geldautomaten, die meine stark belasteten Kreditkarten noch weiter ausbluten können. Insgesamt 8300 Reales, ca. € 1600, nimmt er für 14 Tage Hotelübernachtungen, Stadtführungen in Belem, Sao Luis und Rio, den Bus Belem-Rio (1800km!) und eine zweitägige Dünentour bei Sao Luis. Irgendwann schwirrt mir nur noch der Kopf und ich hoffe sehr, dass ich heute nicht einen Riesenfehler gemacht habe … Ach ja: Hab ich schon erwähnt, dass es mein erster Tag in Brasilien ist und ich nur vier Stunden geschlafen habe? Ohne Herbert wäre Manaus einfach nur ein Moloch gewesen – 2 ½ Mio Einwohner, ein paar davon leben auf der Straße bzw. auf Pappkartons. So ist es eine der faszinierendsten Städte, die ich in Brasilien kenne – und außerdem die einzige. Oder eben: ein bisschen wie Punta del Este …


Nachts hat mich Armstrongs Fahrer konspirativ zum Hotel zurückgebracht, ich hab meine USD 750 aus dem Rucksack geholt und ihm übergeben, eine Szene wie aus einem Mafia-Film: ich ziehe das Geldbündel (alles in 20ern!) aus meiner Recycling-Einkaufstasche (Coop, noch aus England) er sitzt am Steuer des mit laufendem Motor wartenden Wagens und zählt nach …). Morgen verspricht wirklich spannend zu werden, weil sich das konkurrierende Reiseunternehmen, bei dem ich die Amazonas-Tour gebucht habe, wegen der Abholung noch nicht gemeldet hat. Ich werde um 0715 mit Amistrongs Fahrer losziehen, die Bankautomaten leersaugen und den anderen Fahrer (falls er überhaupt kommt) vertrösten: Ich treffe ihn direkt am Schiff … (und hoffe, dass mich mein Fahrer dort absetzt.) Bin ich zu ausführlich? Ich bin einfach übernächtigt und überdreht.

wieder danke für den Bericht! Du hast ein Talent, tolle Leute kennen zu lernen. Beneidenswert. Es ist dir offensichtlich schwergefallen, dein Schiff zurückzulassen. Bin sicher, dass du das Schiff in bestem Zustand wiedersiehst. VG Thomas
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