50. São Luis & Lençóis maranhenses

Lençóis maranhenses

(Mo, 25.03.), São Luis, Maranhão [Maranjáo]
Morgens, noch in Belém, hatte ich Stress, Geld zu kriegen: „not sufficient funds“, meldete der Geldautomat. Auf beiden Kreditkarten. Die gute alte Kontokarte musste es richten: Maestro. Sonst wäre ich verloren gewesen. Aber es hat geklappt. Junior habe ich RS 3200 übergeben, das Restgeld für meine Reise, Armstrong sollte beruhigt sein. Ab 0900 Busfahrt nach São Luis. Stadtrand, Vororte, Dschungel am Straßenrand, flach. Später Wiesen und Viehzucht, dann Sumpflandschaft, Marschen. Später hügelig und ziemlich miese Lehmstraße. Dann, es ist schon dunkel in Sta Luzia, heißt es den Gringo hetzen: Als ich die Toilette aufsuche und es kein Papier gibt und ich versuche, Klopapier zu kaufen, fällt mir auf: Der Bus ist abgefahren! Rennt der Gringo raus aus der Busstation, Bus zieht einen Block entfernt unbeirrt vorbei. Pfeift der Gringo sich die Seele aus dem Leib. Nichts hilft. Rennt der Gringo verzweifelt hinterher, Marktfrauen und Jugendliche weisen ihm den Weg. Gerade außer Sichtweite, am Ende des Blocks, wartet der Bus und öffnet die Türen: Die wollten dem Gringo nur eine Lektion erteilen: wenn der Bus hupt, will er abfahren.

So schön wie Punta del Este: die Strandapartments von São Luis
Name auf Schild

Nachts um halb eins: Zum ersten Mal im Leben werde ich abgeholt mit Namensschild, und ins Hotel gebracht. Heute 08:30 City Tour mit Leonidas. São Luis ist die schönste Stadt Brasiliens (von drei). Unesco Weltkulturerbe. Die Innenstadt ist saniert worden, die Stromkabel von den Hauswänden unter das Pflaster verlegt. Im Stadtkern sind Häuser/ Ensembles intakt geblieben (bis auf drei Neubauten aus den 70ern) und erinnern an Lissabon vor dem Erdbeben von 1755. Padre Pio, der Heilige von São Luis (20. Jhdt), hatte Stigmata, Wunden an den Handrücken. Erst wurde er als Betrüger beschuldigt, dann seliggesprochen. Eine Nachbildung seiner aufgebahrten Leiche ist in einer Seitenkapelle aufgebaut, wie zeitlebens mit Handschuhen – weil seine Stigmata auch geblutet haben. Bittstellerzettelchen sind neben seinen Kopf gerieselt. Später zeigt Leonidas mir (kurz) den Markt, Restaurants, und lange Strände: insgesamt 32km hat die Stadt, die längsten fangen fast direkt vor meinem Hotel an (das ansonsten eher außerhalb liegt). Die Inseln gegenüber der Flussmündung (vier Flüsse!), Alkantará (=Schafwolle), waren, wie die Stadt selbst, oft umkämpft. Gegründet von den Portugiesen, erobert und umbenannt von den Franzosen, zurückerobert von den Portugiesen, die zwischendurch Holländer (nach Surinam) und Franzosen (nach (frz.) Guyana) und Engländer vertrieben haben.


Abendspaziergang am Strand, Krebslokale. Das Klopfen auf den Tischen, wenn sie mit speziellen Schlagstöcken auf ihre Krabben/Krebse einschlagen, um die Beine und Scheren zu knacken. Spannend.

Lençóis maranhenses

„Das wird das Schönste sein, was du jemals gesehen hast!“, hatte Herbert in Manaus prophezeit. Und er hat Recht behalten. Atemberaubend schön. Die Lençóis maranhenses [„lensóis marenjénses“ – lohnt sich, die Aussprache zu üben; Eselbrücke: Längsséits Mayonäse] sind Dünen (wie in Merzouga, nur nicht beige, sondern lichtgrau-weiß), mit hellblauen und glasklaren Seen dazwischen. In denen man baden kann, wo einen winzige Fische anknabbern. Es ist betörend schön. Gran Canyon ist gut, Bryce Canyon, Arches, Sequoias sind unfassbar, Moga-Moga war toll, Isla Coco Bandero war phantastisch, aber das hier, die Lagõa Bonita, wo wir heute waren, ist auch schön.

Vorauswaten, um zu sehen, wie tief es ist

Die Dramaturgie stimmt: vier Stunden Anfahrt von São Luis und dann anderthalb Stunden auf einem Pickup, wo hinten auf der Ladefläche Sitzbänke aufgeschweißt sind, und ein Dach. Für eine wackelige Fähre über den Fluss aus dem Auto aussteigen, auf einer Sandpiste voranpreschen, vogelsandweich, mit Spurrinnen bis zu den Radlagern, durch Wasserlöcher, durch einen Fluss (musste der Helfer vorauswaten, um sehen, ob es noch flach genug ist), über fimschige bohlengedeckte Brücken, die Fahrspuren im Marschland so tief eingegraben, dass es den Toyota-4×4 hin- und herwirft, wenn die Spur in Kurven verläuft, es rumpelt und hoppelt, und nach anderthalb Stunden hält man endlich mitten im Grünen an und sieht eine steile blaue Holztreppe eine Düne hochsteigen. Wenn man da oben ist, schaut man auf das bizarrste, mondlandschaftsmäßigste, mit dem klaren Wasser dazwischen, was man jemals gesehen hat. Die Sonne hat gestrahlt, es war alles perfekt, ich hab ungefähr eine Million Fotos geschossen und konnte nie genug kriegen (und die Hälfte kriegt ihr hier ab).

Regel 29: »In weichem Sand so untertourig wie möglich fahren.«

Offroader-Weisheit
(weil es nicht wichtig ist, möglichst viel Kraft auf die Pneus zu kriegen, sondern sie möglichst am Durchdrehen zu hindern.)
Baden ist angesagt

Ein unfassbarer Tag. Nur lachende, strahlende Gesichter, Leute im Badeanzug, der Zugang führt schon durch einen Wasserlauf, auf die Fähre kam man gerade noch trockenen Fußes, zumindest auf dem Hinweg. Alle anderen sind besser vorbereitet als ich. Gehen in den knappsten Bikinis mit irgendwelchen Häkelschleiern drüber, zum Beispiel drei Schönheiten zum Sonnenuntergang, jedenfalls in Badekleidung, die ich nicht dabeihatte. Eine zwar frische, aber nicht frisch gewaschen aussehende Unterhose, vorne gelb, hinten dunkelgelb, aber es musste trotzdem sein: glasklares Wasser, der Tag war nicht richtig heiß, der Himmel teilweise bedeckt, aber die Sonne war trotzdem draußen. Es war einfach unfassbar erfrischend. Flach, an der tiefsten Stelle vielleicht hüfttief, gerade so, dass man schwimmen konnte. Und wie gesagt die Fischchen, die geknabbert haben. Süßwasser natürlich.
Und dann ewig herumgelaufen, irgendwann sagt der Guide, um fünf trifft man sich wieder unten am Auto. War natürlich Quatsch, ich war um fünf unten, keine Sau da (bis auf die Fahrer, die eine Runde Billiard und einen -tisch am Laufen hatten), da bin ich wieder hoch, weil alle oben darauf gewartet haben, dass die Sonne untergeht. Die war schön und flach, aber sie ging nicht blutrot unter, weil Wolken dazwischen waren. Aber, wie gesagt: nur hübsche Menschen, nur lachende Gesichter: glücklich. Eine Landschaft, die einen allein beim Hingucken einfach überschwänglich froh sein lässt. Mit sehr, sehr wenig zu vergleichen. Jedenfalls mit nichts, was ich kenne.

Opis wie wir
Lagõa Azul

(Blaue Lagune) Mehr vom Gleichen, aber absolut lohnenswert. Zumal der Trip kürzer ist, flacher, man die Dünen schon von Weitem sieht – also dramaturgisch nicht ganz so spannend. Aber viele Wasserlöcher auf dem Weg: beim tiefsten ist die Brühe auf die Ladefläche geschwappt, sicher 80 cm über dem Boden. Und wenn man angekommen ist, fährt einen der 4×4 direkt bis oben auf die Düne. Und dann: fußwarmer weißer Sand, blaue Seen, und das Wasser mit der perfekten Temperatur, um reinzugehen, ohne zu frösteln.

Anderthalb Stunden bin ich in die Dünen reingelaufen, der Himmel war klar, aber ab und zu sind kleine Wölkchen durchgezogen, die dunkelgraue Schatten auf die weißen Dünen warfen, sehr pittoresk. Wieder Millionen unfassbar toller Bilder geschossen, also zumindest kamen sie mir unfassbar toll vor (André mit seinen voreingebauten Filtern hätte sicher noch viel mehr rausgeholt!), mal sehen, wie sie geworden sind (in der prallen Sonne ist das Display nicht ganz leicht zu sehen). Am Ende, ich bin vielleicht anderthalb oder zwei Kilometer hineingelaufen, außer Sichtweite von allen, habe ich eine eigene Lagune ganz für mich allein – was gut war, weil ich keine Badehose dabeihatte – also nackt baden, nackt trocknen, nackt rauchen. Es war unbeschreiblich. Dann an zwei anderen Seen entlang zurückgelaufen und schließlich, am Ende, die blaue Lagune daran erkannt, dass sie wieder ein Schild aufgehängt hatten: Lagõa azul. Und daran, dass alle möglichen Leute darin baden. Da hab ich es aber auch nur am abgelegenen Ufer, wo weniger los war, geschafft, nochmal reinzugehen. Die war dann auch tief (daher: blau!), man hätte richtig schwimmen können, aber dann hat der Guide schon zum Aufbruch geblasen, das war gegen Zwölf, zwanzig nach sind wir zurückgefahren, um eins war ich wieder im Hotel, in der Posada d’Areina. Absolut … – ich war noch nie in Sukotra, aber das – das zu schlagen, diese Landschaft, diese Farben, diese Kombination von Badesee und mehr oder weniger endlosem vogelsandfeinem Sandstrand, das, ähm, wird ziemlich schwer.


Rückfahrt wieder mit der Fähre, wir kamen aus dem Gebiet, wo auch die Lagoa bonita liegt, aber trotzdem auf jeden Fall eine Extra-Reise wert.
Dann mich runderneuert lassen: beim Barbier Rasieren und Haare schneiden, einmal komplett, inkl. Nase, Ohren, Augenbrauen. Tat sehr gut.
Dann, weil das Café geschlossen war, einen Rieseneisbecher geschlabbert, statt Mittagessen; Farb- und Geschmacksstoffe scheinen im Sonderangebot gewesen zu sein, das Traubeneis war dunkellila und roch nach Klostein. Aber der Rest war lecker. Schlagsahne scheint es nicht zu geben in Brasilien, wahrscheinlich hält sie sich nicht. Jetzt ist es 1500 und ich warte, bis um vier (war tatsächlich: 1700) mein Transfer kommt, um mich vier Stunden nach São Luis zu bringen. Aber dem Armstrong habe ich gerade geschrieben: den Trip nach Lençóis maranhenses war absolut, absolut super. Unübertrefflich super. Sehr, sehr empfehlenswert. Nicht vielleicht, um deswegen nach Brasilien zu fahren, aber … auch nicht viel weniger.
(Außerdem habe ich heute Muskelkater in den Waden, vom ungewohnten langen Barfußlaufen!)

Feierabend

Lang hab ich auf der Hinfahrt gegrübelt, wo wir hinfahren. Wir sind nach Süden, meinte ich zumindest, aus São Luis rausgefahren, aber es hat nicht gepasst: die Himmelsrichtung war falsch, die Flüsse flossen in die falsche Richtung, die mussten doch zum Meer! Und jetzt, auf dem Rückweg, ist mir endlich aufgefallen, dass wir ja südlich des Äquators sind und deswegen die Sonne falsch herum geht, sie geht immer noch im Westen unter, aber sie geht durch den Norden. Also: wir sind von São Luis nach Südosten losgefahren und ich glaube, wir sind in der Nähe des Meeres gewesen, kam mir zumindest so vor. Und wir fahren jetzt, im Abendlicht, mit demn Sonnenuntergang, nach Nordwesten zurück. (Der Kompass des iPhones ist übrigens keine Hilfe. Der zeigt Fantasiehimmelsrichtungen an, ist wahrscheinlich irgendwie auf die Nordhalbkugel geeicht, keine Ahnung.)

Oder: Vom Erzeugen eines Drehwurms durch Panorama-Schwenks (rechts)

Abends um halb zehn im Hotel angekommen, sofort losgestiefelt, um noch Krabben zu knacken. Waren aber leider schon alle. Also nur einen gefüllten Krebskopf mit Reis gegessen. Ging so.

So hoch steht das Wasser manchmal (unser Tourguide)

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