45. Zwei Tage und zwei Nächte

Playa del Merced, Punta Bruja
Warten auf Oswaldo

(Do., 22.2. Flamenco Marina (wieder), Panamá, Panamá.)
Oswaldo, der Bootsbauer aus Playa del Merced, hatte uns zugesagt, uns am Morgen zu helfen und uns aus der Flussmündung zu schleppen, weil der Wind zuletzt genau gegenan stand. Morgens um acht war vereinbart, nachdem er vom Fischen zurückkäme. Wir waren seit halb acht bereit. Um neun fuhr er (mit seinen Söhnen (?)) an uns vorbei, winkte auch. Dann kam nichts mehr. Um elf, die Ebbströmung zog uns hinaus und der Wind stand exakt achtern, haben wir uns entschlossen, alleine loszusegeln. Ohne Antrieb war das eine Nervensache. Ein Palmwedel, der mit der Flut hereingetragen worden war, trieb neben uns hinaus – und machte uns Mut. Tatsächlich lief alles glatt: im Schritttempo, und manchmal nicht mal das, schlichen wir aus der Flussmündung, aus der Bucht und aufs offene Meer. Ein langer Baumstamm, von Pelikanen (oder anderen Vögeln) belagert, trieb den ganzen Nachmittag neben uns in Sichtweite, viel Geschwindigkeit machten wir also nicht. Draußen lief der Humboldstrom die Küste entlang, nach Norden und Nordosten – eigentlich genau, wo wir hinwollten. Ziel war der Fischereihafen Vacamonte, wo es laut unserem Führer einen Travellift [Möglichkeit, das Schiff aus dem Wasser zu heben] und zahlreiche Werkstätten (für Fischerboote) geben sollte. Astillero Nacional hieß der Reparaturbetrieb unseres Vertrauens (oder meiner Hoffnungen). Zwei Stunden frischer Wind brachte uns in die Nähe der Isla El Pelado, die zwar auf dem Weg, aber auch im selben lag. Danach wieder Flaute, wir haben sogar gebadet. Und Delfine gesehen, zumindest die Rückenflossen. Um 1900 setzt sich ein großer Vogel, schwarz, Typ Geier oder Greif, nach mehreren Anflatterversuchen auf die Mastspitze, und zwar genau auf den Impeller des Anemometers, ein empfindliches Plastikteil mit einem sensibel gelagerten Windrädchen. War nicht zu vertreiben, wahrscheinlich wurde das Vieh vom Masttoplicht angelockt. Und anschließend funktionierte der Windanzeiger nicht mehr, klar. Die ganze Nacht über war kaum ein Lüftchen zu spüren, eine Flautennacht. So still und glatt lag das Meer, dass wir einen doppelten Sternhimmel hatten. Oben das Funkeln, unten das Phosphorisieren der Algen (oder die Spiegelungen der Sterne.) Die Lichter von Panamá-Stadt lagen weit voraus, scheinbar unerreichbar. Im Morgengrauen stellten sie sich als die Lampen des Arbeitslichts von vier Fischerbooten heraus, die wir zwar passieren konnten, die aber eben mitten im Meer und nicht am Ufer lagen … Immerhin hatten wir am Morgen fünf (5) Meilen in die richtige Richtung gutgemacht. Allerdings trieb der Vogelbaum noch immer in Sichtweite. Nur den Palmwedel hatten wir zum Glück abgehängt. Am zweiten Tag kam ab elf etwas Wind auf, (die Wartezeit darauf zog sich endlos!) der uns mit 4 ½ kn in die gewünschte Richtung (Kurs 285°) schob. Und um 1545 einschlief. Wieder totale Flaute. Bis uns um 1600, also eine Viertelstunde später, plötzlich eine Bö mit sicher 3-4 Bf aus der entgegengesetzten Richtung (N statt S)! um die Nase pfiff. Und um 1635 wieder Flaute einzog. Die zweite Nacht brach an, unstet blieb der Wind und wir hatten das Fahrwasser zum Panamakanal zu kreuzen, knapp, falls der Wind seine Richtung behielt, außerhalb des Verkehrstrennungsgebiets, das wir nur streng rechtwinklig hätten queren dürfen. Da die Batterien seit Pearl Island Marina nicht mehr geladen worden waren, hatten wir vorsorglich die Maschine eine halbe Stunde laufen lassen. Aber jetzt fiel die Batterieanzeige wieder auf 12,0 V. (Bei einer Entladung unter 11,8 ruiniert man die Batterien). In meiner Wache von 1900 bis 2300 konnten wir das Fahrwasser queren, aber mit Winddrehern und kurzen Flautenabschnitten geriet die Fahrt zur Nervensache. Odysse ging es nicht besser: In seiner Wache musste er eine unbefeuerte (und nachts kaum auszumachende) Insel zu vermeiden versuchen. Auf der anderen Seite der Bucht lief die Humboldströmung (oder die Tidenströmung) uns entgegen, drohte, uns aus der Bucht wieder hinauszutreiben. Bei Wassertiefen um die zwanzig Meter war an Ankern nicht zu denken (jedenfalls nur theoretisch). Morgens um drei, zu Beginn meiner Wache, lag das Festland (und ankerfähige Wassertiefe) scheinbar unerreichbar in Windrichtung.

Bis Neuseeland

Ab halb sieben blieben wir beide wach. Wenn uns die Strömung weiter hinaustriebe und wir keine Ankermöglichkeit fänden, wäre der nächste Stopp Neuseeland, scherzte Odysse. Konnte ich nicht wirklich drüber lachen, aber die Stimmung blieb gut. Und dann kam auch wieder Wind auf, wieder aus Süd, fast aus der richtigen Richtung. Statt vor der Hafeneinfahrt von Vacamonte zu ankern, wie wir es vorhatten, erfragten wir die Erlaubnis, unter Segeln einzulaufen und der Torre de Control sah darin kein Problem. Zwischen rostigen Fischkuttern, die im Hafenbecken in großen Päckchen lagen, und mit zwei Wenden schafften wir es schließlich zu einem Ankerplatz im Hafenbecken, den uns ein hilfsbereiter Motorbootfahrer als commun (allgemein zugänglich) anwies. Der Mann vom Zubringerboot (Lancha) bot sich sogar an, mich und die Papiere zum Hafenmeisterbüro, also an Land, zu bringen.

Strand am Hafen Vacamonte

Anmelden beim Hafenmeister, der uns einen Platz an der Muelle, also am Pier, zuwies, Schlepphilfe von diesmal gleich zwei Lanchas, und um 1200 Mittag lagen wir tief und sicher am Kai. Große Erleichterung beim Kapi und der gesamten Besatzung (Odysse). Spätestens am Nachmittag musste auch Odysse zum Hafenmeister, seinen Pass vorzeigen. Aber erstmal: Pause und Erholung.

Ostblock, 80er Jahre

Vacamonte ist ein Erlebnis der besonderen Art. »Das Original-Panamá«, sagt Odysse, abseits vom Schuss der glänzenden Bankpaläste, Wolkenkratzer und Luxushotels der City. Auch wenn sie uns, wie sich zeigen wird, mit der Reparatur der ELSBIETA nicht helfen konnten. Wir lagen drei Tage am Kai – ich sage absichtlich nicht „Steg“, weil der Anleger sicher zehn Meter hoch aus groben Holzpollern und Betonstelzen unzerstörbar gebaut ist. Und neun Meter (bei Flut: vier Meter) über uns liegt, erreichbar über eine aus Baustahl geschweißte wacklige Leiter (über die wir gottfroh sind). Am ersten Nachmittag löschte an der anderen Seite des Kais ein Fischkutter seine Fracht, meterlange Untiere (keine Ahnung, welche Sorte), die von Hand aus dem tiefen Schiffsrumpf (und der Kühlung) in Hebekörbe geworfen, mittels Kran auf den Kai gehievt und dort in Kühlbehälter sortiert worden sind. Ein Korb voller Riesenfische (der größte, haiartige, war sicher zwei Meter lang) kam als letztes. Und dann haben sie noch sicher einen Kubikmeter Tunfische, jeder fast einen Meter, von einem Kühlraum im Kutterinneren in einen anderen umgeladen – und wieder mitgenommen, wahrscheinlich war der Preis für Atún im Keller.
Direkt am Kai steht eine riesige Fischfabrik, Kühllaster in allen Stadien des Verfalls sind drumherum geparkt, teilweise auch ohne Kühlung. Hier werden Langusten verarbeitet (deren Saison in diesen Tagen zu Ende geht), jeden Morgen bringen Busse scharenweise Arbeiterinnen, die in Hauben, Schürzen und Gummistiefeln Krabben (puhlen und?) verpacken. Eine Eismaschine, die mittels Gabelstapler beschickt wird, spuckt kubikmeterweise Graupelschnee in Kühlbehälter. An einem Wasserschlauch dürfen wir, Odysse hat mit dem Vorarbeiter gesprochen, uns waschen. Leider im Freien und vor den Augen der Arbeiterinnen (Schichtwechsel) bloß durch einen Stapel Kühlbehälter kaum verborgen. Abends selbstgebratene Krabben, die Odysse vom Ermöglicher der Duschgelegenheit geschenkt bekommen hatte. Außerdem gibt es das Restaurant Vacamonte, die Cafetería Vacamonte und einen kleinen Supermarkt Vacamonte. Alle vom Team derselben überfreundlichen Bedienungen bewirtschaftet, die uns bald wie alte Bekannte begrüßen. Das Restaurant (Neonlicht, Resopaltische, Salsa-Latino-Pop-Video-Beschallung) ist nämlich (das einzige und) unschlagbar billig: zwei Fischermahlzeiten (es gibt alles, außer Fisch, riesige Portionen, vor allem Fleisch) nebst Getränken kosten USD 10, sicher subventioniert.

Restaurante Vacamonte

Zum Frühstück gibt es manchmal Rührei, sonst Huhn, Schwein, Rind, Leber in leckeren Soßen, gebratene Bananen und köstlichen Reis oder Fettgebäck (und Linsen oder Bohnen). Die Fischarbeiter behandeln uns freundlich und kameradschaftlich, alle grüßen überschwänglich und mehrfach haben wir schon Mitfahrangebote bekommen – der Hafen liegt kilometerweit außerhalb der Stadt. Mehrere Flotten Fischkutter sind im Hafen festgemacht, Arbeitsboote, denen man die tägliche Belastung ansieht. Auch halbversunkene Wracks liegen im Hafen.
Nachmittags mit Odysse die Behördengänge erledigt. Passvorweisen bei der Hafenpolizei im Kontrollturm, eine Etage darunter eine Behörde undurchsichtiger Funktion. Die aber unser in Shelter Bay beantragtes (und bezahltes) Cruising Permit prüft (und als unbezahlt im Internet findet!). Beim Marinabüro (sechs Angestellte beiderlei Geschlechts) kann man uns nicht sagen, wieviel unser Aufenthalt kosten wird, Nachfragen, die Reihe der Schreibtische entlang, ergeben einen Preis von wenigen Dollars pro Tag. Am Ende werden wir für drei Tage Aufenthalt insgesamt 16 USD bezahlen. Dafür gab es aber auch: keinen Strom, kein Wasser, keine Duschen. Aber die Möglichkeit, unseren Müll zu entsorgen – der von den streunenden Hunden aus dem Eimer gestoßen und zerwühlt wird. 
Im Büro der Migration arbeiten vier Menschen. Der jüngste erhebt sich schüchtern bei unserem Eintreten, weiß mit uns aber nichts anzufangen. Eine Angestellte starrt angestrengt auf ihren Bildschirm, Odysse sieht, dass sie die Suchmaske von Google offen hat und ihr beim besten Willen nichteinfallen will, nach welchem Stichwort sie noch suchen könnte; einer, dem Alter nach kurz vor der Pension, schläft, zugedeckt mit seiner Jacke (weil die Klimanlage auf voller Kraft ballert) und lässt sich nicht stören. Schließlich kommt einer, Typ Polizist/Macher im besten Mannesalter, zieht sich das Koppel stramm und erklärt uns, dass wir eine nota bräuchten, ein formloses Ersuchen, unser Boot im Hafen lassen zu dürfen. Er zeigt uns sogar eine Vorlage, einen förmlichen Brief an die zuständige Dezernentin, kann uns aber keine Kopie machen, weil sein Edding nur rot schreibt und er damit die Daten aus der Vorlage nicht schwärzen kann. Wenigstens schneidet er uns den Hauptteil des Briefs (mit Adressen und Anreden) aus. Odysse kann sich kaum halten vor Kopfschütteln. Denn die Szenerie könnte man nicht erfinden. Wie früher, als wir über die Transitautobahn nach Berlin gefahren sind.

Schneller Vorlauf: Gestern, als wir uns abmeldeten und Odysse Fotos machen wollte, sind die Büros offensichtlich vorgewarnt worden, wurden wir auch vom Cruising-Permit-Jungbeamten am Händchen durch den Bürokratiedschungel geleitet. Und alles war anders: in der Migration standen Wartestühle aufgestellt, die Angestellte führte ihre Suchen jetzt am Handy durch und der schläfrige Alte stellt sich als Beauftragter für Stempel und Unterschrift heraus (kein anderes Utensil störte seine Schreibtischoberfläche).

Auf der Polizeistation nebenan warteten Handschellen, an einem Rohr in der Wand fixiert auf Bösewichter. Höhepunkt war jedoch sicher das Marinabüro. Der Vorgang ELIZABETH (erkennbar an der nur schlecht, weil zu dunkel kopierbaren Zulassung) wurde über drei Schreibtische gereicht, leider waren die Angaben unleserlich (und auf deutsch), aber Nachfragen lagen unter der Würde der Beamtinnen und Beamten. Erst unser hilfsbereiter Begleiter kam zu uns und fragte nach, welches Netto- und Bruttogewischt das Schiff wohl haben könnte (stand nicht in den Zulassungspapieren). Dann sprang tackernd ein Nadeldrucker an. Und in der Zwischenzeit (kaum anderthalb Stunden, ich schwöre!) hatte eine weitere (eine schleppte sich zur Tür, telefonieren, eine durchmaß das Büro gemessenen Schrittes mehrfach auf dem Weg zur Toilette, zur Mikrowelle, einer fragte nach dem genauen Wortlaut der Eingabe in eine Suchmaschine) hatte die kompetente Suchmaschinenberaterin einen einseitigen Formbrief mit den Daten der ELLI komplettiert und ausgedruckt – auf Laserdrucker, den wir nirgendwo entdecken konnten. Es war ein sensationell skurriles Erlebnis. Insgesamt erhielt wir vier z.T. mehrseitige Formulare, jeweils per Unterschrift von Ausstellerin und PrüferIn zur Feststellung der Richtigkeit als vollständig und ausreichend bestätigt, signiert und gestempelt – u.a. die Rechnung für eine zarpe [Hafenausfahrtsbescheinigung], die Bestätigung der Richtigkeit ebenjener zarpe, den Antrag auf dieselbe und den Formbrief der Internetspezialistin, der bestätigte, dass wir im Hafen gewesen waren. (Einen Teil der Formulare mussten wir bei der Hafenpolizei wieder abgeben, um die eigentliche zarpe, ein Dokument mit metallisch glänzendem Siegel, zu bekommen). Zur Erholung meinte uns der freundliche Begleiter (und diensthabender Cruising-Permit-Beamter) zu einer eisgekühlten Wildkirschen-Limonade (narze) einladen zu müssen. Das hat Odysse aber unterbunden und selbst bezahlt. Das ausgedruckte Cruising permit, die Erlaubnis, durch Panama zu segeln (die wir jetzt nicht mehr brauchen) haben wir auch noch bekommen.
Vielleicht noch interessanter, vor allem unter Inneneinrichtungsgesichtspunkten war der Besuch bei Astillero Nacional, der Reparaturwerkstatt unserer Träume. Die hatten nicht nur einen Travellift, sondern ein veritables Schiffshebewerk und einen Güterbahnhof an Gleisen, um die Schiffe auf Rollwagen über das ausgedehnte Gelände zu bugsieren. Am Vortag hatte ich erfragt, ob meine Probleme dort lösbar seien (cutless bearing, Motor leckt, Schaltung funktioniert nicht, ich möchte das Boot zehn Monate dort parken) und durchgehend positive Antworten erhalten (könnte ein Verständigungs- oder ein Kompetenzproblem gewesen sein). Der zuständige Ingeniero Alejandro (Brudell) sei aber erst am Folgetag ab 0830 wieder da. Dort sind Odysse und ich hingetapert. Sein Büro war leer. Aber stilsicher 60er Jahre eingerichtet: mächtiger Edelholzschreibtisch, Freischwinger, Glastisch, Dunkelholz-Furnier-Sideboard. Selbst die National Geographics sahen original aus – man hätte dort eine historische Serie drehen können; Odysse begeisterte sich, dass seine Frau die Einrichtung sicher ultraschick fände. Dann kam ein Räuspern aus dem Hinterzimmer: Ingeniero Alejandro war doch da, hatte nur Ohrhörer aufgehabt. Superkompetent, superfreundlich, auch englischsprachig. Nur: er konnte nichts für uns tun. Unten in der Werkstatt, Dreherei, Schweißerei hatten wir fachkundige Arbeiter und Arbeiten gesehen. Allerdings waren die Propellerwellen baumdick und die Propeller von der Größe eines Kleinwagens. Mit dem cutless bearing könnte er uns helfen, aber es gab keinen Mechaniker: alle Fischereiflotten beschäftigten ihre eigenen Mechaniker. Und die befassten sich mit einem Schiffsdiesel erst ab acht Zylinder.
Im Lager einer der Flottenwerkstätten half uns ein superfreundlicher Lagermeister, telefonierte herum, passte uns später im Café (Cafetería Vacamonte) ab und machte uns mit einem jungen Mechaniker bekannt, der sich am nächsten Morgen ab sechs (ab acht musste er arbeiten) um uns kümmert würde.

Panamá-Panorama

Nachmittags Ausflug (Taxi, Bus, Taxi) in die Stadt, an der Einfahrt des Kanals sollte es eine Marina (»Muelle Diablo«) geben, von wo aus oft Yachten zu Astillero Nacional kämen, so Ingeniero Alejandro. Dabei kennengelernt: Raoul, der uns seinen Bootsanhänger leihen will, Lupe, der uns eine Auflage dafür bauen will. Und den Manager des (privaten) Yachtclubs, der seinen Chef fragen will, ob wir über die dortige Rampe die ELLI aus dem Wasser ziehen können. Sehe ich zwar noch nicht, aber alle Vorbereitungen laufen; dazu hoffentlich mehr an einem anderen Tag.)

Warten auf Mechaniker.

Klar, dass ich ab fünf den Motorraum und den Zugang von der Achterkajüte freigeräumt hatte. Um halb acht kam der Mechaniker, er konnte zwar selbst nicht, hatte aber einen Freund, (ebenfalls) Supermechaniker, an der Hand, der um zwölf kommen könnte. Sollte er ihn anrufen? Mir war alles recht.
Um kurz nach zwölf, beim Mittagessen, kam ein Unbekannter zu uns an den Tisch (wir waren das einzige Segelboot im Hafen, die einzigen Menschen mit heller Haut und ohne Gummi- oder schwerlederne Seestiefel): bei unserem Boot warte ein Mechaniker!
Hetze zur ELIZABETH, tatsächlich war Rigo pünktlich wie die Uhr, hatte sogar Werkzeug und einen Helfer dabei und innerhalb weniger Minuten den Schaden beurteilt: Der Ölverlust lag bloß an einer verrutschten Gummidichtung am Ölfilter, der Getriebeschaden war wahrscheinlich ein Kupplungsschaden. Um den zu beheben musste aber der Motor ausgebaut werden. Tatkräftig hatte Rigo einen Deckel des Schalthebels am Getriebe abmontiert, aber keinen Fehler gefunden, Ich hatte dafür die Bedienungsanleitung des Getriebes aufgetan, in der zu ebendiesem Deckel eine Warnung fettgedruckt stand: »Diesen Deckel (siehe Zeichnung) NICHT öffnen! Justierung NUR durch Fachpersonal!« Aber Rigo machte einen echt professionellen Eindruck und galt mit Sicherheit als Fachpersonal. Gestern Abend dann noch Strand/Kai-Spaziergang, an der Hafeneinfahrt lagen chinesische Fischkutter mit ostasiatischer Besatzung, die im Hafenbecken angelten (Kugelfisch in den letzten Atemzügen. Beim Rückweg nicht einmal mehr zur Kugel aufgeblasen). Daneben ein Riesenfrachter mit merkwürdig flache Heckrampe, vielleicht ein Kabelleger. Zwar schwimmend, aber in völlig verrottetem Zustand. »Seelenverkäufer, wie aus einem Siegfried-Lenz-Roman «, sagte Odysse. Dabei sahen die Schiffe mit chinesischen Namen und glücksbringende Bemalungen noch besser in Schuss als die übrigen Kutter im Hafen.

Hektik im Hafenbüro

Heute früh noch einmal gefrühstückt (Restaurant Vacamonte),  es gab Rührei (war gestern alle), dafür war das Restaurant (zwar offen, aber) abgeschlossen (der Typ mit dem Schlüssel sei heute nicht erschienen), beim Torre de Control abgemeldet (Gute-Fahrt-Wünsche) und unter Segeln abgelegt. Mit frischem, fast perfektem Wind in drei Stunden bis vor die Marina-Einfahrt gepest und mit per Funk angeforderter Schlepphilfe (ein Boot vorne zum Ziehen, eins hinten zum Bremsen) um elf Uhr festgemacht. Inzwischen hat sich der Travellift/Reparaturbetrieb der Marina schon per Email mit der Abfrage meiner Reparaturwünsche gemeldet: Es gibt Hoffnung.

Im Bankendistrikt. Foto: Odysse

44. Golfo de San Miguel

Adios, la Palma

Rosenmontag, 12.02. Rio Iglesias (ein Nebenfluss des Rio Sabana). Der Flussarm ist kaum fünfzig Meter breit, wir liegen zwischen Mangroven, aus dem Dschungel dahinter krächzen Vögel, ansonsten himmlische Stille. Der Ankerplatz ist paradiesisch. Ab und zu tuckert ein Einbaum vorbei, eine Meile den Fluss hinauf ist ein Umschlagplatz mit vielen Autos und einem Green Warehouse, wo man von der Straße auf die Lanchas, die Wassertaxis umsteigen kann. Aber außer ab und zu Lastwagengebrumm aus der Ferne (die Panamericana endet ganz in der Nähe) ist hier nichts zu hören. Das war letzte Nacht anders: Dieselgeneratorenbrummen, Musikfetzen (vor allem die Bässe!) La Palma war kein angenehmer Ort. Diskos, Casino, Hotel, Badeanstalt, Supermärkte, Trinkgelegenheiten. Die Hauptstadt des Darién zeigt starke Mitlitär-und Polizeipräsenz. Aber am Karnevalssonntag vor allem einen abgesperrten Bereich der Hauptgasse, der bauchdröhnend beschallt wird und als Wasserschlachtarena dient (eine Hahnenkampfarena gibt es auch an der Hauptstraße). Hat mich ein wenig mürbe und niedergeschlagen gemacht. So oder ähnlich müssen die Westernstädte zur Zeit des Goldrauschs ausgesehen haben. Alkohol, Glücksspiel, Hahnenkämpfe und Mädels. La Palma hat uns jedenfalls nicht gefallen.

Tunela (oder so ähnlich)

Am Donnerstag, 8.2. Weiberfastnacht, sind wir noch eine Nacht in Pearl Island Marina geblieben, haben nochmal zu Abend gegessen. Ein Dinghy-Ausflug zu einer Landhütte, wo anlanden (und in den Ort spazieren) möglich schien, war ein Fehlschlag: wir befanden uns noch immer auf dem Privatgelände des BeachClubs. Und konnten das DInghy dort nicht lassen, nicht anlanden, gar nichts. Außerdem war das Meer zu unruhig, choppy und die Welle zu steil und der Wind zu heftig, also sind wir zurück in die Marina (und ich war froh, dass wir heil ankamen).
Freitag früh los. Ableger bei starkem Wind, rückwärts aus der Gasse, fast wieder quer zwischen den Fingerstegen, aber ging gut. Rüber nach Isla del Rey, die größte der Las Perlas. Bewegte Überfahrt, Wind und Wellen, und das Dinghy (mit Motor!) geschleppt, sehr unseemännisch. In kleiner Bucht am Südende haben wir geankert. Eine Militärpatrouille kurvt um uns rum. Fischer fragen nach Softdrinks, bekommen sie und schenken uns dafür einen Fisch Tunela: sehr sehr lecker. Odysse hat ihn sauber ausgenommen, war gar nicht so groß, die Sauerei im Cockpit. Aber: der Fisch war so frisch, dass er noch Leichenstarre hatte, man konnte den Bauchlappen nicht aufklappen, sondern musste ihn aufbrechen. Dazu Kartoffel-Möhrengemüse.

Samstag sehr früh (07:00) los, Motor verstaut, wir hatten eine lange Überfahrt vor: 34 nm zum Festland, nach Darién, dem bergigen Dschungelgebiet an der Grenze zu Kolumbien, das der Panamerican Highway nicht quert. Viel Wind, viel Welle, zwischendurch gerefft, mit Strom von hinten und (hoch) am Wind bis zu 6 kn gemacht und früher als geplant, schon um vier, an unserem Ankerplatz angekommen. »Punkt A« nennt unser Führer Schwalbe Zydler & Zydler: Panama Guide diesen Ort inmitten des Golfs von San Miguel, der augenscheinlich mitten im Meer, tatsächlich aber auf nur drei Meter Tiefe vor/hinter der Insel Isla Iguana liegt und sicher auch oft genug geschützt ist vor der Welle aus dem Pazifik. Wir hatten leider Nordwind und eine nervig schaukelige Nacht. Zwischendurch war ich so aggressiv, dass ich hätte brüllen mögen. Wusste nur nicht, gegen wen. Am Sonntag dann ewig lange Motorfahrt (z.T. englisch, mit steif gespannter Genua) quer über den Golf, in die Mündung zweier Flüsse, Boca Grande. Durch Strudel und emporquellendes Wasser, zwischen treibendem Laub und Baumstämmen hindurch, durch eine nervenzerfetzende Abkürzung mit »Stromschnellchen« und »Untiefen« bis vor die Hauptstadt der Dschungelregion Darién, La Palma, 4500 Bewohner.

LIZ vor la Palma – quer zur Strömung
Tinseltown
Gasse in La Palma. Foto: Odysse

Schon vom Fluss aus (hier sicher einen Kilometer breit) flackern einem die Disco-Lichter und dröht einem der zugehörige Bass entgegen. Hinter der Ansiedlung eine Art Bucht, Fischerhäuser auf Stelzen am Ufer, dort ist unser Ankerplatz. Ebbe und Flut, Tiefe, die sich wie von Geisterhand ändert, Strömungen flußauf- und flußabwärts, je nach Tide: eine vernünftige Ankermöglichkeit hab ich nicht rausgekriegt. Bug- und Heckanker hat nicht funktioniert, als wir zurückkamen lag die ELLI quer zur Strömung (und der Fluss war so stark gestiegen, dass die Festmachreleinen des Dinghys unter Wasser lagen!). Zufallslösung: Wenn man die Leinen/Ketten beider Anker am Bug vereinigt und das Boot mittels Ruder auf den Fluss hinaus steuert, stehen zwar die Halteleinen/ketten seitlich (zum Ufer) vom Boot ab und vibrieren vor Strom, aber das Boot hält genug Abstand vom Ufer, um vernünftigen Tiefgang zu garantieren. Bei Tidenwechsel selbstverständlich umsteuern!

Aufgestelzte Häuser (5m Tidenhub!) bei La Palma

Rosenmontag, 12. Mit der kommenden Flut (11:56h) losfahren wollen. Ab zehn hab ich mich um die Anker gekümmert, wurde tatsächlich schwer. Der zweite (Bruce-) Anker ließ sich partout nicht ausbrechen, stand unter heftigem Zug, selbst als er schon fast an Bord kommen sollte: er hatte sich in der (straff gespannten) Kette eines anderen (meines anderen???) Ankers eingehängt. Odysse hat die Kette hochgezogen, ich versucht, den Anker darunter hervorzuholen, war nicht zu machen. Also zweiten (ersten, Haupt-) Anker gehoben, kam die blöde Kette wieder hoch und verhakte sich am Snubber, der Zusatzleine, die mit einem Gummipuffer parallel zu den letzten Metern Kette gespannt ist und Kette und Ankerspill entlasten soll. Chaos. Irgendwann ging dann doch alles klar, beide Anker, sämtliche Ketten und Taue an Bord. Und eine Riesensauerei metallischgrauer Schlick, der in der Hitze zu betonharten Krusten trocknet.

Ein Marienbild? Ein Fliegenpilz?

Jetzt, um vier, ist die Flut hereingeströmt und wir machen uns auf Richtung Quimba/Las  Iglesias, einem Örtchen eine halbe Stunde Fußmarsch flussaufwärts. Mal sehen.

Ein Platz für den Sommer?

Das Dinghy landen wir an einem Boatyard, ein japanischstämmiger Bootsbauer und Besitzer des Geländes werkelt dort, hat auch Zeit für einen Schwatz. Ob ich wohl die ELLI dort ein paar Monate stehen lassen kann? Sein Kran kann nur 4 Tonnen, zu wenig für die dicke Alte. Vor seinem Grundstück verläuft eine fantastisch ausgebaute Straße, hügelan, hügelab zwischen Finkas mit Bananenplantagen und Rinderfarmen (mit Verladerampen – für Vieh). Vor uns eine Trinkgesellschaft zu Fuß, eine bleibt zurück und tapert hinterher, ist aber nicht langsamer, wir holen sie auch erst kurz vor dem Ort ein.

Las Iglesias sieht amerikanisch aus, einzeln stehende Häuser, oft von der Straße zurückgesetzt. Es gibt Läden und Trinkhallen, auch einen Gemüsestand. Zigaretten und Bier soll es in La Cantina geben, nach der Schule rechts. Die Schule sieht gepflegt aus, weißblauer Zaun, Spielgeräte im Hof, alles geschlossen – Rosenmontag ist auch hier Feiertag, wie auch der Dienstag. Die Cantina hätten wir alleine nicht gefunden, eine anonyme Bretterbude. Aber ein redseliger Trinker/Philosoph dröhnt sich davor mit Rum zu und ist mehr als gesprächig, ruft den Wirt heraus, der uns Biere bringt. Zugaretten besorgt uns sein Kumpel, wahrscheinlich aus Privatvorrat; und zu essen gebe es auch. Die zweite Seite des Gemüsestands ist auch Restaurant, abgeranzte Tische mit zerfetzten Plastikdecken, macht aber einen freundlichen Eindruck. Was es gibt? Tortillas und gebratene Chorizo. Bestellen wir. Biertrinken und Rauchen in der Cantina, und reden. Der Fußmarsch über die Berge von Kolumbien dauere drei Tage (und zwei Nächte), es gebe oft Räubereien und sogar Mord und Totschlag. Viele Migranten seien mit Frauen und sogar Kindern unterwegs. Grausame Schicksale. Oder: ganz in der Nähe gebe es eine Lagune, Süßwasser, wo uns der jüngere gerne hinführen würde, jederzeit.

Die Busse von Panamá nach La Palma verkehren bis zur Rampe am Fluß (Green Warehouse), an der wir vorbeigefahren sind. (von La Palma nach Kolumbien geht es mit der Lancha/Motorboot Mo, Mi, Fr, in zwei Stunden zum ersten Hafen, in vier zur Bahia Solana (To-do-list: Checken, ob es von dort eine Busverbindung ins Landesinnere gibt!). Las Iglesias, das im Führer als nice, clean beezeichne wird, hat Straßenanbindung. Das macht allen Unterschied. Nach dem Essen (Tortilla tiefgefroren vom Convenience-Truck, Wurst okay, gibtaber weder Senf, noch Ketchup, noch Mayo) Rückweg in die Nacht zum Yachtbauer. Seine Hunde verbellen uns, aber alles geht gut. In der Mondsichelnacht (drei Tage nach Neumond) ist die ELLI kaum auszumachen, erst als wir schon fast da sind, taucht sie aus dem Dunkel auf – große Erleichterung. Die kleine Insel, hinter der wir ankern, ist ein Vogelparadies, alle Bäume leuchten vor weißem Gefieder. Auf dem Schiff: Stille, die die Ohren klingeln lässt. Dschungelgeräusche.

Brüllaffen klingen wie startende Düsenjäger

Am nächsten Morgen hab ich sie auf Video aufgenommen, vielleicht sind sogar die Brüllaffen zu hören, hoffentlich. Inzwischen herrscht Flut, am Ufer ist kein Streifen Morast mehr zu sehen, am gestrigen Nachmittag lagen wir inmitten von Schlammkegeln, heute mitten im Fluss. Odysse steht um Mitternacht auf, um zu checken, ob wir auch nicht aufsetzen (Wassertiefe laut Echolot 70 cm, bei 1,55 m Tiefgang). Wurde aber alles nicht so heiß gegessen. Heute früh um 06:00 aufgestanden, Frühstart wegen der Flut, die ab Viertal nach sechs ablaufen soll. Ging tatsächlich gegen sieben los, nur kalte Tortilla zum Frühstück. Ausfahrt aus dem unberührt wirkenden Fluss traumhaft. Vogelkreischen, Froschquaken, Brüllaffen nur in der Morgendämmreung. Anker unfassbar vermulcht, zäher, betongrauer Schlamm, der auch fast so schlimm härtet. Nach vier Biegungen (bei Flut keinerlei Stress, Tiefe immer über zehn, bis zu 19 m) treihen wir den Rio Sabenas hinab, den breiten Fluss, der sich mit dem Rio Tiuro verbindet und im Boca Grande in die Bucht von San Miguel ausläuft. Frühstück (Toast, Marmelade) beim Treibenlassen mitten im Fluss. Sehr leise. Später starten wir einen Segelversuch. Odysse schafft tatsächlich die 2,6 kn, die wir unter Motor (1400 u/min) vorwärts gekommen sind. Zusätzlich schieben bis über 5 kn Tidenstrom, sodass wir über Grund mit bis zu 8 kn jagen. Baumstämme und Laub und Müll in Strudeln auf dem Weg.
Hinter la Palma nehmen wir diesmal die ganze Flussbiegung mit und nicht die Abkürzung. Wind schläft ein, noch mehr Baumstämme und Biomüll im Wasser. Die Spanische Festung, die sich auf der riesigen Insel in der Flussbiegung befinden soll, können wir nicht ausmachen. (Von der Halbinsel am Rio Sabenas aus soll Bilboa (zweispitziger Lederhelm wie der Mann mit dem Goldhelm), der als erster Europäer die Landenge Panamás überquert hat, den Pazifik „entdeckt“ haben.) Odysse steuert, ich döse fast bis zu unserem Tagesziel: Punta Allegre. Schon draußen, beim Ankerplatzsuchen, weist uns ein Fischer im Einbaum ein: Victor. Und verabredet sich mit uns für einen Ausflug nach Mogue, zu den Emberá für den nächsten Tag. Außerdem bezahlen wir ihm heute an der Tanke den Sprit. Dann kommen acht Jungs im Fischerboot vorbei. Wollen Quatschen und uns Hummer oder anderen Fisch verkaufen. Mögen wir nicht. Wir sehen uns gleich im Dorf!

Hummer gefällig?

Ging aber anders aus als erwartet. Kaum ziehen wir das Dinghy auf den (hohen: Flut!) Strand, erwartet uns der erste, Xavier. Führt uns zum »Fischmarkt«, wo sie ihren Fang in die Tiefkühltruhe räumen. Und uns zwei Pfund Hummer verkaufen. Die werden im Restaurant für uns zubereitet werden. Wir warten solange in der Dorfbar, Odysse gibt Xavier und Manuel (und jedem, der da ist) Bier aus. Ich rauche. Das mit dem Esse zieht sich. Schaue ich mich im Ort um. Ein Fischer flickt sein Netz, Kinder spielen, Frauen sitzen im Schatten auf einer Art Veranda. Es gibt nur ein betoniertes Trottoir, sonst alles Sand. Bretterhütten, eine ist die Bar, eine die Disko, eine sicher auch der Lebensmittelladen, auf den wir gehofft hatten. Nach einer Stunde ist Essenzeit. Manuels Mutter (Victors Tochter) bringt uns vier kleine Hummer, rosaorange gekocht. Und zeigt uns, wie man sie knackt und isst. Sie selbst kriegt auch das Fleisch aus den Beinchen und sogar aus den Scheren heraus. Ich nicht. Stellen wir uns sicher ungeschickt an. Lassen sie uns aber nicht spüren.

Zwei von Victors Töchtern (links) und andere Schönheiten

Drei Heiratsanträge hab ich in der Bar bekommen (Victors zwei andere Töchter sind schon etwas beschickert, in der Disco gewesen. Odysse ist Zielperson einer Tanzenden mit augefahrenem Dekollete, zeigt sich aber unbedarft: „Mein Spanisch ist ein Katastrophe“).
Xavier  bemüht sich um Konversation, findet aber nicht viele Themen. Ein paar kleine, erste Hummer, Langustino, sind schon rosa und fertig, wir bekommen sie von der Köchin gebracht und gezeigt, wie man sie aufmacht (den Darm entfernt) und wie man sie isst: Wir essen alles. »Se come todo.«
Endlich ist das Essen fertig, wir gehen – auf den Balkon eines Privathauses und bekommen eine Glasform mit vier Pfund Hummer und Papitos (Kochbananenpuffern) serviert. Besteck ist nicht vorgesehen. Unter den Augen aller acht Jungs (und ihrer Freunde) machen wir uns darüber her. Der erste Hummer meines Lebens. Superlecker. Aber den Kopf mit seinem wabbeligen Inhalt auszusaugen, bringe ich nicht. Aber selbst wenn wir nur die Schwänze essen, werden wir satt. Bei der Bezahlung tun sie sich schwer. Ein lauter Wortführer, der immer wieder ins Englische fällt, hat für den Hummer 16 bekommen. Der Koch (einer der Jungs) ist mit seinen 5, dann 10 unzufrieden. Aber vor allem, weil der Wortführer seine vier Restdollar nicht rausrückt. Dann Tanken mit Victor, drei Gallonen (15 Liter) für 13,50 Dollar. Die Tankstelle ist zufällig genau unter der Terrasse, auf der wir aßen. Dann Dorfrundgang. Der aber nicht stattfindet, weil wir lieber wegwollen. Xavier und Manuel (Victors Enkel) bleiben zurück.

Flechtwerkverkäuferin mit kleinem Bruder

Beim Dinghylosmachen bietet uns ein superschüchternes Mädchen (ihre/die ihrer Mutter) Flechtarbeit an. Zuckersüß, aber leider lehnen wir ab. Vielleicht finden wir die Kleine morgen nochmal.

Denn um 06:00 holt uns Victor am Boot ab, samt Wasser, Schwimmweste und Mitbringsel für die Emberá-Kinder (Schreib und Malzeug). Wird sicher spannend.  Abends in Punta Allegre (sic): Karneval auch hier. Wir liegen vor Anker, sicher hundert Meter vom Örtchen entfernt, aber der Salsa-Pop dröhnt bis hier herüber.

Kap der Hexe – verhextes Kap

Fr., 16.2., Playa del Merced, Punta Brujas [Bruchas]. Die gute Nachricht ist: Es ist paradiesisch schön hier, freundliches Dorf, sauber und ordentlich, aufgeschlossene fleißige Menschen, unser Ankerplatz liegt mitten in einem schmalen Fluss (keine zehn Meter auf jeder Seite) ist tidensicher und traumhaft schön (Dschungel, Brüllaffen, ein vorwitziger Reiher, der dauernd aufs Schiff kommt und mit Rangehen, Winken, Schimpfen kaum zu vertreiben ist). Die schlechte Nachricht ist: wir haben keinen Antrieb. Die Maschine läuft (hat aber fast kein Öl mehr), überträgt jedoch keine Kraft auf Getriebe und Propeller: Getriebe- oder Motorschaden. Morgen früh holt uns Oswaldo, Bootsbauer und Fischer ab, um uns wenigstens aus der Flussmündung und weit genug hinaus zu schleppen, dass wir segeln können.

Victor (hinten). Alle Skipperfotos: Odysse

Am Mittwochmorgen war Victor ((»Ich bin Victor. Schickt jeden (Touristen), der etwas in Punto Allegre braucht zu mir! Victor ist euer Mann.« Und das ist er tatsächlich, sein Enkel hat uns in Dorf geleitet (und sich von Odysse Bier ausgeben lassen, zwei seiner drei Töchter wollten ein Kind von mir (milchkaffebraune Haut), die dritte hat uns die Hummer gebracht), Victor also ist schon um halb sechs am Schiff und rügt uns, weil wir kein Ankerlicht ausgebracht hatten. Wir sind noch am Frühstücken und laden ihn ein. Dann geht es quer über die Bucht und einen anfangs breiten, später immer schmaleren und windungsreicheren Fluss hinauf, einmal auch durch eine kurvige, kaum Einbaumbreite Abkürzung. An einer Stelle versperrt uns ein quer im Wasser liegender Baum die Weiterfahrt, ist auch von Victor mit dem Spatenpaddel nicht zu bewegen.

Blockiert!

Glücklicherweise gibt es exakt an der Stelle ein kleines Altwasser, sodass wir doch noch weiterkommen. Mogue, das Embará-Dorf, liegt weit verstreut. Bei den ersten, palmdachbeschützen Hütten (auf Stelzen) kündigt Victor uns lautstark rufend an. Es spricht Embará, wie wir später erfahren werden. An der Anlegestelle ragt ein flachverwurzelter Baum über den Bach. Victor hat Schwierigkeiten, sein Boot zu verankern (seine Croqs drin vergessen), ich versuche ihm zu helfen und gleite auf den Wurzeln aus, hänge einen Meter über dem Wasser und sterbe vor Peinlichkeit: Ich habe als einziger ein Schwimmweste an (hat Victer empfohlen, Odysse hat seine vergessen) und stelle mir vor, wie die Indigenos sich totlachen über den blöden Gringo, der praktisch an Land in den Bach fällt, und dann explodiert auch noch seine Schwimmweste! Also eisern festgehalten, mich wieder auf den Baum gewuchtet, die Abschürfung am Unterarm tut lange nicht so weh wie verletzter Stolz, und die Situation geklärt. Und während der ganzen Zeit, kommentiert Odysse anerkennend, meine brennende Zigarette nicht aus der Hand gelassen.

Hinten: Die Wurzel allen Übels (hier beim Ablegen)

Ein Fußweg (betoniert) führt zum Dorf. Mogue, so heißt der Ort, ist, sagt unser Führer, auf Touristen eingestellt. Tatsächlich begrüßen uns El Dirigente, der Ortsvorsteher (wird alle fünf Jahre gewählt), der Kazike ( Häuptling, Heiler, aus Perlen geflochten Amtskette um den Hals, eher jung für sein Amt) und der Tourismusbeauftragte (Beanie, Sporthose). Erster Tagesordnungspunkt: Andenken kaufen (eine geschnitzte Schildkröte (Tortuga, Chichilló), geflochtene Bastteller/Topfuntersetzer, eine Halskette mit Perlenbehang.

Links: El Dirigente, Mitte hinten: der Tourismusbeauftragte, rechts: dicker Bauch

Zweiter Tagesordnungspunkt: Ansprache des Tourismusbeauftragten. Der Besuch kostet USD 10 Eintritt pro Kopf. Akzeptiert. Dann Ortsführung. Jede Familie wohnt in zwei nebeneinanderliegenden Häusern: Casa cultural, die traditionelle Palmdachhütte mit eingekerbten Baumstämmen als Leitern in den hochliegenden Aufenthaltsbereich (im Sommer in der Hitze kühler). Und Casa moderna (Holzgerüst, Blechdach, regendicht). Angebaut wird Banane, Yucca , Zucker (für Honig (??)), Kaffee (wurde gerade getrocknet, wird zum Rösten in die Hauptstadt gebracht; seit drei Jahren hat Mogue eine Straßenanbindung). Es gibt Schweine, Hühner (auch winzige, neugierige Küken, die an Croqs picken!), Ziegen (nicht gesehen) und Esel und Pferde. Und Kühe (nicht gesehen) füt Milch und Fleisch. Am Bach waschen Frauen und Mädchen Wäsche auf Steinen klopfend. Sehr pittoresk alles. Besuch beim Holzhauer/Instumentenbauer. Seine Söhne üben (Flöte, Trommel), um für die Touristen eine Band zusammenzustellen. Schnitzarbeiten, der US-Soldat trägt einen Helm wie Balboa, einer Art Schiffchen.

Waschtag

Exkurs: Ich sitze im Cockpit, während ich das schreibe. Und die Bremsen fressen mich auf! Heute Nacht gab es Mosquitos (Sirren) und Fledermäuse (in den Kabinen!) Ich hab nur den Flatterwindhauch gespürt, Odysse in der Vorderkabine hat seine Fledermaus sogar gesehen!))

Casa cultural

Das Gemeinschaftshaus für Versammlungen ist ein schlichtes Nutzgebäude, Blechdach, Holzbänke, ein langer Tisch für den Dirigente. Das Kulturhaus, Palmreetdach, ist leider beim letzten Sturm vor zwei Jahren zerstört worden und wartet auf seinen Wiederaufbau (»Dafür ist ein Komitee zuständig«). Dann ist die Führung zu Ende, weil Victor (der inzwischen seinen Sack leerverkauft und neu vollgekauft hat) und wir mit der Flut wieder hinausmüssen. Kiloweise Kochbananen und Yucca werden ihm aufs Boot geliefert. Weil inzwischen ein doppelt so großes Motoreinbaumkanu Victors Boot in der Flußmitte blockiert, muss einer der Helfer ins Wasser. Macht der ohne Mucken, klettert aufs Boot, holt es ans Ufer.

Anlegerprobleme
„Der Rücken von Odysse“

Rückfahrt ereignislos, aber im Video dokumentiert. LIZZY liegt noch immer brav vor Anker, als Victor uns zurückbringt. Und seine Kopflampe vom Morgen vergisst. Gehen wir sehr gerne noch einmal mit dem Dinghy ins Dorf, kaufen ein, trinken Limo mit Käsecräckern (lecker) und kaufen dem schüchternen Mädchen doch noch ihren Flechtteller ab. Rückfahrt zum Boot wegen a) Tidenstrom, b) Wind, c) Entfernung grenzwertig, Odysse schafft es aber, gerudert. Dann Dinghy-Abbau. Dauert von halb fünf bis Einbruch der Dunkelheit. Anstrengend und sehr nervig.

Flechtarbeiten

Am Donnerstag sind wir mit ablaufender Flut ankerauf gegenagen und aus der Bucht motort. Und leider auch fast den gesamten Tag (6 ½ h), weil partout kein Wind aufkommen wollte. »Heute einmal nur ein mittelschöner Tag,« kommentiere ich (weil wir uns sonst fast jeden Tag gesagt hatten, wie er schön er gewesen war, und das waren sie auch), was sich als folgenschwerer Fehler herausstellen sollte. Hab ich wohl das Karma gekränkt.

Denn: beim Einfahren in die Flussmündung, in der wir ankern wollen, sitzen wir plötzlich (eher: sanft) fest, im weichen, anthrazitgrauen Schlamm/Sand. Odysse kann Gas geben, so viel er will, er bekommt die ELLI nicht mehr frei. Werfen wir Anker, warten wir bis Flut kommt. Schwimmen wir an Land (da Dinghy aufbauen ist zu viel Nerv), drehen eine Runde durchs Dorf. Jugendliche folgen uns, bringen uns zum Bootsbauer (der Vater des einen), der zwar Fischerboote bis 50 Fuß baut, aber keine Möglichkeit sieht, unser Boot aus dem Wasser zu holen. Kaufen wir Kippen, Brot gibt es keines. Gehen wir bis zum anderen Ende des Ortes, auch eine Fluss(Bach-)mündung. Treibt einer der beiden Jungs (beide 13/14, aber der eine doppelt so groß wie der andere) einen Fußball auf. Und Odysse (Freizeitkicker) und die beiden Supertrickser liefern sich auf dem Fußballplatz ein Match. Sahen alle drei ziemlich professionell aus. Im Abendlicht zurück aufs Schiff, umankern. Jetzt ist es aufgeschwommen, aber Odysse kriegt es dennoch nicht in Bewegung, obwohl kaum Strom und so gut wie kein Wind herrschen. Werfe ich den Anker erneut, ein Dutzend Meter weiter die Mündung hinein. Seitlich kollidieren wir zwar fast mit einem dort festgemachten kleinen Fischerboot, bringen zur Sicherheit noch den zweiten Anker weiter ins Tiefe aus. Und liegen seither dort fest.