IX. Ende – 53. Panamá, no mas.

Aus der Traum

Bin mit ziemlich konkreten Plänen angereist: Weil Paula erkrankt ist und sich einer Chemotherapie unterziehen muss und ich nicht die Nerven habe, sie dabei alleine zu lassen, werde ich meine Reisepläne umwerfen. Die nächsten zwei Jahre möchte ich nicht lange unterwegs sein. Also werde ich für die ELLI eine Möglichkeit suchen, sie erst einmal stillzulegen, entweder im Pazifik, in einem Yachthafen mit Hebekran, den Niño (den ich dafür bezahle im Hafen auf das Boot aufzupassen) kennt. Oder in Bocas del Toro, auf der Karibikseite von Panama. Die Kanaldurchfahrt habe ich schon von Deutschland aus gebucht. Zu aller Not könnte ich das Boot auch noch ein paar Monate bei Niño im Hafen lassen, denke ich.

Am So., 19. Januar 2025 bin ich von Köln über Madrid nach Panama geflogen, am 20. mittags im Hafen Vacamonte angekommen. Niño hat mich schon vom Wasser aus gesehen und mir zugewinkt. Großes Hallo. Die ELIZABETH sieht ziemlich kläglich aus. Zwar ist sie picobello sauber, Niño hat sich rührend gekümmert. Aber durch einen Hurrikan hat die Arme einiges abbekommen. Alle Fender sind gefetzt, Niño musste immer neue ausgeben. Jetzt hängen alte, abgeschrammte, im Hafen zusammengesuchte zwischen ihr und dem Fischerkahn, der Niños Zuhause ist. Eine Relingsstütze ist gebrochen, eine andere ordentlich verbogen; die Drähte des Seezauns hängen wüst verdrillt und in einem Gewirr von Leinen, die Festmacher sind übelst verknotet. Trotz allem muss das Schiff am Nachbarkahn geschrammt haben, in die Deckskante ist ein kirschgroßes Loch geschlagen, die Scheuerleiste ist abgeschoren und ihre Schraube hat ebenfalls ein Loch in den Rumpf gerissen. Die Gummileiste fehlt. Und die Ankerwinsch, an der drei Festmacher seitlich gezogen haben, ist aus dem Deck gebrochen (und wieder zurückgesunken), dort ist ein fingerlanger Riss im Deck. Außerdem sind von den Vögeln, Pelikanen, sicher  sechs oder sieben Kilo schwer, die sich auf Verklicker und Windfahne gesetzt haben, beide Anzeiger abgebrochen, Niño übergibt mir die Übrigbleibsel. Eine Klampe ist verbogen, ebenso die Halterung des Bimini, beides ließ sich aber innerhalb eines Tages reparieren.

Denn am nächsten Tag sah alles schon weniger schlimm aus. Den Motor hab ich gecheckt: er saß fest, ließ sich aber gängig drehen, Sprit hatte er auch und in der (einen, nicht defekten) Batterie war sogar noch genug Saft für einen Startversuch. Nur angesprungen ist er nicht. Noch am Di nachmittag den Mechaniker Alejandro (Lopez, von Servicios Morice; falls mal jemand am Kanal einen Mechaniker braucht: sehr zu empfehlen!) angerufen, er kann schon am Donnerstag kommen – gut.

Am Mittwoch aufgeräumt, den Herd in Betrieb genommen: Kaffee aus eingeschmolzenem Instant-Fels gekocht. Ach ja: Sonnenblumenöl verdunstet oder diffundiert durch Plastikflaschen: eine nicht angebrochene Flasche ist zu einem Drittel leer. Vorsegel und Großsegel aufgezogen, beide zum Glück noch intakt; Bimini und Sprayhood schon am Dienstag installiert – die ELLI sieht fast schon wieder aus wie ein Segelschiff.

Shiny february: das Wetter ist herrlich, kochend warm, ab und zu ein lindes Lüftchen, ab und an ein Regenguss. Werde schon braun (auch vor Schmutz: heute zum ersten Mal nach vier Tagen eine Dusche genommen, aus dem Wasserfass auf Niños Kahn).

Was nicht so gut kommt: Niño hat zwar jede Menge Rattengift verstreut, kleine rosa Röllchen und lindgrüne Bauklötzchen, aber mindestens doppelt so viele Rattenköttel sind überall im Schiff verstreut: kleine, lakritzfeste und mattschwarze Köttelchen, die, wenn sie nicht gerade festgetreten sind, sich leicht aufsammeln oder wegfegen lassen. Was weniger leicht weggeht: der scharf-saure, beißende Geruch von Rattenpisse. Shiny february: es gibt keine einzige Ameise an Bord. Und allem Anschein nach hat die (einzige gesichtete) Ratte das Schiff wieder verlassen. Nachts meine ich Geräusche zu hören, aber es war wohl (hoffentlich) nur das Rascheln der Plastikmülltüte im Wind im offenen Niedergang. Ab sieben Uhr abends gehen die Temperaturen auf angenehmes Schlafklima zurück. Immer wieder überraschend: der Tagesablauf in den Tropen, halb sieben morgens Sonnenaufgang, hell wird es erst kurz zuvor; sieben Uhr abends: Sonnenuntergang und ziemlich sofort auch Düsternis.

Noch auser der Traum

Heute, Donnerstag früh, Klar Schiff gemacht, zumindest den Salon aufgeräumt und die Bilge ausgetupft (36 l, anscheinend Süßwasser, jedenfalls dem Geschmack nach: nur ganz leicht salzig – vom Regen?). Alejandro will um die Mittagszeit anrücken, ich soll ihn bei der Polizeistation am Hafeneingang erwarten – und will bis dahin mit den Polizeiwachen klarmachen, dass sie ihn überhaupt ins Hafengelände lassen. Um neun schalte ich das Telefon an. Und hab drei Nachrichten. Der Mechaniker ist bereits unterwegs. Wird in einer Stunde da sein (die Nachricht ist eine Stunde alt). Schickt mir ein Foto der Polizeistation, wo er bereits wartet. Losgehetzt, hingerast (Taxi). Mich bei den Mechanikern entschuldigt, sie sind drei Mann hoch angerückt, mit dem Chef der Station geredet, meinen Passierschein vom Februar vorgezeigt. Den zieht er sofort ein, weil er seit Juli nicht mehr gültig ist. Ich muss zurück zum Hafen (5 km), das Okay des Hafenmeisters bei der Verkehrsüberwachung, trafico, holen. Zum Glück hat das Taxi gewartet. Alejandro ist die Ruhe in Person, das gehe hier immer so. Tatsächlich ist es dann mit einem Anruf vom Hafenmeister erledigt, Alejandro und seine Helfer wuchten Werkzeug und eine sauschwere Ersatzbatterie auf Niños Lancha und dann auf seinen Fischerkahn und die ELLI. Nach einer halben Stunde Herumorgeln, die meiste Zeit mit meiner eigenen Batterie, findet Alejandro Wasser in einem der Zylinder: anscheinend hat der Motorblock einen Riss und das Kühlwasser tritt irgendwo ein. Jedenfalls: der Motor muss ausgebaut und auseinandergenommen werden. Niño reicht mir fast unaufgefordert eine neue Packung Kippen und ein Feuerzeug. Verzweifelte Frage an Alejandro: »Du weißt nicht zufällig jemand, der das Boot kaufen will?« – »Könnte schon sein, dass ich einen weiß.«

Ich bleibe mit den Mechanikern an Land, schicke die Bestätigung für die Bezahlung der Kanaldurchfahrt nochmal los, jetzt hoffentlich an die richtige Stelle. Und cancele mit gleicher Post die Durchfahrt (an eine andere Stelle). Dann erstmal Geld holen. Alejandro gab sich mit dem zufrieden, was ich noch an Barem in der Tasche hatte (80 $ US). Wenn jetzt der Geldautomat nicht funktioniert, bin ich am A… Denn die Handyaufladung für dei panamáische SIM hat irgendwie auch nicht funktioniert, ich hab kein Guthaben, kann nicht telefonieren und bin nicht erreichbar. Letzte Dollars für einen Kaffee und das Taxi. Aber alles geht gut. Banco General spuckt 250 aus, der Mobilfunk-Chinese lädt mir wie nix einen Zehner Guthaben aufs Telefon. Und die Rückfahrt und die Behördengänge (Sekretariat Handelsmarine, Hafenbehörde, Immigration, Hafenmeisterei,Verkehrskontrolle) klappen auch. Über die Amtsstubenatmosphäre habe ich schon ein Jahr zuvor mit Odysse gescherzt. Jetzt noch den Liegeplatz in Flamenco Marina (in Panamá Stadt) reservieren, dann Duschen (aus dem Wasserfass von Niño) und das Tagwerk ist geschafft.

Am Freitag (24.01.) früh auf, mit Kaffee im Morgengrauen. Dann das Funkgerät eingebaut – welches aber ohne Batterie ohnehin nicht funktionieren wird. Nach dem Georgel, um den Motor zu starten, ist auch die bessere von beiden auf 10 V runter (alles unter 11,8 kann die Batterie zerstören.) Text von Alejandro: sobald ich in Flamenco bin, soll ich Bescheid sagen. Die Marina am Ausgang des Kanals kommt mir vor wie Paradies und Zivilisation (Wasser, Strom, Duschen, Landzugang!) zugleich.

Samstag früh schleppt mich Niño ein paar Dutzend Meter zurück, weil ich nach vorne nicht rauskomme, da liegt die Ankerleine seines Kahns quer. Dann geht es mit einem Windhauch (zum Glück in die richtige Richtung) im Schritttempo aus dem Hafen. Abschiedswinken von benachbarten Kähnen und einer Offiziellen am Kaiabschluss: 08:00 ab Vacamonte. Niño fährt noch ein paar hundert Meter mit, umkreist das Boot, macht Videos und Fotos ohne Ende. (Am Vorabend hatte er sich als Schiffsbesitzer inszeniert, mit Kaffeetasse am Steuerrad, winkend. Sehr lustig. Er ist inzwischen zu so etwas wie dem Grundversorger des Hafens aufgestiegen, verkauft Kippen, Kekse, Softdrinks. Und verdealt Fisch, den er manchmal als Bezahlung bekommt. Den Freitagvormittag lang haben er und ein Kumpel meterlange dorschähnliche Fische auf dem Boden seines Kahns zerlegt, Haut abgezogen, filettiert. Sah professionell aus.)

Fahrt nach Flamenco (nur 12 sm, 9 sm Luftlinie): die ersten zwei Stunden kommen wir entspannt voran, leichter Wind von hinten, eine kleine Insel ist zu umfahren, keine Probleme. Höchstens, dass der Wind einschlafen könnte. Aber hier nahe der Küste wäre es auch flach genug zum Ankern. Der gefürchtete Humboldtstrom (der mir hier der Küste entlang entgegenkommen müsste,) ist schwach oder wir sind einfach schneller. Dann schläft der Wind nicht etwa ein, sondern frischt auf, dreht und kommt genau auf die Nase.  Dazu baut sich eine fiese, kurze, hohe (2 m) Welle auf. Die vielen Frachter, die links und rechts vom Fahrwasser des Kanals auf Reede liegen und auf Fracht oder ihre Durchfahrt warten (und uns exakt entgegenstehen – im Wind!) sind plötzlich blöde Hindernisse. Zwar kämpft sich die ELLI tapfer hart gegenan, kommt aber nicht richtig auf Touren: der Rumpf ist von den acht Monaten im Hafen übelst bewachsen. (Alleine das Abkratzen und -bürsten von neun Metern Scheuerleistengummi, der abgeschoren wurde und den Niño dankenswerterweise gerettet (im Wasser hängend festgebunden) hatte, dauerte zwei halbe Tage: Moosalgen und Klebmuscheln, die nusshart sind und kaum abgehen.)

Auf den letzten Meilen zur Marina wurden wir jedenfalls richtig hart rangenommen, mit Spritzwasser bis ins Cockpit und Anker im Bug unter Wasser (das hoffentlich nicht reintropft). Die Bojen vom Fahrwasser des Kanals sind zu sehen, auch die hochaufragende Flamenco-Insel, aber wir kämpfen um jeden Meter Höhe. Logbuch: Drei Stunden harte Arbeit, um zwischen den auf Reede liegenden Frachtern aufzukreuzen, inklusive einer Notfallwende vor einem griechischen Frachter, der Matrose kam bereits alarmiert an die Reling; danach verzweifelt versucht, das Fahrwasser zu kreuzen – kommt natürlich in dem Moment ein dicker Brummer aus dem Kanal, dreht aber ab und weicht mir aus. Und die Insel und der Einzelfelsen davor liegen immer noch nicht querab genug, um sie zu erreichen – wir schaffen vielleicht einen Kurs 60 oder 70° zum Wind. Dann eine ungewollte Wende im Fahrwasser, nervenzerrend. Noch zwei Mal je eine Stunde meilenweit schräg gegen den Wind aufgekreuzt, nur um wenige Hundert Meter Höhe zu gewinnen. Dann, die Einfahrt zur Marina ist schon zu sehen, treibt es mich viel zu knapp windwärts vor dem Felssporn vorbei, der zwischen uns und der Einfahrt aufragt; mit angehaltenem Atem steuere ich die davorliegenden Felsbrocken aus, es ging um weniger als zehn Meter. (Aber wenn ich der Insel ausgewichen wäre, hätte mich das nochmal zwei Stunden gekostet.) Falls ich gezweifelt habe, dass Segeln nichts für mich ist, heute habe ich gute Argumente (und eine ziemliche Abreibung) bekommen.

Nie war ich so nahe am Verzweifeln wie beim Segeln.

Ulli Depp

Aber andererseits: die Befriedigung, die Einfahrt zu schaffen und, endlich vor dem Wind, hinein zu rauschen, ist auch groß. Jetzt muss ich es nur noch irgendwie schaffen, die Segel unterzukriegen und hoffen, dass die Marineros mich sehen. Über Funk oder Telefon Bescheid zu sagen, lag außerhalb meiner nervlichen Möglichkeiten.

Beim Versuch einer Q-Wende nur unter dem Großsegel verkacke ich glorios, der Bug dreht zurück, läuft auf einen Steg zu, reagiert aber nicht aufs Ruder – zum ersten Mal (in diesem Jahr) brülle ich die Ellie an: „Komm schon, komm schon!“, weil sie sich einfach nicht drehen will. Danach knallende Patenthalse und der nächste Steg liegt schon wieder voraus … endlich retten mich – »Segel runter!« – die Marineros und ziehen mich, 7 Mann in zwei Lanchas, glücklich an den Steg. Auch die Erleichterung kann sehr groß sein. Bier, Kippen, Grillteller, Bier.

Sonntag (26.) ab 07:00 das Schiff komplett aufgeräumt, gewienert, gewischt (Käufer soll kommen), bis 17:00. Wasser aufgefüllt. Tote Ratte (verwest, verdorrt, geruchlos, winzig) in Schlauchschlingen gefunden. Gasherd: kleine Düse ist zugerostet. Aufzudrehen versucht. Abgedreht – jetzt funktioniert nur noch die große Flamme. Und gefährlich ist es auch. Dabei hätte ich die Düse einfach freistechen können!

Selten hab ich mich so über mich geärgert wie nach einer verpfuschten Bootsreparatur. – Aber selten auch etwas Befriedigenderes erlebt als einen geglückten Fix.

Ulli Depp
Warten auf Käufer

Montag 27. 06:30 Text von Alejandro: er und der Käufer wollen morgen früh kommen. Unten am Rumpf knabbern und knuspern Fische die Algen zwischen den Muscheln heraus. Gutes Geräusch, gutes Gefühl. 10:00 Hydrovane installiert.

Dienstag (28.) Den ganzen Tag auf Alejandro und seinen Käufer gewartet. Text: kommt um eins. Text: Müssen verschieben, kommt um 15:45. Kommen um 16:30 gleich zwei: ein smarter Businessman, schmal, pomadig, superwichtig und kurz angebunden. Er mache Geschäfte wie die Deutschen, er sei Calabrese. Sein riesiger Kumpel (Leibwächter?), tut zutraulicher, macht Smalltalk. Sie sehen sich das Boot kaum an. Der Bullige war auch schon mal in mehreren Großstädten in Deutschland, Dortmund, Essen, Berlin (Mafiahochburgen?), stellt Fragen, gibt sich interessiert. Geht auch tatsächlich einmal in den Salon hinunter, allerdings ohne ins Vorschiff oder ins Klo zu schauen. (Dabei glänzt alles makellos shiny). Slick ist der Chef, redet kaum, schaut kaum in die Achterkajüte, zwei Handys, hört nicht zu; will mit dem Boot über den Atlantik fahren, bar bezahlen. Und bis zum Folgeabend 18:00 entscheiden. Einzige interessierte Frage (an Alejandro:) »Wieviel würde es kosten, das Boot wie neu zu machen?«, vor allem die wenigen Holzarbeiten scheinen ihn zu sorgen. Alejandro: »Zwanzigtausend.« Slick nickt. Ich versuche, abzupreisen, soviel kann das doch nicht kosten! Keiner hört zu.

Bald ziehen sie ab. Nicht einmal die beiden marinegrauen (Spionage?-) Stahlkanus mit US-amerikanischer Flagge auf den hochaufragenden ausbalancierten Blechsegeln, die am Nebensteg liegen,  interessieren Slick. Er winkt ab, ist schon wieder am Rauchen und Telefonieren – und die Kippe ins Wasser schnippen.

Abends sind die Batterien auf 10 oder sogar 8 V runter, laden auch nicht mehr wirklich richtig auf.

Mi (29) 08:00 los, nach Albrook (Einkaufszentrum, Metrostation, Busbahnhof), zum +mobil-Kioskstand. Anscheinend ist meine Nummer nicht zu erreichen (Alejandro kommt nie durch, ich muss ihn dann zurückrufen), weil tigo ein anderer Anbieter ist. Der Probeanruf der jungen Frau am Stand klappt reibungslos. Anderer Anbieter? Und von dem kann ich keine Gespräche empfangen? Kann ich mir nicht vorstellen. Aber was tun?

Mülltüten (viele, trotz Aberglaube), O-Saft, Bier, Brot gekauft. Frühstück in der Super99-Kantine: ham-cheese-egg-Burger, Kirschteilchen. Nachmittags: drittes Buch gelesen (Pete Goss, Cum-Ex, Fidelity). 17:30 jetzt brennen auch noch die Batterien aus, kochen sprudelnd, Geruch nach faulen Eiern!

19:00 Anruf bei Alejandro: Die Käufer haben abgesagt, wollen größeres Boot kaufen. Ich: »Good for them.«

Die Batterie vom Motor, die heißere von beiden, abgeklemmt.

Do (30.) Boot hat wieder Strom: Bb-Batterie (Verbraucher) lädt und funktioniert (Kühlschrank, Wasserversorgung). 3 Kanister Wasser aus dem Schlauch abgefüllt, falls alle Stricke reißen (ohne Strom fördert die Pumpe kein Wasser aus den Tanks).

Nachmittags, um das Durcheinander in meinem Kopf aufzuklären, mögliche Handlungsalternativen aufnotiert (mit voraussichtlicher Dauer bis Rückflug):
– Liegeplatz um 1 Monat verlängern, bei Nacht abhauen (2 Tage);
– Boot an Alejandro verschenken (falls er’s nimmt / 2 T);
– Bei Hernandez (dem Marinachef) buckeln: lassen Sie’s abwracken (aber Risiko: dann weiß er, dass ich Wackelkandidat bin / 2 T);
– Motor reparieren lassen, dann 3 Mo stehen lassen, dann zurückkommen (2 Wochen, min, Marina kostet 1600/Mo);
– Reparieren lassen, dann nach Vista Mar Marina (45 sm) bringen und aus dem Wasser holen ( 3 Wo, 330/Mo);
– Reparieren lassen und in der Bucht vor Anker gehen (2 Wo);
– ohne Reparatur (und ohne Strom) nach Vista Mar segeln, reinschleppen lassen (1 Wo).
Keine einzige klingt rosig, und die Zeit hab ich nicht bzw. will ich mir nicht nehmen. Danach das Boot wieder einige Monate rumstehen lassen, dann kommen neue Reparaturen dazu, der Gedanke macht mich nicht weniger unglücklich.

Abends langes Telefonat mit Paula. Gute Ratschläge: Zweite Meinung einholen, nicht hier in der Marina nach Abwracken fragen, sondern in der Nachbarmarina. Onkel Pepe: beim Abwracker noch ein paar Kröten rausschlagen!

Freitag, 31. (heute soll die Anzahlung auf den Kanal zurücküberwiesen werden, die PanCanal-Bürokratie ist superfreundlich und gut organisiert, auch wenn die Zuständigkeiten undurchsichtig wirken: Geldstelle, Genehmigungs- bzw. Vermessungsstelle, Terminierung (/Scheduler). Um 20:30 mach ich mich vor Alejandro klein: »I want to get rid of the boat.« – »I’ll think of something. We can put her at anchor in the bay.« Er will mir am Montag früh antworten und texten, welche Ideen ihm gekommen sind. 

Um zehn steh ich im Büro der Nachbarmarina, bei Frau Amarilis, Frontdesk der La Playita-Marina, 15min Fußweg entfernt auf der andere Seite des Damms. Super nett, hilfsbereit, freundlich. Abwracker kennt sie keinen. Aber bei »Boot zu verschenken« horcht das ganz Büro auf. Will sie sich gern überlegen, umhören, nimmt gerne Fotos per Mail in Empfang. Gutes Gefühl. Schicke ich sofort, bedankt sie sich am nächsten Tag.


10:30 Smithsonian Institute: Iguanas, Fische, Schwämme, Schlafbären, Schmetterlinge (in den ehemaligen Bunkern von Punta Culébra, einer der Verteidigungsanlagen, die von den Amerikanern auf jeder der Inseln gebaut worden sind). Ganz schön. Voller Kindergartenkinder. Iguanas schnalzen oder züngeln die Süßigkeiten weg, die den Kindern heruntergefallen sind, von unter den Bänken der Picknickecke. In einem selbsttragenden (Buckminster-Fuller-) Dome ein Schmetterlingsparadies. Der Aus-/Eingang ist doppelt gesichert: außen Gazetür mit Riegel, innen: Plastikstreifen wie in einem Kühlhaus. Und in der Schleuse dazwischen: ein Ganzkörperspiegel, damit man Mariposas ausmachen könnte, die sich auf die Kleidung gesetzt haben. Hinter den Kindergartenkindern scheucht innen eine Wächterin die Schmetterlinge weg vom Eingang: »la guardiana de los Mariposas«. Da grinst und nickt sie.

10:45 text von Alejandro: »Call me«. Er wills machen, mit einem Kumpel das Boot in die Bucht hinaus und vor Anker schleppen. (Dort liegen schon eine ganze Menge Yachten in unterschiedlichen Stadien der Vernachlässigung, auch gesunkene, von denen nur noch Salinge und Mast aus dem Wasser ragen.) Geld für die Motorreparatur zusammenkratzen wollen sie auch, 10.000 sollen als fiktiver Kaufpreis  für die Versicherung in einen Vertrag geschrieben werden. »Do we have a deal?« – »Yeah, thank you.« 12:00 Essen im Supermarkt-Restaurant, im sonst leeren fünften Stock an der Haupstraße zum 5 de Mayo: skurril. Dreifachschlange, Gedrängel um die Tabletts. Und die Austeilerinnen schaufeln mächtige Portionen auf die Pappteller.15:30 Telefonat mit  Paula: »Wenn er nach zwei Stunden schon zurückruft, ist er wirklich interessiert. Musst du unbedingt noch 2000 rausholen!«

Sa., 1.02. 07:00 Schäkel (verrostet) aus der Ankerkette gesägt, bevor es zu heiß wird. Neuen Schäkel (3,75 $) eingesetzt. Telefonat mit Alejandro: kommt am Folgetag »for some paperwork.«

Sonntag, 2.2. Nur mal zur Sicherheit in die Bilge geschaut, bevor ich das Boot übergebe. Steht daumenhoch eine gelbe Flüssigkeit drin. Nicht salzig. Aber ölig und streng riechend: Diesel. Woher? Der Einbautank ist, soweit ich sehen kann, noch knallvoll. Die Ersatzkanister im Vorschiff sind trocken. Einer ist leer, hatte ich als voll in Erinnerung. Muss ich wohl eingefüllt haben.

Shiny February

Weil so viele Freunde/LeserInnen gefunden haben, dass mein Blog zu negativ, zu problemlastig, zu wenig mutmachend ist, »da hat man ja gar keine Lust, mitzufahren«, schlug Tochter Lioba vor, einen Monat lang nur die guten Erlebnisse aufzuschreiben, shiny february eben. Also ganz neu formuliert: nach einigem Nachdenken hab ich festgestellt, dass der Diesel aus einem einknickten Ersatzkanister im Vorschiff ausgelaufen ist. Hab ich die Bilge in zwei zweckentfremdete Wasserkanister ausgeschöpft und ausgetupft. Und der Geruch wird auch gleich besser. 

12:00 kommt Alejandro wie angekündigt, wir haben einen Mustervertrag ausgefüllt und unterschrieben, er schaut sich im Schiff um, plant, es zu verchartern, will im Klo eine Dusche einbauen. Nicht er übernimmt das Schiff, sondern die Firma eines Kumpels, um Steuern zu sparen. Der Kumpel ist Mitglied in der Marina, das Boot kann hierbleiben, ab heute, Montag, ist der Liegeplatz geregelt. Und Paulas Zweitausend gehen auch klar: 1000 in bar, der Rest über Western Union. Außerdem ist die ARC (Atlantic Rallye for Cruisers) im Anmarsch, mehr als 300 Yachten, die ersten sind bereits in Shelter Bay und bereiten die Kanaldurchfahrt vor: es wird voll werden, auch hier, nicht alle werden Liegeplätze kriegen. Alejandro nimmt mich auf dem Rückweg mit bis Albrook. Das Einkaufszentrum, das größte in Lateinamerika, ist wirklich unübersichtlich riesig. Eingänge mit Tiernamen (und Tierskulpturen, damit einen die Kinder wiederfinden). Überall hübsche junge Menschen, die einem Pröbchen und Geschenke aufschwatzen wollen.

Sandwich in der Busstation, später Tücher für Paula gekauft, am selben Stand, wo ich ein Jahr zuvor meine Hängematte erstanden hatte, und zwei Avocados »para hoy« am Markt des 5 de Mayo.

16:30/22:30 in D: Telefonat mit Axel (Bruder): Könnte ich die Hydrovane verschicken oder mitbringen? Rufe ich den Käufer an. Alejandro: »It is  part of the deal.« – Dann wieder Axel: »Weißte Bescheid.« Heißt: natürlich nimmt Alejandro mir das Boot nicht aus Barmherzigkeit ab, sondern er hat ein ernstes geschäftliches Interesse daran, in anderen Worten: er will einen Schnitt machen. Soll mir recht sein, wenn bloß die Übernahme stattfindet.

Jetzt, Mo morgen, Frühstücken, Spülen und den Strom abmachen, dann bezahlen und auf Alejandro warten: er wird mir die ersten Tausend in bar bringen, auch den von seinem Kumpel unterschriebenen Vertrag. Noch glaube ich nicht echt an den shiny february, aber es könnte klappen.

Beim Versuch gestern Abend, meinen Flug einzuchecken bin ich fast verrückt geworden. Weil: Das WiFi in de Marina ist scheißlangsam. Hat jedenfalls nicht funktioniert.

Heute, Mo., 03.02. geht es immer noch nicht. Schließlich mach ich’s über’s Handy und um neun klappt’s. Aber: das Datum auf der Bordkarte ist das Flugdatum, nicht der heutige Tag, oder? Anders gesagt: der Flug ist schon heute Abend! Hab ich irgendeinen Fehler im Kalender gemacht.

Am ausersten der Traum – die Elli ist weg.

Kurz vor zehn ruft Alejandro an: »Kannst du rauskommen, ich habe hier einen wichtigen Kunden warten.« Übergibt er mir den Riesen in bar. Und Abschied. Notfallmäßiges Zusammenpacken (dabei hab ich Zeit genug). Letzte Fotos, letztes Mal zum Müll mit einer Riesentüte (u. a. Schürze, Handtücher, Arbeitsklamotten, Bordschuhe aus Zierickzee, taugten eh nichts.) Mein Gepäck wiegt eine Tonne! Und VIER Taschen, eine zuviel: Seesack mit Schuhen, Segeloveralls, sämtlichen Klamotten. Nächster Zentner: Rucksack mit Notebook, iPad, Tastatur, Maus, Bordbuch und Logbuch. Und tausend Kabeln und Netzteilen. Dritte Tasche: Vier Powerbanks und eine Bluetoothbox. Vierte Tasche: Klamotten zum Wechseln  (Wanderschuhe! Dicker Pullover! Gefütterte Jeans!). Im Taxi zum Flughafen, zum letzten Mal um die Altstadt gekurvt, durch die Häuserschluchten gefahren, an der ersten Siedlung Panamá antigua am Ufer vorbeigepest und nichts davon gesehen. Laufschrift auf der Leuchttafel an einem Bus: El Canal es nuestro! Trump lässt grüßen. Am Flughafen bin ich viel zu früh, sieben Stunden Zeit. Wahrscheinlich konnte ich einfach die Marina nicht mehr sehen.

Tschüss

Tja, ihr Lieben. Anscheinend bin ich tief drinnen doch nicht so abenteuerlustig, wie ich mir das vorher ausgemalt hatte, jedenfalls ziehe hier ziemlich kleinlaut den Schwanz ein und freue mich auf den Abflug, nach dem ich mich in den letzten Tagen so gesehnt habe. 

Ende

dieses blogs. Schön, dass ihr dabei wart! Schade, dass es nicht weitergeht. Aber ich bin erleichtert.

46. Luxusyacht ERZEBET

Bei der Ankunft in Flamenco Marina (Foto: Ina)

Als Odysse letzte Woche im Bankenviertel herumspazierte und sich die Luxusgeschäfte ansah, kam er auch am Büro eines Immobilienmaklers vorbei.  Und ging rein. »Where are you staying?« war eine dessen erster Fragen. »Oh, on a boat in the Yachtclub«, gab Odysse zurück. Anscheinend eine angemessene Antwort, denn danach hat er Angebote für Kaufappartments in der Innenstadt für 2 Mio vorgeschlagen bekommen. Da hat die gute alte ELLI aus Versehen einen (falsch) guten Eindruck gemacht …

Hier in der Marina Flamenco werden, wie schon geschildert, steile Preise aufgerufen. 70 USD pro Tag, Elektrizität geht extra. Weil mein kaputtes cutless bearing nur außerhalb des Wassers repariert werden kann und die das in Vacamonte nicht machen konnten und inzwischen auch entweder das Getriebe oder nach neuesten Erkenntnissen möglicherweise die Kupplung kaputt ist, hab ich das Angebot des zur Marina gehörenden Reparaturbetriebs eingeholt. Dauerte. Vielleicht, weil es so schwierig war, die astronomischen Zahlen zu addieren: 8250 USD. Für Platzmiete, Ausbau des Motors, Auswechseln des cutless bearings, Antifouling und einen Mietkran (weil der Kran des boatyards kaputt ist). Und das alles ohne Garantie, dass die Reparatur funktioniert (weil sie Ersatzteile vielleicht nicht in der richtigen Größe dahaben, weil vielleicht das Getriebe kaputt ist …) Dazu kommt noch der Travellift mit 950 USD und die Ersatzteile. Macht zusammen rund 10.000. Musste ich mich erstmal setzen.

Nasenbär im Parque Natural

Das Boot hierzulassen würde 1588 pro Monat kosten – gar nicht soo astronomisch, wie ich gefürchtet habe. Einen Tag Bedenkzeit genommen. Antifouling und Kran vom Kostenvoranschlag gestrichen, 600 gingen die auch noch runter: sind wir bei 4200. Immernoch ohne Garantie. Und unter der Voraussetzung, dass ich es hinkriege, den Motor mit Bordmitteln (Großschot) rauszuhieven.

Odysse(s Bart) vor der Brücke der Sehnsucht: Puente de los Americas

Rücksprache Paula und ihr Rat: Cool bleiben, erstmal ablehnen. Alternativen suchen.

Bin ich in die benachbarte Marina Playita spaziert. Die rufen noch höhere Preise auf. Haben mir aber einen Mechaniker empfohlen. Sogleich mit ihm telefoniert. (Das war am Donnerstag) Soll ich am Montag (heute) wieder anrufen, ob er am Dienstag kommen kann. Rief ich um die Mittagszeit an, war er schon hier in der Marina, kam innerhalb von Minuten vorbei, ein dicklicher kleiner Mann, redete gern, viel und sehr von sich überzeugt. »Ich berechne nach Job, nicht nach Stunden. Wenn einer nach Stunden berechnet, heißt das nur, dass er langsamer arbeitet.«

Er will das Getriebe (und den Kupplungsdom)abbauen (Propellerwelle nach hinten verschieben), ohne den Motor auszubauen. Soll ich am Mittwoch wieder anrufen, ob er vielleicht am Donnerstag oder Freitag anfangen kann. Hab ich wieder Hoffnung.

Seglerleben

Nicht alle Tage hab ich in der Marina verbracht, die Decksausrüstung schon fast komplett abgebaut, die nota nachgetippt (das Schreiben an die Dezernentin, die für den Hafen Vacamonte zuständig ist, wo ich um Erlaubnis nachsuche, das Boot neun Monate zu lassen), ein großes Paket mit Klamotten nach Hause geschickt, im Eisenwarenladen nach Ameisengift und Leinen gefragt, Lebensmittel eingekauft (Ananas für 0.75 USD, köstlich), einen Abendspaziergang zum Pizzaessen unternommen und das Boot aufgeräumt und saubergemacht (noch nicht ganz fertig).

(auch nicht) ruhigere Tage: Vacamonte

Direkt hinter mir liegt eine Supersegelyacht, eine Ketsch aus den Fünfziger Jahren. Ihr Besitzer hatte schon Odysse angesprochen und ihn auf ein Bier eingeladen. Diese Einladung hat er auch mir gegenüber wiederholt und am Samstag um 1700 war ich dort. Anne und Gary sind Australier, Gary hat aber hier eine Fabrik (für Abschattungsgewebe) aufgemacht und ist gerade daran, eine weitere (seine sechste) für Modulfertighäuser aufzuziehen. Hat er aber seinem Sohn übertragen, er hatte einen Schlaganfall und ist noch rekonvaleszent (70 Jahr alt, alle beide, ihr sieht man es nicht an).
Das Schiff SEA DIAMOND ist eine Legende, die Kennedys (JFK und Jackie) sollen schon drauf gewesen sein, die Queen of England (der Vorname fällt mir grad nicht ein) hat mehrfach Urlaube auf dem Schiff verbracht, Rockstars, Banker, etc. Als eine („die“) New Yorker Innenarchitektin eine Innenausstattung designte (drei Bereiche mit drei Stilrichtungen, Venedig, Vivaldi, Gershwin), musste ein früherer Besitzer passen: statt 1,7 Mio sollte das Kunststück am Ende 7,5 Mio kosten. Das, und der Moment, wo er mit den Anglerstuhl für seinen Sohn zeigte („ein passionierter Angler“) waren die einzigen Male, da wir über Geld gesprochen haben (und als Anne sich aus einer Situation, wo sie „angebettelt“ wurde, aber sich nicht sicher war, ob sie die Dame nicht doch aus gesellschaftlichen Zusammenhängen kennt, nur mit einem Trick herauswinden konnte …). Der Anglersessel, kippbar, mit Fußstütze und Armlehnen, stilsicher aus den 50ern, kostete USD 25.000.

ELLI (links) und SEA DIAMOND (rechts, etwas größer)

Das Bier stellte sich als köstliche Imbissplatte heraus, selbstgebackene Blumenkohlbratlinge mit Joghurtsoße, Schinken, Käse (mit Zwiebelconfit), Lachs-Taramá. Nur Besteck gab es keins (sollte mit Cräckern funktionieren). Doch zuvor Schiffsführung: Jede Oberfläche aus massivem Edelholz, Nussbaum, Mahagoni. Oberflächen als Stilmittel: die Eignerkabine („Venedig“) hatte matte Flächen und hochglänzende Rahmen. 5 Esstische für jeweils acht Personen, im Mittelcockpit (völlig wettergeschützt), auf dem Vorschiff, auf dem Heck, im Salon (wo wir saßen) und im Esszimmer (vier Stufen tiefer, neben der Küche). Alleine die Crew-Kabinen, jeweils mit eigenem Bad, hätten jeder handelsüblichen Luxusyacht gut zu Gesicht gestanden. Motorraum, Größe Squashcourt: zwei Achtzylinder-Diesel, zwei Generatoren (einer läuft durchgehend), zwei hydraulische Stabilisatoren (seitlich abstehende Ruder, um Rollen/Krängung zu regulieren), Kühlschränke, Waschmaschinen. Alle technischen Einrichtungen hinter Edelholztüren verborgen, versteht sich. Am Ende haben wir auch noch über mich gesprochen, es gab Weißwein und wir sind (Trinkspruch) „neue Freunde“. Echt sympathische Leute, ungezwungen, Anne hat zuhause zwei Pferde im Stall stehen (»die sind alt, die brauchen nicht mehr viel Bewegung, die kriegen ihr Gnadenbrot«).
In vier Monaten wollen Gary und Anne über den Atlantik nach Europa (ich hab ihnen Malaga empfohlen), größtenteils unter Segeln (obwohl sie 8000l Diesel dabei haben und die Maschinen „kaum etwas“ verbrauchen). Klingt wie ein romantischer Plan. Jedenfalls bin ich nach zwei Stunden ziemlich beschwingt die acht Schritte zurück auf mein Boot gewankt.

Heute hat Gary mir übrigens seinen Mechaniker herübergeschickt, Paolo hat auch seine Karte dagelassen, obwohl er mitbekommen hat, dass Alejandro mittags auf meinem Boot war. Wird doch wohl kein schlechtes Zeichen sein?

Schöner Hafen mit Sandstrand: Vacamonte

Odysse hat (wie auch Alba und Marlene) ein Kilo getrockneter Linsen gekauft. Die werden diese Woche kleingemacht. Gestern Linsensuppe, heute Linsen mit Nudeln (Spätzle gibt es mangels Eiern nicht), morgen Linsensalat mit Ananas (Inas Rezept). Gut durchgekocht ist es gar nicht so schlimm mit den Blähungen, außerdem bin ich ja sowieso alleine (seufz).

Am Dienstag letzter Woche stieg überraschend Loréna aufs Schiff, gerade angekommen nach einer Kanaldurchfahrt als Linehandlerin. Hab ich ihr Orangensaft angeboten. Hat sie stehen gelassen.
Irgendwann während des Studiums hab ich von einer Studie gelesen, nach der die Mehrheit amerikanischer Jugendlicher frischgepressten O-Saft als „schmeckt künstlich“ einstufen. Hätte nie gedacht, dass ich so eine Person einmal im richtigen Leben treffe. Lorena fand, der O-Saft müsse hinüber sein (sauer geworden, verdorben). Ob sie noch nie unverdünnten, ungezuckerten Saft getrunken hat?

Ebbe in Vacamonte

Dienstag, 5. März. Flamenco Marina (die dritte Woche bricht an – à USD 433.-).
Es gibt auch gute mal gute Nachrichten. Morgens bin ich früh los, um 1000 in Vacamonte aufgelaufen. Der Taxifahrer wollte warten, ich habe ihm gesagt, es könne länger dauern. Bei der Migracion meinen Bittbrief um Hafenerlaubnis für neun Monate vorgezeigt. Alle hatten Uniform an und sahen offiziell aus. Der Chef gab mir eigenhändig Unterschrift und Stempel für einen dreimonatigen Aufenthalt (bis 5. Juni). Ich müsse allerdings noch den Stempel der Seguridad, des Sicherheitsdiensts, einholen. Zwei Türen weiter, Anmutung wie ein Polizeirevier (blau gestrichen, Tresen), aber eine superfreundliche, verschmitzte Señora: neun Monate gingen gar nicht. Für drei Monate gebe es kein Problem, aber neun? Dass ich nach Deutschland fliegen und meine Familie sehen wolle, hat sie verstanden und erweicht. Es gebe eine Möglichkeit, Erlaubnis für ein Jahr zu bekommen. Müsse aber der Leiter der Hafenbehörde höchstpersönlich genehmigen.
Der Licen(ciado) ist erstaunlich jung, versteht mein Anliegen, warnt mich aber, dass im Hafen Drogenschmuggel, Prostitution und Diebstähle vorkämen, er habe zu wenig Leute, die aus Panamá-City schickten ihm zu wenig Personal. Im Prinzip habe er nichts dagegen, mir ein Jahr zu genehmigen. Gesagt, getan, das Risiko nähme ich auf meine Kappe. »Un año.«, Stempel, Unterschrift.
Na also, es gibt wunderbare Überraschungen, freut sich die hilfsbereite Dame vom Sicherheitsdienst. Formular ausgefüllt, Stempel, Unterschrift. Jetzt müsse ich nur noch bei der Hafenverwaltung drei Dollar für den Stempel bezahlen und ein Foto machen lassen.
Ging fast ganz schnell (Nur Odysse kann sich eine Vorstellung davon machen, wie das alles lief. Spoiler: Es ging viel besser als befürchtet, es hat insgesamt nur zwei Stunden gedauert.) Im Hafenbüro hab ich gewartet, bis der Kassierer seinen Schriftkram erledigt hatte – der Chef (oder der am nächsten zum Eingang saß), hat sich angeregt nach der ELIZABETH erkundigt, wo sie jetzt liege, was repariert werden müsse, etc. Er hat mich wiedererkannt und sich an meinen Aufenthalt mit Odysse erinnert –, drei Ocken bereitgehalten, es gab ein Formular, Stempel, Unterschrift. Im Kleinbüro gegenüber folgte Fototermin, außerdem einen Abholtermin: ab Donnerstag, acht Uhr kann ich meinen Besucherausweis für den Hafen, Gültigkeit drei Monate, abholen (oder später, ich hoffe am nächsten Montag nach Vacamonte fahren zu können). Wieder zurück zum Sicherheitsdienst, meine Nota mit inzwischen drei verschiedenen Stempeln und Unterschriften abgegeben. Und das Beste: Der Kollege der freundlichen Dame spricht mit dem Capitán im Kontrollturm und sie beratschlagen, wen sie mir als Aufpasser für das Boot empfehlen könnten. Ruft er den Mann auch gleich an, der kommt wenige Minuten später mit seiner Lancha um die Ecke, wir reden und kommen ins Geschäft: USD 20 pro Tag verlangt er dafür, ein Auge auf die Elli zu haben, »día y noche«. Ob sie Wasser ziehe, will er wissen. Ich verneine.
Also hab ich Mittags: die Genehmigung, ELLI dort im Hafen zu lassen; jemanden, der auf das Boot aufpasst; und eine Verbündete im Sicherheitsbüro: »Die Migration gibt nur drei Monate, aber fliegen Sie nach Deutschland und wenn sie zurückkommen, lässt sich alles regeln.« Unter der Hand gesagt, selbstverständlich.
Ein halbe Stunde setze ich mich ans Hafenbecken und lasse die Atmosphäre des Ortes auf mich wirken, an dem ich die ELLI für neun Monate zurücklassen werde. Dann geht es zurück (Privatauto, Bus, Metro, Bus) in die Flamenco Marina. Vier Uhr wieder an Bord. Das war einmal ein guter Tag.
Klar muss ich alles Wertvolle aus dem Schiff räumen und abbauen. Klar muss ich Niño, den Wächter, ab und zu anrufen, ihn vielleicht bitten, das Boot einmal zu lenzen. Aber alleine die Tatsache, dass es sich im Hafen herumsprechen wird, dass jemand für das herrenlose Boot zuständig ist, gibt mir ein gutes Gefühl. Hoffentlich berechtigt.

Auch Ebbe

Mittwoch hab ich den Mechaniker Alejandro angerufen, er will am Freitag früh kommen. Heute, Donnerstag, unters Schiff getaucht (trübe Brühe) und die Sicherung (Schauchschelle) an der Propellerwelle entfernt/verschoben. Ist mir heute beim Aufwachen siedendheiß eingefallen, dass sonst Alejandro nicht, wie geplant, den Propellerschaft nach hinten verschieben kann … In Arbeitslaune gleich noch das Bad geputzt. Jetzt Mittagspause.

Mittags riefe der Mechaniker an, ob er jetzt gleich vorbeikommen könne – nichts lieber als das! Inzwischen ist es vier Uhr, Alejandro und sein Helfer haben Feierabend gemacht und zuvor schon viel geschafft: den Motor schräg hochgewuchtet, den Kupplungsdom abgenommen und herausgefunden, das die Kupplungssscheibe (so gut wie neu aussieht, aber) falsch herum eingebaut war, ihre Bolzen gelockert und abgeschoren hat und dies der Fehler ist. Außerdem ist ein Tragbolzen der Motoraufhängung gebrochen (gewesen). Morgen will Alejandro wiederkommen, die Schwungscheibe mitnehmen (und ausbohren lassen) und am Montag, Inschallah, alles wieder zusammensetzen. Hört sich an wie ein guter Plan, oder?

42. Colón y Canál


Colón, die Stadt am Eingang zum Panama-Kanal (auf der Atlantikseite) sieht aus wie nach einem Bürgerkrieg (oder einem Großbrand) nur unvollständig aufgeräumt. Ausgebrannte oder verfallende Ruinen mitten im Stadtzentrum. Aber die Panameños (Panamaner?) machen den desolaten Eindruck mehr als wett: freundlich, lebensfroh, zugewandt. Eigentlich ist es eine sehr sympathische Stadt, wenn einen ein wenig Verfall nicht stört. Heute, Montag, 15.1. Bankgeschäfte erledigt – mit Mühen. Der Minibus der Marina in die Innenstadt fährt mit (ex deutscher) schweizer/japanischer/chinesischer Pünktlichkeit. Ich bleibe als letzter Passagier sitzen (der Bus war übervoll) und werde direkt vor der Citibank abgesetzt. Luxus. Die Bank hat geöffnet. Vor der Tür gibt es einen gründlichen Sicherheitscheck, die Tür lässt sich auch ausschließlich von innen öffnen. Gibt anscheinend Kriminalität in Panama – wie ungewöhnlich für Lateinamerika (Haha: in Ecuador ist gerade der Ausnahmezustand (oder sogar Kriegszustand?) ausgerufen worden, weil sie anders der Drogen- und Gewaltkriminalität nicht Herr zu werden glauben …)
Jedenfalls: Die Bankmitarbeiterin hinter dem Schalter ist freundlich und professionell. Allerdings sieht es nicht aus wie in einer Bank, eher wie in einer Behörde. Geldautomat haben sie auch keinen. Ich habe seit Curaçao Dollar gehortet (cash is king), es fehlen mir aber noch fast siebenhundert. Also wieder los (mich bei den Sicherheitsbeamten entschuldigt, ich komme gleich wieder), Fünfhundert auf die eine (maximale Auszahlung 250.-), (»Ihr Tagesmaximum ist erreicht«) zwohundertfünfzig auf die zweite Kreditkarte abgehoben. Zurück zur Citi. Die Rechnung/Invoice der Kanalbehörde habe ich als .pdf auf dem Rechner. Brauchen sie aber auf Papier. Also wieder los, einen Copyshop suchen, Datei auf Stick ziehen, ausdrucken lassen. Zurück. Jetzt hab ich alles zusammen, muss nur noch meinen Pass vorweisen und mein Vermögen rattert (zwei Mal) durch die Geldzählmaschine: USD 3235.-. Die Quittung ist ein unscheinbarer auf Kohlepapier durchgeschriebener Dünnpapier-Zettel. Dann ist alles geregelt. Beim Rausgehen beglückwünschen mich die Sicherheitsbeamten – endlich hat’s geklappt.
Der Weg zurück zum Einkaufszentrum Rey führt durch die Innenstadt, der Verfall sei beabsichtigt, hat mich Luis, der Taxifahrer vom Samstag, aufgeklärt: die Stadtverwaltung hat die Einwohner in Vorstädte weggelobt und will die City mit Hotels und Supermalls und Casinos zu einer Touristenattraktion entwickeln. Scheint noch ein langer Weg zu sein. Die zentrale Avenida nach 4 Alto hinaus, wo der Treffpunkt für die Rückfahrt ist, beginnt ganz schön: Bäume, Schatten, Statuen von Politikern und PoetInnen. Dann ist das Barri Sud vorbei und der Fußweg führt eine Schnellstraße an der Freihandslzone (Zona libre) entlang und schließlich durch die Einöde (und endet unvermittelt). Noch schnell eingekauft, mittags zurück in der Marina, Foto von Quittung und Pass in die ASEM-Datei für den Transit eingelesen (.pdf nimmt das Programm nicht an, muss .jpg sein – finde das erstmal einer heraus!) und um eins bin ich (hoffentlich) datentechnisch bereit für den Transit. Muss nur noch ab 18:00 mit dem Transit Scheduler telefonieren. War aber das letzte Mal (in Curaçao) problemlos.

Stille Tage in Shelter Bay

Die Shelter Bay Marina liegt am Rand des Dschungels, amerikanische Wohnhäuser auf Betonstelzen verfallen pittoresk am Straßenrand (und am Strand). Aber der Urwald reicht bis an die Landstraße: auf dem Hinweg hat ein kleiner Affe (Bonobo?) den Weg gekreuzt, auf dem Rückweg hält uns eine Familie Nasenbären (sagt Hartmut, Stuttgarter, Besitzer der Hallberg-Rassy von gegenüber) auf, die am Straßenrand herumtummeln. Will ich unbedingt aus der Nähe sehen, Spaziergang muss sein.

Donnerstag, 18. Januar. Den Dschungel-Spaziergang hab ich zweimal gemacht: Gestern mit Rita und Hartmut, Schwaben, von der HR 36 gegenüber, heute alleine, weil die beiden nach Panama City gefahren sind, ihren neuen Kühlschrank abholen. Dschungel ist komplett übertrieben, weil wir auf Betonstraßen gehen, die noch von den Amerikanern angelegt wurden, als Zufahrtswege für Siedlungen und Geschützbatterien. Ich in langen Hosen, Ärmeln und Wanderschuhen, hab einen überausgerüsteten Eindruck gemacht, die beiden gingen kurzbehost und in FlipFlops. Nasenbär ganz nah und viele Vögel, auch welche mit gelben Schwingenspitzen, die ihre Jungen in meterlang in einer Palme hängenden Beutelnestern aufziehen (die Jungen waren nicht zu sehen.) Außerdem hab ich meine Safarikappe verloren (die mit dem Nackenschutz). War zwar alt, aber ich hatte mich dran gewöhnt. Zum Glück hat sie eine andere Spazierperson am Ausgang des Wegs auf einem Stein drapiert. Heute den zweiten Weg ausprobiert, den mir die beiden empfohlen haben: Vom Boatyard aus geht eine Dammstraße zu zwei grün verwachsenen Geschützbunkern, ein wenig Tikal, ein wenig Ankhor Wat. Nur eben 20.Jhdt-Beton in rauen Mengen. Auf dem Dach des Bunkers (gut erhaltene Betontreppe) geht der Weg weiter, durch den Dschungel (das ganze Gebiet ist mit dem Abraum aus dem Kanal aufgeschüttet und somit kein echter Dschungel, sondern in den letzten Hundert Jahren von der Natur zurückerobert) und auf der ersten Lichtung lugen neugierige Kapuzineräffchen von einem Baum (s. Video)

Äffchen und Krabben und ein Schmetterling

Dann ein steiler Abhang hinunter zum Strand, hübsch verwildert und nicht zum Baden einladend. Außerdem meditiert ein Backpacker in seiner Hängematte, den ich nicht stören will. Auf dem Rückweg zwei Familien Nasenbären, mindestens 12 Tiere, die aber rasch abhauen. Unten vor dem Bunker eine handtellergroße Einsiedlerkrabbe, die ihr Schneckenhaus durch das Blattgrün hievt (dito Video). Der Weg zum zweiten Bunker, Battery Stanley wirkt weniger befahren. Zweimal Meerschweinchen (oder Oppossums?), die blitzschnell durch das Laub witschen. Ein blauer Schmetterling (dito Video) und ein schmaler Weg, der sich hoch über dem rauschen Meer und Mangroven verliert und in einen Abbruch zu münden scheint. Krauche ich ein wenig durch das Unterholz, mache mich aber lieber auf den Rückweg. Es gibt also außer dem Pool und dem Restaurant noch mehr zu entdecken in der Umgebung der Marina.
Denn seit dem Wochenende, oder besser seit Dienstag, läuft das Seglerleben entspannter. Nach dem vergeblichen Gang zur Bank vom Samstag bin ich am Montagmorgen wieder am Start. Und nach erledigter Überweisung rufe ich frohgemut den Transit Scheduler an, um einen Termin zu bekommen. Nur: »You’re not in the system. You haven’t arrived.« Ließ sich nicht klären, oder ich hab es nicht verstanden. Irgendwann in meinem (spanischen) Redeschwall unterbrach er mich nüchtern: »Inglish?« Aber was das Problem war, hab ich auch auf Englisch nicht begriffen. Ich müsse mich an eine Miss Laura wenden, gab mir auch die Telefonnummer. Miss Lauras Kollege vertröstet mich freundlich: Sie ist erst am nächsten Tag ab acht wieder im Büro. Dienstag Viertal nach acht. Miss Laura ist freundlich, kann mir aber nicht helfen, auch sie findet mich nicht im Computer. Um halb zehn sei der Kapitän da (ich telefoniere mit irgendeiner Hafenbehörde), dann solle ich wieder anrufen. Gemacht. Meldet sich eine Männerstimme unter Miss Lauras Nummer, muss irgendwas nachschauen (»un secundito!«), tippt irgendwas ein. Dann sei alles erledigt. Ich solle den Scheduler direkt wieder anrufen. – Ab 18:00h? – Nein, direkt JETZT. Tatsächlich geht er sofort dran, findet mich und fragt mich, wann ich passieren möchte. Hammer! Montag hat er keinen Slot mehr frei, also ist Sonntag, 21. Januar, der Tag. Waoh!
Nachmittags im Marinabüro frage ich (nach dem Cruising Permit für Panama und) Leinen und Fendern. Werde direkt mit Stanley verbunden. Alles klar, er kommt um vier und bringt alles, 140 USD inklusive Abholen am anderen Ende. Easypeasy. Tatsächlich wirft er schon um zwei einen Haufen Kugelfender und ein Gewirr hellblauer Dicktaue (32 mm) aufs Deck. Und seither werden wir gefragt, wann es für uns losgeht. Denn: Fender und Leinen auf Deck heißen, dass der Transittermin steht.

Ein Zeichen


Mittwoch Nachmittag kommen Sandra und John, Ina hat sie über die WhatsAppGruppe der Marina gefunden, sie werden als Linehandler mitfahren. Müssen aber leider absagen, weil Sandra eine ZahnOP bevorsteht. Ich versuche Luis, den Taxifahrer zu bequatschen, ob sein Sohn Yoci mitfahren könnte, klappt irgendwie nicht. Im Augenblick sind Gunilla und Eilert unsere Favoriten, ein schwedisches Paar, deren Hallberg-Rassy in Curaçao gegenüber am Steg lag (Edelstahlanker, handpoliert). Und Ina hat über WhatsApp eine junge Französin, Loréna, aufgetan (die sogar mit bis nach Ecuador will). Ich bin sehr erleichtert. Mal sehen.
Also: zwischen Pool und Happy Hour (Treffpunkt um 17:00h, gestern Skipperstammtisch und Pizza-Abend) beschäftigen wir uns schon auch noch mit anderen Dingen.

Panamá

Flamenco Marina, Panamá

Do., 25.01., Panamá, Panamá (“It’s so nice, you say it twice!”, wie die New Yorker sagen.), Flamenco Marina. Die teuerste Marina ever, sogar mehr als in Malaga: 62 USD/Tag! Aber dafür liegen wir außerhalb von Schwell und geschützt vor Wind. Die anderen Marinas sollen (genauso teuer und) sehr ungemütlich sein, weil die dicken Dinger aus dem Kanal direkt vorbeifahren.

Der Kanal

Am Samstagmittag können wir den Transit Scheduler anrufen, er gibt uns auch prompt den slot durch: Sonntag 15:45h. Also einen Nachmittagstermin, bei dem die Durchfahrt zwei Tage dauert. Das ist für Gunilla und Eilert zu lange, haben sie von Anfang an gesagt. Stanley ist sofort am Telefon »Gib mir eine Stunde« und hat zwei Linehandler am Start, sie kommen Sonntagmittag aufs Boot. Bis dahin sind wir vorbereitet, Ina hat Mahlzeiten für eine Hundertschaft vorbereitet, ich baue auf dem Vorschiff einen Sonnenschutz auf (der sich als völlig unnötig herausstellen wird). Alex und Manuel kommen zwar nicht um zwölf, aber (Stanley: »Die sind unterwegs«) um eins. Ein wenig nervös sind wir schon. Und dann kommt noch Luis („Luichino“) vorbei. Er ist Linehandler auf einer anderen Yacht, die sehr viel größer ist (77 Fuß!) und –er weiß das schon, wir nicht– mit uns im Päckchen durch die Schleusen gehen wird. Traffic Control (Cristobal Signal Station) sagt uns über Funk, wo wir das Zubringerboot mit dem Advisor treffen werden: 16:15 an den gelben Bojen direkt vor der Marina-Ausfahrt. Ab drei gehen wir auf Verabschiedungstour zu Rita und Hartmut von der KIRKE und Gabriela und Thomas von der KIVAVERA. War schön mit denen.


Um halb vier heißt es Leinen los, um zwanzig vor sind wir schon am Treffpunkt, Wind und fiese kurze Wellen, ca. einen Meter hoch. Wir hoovern [Minimum-Fahrt rückwärts, um das Heck im Wind zu halten und mehr oder weniger auf der Stelle zu stehen]. Um kurz vor vier nähert sich ein Pilotzubringerboot, setzt einen Advisor an einer in der Nähe driftenden Yacht ab (die aber keinesfalls 77 Fuß/26 Meter hat!) und kommt dann zu uns. Rückwärts, weil das Heck des Schleppers niedriger ist und wir so klein sind, manövriert er auf 15cm an uns heran, ohne uns zu berühren, Alex und Manuel halten Fender bereit, Lorénas Hilfe zum Einsteigen weist der Advisor zurück und springt an Bord. Später werden wir noch drei Mal erleben, wie die Zubringerboote zentimetergenau heranmanövrieren, aber niemals anstoßen. Sehr beeindruckend. Romulo, unser Pilot, ist anfangs reserviert, taut später auf. »Is the anker up? You can start the engine.«

Puente Atllantico

Und damit sind wir unterwegs. Erst quer über die Bucht, auf das Fahrwasser zu, dann am Rand des Fahrwassers zur filigranen Hängebrücke (aus 2019) und darunter durch. Wir schaffen trotz Wellengekabbel 6,4 kn und ich bin stolz auf die gute alte ELLI. Das andere Boot folgt uns. Vor der ersten Schleuse stoppen sie und stehen – wahrscheinlich haben sie einen Autopiloten, der das Boot auch auf der Stelle halten kann !?


Es ist eine Oyster 625, nagelneu/gepflegt und glänzend. Wir robben uns ran und vier Linehandler aus zwei Booten legen Vor- und Achterleinen und zwei Springs. Mit den dicken schwarzen Langfendern der SERENITY und unseren Kugel- und Minifendern hängen mindestens 12 Kontaktverhinderer zwischen den Yachten im Wasser.

Da die SERENITY so viel länger ist (aber nicht so lang wirkt), werden sie auch für uns die Leinen bedienen, vor unserem Bug und hinter unserem Heck. Einmal werden sie, wir ich befürchtet habe, an der Hydrowane entlangscheuern, aber es ist wohl nichts passiert.


Ben, der junge Skipper der SERENITY, manövriert um- und vorsichtig. Ich stehe Gewehr bei Fuß, um evtl. beim Abstoppen rückwärts zu gehen (damit das Päckchen nicht seitlich ausbricht), aber Ben (und seine kräftigen Bowthruster/Bugstrahlruder) halten uns sicher auf Kurs. Außerdem brauchen die Leinenbediener an Land, die uns vier Sorgleinen mit Knotenkugeln am Ende herübergeworfen hatten (eine hat sich, versteht sich von selbst, in meinem improvisierten Sonnenschutz auf dem Vordeck verfangen …), nie schneller als Schritttempo zu gehen, ist Vorschrift, wie die Advisorin von Bens Boot betont. Sie soll unerfahren sein, steckt mir Romulo, und er hilft ihr mit Rat aus, den sie auch souverän annimmt und nachfragt. Denn als Advisor des kleineren Bootes hat Romulo eigentlich nichts zu melden.


Sobald wir innerhalb der Schleuse fest sind, haben wir Skipper frei. Ben und seine Crew schießen Fotos auf der Vorpiek, Außerdem hat er Zigaretten, ich nicht. Neid. Ziemliche Turbulenzen im Wasser, aber merkwürdigerweise nicht am Anfang, sondern gegen Ende, wenn der Wasserspiegel schon fast seinen Höchststand erreicht hat. Unser Päckchen sitzt hinter dem Frachter THE CHIEF und seinem Schlepper, doch die Ausfahrt, der Frachter wird von den Mulis (Lokomotiven am Schleusenrand) an Stahlseilen gezogen, es gibt keine Bewegung im Wasser, keine Schreubendrehung) meistert Ben souverän. Seine Linehandler haben immer wieder dichtgeholt, unsere hatten Pause.

Die zweite Gatún-Schleuse schließt direkt an, wieder 8m Hub, bei der dritten ist es bereits sowas wie Routine. Wir dampfen heraus, das Päckchen wird aufgelöst, die SERENITY schießt auf den See hinaus, sie werden am anderen Ende übernachten. Inzwischen dämmert es, wir haben fast 18 Uhr, wir tuckern im Fahrwasser und biegen dann rechts ab, auf drei kaum beleuchtete Stahlbojen zu, die wie Curling-Eisen flach im Wasser liegen. Romulo wird vom Zubringerboot abgeholt, von der Oberkante des (gefalteten) Dinghys, die einen festen Tritt bietet, setzt er problemlos über, weil das Manöver wieder zentimetergenau funktioniert. »18:30 fest an Boje, 19:00 Chili mit Reis, Käse und Nachos«, sagt das Logbuch. Inas (und Lorénas) Küche kommt gut an, außer Handydaddeln gibt es nichts zu tun, bald ziehen sich Alex und Miguel in die Achterkajüte zurück, Loréna (erst im Cockpit) und ich nächtigen im Salon.


Der Montag (22.01.) beginnt früh, zwischen halb sieben und halb acht soll unser neuer Advisor kommen. Eduar(d) trifft aber erst um neun ein. Doch dann geht es auch gleich los. Hinter uns kommt aus den Gatún-Schleusen ein riesiger Fahrzeugtransporter mit haushohen geschlossenen Aufbauten, die RUBY ACE aus Tokio, ein schwimmendes Parkhaus, wahrscheinlich auf dem Rückweg nach Japan. Mit ihr werden wir schleusen, meint Eduard. Sie folgt uns den ganzen Vormittag auf dem Fahrwasser, das sich zwischen Inseln (ehemaligen Bergen) durch den Stausee windet und bleibt zurück.


An manchen Stellen führt der Fairway nur knapp am Ufer vorbei, teilweise nur fünf Meter zwischen uns und den (hoffentlich) steilen Felsen. Zu knapp, findet Ina. Aber alles geht gut. Nur Krokodile sehen wir keine. Die es aber im See (der gleichzeitig das Trinkwasserreservoir von Panama City ist) zahlreich geben soll.


Kurz nach Mittag müssen wir die Fahrt reduzieren, der letzte Teil der Strecke ist eng und ein Riese der NeoPanamax-Klasse kommt uns entgegen, den wir vorbeilassen müssen: breit und lang, haushoch mit Containern beladen. Dann taucht die Bergkette am Culebra Cut (»The Cut«) auf. Stufen von ca. fünf Metern sind aus der Böschung gegraben worden, die Franzosen hatten es sich in den Kopf gesetzt, einen Kanal auf Höhe des Meeresspiegels zu bauen, sie hätten dafür noch zehn Stufen tiefer graben müssen, 26m für den Stausee, weitere fast 30m für den Kanal. Ihre Stufen liegen entsprechend zurückgesetzt im Süden. Die französische Kanalgesellschaft ist über den Plan ohne Schleusen (und einen Korruptionsskandal) Pleite gegangen. Aber Gaillard-Cut hieß die Engstelle zu ihrer Zeit. Für den Culebra-Cut haben sie im Wortsinn Berge versetzt, Zehntausende von angeheuerten ungelernten Schippen-Arbeitern, wegen der Rassentrennung der USA auch noch unterschiedlich bezahlt und behandelt, mit mehr Sprengstoffeinsatz als die vereinigten Staaten (bis dahin) jemals in einem Krieg benutzt haben. Sehr beeindruckend. Vom Ausgang des Kanals kommen uns Ausflugsboote entgegen, fröhlich winkende Touristen, die keine Ahnung haben, wie uns der Schwell ihrer mit Höchstgeswchindigkeit rasenden Motorboote durchschaukelt. Für die San Miguel-Schleuse, die wir vor einem Frachter (CAPE SCOTT) passieren werden, gehen wir am Schlepper des Großschiffes längsseits, nachdem der seinen Auftraggeber gegen die Kaimauer bugsiert hat.

Damit gibt es wieder nichts zu tun für unsere Linehandler; aber Alex und Manuel haben einen professionellen Job abgeliefert, frühzeitig und kundig Leinen und Fender vorbereitet und an die entsprechenden Stellen gelegt, sie funktionieren als Superteam. Ina und ich sind froh, dass wir nicht mit Gunilla und Eilert gefahren sind, Loréna ist, obwohl sie den Kanal bereits zum dritten Mal passiert und sich damit Geld verdient, keine große Hilfe.

Ohne Teleobjektiv!

Eine gute Meile Fahrt zu den beiden letzten Miraflores-Schleusen. Überraschung: An einem Aussichtspunkt, einem mehrgeschossigen Gebäude mit Treppen und Drahtverhau, drängeln sich Hunderte von Touristen und filmen und fotografieren uns. Dabei sind wir das einzige kleine Boot in der Schleuse, bis die CAPE SCOTT langsam hereingeglitten kommt. (Auf dem Internet-Feed der Webcam sind wir nicht zu sehen, wie uns Eduard zeigt, weil wir von einem Wärterhäuschen abgedeckt sind).


Die Miraflores-Schleusen werden wir alleine und an der Schleusenmauer nehmen. Schleusen an der rauen Mauer ist nicht empfohlen, aber beim Abwärtsschleusen, versichert uns Eduard, gibt es keine Turbulenzen. Und Alex und Manuel haben was zu tun: fast über Masthöhe ragt die Schleusenwand am Ende über uns auf, ihre Leinen stehen beinahe senkrecht.
Bei der Ausfahrt erschreckt uns ein fürchterliches Geräusch, ein fies metallisches Rattern und Schlagen. Es scheint von der Drehzahl des Motors abzuhängen, auch das Ruder vibriert manchmal. Im Leerlauf ist es weg, am Motor liegt es also nicht. »Fahren wir weiter?« fragt Eduard. Was sonst? Also stellen wir das Gas auf eine Drehzahl, wo das Rattern am wenigsten markerschütternd klingt und fahren vorsichtig weiter. Ohne Zicken scheint es die Dramaqueen ELIZABETH nicht zu tun, nachdem sie inzwischen zwölfeinhalb Stunden klaglos getuckert ist.

Wir schaffen es auch noch durch die letzte Schleuse, das Tor (das gar nicht so eindrucksvoll hoch ist, wir scheinen Flut zu haben) öffnet sich auf den Pazifik hinaus. Ist aber auch nur Wasser. Ich versuche, den Moment auf Video (s.u.) festzuhalten, doch Alex gibt mir ein Zeichen: Die Leinen sind bereits los, wir müssen fahren.


Endlich die langersehnte Passage unter den Eisenstreben der Puente de los Americas hindurch, einer elegant geschwungene Kombination aus Trag- und Hängebrücke. Links kommen die Kräne und Docks des Hafens in Sicht, dahinter die Skyline der Stadt mit Hochhäusern eng an eng. Ein ewig langer Uferstreifen, fast eine Art Wellenbrecher schließt sich an und der Balboa Yacht Club, wo Alex sich über Funk ein kleines Motorboot ordert, das Leinen, Fender und Alex und Manuel übernimmt. USD 120 für jeden der beiden, dazu jeweils 20 Tip. Sie waren großartig.

San-Miguel-Schleuse (die drittletzte)
Skyline, eng gedrängt: Panamá, Panamá

Eduards Zubringerschlepper lässt auf sich warten, wir drehen Kreise vor der Einfahrt, aus der er kommen soll. Dann übernimmt er unseren Lotsen routiniert, wie wir es inzwischen gewohnt sind (vorher hat er mich angewiesen, die Fahrt komplett aus dem Schiff zu nehmen – dabei bewegen wir uns ausschließlich durch den (starken) Wind (und das Sonnenschutzsegel). Trotz Ratterns schaffen wir es um das Ende der Halbinsel herum, funken die Flamenco-Marina an und werden von einem Motorböötchen zu unserem Liegeplatz geleitet. Festmachen noch bei letztem Tageslicht, dann Anmelden und Kippen besorgen. Wir sind selig.
Zur Feier des Tages laden wir Loréna zu Cocktails und Abendessen ein, landen aber unglücklicherweise in einem (brasilianischen? argentinischen?) Carnivorenparadies, wo Armbändchen-ausgestattete Esser von Kellnern mit Fleisch am Spieß in allen Variationen verwöhnt werden, bis sie nicht mehr können. Sieht aber elegant aus, wie sie ihre Fleischspieße auf der einen Hand (und einem Eisenteller) balancieren, mit der anderen Hand (und einem Messer) hauchdünne Scheiben tranchieren, die von den Essern mit extra gereichten Pinzettengreifern auf ihren Teller drapiert werden. Jedenfalls ein erleichterter Abend. Mit Bier aufm Schiff.

Die SERENITY ist auch schon da

Am Dienstagfrüh tauche ich unter das Boot und finde den Ratter-Fehler: Aus dem Cutless bearing, einem Gummilager, das in einer Messingtülle läuft und die Propellerwelle im Wellenbock stabilisiert, hat sich das Gummi herausgearbeitet. Deswegen schlägt Welle gegen Messingbuchse.
In der Propellerwerkstatt auf dem Marina-Gelände sagen sie: das Boot muss aus dem Wasser, Cutless bearing austauschen. Wenn sie die Größe wissen, können sie das vorher bestellen, dauert (weil vielleicht metrisch) vierzehn Tage. Nicht gut.
Flöh ich meine Unterlagen durch, aber den Kassenzettel aus der Chandlery in Dartmouth/ Kingsbridge finde ich nicht mehr. Ob es sich lohnt, zu versuchen, das Gummi einfach wieder an seinen Platz zu klopfen?
Da geht ein Marinero in Tauchausrüstung (Wetshirt, Flossen, Brille) auf dem Steg entlang. Ob er auch Reparaturen mache? Nein, er inspiziert nur die Stege (von unten). Schade. Eine halbe Stunde später steht er doch am Boot. Um was es denn gehe? Er kenne einen Freund, der habe auch (Pressluft-)Flaschen und könne länger tauchen. Gesagt, getan. Noch vor Mittag kommen die beiden, mein Amigo macht sich nackig (Badehose), springt ins Wasser und inspiziert den Schaden. Ein Stück Holz und einen Lappen hat er bereits mitgebracht, verlangt Hammer, Spachtel und eine Faustvoll Fett, schließlich noch einen großen Schraubenzieher. Und hat innerhalb von zehn Minuten das Gummi wieder in die Buchse zurückgedengelt! (USD 60) Wird zwar nicht ewig halten, aber im Februar/März kommt das Schiff eh aus dem Wasser (hoffe ich) und dann ersetz ich das Cutless bearing. Gegen Mittag macht sich Loréna (USD 80.-) auf den Rückweg zur Shelter Bay Marina, nicht ohne vorher herumzufragen und ihre Flyer auszuhängen. Und ich fahre mit Ina (und Uber) in die Stadt. Sie wird sich ein Tatoo stechen lassen, ich die Altstadt (Casco antiguo) auschecken. War aber zu weit. Dafür hab ich die Marktstraße 5 de Mayo (Kartoffeln, Tomaten, eine Ananas für 0,50 USD!) gefunden und den Rückweg mit Metro und Bus recherchiert. Zur Sicherheit bringe ich noch eine Schlauchschelle auf der Welle vor dem Gummi an. Ansonsten gilt: Bei jedem Tauchen kontrollieren!
Mittwoch Vormittag fährt Ina in ihr Hotel am Flughafen (Schnief!), sie hat ihren Rückflug heute sehr früh, und ich gehe Schlendern und Abendessen in der Altstadt – die wunderschön ist. Auch wenn die Kuna in Tracht auf dem Platz vor der Kathedrale zu Panflötenmusik tanzen (gegen Trinkgeld) und ihre Molas (und Umhängetaschen mit Molas und Hüte und Nippes) auf der Promenade am Meer verkaufen. Im Diablitos machen sie Ceviche (serviert in einer halben Kokosnuss) und Hühner-Cordon-bleu sehr fein (und recht/zu viel). Rumpunsch aufm Boot.

Alles eine Frage der Beleuchtung: die LIZ in schön.