46. Luxusyacht ERZEBET

Bei der Ankunft in Flamenco Marina (Foto: Ina)

Als Odysse letzte Woche im Bankenviertel herumspazierte und sich die Luxusgeschäfte ansah, kam er auch am Büro eines Immobilienmaklers vorbei.  Und ging rein. »Where are you staying?« war eine dessen erster Fragen. »Oh, on a boat in the Yachtclub«, gab Odysse zurück. Anscheinend eine angemessene Antwort, denn danach hat er Angebote für Kaufappartments in der Innenstadt für 2 Mio vorgeschlagen bekommen. Da hat die gute alte ELLI aus Versehen einen (falsch) guten Eindruck gemacht …

Hier in der Marina Flamenco werden, wie schon geschildert, steile Preise aufgerufen. 70 USD pro Tag, Elektrizität geht extra. Weil mein kaputtes cutless bearing nur außerhalb des Wassers repariert werden kann und die das in Vacamonte nicht machen konnten und inzwischen auch entweder das Getriebe oder nach neuesten Erkenntnissen möglicherweise die Kupplung kaputt ist, hab ich das Angebot des zur Marina gehörenden Reparaturbetriebs eingeholt. Dauerte. Vielleicht, weil es so schwierig war, die astronomischen Zahlen zu addieren: 8250 USD. Für Platzmiete, Ausbau des Motors, Auswechseln des cutless bearings, Antifouling und einen Mietkran (weil der Kran des boatyards kaputt ist). Und das alles ohne Garantie, dass die Reparatur funktioniert (weil sie Ersatzteile vielleicht nicht in der richtigen Größe dahaben, weil vielleicht das Getriebe kaputt ist …) Dazu kommt noch der Travellift mit 950 USD und die Ersatzteile. Macht zusammen rund 10.000. Musste ich mich erstmal setzen.

Nasenbär im Parque Natural

Das Boot hierzulassen würde 1588 pro Monat kosten – gar nicht soo astronomisch, wie ich gefürchtet habe. Einen Tag Bedenkzeit genommen. Antifouling und Kran vom Kostenvoranschlag gestrichen, 600 gingen die auch noch runter: sind wir bei 4200. Immernoch ohne Garantie. Und unter der Voraussetzung, dass ich es hinkriege, den Motor mit Bordmitteln (Großschot) rauszuhieven.

Odysse(s Bart) vor der Brücke der Sehnsucht: Puente de los Americas

Rücksprache Paula und ihr Rat: Cool bleiben, erstmal ablehnen. Alternativen suchen.

Bin ich in die benachbarte Marina Playita spaziert. Die rufen noch höhere Preise auf. Haben mir aber einen Mechaniker empfohlen. Sogleich mit ihm telefoniert. (Das war am Donnerstag) Soll ich am Montag (heute) wieder anrufen, ob er am Dienstag kommen kann. Rief ich um die Mittagszeit an, war er schon hier in der Marina, kam innerhalb von Minuten vorbei, ein dicklicher kleiner Mann, redete gern, viel und sehr von sich überzeugt. »Ich berechne nach Job, nicht nach Stunden. Wenn einer nach Stunden berechnet, heißt das nur, dass er langsamer arbeitet.«

Er will das Getriebe (und den Kupplungsdom)abbauen (Propellerwelle nach hinten verschieben), ohne den Motor auszubauen. Soll ich am Mittwoch wieder anrufen, ob er vielleicht am Donnerstag oder Freitag anfangen kann. Hab ich wieder Hoffnung.

Seglerleben

Nicht alle Tage hab ich in der Marina verbracht, die Decksausrüstung schon fast komplett abgebaut, die nota nachgetippt (das Schreiben an die Dezernentin, die für den Hafen Vacamonte zuständig ist, wo ich um Erlaubnis nachsuche, das Boot neun Monate zu lassen), ein großes Paket mit Klamotten nach Hause geschickt, im Eisenwarenladen nach Ameisengift und Leinen gefragt, Lebensmittel eingekauft (Ananas für 0.75 USD, köstlich), einen Abendspaziergang zum Pizzaessen unternommen und das Boot aufgeräumt und saubergemacht (noch nicht ganz fertig).

(auch nicht) ruhigere Tage: Vacamonte

Direkt hinter mir liegt eine Supersegelyacht, eine Ketsch aus den Fünfziger Jahren. Ihr Besitzer hatte schon Odysse angesprochen und ihn auf ein Bier eingeladen. Diese Einladung hat er auch mir gegenüber wiederholt und am Samstag um 1700 war ich dort. Anne und Gary sind Australier, Gary hat aber hier eine Fabrik (für Abschattungsgewebe) aufgemacht und ist gerade daran, eine weitere (seine sechste) für Modulfertighäuser aufzuziehen. Hat er aber seinem Sohn übertragen, er hatte einen Schlaganfall und ist noch rekonvaleszent (70 Jahr alt, alle beide, ihr sieht man es nicht an).
Das Schiff SEA DIAMOND ist eine Legende, die Kennedys (JFK und Jackie) sollen schon drauf gewesen sein, die Queen of England (der Vorname fällt mir grad nicht ein) hat mehrfach Urlaube auf dem Schiff verbracht, Rockstars, Banker, etc. Als eine („die“) New Yorker Innenarchitektin eine Innenausstattung designte (drei Bereiche mit drei Stilrichtungen, Venedig, Vivaldi, Gershwin), musste ein früherer Besitzer passen: statt 1,7 Mio sollte das Kunststück am Ende 7,5 Mio kosten. Das, und der Moment, wo er mit den Anglerstuhl für seinen Sohn zeigte („ein passionierter Angler“) waren die einzigen Male, da wir über Geld gesprochen haben (und als Anne sich aus einer Situation, wo sie „angebettelt“ wurde, aber sich nicht sicher war, ob sie die Dame nicht doch aus gesellschaftlichen Zusammenhängen kennt, nur mit einem Trick herauswinden konnte …). Der Anglersessel, kippbar, mit Fußstütze und Armlehnen, stilsicher aus den 50ern, kostete USD 25.000.

ELLI (links) und SEA DIAMOND (rechts, etwas größer)

Das Bier stellte sich als köstliche Imbissplatte heraus, selbstgebackene Blumenkohlbratlinge mit Joghurtsoße, Schinken, Käse (mit Zwiebelconfit), Lachs-Taramá. Nur Besteck gab es keins (sollte mit Cräckern funktionieren). Doch zuvor Schiffsführung: Jede Oberfläche aus massivem Edelholz, Nussbaum, Mahagoni. Oberflächen als Stilmittel: die Eignerkabine („Venedig“) hatte matte Flächen und hochglänzende Rahmen. 5 Esstische für jeweils acht Personen, im Mittelcockpit (völlig wettergeschützt), auf dem Vorschiff, auf dem Heck, im Salon (wo wir saßen) und im Esszimmer (vier Stufen tiefer, neben der Küche). Alleine die Crew-Kabinen, jeweils mit eigenem Bad, hätten jeder handelsüblichen Luxusyacht gut zu Gesicht gestanden. Motorraum, Größe Squashcourt: zwei Achtzylinder-Diesel, zwei Generatoren (einer läuft durchgehend), zwei hydraulische Stabilisatoren (seitlich abstehende Ruder, um Rollen/Krängung zu regulieren), Kühlschränke, Waschmaschinen. Alle technischen Einrichtungen hinter Edelholztüren verborgen, versteht sich. Am Ende haben wir auch noch über mich gesprochen, es gab Weißwein und wir sind (Trinkspruch) „neue Freunde“. Echt sympathische Leute, ungezwungen, Anne hat zuhause zwei Pferde im Stall stehen (»die sind alt, die brauchen nicht mehr viel Bewegung, die kriegen ihr Gnadenbrot«).
In vier Monaten wollen Gary und Anne über den Atlantik nach Europa (ich hab ihnen Malaga empfohlen), größtenteils unter Segeln (obwohl sie 8000l Diesel dabei haben und die Maschinen „kaum etwas“ verbrauchen). Klingt wie ein romantischer Plan. Jedenfalls bin ich nach zwei Stunden ziemlich beschwingt die acht Schritte zurück auf mein Boot gewankt.

Heute hat Gary mir übrigens seinen Mechaniker herübergeschickt, Paolo hat auch seine Karte dagelassen, obwohl er mitbekommen hat, dass Alejandro mittags auf meinem Boot war. Wird doch wohl kein schlechtes Zeichen sein?

Schöner Hafen mit Sandstrand: Vacamonte

Odysse hat (wie auch Alba und Marlene) ein Kilo getrockneter Linsen gekauft. Die werden diese Woche kleingemacht. Gestern Linsensuppe, heute Linsen mit Nudeln (Spätzle gibt es mangels Eiern nicht), morgen Linsensalat mit Ananas (Inas Rezept). Gut durchgekocht ist es gar nicht so schlimm mit den Blähungen, außerdem bin ich ja sowieso alleine (seufz).

Am Dienstag letzter Woche stieg überraschend Loréna aufs Schiff, gerade angekommen nach einer Kanaldurchfahrt als Linehandlerin. Hab ich ihr Orangensaft angeboten. Hat sie stehen gelassen.
Irgendwann während des Studiums hab ich von einer Studie gelesen, nach der die Mehrheit amerikanischer Jugendlicher frischgepressten O-Saft als „schmeckt künstlich“ einstufen. Hätte nie gedacht, dass ich so eine Person einmal im richtigen Leben treffe. Lorena fand, der O-Saft müsse hinüber sein (sauer geworden, verdorben). Ob sie noch nie unverdünnten, ungezuckerten Saft getrunken hat?

Ebbe in Vacamonte

Dienstag, 5. März. Flamenco Marina (die dritte Woche bricht an – à USD 433.-).
Es gibt auch gute mal gute Nachrichten. Morgens bin ich früh los, um 1000 in Vacamonte aufgelaufen. Der Taxifahrer wollte warten, ich habe ihm gesagt, es könne länger dauern. Bei der Migracion meinen Bittbrief um Hafenerlaubnis für neun Monate vorgezeigt. Alle hatten Uniform an und sahen offiziell aus. Der Chef gab mir eigenhändig Unterschrift und Stempel für einen dreimonatigen Aufenthalt (bis 5. Juni). Ich müsse allerdings noch den Stempel der Seguridad, des Sicherheitsdiensts, einholen. Zwei Türen weiter, Anmutung wie ein Polizeirevier (blau gestrichen, Tresen), aber eine superfreundliche, verschmitzte Señora: neun Monate gingen gar nicht. Für drei Monate gebe es kein Problem, aber neun? Dass ich nach Deutschland fliegen und meine Familie sehen wolle, hat sie verstanden und erweicht. Es gebe eine Möglichkeit, Erlaubnis für ein Jahr zu bekommen. Müsse aber der Leiter der Hafenbehörde höchstpersönlich genehmigen.
Der Licen(ciado) ist erstaunlich jung, versteht mein Anliegen, warnt mich aber, dass im Hafen Drogenschmuggel, Prostitution und Diebstähle vorkämen, er habe zu wenig Leute, die aus Panamá-City schickten ihm zu wenig Personal. Im Prinzip habe er nichts dagegen, mir ein Jahr zu genehmigen. Gesagt, getan, das Risiko nähme ich auf meine Kappe. »Un año.«, Stempel, Unterschrift.
Na also, es gibt wunderbare Überraschungen, freut sich die hilfsbereite Dame vom Sicherheitsdienst. Formular ausgefüllt, Stempel, Unterschrift. Jetzt müsse ich nur noch bei der Hafenverwaltung drei Dollar für den Stempel bezahlen und ein Foto machen lassen.
Ging fast ganz schnell (Nur Odysse kann sich eine Vorstellung davon machen, wie das alles lief. Spoiler: Es ging viel besser als befürchtet, es hat insgesamt nur zwei Stunden gedauert.) Im Hafenbüro hab ich gewartet, bis der Kassierer seinen Schriftkram erledigt hatte – der Chef (oder der am nächsten zum Eingang saß), hat sich angeregt nach der ELIZABETH erkundigt, wo sie jetzt liege, was repariert werden müsse, etc. Er hat mich wiedererkannt und sich an meinen Aufenthalt mit Odysse erinnert –, drei Ocken bereitgehalten, es gab ein Formular, Stempel, Unterschrift. Im Kleinbüro gegenüber folgte Fototermin, außerdem einen Abholtermin: ab Donnerstag, acht Uhr kann ich meinen Besucherausweis für den Hafen, Gültigkeit drei Monate, abholen (oder später, ich hoffe am nächsten Montag nach Vacamonte fahren zu können). Wieder zurück zum Sicherheitsdienst, meine Nota mit inzwischen drei verschiedenen Stempeln und Unterschriften abgegeben. Und das Beste: Der Kollege der freundlichen Dame spricht mit dem Capitán im Kontrollturm und sie beratschlagen, wen sie mir als Aufpasser für das Boot empfehlen könnten. Ruft er den Mann auch gleich an, der kommt wenige Minuten später mit seiner Lancha um die Ecke, wir reden und kommen ins Geschäft: USD 20 pro Tag verlangt er dafür, ein Auge auf die Elli zu haben, »día y noche«. Ob sie Wasser ziehe, will er wissen. Ich verneine.
Also hab ich Mittags: die Genehmigung, ELLI dort im Hafen zu lassen; jemanden, der auf das Boot aufpasst; und eine Verbündete im Sicherheitsbüro: »Die Migration gibt nur drei Monate, aber fliegen Sie nach Deutschland und wenn sie zurückkommen, lässt sich alles regeln.« Unter der Hand gesagt, selbstverständlich.
Ein halbe Stunde setze ich mich ans Hafenbecken und lasse die Atmosphäre des Ortes auf mich wirken, an dem ich die ELLI für neun Monate zurücklassen werde. Dann geht es zurück (Privatauto, Bus, Metro, Bus) in die Flamenco Marina. Vier Uhr wieder an Bord. Das war einmal ein guter Tag.
Klar muss ich alles Wertvolle aus dem Schiff räumen und abbauen. Klar muss ich Niño, den Wächter, ab und zu anrufen, ihn vielleicht bitten, das Boot einmal zu lenzen. Aber alleine die Tatsache, dass es sich im Hafen herumsprechen wird, dass jemand für das herrenlose Boot zuständig ist, gibt mir ein gutes Gefühl. Hoffentlich berechtigt.

Auch Ebbe

Mittwoch hab ich den Mechaniker Alejandro angerufen, er will am Freitag früh kommen. Heute, Donnerstag, unters Schiff getaucht (trübe Brühe) und die Sicherung (Schauchschelle) an der Propellerwelle entfernt/verschoben. Ist mir heute beim Aufwachen siedendheiß eingefallen, dass sonst Alejandro nicht, wie geplant, den Propellerschaft nach hinten verschieben kann … In Arbeitslaune gleich noch das Bad geputzt. Jetzt Mittagspause.

Mittags riefe der Mechaniker an, ob er jetzt gleich vorbeikommen könne – nichts lieber als das! Inzwischen ist es vier Uhr, Alejandro und sein Helfer haben Feierabend gemacht und zuvor schon viel geschafft: den Motor schräg hochgewuchtet, den Kupplungsdom abgenommen und herausgefunden, das die Kupplungssscheibe (so gut wie neu aussieht, aber) falsch herum eingebaut war, ihre Bolzen gelockert und abgeschoren hat und dies der Fehler ist. Außerdem ist ein Tragbolzen der Motoraufhängung gebrochen (gewesen). Morgen will Alejandro wiederkommen, die Schwungscheibe mitnehmen (und ausbohren lassen) und am Montag, Inschallah, alles wieder zusammensetzen. Hört sich an wie ein guter Plan, oder?

Ein Gedanke zu „46. Luxusyacht ERZEBET“

  1. Man soll auf die Frauen hören – und schon gehts einfacher. Das klingt doch am Schluss sehr gut. Wir fiebern mit und halten die Daumen (Reparatur erfolgreich, Schiff bleibt heil, während du nach D kommst. Kosten bleiben im Rahmen…). Hoffe wir sehen uns, wenn du da bist. VG Thomas

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