42. Colón y Canál


Colón, die Stadt am Eingang zum Panama-Kanal (auf der Atlantikseite) sieht aus wie nach einem Bürgerkrieg (oder einem Großbrand) nur unvollständig aufgeräumt. Ausgebrannte oder verfallende Ruinen mitten im Stadtzentrum. Aber die Panameños (Panamaner?) machen den desolaten Eindruck mehr als wett: freundlich, lebensfroh, zugewandt. Eigentlich ist es eine sehr sympathische Stadt, wenn einen ein wenig Verfall nicht stört. Heute, Montag, 15.1. Bankgeschäfte erledigt – mit Mühen. Der Minibus der Marina in die Innenstadt fährt mit (ex deutscher) schweizer/japanischer/chinesischer Pünktlichkeit. Ich bleibe als letzter Passagier sitzen (der Bus war übervoll) und werde direkt vor der Citibank abgesetzt. Luxus. Die Bank hat geöffnet. Vor der Tür gibt es einen gründlichen Sicherheitscheck, die Tür lässt sich auch ausschließlich von innen öffnen. Gibt anscheinend Kriminalität in Panama – wie ungewöhnlich für Lateinamerika (Haha: in Ecuador ist gerade der Ausnahmezustand (oder sogar Kriegszustand?) ausgerufen worden, weil sie anders der Drogen- und Gewaltkriminalität nicht Herr zu werden glauben …)
Jedenfalls: Die Bankmitarbeiterin hinter dem Schalter ist freundlich und professionell. Allerdings sieht es nicht aus wie in einer Bank, eher wie in einer Behörde. Geldautomat haben sie auch keinen. Ich habe seit Curaçao Dollar gehortet (cash is king), es fehlen mir aber noch fast siebenhundert. Also wieder los (mich bei den Sicherheitsbeamten entschuldigt, ich komme gleich wieder), Fünfhundert auf die eine (maximale Auszahlung 250.-), (»Ihr Tagesmaximum ist erreicht«) zwohundertfünfzig auf die zweite Kreditkarte abgehoben. Zurück zur Citi. Die Rechnung/Invoice der Kanalbehörde habe ich als .pdf auf dem Rechner. Brauchen sie aber auf Papier. Also wieder los, einen Copyshop suchen, Datei auf Stick ziehen, ausdrucken lassen. Zurück. Jetzt hab ich alles zusammen, muss nur noch meinen Pass vorweisen und mein Vermögen rattert (zwei Mal) durch die Geldzählmaschine: USD 3235.-. Die Quittung ist ein unscheinbarer auf Kohlepapier durchgeschriebener Dünnpapier-Zettel. Dann ist alles geregelt. Beim Rausgehen beglückwünschen mich die Sicherheitsbeamten – endlich hat’s geklappt.
Der Weg zurück zum Einkaufszentrum Rey führt durch die Innenstadt, der Verfall sei beabsichtigt, hat mich Luis, der Taxifahrer vom Samstag, aufgeklärt: die Stadtverwaltung hat die Einwohner in Vorstädte weggelobt und will die City mit Hotels und Supermalls und Casinos zu einer Touristenattraktion entwickeln. Scheint noch ein langer Weg zu sein. Die zentrale Avenida nach 4 Alto hinaus, wo der Treffpunkt für die Rückfahrt ist, beginnt ganz schön: Bäume, Schatten, Statuen von Politikern und PoetInnen. Dann ist das Barri Sud vorbei und der Fußweg führt eine Schnellstraße an der Freihandslzone (Zona libre) entlang und schließlich durch die Einöde (und endet unvermittelt). Noch schnell eingekauft, mittags zurück in der Marina, Foto von Quittung und Pass in die ASEM-Datei für den Transit eingelesen (.pdf nimmt das Programm nicht an, muss .jpg sein – finde das erstmal einer heraus!) und um eins bin ich (hoffentlich) datentechnisch bereit für den Transit. Muss nur noch ab 18:00 mit dem Transit Scheduler telefonieren. War aber das letzte Mal (in Curaçao) problemlos.

Stille Tage in Shelter Bay

Die Shelter Bay Marina liegt am Rand des Dschungels, amerikanische Wohnhäuser auf Betonstelzen verfallen pittoresk am Straßenrand (und am Strand). Aber der Urwald reicht bis an die Landstraße: auf dem Hinweg hat ein kleiner Affe (Bonobo?) den Weg gekreuzt, auf dem Rückweg hält uns eine Familie Nasenbären (sagt Hartmut, Stuttgarter, Besitzer der Hallberg-Rassy von gegenüber) auf, die am Straßenrand herumtummeln. Will ich unbedingt aus der Nähe sehen, Spaziergang muss sein.

Donnerstag, 18. Januar. Den Dschungel-Spaziergang hab ich zweimal gemacht: Gestern mit Rita und Hartmut, Schwaben, von der HR 36 gegenüber, heute alleine, weil die beiden nach Panama City gefahren sind, ihren neuen Kühlschrank abholen. Dschungel ist komplett übertrieben, weil wir auf Betonstraßen gehen, die noch von den Amerikanern angelegt wurden, als Zufahrtswege für Siedlungen und Geschützbatterien. Ich in langen Hosen, Ärmeln und Wanderschuhen, hab einen überausgerüsteten Eindruck gemacht, die beiden gingen kurzbehost und in FlipFlops. Nasenbär ganz nah und viele Vögel, auch welche mit gelben Schwingenspitzen, die ihre Jungen in meterlang in einer Palme hängenden Beutelnestern aufziehen (die Jungen waren nicht zu sehen.) Außerdem hab ich meine Safarikappe verloren (die mit dem Nackenschutz). War zwar alt, aber ich hatte mich dran gewöhnt. Zum Glück hat sie eine andere Spazierperson am Ausgang des Wegs auf einem Stein drapiert. Heute den zweiten Weg ausprobiert, den mir die beiden empfohlen haben: Vom Boatyard aus geht eine Dammstraße zu zwei grün verwachsenen Geschützbunkern, ein wenig Tikal, ein wenig Ankhor Wat. Nur eben 20.Jhdt-Beton in rauen Mengen. Auf dem Dach des Bunkers (gut erhaltene Betontreppe) geht der Weg weiter, durch den Dschungel (das ganze Gebiet ist mit dem Abraum aus dem Kanal aufgeschüttet und somit kein echter Dschungel, sondern in den letzten Hundert Jahren von der Natur zurückerobert) und auf der ersten Lichtung lugen neugierige Kapuzineräffchen von einem Baum (s. Video)

Äffchen und Krabben und ein Schmetterling

Dann ein steiler Abhang hinunter zum Strand, hübsch verwildert und nicht zum Baden einladend. Außerdem meditiert ein Backpacker in seiner Hängematte, den ich nicht stören will. Auf dem Rückweg zwei Familien Nasenbären, mindestens 12 Tiere, die aber rasch abhauen. Unten vor dem Bunker eine handtellergroße Einsiedlerkrabbe, die ihr Schneckenhaus durch das Blattgrün hievt (dito Video). Der Weg zum zweiten Bunker, Battery Stanley wirkt weniger befahren. Zweimal Meerschweinchen (oder Oppossums?), die blitzschnell durch das Laub witschen. Ein blauer Schmetterling (dito Video) und ein schmaler Weg, der sich hoch über dem rauschen Meer und Mangroven verliert und in einen Abbruch zu münden scheint. Krauche ich ein wenig durch das Unterholz, mache mich aber lieber auf den Rückweg. Es gibt also außer dem Pool und dem Restaurant noch mehr zu entdecken in der Umgebung der Marina.
Denn seit dem Wochenende, oder besser seit Dienstag, läuft das Seglerleben entspannter. Nach dem vergeblichen Gang zur Bank vom Samstag bin ich am Montagmorgen wieder am Start. Und nach erledigter Überweisung rufe ich frohgemut den Transit Scheduler an, um einen Termin zu bekommen. Nur: »You’re not in the system. You haven’t arrived.« Ließ sich nicht klären, oder ich hab es nicht verstanden. Irgendwann in meinem (spanischen) Redeschwall unterbrach er mich nüchtern: »Inglish?« Aber was das Problem war, hab ich auch auf Englisch nicht begriffen. Ich müsse mich an eine Miss Laura wenden, gab mir auch die Telefonnummer. Miss Lauras Kollege vertröstet mich freundlich: Sie ist erst am nächsten Tag ab acht wieder im Büro. Dienstag Viertal nach acht. Miss Laura ist freundlich, kann mir aber nicht helfen, auch sie findet mich nicht im Computer. Um halb zehn sei der Kapitän da (ich telefoniere mit irgendeiner Hafenbehörde), dann solle ich wieder anrufen. Gemacht. Meldet sich eine Männerstimme unter Miss Lauras Nummer, muss irgendwas nachschauen (»un secundito!«), tippt irgendwas ein. Dann sei alles erledigt. Ich solle den Scheduler direkt wieder anrufen. – Ab 18:00h? – Nein, direkt JETZT. Tatsächlich geht er sofort dran, findet mich und fragt mich, wann ich passieren möchte. Hammer! Montag hat er keinen Slot mehr frei, also ist Sonntag, 21. Januar, der Tag. Waoh!
Nachmittags im Marinabüro frage ich (nach dem Cruising Permit für Panama und) Leinen und Fendern. Werde direkt mit Stanley verbunden. Alles klar, er kommt um vier und bringt alles, 140 USD inklusive Abholen am anderen Ende. Easypeasy. Tatsächlich wirft er schon um zwei einen Haufen Kugelfender und ein Gewirr hellblauer Dicktaue (32 mm) aufs Deck. Und seither werden wir gefragt, wann es für uns losgeht. Denn: Fender und Leinen auf Deck heißen, dass der Transittermin steht.

Ein Zeichen


Mittwoch Nachmittag kommen Sandra und John, Ina hat sie über die WhatsAppGruppe der Marina gefunden, sie werden als Linehandler mitfahren. Müssen aber leider absagen, weil Sandra eine ZahnOP bevorsteht. Ich versuche Luis, den Taxifahrer zu bequatschen, ob sein Sohn Yoci mitfahren könnte, klappt irgendwie nicht. Im Augenblick sind Gunilla und Eilert unsere Favoriten, ein schwedisches Paar, deren Hallberg-Rassy in Curaçao gegenüber am Steg lag (Edelstahlanker, handpoliert). Und Ina hat über WhatsApp eine junge Französin, Loréna, aufgetan (die sogar mit bis nach Ecuador will). Ich bin sehr erleichtert. Mal sehen.
Also: zwischen Pool und Happy Hour (Treffpunkt um 17:00h, gestern Skipperstammtisch und Pizza-Abend) beschäftigen wir uns schon auch noch mit anderen Dingen.

Panamá

Flamenco Marina, Panamá

Do., 25.01., Panamá, Panamá (“It’s so nice, you say it twice!”, wie die New Yorker sagen.), Flamenco Marina. Die teuerste Marina ever, sogar mehr als in Malaga: 62 USD/Tag! Aber dafür liegen wir außerhalb von Schwell und geschützt vor Wind. Die anderen Marinas sollen (genauso teuer und) sehr ungemütlich sein, weil die dicken Dinger aus dem Kanal direkt vorbeifahren.

Der Kanal

Am Samstagmittag können wir den Transit Scheduler anrufen, er gibt uns auch prompt den slot durch: Sonntag 15:45h. Also einen Nachmittagstermin, bei dem die Durchfahrt zwei Tage dauert. Das ist für Gunilla und Eilert zu lange, haben sie von Anfang an gesagt. Stanley ist sofort am Telefon »Gib mir eine Stunde« und hat zwei Linehandler am Start, sie kommen Sonntagmittag aufs Boot. Bis dahin sind wir vorbereitet, Ina hat Mahlzeiten für eine Hundertschaft vorbereitet, ich baue auf dem Vorschiff einen Sonnenschutz auf (der sich als völlig unnötig herausstellen wird). Alex und Manuel kommen zwar nicht um zwölf, aber (Stanley: »Die sind unterwegs«) um eins. Ein wenig nervös sind wir schon. Und dann kommt noch Luis („Luichino“) vorbei. Er ist Linehandler auf einer anderen Yacht, die sehr viel größer ist (77 Fuß!) und –er weiß das schon, wir nicht– mit uns im Päckchen durch die Schleusen gehen wird. Traffic Control (Cristobal Signal Station) sagt uns über Funk, wo wir das Zubringerboot mit dem Advisor treffen werden: 16:15 an den gelben Bojen direkt vor der Marina-Ausfahrt. Ab drei gehen wir auf Verabschiedungstour zu Rita und Hartmut von der KIRKE und Gabriela und Thomas von der KIVAVERA. War schön mit denen.


Um halb vier heißt es Leinen los, um zwanzig vor sind wir schon am Treffpunkt, Wind und fiese kurze Wellen, ca. einen Meter hoch. Wir hoovern [Minimum-Fahrt rückwärts, um das Heck im Wind zu halten und mehr oder weniger auf der Stelle zu stehen]. Um kurz vor vier nähert sich ein Pilotzubringerboot, setzt einen Advisor an einer in der Nähe driftenden Yacht ab (die aber keinesfalls 77 Fuß/26 Meter hat!) und kommt dann zu uns. Rückwärts, weil das Heck des Schleppers niedriger ist und wir so klein sind, manövriert er auf 15cm an uns heran, ohne uns zu berühren, Alex und Manuel halten Fender bereit, Lorénas Hilfe zum Einsteigen weist der Advisor zurück und springt an Bord. Später werden wir noch drei Mal erleben, wie die Zubringerboote zentimetergenau heranmanövrieren, aber niemals anstoßen. Sehr beeindruckend. Romulo, unser Pilot, ist anfangs reserviert, taut später auf. »Is the anker up? You can start the engine.«

Puente Atllantico

Und damit sind wir unterwegs. Erst quer über die Bucht, auf das Fahrwasser zu, dann am Rand des Fahrwassers zur filigranen Hängebrücke (aus 2019) und darunter durch. Wir schaffen trotz Wellengekabbel 6,4 kn und ich bin stolz auf die gute alte ELLI. Das andere Boot folgt uns. Vor der ersten Schleuse stoppen sie und stehen – wahrscheinlich haben sie einen Autopiloten, der das Boot auch auf der Stelle halten kann !?


Es ist eine Oyster 625, nagelneu/gepflegt und glänzend. Wir robben uns ran und vier Linehandler aus zwei Booten legen Vor- und Achterleinen und zwei Springs. Mit den dicken schwarzen Langfendern der SERENITY und unseren Kugel- und Minifendern hängen mindestens 12 Kontaktverhinderer zwischen den Yachten im Wasser.

Da die SERENITY so viel länger ist (aber nicht so lang wirkt), werden sie auch für uns die Leinen bedienen, vor unserem Bug und hinter unserem Heck. Einmal werden sie, wir ich befürchtet habe, an der Hydrowane entlangscheuern, aber es ist wohl nichts passiert.


Ben, der junge Skipper der SERENITY, manövriert um- und vorsichtig. Ich stehe Gewehr bei Fuß, um evtl. beim Abstoppen rückwärts zu gehen (damit das Päckchen nicht seitlich ausbricht), aber Ben (und seine kräftigen Bowthruster/Bugstrahlruder) halten uns sicher auf Kurs. Außerdem brauchen die Leinenbediener an Land, die uns vier Sorgleinen mit Knotenkugeln am Ende herübergeworfen hatten (eine hat sich, versteht sich von selbst, in meinem improvisierten Sonnenschutz auf dem Vordeck verfangen …), nie schneller als Schritttempo zu gehen, ist Vorschrift, wie die Advisorin von Bens Boot betont. Sie soll unerfahren sein, steckt mir Romulo, und er hilft ihr mit Rat aus, den sie auch souverän annimmt und nachfragt. Denn als Advisor des kleineren Bootes hat Romulo eigentlich nichts zu melden.


Sobald wir innerhalb der Schleuse fest sind, haben wir Skipper frei. Ben und seine Crew schießen Fotos auf der Vorpiek, Außerdem hat er Zigaretten, ich nicht. Neid. Ziemliche Turbulenzen im Wasser, aber merkwürdigerweise nicht am Anfang, sondern gegen Ende, wenn der Wasserspiegel schon fast seinen Höchststand erreicht hat. Unser Päckchen sitzt hinter dem Frachter THE CHIEF und seinem Schlepper, doch die Ausfahrt, der Frachter wird von den Mulis (Lokomotiven am Schleusenrand) an Stahlseilen gezogen, es gibt keine Bewegung im Wasser, keine Schreubendrehung) meistert Ben souverän. Seine Linehandler haben immer wieder dichtgeholt, unsere hatten Pause.

Die zweite Gatún-Schleuse schließt direkt an, wieder 8m Hub, bei der dritten ist es bereits sowas wie Routine. Wir dampfen heraus, das Päckchen wird aufgelöst, die SERENITY schießt auf den See hinaus, sie werden am anderen Ende übernachten. Inzwischen dämmert es, wir haben fast 18 Uhr, wir tuckern im Fahrwasser und biegen dann rechts ab, auf drei kaum beleuchtete Stahlbojen zu, die wie Curling-Eisen flach im Wasser liegen. Romulo wird vom Zubringerboot abgeholt, von der Oberkante des (gefalteten) Dinghys, die einen festen Tritt bietet, setzt er problemlos über, weil das Manöver wieder zentimetergenau funktioniert. »18:30 fest an Boje, 19:00 Chili mit Reis, Käse und Nachos«, sagt das Logbuch. Inas (und Lorénas) Küche kommt gut an, außer Handydaddeln gibt es nichts zu tun, bald ziehen sich Alex und Miguel in die Achterkajüte zurück, Loréna (erst im Cockpit) und ich nächtigen im Salon.


Der Montag (22.01.) beginnt früh, zwischen halb sieben und halb acht soll unser neuer Advisor kommen. Eduar(d) trifft aber erst um neun ein. Doch dann geht es auch gleich los. Hinter uns kommt aus den Gatún-Schleusen ein riesiger Fahrzeugtransporter mit haushohen geschlossenen Aufbauten, die RUBY ACE aus Tokio, ein schwimmendes Parkhaus, wahrscheinlich auf dem Rückweg nach Japan. Mit ihr werden wir schleusen, meint Eduard. Sie folgt uns den ganzen Vormittag auf dem Fahrwasser, das sich zwischen Inseln (ehemaligen Bergen) durch den Stausee windet und bleibt zurück.


An manchen Stellen führt der Fairway nur knapp am Ufer vorbei, teilweise nur fünf Meter zwischen uns und den (hoffentlich) steilen Felsen. Zu knapp, findet Ina. Aber alles geht gut. Nur Krokodile sehen wir keine. Die es aber im See (der gleichzeitig das Trinkwasserreservoir von Panama City ist) zahlreich geben soll.


Kurz nach Mittag müssen wir die Fahrt reduzieren, der letzte Teil der Strecke ist eng und ein Riese der NeoPanamax-Klasse kommt uns entgegen, den wir vorbeilassen müssen: breit und lang, haushoch mit Containern beladen. Dann taucht die Bergkette am Culebra Cut (»The Cut«) auf. Stufen von ca. fünf Metern sind aus der Böschung gegraben worden, die Franzosen hatten es sich in den Kopf gesetzt, einen Kanal auf Höhe des Meeresspiegels zu bauen, sie hätten dafür noch zehn Stufen tiefer graben müssen, 26m für den Stausee, weitere fast 30m für den Kanal. Ihre Stufen liegen entsprechend zurückgesetzt im Süden. Die französische Kanalgesellschaft ist über den Plan ohne Schleusen (und einen Korruptionsskandal) Pleite gegangen. Aber Gaillard-Cut hieß die Engstelle zu ihrer Zeit. Für den Culebra-Cut haben sie im Wortsinn Berge versetzt, Zehntausende von angeheuerten ungelernten Schippen-Arbeitern, wegen der Rassentrennung der USA auch noch unterschiedlich bezahlt und behandelt, mit mehr Sprengstoffeinsatz als die vereinigten Staaten (bis dahin) jemals in einem Krieg benutzt haben. Sehr beeindruckend. Vom Ausgang des Kanals kommen uns Ausflugsboote entgegen, fröhlich winkende Touristen, die keine Ahnung haben, wie uns der Schwell ihrer mit Höchstgeswchindigkeit rasenden Motorboote durchschaukelt. Für die San Miguel-Schleuse, die wir vor einem Frachter (CAPE SCOTT) passieren werden, gehen wir am Schlepper des Großschiffes längsseits, nachdem der seinen Auftraggeber gegen die Kaimauer bugsiert hat.

Damit gibt es wieder nichts zu tun für unsere Linehandler; aber Alex und Manuel haben einen professionellen Job abgeliefert, frühzeitig und kundig Leinen und Fender vorbereitet und an die entsprechenden Stellen gelegt, sie funktionieren als Superteam. Ina und ich sind froh, dass wir nicht mit Gunilla und Eilert gefahren sind, Loréna ist, obwohl sie den Kanal bereits zum dritten Mal passiert und sich damit Geld verdient, keine große Hilfe.

Ohne Teleobjektiv!

Eine gute Meile Fahrt zu den beiden letzten Miraflores-Schleusen. Überraschung: An einem Aussichtspunkt, einem mehrgeschossigen Gebäude mit Treppen und Drahtverhau, drängeln sich Hunderte von Touristen und filmen und fotografieren uns. Dabei sind wir das einzige kleine Boot in der Schleuse, bis die CAPE SCOTT langsam hereingeglitten kommt. (Auf dem Internet-Feed der Webcam sind wir nicht zu sehen, wie uns Eduard zeigt, weil wir von einem Wärterhäuschen abgedeckt sind).


Die Miraflores-Schleusen werden wir alleine und an der Schleusenmauer nehmen. Schleusen an der rauen Mauer ist nicht empfohlen, aber beim Abwärtsschleusen, versichert uns Eduard, gibt es keine Turbulenzen. Und Alex und Manuel haben was zu tun: fast über Masthöhe ragt die Schleusenwand am Ende über uns auf, ihre Leinen stehen beinahe senkrecht.
Bei der Ausfahrt erschreckt uns ein fürchterliches Geräusch, ein fies metallisches Rattern und Schlagen. Es scheint von der Drehzahl des Motors abzuhängen, auch das Ruder vibriert manchmal. Im Leerlauf ist es weg, am Motor liegt es also nicht. »Fahren wir weiter?« fragt Eduard. Was sonst? Also stellen wir das Gas auf eine Drehzahl, wo das Rattern am wenigsten markerschütternd klingt und fahren vorsichtig weiter. Ohne Zicken scheint es die Dramaqueen ELIZABETH nicht zu tun, nachdem sie inzwischen zwölfeinhalb Stunden klaglos getuckert ist.

Wir schaffen es auch noch durch die letzte Schleuse, das Tor (das gar nicht so eindrucksvoll hoch ist, wir scheinen Flut zu haben) öffnet sich auf den Pazifik hinaus. Ist aber auch nur Wasser. Ich versuche, den Moment auf Video (s.u.) festzuhalten, doch Alex gibt mir ein Zeichen: Die Leinen sind bereits los, wir müssen fahren.


Endlich die langersehnte Passage unter den Eisenstreben der Puente de los Americas hindurch, einer elegant geschwungene Kombination aus Trag- und Hängebrücke. Links kommen die Kräne und Docks des Hafens in Sicht, dahinter die Skyline der Stadt mit Hochhäusern eng an eng. Ein ewig langer Uferstreifen, fast eine Art Wellenbrecher schließt sich an und der Balboa Yacht Club, wo Alex sich über Funk ein kleines Motorboot ordert, das Leinen, Fender und Alex und Manuel übernimmt. USD 120 für jeden der beiden, dazu jeweils 20 Tip. Sie waren großartig.

San-Miguel-Schleuse (die drittletzte)
Skyline, eng gedrängt: Panamá, Panamá

Eduards Zubringerschlepper lässt auf sich warten, wir drehen Kreise vor der Einfahrt, aus der er kommen soll. Dann übernimmt er unseren Lotsen routiniert, wie wir es inzwischen gewohnt sind (vorher hat er mich angewiesen, die Fahrt komplett aus dem Schiff zu nehmen – dabei bewegen wir uns ausschließlich durch den (starken) Wind (und das Sonnenschutzsegel). Trotz Ratterns schaffen wir es um das Ende der Halbinsel herum, funken die Flamenco-Marina an und werden von einem Motorböötchen zu unserem Liegeplatz geleitet. Festmachen noch bei letztem Tageslicht, dann Anmelden und Kippen besorgen. Wir sind selig.
Zur Feier des Tages laden wir Loréna zu Cocktails und Abendessen ein, landen aber unglücklicherweise in einem (brasilianischen? argentinischen?) Carnivorenparadies, wo Armbändchen-ausgestattete Esser von Kellnern mit Fleisch am Spieß in allen Variationen verwöhnt werden, bis sie nicht mehr können. Sieht aber elegant aus, wie sie ihre Fleischspieße auf der einen Hand (und einem Eisenteller) balancieren, mit der anderen Hand (und einem Messer) hauchdünne Scheiben tranchieren, die von den Essern mit extra gereichten Pinzettengreifern auf ihren Teller drapiert werden. Jedenfalls ein erleichterter Abend. Mit Bier aufm Schiff.

Die SERENITY ist auch schon da

Am Dienstagfrüh tauche ich unter das Boot und finde den Ratter-Fehler: Aus dem Cutless bearing, einem Gummilager, das in einer Messingtülle läuft und die Propellerwelle im Wellenbock stabilisiert, hat sich das Gummi herausgearbeitet. Deswegen schlägt Welle gegen Messingbuchse.
In der Propellerwerkstatt auf dem Marina-Gelände sagen sie: das Boot muss aus dem Wasser, Cutless bearing austauschen. Wenn sie die Größe wissen, können sie das vorher bestellen, dauert (weil vielleicht metrisch) vierzehn Tage. Nicht gut.
Flöh ich meine Unterlagen durch, aber den Kassenzettel aus der Chandlery in Dartmouth/ Kingsbridge finde ich nicht mehr. Ob es sich lohnt, zu versuchen, das Gummi einfach wieder an seinen Platz zu klopfen?
Da geht ein Marinero in Tauchausrüstung (Wetshirt, Flossen, Brille) auf dem Steg entlang. Ob er auch Reparaturen mache? Nein, er inspiziert nur die Stege (von unten). Schade. Eine halbe Stunde später steht er doch am Boot. Um was es denn gehe? Er kenne einen Freund, der habe auch (Pressluft-)Flaschen und könne länger tauchen. Gesagt, getan. Noch vor Mittag kommen die beiden, mein Amigo macht sich nackig (Badehose), springt ins Wasser und inspiziert den Schaden. Ein Stück Holz und einen Lappen hat er bereits mitgebracht, verlangt Hammer, Spachtel und eine Faustvoll Fett, schließlich noch einen großen Schraubenzieher. Und hat innerhalb von zehn Minuten das Gummi wieder in die Buchse zurückgedengelt! (USD 60) Wird zwar nicht ewig halten, aber im Februar/März kommt das Schiff eh aus dem Wasser (hoffe ich) und dann ersetz ich das Cutless bearing. Gegen Mittag macht sich Loréna (USD 80.-) auf den Rückweg zur Shelter Bay Marina, nicht ohne vorher herumzufragen und ihre Flyer auszuhängen. Und ich fahre mit Ina (und Uber) in die Stadt. Sie wird sich ein Tatoo stechen lassen, ich die Altstadt (Casco antiguo) auschecken. War aber zu weit. Dafür hab ich die Marktstraße 5 de Mayo (Kartoffeln, Tomaten, eine Ananas für 0,50 USD!) gefunden und den Rückweg mit Metro und Bus recherchiert. Zur Sicherheit bringe ich noch eine Schlauchschelle auf der Welle vor dem Gummi an. Ansonsten gilt: Bei jedem Tauchen kontrollieren!
Mittwoch Vormittag fährt Ina in ihr Hotel am Flughafen (Schnief!), sie hat ihren Rückflug heute sehr früh, und ich gehe Schlendern und Abendessen in der Altstadt – die wunderschön ist. Auch wenn die Kuna in Tracht auf dem Platz vor der Kathedrale zu Panflötenmusik tanzen (gegen Trinkgeld) und ihre Molas (und Umhängetaschen mit Molas und Hüte und Nippes) auf der Promenade am Meer verkaufen. Im Diablitos machen sie Ceviche (serviert in einer halben Kokosnuss) und Hühner-Cordon-bleu sehr fein (und recht/zu viel). Rumpunsch aufm Boot.

Alles eine Frage der Beleuchtung: die LIZ in schön.

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