VII. Pazifik – 43. Bucht von Panamá

Links: LIZBETH, Mitte: Sonnenuntergang
Flamenco Marina, Panamá

Sonntag, 28. Januar. Hafenkino–Nachteinfahrt. Kommt eine schöne Yacht, vor ihr der Marinero im Motorboot, der sie einweist. Anscheinend liegt der Steg am Liegeplatz nicht auf der erwarteten Seite. »Lines on the other side.« Der Skipper klingt beherrscht, kühl. Seine Frau auf dem Vordeck quiekt aufgeregt. Vielleicht kann sie die Leinen nicht schnell genug finden und aufklarieren? »Lines on the other side.« Der Skipper bleibt cool. Noch mehr unterdrücktes nervöses Wimmern vom Vordeck. »Lines on the other side!« Die Anordnungen kommen noch immer ohne Emotion. Inzwischen rauscht die Yacht auf den Quersteg zu, unbeleuchtet. »Stop! Stop!« Die Stimme vom Vordeck ist kläglich, aber gut vernehmbar (auch aus 20m Entfernung: ich). Zwischen dem Bug der Yacht und dem Steg sind noch sechs Meter. »Stop, Stop!« Der Skipper reagiert nicht. Jetzt sind es noch vier Meter, jetzt noch zwei. »Stop!!« Aber alles Wehklagen hilft nicht, der Skipper setzt den Bug ungebremst auf den Steg. Der Steven [vorderster Teil des Kiels, Unterseite des Bugs] der Yacht hebt sich einen halben Meter aus dem Wasser. Dann rutscht er zurück und sie legen mit Hilfe des Marineros an. »Thank you for putting your light into my eyes,« kommentiert der Skipper, selbst seinen beißenden Sarkasmus bringt er in neutralem Tonfall heraus. Jetzt muss die arme Ehefrau auch noch dran schuld sein, dass er auf den Steg gefahren ist – weil sie ihn geblendet haben soll. Manche Skipper kommen eben mit allem durch.

Ansonsten verbringe ich ruhige Tage im Klischee: Langfahrtsegeln heißt, sein Boot an den schönsten Plätzen der Welt reparieren.

»Do., 25.01.: 09:00 Ina fliegt
Ganztägig: Blog
19:51: alles abgestürzt!
[to-do-list:] Reffleine einziehen
Sprit bunkern

Fr., 26.01.: Reffleine [eingezogen]
Miraflores-Film [geschnitten]

Sa., 27.01.: Einkaufen, Waschen [bei 5 de Mayo, Chinese wäscht, Buch gelesen, fieses Viertel]
20 l Kanister voll [Diesel]

So., 28.01.:
Tisch schmaler [gesägt]
Saileliza aktualisiert.
Neue Crew: Odysse

aus dem Logbuch der LIZZZY
Fieses Viertel: Warten auf Wäsche

Sonntag abend kommt Odysse [O-díss]. Oliven, Käse, Cracker, Bier. Er hat einen Tag Flüge von Hamburg nach Amsterdam nach Panamá hinter sich. Die Rückfahrt mit der Metro (drei Mal umsteigen, obwohl es nur zwei Linien gibt!) und dem überfüllten 850er Bus war schon das erste Abenteuer.

Im Stadtbus 850

Montag sind wir mit dem Bus Richtung Altstadt gefahren, Odysse ist abenteuerlustig und nimmt nicht das Taxi wie ich. Unterwegs kommen wir erst durch ein bürgerlich-gehobenes Wohnviertel, aber auf der anderen Seite der Schnellstraße fängt ein anderes Leben an. Gitter vor den kleinen Läden und Schänken, wir sollen uns von der Polizei begleiten lassen, rät uns eine junge Oma, die mit Tochter und Enkelin gerade zurück in ihren Wohnblock kommt. Ganz so schlimm ist es auch nicht, verrammelte Wohnungen, ein Obdachloser in Badehose, in den Seitengassen sieht es verwahrloster aus.

Rohrbruch im Puff

Aus dem Eingang eines Mehrfamilienhauses strömt schwallweise Wasser. Davor stehen sechs junge Frauen, eine ziemlich gewagt gegürtet. Als wir uns vorbeidrängen, das Wasser gurgelt knöchelhoch auf den Bürgersteig, sprechen und fassen sie uns an: Der Puff wird wohl gerade saubergemacht. Oder sie haben einen Rohrbruch.

Vom Casco antiguo aus: Skyline von Panamá, Panamá
Wägelchen zum Schiff

Wenige Straßen weiter Bauarbeiten. Die Straße wird neu gemacht. Dann ein kleiner Park mit einem riesigen Transparent:  »NO gentrification!«, und auf der anderen Straßenseite fangen die frischgetünchten Altbauten der Altstadt an, casquo antiguo. Odysse war hier schon mal, erinnert sich an einzelne Ecken. Die Balustrade, die Promenade auf den Mauern der Festung um die Spitze der Altstadt aufs Meer hinaus, herum, ist an einem Wochentag weniger eng mit Mola-Ständen bestückt. Sind auch weniger der Indigenen zu sehen. Später, auf der Fußgängerzone und Hauptmarkstraße, die von der 5 de Mayo zur Altstadt führt, sind (Menschen ohne Zahl und) mehr Kunafrauen zu sehen. Auch der Indio muss manchmal einkaufen. Nur Esslokale scheint es (Außer Mäckes, KFC, Dominoes) keine zu geben. Ein Imbiss-Chinese erbarmt sich unser: Reis (mit Hühnchen süßsauer, mit Schweinegoulasch). Sättigt zumindest. Seit Odysse meine Metrokarte aufgeladen hat (waren nur noch minus 40 Cent drauf!) funktioniert sie wieder wie neu, also mit der Metro nach Albrook, ewig langes gründliches Einkaufen im riesigen Super99, Taxi (stehen schon davor) zur Marina, Wägelchen zum Schiff.

Am Dienstag will ich nach der Bilgepumpe sehen, die es bei der Sicherheitseinweisung für Odysse nicht getan hat. Dabei fliegt eine Sicherung nach der anderen raus. In den SeglerBedarfsLäden am Pier finde ich: neue Sicherungen (im einen), eine neue Bilgepumpe, eine Gastlandflagge Equador (für USD 23.- (!), im anderen). Die neue Bilgepumpe hat (wie die alte) nur einen dreiviertelmeter wasserdicht vergossenes Kabel. Und wie die alte flicke ich sie so wasserdicht wie möglich an ihr Anschlusskabel. »Wird unter Wasser nicht funktionieren,« findet Odysse. Hat er wahrscheinlich recht. Abends Bier mit Eilert und Gunilla. Das sind die beiden Schweden, die in Curaçao gegenüber lagen und von Shelter Bay Marina aus fast mit uns als Linehandler gefahren wären. Und in Schweden eine weltberühmte Firma für high-end-welding (Schweißarbeiten nach höchsten Qualitätsanforderungen) betrieben haben.

Altstadtpromenade Panama

Mittwoch schlechter Ableger, ich stelle die arme ELLI quer in die enge Gasse, kratze eine Macke ins Vorschiff. Tanken (bei Ebbe an de Tankstelle außen am Wellenbrecher!), Bezahlen. Nach Taboga, 6 nm, 2 h, bei gutem Wind, wir kommen am frühen Nachmittag rein und machen an einer fremden Boje fest. Außer am Wochende geht das, meint unser Segelführer (Schwalbe Zydler & Zydler: Panama Guide). Um uns herum ankern Ausflugsschiffe, eines mit öhrenbetäubendem Requeton – aber nur so lange die zahlenden Gäste am Strand sind (s. Video: Musica [folgt]). Odysse schwimmt an Land, Spaziergang, bringt Kokosmilchgetränk und Kippen mit.

Odysse: Taboga
Am Strand von Taboga

Donnerstag nach Isla Bona (geplant: nach Contadora, aber unterwegs schlief der Wind ein. Otoque/Isla Bona war die bessere Option: nach Süden, sanfter Wind: Gennackerfahrt). 1 Delfin war zu sehen. Abends fahren wir in eine traumhafte winzige Bucht ein, nur eine Yacht ankert dort. Und zwei Fischerboote mit ihren Netzen, die sie rund um die Bucht gekringelt haben. Drei (braunrücken) Mantas ziehe ihre Kreise. Reste von Industrieanlagen: Kran, Anleger, Dock. Schrecklicher grauer Schlamm als Ankergrund. Abends: Buschbrand. Die Anhöhe neben der Bucht leuchtet in einem wild lodernden Flammenkreis, der sich rasch auszubreiten scheint. Ich funke Meldung, sogar PanPan, interessiert keine Sau. Morgens um zwei war das Feuer von alleine ausgegangen. Das Wochenende soll windarm werden, da wollen wir dort nicht bleiben.

Exkremente
Bristol (vier) – für Ina

»Zum Glück bin ich schon aus dem Wasser raus.« Sagt Odysse. Wieso, frage ich unschuldig nach, vom Klo kommend. »Weil hier schwimmen gerade deine Exkremente vorbei.« Tatsächlich. Wieder einmal (wie in Kroatien) ganz schlechtes Toiletten-Timing. Dabei hätte ich gedacht, weil alle Ausscheidungen durch ein winziges Rückschlagventil müssen, sie dabei einigermaßen zu Brei verarbeitet werden … Aber Veganerschiss, zumal mit vielen Ballaststoffen, geht eben auch nicht unter. Lustige Geschichten hat Ina vom Cruiser-Race erzählt, wenn einer aus der Besatzung zu viele Reiswaffeln gegessen hatte, und deren Überreste einfach nicht aus dem Pump-Klo absaugen konnte – weil sie immer wieder oben schwammen. Ähnlich sah mein Bristol-4-Shiss aus: Konsistenz und Farbe: gut. Schwimmfähigkeit: ausgezeichnet. Erscheinung: eher unangenehm. 

Pelikane (oder Kormorane?) am Betteln

Ebenfalls am Freitag früh holen unsere Fischer ihre Netze ein, Kormorane/Pelikane betteln am Boot, kaum einen halben Meter Abstand, weil die Fischer ihnen immer wieder zu klein geratene Exemplare zuwerfen. Bevor sie wegfahren geben sie auch uns zwei Fische, ich frage, ob sie die ausnehmen würden, weil ich nicht realisiere, dass es ein Geschenk sein soll – sie nehmen partout kein Geld an.

Der Junge (rechts) verdient ein Trinkgeld
Die Perlen (-Inseln)

09:50 ab Isla Bona. Unter Motor, Halbwind, Motor, Halbwind, also Motor-Sailing wie die Engländer, quer über die Bay of P. gewischt, TSS/Verkehrstrennungsgebiet gequert, war nicht viel los, zwischen Isla Cacheca und Isla Mogo Mogo soll es im Kanal ruhige Ankerplätze geben, allerdings mit Felsgrund. Haben wir zwei Anläufe gebraucht. Und dazu noch einen Heckanker, wieder, wie auch in der Nacht zuvor. Wir liegen hier aber paradiesisch. Abends brate ich die zwei Fische, leider zerfallen sie beim Hinsehen, schmecken wie Leberbrei. Haben wir weggeworfen. Entweder sie waren zu lange (den ganzen Tag über) im Warmen (im Schatten, in der Pfanne) oder sie waren schlecht ausgenommen, es lief rosa Brei raus. Jedenfalls nicht die besten aller Fische. »Einem geschenkten Barsch schaut man nicht in den A…«, haben wir als Pennäler immer gesagt.

Odysse wandert am Strand

Samstag. Heute haben wir (wie immer: unter Mühen; mein Reparaturversuch gelang nur teilweise; jetzt müssen wir jedes Mal zwei zusätzliche Schrauben in die Sitzbretter friemeln) das Dingy aufgebaut und die unbewohnte (bis auf die Villa eines Küstenwache-Offiziers, geht das Gerücht) Insel übergesetzt, vor der wir vor einem Sandstrand liegen. Strandspaziergang. Wir sind noch nicht zurück, da gehen die Ausflugsboote los: Sie ankern vor dem Sandstrand, die Marineros bauen Pavillions und Sessel im Sand auf. Folgt Party. bzw. Gelage. Dafür auch die riesen Eisboxen am Heck der Motoryachten auf der Badeplatform.

Aber das beste (nicht fotografierbare) Bild: Mantarochen, –oben schwarz, unten weiß, wie es sich gehört– es sind kleine, mit ca. einem halben Meter Spannweite, springen aus dem Wasser und platschen lautstark auf dem Bauch wieder auf. Zwei machen das genau hinter der ELLI, stehen einen Augenblick reglos in der Luft, vielleicht einen dreiviertel Meter über der Wasseroberfläche, und glotzen uns an.

ACHTUNG: die ersten springen schon in den ersten Sekunden

Nicht zu fotografieren, aber auch nicht zu vergessen. Die beiden machen das noch öfter, heute früh waren sie auch wieder als Duo unterwegs. Es ist Samstag, 3. Februar, 12:45h, die größte Hitze beginnt gerade. Und wir haben uns vorgenommen, es ruhig angehen zu lassen.

Höchst aufmerksam: Reiher

Samstagnachmittag Dschungelwalk auf Mogo Mogo. Auf der Hinfahrt bemerkt Odysse eine ganze Schule Mantas (mit heller Oberseite, beige-braun), sicher 10 oder 12 Exemplare – und nicht klein. Am Strand angekommen erst zwei Bier, der Bar- und Restaurantbetreiber macht gerade zu, weil die letzten Tagesgäste in ihre Fährboote steigen. Der Strand ist sauber, überall sind feste Sonnenschirme mit Palmdächern aufgebaut, Wege mit blauen Steinen markiert. »Welcome« und »Mogo‘s Beach« künden Wegweiser einladend. Und »Baño«.

Der Dschungel ist eher Mischwald. Aber eben urtümlich verwachsen und zu unzugänglich für uns Stadtkinder. Gut, dass Mogo Wege rund um die Insel und zu den Stränden angelegt hat – und dass die Touristen sie regelmäßig benutzen. Bei Ebbe am Frühnachmittag (Odysse hat noch in der Flamenco Marina alle Tidenzeiten für 14 Tage herausgeschrieben. Konnte ja niemand ahnen, dass er hier mit seiner E-Sim Handy-Empfang und sogar 5G/LTE hat!) Bei Ebbe jedenfalls tauchen organisch geformte urtümliche Felsrücken, Sandsteinmauern, Granitplatten aus dem Meer und immer wieder wie Echsenhaut erkaltete Vulkanlava, alles grau und braun im späten Licht und wundervoll bizarr und fremd.

Durch ein Loch im Fels gelangen wir auf einen weiteren Strand, springen über (schmale) Klüfte, weitere Steinformationen bis zur nächsten Huk. Zwischen Mouse on Mars und Fluch der Karibik. Allerdings kommt die Flut langsam herein und wir müssen an den Rückweg denken. Das Loch im Fels ist nur bei Ebbe passierbar. Zum Glück gibt es Fußspuren im Sand, die uns zu einem der Wege für den Rückweg führen. Mogo hat an alles gedacht. Zum Sonnenuntergang setzen wir uns an zwei einladend unter dem Palmenschirm stehenden Plastikstühlen. Kommt Mogos kleiner Bruder: 10 Dollar Miete kosten Schirm, Stühle, Kissen. Ziehen wir weiter. Auf dem Rückweg, zwischen den Inseln ist vielleicht ein knapper Kilometer zurückzulegen, treibt uns die Flutströmung ab. Aber am Ende, den Sandstrand hinter unserem Boot entlang gegen die dort weniger spürbare Strömung hoch, schaffen wir es doch.

Versteinerte Brandung

Gestern, Sonntag, zum zweiten Mal auf Mogo Mogo, die andere, östliche Hälfte der U-förmigen Insel erwandern. Bier zur Stärkung, schon nachmittags um drei.

Höchst anstrengend: Strandwanderung

Einen steilen Hang hinauf hat Mogo (oder sein Vorbesitzer; eigentlich sieht die Insel aus wie ein ehrgeizigeres Projekt als nur am Wochenende für die herangekarrten Ausflügler Bier, Imbiss, Stühle und Schatten zu verkaufen …) ein Bergseil zur Unterstützung gespannt. Auf dem brüchigen bröseligen Boden eine willkommen Hilfe. Dschungel ist auch hier mit Hängeranken pittoresk verwachsener Mischwald, außer Vögeln und kleinen Echsen nichts zu sehen. Dann der erste Strand, blendend gelb und Muschelübersäät. Mogo hat Mülltüten ausgehängt, entsprechend werden die Plastikflaschen vom Strand am Zugang gesammelt und gestapelt. Irdgendwann müsste man sie auch wegfahren …

Wir versuchen, um die Südspitze der Halbinsel herumzuwandern und verlassen den Strand in diese Richtung. Wie gestern: steingewordene Wogen aus verschiedenfarbigem Fels laufen wie Brandung auf die Steilküste zu. Dazwischen krallen sich buschige Bäume, Blätter klein wie Eschen oder Pappeln. Der Fels weist alle Farben von eierschalen bis anthrazit auf, Stahlgrau, braun, ocker. Körnig und bröselig oder granithart. Weich ausgespült wie eine Designerbadewanne oder mit spitzen, scharfen Kanten. Um die Huk herum von schmierigem Schlamm bedeckt und entsprechend glitschig. Krabben in allen Größen wuseln herum, kleine Fische sind bis zur nächsten Flut in übriggeblieben Schrunden gefangen. Bis zur Flut haben wir noch mehrere Stunden. Aber für einen bequemeren Rückweg als überdie Felsen müssen wir auf einen Strand mit (menschlichen) Fußspuren bauen. Kommt lange nicht. Stattdessen zwei völlig unberührte (nur mit Müll verzierte) Strände. Eine Wellblechhütte mitten im Wald, Zugang nur vom Meer. Und dann endlich, es geht schon auf die Flut zu, der Bilderbuchstrand neben dem Imbissgelände. Dieser Spaziergang war wie für uns gemacht. Und das Dinghy ist auch noch da.

»Regel 25: Niemals in der Brandung ankern.«

Schifferweisheit

In der Nacht hat nämlich, wie vorhergesagt, der Wind gedreht und kommt jetzt aus Süden. In die Richtung liegen wir ungeschützt, unter Bug- und Heckanker exakt quer zu den anrollenden Wellen. Obwohl sie kaum einen halben Meter hoch sind, rollen sie die ELLI hoch und quer. Selbst meine Kaffeetasse fetzt es von der Cockpitbank. Denn: Weil wir so nah am Strand ankern, baut sich die Welle bereits als erste Brandung auf. Macht unseren gemütlich geplanten Aufbruch dann doch ein wenig hektisch …

Nur Muscheln, aber einige in rosa

Für die Fahrt nach Isla Bayoneta legen wir einen langen Schlag aufs Meer hinaus hin, der Wind steht gegen uns. Am Ende sind wir zu weit und können halbwind reinkurven. Ankermanöver klappt auf den ersten Versuch. Außer uns liegt nur noch ein Fischerboot mit enorm hohen Bug in der Bucht, Piratenflagge gehißt. Vor Piratenüberfällen warnt uns der Führer (und das Auswärtige Amt) ausdrücklich. Aber unser Pirat hat seine Frau dabei, da wird er es schon nicht so schlimm treiben …

Montag, 05.02. Dinghy auf Deck gehievt, Motor ans Dinghy gebaut. Ausflug zur Nachbarinsel Casaya mit winzigem Fischerdorf. Der Ortspolizist führt uns zum Lebensmittelladen (eiskaltes Bier und Kippen), drei Kinder spielen an Strand und trockengefallenen Felsgrund, zwei kleinere rollen auf einem Fahrrad mit Stützrädern herum.

Die Erwachsenen daddeln in Hängematten. Casaya liegt zwischen Strand zum Meer und Anleger nach hinten raus, zu anderen Inseln. Bei der Rückfahrt erwischt uns fast die Dunkelheit, aber alles geht gut. Das Piraten- Ehepaar ist weg, aber die gute ELLI ist zum Glück noch da. Wir liegen auf einer Nebeninsel der Isla Bayoneta, in der Form eines Telefonhörers. Heute, Dienstag, haben wir das Dinghy frisch betankt und die Insel erkundet. Langer Ebbe-Felsspaziergang, bis die Mangroven unduchdringlich wurden. Weitere, bisher nicht gesehene Felsformationen, alle vergossen, wie vulkanischen Ursprungs. Ocker, das zu Eisenbraun oxidiert, scharfkantig grau, sandweicher Beton mit eingelagerten Hartfelsplatten. Könnte gemalt sein. Nachmittags war ich faul, Odysse ist zum Strand geschwommen und hat eine Tour um den Telefonhörer geschafft.

Odysse: Telefonhörer

Am Dinghy ist eine Niete ausgerissen, es leckt. Erster Flickversuch mit Schraube und Gummiunterlegscheibe ging schief. Muss aus dem Wasser, evtl. Poppniete, sonst Maschinenschraube – es war eine der Nieten, die den Abweiser am Heck halten [ein flacher Spiegel, um den Wasserablauf am Heck zu glätten]. Außenborder läuft treu und zuverlässig wie die Eins. Rest der Spaghetti von gestern, noch immer lecker (Koch: Odysse). »Spaghetti in paradise.« (Odysse). Morgen soll der Wind drehen, wir sitzen im Abendrot und warten, das die LIZBETH sich in den neuen Wind dreht. Dauert noch. Cola-Rum geht auch lauwarm. 

Mi, 7.2., Pearl Island Marina, Pedro Gonzales [so heißt die Insel und das Dorf]. Heute früh in Isla Bayoneta los, Wind von hinten, nur die Genua rausgedreht, gemütlich in zwei Stunden die 10 Meilen hierher gesegelt. Die Marina gibt es nur auf Navionics, in keinem Führer. Ob es ein Militärhafen ist? Nur eine riesige Mole ist zu sehen, kein einziges Boot. Um die Mole herum leuchtet eine wunderschöne, unbelebte Marina, alles glänzt neu. Wir legen an, der Marinero kommt uns entgegen, wir fragen defensiv und können es kaum glauben: Wir können tatsächlich bleiben. Es gibt ein Restaurant (da essen wir heute abend) und Bier. 75 USD die Nacht, Strom, Wasser, Müllabfuhr inklusive. Aber sehr schön. Erstmal duschen. Dann Blog schreiben. Denn: das WLAN ist erste Sahne. Im Marinabecken jagt ein mehr als einen Meter langer, dicker Fisch, blaugrün mit gelben Flossen; und die kleinen Fische fliehen durchs Wasser und durch die Luft. Der Karpfen sieht hungrig und wendig aus und schnappt sie sich. Traumhaft (vom Steg aus gesehen). Odysse will mit dem Dinghy los, weil außerhalb der Marina alles Privatclub ist (2000 USD pro Nacht ein Haus, 750 USD ein Apartment) und es keinen Weg über Land gibt. Aber laut Prospekt/Internetauftritt ist die Privatsiedlung nach ökonomisch (s. Preise), ökologisch und sozial vorbildlichen Maßstäben erstellt worden. »Pearl Island breaks new ground, environmentally, economically, and socially, for the region.«

Odysse: Pedro Gonzales

Er ist tatsächlich mit dem Dinghy nach Pedro Gonzales gefahren, hat sich von Marcello den Ort erklären und alles zeigen lassen (und ist ihn nicht losgeworden). Und hat bei einer freundliche Verkäuferin eingekauft (Bananen, Kokosnüsse). Das Dorf sei ziemlich ärmlich, vor allem im Kontrast zum Beach Club hier.

Tapferer Seemann in winzigem, leckem Dinghy bei ordentlich Wellen und Wind: Odysse

41. Oh, wie schön ist Panama!

Ausfahrt aus Cartagena de Indias

Sa., 13. Jan., Shelter Bay Marina, Colon/Panama. Segelreisen sind Stress. Heute früh um 07:45h im Büro der Marina mit dem Elektriker telefoniert – mein europäischer Stromanschluss passt nicht an die (Us-amerikanischen) Steckdosen der Marina. 08:00 den Bus in die Stadt genommen, der mich zur Citibank bringen soll, wo ich meine Ersparnisse einzahlen wollte, um den Transit durch den Kanal zu bezahlen – Durchfahrt nur gegen Vorkasse in bar. Erster Stopp: Supermarkt. Einkäufe erledigt, um elf auf den Bus gewartet, der mich in die Stadt bringen sollte. Aber: er fährt zurück zur Marina. Für die Bank hätte ich sitzenbleiben müssen. Dumm gelaufen. Zwar habe ich den Fahrer gefragt, auch nach der Citi, aber ihn dann anscheinend falsch verstanden. Also raus aus dem Bus, Taxi genommen (USD 5.–), zurück ins Zentrum, die Bank sollte bis 12:00 offen haben, hatte aber schon um halb zwölf das »Cerrado«-Schild in der Tür hängen. Metzgergang. Mit dem Taxi zurück zur Marina (USD 25.–), um meinen Telefontermin mit Paula zu halten. War aber nicht. Zwar hatte ich mich am Morgen ins WiFi eingebucht (USD 28 für 15 Tage), aber in der Mittagshitze krieg ich mich nicht eingeloggt: »Wrong Password.« Also neuer Plan: Montag als erstes zur Bank. Dafür muss ich aber meine Kanalpassage als Linehandler auf der SABRINAS-EXPEDITIONS (Yegor und Marlené, kenn ich aus Curaçao, Nachbarboot) absagen. Die gehen nämlich am Montag durch die Schleusen. Also jetzt endlich frei. Und eigentlich sollte Entspannung einsetzen.
Weil: auch gestern war Stress angesagt. Erst hatten wir Grundberührung bei der Ausfahrt aus Cayos Limon (Lemmon Cays), ließ sich aber mit Motorkraft regeln. Dann eine Schule (6 Stück) großer Delfine (hatte Ina beim Veranstalter gebucht, haben wir seit Tagen von geredet, sie hätte sonst reklamiert (natürlich gibt es keinen Veranstalter, nur mich)).

»I’m Jack. – You’re only crew.«

Seglerlatein (»Capt’n Jack« ist Inas Anrede an mich, wenn etwas gut geklappt hat, wie bisher eigentlich alles und immer).

Dann ein ganzer Trupp kleinerer (ca. 1,50m) Delfine, die in Formation und großen Luftsprüngen seitlich angerauscht kommen und unter dem Schiff hindurchtauchen, als wäre die ELLI gar nicht da. Dann geraten wir mit dem Zeitplan in Verzug (wir wollen die Einfahrt zum Kanal unbedingt bei Tageslicht erreichen), erst weil wir zu langsam sind, dann weil wir zu weit nördlich vom Kurs abkommen, dann weil der Wind einschläft. Abends sind wir schon anderthalb Stunden motort, weil wir ein Marine-Reservat umgehen müssen und der Wind gegen uns steht. In der Nacht mussten wir uns unbedingt von einem notorisch gefährlichen Einzelfelsen vor der Küste Panamas freizuhalten. Gegen zehn Uhr vormittags sind wir noch immer 27 nm von Colon, der Einfahrt vom Atlantik aus, entfernt. Unter Segeln sind nur bis zu 2 kn möglich. Ungefähr Stehgeschwindigkeit. Würde mehr als 10 Stunden dauern. Also wieder Maschine an und 2 ½ Stunden motort. Anstrengend, weil unter Motor die Windsteuerung, die sonst unsere größte und beste Entlastung darstellt, nicht funktioniert. Gegen eins sind wir vor dem Hafen, wo riesige Frachtschiffe vor Anker liegen und warten. Maschine stopp, Segel runter, Ruder der Hydrovane hochziehen und zwei Fahrwasser kreuzen: das kleinere, das die Einfahrt in den (riesigen Industrie-) Hafen von Colon darstellt; und das größere, das zwischen den Wellenbrechern in den Vorhafen des Kanals führt. Nervensache: rechtwinklig quer zum Fahrwasser passieren, und hoffen, dass keiner kommt. War am Ende piepseinfach, weil sich keins der Riesenschiffe um uns herum bewegt hat. (Später haben wir einen der Riesen, geschoben von zwei Schleppern, gesehen: im Hafen fahren sie nur Schrittgeschwindigkeit.) Ging also auch alles gut.
Dann die Marina angefunkt (die Ina vierfach per Internet reserviert hat, ohne WLAN haben wir aber in den Tagen auf Kuna Yala (s.u.) keine Bestätigung bekommen). Ging auch gut, wir haben einen Platz (No. 60), fahren rein, finden auch D 40, leer, leicht anzufahren … das werden wir wieder angefunkt: E (»Echo«)-40 ist unser Platz. Und die Marineros winken auch schon. Seitenwind und zwei vergebliche Anläufe hab ich gebraucht, rückwärts einzubiegen, bis ich den (ersten) Rat des Marineros beherzige, vorwärts in die Boxengasse und dann rückwärts mit dem Wind (der den Bug dreht) einzuparken. Muss ich erwähnen, dass das Manöver unter den (mehr oder weniger) fachkundigen Kommentaren der Crews von zwei deutschen Luxusyachten (Halberg-Rassy 38, Contest 46) stattfand? Dass ich meinen Motor zweimal abgewürgt habe? Dass Thomas, unser Nachbar das Ankergeschirr seiner Contest mit einem Kugelfender verteidigen zu müssen glaubte? Alles gutgegangen, die drei Marineros machen uns fachmännisch fest. Endlich Feierabend.
Denkste. Es ist halb drei Uhr nachmittags, an einem Freitag, Hafenpolizei (Anmeldung) und Immigration (Einreisestempel) machen um halb vier Feierabend, dann wäre Wochenende! Also Papiere gegriffen und verschwitzt und in Segelklamotten (lila T-Shirt) losgehetzt. Zum Glück dauert die Dateneingabe bei der superfreundlichen (trotz Kopfweh) und tiefgekühlt klimatisierten (Kopf- und Halsweh) Hafenpolizistin so lange, dass ich zwischendurch Ina holen (die Immigration will Fotos machen) und mich umziehen kann. Dann klappt wieder alles und um halb vier sitzen wir bei Frozen Margarita und Bier (und Kippen) auf der Terrasse des Marina-Restaurants. Und alles ist gut (nur etwas benebelt). Abendessen und um halb acht ins Bett. Schlafen allerdings schlecht. Weil: Um halb sieben klingelt der Wecker, weil ich heute so viel vorhatte …

Kuna Yala

So heißt das Gebiet der Inseln, der Heimat der Ureinwohner Kuna. Dass man ihre Inseln »San Blas Inseln« nennt, mögen die Kuna nicht besonders, der Name stammt von den spanischen Konquistadoren. Innerhalb Panamas haben sie sich eine Art Autonomie bewahrt und führen eine (zwei) eigene Flaggen: eine mit gekreuzten Oberarmen mit Pfeil und Bogen, die andere zeigt ein spiegelverkehrtes Hakenkreuz auf gelbem Grund.

Es ist, 6. Januar, Reyes, Dreikönige, und wir faulenzen seit drei Tagen zwischen einer winzigen Sandinsel Tiadup (5 Palmen, 150m entfernt), einer unbewohnten Insel Olosicuidup (aber mit Hütte, guckst du Video (u.) 350m) und einer, wie sich beim Herantauchen herausstellt, von einer großen Familie sehr wohl bewohnter Dupwala (300m), wo ich mich, nachdem der Hund mich verbellt (und sein Herrchen mich freundlich gegrüßt hat) sehr schnell wieder vom Acker mache. Etwas abseits liegt ein Sandflecken, völlig ohne Vegetation Warsobguadup. Und zwei andere, mit Palmen, die wir beim Einfahren links liegen gelassen haben, Gorgidup und Dainyadup. »Dup«, so die begründete Vermutung, heißt auf Kuna wohl Insel (oder Garten?)

Am 2. Januar sind wir aus Cartagena los, der Taucher hat uns die Achterleinen gelöst, John uns intensiv beraten und uns an einer Sorgleine rückwärts ins Hafenbecken gelotst – es war kräftiger Wind aufgekommen und ich hatte schon das Ruder der Hydrovane montiert [welches das Manövrieren auf engem Raum schwierig macht]. Alles ging glatt. Ewig lange Ausfahrt, wie die ewig lange Einfahrt an Heiligabend. Cartagenas Skyline (Boca Grande) leuchtet uns noch lange nach.

Immernoch nicht Panama …
Wellen, vor allem Wellen
Mola: Schildkröte
Mola: Fische und Palmen

Mit zwei Reffs im Groß und reduziertem Vorsegel dennoch mit bis zu sechs Knoten durch hohe Wogen und halben Wind in 1d 19h, also anderthalb Tagen, nach Kuna Yala. Ausnahmsweise hat der Zeitplan geklappt und wir sind morgens vor den Inseln angekommen, die man nur bei Tageslicht (und Sonne von hinten) anlaufen soll, hat Moritz uns eingeschärft. Wieder lange Einfahrt. Vor allem sind keine Inseln zu sehen, nur einzelne Sträußchen windzerzauster Palmen. Aber das ist es: grün auf der Karte sind Korallenriffe, gelb ist Sand, der sich auch manchmal von der Stelle bewegt. Unseren anvisierten Ankerplatz erreichen wir um neun, der Anker will nicht recht halten, in der ersten Nacht stellen wir den Ankeralarm am Funkgerät an. Aber er hält. Für die zweite Nacht fahren wir ihn noch einmal mit voller Kraft rückwärts ein. Seitdem liegen wir fest, zwischen Inseln (s.o.) und Korallenriff (scharfkantig, siehe Video: Cayos Coco Bandero).

Mola: Papageien (oder so)

Nachmittags kommt ein Boot mit Benancio vorbei und verkauft uns Molas, Schmucktücher in aufwendiger Stick- und Nähmusterung. Sollte man einmal kaufen (rät Moritz), damit man späteren Anbietern sagen kann: »Wir haben schon!« (Klar, dass nach Venancio keiner mehr kam, oder?)

Und alles sollte wie ein Traum sein. Die Brandung bricht sich einen halben Kilometer entfernt. Hier drin schaukelt uns nur eine schwache Welle dennoch durch. Wind weht, sodass man nachts sogar ein Laken überziehen möchte. Tagsüber vor allem Lesen und Träumen und schnorcheln (und Dinghy aufbauen, mühsam).

»So., 7.01.
Herd VOR Frühstück repariert
09:15 ab Cayos Coco Bandero
11.45 Schildkröte StB. (Ina sieht etwas vorbeitreiben, das aussieht wie ein umgestülpter Bastkorb, braun. Dann streckt es einen Kopf heraus und taucht ab: eine Schildkröte, sicher fast ein Meter Panzerdurchmesser.)
15:45 vor Anker Cayos Limon.«

aus dem Logbuch der ELIZABETH
Inselchen

»Mo., 8. Jan.
Großpersenning fertig (genäht), aufgezogen
Dinghybrett gebolzt („repariert“)
Ausflug zu Hotelinsel Tiadup und Laguneninsel Niadidup
Nudelsalat
Handbreit
Rumpf abgeschabt, geschrubbt. Elli hat eine Riesenmatte.«

aus dem Logbuch
Zwei Fischer(?)boote

Mo., 8.1., Cayos Limon (Lemmon Cays). Südsee-Feeling. Winzige Inseln, Palmen und weißer Sandstrand, Hüttchen drauf. Auf der ersten, rechts der Einfahrt Tiadup, ein Restaurant auf Stelzen, „Welcome“, dahinter am Strand Miethütten, jede mit eigener Veranda, Hängematte und Badeplattform. Einzelne sind sogar belegt. Gegenüber eine derzeit unbewohnte Insel Naguarchirdup, auf der anderen Seite der Einfahrt eine dicht mit Schilf (??) bewachsene Miriardup, vor dem Horizont noch mindestens drei Inseln, bewohnt, weil nachts elektrisch beleuchtet. Auf unserem Ankerplatz scheinen wir in einer Durchfahrt zu liegen, immer wieder sausen Motorboote wie Wassertaxis an uns vorbei. Neben uns eine kanadische Yacht und ein Spanier. Beide selten zu sehen. Und ein Katamaran-Wrack, das  bereits komplett ausgeweidet wirkt, Dach eingedrückt, Fetzen vom Vorsegel am Vorstag, und darauf zu warten zu scheint, endlich untergehen zu dürfen. (Habt ihr mitgezählt? Insgesamt nur VIER Boote hier, uns eingeschlossen. So unbelebt dürfte es sonst nirgends auf den Inseln sein …) Mehrfach danken wir Moritz (im Geist) für seine Ankerplatz-Empfehlungen, alles allererste Sahne. Und ein weiteres Abendessen hat er sich mehr als verdient …)

Höhepunkt des Inselrundgangs: Foto-Session

Heute Ruder-Ausflug zum Restaurant und zum Hotel der Strandhütten. Alles abgeranzt und bretterbudenmäßig wie im Traveller-Handbuch vorgeschrieben. Aber Süßwasser und Duschen in jeder Hütte oder zumindest in Laufentfernung, Restaurant am Strand mit Sonnenuntergang. Was will ich noch in der Südsee, wenn man das doch alles hier in der Karibik haben kann? Weißer kann der Strand dort auch nicht sein. Höchstens Landausflüge, Berge beklettern wäre vielleicht schön.

Captain: Jack – Crew: Ina

Tage wie Träume, Schlafen von acht bis sieben, dann dösen, dann lesen, dann essen, dann dösen, dann schlafen. Heute Dinghy notdürftig repariert (beim Aufbauen in Coco Bandero hab ich es geschrottet). Dann Ausflug zu den Nachbarinseln, jeweils ca. 500m. Bisschen Wind, bisschen Strömung, kein Problem.

»Di., 9.1.
1 Schoner, 1 Kreuzfahrtschiff, 2 Einbäume mit stehenden Fischern (?) Neue Gäste im Hüttchenhotel
Kreuzfahrtschiff ankert, lässt 3 Schlauchboote ab, fährt Passagiere zu Bilderbuchinsel, wo (Stände aufgebaut sind und) Taxiboote warten.
Abends laden sie wieder ein und fahren – den Kanal hoch!
Fischer mit 10j Sohn „Bulito“ verkauft uns zwei Makrelen (?) „Sena“ (1 ½ kg). Gebraten von Ina: lecker.
Obstboot: Bananen, Salat, Tomaten 5 USD
Abends Bier im Hafenrestaurant. Das andere, zum Kanal hin, sieht VIEL besser aus: einfacher, uriger, sauberer.«

aus dem Logbuch der ELSE

Moritz hatte Recht: von West nach Ost werden die Inseln immer schöner. Hier sind sie mehr bewohnt, die Cayas Coco Bandero kamen uns ursprünglicher, weniger bebaut vor. Und der Strand war weißer. Am Boot zieht eine Strömung von sicher anderthalb Knoten vorbei, muss man gegen anschwimmen, um vor den Rumpf zu kommen (oder Unterwasseraufnahmen vom Kiel zu machen, der nur 30 cm über dem Grund schwebt: Handbreit.) Ach ja: der Tiefenmesser zeigt die wirklich Tiefe an, nicht erst ab Unterkante Kiel (habe ich gestern gelernt.)

Kitzelt schon fast am Kiel

Schöne Fotosession an der Pelikan-Insel gegenüber (mit kreisrundem Beton-Pier –Stonehenge? Aufgegebene Fischfarm?) an einer Palme am Strand. Aber das ist auch schon der Höhepunkt einer Inselerkundung: die Fotosession. Sonst ist nicht zu tun, als sich über den Müll zu ärgern und den Einsiedlerkrebsen beim Herumkrebsen zuzusehen – und ihre geliehenen Schneckenhäuser zu vergleichen, zu bewundern und zu kommentieren.

Zivilisation

Ina legt Wert auf die Feststellung, dass ihr Fäzes nach Farbe und Konsistenz als »Bristol 4« qualifiziert ist, also die höchste (gesündeste) Wertung in Bezug auf ihr Mikrobiom (Darmflora) erreicht. Ina hört interessante Podcasts. Ich lese uninteressante Bücher: Slumdog Millionaire liest sich beim zweiten Mal doch eher schematisch. Dabei hatte mich The God of small things (auch beim zweiten Mal wunderbar) auf Indien angefixt. Wahrscheinlich hab ich mir die Erinnerung durch den Film verdorben. Oder der Film war besser als das Buch. Eine eindrückliche Latrinen-Szene hab ich jedenfalls vermisst. Soviel zum Thema Darm.

Ina geht
Fotosession

Inas Arm (Nerven/Muskelschmerzen) wird langsam besser, zum Glück. Hoffentlich hat sie sich beim Schwimmen heute nicht zuviel zugemutet. Nudelsalat mit dem Rest der Spaghetti von gestern (mit Guacamole aus phantastischen Avocados, superlecker). Sonst essen wir wenig Kohlehydrate, mehr Obst (köstliche Mangos) und Gemüse (Gurken, Tomaten). An das langsame Leben im Paradies kann man sich gewöhnen.

»Mi, 10.1.
09:30 ab Cayos Limon
10.15 Anker fällt Cayos Chichime
Makrelensandwich – lecker
Dinghy hochgehievt und abgebaut.«

aus dem Logbuch
Navigatoren wie wir: Frachterwrack

Letzte Station auf Kuna Yala: Cayos Chichime, Fische gucken (rät Moritz). Einfahrt etwas verwinkelt, Wrackteile regen aus dem Riff, draußen liegt das Wrack eines Frachters als eindringliche Mahnung. (Auch die markanten riesigen Kegelbojen, die wir schon vor anderen Inseln bemerkt haben, stellen sich bei näherer Betrachtung als Büge gesunkener Yachten heraus.) Ankern auf elf Meter Tiefe (aber der Anker ist beim Schnorcheln glasklar zu sehen! – Siehe Video), mindestens vierzehn andere Yachten sind schon da und wir quetschen uns dazwischen. So liegen wir wenige Meter vor einer Anlegestelle mit schmalem Sandstrand, dahinter Wohn- und Vorratshütte einer Kuna-Familie mit kleinem (2J) Kind und Frau in bunter Tracht. Die arbeitet in der Hängematte sitzend, putzt Gemüse, macht Handarbeiten.
À propos: Molas, Motivtücher in Fresco-Technik [mehrere verschiedenfarbige Lagen Stoff, die Muster werden herausgearbeitet, indem man eine Lage ausschneidet und vernäht, dann kommt die darunterliegende zum Vorschein] haben wir schon am ersten Tag gekauft.
Weitere Händler in Booten: Gemüse (nach der Verpackung vom Großmarkt), Fische (zwei Makrelen, s.o.), mit Sohn (ca. 10j.) Bulito, sicher ein Dutzend Fische von zwei Sorten (bunt, wie Mahi-Mahi; mit seitlicher Zeichnung, wie Makrelen) Saubermachen? – Claro. Tiene Cuchillo? – Reiche ich ihm ein Messer, legt er sein Paddel quer über den Einbaum und nutzt ihn als Schneidbrett und nimmt die Fische aus.)

Eher enger Ankerplatz: Cayos Chichimé

Cayos Chichime ist genau das Schnorchelparadies zum Fischegucken, das Moritz uns versprochen hatte: alle Größen, alle Farben. Und direkt vom Boot aus, wenige Dutzend Meter Richtung Riff hinausugeschwommen, tummeln sie sich. Ina hat sogar direkt am Ankerplatz einen Stachelrochen (Manta) gesehen. (Ich später auch, hab aber an der GoPro den falschen Knopf gedrückt, also keinen Beweis. Guckst du Fische: Video.)

Schnorchelvideo

Am Donnerstag nachmittag wollen wir los, für den kurzen Schlag zum Panama-Kanal. Vorher noch einmal abkühlen. Wasser perfekt temperiert, glasklar. Kurzes Sandwälzen am Strand: Paradies. (am Morgen hat eine Gruppe westlicher Freiwilliger eine Müllsammel-Aktion auf der Insel durchgezogen. Sah gut aus.) Übermütig probiere ich auf dem Rückweg meine Beweglichkeit: Ich kann wieder Delfin, meine Schulter ist völlig in Ordnung! Glückseligkeit.
Anker auf um 14:00h. Die nahen Nachbarn umfährt Ina wie ein Pro. Bei der Ausfahrt, ich verzurre den eben gehobenen Anker, Ina fährt raus, die ferne Lücke zwischen der brechenden Brandung fest im Blick, braucht das Navi ewig, um hochzufahren. Als es endlich anzeigt wo wir hinfahren, sind wir vom Kurs ab: »Hier rechts, und zwar scharf!« Da setzen wir bereits auf, der Kiel knirscht sich ins (weiche) Korallenriff. Leerlauf und Rückwärtsgang, volle Kraft. Noch mehr Knirschen, das Boot dreht zum Riff hin in ab. Ich meine, wir hätten schon etwas Lage, aber mit Ruder zum Wasser und Vollgas voraus bahnt sich die gute ELSBETH einen Weg ins Tiefe. Nochmal gut gegangen. Denn das Peinlichste wäre, unter den Augen (und Kommentaren) von vierzehn Yachtie-Besatzungen festzuhängen …
Thema Motor: der gute alte Nanni-Diesel ist seit England ein Fels in der Brandung (gewagtes Bild, passt hier nicht gut): springt sofort an, tut auch stundenlang klaglos seinen Dienst. (Dass er in Curaçao, nach einem heißen Sommer mit Salzwasser in der Kühlung, nicht ansprang, war ein Bediener-Fehler! Regel 24: Motor vor der Einwinterung mit Süßwasser spülen – und Frostschutz in die innere Kühlung! (Nicht wegen Gefrierens, sondern weil das Zeug auch Schmiermittel enthält)). Er hat sich einen eigenen Namen verdient. »Nennt mich Gustav.« Auch Eisenbeißer-Gustav nach den Geräuschen, die er macht. Jedenfalls stets zuverlässig und vermittelt ein gutes Gefühl. Ganz anders als zu Beginn der Reise …