IX. Ende – 53. Panamá, no mas.

Aus der Traum

Bin mit ziemlich konkreten Plänen angereist: Weil Paula erkrankt ist und sich einer Chemotherapie unterziehen muss und ich nicht die Nerven habe, sie dabei alleine zu lassen, werde ich meine Reisepläne umwerfen. Die nächsten zwei Jahre möchte ich nicht lange unterwegs sein. Also werde ich für die ELLI eine Möglichkeit suchen, sie erst einmal stillzulegen, entweder im Pazifik, in einem Yachthafen mit Hebekran, den Niño (den ich dafür bezahle im Hafen auf das Boot aufzupassen) kennt. Oder in Bocas del Toro, auf der Karibikseite von Panama. Die Kanaldurchfahrt habe ich schon von Deutschland aus gebucht. Zu aller Not könnte ich das Boot auch noch ein paar Monate bei Niño im Hafen lassen, denke ich.

Am So., 19. Januar 2025 bin ich von Köln über Madrid nach Panama geflogen, am 20. mittags im Hafen Vacamonte angekommen. Niño hat mich schon vom Wasser aus gesehen und mir zugewinkt. Großes Hallo. Die ELIZABETH sieht ziemlich kläglich aus. Zwar ist sie picobello sauber, Niño hat sich rührend gekümmert. Aber durch einen Hurrikan hat die Arme einiges abbekommen. Alle Fender sind gefetzt, Niño musste immer neue ausgeben. Jetzt hängen alte, abgeschrammte, im Hafen zusammengesuchte zwischen ihr und dem Fischerkahn, der Niños Zuhause ist. Eine Relingsstütze ist gebrochen, eine andere ordentlich verbogen; die Drähte des Seezauns hängen wüst verdrillt und in einem Gewirr von Leinen, die Festmacher sind übelst verknotet. Trotz allem muss das Schiff am Nachbarkahn geschrammt haben, in die Deckskante ist ein kirschgroßes Loch geschlagen, die Scheuerleiste ist abgeschoren und ihre Schraube hat ebenfalls ein Loch in den Rumpf gerissen. Die Gummileiste fehlt. Und die Ankerwinsch, an der drei Festmacher seitlich gezogen haben, ist aus dem Deck gebrochen (und wieder zurückgesunken), dort ist ein fingerlanger Riss im Deck. Außerdem sind von den Vögeln, Pelikanen, sicher  sechs oder sieben Kilo schwer, die sich auf Verklicker und Windfahne gesetzt haben, beide Anzeiger abgebrochen, Niño übergibt mir die Übrigbleibsel. Eine Klampe ist verbogen, ebenso die Halterung des Bimini, beides ließ sich aber innerhalb eines Tages reparieren.

Denn am nächsten Tag sah alles schon weniger schlimm aus. Den Motor hab ich gecheckt: er saß fest, ließ sich aber gängig drehen, Sprit hatte er auch und in der (einen, nicht defekten) Batterie war sogar noch genug Saft für einen Startversuch. Nur angesprungen ist er nicht. Noch am Di nachmittag den Mechaniker Alejandro (Lopez, von Servicios Morice; falls mal jemand am Kanal einen Mechaniker braucht: sehr zu empfehlen!) angerufen, er kann schon am Donnerstag kommen – gut.

Am Mittwoch aufgeräumt, den Herd in Betrieb genommen: Kaffee aus eingeschmolzenem Instant-Fels gekocht. Ach ja: Sonnenblumenöl verdunstet oder diffundiert durch Plastikflaschen: eine nicht angebrochene Flasche ist zu einem Drittel leer. Vorsegel und Großsegel aufgezogen, beide zum Glück noch intakt; Bimini und Sprayhood schon am Dienstag installiert – die ELLI sieht fast schon wieder aus wie ein Segelschiff.

Shiny february: das Wetter ist herrlich, kochend warm, ab und zu ein lindes Lüftchen, ab und an ein Regenguss. Werde schon braun (auch vor Schmutz: heute zum ersten Mal nach vier Tagen eine Dusche genommen, aus dem Wasserfass auf Niños Kahn).

Was nicht so gut kommt: Niño hat zwar jede Menge Rattengift verstreut, kleine rosa Röllchen und lindgrüne Bauklötzchen, aber mindestens doppelt so viele Rattenköttel sind überall im Schiff verstreut: kleine, lakritzfeste und mattschwarze Köttelchen, die, wenn sie nicht gerade festgetreten sind, sich leicht aufsammeln oder wegfegen lassen. Was weniger leicht weggeht: der scharf-saure, beißende Geruch von Rattenpisse. Shiny february: es gibt keine einzige Ameise an Bord. Und allem Anschein nach hat die (einzige gesichtete) Ratte das Schiff wieder verlassen. Nachts meine ich Geräusche zu hören, aber es war wohl (hoffentlich) nur das Rascheln der Plastikmülltüte im Wind im offenen Niedergang. Ab sieben Uhr abends gehen die Temperaturen auf angenehmes Schlafklima zurück. Immer wieder überraschend: der Tagesablauf in den Tropen, halb sieben morgens Sonnenaufgang, hell wird es erst kurz zuvor; sieben Uhr abends: Sonnenuntergang und ziemlich sofort auch Düsternis.

Noch auser der Traum

Heute, Donnerstag früh, Klar Schiff gemacht, zumindest den Salon aufgeräumt und die Bilge ausgetupft (36 l, anscheinend Süßwasser, jedenfalls dem Geschmack nach: nur ganz leicht salzig – vom Regen?). Alejandro will um die Mittagszeit anrücken, ich soll ihn bei der Polizeistation am Hafeneingang erwarten – und will bis dahin mit den Polizeiwachen klarmachen, dass sie ihn überhaupt ins Hafengelände lassen. Um neun schalte ich das Telefon an. Und hab drei Nachrichten. Der Mechaniker ist bereits unterwegs. Wird in einer Stunde da sein (die Nachricht ist eine Stunde alt). Schickt mir ein Foto der Polizeistation, wo er bereits wartet. Losgehetzt, hingerast (Taxi). Mich bei den Mechanikern entschuldigt, sie sind drei Mann hoch angerückt, mit dem Chef der Station geredet, meinen Passierschein vom Februar vorgezeigt. Den zieht er sofort ein, weil er seit Juli nicht mehr gültig ist. Ich muss zurück zum Hafen (5 km), das Okay des Hafenmeisters bei der Verkehrsüberwachung, trafico, holen. Zum Glück hat das Taxi gewartet. Alejandro ist die Ruhe in Person, das gehe hier immer so. Tatsächlich ist es dann mit einem Anruf vom Hafenmeister erledigt, Alejandro und seine Helfer wuchten Werkzeug und eine sauschwere Ersatzbatterie auf Niños Lancha und dann auf seinen Fischerkahn und die ELLI. Nach einer halben Stunde Herumorgeln, die meiste Zeit mit meiner eigenen Batterie, findet Alejandro Wasser in einem der Zylinder: anscheinend hat der Motorblock einen Riss und das Kühlwasser tritt irgendwo ein. Jedenfalls: der Motor muss ausgebaut und auseinandergenommen werden. Niño reicht mir fast unaufgefordert eine neue Packung Kippen und ein Feuerzeug. Verzweifelte Frage an Alejandro: »Du weißt nicht zufällig jemand, der das Boot kaufen will?« – »Könnte schon sein, dass ich einen weiß.«

Ich bleibe mit den Mechanikern an Land, schicke die Bestätigung für die Bezahlung der Kanaldurchfahrt nochmal los, jetzt hoffentlich an die richtige Stelle. Und cancele mit gleicher Post die Durchfahrt (an eine andere Stelle). Dann erstmal Geld holen. Alejandro gab sich mit dem zufrieden, was ich noch an Barem in der Tasche hatte (80 $ US). Wenn jetzt der Geldautomat nicht funktioniert, bin ich am A… Denn die Handyaufladung für dei panamáische SIM hat irgendwie auch nicht funktioniert, ich hab kein Guthaben, kann nicht telefonieren und bin nicht erreichbar. Letzte Dollars für einen Kaffee und das Taxi. Aber alles geht gut. Banco General spuckt 250 aus, der Mobilfunk-Chinese lädt mir wie nix einen Zehner Guthaben aufs Telefon. Und die Rückfahrt und die Behördengänge (Sekretariat Handelsmarine, Hafenbehörde, Immigration, Hafenmeisterei,Verkehrskontrolle) klappen auch. Über die Amtsstubenatmosphäre habe ich schon ein Jahr zuvor mit Odysse gescherzt. Jetzt noch den Liegeplatz in Flamenco Marina (in Panamá Stadt) reservieren, dann Duschen (aus dem Wasserfass von Niño) und das Tagwerk ist geschafft.

Am Freitag (24.01.) früh auf, mit Kaffee im Morgengrauen. Dann das Funkgerät eingebaut – welches aber ohne Batterie ohnehin nicht funktionieren wird. Nach dem Georgel, um den Motor zu starten, ist auch die bessere von beiden auf 10 V runter (alles unter 11,8 kann die Batterie zerstören.) Text von Alejandro: sobald ich in Flamenco bin, soll ich Bescheid sagen. Die Marina am Ausgang des Kanals kommt mir vor wie Paradies und Zivilisation (Wasser, Strom, Duschen, Landzugang!) zugleich.

Samstag früh schleppt mich Niño ein paar Dutzend Meter zurück, weil ich nach vorne nicht rauskomme, da liegt die Ankerleine seines Kahns quer. Dann geht es mit einem Windhauch (zum Glück in die richtige Richtung) im Schritttempo aus dem Hafen. Abschiedswinken von benachbarten Kähnen und einer Offiziellen am Kaiabschluss: 08:00 ab Vacamonte. Niño fährt noch ein paar hundert Meter mit, umkreist das Boot, macht Videos und Fotos ohne Ende. (Am Vorabend hatte er sich als Schiffsbesitzer inszeniert, mit Kaffeetasse am Steuerrad, winkend. Sehr lustig. Er ist inzwischen zu so etwas wie dem Grundversorger des Hafens aufgestiegen, verkauft Kippen, Kekse, Softdrinks. Und verdealt Fisch, den er manchmal als Bezahlung bekommt. Den Freitagvormittag lang haben er und ein Kumpel meterlange dorschähnliche Fische auf dem Boden seines Kahns zerlegt, Haut abgezogen, filettiert. Sah professionell aus.)

Fahrt nach Flamenco (nur 12 sm, 9 sm Luftlinie): die ersten zwei Stunden kommen wir entspannt voran, leichter Wind von hinten, eine kleine Insel ist zu umfahren, keine Probleme. Höchstens, dass der Wind einschlafen könnte. Aber hier nahe der Küste wäre es auch flach genug zum Ankern. Der gefürchtete Humboldtstrom (der mir hier der Küste entlang entgegenkommen müsste,) ist schwach oder wir sind einfach schneller. Dann schläft der Wind nicht etwa ein, sondern frischt auf, dreht und kommt genau auf die Nase.  Dazu baut sich eine fiese, kurze, hohe (2 m) Welle auf. Die vielen Frachter, die links und rechts vom Fahrwasser des Kanals auf Reede liegen und auf Fracht oder ihre Durchfahrt warten (und uns exakt entgegenstehen – im Wind!) sind plötzlich blöde Hindernisse. Zwar kämpft sich die ELLI tapfer hart gegenan, kommt aber nicht richtig auf Touren: der Rumpf ist von den acht Monaten im Hafen übelst bewachsen. (Alleine das Abkratzen und -bürsten von neun Metern Scheuerleistengummi, der abgeschoren wurde und den Niño dankenswerterweise gerettet (im Wasser hängend festgebunden) hatte, dauerte zwei halbe Tage: Moosalgen und Klebmuscheln, die nusshart sind und kaum abgehen.)

Auf den letzten Meilen zur Marina wurden wir jedenfalls richtig hart rangenommen, mit Spritzwasser bis ins Cockpit und Anker im Bug unter Wasser (das hoffentlich nicht reintropft). Die Bojen vom Fahrwasser des Kanals sind zu sehen, auch die hochaufragende Flamenco-Insel, aber wir kämpfen um jeden Meter Höhe. Logbuch: Drei Stunden harte Arbeit, um zwischen den auf Reede liegenden Frachtern aufzukreuzen, inklusive einer Notfallwende vor einem griechischen Frachter, der Matrose kam bereits alarmiert an die Reling; danach verzweifelt versucht, das Fahrwasser zu kreuzen – kommt natürlich in dem Moment ein dicker Brummer aus dem Kanal, dreht aber ab und weicht mir aus. Und die Insel und der Einzelfelsen davor liegen immer noch nicht querab genug, um sie zu erreichen – wir schaffen vielleicht einen Kurs 60 oder 70° zum Wind. Dann eine ungewollte Wende im Fahrwasser, nervenzerrend. Noch zwei Mal je eine Stunde meilenweit schräg gegen den Wind aufgekreuzt, nur um wenige Hundert Meter Höhe zu gewinnen. Dann, die Einfahrt zur Marina ist schon zu sehen, treibt es mich viel zu knapp windwärts vor dem Felssporn vorbei, der zwischen uns und der Einfahrt aufragt; mit angehaltenem Atem steuere ich die davorliegenden Felsbrocken aus, es ging um weniger als zehn Meter. (Aber wenn ich der Insel ausgewichen wäre, hätte mich das nochmal zwei Stunden gekostet.) Falls ich gezweifelt habe, dass Segeln nichts für mich ist, heute habe ich gute Argumente (und eine ziemliche Abreibung) bekommen.

Nie war ich so nahe am Verzweifeln wie beim Segeln.

Ulli Depp

Aber andererseits: die Befriedigung, die Einfahrt zu schaffen und, endlich vor dem Wind, hinein zu rauschen, ist auch groß. Jetzt muss ich es nur noch irgendwie schaffen, die Segel unterzukriegen und hoffen, dass die Marineros mich sehen. Über Funk oder Telefon Bescheid zu sagen, lag außerhalb meiner nervlichen Möglichkeiten.

Beim Versuch einer Q-Wende nur unter dem Großsegel verkacke ich glorios, der Bug dreht zurück, läuft auf einen Steg zu, reagiert aber nicht aufs Ruder – zum ersten Mal (in diesem Jahr) brülle ich die Ellie an: „Komm schon, komm schon!“, weil sie sich einfach nicht drehen will. Danach knallende Patenthalse und der nächste Steg liegt schon wieder voraus … endlich retten mich – »Segel runter!« – die Marineros und ziehen mich, 7 Mann in zwei Lanchas, glücklich an den Steg. Auch die Erleichterung kann sehr groß sein. Bier, Kippen, Grillteller, Bier.

Sonntag (26.) ab 07:00 das Schiff komplett aufgeräumt, gewienert, gewischt (Käufer soll kommen), bis 17:00. Wasser aufgefüllt. Tote Ratte (verwest, verdorrt, geruchlos, winzig) in Schlauchschlingen gefunden. Gasherd: kleine Düse ist zugerostet. Aufzudrehen versucht. Abgedreht – jetzt funktioniert nur noch die große Flamme. Und gefährlich ist es auch. Dabei hätte ich die Düse einfach freistechen können!

Selten hab ich mich so über mich geärgert wie nach einer verpfuschten Bootsreparatur. – Aber selten auch etwas Befriedigenderes erlebt als einen geglückten Fix.

Ulli Depp
Warten auf Käufer

Montag 27. 06:30 Text von Alejandro: er und der Käufer wollen morgen früh kommen. Unten am Rumpf knabbern und knuspern Fische die Algen zwischen den Muscheln heraus. Gutes Geräusch, gutes Gefühl. 10:00 Hydrovane installiert.

Dienstag (28.) Den ganzen Tag auf Alejandro und seinen Käufer gewartet. Text: kommt um eins. Text: Müssen verschieben, kommt um 15:45. Kommen um 16:30 gleich zwei: ein smarter Businessman, schmal, pomadig, superwichtig und kurz angebunden. Er mache Geschäfte wie die Deutschen, er sei Calabrese. Sein riesiger Kumpel (Leibwächter?), tut zutraulicher, macht Smalltalk. Sie sehen sich das Boot kaum an. Der Bullige war auch schon mal in mehreren Großstädten in Deutschland, Dortmund, Essen, Berlin (Mafiahochburgen?), stellt Fragen, gibt sich interessiert. Geht auch tatsächlich einmal in den Salon hinunter, allerdings ohne ins Vorschiff oder ins Klo zu schauen. (Dabei glänzt alles makellos shiny). Slick ist der Chef, redet kaum, schaut kaum in die Achterkajüte, zwei Handys, hört nicht zu; will mit dem Boot über den Atlantik fahren, bar bezahlen. Und bis zum Folgeabend 18:00 entscheiden. Einzige interessierte Frage (an Alejandro:) »Wieviel würde es kosten, das Boot wie neu zu machen?«, vor allem die wenigen Holzarbeiten scheinen ihn zu sorgen. Alejandro: »Zwanzigtausend.« Slick nickt. Ich versuche, abzupreisen, soviel kann das doch nicht kosten! Keiner hört zu.

Bald ziehen sie ab. Nicht einmal die beiden marinegrauen (Spionage?-) Stahlkanus mit US-amerikanischer Flagge auf den hochaufragenden ausbalancierten Blechsegeln, die am Nebensteg liegen,  interessieren Slick. Er winkt ab, ist schon wieder am Rauchen und Telefonieren – und die Kippe ins Wasser schnippen.

Abends sind die Batterien auf 10 oder sogar 8 V runter, laden auch nicht mehr wirklich richtig auf.

Mi (29) 08:00 los, nach Albrook (Einkaufszentrum, Metrostation, Busbahnhof), zum +mobil-Kioskstand. Anscheinend ist meine Nummer nicht zu erreichen (Alejandro kommt nie durch, ich muss ihn dann zurückrufen), weil tigo ein anderer Anbieter ist. Der Probeanruf der jungen Frau am Stand klappt reibungslos. Anderer Anbieter? Und von dem kann ich keine Gespräche empfangen? Kann ich mir nicht vorstellen. Aber was tun?

Mülltüten (viele, trotz Aberglaube), O-Saft, Bier, Brot gekauft. Frühstück in der Super99-Kantine: ham-cheese-egg-Burger, Kirschteilchen. Nachmittags: drittes Buch gelesen (Pete Goss, Cum-Ex, Fidelity). 17:30 jetzt brennen auch noch die Batterien aus, kochen sprudelnd, Geruch nach faulen Eiern!

19:00 Anruf bei Alejandro: Die Käufer haben abgesagt, wollen größeres Boot kaufen. Ich: »Good for them.«

Die Batterie vom Motor, die heißere von beiden, abgeklemmt.

Do (30.) Boot hat wieder Strom: Bb-Batterie (Verbraucher) lädt und funktioniert (Kühlschrank, Wasserversorgung). 3 Kanister Wasser aus dem Schlauch abgefüllt, falls alle Stricke reißen (ohne Strom fördert die Pumpe kein Wasser aus den Tanks).

Nachmittags, um das Durcheinander in meinem Kopf aufzuklären, mögliche Handlungsalternativen aufnotiert (mit voraussichtlicher Dauer bis Rückflug):
– Liegeplatz um 1 Monat verlängern, bei Nacht abhauen (2 Tage);
– Boot an Alejandro verschenken (falls er’s nimmt / 2 T);
– Bei Hernandez (dem Marinachef) buckeln: lassen Sie’s abwracken (aber Risiko: dann weiß er, dass ich Wackelkandidat bin / 2 T);
– Motor reparieren lassen, dann 3 Mo stehen lassen, dann zurückkommen (2 Wochen, min, Marina kostet 1600/Mo);
– Reparieren lassen, dann nach Vista Mar Marina (45 sm) bringen und aus dem Wasser holen ( 3 Wo, 330/Mo);
– Reparieren lassen und in der Bucht vor Anker gehen (2 Wo);
– ohne Reparatur (und ohne Strom) nach Vista Mar segeln, reinschleppen lassen (1 Wo).
Keine einzige klingt rosig, und die Zeit hab ich nicht bzw. will ich mir nicht nehmen. Danach das Boot wieder einige Monate rumstehen lassen, dann kommen neue Reparaturen dazu, der Gedanke macht mich nicht weniger unglücklich.

Abends langes Telefonat mit Paula. Gute Ratschläge: Zweite Meinung einholen, nicht hier in der Marina nach Abwracken fragen, sondern in der Nachbarmarina. Onkel Pepe: beim Abwracker noch ein paar Kröten rausschlagen!

Freitag, 31. (heute soll die Anzahlung auf den Kanal zurücküberwiesen werden, die PanCanal-Bürokratie ist superfreundlich und gut organisiert, auch wenn die Zuständigkeiten undurchsichtig wirken: Geldstelle, Genehmigungs- bzw. Vermessungsstelle, Terminierung (/Scheduler). Um 20:30 mach ich mich vor Alejandro klein: »I want to get rid of the boat.« – »I’ll think of something. We can put her at anchor in the bay.« Er will mir am Montag früh antworten und texten, welche Ideen ihm gekommen sind. 

Um zehn steh ich im Büro der Nachbarmarina, bei Frau Amarilis, Frontdesk der La Playita-Marina, 15min Fußweg entfernt auf der andere Seite des Damms. Super nett, hilfsbereit, freundlich. Abwracker kennt sie keinen. Aber bei »Boot zu verschenken« horcht das ganz Büro auf. Will sie sich gern überlegen, umhören, nimmt gerne Fotos per Mail in Empfang. Gutes Gefühl. Schicke ich sofort, bedankt sie sich am nächsten Tag.


10:30 Smithsonian Institute: Iguanas, Fische, Schwämme, Schlafbären, Schmetterlinge (in den ehemaligen Bunkern von Punta Culébra, einer der Verteidigungsanlagen, die von den Amerikanern auf jeder der Inseln gebaut worden sind). Ganz schön. Voller Kindergartenkinder. Iguanas schnalzen oder züngeln die Süßigkeiten weg, die den Kindern heruntergefallen sind, von unter den Bänken der Picknickecke. In einem selbsttragenden (Buckminster-Fuller-) Dome ein Schmetterlingsparadies. Der Aus-/Eingang ist doppelt gesichert: außen Gazetür mit Riegel, innen: Plastikstreifen wie in einem Kühlhaus. Und in der Schleuse dazwischen: ein Ganzkörperspiegel, damit man Mariposas ausmachen könnte, die sich auf die Kleidung gesetzt haben. Hinter den Kindergartenkindern scheucht innen eine Wächterin die Schmetterlinge weg vom Eingang: »la guardiana de los Mariposas«. Da grinst und nickt sie.

10:45 text von Alejandro: »Call me«. Er wills machen, mit einem Kumpel das Boot in die Bucht hinaus und vor Anker schleppen. (Dort liegen schon eine ganze Menge Yachten in unterschiedlichen Stadien der Vernachlässigung, auch gesunkene, von denen nur noch Salinge und Mast aus dem Wasser ragen.) Geld für die Motorreparatur zusammenkratzen wollen sie auch, 10.000 sollen als fiktiver Kaufpreis  für die Versicherung in einen Vertrag geschrieben werden. »Do we have a deal?« – »Yeah, thank you.« 12:00 Essen im Supermarkt-Restaurant, im sonst leeren fünften Stock an der Haupstraße zum 5 de Mayo: skurril. Dreifachschlange, Gedrängel um die Tabletts. Und die Austeilerinnen schaufeln mächtige Portionen auf die Pappteller.15:30 Telefonat mit  Paula: »Wenn er nach zwei Stunden schon zurückruft, ist er wirklich interessiert. Musst du unbedingt noch 2000 rausholen!«

Sa., 1.02. 07:00 Schäkel (verrostet) aus der Ankerkette gesägt, bevor es zu heiß wird. Neuen Schäkel (3,75 $) eingesetzt. Telefonat mit Alejandro: kommt am Folgetag »for some paperwork.«

Sonntag, 2.2. Nur mal zur Sicherheit in die Bilge geschaut, bevor ich das Boot übergebe. Steht daumenhoch eine gelbe Flüssigkeit drin. Nicht salzig. Aber ölig und streng riechend: Diesel. Woher? Der Einbautank ist, soweit ich sehen kann, noch knallvoll. Die Ersatzkanister im Vorschiff sind trocken. Einer ist leer, hatte ich als voll in Erinnerung. Muss ich wohl eingefüllt haben.

Shiny February

Weil so viele Freunde/LeserInnen gefunden haben, dass mein Blog zu negativ, zu problemlastig, zu wenig mutmachend ist, »da hat man ja gar keine Lust, mitzufahren«, schlug Tochter Lioba vor, einen Monat lang nur die guten Erlebnisse aufzuschreiben, shiny february eben. Also ganz neu formuliert: nach einigem Nachdenken hab ich festgestellt, dass der Diesel aus einem einknickten Ersatzkanister im Vorschiff ausgelaufen ist. Hab ich die Bilge in zwei zweckentfremdete Wasserkanister ausgeschöpft und ausgetupft. Und der Geruch wird auch gleich besser. 

12:00 kommt Alejandro wie angekündigt, wir haben einen Mustervertrag ausgefüllt und unterschrieben, er schaut sich im Schiff um, plant, es zu verchartern, will im Klo eine Dusche einbauen. Nicht er übernimmt das Schiff, sondern die Firma eines Kumpels, um Steuern zu sparen. Der Kumpel ist Mitglied in der Marina, das Boot kann hierbleiben, ab heute, Montag, ist der Liegeplatz geregelt. Und Paulas Zweitausend gehen auch klar: 1000 in bar, der Rest über Western Union. Außerdem ist die ARC (Atlantic Rallye for Cruisers) im Anmarsch, mehr als 300 Yachten, die ersten sind bereits in Shelter Bay und bereiten die Kanaldurchfahrt vor: es wird voll werden, auch hier, nicht alle werden Liegeplätze kriegen. Alejandro nimmt mich auf dem Rückweg mit bis Albrook. Das Einkaufszentrum, das größte in Lateinamerika, ist wirklich unübersichtlich riesig. Eingänge mit Tiernamen (und Tierskulpturen, damit einen die Kinder wiederfinden). Überall hübsche junge Menschen, die einem Pröbchen und Geschenke aufschwatzen wollen.

Sandwich in der Busstation, später Tücher für Paula gekauft, am selben Stand, wo ich ein Jahr zuvor meine Hängematte erstanden hatte, und zwei Avocados »para hoy« am Markt des 5 de Mayo.

16:30/22:30 in D: Telefonat mit Axel (Bruder): Könnte ich die Hydrovane verschicken oder mitbringen? Rufe ich den Käufer an. Alejandro: »It is  part of the deal.« – Dann wieder Axel: »Weißte Bescheid.« Heißt: natürlich nimmt Alejandro mir das Boot nicht aus Barmherzigkeit ab, sondern er hat ein ernstes geschäftliches Interesse daran, in anderen Worten: er will einen Schnitt machen. Soll mir recht sein, wenn bloß die Übernahme stattfindet.

Jetzt, Mo morgen, Frühstücken, Spülen und den Strom abmachen, dann bezahlen und auf Alejandro warten: er wird mir die ersten Tausend in bar bringen, auch den von seinem Kumpel unterschriebenen Vertrag. Noch glaube ich nicht echt an den shiny february, aber es könnte klappen.

Beim Versuch gestern Abend, meinen Flug einzuchecken bin ich fast verrückt geworden. Weil: Das WiFi in de Marina ist scheißlangsam. Hat jedenfalls nicht funktioniert.

Heute, Mo., 03.02. geht es immer noch nicht. Schließlich mach ich’s über’s Handy und um neun klappt’s. Aber: das Datum auf der Bordkarte ist das Flugdatum, nicht der heutige Tag, oder? Anders gesagt: der Flug ist schon heute Abend! Hab ich irgendeinen Fehler im Kalender gemacht.

Am ausersten der Traum – die Elli ist weg.

Kurz vor zehn ruft Alejandro an: »Kannst du rauskommen, ich habe hier einen wichtigen Kunden warten.« Übergibt er mir den Riesen in bar. Und Abschied. Notfallmäßiges Zusammenpacken (dabei hab ich Zeit genug). Letzte Fotos, letztes Mal zum Müll mit einer Riesentüte (u. a. Schürze, Handtücher, Arbeitsklamotten, Bordschuhe aus Zierickzee, taugten eh nichts.) Mein Gepäck wiegt eine Tonne! Und VIER Taschen, eine zuviel: Seesack mit Schuhen, Segeloveralls, sämtlichen Klamotten. Nächster Zentner: Rucksack mit Notebook, iPad, Tastatur, Maus, Bordbuch und Logbuch. Und tausend Kabeln und Netzteilen. Dritte Tasche: Vier Powerbanks und eine Bluetoothbox. Vierte Tasche: Klamotten zum Wechseln  (Wanderschuhe! Dicker Pullover! Gefütterte Jeans!). Im Taxi zum Flughafen, zum letzten Mal um die Altstadt gekurvt, durch die Häuserschluchten gefahren, an der ersten Siedlung Panamá antigua am Ufer vorbeigepest und nichts davon gesehen. Laufschrift auf der Leuchttafel an einem Bus: El Canal es nuestro! Trump lässt grüßen. Am Flughafen bin ich viel zu früh, sieben Stunden Zeit. Wahrscheinlich konnte ich einfach die Marina nicht mehr sehen.

Tschüss

Tja, ihr Lieben. Anscheinend bin ich tief drinnen doch nicht so abenteuerlustig, wie ich mir das vorher ausgemalt hatte, jedenfalls ziehe hier ziemlich kleinlaut den Schwanz ein und freue mich auf den Abflug, nach dem ich mich in den letzten Tagen so gesehnt habe. 

Ende

dieses blogs. Schön, dass ihr dabei wart! Schade, dass es nicht weitergeht. Aber ich bin erleichtert.

29. Sonntagabend im Starkwind

Schräge Geschichte (Foto: Gawain)

WARNHINWEIS: Die im Folgenden geschilderten dramatischen Ereignisse könnten bei LeserInnen hohe Emotionen wecken. Ihre Darstellung ist in einer Art Schockzustand unter dem unmittelbaren Eindruck des Geschehens verfasst worden. Ton und Haltung des Schreibenden entsprechen nicht der Einstellung des Verfassers zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Aus Gründen der Authentizität ist der Text hier in seiner ursprünglichen Fassung wiedergegeben (27.01.)
Oder um es in meinen eigenen Worten auszudrücken: Wir haben scheiße Glück gehabt, dass wir heil davongekommen sind. Wir haben allen Grund, demütig jener unbekannten höheren Instanz zu danken, die ihre schützende Hand über uns gehalten haben muss. Ich persönlich bin noch lange nicht soweit, diese Erfahrung verarbeitet zu haben und nehme mir die Zeit dafür. Das kann noch dauern.

Das Ende der Reise

Sonntagabend (22.01.23). Bevor es dunkel wird, haben wir beigelegt [Das Schiff mit back stehendem Vorsegel quer zum Wind treibend zur Ruhe gebracht] und zwei Reffs ins Groß gebunden. Als wir wieder lossegeln wollen, hat sich die Fockschot vom Vorsegel gelöst, es flattert im Wind wie wild. Der braunrote kleine Flieger lässt sich zwar leicht einrollen, aber nicht fixieren, er macht sich wieder los. Also will ich aufs Vorschiff, das Schothorn einfangen. Lasse dazu meine (neue) blaue Mütze (zuletzt von Paula getragen) unten, weil ich diesen Glücksbringer auf keinen Fall verlieren will. Hole den Bojenhaken aus der Backskiste und erkläre gerade Gawain, wie toll der funktioniert und mit einem Ruck eine Leine durch eine meterweit entfernte Öse (oder ein Schothorn) ziehen kann, als …

Auf dem Weg aus dem Cockpit hat mich der Großbaum knapp über der Schläfe erwischt, in den einzigen paar Minuten dieser Woche, an denen ich meine Mütze (deren doppelter Wulst über den Ohren den Schlag gedämpft hätte!) nicht anhatte – Patenthalse [doofer Euphemismus: ein unkontrolliertes Herumschwenken/-schlagen des Baumes quer über das Cockpit] – im Fallen muss ich den Kompass aus seiner Halterung gerissen haben und komme neben Gawain auf der Querbank im Cockpit zu liegen. Bin aber sofort wieder da, sagt er.
Also rein körperlich vielleicht.

»Woher kenn ich dich nochmal?« – »Ich hatte einen Aushang geschrieben, du hast mich angerufen.« – »Ach, ja, stimmt, hast du gesagt. Und wo war das?« – »In Cádiz. Da kommen wir her.« – »Aha. Wie weit ist das weg?« – »Fünf Tage.« – »Uih. Und wo fahren wir hin?« – »Nach Lanzarote.« – »Ach ja, hast du gesagt. Lanzerote. Und was will ich da?« – »Über den Atlantik, hattest du vor.« – »Uiuiui. Echt? Aha.«
Ich kann mich nur an den letzten dieser Austausche erinnern, aber Gawain sagt, das ging etwa eine halbe Stunde lang so. Immer wieder: »Sag mal, woher kennen wir uns eigentlich?« etc. pp.
Gawain (hat er mir später erzählt) war ziemlich besorgt. Hat sich aber rein gar nichts anmerken lassen, sondern meine ständig wiederholten identischen Fragen mit Engelsgeduld immer wieder gleich beantwortet. Danke, Gawain! »Lanzarote, aha. Und was will ich da nochmal?«

Dann reißt eine zweite Patenthalse die Halterung der Großschot ab, Baum steht quer, Schot hängt ins Wasser. Ohne Großsegel sind wir manövrierunfähig.
Jetzt übernimmt Gawain auch das Kommando. Gut, dass er dabei ist! – Wir müssen die Segel runterholen und motoren. Finde ich gut. Meine Reflexe funktionieren zum Glück noch, Gawain hält das Boot im Wind, ich reffe das Groß und hole das Vorsegel ein. Schwankt aber ziemlich. Einmal legt sich das Boot so überraschend quer, dass ich nur noch seitlich an einer Hand in der Spinnakerbaum-Öse am Mast hänge, Füße über der Reling. Wusste gar nicht, dass ich das kann (und Gawain konnte es im Dunkeln vom Cockpit aus nicht sehen, zum Glück) (aber ich war natürlich eingepiekt, klar). Als ich heil zurück im Cockpit bin, ist keiner erleichterter als Gawain (das wenigstens habe ich mitgekriegt).
Außer mir vielleicht.
Wir nehmen wieder Kurs auf. Selbst unter Motor ist das in den weit über Deck hohen Wellen keine ganz leichte Aufgabe. Die Wogen versetzen den Bug immer wieder, schieben uns vor sich her oder lassen uns hintenüber ins Wellental sacken. »Ich habe meine Mütze verloren.« (Ich trage inzwischen wieder meine alte) – »Nein, die hast du unten ausgezogen.« – »Ach ja, hast du ja gesagt.« Außerdem geht das Ruder unerhört schwer, macht auch unschöne Schleif- und Kratzgeräusche. »Und meine Mütze ist weg.« – »Nein, die hast du unten gelassen.« – »Ach ja, stimmt, danke.« Der Kompass ist auf den Cockpitboden gekracht, funktioniert aber noch, selbst die Beleuchtung. Wir schnallen ihn vor dem Steuerstand am Boden fest. Gawain steuert. Wir haben noch 120 nm zu fahren, Sprit ist genug an Bord. Aber wir werden 24 Stunden durchfahren müssen.
Also schlage ich vor, dass Gawain sich direkt zwei Stunden hinlegt und wir uns danach alle zwei Stunden abwechseln. Anders ist das nicht durchzuhalten. Und auf einen schummrig beleuchteten Kompass zu schielen, die Schiffsbewegungen auszugleichen und uns auf Kurs zu halten, ist genau die leichte Aufgabe, der ich mich gewachsen fühle.
Andererseits: durch eine sturmgepeitschte Nacht zu dampfen, nichts zu tun zu haben, als den Kurs zu halten (und auf jeden ungewöhnlichen Ton und jede Hemmung in der Ruderanlage zu achten) bringt einen auf ungute Gedanken.
Ich hab eine Familie Zuhause, tolle Töchter, eine phantastische, verständnisvolle Frau. Ich könnte im Warmen sitzen, als größte Herausforderung ein spannendes Buch im Ohrensessel schmökern. Ich könnte warm duschen, wann immer mir danach ist. Kochen und Essen, ohne mich an drei Punkten abstützen zu müssen. Ich hab Heimweh.
Außerdem zweifle ich am Schiff. Warum bricht der blöde Kompass ab? Warum reißt der Schäkel unter der Großschot? Und warum, verdammt, funktioniert das von mir in England reparierte Ruder nicht richtig? Ich könnte das Schiff verschenken (Lukas und Julian kennen sicher ein paar Kumpel, die es mit Handkuss nähmen), oder es auf den Kanaren in eine Marina stellen (da stehen schon einige!), ich könnte mich dort in den Flieger setzen und abbrechen. Ich wäre nicht der erste, dem diese Strecke den Schneid abgekauft hat. Es wäre keine Schande. Vielleicht müsste ich ein paar hämische Bemerkungen wegstecken, am schlimmsten wäre wohl mein eigener, verletzter Stolz. Aber darauf keine Rücksicht zu nehmen, hab ich mir geschworen. Also breche ich hier ab. Und das wäre das Ende dieses Blogs.

Ablösung

War es aber nicht. Nach zwei Stunden kocht Gawain Spaghetti, löst mich ab und ich lege mich zwei Stunden hin. Danach bin ich der Überzeugung, dass wir nur das Großschot reparieren müssten und uns einfacher und vor allem mit weniger Belastung der Crew vor dem Wind (gesteuert von Georgie, beim Segeln funktioniert die Selbststeueranlag nämlich!) ans Ziel kämen.

Aus einem der Vorhängeschlösser für die Backskisten (die Anschlüsse sind sehr eng) und ein paar Lagen fester Schnur bastele ich die Großschot wieder fest, Georgie übernimmt und wir können zu unseren drei-Stunden Wachen (in denen man sich auch hinlegen kann) zurückkehren. Heureka!

Auch wenn wir beide viel zu aufgedreht sind, um zu schlafen.

Aber das Ruder scheint eigentlich ganz zuverlässig zu funktionieren. Die Großschot braucht nur einen passenden neuen Schäkel. Und die Kompasshalterung aus Plastik kriege ich mit etwas Epoxy und Glasmatte wieder hingeklebt. Muss ja nicht schön sein. Also, gute alte ELIZABETH: noch geb ich dich nicht auf. Zumal uns die Yacht unbeirrbar und treu durch inzwischen fünf Tage und Nächte stürmische Winde, heftigen Seegang und Whitecaps (brechende Wogen) geschaukelt hat. Es ist wie immer: Am Schiff liegt es nicht.

Montag Mittag haben wir ein Etmal von 75 nm geschafft, um halb vier erreichen wir den Ansteuerungspunkt auf der Karte, wenige Meilen vor der Nordspitze von Lanzerote, bei Einbruch der Dunkelheit sehen wir den Widerschein der Insel am Himmel und um Mitternacht auch die ersten Lichter. Um drei Uhr morgens bringt uns die letzte Halse (Bangen um die reparierte Großschot) auf den Zielschlag auf das grüne Leuchtfeuer der Hafeneinfahrt von Arrecife zu. Klar, dass gerade dann eine Fähre reinkommt und wir uns beeilen, das Hafenbecken rasch zu räumen …
Um sechs Uhr morgens, noch im Dunkeln, machen wir in der Marina fest. Und, wie oft geschworen, Bier auf.

»Kann man früh um sechs am Morgen schon Bier trinken?«

»Sicher. Ist nur ungewöhnlich, wenn es das erste ist.«

Weisheit des Gawain

Hat Gawain auch wieder recht. Wie mit der Mülltüte (übervoll, hat aber bis in den Hafen gehalten). Und auch sonst oft.
Ziemlich angeschickert melden wir uns im Marinabüro an (und ernten Verständnis für unseren (offen eingestandenen) Zustand). Autsch: Wir müssen das Schiff umlegen, noch vor Mittag, es ist Starkwind angesagt, außen am exponierten Steg kann die Yacht nicht bleiben.
Aber auch das klappt, Hilfe von Ian, dem wir zuvor geholfen haben, sein eigenes Schiff umzulegen. Und Aaron! Aaron von der FORWARD UNTO DAWN steht am Steg und übernimmt die Leinen! Es ist fast wie Heimkommen. Und dann schlafen.

Als wir am Spätnachmittag aufwachen, ist Aaron ausgelaufen. Wahrscheinlich hat er angeklopft, uns aber nicht wachbekommen, schade. Aber den sehe ich bestimmt nochmal.
Bei der Einfahrt in den Hafen war ich mit dem Ausbringen von Festmacherleinen und Fendern zu beschäftigt, um eine volle 180°-Kurve in der Einfahrt mitzubekommen. Jetzt bin ich desorientiert, vermute die Insel auf der falschen Seite der Marinaanlage, wo doch dort das große Hafenbecken und hinter dem Wellenbrecher das Meer liegt. Oder ist das eine Spätfolge meiner Gehirnerschütterung? Nachmittags finde ich in der vielleicht zweihundert Meter langen, hochmodernen und durchaus überschaubaren Quaibebauung (Kneipen, Cafés, Klamottenläden), die Toiletten nicht mehr, die wir doch am Morgen schon aufgesucht hatten, muss ins Marinabüro und mir einen neuen Lageplan geben lassen. Abends (es ist noch immer Dienstag) wollen Gawain und ich ein Bier am Marinakai nehmen, ich gehe schon einmal vor, und finde die Kneipe Sailor’s Bar, in der wir verabredet sind, nicht mehr, obwohl ich sie am Morgen gesehen (und Gawain vorgeschlagen) habe.

Ein Tag mit zwei Räuschen

Dann kommt er, wir sind im Lokal Jolly Rogers, der einzigen Seglerkneipe, die es am Kai gibt (die Sailor’s Bar war vielleicht in Las Palmas, ich zweifle inzwischen an jeder meiner Beobachtungen/Erinnerungen), dann stößt Ian, der Alleinsegler (und Labertasche), dem wir umsetzen geholfen haben, zu uns. Wir kommen rasch auf den Brexit zu sprechen, Ian ist bekennender Brexiteer und (ernsthaft!) Trump-Fan, Rassist und verteidigt die britische Kolonialherrschaft, zum Beispiel in Indien („Wir haben dort ein funktionierendes Justizsystem hinterlassen, eine blühende Wirtschaft“). Außerdem ist er felsenfest davon überzeugt, dass A. Merkel eine russische Agentin sein muss (wie auf der gesamte britische Geheimdienst MI5 von russischen Agenten unterwandert sei, »man musste russischer Agent sein, um dort Karriere zu machen!« – »Ja, stimmt, das musste im Lebenslauf stehen.«: Schwacher Witzversuch meinerseits, Ian ignoriert ihn noch nicht mal.) Und dass der Klimawandel eine Erfindung missgünstiger (»kommunistischer«?) Wissenschaftler sei. Kurz: ein Typ mit absolut unerträglichen Ansichten. Aber: intelligent, witzig, charmant, nicht aus der Ruhe zu bringen, dabei kein bisschen konfliktscheu oder zurückhaltend, seine wahnwitzigen Überzeugungen meinungsstark zu vertreten. Wurde, so unglaublich das sicher klingt, ein angeregter und lebendiger, ziemlich amüsanter Abend. Wir haben viel gelacht (auch kopfschüttelnd). Und ein paar Bier haben sicher auch geholfen. Bis die Kneipe zumachte und wir unsere letzten Flaschen (Ian bestand darauf, die zu bezahlen) draußen am Kai trinken mussten. Nur dass er dringend zum Pinkeln auf sein Schiff musste, konnte ihn stoppen.

Der Mittwoch ging spät los. Weder Gawain noch ich waren in der Lage, irgendwelche Entscheidungen zu treffen oder Aktivitäten vorzutäuschen. Außer einem ausgiebigen Frühstück (am Kai gibt es eine französische Bäckerei!), den dringendsten Telefonaten und Aufräumarbeiten (Segel einpacken, Windfahne der Selbststeuerung abbauen, Bimini wieder einhängen, die hatten wir vor dem Sturm mit zwei Handgriffen flachgelegt, sehr praktisch, das neue Teil!) war nichts drin. Und abends kochen. Die Heckleuchte, sicher 80 cm über der Wasserlinie angebracht, ist von den Wellen aus ihrer Halterung gewaschen worden!

Heute, Donnerstag (26. 01.) haben wir angefangen, die Reparaturen in Angriff zu nehmen, die Großschot abgebaut und die Heckleuchte angesehen: Dort ist Salzwasser eingedrungen, die Fassung und die nagelneue LED-Birne (€ 8,50!) sind völlig korrodiert und haben sich teilweise in schwefelgelben Schleim aufgelöst.
In der Ferretería Naval im Städtchen einen neuen Schäkel für die Großschot gekauft, außerdem eine neue Hecklampe und einen Karabiner für die Seilsicherung, falls ich (sicher bald) mal wieder in den Mast muss. Und einen Kescher, um künftig zu fangende Fische aus dem Wasser heben zu können. 

Die Figur mit dem Kescher ist links (Foto: Gawain)

Und Epoxy und Glasmatte. Spaziergang durchs Städtchen, zur Festung, zum winzigen Sandstrand (Sand aus der Sahara hergeweht!), zum Hafencafé und zum Supermarkt. Heute abend wollen wir zur Abwechslung mal … keinen Alkohol trinken, habe ich Gawain falsch verstanden (weil ich die Unsitte nicht loswerden kann, stockende oder unvollständige Sätze meines Gegenübers beenden zu wollen) … kein Bier trinken. Sondern Wein.
Gawain wird kochen. Ich freue mich drauf, den Abwasch fast einer Woche Starkwindfahrt zu machen, weil ich mit Marlene und zwei potentiellen MitseglerInnen eine Stunde lang vielversprechend und so konzentriert wie möglich telefoniert habe. Gawain geht auch telefonieren und macht mir Musik an, irgendeine spanische Frauenband, die ihm empfohlen worden ist. Als ich starte, lese ich den Namen: KeTeKalles, von denen Lio und Martha geschwärmt und Celia und Malin gesungen haben! An einen beschwingteren Abwasch kann mich nicht erinnern. Und versuche sofort, Celia zu erreichen. Schon das das zweite Lied „Amor“ kenne ich vom Corona-Sylvester-Freiluftkonzert von Ce, Malin, Lio und Mia. Schiere Glückseligkeit.
Als Gawain zurückkommt, spiele ich ihm vom Zoom-Video des Konzerts die Version aus unserem Garten vor. Kein stolzer Vater war jemals peinlicher, fürchte ich. Aber Gawain hat brav zugehört.
Und dann noch wunderbar gekocht. Sahnespinat und Kartoffelbrei geht auch mit Rotwein supergut (Sahne! Butter! – wir müssen unsere nicht-veganen Vorräte aufbrauchen, bevor am Sonntag die drei neuen MitseglerInnen ankommen!)
Arrecife ist übrigens in der Nebensaison recht schön. Und das Licht ausgesprochen überirdisch. Wir haben tolle Fotos gemacht: Skipper mit seinem neuen übermannshohen Kescher, Gawain schick im Sonnenuntergang am Rand des alten Innenstadthafens.

Schöne Menschen im Abendlicht: Promenade Arrecife

Im Schuhgeschäft lief Tanzmusik. Hab ich gedanced. Mit Gawain zusammen würde ich sogar in die Disco gehen. Morgen abend gibt es Karaoke in einem winzigen Stadtcafé. Leute, haltet mich fest, bevor ich völlig abhebe! (unbegründete Euphorie als mögliche Spätfolge einer leichten Gehirnerschütterung?)

PS Der Verfasser befindet sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung (hoffentlich) mitten auf dem Atlantik und ist derzeit nicht zu erreichen. Bis bald, Ihr Lieben!