IX. Ende – 53. Panamá, no mas.

Aus der Traum

Bin mit ziemlich konkreten Plänen angereist: Weil Paula erkrankt ist und sich einer Chemotherapie unterziehen muss und ich nicht die Nerven habe, sie dabei alleine zu lassen, werde ich meine Reisepläne umwerfen. Die nächsten zwei Jahre möchte ich nicht lange unterwegs sein. Also werde ich für die ELLI eine Möglichkeit suchen, sie erst einmal stillzulegen, entweder im Pazifik, in einem Yachthafen mit Hebekran, den Niño (den ich dafür bezahle im Hafen auf das Boot aufzupassen) kennt. Oder in Bocas del Toro, auf der Karibikseite von Panama. Die Kanaldurchfahrt habe ich schon von Deutschland aus gebucht. Zu aller Not könnte ich das Boot auch noch ein paar Monate bei Niño im Hafen lassen, denke ich.

Am So., 19. Januar 2025 bin ich von Köln über Madrid nach Panama geflogen, am 20. mittags im Hafen Vacamonte angekommen. Niño hat mich schon vom Wasser aus gesehen und mir zugewinkt. Großes Hallo. Die ELIZABETH sieht ziemlich kläglich aus. Zwar ist sie picobello sauber, Niño hat sich rührend gekümmert. Aber durch einen Hurrikan hat die Arme einiges abbekommen. Alle Fender sind gefetzt, Niño musste immer neue ausgeben. Jetzt hängen alte, abgeschrammte, im Hafen zusammengesuchte zwischen ihr und dem Fischerkahn, der Niños Zuhause ist. Eine Relingsstütze ist gebrochen, eine andere ordentlich verbogen; die Drähte des Seezauns hängen wüst verdrillt und in einem Gewirr von Leinen, die Festmacher sind übelst verknotet. Trotz allem muss das Schiff am Nachbarkahn geschrammt haben, in die Deckskante ist ein kirschgroßes Loch geschlagen, die Scheuerleiste ist abgeschoren und ihre Schraube hat ebenfalls ein Loch in den Rumpf gerissen. Die Gummileiste fehlt. Und die Ankerwinsch, an der drei Festmacher seitlich gezogen haben, ist aus dem Deck gebrochen (und wieder zurückgesunken), dort ist ein fingerlanger Riss im Deck. Außerdem sind von den Vögeln, Pelikanen, sicher  sechs oder sieben Kilo schwer, die sich auf Verklicker und Windfahne gesetzt haben, beide Anzeiger abgebrochen, Niño übergibt mir die Übrigbleibsel. Eine Klampe ist verbogen, ebenso die Halterung des Bimini, beides ließ sich aber innerhalb eines Tages reparieren.

Denn am nächsten Tag sah alles schon weniger schlimm aus. Den Motor hab ich gecheckt: er saß fest, ließ sich aber gängig drehen, Sprit hatte er auch und in der (einen, nicht defekten) Batterie war sogar noch genug Saft für einen Startversuch. Nur angesprungen ist er nicht. Noch am Di nachmittag den Mechaniker Alejandro (Lopez, von Servicios Morice; falls mal jemand am Kanal einen Mechaniker braucht: sehr zu empfehlen!) angerufen, er kann schon am Donnerstag kommen – gut.

Am Mittwoch aufgeräumt, den Herd in Betrieb genommen: Kaffee aus eingeschmolzenem Instant-Fels gekocht. Ach ja: Sonnenblumenöl verdunstet oder diffundiert durch Plastikflaschen: eine nicht angebrochene Flasche ist zu einem Drittel leer. Vorsegel und Großsegel aufgezogen, beide zum Glück noch intakt; Bimini und Sprayhood schon am Dienstag installiert – die ELLI sieht fast schon wieder aus wie ein Segelschiff.

Shiny february: das Wetter ist herrlich, kochend warm, ab und zu ein lindes Lüftchen, ab und an ein Regenguss. Werde schon braun (auch vor Schmutz: heute zum ersten Mal nach vier Tagen eine Dusche genommen, aus dem Wasserfass auf Niños Kahn).

Was nicht so gut kommt: Niño hat zwar jede Menge Rattengift verstreut, kleine rosa Röllchen und lindgrüne Bauklötzchen, aber mindestens doppelt so viele Rattenköttel sind überall im Schiff verstreut: kleine, lakritzfeste und mattschwarze Köttelchen, die, wenn sie nicht gerade festgetreten sind, sich leicht aufsammeln oder wegfegen lassen. Was weniger leicht weggeht: der scharf-saure, beißende Geruch von Rattenpisse. Shiny february: es gibt keine einzige Ameise an Bord. Und allem Anschein nach hat die (einzige gesichtete) Ratte das Schiff wieder verlassen. Nachts meine ich Geräusche zu hören, aber es war wohl (hoffentlich) nur das Rascheln der Plastikmülltüte im Wind im offenen Niedergang. Ab sieben Uhr abends gehen die Temperaturen auf angenehmes Schlafklima zurück. Immer wieder überraschend: der Tagesablauf in den Tropen, halb sieben morgens Sonnenaufgang, hell wird es erst kurz zuvor; sieben Uhr abends: Sonnenuntergang und ziemlich sofort auch Düsternis.

Noch auser der Traum

Heute, Donnerstag früh, Klar Schiff gemacht, zumindest den Salon aufgeräumt und die Bilge ausgetupft (36 l, anscheinend Süßwasser, jedenfalls dem Geschmack nach: nur ganz leicht salzig – vom Regen?). Alejandro will um die Mittagszeit anrücken, ich soll ihn bei der Polizeistation am Hafeneingang erwarten – und will bis dahin mit den Polizeiwachen klarmachen, dass sie ihn überhaupt ins Hafengelände lassen. Um neun schalte ich das Telefon an. Und hab drei Nachrichten. Der Mechaniker ist bereits unterwegs. Wird in einer Stunde da sein (die Nachricht ist eine Stunde alt). Schickt mir ein Foto der Polizeistation, wo er bereits wartet. Losgehetzt, hingerast (Taxi). Mich bei den Mechanikern entschuldigt, sie sind drei Mann hoch angerückt, mit dem Chef der Station geredet, meinen Passierschein vom Februar vorgezeigt. Den zieht er sofort ein, weil er seit Juli nicht mehr gültig ist. Ich muss zurück zum Hafen (5 km), das Okay des Hafenmeisters bei der Verkehrsüberwachung, trafico, holen. Zum Glück hat das Taxi gewartet. Alejandro ist die Ruhe in Person, das gehe hier immer so. Tatsächlich ist es dann mit einem Anruf vom Hafenmeister erledigt, Alejandro und seine Helfer wuchten Werkzeug und eine sauschwere Ersatzbatterie auf Niños Lancha und dann auf seinen Fischerkahn und die ELLI. Nach einer halben Stunde Herumorgeln, die meiste Zeit mit meiner eigenen Batterie, findet Alejandro Wasser in einem der Zylinder: anscheinend hat der Motorblock einen Riss und das Kühlwasser tritt irgendwo ein. Jedenfalls: der Motor muss ausgebaut und auseinandergenommen werden. Niño reicht mir fast unaufgefordert eine neue Packung Kippen und ein Feuerzeug. Verzweifelte Frage an Alejandro: »Du weißt nicht zufällig jemand, der das Boot kaufen will?« – »Könnte schon sein, dass ich einen weiß.«

Ich bleibe mit den Mechanikern an Land, schicke die Bestätigung für die Bezahlung der Kanaldurchfahrt nochmal los, jetzt hoffentlich an die richtige Stelle. Und cancele mit gleicher Post die Durchfahrt (an eine andere Stelle). Dann erstmal Geld holen. Alejandro gab sich mit dem zufrieden, was ich noch an Barem in der Tasche hatte (80 $ US). Wenn jetzt der Geldautomat nicht funktioniert, bin ich am A… Denn die Handyaufladung für dei panamáische SIM hat irgendwie auch nicht funktioniert, ich hab kein Guthaben, kann nicht telefonieren und bin nicht erreichbar. Letzte Dollars für einen Kaffee und das Taxi. Aber alles geht gut. Banco General spuckt 250 aus, der Mobilfunk-Chinese lädt mir wie nix einen Zehner Guthaben aufs Telefon. Und die Rückfahrt und die Behördengänge (Sekretariat Handelsmarine, Hafenbehörde, Immigration, Hafenmeisterei,Verkehrskontrolle) klappen auch. Über die Amtsstubenatmosphäre habe ich schon ein Jahr zuvor mit Odysse gescherzt. Jetzt noch den Liegeplatz in Flamenco Marina (in Panamá Stadt) reservieren, dann Duschen (aus dem Wasserfass von Niño) und das Tagwerk ist geschafft.

Am Freitag (24.01.) früh auf, mit Kaffee im Morgengrauen. Dann das Funkgerät eingebaut – welches aber ohne Batterie ohnehin nicht funktionieren wird. Nach dem Georgel, um den Motor zu starten, ist auch die bessere von beiden auf 10 V runter (alles unter 11,8 kann die Batterie zerstören.) Text von Alejandro: sobald ich in Flamenco bin, soll ich Bescheid sagen. Die Marina am Ausgang des Kanals kommt mir vor wie Paradies und Zivilisation (Wasser, Strom, Duschen, Landzugang!) zugleich.

Samstag früh schleppt mich Niño ein paar Dutzend Meter zurück, weil ich nach vorne nicht rauskomme, da liegt die Ankerleine seines Kahns quer. Dann geht es mit einem Windhauch (zum Glück in die richtige Richtung) im Schritttempo aus dem Hafen. Abschiedswinken von benachbarten Kähnen und einer Offiziellen am Kaiabschluss: 08:00 ab Vacamonte. Niño fährt noch ein paar hundert Meter mit, umkreist das Boot, macht Videos und Fotos ohne Ende. (Am Vorabend hatte er sich als Schiffsbesitzer inszeniert, mit Kaffeetasse am Steuerrad, winkend. Sehr lustig. Er ist inzwischen zu so etwas wie dem Grundversorger des Hafens aufgestiegen, verkauft Kippen, Kekse, Softdrinks. Und verdealt Fisch, den er manchmal als Bezahlung bekommt. Den Freitagvormittag lang haben er und ein Kumpel meterlange dorschähnliche Fische auf dem Boden seines Kahns zerlegt, Haut abgezogen, filettiert. Sah professionell aus.)

Fahrt nach Flamenco (nur 12 sm, 9 sm Luftlinie): die ersten zwei Stunden kommen wir entspannt voran, leichter Wind von hinten, eine kleine Insel ist zu umfahren, keine Probleme. Höchstens, dass der Wind einschlafen könnte. Aber hier nahe der Küste wäre es auch flach genug zum Ankern. Der gefürchtete Humboldtstrom (der mir hier der Küste entlang entgegenkommen müsste,) ist schwach oder wir sind einfach schneller. Dann schläft der Wind nicht etwa ein, sondern frischt auf, dreht und kommt genau auf die Nase.  Dazu baut sich eine fiese, kurze, hohe (2 m) Welle auf. Die vielen Frachter, die links und rechts vom Fahrwasser des Kanals auf Reede liegen und auf Fracht oder ihre Durchfahrt warten (und uns exakt entgegenstehen – im Wind!) sind plötzlich blöde Hindernisse. Zwar kämpft sich die ELLI tapfer hart gegenan, kommt aber nicht richtig auf Touren: der Rumpf ist von den acht Monaten im Hafen übelst bewachsen. (Alleine das Abkratzen und -bürsten von neun Metern Scheuerleistengummi, der abgeschoren wurde und den Niño dankenswerterweise gerettet (im Wasser hängend festgebunden) hatte, dauerte zwei halbe Tage: Moosalgen und Klebmuscheln, die nusshart sind und kaum abgehen.)

Auf den letzten Meilen zur Marina wurden wir jedenfalls richtig hart rangenommen, mit Spritzwasser bis ins Cockpit und Anker im Bug unter Wasser (das hoffentlich nicht reintropft). Die Bojen vom Fahrwasser des Kanals sind zu sehen, auch die hochaufragende Flamenco-Insel, aber wir kämpfen um jeden Meter Höhe. Logbuch: Drei Stunden harte Arbeit, um zwischen den auf Reede liegenden Frachtern aufzukreuzen, inklusive einer Notfallwende vor einem griechischen Frachter, der Matrose kam bereits alarmiert an die Reling; danach verzweifelt versucht, das Fahrwasser zu kreuzen – kommt natürlich in dem Moment ein dicker Brummer aus dem Kanal, dreht aber ab und weicht mir aus. Und die Insel und der Einzelfelsen davor liegen immer noch nicht querab genug, um sie zu erreichen – wir schaffen vielleicht einen Kurs 60 oder 70° zum Wind. Dann eine ungewollte Wende im Fahrwasser, nervenzerrend. Noch zwei Mal je eine Stunde meilenweit schräg gegen den Wind aufgekreuzt, nur um wenige Hundert Meter Höhe zu gewinnen. Dann, die Einfahrt zur Marina ist schon zu sehen, treibt es mich viel zu knapp windwärts vor dem Felssporn vorbei, der zwischen uns und der Einfahrt aufragt; mit angehaltenem Atem steuere ich die davorliegenden Felsbrocken aus, es ging um weniger als zehn Meter. (Aber wenn ich der Insel ausgewichen wäre, hätte mich das nochmal zwei Stunden gekostet.) Falls ich gezweifelt habe, dass Segeln nichts für mich ist, heute habe ich gute Argumente (und eine ziemliche Abreibung) bekommen.

Nie war ich so nahe am Verzweifeln wie beim Segeln.

Ulli Depp

Aber andererseits: die Befriedigung, die Einfahrt zu schaffen und, endlich vor dem Wind, hinein zu rauschen, ist auch groß. Jetzt muss ich es nur noch irgendwie schaffen, die Segel unterzukriegen und hoffen, dass die Marineros mich sehen. Über Funk oder Telefon Bescheid zu sagen, lag außerhalb meiner nervlichen Möglichkeiten.

Beim Versuch einer Q-Wende nur unter dem Großsegel verkacke ich glorios, der Bug dreht zurück, läuft auf einen Steg zu, reagiert aber nicht aufs Ruder – zum ersten Mal (in diesem Jahr) brülle ich die Ellie an: „Komm schon, komm schon!“, weil sie sich einfach nicht drehen will. Danach knallende Patenthalse und der nächste Steg liegt schon wieder voraus … endlich retten mich – »Segel runter!« – die Marineros und ziehen mich, 7 Mann in zwei Lanchas, glücklich an den Steg. Auch die Erleichterung kann sehr groß sein. Bier, Kippen, Grillteller, Bier.

Sonntag (26.) ab 07:00 das Schiff komplett aufgeräumt, gewienert, gewischt (Käufer soll kommen), bis 17:00. Wasser aufgefüllt. Tote Ratte (verwest, verdorrt, geruchlos, winzig) in Schlauchschlingen gefunden. Gasherd: kleine Düse ist zugerostet. Aufzudrehen versucht. Abgedreht – jetzt funktioniert nur noch die große Flamme. Und gefährlich ist es auch. Dabei hätte ich die Düse einfach freistechen können!

Selten hab ich mich so über mich geärgert wie nach einer verpfuschten Bootsreparatur. – Aber selten auch etwas Befriedigenderes erlebt als einen geglückten Fix.

Ulli Depp
Warten auf Käufer

Montag 27. 06:30 Text von Alejandro: er und der Käufer wollen morgen früh kommen. Unten am Rumpf knabbern und knuspern Fische die Algen zwischen den Muscheln heraus. Gutes Geräusch, gutes Gefühl. 10:00 Hydrovane installiert.

Dienstag (28.) Den ganzen Tag auf Alejandro und seinen Käufer gewartet. Text: kommt um eins. Text: Müssen verschieben, kommt um 15:45. Kommen um 16:30 gleich zwei: ein smarter Businessman, schmal, pomadig, superwichtig und kurz angebunden. Er mache Geschäfte wie die Deutschen, er sei Calabrese. Sein riesiger Kumpel (Leibwächter?), tut zutraulicher, macht Smalltalk. Sie sehen sich das Boot kaum an. Der Bullige war auch schon mal in mehreren Großstädten in Deutschland, Dortmund, Essen, Berlin (Mafiahochburgen?), stellt Fragen, gibt sich interessiert. Geht auch tatsächlich einmal in den Salon hinunter, allerdings ohne ins Vorschiff oder ins Klo zu schauen. (Dabei glänzt alles makellos shiny). Slick ist der Chef, redet kaum, schaut kaum in die Achterkajüte, zwei Handys, hört nicht zu; will mit dem Boot über den Atlantik fahren, bar bezahlen. Und bis zum Folgeabend 18:00 entscheiden. Einzige interessierte Frage (an Alejandro:) »Wieviel würde es kosten, das Boot wie neu zu machen?«, vor allem die wenigen Holzarbeiten scheinen ihn zu sorgen. Alejandro: »Zwanzigtausend.« Slick nickt. Ich versuche, abzupreisen, soviel kann das doch nicht kosten! Keiner hört zu.

Bald ziehen sie ab. Nicht einmal die beiden marinegrauen (Spionage?-) Stahlkanus mit US-amerikanischer Flagge auf den hochaufragenden ausbalancierten Blechsegeln, die am Nebensteg liegen,  interessieren Slick. Er winkt ab, ist schon wieder am Rauchen und Telefonieren – und die Kippe ins Wasser schnippen.

Abends sind die Batterien auf 10 oder sogar 8 V runter, laden auch nicht mehr wirklich richtig auf.

Mi (29) 08:00 los, nach Albrook (Einkaufszentrum, Metrostation, Busbahnhof), zum +mobil-Kioskstand. Anscheinend ist meine Nummer nicht zu erreichen (Alejandro kommt nie durch, ich muss ihn dann zurückrufen), weil tigo ein anderer Anbieter ist. Der Probeanruf der jungen Frau am Stand klappt reibungslos. Anderer Anbieter? Und von dem kann ich keine Gespräche empfangen? Kann ich mir nicht vorstellen. Aber was tun?

Mülltüten (viele, trotz Aberglaube), O-Saft, Bier, Brot gekauft. Frühstück in der Super99-Kantine: ham-cheese-egg-Burger, Kirschteilchen. Nachmittags: drittes Buch gelesen (Pete Goss, Cum-Ex, Fidelity). 17:30 jetzt brennen auch noch die Batterien aus, kochen sprudelnd, Geruch nach faulen Eiern!

19:00 Anruf bei Alejandro: Die Käufer haben abgesagt, wollen größeres Boot kaufen. Ich: »Good for them.«

Die Batterie vom Motor, die heißere von beiden, abgeklemmt.

Do (30.) Boot hat wieder Strom: Bb-Batterie (Verbraucher) lädt und funktioniert (Kühlschrank, Wasserversorgung). 3 Kanister Wasser aus dem Schlauch abgefüllt, falls alle Stricke reißen (ohne Strom fördert die Pumpe kein Wasser aus den Tanks).

Nachmittags, um das Durcheinander in meinem Kopf aufzuklären, mögliche Handlungsalternativen aufnotiert (mit voraussichtlicher Dauer bis Rückflug):
– Liegeplatz um 1 Monat verlängern, bei Nacht abhauen (2 Tage);
– Boot an Alejandro verschenken (falls er’s nimmt / 2 T);
– Bei Hernandez (dem Marinachef) buckeln: lassen Sie’s abwracken (aber Risiko: dann weiß er, dass ich Wackelkandidat bin / 2 T);
– Motor reparieren lassen, dann 3 Mo stehen lassen, dann zurückkommen (2 Wochen, min, Marina kostet 1600/Mo);
– Reparieren lassen, dann nach Vista Mar Marina (45 sm) bringen und aus dem Wasser holen ( 3 Wo, 330/Mo);
– Reparieren lassen und in der Bucht vor Anker gehen (2 Wo);
– ohne Reparatur (und ohne Strom) nach Vista Mar segeln, reinschleppen lassen (1 Wo).
Keine einzige klingt rosig, und die Zeit hab ich nicht bzw. will ich mir nicht nehmen. Danach das Boot wieder einige Monate rumstehen lassen, dann kommen neue Reparaturen dazu, der Gedanke macht mich nicht weniger unglücklich.

Abends langes Telefonat mit Paula. Gute Ratschläge: Zweite Meinung einholen, nicht hier in der Marina nach Abwracken fragen, sondern in der Nachbarmarina. Onkel Pepe: beim Abwracker noch ein paar Kröten rausschlagen!

Freitag, 31. (heute soll die Anzahlung auf den Kanal zurücküberwiesen werden, die PanCanal-Bürokratie ist superfreundlich und gut organisiert, auch wenn die Zuständigkeiten undurchsichtig wirken: Geldstelle, Genehmigungs- bzw. Vermessungsstelle, Terminierung (/Scheduler). Um 20:30 mach ich mich vor Alejandro klein: »I want to get rid of the boat.« – »I’ll think of something. We can put her at anchor in the bay.« Er will mir am Montag früh antworten und texten, welche Ideen ihm gekommen sind. 

Um zehn steh ich im Büro der Nachbarmarina, bei Frau Amarilis, Frontdesk der La Playita-Marina, 15min Fußweg entfernt auf der andere Seite des Damms. Super nett, hilfsbereit, freundlich. Abwracker kennt sie keinen. Aber bei »Boot zu verschenken« horcht das ganz Büro auf. Will sie sich gern überlegen, umhören, nimmt gerne Fotos per Mail in Empfang. Gutes Gefühl. Schicke ich sofort, bedankt sie sich am nächsten Tag.


10:30 Smithsonian Institute: Iguanas, Fische, Schwämme, Schlafbären, Schmetterlinge (in den ehemaligen Bunkern von Punta Culébra, einer der Verteidigungsanlagen, die von den Amerikanern auf jeder der Inseln gebaut worden sind). Ganz schön. Voller Kindergartenkinder. Iguanas schnalzen oder züngeln die Süßigkeiten weg, die den Kindern heruntergefallen sind, von unter den Bänken der Picknickecke. In einem selbsttragenden (Buckminster-Fuller-) Dome ein Schmetterlingsparadies. Der Aus-/Eingang ist doppelt gesichert: außen Gazetür mit Riegel, innen: Plastikstreifen wie in einem Kühlhaus. Und in der Schleuse dazwischen: ein Ganzkörperspiegel, damit man Mariposas ausmachen könnte, die sich auf die Kleidung gesetzt haben. Hinter den Kindergartenkindern scheucht innen eine Wächterin die Schmetterlinge weg vom Eingang: »la guardiana de los Mariposas«. Da grinst und nickt sie.

10:45 text von Alejandro: »Call me«. Er wills machen, mit einem Kumpel das Boot in die Bucht hinaus und vor Anker schleppen. (Dort liegen schon eine ganze Menge Yachten in unterschiedlichen Stadien der Vernachlässigung, auch gesunkene, von denen nur noch Salinge und Mast aus dem Wasser ragen.) Geld für die Motorreparatur zusammenkratzen wollen sie auch, 10.000 sollen als fiktiver Kaufpreis  für die Versicherung in einen Vertrag geschrieben werden. »Do we have a deal?« – »Yeah, thank you.« 12:00 Essen im Supermarkt-Restaurant, im sonst leeren fünften Stock an der Haupstraße zum 5 de Mayo: skurril. Dreifachschlange, Gedrängel um die Tabletts. Und die Austeilerinnen schaufeln mächtige Portionen auf die Pappteller.15:30 Telefonat mit  Paula: »Wenn er nach zwei Stunden schon zurückruft, ist er wirklich interessiert. Musst du unbedingt noch 2000 rausholen!«

Sa., 1.02. 07:00 Schäkel (verrostet) aus der Ankerkette gesägt, bevor es zu heiß wird. Neuen Schäkel (3,75 $) eingesetzt. Telefonat mit Alejandro: kommt am Folgetag »for some paperwork.«

Sonntag, 2.2. Nur mal zur Sicherheit in die Bilge geschaut, bevor ich das Boot übergebe. Steht daumenhoch eine gelbe Flüssigkeit drin. Nicht salzig. Aber ölig und streng riechend: Diesel. Woher? Der Einbautank ist, soweit ich sehen kann, noch knallvoll. Die Ersatzkanister im Vorschiff sind trocken. Einer ist leer, hatte ich als voll in Erinnerung. Muss ich wohl eingefüllt haben.

Shiny February

Weil so viele Freunde/LeserInnen gefunden haben, dass mein Blog zu negativ, zu problemlastig, zu wenig mutmachend ist, »da hat man ja gar keine Lust, mitzufahren«, schlug Tochter Lioba vor, einen Monat lang nur die guten Erlebnisse aufzuschreiben, shiny february eben. Also ganz neu formuliert: nach einigem Nachdenken hab ich festgestellt, dass der Diesel aus einem einknickten Ersatzkanister im Vorschiff ausgelaufen ist. Hab ich die Bilge in zwei zweckentfremdete Wasserkanister ausgeschöpft und ausgetupft. Und der Geruch wird auch gleich besser. 

12:00 kommt Alejandro wie angekündigt, wir haben einen Mustervertrag ausgefüllt und unterschrieben, er schaut sich im Schiff um, plant, es zu verchartern, will im Klo eine Dusche einbauen. Nicht er übernimmt das Schiff, sondern die Firma eines Kumpels, um Steuern zu sparen. Der Kumpel ist Mitglied in der Marina, das Boot kann hierbleiben, ab heute, Montag, ist der Liegeplatz geregelt. Und Paulas Zweitausend gehen auch klar: 1000 in bar, der Rest über Western Union. Außerdem ist die ARC (Atlantic Rallye for Cruisers) im Anmarsch, mehr als 300 Yachten, die ersten sind bereits in Shelter Bay und bereiten die Kanaldurchfahrt vor: es wird voll werden, auch hier, nicht alle werden Liegeplätze kriegen. Alejandro nimmt mich auf dem Rückweg mit bis Albrook. Das Einkaufszentrum, das größte in Lateinamerika, ist wirklich unübersichtlich riesig. Eingänge mit Tiernamen (und Tierskulpturen, damit einen die Kinder wiederfinden). Überall hübsche junge Menschen, die einem Pröbchen und Geschenke aufschwatzen wollen.

Sandwich in der Busstation, später Tücher für Paula gekauft, am selben Stand, wo ich ein Jahr zuvor meine Hängematte erstanden hatte, und zwei Avocados »para hoy« am Markt des 5 de Mayo.

16:30/22:30 in D: Telefonat mit Axel (Bruder): Könnte ich die Hydrovane verschicken oder mitbringen? Rufe ich den Käufer an. Alejandro: »It is  part of the deal.« – Dann wieder Axel: »Weißte Bescheid.« Heißt: natürlich nimmt Alejandro mir das Boot nicht aus Barmherzigkeit ab, sondern er hat ein ernstes geschäftliches Interesse daran, in anderen Worten: er will einen Schnitt machen. Soll mir recht sein, wenn bloß die Übernahme stattfindet.

Jetzt, Mo morgen, Frühstücken, Spülen und den Strom abmachen, dann bezahlen und auf Alejandro warten: er wird mir die ersten Tausend in bar bringen, auch den von seinem Kumpel unterschriebenen Vertrag. Noch glaube ich nicht echt an den shiny february, aber es könnte klappen.

Beim Versuch gestern Abend, meinen Flug einzuchecken bin ich fast verrückt geworden. Weil: Das WiFi in de Marina ist scheißlangsam. Hat jedenfalls nicht funktioniert.

Heute, Mo., 03.02. geht es immer noch nicht. Schließlich mach ich’s über’s Handy und um neun klappt’s. Aber: das Datum auf der Bordkarte ist das Flugdatum, nicht der heutige Tag, oder? Anders gesagt: der Flug ist schon heute Abend! Hab ich irgendeinen Fehler im Kalender gemacht.

Am ausersten der Traum – die Elli ist weg.

Kurz vor zehn ruft Alejandro an: »Kannst du rauskommen, ich habe hier einen wichtigen Kunden warten.« Übergibt er mir den Riesen in bar. Und Abschied. Notfallmäßiges Zusammenpacken (dabei hab ich Zeit genug). Letzte Fotos, letztes Mal zum Müll mit einer Riesentüte (u. a. Schürze, Handtücher, Arbeitsklamotten, Bordschuhe aus Zierickzee, taugten eh nichts.) Mein Gepäck wiegt eine Tonne! Und VIER Taschen, eine zuviel: Seesack mit Schuhen, Segeloveralls, sämtlichen Klamotten. Nächster Zentner: Rucksack mit Notebook, iPad, Tastatur, Maus, Bordbuch und Logbuch. Und tausend Kabeln und Netzteilen. Dritte Tasche: Vier Powerbanks und eine Bluetoothbox. Vierte Tasche: Klamotten zum Wechseln  (Wanderschuhe! Dicker Pullover! Gefütterte Jeans!). Im Taxi zum Flughafen, zum letzten Mal um die Altstadt gekurvt, durch die Häuserschluchten gefahren, an der ersten Siedlung Panamá antigua am Ufer vorbeigepest und nichts davon gesehen. Laufschrift auf der Leuchttafel an einem Bus: El Canal es nuestro! Trump lässt grüßen. Am Flughafen bin ich viel zu früh, sieben Stunden Zeit. Wahrscheinlich konnte ich einfach die Marina nicht mehr sehen.

Tschüss

Tja, ihr Lieben. Anscheinend bin ich tief drinnen doch nicht so abenteuerlustig, wie ich mir das vorher ausgemalt hatte, jedenfalls ziehe hier ziemlich kleinlaut den Schwanz ein und freue mich auf den Abflug, nach dem ich mich in den letzten Tagen so gesehnt habe. 

Ende

dieses blogs. Schön, dass ihr dabei wart! Schade, dass es nicht weitergeht. Aber ich bin erleichtert.

48. (Abschied von) Vacamonte

Niño (rechts am lila Außenborder) arbeitet

Oder eigentlich besser: Abschied von der guten alten Elli, für hoffentlich (nur/mindestens) neun Monate, schnief.

Donnerstag, 14.03., hab ich früh getankt in der Marina Flamenco, Schulden bezahlt, bin losgefahren. Ereignislos bis mittags nach Vacamonte motort. Beim Torre angemeldet. Kommt mir Niño schon entgegen (Meine Sorge, ihn vielleicht nicht wiederzuerkennen war also völlig unbegründet; außerdem steht in großen Lettern »El Niño del West« auf seiner Lancha – und auf seinem Sonntags-Fußball-Trikot). Er macht mich längsseits an einem im Hafen liegenden Fischkutter fest. Find ich genial: brauch ich mir über Anker, Ebbe, Flut, keine Gedanken zu machen. Niño ist zutraulich, will quatschen, versorgt mich mit Essen (Frühstück: Eiersandwich, Abendessen: Bratfisch), Zigaretten, Wasser. Bringt mich an Land, wo ich beim Torre vorbeischaue, beim freundlichen Hafenbüroleiter eine Etage tiefer und bei der Seguridad (mein Carnet mit Lichtbild) abholen. Außerdem Essen im Restaurant (»Wo ist der Compañero?« werde ich gefragt, sie erkennen mich wieder, alle sind superherzlich). Wo ich schon mal an Land bin, gleich beim Astillero Nacional vorbeigeschaut, dem großen Kutterreparaturbetrieb mit eigenem Schiffshebewerk. Ingeniero Alejandro ist aber leider krank, kommt erst Montag wieder, zu spät für mich. Abends Bier mit Niño im Cockpit – er sitzt auf dem Deck des Kutters, anderthalb Meter entfernt. Er will alles Mögliche wissen, über Deutschland und mich. Da huscht ein Schatten über das Laufdeck. Ein kleiner Vogel? Dafür schleicht der Schatten zu sehr. Später sehe ich die Silhouette des Tiers im Mondlicht sehr deutlich.

Ratte an Bord

Zwar suche ich nach ihr, sie muss irgendwo auf dem Heck sitzen, aber kann sie nicht finden. Am nächsten Morgen ist klar, dass sie sich genau umgesehen hat: überall sind winzige Kotstreifen verschmiert, schwarz und zäh wie Lakritz. Nur riechen sie anders (Reviermarkierungen?). Freitags widme ich mich Aufräum- und Konservierarbeiten, ziehe die Cockpitpersenning auf, was das Sitzen einigermaßen unbequem macht. Dennoch kommt Niño gerne zum Abendessen (aleman!): Bratkartoffeln und Tomatensalat. Nachts knuspert es an Deck. Am Samstag früh hab ich die Ursache gesehen: Weil ich zu wenig Kartoffeln hatte, hab ich Niño ein Paket Kräcker aufgemacht. Hat er liegengelassen. Das war das Rascheln und Knuspern, das mich nachts geweckt hat. Im Innenraum, soweit ich das beurteilen kann: noch keine Ratte.

Die Illusion hat genau einen halben Tag gehalten. Als ich in der Backskiste der Stb-Salonbank die Bettwäsche für Niño heraussuchen will, jagd ein schwarzer Schatten davon und durch das Loch in der Wand zum Klo. Dort ist unter der Toilette jede Menge (für mich) unzugänglicher Stauraum, da unter den Bodenbrettern überall Durchlässe (für Wasserabfluss) sind, ein idealer Lebensraum, zum Beispiel für eine (trächtige?) Rättin auf der Suche nach einer neuen Heimat. Nachts macht mir das Tier Alpträume. Weibliche Mitfahrer kann ich wohl in Zukunft vergessen. Samstag abends gibt es Pasta mit Tomatensauce, danach Trauben und Käse. Niño scheint es zu schmecken, behauptet er wenigstens und bedankt sich aufgedreht. Er trinkt niemals mehr als ein Bier am Abend (aber bringt schon am Sonntagnachmittag das erste vorbei). Ich schon.

»Langfahrtsegeln heißt, sich ganz für sich allein zu betrinken.«

Kápi-Weisheit

(Montag, 18.3., Flughafen Tocumen, Panamá)
Für Sonntag hab ich mir nur noch wenige Arbeiten aufgespart: Geschirr spülen, Boden putzen, Seeventile und Gasflasche schließen. Niño bringt Frühstück (Tortilla, Spiegelei, gebratene Würstchen) vorbei, außerdem hatte ich schon den Rest der Tomatennudeln gegessen. Auf den Fischkuttern im Hafen verbringen die Mannschaften einen geruhsamen Sonntag, irgendwo dudeln Latino-Schnulzen. Ich verbrauche mein letztes Trinkwasser (ich will die Kanister wie den Tank trocken hinterlassen, weil sie, ist das Wasser einmal schlecht geworden, kaum noch sauber zu machen sind).

Regel 29: Wassertank muss leer sein, Dieseltank randvoll.

Aus: Maßnahmen für das Überwintern von Yachten

Den Motor mit Frischwasser gespült/laufen lassen und die Batterien abgeklemmt hatte ich schon am Samstag.
Heute früh kommt Niño wie verabredet, bringt mir Kaffee vorbei (in SEINER Köln-Tasse, auf die er ganz stolz ist »Kölsches Grundgesetz: §1:  Et hät noch immer jot jejange … etc., pp.«, außerdem habe ich ihm den starken Bauhaus-Strahler geschenkt, den er begeistert einsetzt, um nachts weit entfernte Kutter anzuleuchten …). Er ist zu früh und der Abschied wird kurz und unzeremoniell: alles abgeschlossen, Persenning-Reißverschluss zugezogen und fünf Sachen auf Niños Boot geräumt: Kleider-Rucksack, kleiner Compi-Rucksack, übrige Lebensmittel für Niño, zwei Mülltüten. Um halb acht in der Frühe lasse ich Elli zurück.
Frühstück im Restaurant fällt aus, sie sind leergegessen. Taxi zum Jumbo, dem Supermarkt samt Bushaltestelle, Bus nach Panamá, zur Einkaufs- und Marktstraße 5 de Mayo, wo ich tatsächlich eine Hängematte erstehen kann, und Metro zum Flughafen. Ich bin schon um 12 da, mein Flug geht erst um 1700. Aber leider funktioniert das Flughafen-WLAN (für mich) nicht. Muss ich bin Bogotá versuchen, wo ich drei Stunden warten muss…

Bogotá hat kurz geklappt, eine halbe Stunde WLAN war frei. Hat aber nur gereicht, um Mails zu checken und die aktuelle Tagesschau zu gucken …

Manaus

(Di, 19.03.)
Die Stadt ist ziemlich erschlagend. Andererseits: ziemlich faszinierend. Morgens losgezogen, die Gegend zu Fuß zu erkunden. Nachts um eins war ich angekommen, durch den Zeitunterschied (eine Stunde weniger – ich bin auf dem Heimweg!) war es bereits zwei. Bis ich durch den Zoll und aus dem Flughafen war, noch später. Jedenfalls um drei ins Bett gefallen und mir den Wecker auf halb acht gestellt, weil Frühstück gibt es im Hotel Amazon (Empfehlung des Taxifahrers) nur bis acht. Punkt sieben trommelt und prasselt der Sturzregen auf das Wellblechdach über mir: Regenzeit! Um neun also losgezogen, die Altstadt und der Hafen musste am Ende der Magistrale sein, die ziemlich genau am Hotel (und am Busbahnhof gegenüber) vorbeiführt. Zwei Stunden stramm marschiert, tatsächlich irgendwann Gründerzeitgebäude und so etwas wie den zentralen Platz gefunden. Und Herbert. Lebt seit elf Jahren hier. Ist Deutscher aus Augsburg und wir waren uns auf Anhieb sympathisch (ich ihm als Kunde, er mir als prekärer Lebenskünstler). Long story short: erstmal im Fischrestaurant Pirarucu (Großfisch)-Eintopf mit Früchten und Gemüse gegessen – spektakulär. Vorher Fischsuppe (aufs Haus) und dazu Reis und orangene Gemüsesoße (nachgucken, wie das hieß!) Dann Stadtführung angesagt und (wie immer mit Führer) hab ich Sachen gesehen, die ich mich alleine niemals getraut hätte. Erst die Einkaufsmeile, die alte Zollstation, den Fährhafen, den Rio Negro (der erst hier in Manaus mit einem anderen Fluss zusammengeht und den Amazonas bildet), den Fleischmarkt, den Gemüsemarkt, den Fischmarkt, den Bananenmarkt (sic!), den Seitenarm des Rio Negro, die Müllsammelschiffe mit ihrem jeweils eigenen Bagger, die Villa des Kautschukbarons Scholz (verarmt in Deutschland gestorben), den Zucker-, Nüsse- und Trockenfrüchtemarkt. Und nebenbei Obst (und Anti-Mückenöl) für die Bootstour morgen gekauft. Und Acerola-Dicksaft (Açai [Assai]) getrunken, das Lebenselixier der Brasilianer, zumindest hier am Amazonas.

… bis ich mir wirklich nichts weiteres mehr merken konnte – Herbert ist ein wahres Lexikon: Gaviola heißen die Fährschiffe (Oberdeck nehmen!), Tucumao eine Frucht mit Blattansätzen, Guyaba eine Frucht zum frisch essen, Tucuma (falsch gemerkt?) eine Frucht, die die Brasilianer zum Frühstück essen, fett wie Avocado.

Hinten: Oper von Manaus; vorne: Herbert
Vierfach-Big-Mac: Balkone in der Oper

Als ich echt nicht mehr konnte, ging es erst richtig los: Armstrong (»Amistrong«), geboren im Jahr der Mondlandung, erwartet uns schon vor der Oper. Armstrong ist der Chef von Herbert und staatlich geprüfter Reiseführer (und Besitzer eines Hotels und einer Reiseagentur). Er hat mir jedenfalls eine Opernführung verpasst, Herbert durfte Stichworte beisteuern, und vor allem: meinen kompletten Brasilienaufenthalt durchgebucht. Herberts Vorschläge (Sao Luis, die Dünen und blauen Seen) aufgenommen, sämtliche Bustrips plus Transfers, Abholungen und Übernachtungen gebucht. Seither suche ich Geldautomaten, die meine stark belasteten Kreditkarten noch weiter ausbluten können. Insgesamt 8300 Reales, ca. € 1600, nimmt er für 14 Tage Hotelübernachtungen, Stadtführungen in Belem, Sao Luis und Rio, den Bus Belem-Rio (1800km!) und eine zweitägige Dünentour bei Sao Luis. Irgendwann schwirrt mir nur noch der Kopf und ich hoffe sehr, dass ich heute nicht einen Riesenfehler gemacht habe … Ach ja: Hab ich schon erwähnt, dass es mein erster Tag in Brasilien ist und ich nur vier Stunden geschlafen habe? Ohne Herbert wäre Manaus einfach nur ein Moloch gewesen – 2 ½ Mio Einwohner, ein paar davon leben auf der Straße bzw. auf Pappkartons. So ist es eine der faszinierendsten Städte, die ich in Brasilien kenne – und außerdem die einzige. Oder eben: ein bisschen wie Punta del Este …

Nachts hat mich Armstrongs Fahrer konspirativ zum Hotel zurückgebracht, ich hab meine USD 750 aus dem Rucksack geholt und ihm übergeben, eine Szene wie aus einem Mafia-Film: ich ziehe das Geldbündel (alles in 20ern!) aus meiner Recycling-Einkaufstasche (Coop, noch aus England) er sitzt am Steuer des mit laufendem Motor wartenden Wagens und zählt nach …). Morgen verspricht wirklich spannend zu werden, weil sich das konkurrierende Reiseunternehmen, bei dem ich die Amazonas-Tour gebucht habe, wegen der Abholung noch nicht gemeldet hat. Ich werde um 0715 mit Amistrongs Fahrer losziehen, die Bankautomaten leersaugen und den anderen Fahrer (falls er überhaupt kommt) vertrösten: Ich treffe ihn direkt am Schiff … (und hoffe, dass mich mein Fahrer dort absetzt.) Bin ich zu ausführlich? Ich bin einfach übernächtigt und überdreht.

45. Zwei Tage und zwei Nächte

Playa del Merced, Punta Bruja
Warten auf Oswaldo

(Do., 22.2. Flamenco Marina (wieder), Panamá, Panamá.)
Oswaldo, der Bootsbauer aus Playa del Merced, hatte uns zugesagt, uns am Morgen zu helfen und uns aus der Flussmündung zu schleppen, weil der Wind zuletzt genau gegenan stand. Morgens um acht war vereinbart, nachdem er vom Fischen zurückkäme. Wir waren seit halb acht bereit. Um neun fuhr er (mit seinen Söhnen (?)) an uns vorbei, winkte auch. Dann kam nichts mehr. Um elf, die Ebbströmung zog uns hinaus und der Wind stand exakt achtern, haben wir uns entschlossen, alleine loszusegeln. Ohne Antrieb war das eine Nervensache. Ein Palmwedel, der mit der Flut hereingetragen worden war, trieb neben uns hinaus – und machte uns Mut. Tatsächlich lief alles glatt: im Schritttempo, und manchmal nicht mal das, schlichen wir aus der Flussmündung, aus der Bucht und aufs offene Meer. Ein langer Baumstamm, von Pelikanen (oder anderen Vögeln) belagert, trieb den ganzen Nachmittag neben uns in Sichtweite, viel Geschwindigkeit machten wir also nicht. Draußen lief der Humboldstrom die Küste entlang, nach Norden und Nordosten – eigentlich genau, wo wir hinwollten. Ziel war der Fischereihafen Vacamonte, wo es laut unserem Führer einen Travellift [Möglichkeit, das Schiff aus dem Wasser zu heben] und zahlreiche Werkstätten (für Fischerboote) geben sollte. Astillero Nacional hieß der Reparaturbetrieb unseres Vertrauens (oder meiner Hoffnungen). Zwei Stunden frischer Wind brachte uns in die Nähe der Isla El Pelado, die zwar auf dem Weg, aber auch im selben lag. Danach wieder Flaute, wir haben sogar gebadet. Und Delfine gesehen, zumindest die Rückenflossen. Um 1900 setzt sich ein großer Vogel, schwarz, Typ Geier oder Greif, nach mehreren Anflatterversuchen auf die Mastspitze, und zwar genau auf den Impeller des Anemometers, ein empfindliches Plastikteil mit einem sensibel gelagerten Windrädchen. War nicht zu vertreiben, wahrscheinlich wurde das Vieh vom Masttoplicht angelockt. Und anschließend funktionierte der Windanzeiger nicht mehr, klar. Die ganze Nacht über war kaum ein Lüftchen zu spüren, eine Flautennacht. So still und glatt lag das Meer, dass wir einen doppelten Sternhimmel hatten. Oben das Funkeln, unten das Phosphorisieren der Algen (oder die Spiegelungen der Sterne.) Die Lichter von Panamá-Stadt lagen weit voraus, scheinbar unerreichbar. Im Morgengrauen stellten sie sich als die Lampen des Arbeitslichts von vier Fischerbooten heraus, die wir zwar passieren konnten, die aber eben mitten im Meer und nicht am Ufer lagen … Immerhin hatten wir am Morgen fünf (5) Meilen in die richtige Richtung gutgemacht. Allerdings trieb der Vogelbaum noch immer in Sichtweite. Nur den Palmwedel hatten wir zum Glück abgehängt. Am zweiten Tag kam ab elf etwas Wind auf, (die Wartezeit darauf zog sich endlos!) der uns mit 4 ½ kn in die gewünschte Richtung (Kurs 285°) schob. Und um 1545 einschlief. Wieder totale Flaute. Bis uns um 1600, also eine Viertelstunde später, plötzlich eine Bö mit sicher 3-4 Bf aus der entgegengesetzten Richtung (N statt S)! um die Nase pfiff. Und um 1635 wieder Flaute einzog. Die zweite Nacht brach an, unstet blieb der Wind und wir hatten das Fahrwasser zum Panamakanal zu kreuzen, knapp, falls der Wind seine Richtung behielt, außerhalb des Verkehrstrennungsgebiets, das wir nur streng rechtwinklig hätten queren dürfen. Da die Batterien seit Pearl Island Marina nicht mehr geladen worden waren, hatten wir vorsorglich die Maschine eine halbe Stunde laufen lassen. Aber jetzt fiel die Batterieanzeige wieder auf 12,0 V. (Bei einer Entladung unter 11,8 ruiniert man die Batterien). In meiner Wache von 1900 bis 2300 konnten wir das Fahrwasser queren, aber mit Winddrehern und kurzen Flautenabschnitten geriet die Fahrt zur Nervensache. Odysse ging es nicht besser: In seiner Wache musste er eine unbefeuerte (und nachts kaum auszumachende) Insel zu vermeiden versuchen. Auf der anderen Seite der Bucht lief die Humboldströmung (oder die Tidenströmung) uns entgegen, drohte, uns aus der Bucht wieder hinauszutreiben. Bei Wassertiefen um die zwanzig Meter war an Ankern nicht zu denken (jedenfalls nur theoretisch). Morgens um drei, zu Beginn meiner Wache, lag das Festland (und ankerfähige Wassertiefe) scheinbar unerreichbar in Windrichtung.

Bis Neuseeland

Ab halb sieben blieben wir beide wach. Wenn uns die Strömung weiter hinaustriebe und wir keine Ankermöglichkeit fänden, wäre der nächste Stopp Neuseeland, scherzte Odysse. Konnte ich nicht wirklich drüber lachen, aber die Stimmung blieb gut. Und dann kam auch wieder Wind auf, wieder aus Süd, fast aus der richtigen Richtung. Statt vor der Hafeneinfahrt von Vacamonte zu ankern, wie wir es vorhatten, erfragten wir die Erlaubnis, unter Segeln einzulaufen und der Torre de Control sah darin kein Problem. Zwischen rostigen Fischkuttern, die im Hafenbecken in großen Päckchen lagen, und mit zwei Wenden schafften wir es schließlich zu einem Ankerplatz im Hafenbecken, den uns ein hilfsbereiter Motorbootfahrer als commun (allgemein zugänglich) anwies. Der Mann vom Zubringerboot (Lancha) bot sich sogar an, mich und die Papiere zum Hafenmeisterbüro, also an Land, zu bringen.

Strand am Hafen Vacamonte

Anmelden beim Hafenmeister, der uns einen Platz an der Muelle, also am Pier, zuwies, Schlepphilfe von diesmal gleich zwei Lanchas, und um 1200 Mittag lagen wir tief und sicher am Kai. Große Erleichterung beim Kapi und der gesamten Besatzung (Odysse). Spätestens am Nachmittag musste auch Odysse zum Hafenmeister, seinen Pass vorzeigen. Aber erstmal: Pause und Erholung.

Ostblock, 80er Jahre

Vacamonte ist ein Erlebnis der besonderen Art. »Das Original-Panamá«, sagt Odysse, abseits vom Schuss der glänzenden Bankpaläste, Wolkenkratzer und Luxushotels der City. Auch wenn sie uns, wie sich zeigen wird, mit der Reparatur der ELSBIETA nicht helfen konnten. Wir lagen drei Tage am Kai – ich sage absichtlich nicht „Steg“, weil der Anleger sicher zehn Meter hoch aus groben Holzpollern und Betonstelzen unzerstörbar gebaut ist. Und neun Meter (bei Flut: vier Meter) über uns liegt, erreichbar über eine aus Baustahl geschweißte wacklige Leiter (über die wir gottfroh sind). Am ersten Nachmittag löschte an der anderen Seite des Kais ein Fischkutter seine Fracht, meterlange Untiere (keine Ahnung, welche Sorte), die von Hand aus dem tiefen Schiffsrumpf (und der Kühlung) in Hebekörbe geworfen, mittels Kran auf den Kai gehievt und dort in Kühlbehälter sortiert worden sind. Ein Korb voller Riesenfische (der größte, haiartige, war sicher zwei Meter lang) kam als letztes. Und dann haben sie noch sicher einen Kubikmeter Tunfische, jeder fast einen Meter, von einem Kühlraum im Kutterinneren in einen anderen umgeladen – und wieder mitgenommen, wahrscheinlich war der Preis für Atún im Keller.
Direkt am Kai steht eine riesige Fischfabrik, Kühllaster in allen Stadien des Verfalls sind drumherum geparkt, teilweise auch ohne Kühlung. Hier werden Langusten verarbeitet (deren Saison in diesen Tagen zu Ende geht), jeden Morgen bringen Busse scharenweise Arbeiterinnen, die in Hauben, Schürzen und Gummistiefeln Krabben (puhlen und?) verpacken. Eine Eismaschine, die mittels Gabelstapler beschickt wird, spuckt kubikmeterweise Graupelschnee in Kühlbehälter. An einem Wasserschlauch dürfen wir, Odysse hat mit dem Vorarbeiter gesprochen, uns waschen. Leider im Freien und vor den Augen der Arbeiterinnen (Schichtwechsel) bloß durch einen Stapel Kühlbehälter kaum verborgen. Abends selbstgebratene Krabben, die Odysse vom Ermöglicher der Duschgelegenheit geschenkt bekommen hatte. Außerdem gibt es das Restaurant Vacamonte, die Cafetería Vacamonte und einen kleinen Supermarkt Vacamonte. Alle vom Team derselben überfreundlichen Bedienungen bewirtschaftet, die uns bald wie alte Bekannte begrüßen. Das Restaurant (Neonlicht, Resopaltische, Salsa-Latino-Pop-Video-Beschallung) ist nämlich (das einzige und) unschlagbar billig: zwei Fischermahlzeiten (es gibt alles, außer Fisch, riesige Portionen, vor allem Fleisch) nebst Getränken kosten USD 10, sicher subventioniert.

Restaurante Vacamonte

Zum Frühstück gibt es manchmal Rührei, sonst Huhn, Schwein, Rind, Leber in leckeren Soßen, gebratene Bananen und köstlichen Reis oder Fettgebäck (und Linsen oder Bohnen). Die Fischarbeiter behandeln uns freundlich und kameradschaftlich, alle grüßen überschwänglich und mehrfach haben wir schon Mitfahrangebote bekommen – der Hafen liegt kilometerweit außerhalb der Stadt. Mehrere Flotten Fischkutter sind im Hafen festgemacht, Arbeitsboote, denen man die tägliche Belastung ansieht. Auch halbversunkene Wracks liegen im Hafen.
Nachmittags mit Odysse die Behördengänge erledigt. Passvorweisen bei der Hafenpolizei im Kontrollturm, eine Etage darunter eine Behörde undurchsichtiger Funktion. Die aber unser in Shelter Bay beantragtes (und bezahltes) Cruising Permit prüft (und als unbezahlt im Internet findet!). Beim Marinabüro (sechs Angestellte beiderlei Geschlechts) kann man uns nicht sagen, wieviel unser Aufenthalt kosten wird, Nachfragen, die Reihe der Schreibtische entlang, ergeben einen Preis von wenigen Dollars pro Tag. Am Ende werden wir für drei Tage Aufenthalt insgesamt 16 USD bezahlen. Dafür gab es aber auch: keinen Strom, kein Wasser, keine Duschen. Aber die Möglichkeit, unseren Müll zu entsorgen – der von den streunenden Hunden aus dem Eimer gestoßen und zerwühlt wird. 
Im Büro der Migration arbeiten vier Menschen. Der jüngste erhebt sich schüchtern bei unserem Eintreten, weiß mit uns aber nichts anzufangen. Eine Angestellte starrt angestrengt auf ihren Bildschirm, Odysse sieht, dass sie die Suchmaske von Google offen hat und ihr beim besten Willen nichteinfallen will, nach welchem Stichwort sie noch suchen könnte; einer, dem Alter nach kurz vor der Pension, schläft, zugedeckt mit seiner Jacke (weil die Klimanlage auf voller Kraft ballert) und lässt sich nicht stören. Schließlich kommt einer, Typ Polizist/Macher im besten Mannesalter, zieht sich das Koppel stramm und erklärt uns, dass wir eine nota bräuchten, ein formloses Ersuchen, unser Boot im Hafen lassen zu dürfen. Er zeigt uns sogar eine Vorlage, einen förmlichen Brief an die zuständige Dezernentin, kann uns aber keine Kopie machen, weil sein Edding nur rot schreibt und er damit die Daten aus der Vorlage nicht schwärzen kann. Wenigstens schneidet er uns den Hauptteil des Briefs (mit Adressen und Anreden) aus. Odysse kann sich kaum halten vor Kopfschütteln. Denn die Szenerie könnte man nicht erfinden. Wie früher, als wir über die Transitautobahn nach Berlin gefahren sind.

Schneller Vorlauf: Gestern, als wir uns abmeldeten und Odysse Fotos machen wollte, sind die Büros offensichtlich vorgewarnt worden, wurden wir auch vom Cruising-Permit-Jungbeamten am Händchen durch den Bürokratiedschungel geleitet. Und alles war anders: in der Migration standen Wartestühle aufgestellt, die Angestellte führte ihre Suchen jetzt am Handy durch und der schläfrige Alte stellt sich als Beauftragter für Stempel und Unterschrift heraus (kein anderes Utensil störte seine Schreibtischoberfläche).

Auf der Polizeistation nebenan warteten Handschellen, an einem Rohr in der Wand fixiert auf Bösewichter. Höhepunkt war jedoch sicher das Marinabüro. Der Vorgang ELIZABETH (erkennbar an der nur schlecht, weil zu dunkel kopierbaren Zulassung) wurde über drei Schreibtische gereicht, leider waren die Angaben unleserlich (und auf deutsch), aber Nachfragen lagen unter der Würde der Beamtinnen und Beamten. Erst unser hilfsbereiter Begleiter kam zu uns und fragte nach, welches Netto- und Bruttogewischt das Schiff wohl haben könnte (stand nicht in den Zulassungspapieren). Dann sprang tackernd ein Nadeldrucker an. Und in der Zwischenzeit (kaum anderthalb Stunden, ich schwöre!) hatte eine weitere (eine schleppte sich zur Tür, telefonieren, eine durchmaß das Büro gemessenen Schrittes mehrfach auf dem Weg zur Toilette, zur Mikrowelle, einer fragte nach dem genauen Wortlaut der Eingabe in eine Suchmaschine) hatte die kompetente Suchmaschinenberaterin einen einseitigen Formbrief mit den Daten der ELLI komplettiert und ausgedruckt – auf Laserdrucker, den wir nirgendwo entdecken konnten. Es war ein sensationell skurriles Erlebnis. Insgesamt erhielt wir vier z.T. mehrseitige Formulare, jeweils per Unterschrift von Ausstellerin und PrüferIn zur Feststellung der Richtigkeit als vollständig und ausreichend bestätigt, signiert und gestempelt – u.a. die Rechnung für eine zarpe [Hafenausfahrtsbescheinigung], die Bestätigung der Richtigkeit ebenjener zarpe, den Antrag auf dieselbe und den Formbrief der Internetspezialistin, der bestätigte, dass wir im Hafen gewesen waren. (Einen Teil der Formulare mussten wir bei der Hafenpolizei wieder abgeben, um die eigentliche zarpe, ein Dokument mit metallisch glänzendem Siegel, zu bekommen). Zur Erholung meinte uns der freundliche Begleiter (und diensthabender Cruising-Permit-Beamter) zu einer eisgekühlten Wildkirschen-Limonade (narze) einladen zu müssen. Das hat Odysse aber unterbunden und selbst bezahlt. Das ausgedruckte Cruising permit, die Erlaubnis, durch Panama zu segeln (die wir jetzt nicht mehr brauchen) haben wir auch noch bekommen.
Vielleicht noch interessanter, vor allem unter Inneneinrichtungsgesichtspunkten war der Besuch bei Astillero Nacional, der Reparaturwerkstatt unserer Träume. Die hatten nicht nur einen Travellift, sondern ein veritables Schiffshebewerk und einen Güterbahnhof an Gleisen, um die Schiffe auf Rollwagen über das ausgedehnte Gelände zu bugsieren. Am Vortag hatte ich erfragt, ob meine Probleme dort lösbar seien (cutless bearing, Motor leckt, Schaltung funktioniert nicht, ich möchte das Boot zehn Monate dort parken) und durchgehend positive Antworten erhalten (könnte ein Verständigungs- oder ein Kompetenzproblem gewesen sein). Der zuständige Ingeniero Alejandro (Brudell) sei aber erst am Folgetag ab 0830 wieder da. Dort sind Odysse und ich hingetapert. Sein Büro war leer. Aber stilsicher 60er Jahre eingerichtet: mächtiger Edelholzschreibtisch, Freischwinger, Glastisch, Dunkelholz-Furnier-Sideboard. Selbst die National Geographics sahen original aus – man hätte dort eine historische Serie drehen können; Odysse begeisterte sich, dass seine Frau die Einrichtung sicher ultraschick fände. Dann kam ein Räuspern aus dem Hinterzimmer: Ingeniero Alejandro war doch da, hatte nur Ohrhörer aufgehabt. Superkompetent, superfreundlich, auch englischsprachig. Nur: er konnte nichts für uns tun. Unten in der Werkstatt, Dreherei, Schweißerei hatten wir fachkundige Arbeiter und Arbeiten gesehen. Allerdings waren die Propellerwellen baumdick und die Propeller von der Größe eines Kleinwagens. Mit dem cutless bearing könnte er uns helfen, aber es gab keinen Mechaniker: alle Fischereiflotten beschäftigten ihre eigenen Mechaniker. Und die befassten sich mit einem Schiffsdiesel erst ab acht Zylinder.
Im Lager einer der Flottenwerkstätten half uns ein superfreundlicher Lagermeister, telefonierte herum, passte uns später im Café (Cafetería Vacamonte) ab und machte uns mit einem jungen Mechaniker bekannt, der sich am nächsten Morgen ab sechs (ab acht musste er arbeiten) um uns kümmert würde.

Panamá-Panorama

Nachmittags Ausflug (Taxi, Bus, Taxi) in die Stadt, an der Einfahrt des Kanals sollte es eine Marina (»Muelle Diablo«) geben, von wo aus oft Yachten zu Astillero Nacional kämen, so Ingeniero Alejandro. Dabei kennengelernt: Raoul, der uns seinen Bootsanhänger leihen will, Lupe, der uns eine Auflage dafür bauen will. Und den Manager des (privaten) Yachtclubs, der seinen Chef fragen will, ob wir über die dortige Rampe die ELLI aus dem Wasser ziehen können. Sehe ich zwar noch nicht, aber alle Vorbereitungen laufen; dazu hoffentlich mehr an einem anderen Tag.)

Warten auf Mechaniker.

Klar, dass ich ab fünf den Motorraum und den Zugang von der Achterkajüte freigeräumt hatte. Um halb acht kam der Mechaniker, er konnte zwar selbst nicht, hatte aber einen Freund, (ebenfalls) Supermechaniker, an der Hand, der um zwölf kommen könnte. Sollte er ihn anrufen? Mir war alles recht.
Um kurz nach zwölf, beim Mittagessen, kam ein Unbekannter zu uns an den Tisch (wir waren das einzige Segelboot im Hafen, die einzigen Menschen mit heller Haut und ohne Gummi- oder schwerlederne Seestiefel): bei unserem Boot warte ein Mechaniker!
Hetze zur ELIZABETH, tatsächlich war Rigo pünktlich wie die Uhr, hatte sogar Werkzeug und einen Helfer dabei und innerhalb weniger Minuten den Schaden beurteilt: Der Ölverlust lag bloß an einer verrutschten Gummidichtung am Ölfilter, der Getriebeschaden war wahrscheinlich ein Kupplungsschaden. Um den zu beheben musste aber der Motor ausgebaut werden. Tatkräftig hatte Rigo einen Deckel des Schalthebels am Getriebe abmontiert, aber keinen Fehler gefunden, Ich hatte dafür die Bedienungsanleitung des Getriebes aufgetan, in der zu ebendiesem Deckel eine Warnung fettgedruckt stand: »Diesen Deckel (siehe Zeichnung) NICHT öffnen! Justierung NUR durch Fachpersonal!« Aber Rigo machte einen echt professionellen Eindruck und galt mit Sicherheit als Fachpersonal. Gestern Abend dann noch Strand/Kai-Spaziergang, an der Hafeneinfahrt lagen chinesische Fischkutter mit ostasiatischer Besatzung, die im Hafenbecken angelten (Kugelfisch in den letzten Atemzügen. Beim Rückweg nicht einmal mehr zur Kugel aufgeblasen). Daneben ein Riesenfrachter mit merkwürdig flache Heckrampe, vielleicht ein Kabelleger. Zwar schwimmend, aber in völlig verrottetem Zustand. »Seelenverkäufer, wie aus einem Siegfried-Lenz-Roman «, sagte Odysse. Dabei sahen die Schiffe mit chinesischen Namen und glücksbringende Bemalungen noch besser in Schuss als die übrigen Kutter im Hafen.

Hektik im Hafenbüro

Heute früh noch einmal gefrühstückt (Restaurant Vacamonte),  es gab Rührei (war gestern alle), dafür war das Restaurant (zwar offen, aber) abgeschlossen (der Typ mit dem Schlüssel sei heute nicht erschienen), beim Torre de Control abgemeldet (Gute-Fahrt-Wünsche) und unter Segeln abgelegt. Mit frischem, fast perfektem Wind in drei Stunden bis vor die Marina-Einfahrt gepest und mit per Funk angeforderter Schlepphilfe (ein Boot vorne zum Ziehen, eins hinten zum Bremsen) um elf Uhr festgemacht. Inzwischen hat sich der Travellift/Reparaturbetrieb der Marina schon per Email mit der Abfrage meiner Reparaturwünsche gemeldet: Es gibt Hoffnung.

Im Bankendistrikt. Foto: Odysse