IX. Ende – 53. Panamá, no mas.

Aus der Traum

Bin mit ziemlich konkreten Plänen angereist: Weil Paula erkrankt ist und sich einer Chemotherapie unterziehen muss und ich nicht die Nerven habe, sie dabei alleine zu lassen, werde ich meine Reisepläne umwerfen. Die nächsten zwei Jahre möchte ich nicht lange unterwegs sein. Also werde ich für die ELLI eine Möglichkeit suchen, sie erst einmal stillzulegen, entweder im Pazifik, in einem Yachthafen mit Hebekran, den Niño (den ich dafür bezahle im Hafen auf das Boot aufzupassen) kennt. Oder in Bocas del Toro, auf der Karibikseite von Panama. Die Kanaldurchfahrt habe ich schon von Deutschland aus gebucht. Zu aller Not könnte ich das Boot auch noch ein paar Monate bei Niño im Hafen lassen, denke ich.

Am So., 19. Januar 2025 bin ich von Köln über Madrid nach Panama geflogen, am 20. mittags im Hafen Vacamonte angekommen. Niño hat mich schon vom Wasser aus gesehen und mir zugewinkt. Großes Hallo. Die ELIZABETH sieht ziemlich kläglich aus. Zwar ist sie picobello sauber, Niño hat sich rührend gekümmert. Aber durch einen Hurrikan hat die Arme einiges abbekommen. Alle Fender sind gefetzt, Niño musste immer neue ausgeben. Jetzt hängen alte, abgeschrammte, im Hafen zusammengesuchte zwischen ihr und dem Fischerkahn, der Niños Zuhause ist. Eine Relingsstütze ist gebrochen, eine andere ordentlich verbogen; die Drähte des Seezauns hängen wüst verdrillt und in einem Gewirr von Leinen, die Festmacher sind übelst verknotet. Trotz allem muss das Schiff am Nachbarkahn geschrammt haben, in die Deckskante ist ein kirschgroßes Loch geschlagen, die Scheuerleiste ist abgeschoren und ihre Schraube hat ebenfalls ein Loch in den Rumpf gerissen. Die Gummileiste fehlt. Und die Ankerwinsch, an der drei Festmacher seitlich gezogen haben, ist aus dem Deck gebrochen (und wieder zurückgesunken), dort ist ein fingerlanger Riss im Deck. Außerdem sind von den Vögeln, Pelikanen, sicher  sechs oder sieben Kilo schwer, die sich auf Verklicker und Windfahne gesetzt haben, beide Anzeiger abgebrochen, Niño übergibt mir die Übrigbleibsel. Eine Klampe ist verbogen, ebenso die Halterung des Bimini, beides ließ sich aber innerhalb eines Tages reparieren.

Denn am nächsten Tag sah alles schon weniger schlimm aus. Den Motor hab ich gecheckt: er saß fest, ließ sich aber gängig drehen, Sprit hatte er auch und in der (einen, nicht defekten) Batterie war sogar noch genug Saft für einen Startversuch. Nur angesprungen ist er nicht. Noch am Di nachmittag den Mechaniker Alejandro (Lopez, von Servicios Morice; falls mal jemand am Kanal einen Mechaniker braucht: sehr zu empfehlen!) angerufen, er kann schon am Donnerstag kommen – gut.

Am Mittwoch aufgeräumt, den Herd in Betrieb genommen: Kaffee aus eingeschmolzenem Instant-Fels gekocht. Ach ja: Sonnenblumenöl verdunstet oder diffundiert durch Plastikflaschen: eine nicht angebrochene Flasche ist zu einem Drittel leer. Vorsegel und Großsegel aufgezogen, beide zum Glück noch intakt; Bimini und Sprayhood schon am Dienstag installiert – die ELLI sieht fast schon wieder aus wie ein Segelschiff.

Shiny february: das Wetter ist herrlich, kochend warm, ab und zu ein lindes Lüftchen, ab und an ein Regenguss. Werde schon braun (auch vor Schmutz: heute zum ersten Mal nach vier Tagen eine Dusche genommen, aus dem Wasserfass auf Niños Kahn).

Was nicht so gut kommt: Niño hat zwar jede Menge Rattengift verstreut, kleine rosa Röllchen und lindgrüne Bauklötzchen, aber mindestens doppelt so viele Rattenköttel sind überall im Schiff verstreut: kleine, lakritzfeste und mattschwarze Köttelchen, die, wenn sie nicht gerade festgetreten sind, sich leicht aufsammeln oder wegfegen lassen. Was weniger leicht weggeht: der scharf-saure, beißende Geruch von Rattenpisse. Shiny february: es gibt keine einzige Ameise an Bord. Und allem Anschein nach hat die (einzige gesichtete) Ratte das Schiff wieder verlassen. Nachts meine ich Geräusche zu hören, aber es war wohl (hoffentlich) nur das Rascheln der Plastikmülltüte im Wind im offenen Niedergang. Ab sieben Uhr abends gehen die Temperaturen auf angenehmes Schlafklima zurück. Immer wieder überraschend: der Tagesablauf in den Tropen, halb sieben morgens Sonnenaufgang, hell wird es erst kurz zuvor; sieben Uhr abends: Sonnenuntergang und ziemlich sofort auch Düsternis.

Noch auser der Traum

Heute, Donnerstag früh, Klar Schiff gemacht, zumindest den Salon aufgeräumt und die Bilge ausgetupft (36 l, anscheinend Süßwasser, jedenfalls dem Geschmack nach: nur ganz leicht salzig – vom Regen?). Alejandro will um die Mittagszeit anrücken, ich soll ihn bei der Polizeistation am Hafeneingang erwarten – und will bis dahin mit den Polizeiwachen klarmachen, dass sie ihn überhaupt ins Hafengelände lassen. Um neun schalte ich das Telefon an. Und hab drei Nachrichten. Der Mechaniker ist bereits unterwegs. Wird in einer Stunde da sein (die Nachricht ist eine Stunde alt). Schickt mir ein Foto der Polizeistation, wo er bereits wartet. Losgehetzt, hingerast (Taxi). Mich bei den Mechanikern entschuldigt, sie sind drei Mann hoch angerückt, mit dem Chef der Station geredet, meinen Passierschein vom Februar vorgezeigt. Den zieht er sofort ein, weil er seit Juli nicht mehr gültig ist. Ich muss zurück zum Hafen (5 km), das Okay des Hafenmeisters bei der Verkehrsüberwachung, trafico, holen. Zum Glück hat das Taxi gewartet. Alejandro ist die Ruhe in Person, das gehe hier immer so. Tatsächlich ist es dann mit einem Anruf vom Hafenmeister erledigt, Alejandro und seine Helfer wuchten Werkzeug und eine sauschwere Ersatzbatterie auf Niños Lancha und dann auf seinen Fischerkahn und die ELLI. Nach einer halben Stunde Herumorgeln, die meiste Zeit mit meiner eigenen Batterie, findet Alejandro Wasser in einem der Zylinder: anscheinend hat der Motorblock einen Riss und das Kühlwasser tritt irgendwo ein. Jedenfalls: der Motor muss ausgebaut und auseinandergenommen werden. Niño reicht mir fast unaufgefordert eine neue Packung Kippen und ein Feuerzeug. Verzweifelte Frage an Alejandro: »Du weißt nicht zufällig jemand, der das Boot kaufen will?« – »Könnte schon sein, dass ich einen weiß.«

Ich bleibe mit den Mechanikern an Land, schicke die Bestätigung für die Bezahlung der Kanaldurchfahrt nochmal los, jetzt hoffentlich an die richtige Stelle. Und cancele mit gleicher Post die Durchfahrt (an eine andere Stelle). Dann erstmal Geld holen. Alejandro gab sich mit dem zufrieden, was ich noch an Barem in der Tasche hatte (80 $ US). Wenn jetzt der Geldautomat nicht funktioniert, bin ich am A… Denn die Handyaufladung für dei panamáische SIM hat irgendwie auch nicht funktioniert, ich hab kein Guthaben, kann nicht telefonieren und bin nicht erreichbar. Letzte Dollars für einen Kaffee und das Taxi. Aber alles geht gut. Banco General spuckt 250 aus, der Mobilfunk-Chinese lädt mir wie nix einen Zehner Guthaben aufs Telefon. Und die Rückfahrt und die Behördengänge (Sekretariat Handelsmarine, Hafenbehörde, Immigration, Hafenmeisterei,Verkehrskontrolle) klappen auch. Über die Amtsstubenatmosphäre habe ich schon ein Jahr zuvor mit Odysse gescherzt. Jetzt noch den Liegeplatz in Flamenco Marina (in Panamá Stadt) reservieren, dann Duschen (aus dem Wasserfass von Niño) und das Tagwerk ist geschafft.

Am Freitag (24.01.) früh auf, mit Kaffee im Morgengrauen. Dann das Funkgerät eingebaut – welches aber ohne Batterie ohnehin nicht funktionieren wird. Nach dem Georgel, um den Motor zu starten, ist auch die bessere von beiden auf 10 V runter (alles unter 11,8 kann die Batterie zerstören.) Text von Alejandro: sobald ich in Flamenco bin, soll ich Bescheid sagen. Die Marina am Ausgang des Kanals kommt mir vor wie Paradies und Zivilisation (Wasser, Strom, Duschen, Landzugang!) zugleich.

Samstag früh schleppt mich Niño ein paar Dutzend Meter zurück, weil ich nach vorne nicht rauskomme, da liegt die Ankerleine seines Kahns quer. Dann geht es mit einem Windhauch (zum Glück in die richtige Richtung) im Schritttempo aus dem Hafen. Abschiedswinken von benachbarten Kähnen und einer Offiziellen am Kaiabschluss: 08:00 ab Vacamonte. Niño fährt noch ein paar hundert Meter mit, umkreist das Boot, macht Videos und Fotos ohne Ende. (Am Vorabend hatte er sich als Schiffsbesitzer inszeniert, mit Kaffeetasse am Steuerrad, winkend. Sehr lustig. Er ist inzwischen zu so etwas wie dem Grundversorger des Hafens aufgestiegen, verkauft Kippen, Kekse, Softdrinks. Und verdealt Fisch, den er manchmal als Bezahlung bekommt. Den Freitagvormittag lang haben er und ein Kumpel meterlange dorschähnliche Fische auf dem Boden seines Kahns zerlegt, Haut abgezogen, filettiert. Sah professionell aus.)

Fahrt nach Flamenco (nur 12 sm, 9 sm Luftlinie): die ersten zwei Stunden kommen wir entspannt voran, leichter Wind von hinten, eine kleine Insel ist zu umfahren, keine Probleme. Höchstens, dass der Wind einschlafen könnte. Aber hier nahe der Küste wäre es auch flach genug zum Ankern. Der gefürchtete Humboldtstrom (der mir hier der Küste entlang entgegenkommen müsste,) ist schwach oder wir sind einfach schneller. Dann schläft der Wind nicht etwa ein, sondern frischt auf, dreht und kommt genau auf die Nase.  Dazu baut sich eine fiese, kurze, hohe (2 m) Welle auf. Die vielen Frachter, die links und rechts vom Fahrwasser des Kanals auf Reede liegen und auf Fracht oder ihre Durchfahrt warten (und uns exakt entgegenstehen – im Wind!) sind plötzlich blöde Hindernisse. Zwar kämpft sich die ELLI tapfer hart gegenan, kommt aber nicht richtig auf Touren: der Rumpf ist von den acht Monaten im Hafen übelst bewachsen. (Alleine das Abkratzen und -bürsten von neun Metern Scheuerleistengummi, der abgeschoren wurde und den Niño dankenswerterweise gerettet (im Wasser hängend festgebunden) hatte, dauerte zwei halbe Tage: Moosalgen und Klebmuscheln, die nusshart sind und kaum abgehen.)

Auf den letzten Meilen zur Marina wurden wir jedenfalls richtig hart rangenommen, mit Spritzwasser bis ins Cockpit und Anker im Bug unter Wasser (das hoffentlich nicht reintropft). Die Bojen vom Fahrwasser des Kanals sind zu sehen, auch die hochaufragende Flamenco-Insel, aber wir kämpfen um jeden Meter Höhe. Logbuch: Drei Stunden harte Arbeit, um zwischen den auf Reede liegenden Frachtern aufzukreuzen, inklusive einer Notfallwende vor einem griechischen Frachter, der Matrose kam bereits alarmiert an die Reling; danach verzweifelt versucht, das Fahrwasser zu kreuzen – kommt natürlich in dem Moment ein dicker Brummer aus dem Kanal, dreht aber ab und weicht mir aus. Und die Insel und der Einzelfelsen davor liegen immer noch nicht querab genug, um sie zu erreichen – wir schaffen vielleicht einen Kurs 60 oder 70° zum Wind. Dann eine ungewollte Wende im Fahrwasser, nervenzerrend. Noch zwei Mal je eine Stunde meilenweit schräg gegen den Wind aufgekreuzt, nur um wenige Hundert Meter Höhe zu gewinnen. Dann, die Einfahrt zur Marina ist schon zu sehen, treibt es mich viel zu knapp windwärts vor dem Felssporn vorbei, der zwischen uns und der Einfahrt aufragt; mit angehaltenem Atem steuere ich die davorliegenden Felsbrocken aus, es ging um weniger als zehn Meter. (Aber wenn ich der Insel ausgewichen wäre, hätte mich das nochmal zwei Stunden gekostet.) Falls ich gezweifelt habe, dass Segeln nichts für mich ist, heute habe ich gute Argumente (und eine ziemliche Abreibung) bekommen.

Nie war ich so nahe am Verzweifeln wie beim Segeln.

Ulli Depp

Aber andererseits: die Befriedigung, die Einfahrt zu schaffen und, endlich vor dem Wind, hinein zu rauschen, ist auch groß. Jetzt muss ich es nur noch irgendwie schaffen, die Segel unterzukriegen und hoffen, dass die Marineros mich sehen. Über Funk oder Telefon Bescheid zu sagen, lag außerhalb meiner nervlichen Möglichkeiten.

Beim Versuch einer Q-Wende nur unter dem Großsegel verkacke ich glorios, der Bug dreht zurück, läuft auf einen Steg zu, reagiert aber nicht aufs Ruder – zum ersten Mal (in diesem Jahr) brülle ich die Ellie an: „Komm schon, komm schon!“, weil sie sich einfach nicht drehen will. Danach knallende Patenthalse und der nächste Steg liegt schon wieder voraus … endlich retten mich – »Segel runter!« – die Marineros und ziehen mich, 7 Mann in zwei Lanchas, glücklich an den Steg. Auch die Erleichterung kann sehr groß sein. Bier, Kippen, Grillteller, Bier.

Sonntag (26.) ab 07:00 das Schiff komplett aufgeräumt, gewienert, gewischt (Käufer soll kommen), bis 17:00. Wasser aufgefüllt. Tote Ratte (verwest, verdorrt, geruchlos, winzig) in Schlauchschlingen gefunden. Gasherd: kleine Düse ist zugerostet. Aufzudrehen versucht. Abgedreht – jetzt funktioniert nur noch die große Flamme. Und gefährlich ist es auch. Dabei hätte ich die Düse einfach freistechen können!

Selten hab ich mich so über mich geärgert wie nach einer verpfuschten Bootsreparatur. – Aber selten auch etwas Befriedigenderes erlebt als einen geglückten Fix.

Ulli Depp
Warten auf Käufer

Montag 27. 06:30 Text von Alejandro: er und der Käufer wollen morgen früh kommen. Unten am Rumpf knabbern und knuspern Fische die Algen zwischen den Muscheln heraus. Gutes Geräusch, gutes Gefühl. 10:00 Hydrovane installiert.

Dienstag (28.) Den ganzen Tag auf Alejandro und seinen Käufer gewartet. Text: kommt um eins. Text: Müssen verschieben, kommt um 15:45. Kommen um 16:30 gleich zwei: ein smarter Businessman, schmal, pomadig, superwichtig und kurz angebunden. Er mache Geschäfte wie die Deutschen, er sei Calabrese. Sein riesiger Kumpel (Leibwächter?), tut zutraulicher, macht Smalltalk. Sie sehen sich das Boot kaum an. Der Bullige war auch schon mal in mehreren Großstädten in Deutschland, Dortmund, Essen, Berlin (Mafiahochburgen?), stellt Fragen, gibt sich interessiert. Geht auch tatsächlich einmal in den Salon hinunter, allerdings ohne ins Vorschiff oder ins Klo zu schauen. (Dabei glänzt alles makellos shiny). Slick ist der Chef, redet kaum, schaut kaum in die Achterkajüte, zwei Handys, hört nicht zu; will mit dem Boot über den Atlantik fahren, bar bezahlen. Und bis zum Folgeabend 18:00 entscheiden. Einzige interessierte Frage (an Alejandro:) »Wieviel würde es kosten, das Boot wie neu zu machen?«, vor allem die wenigen Holzarbeiten scheinen ihn zu sorgen. Alejandro: »Zwanzigtausend.« Slick nickt. Ich versuche, abzupreisen, soviel kann das doch nicht kosten! Keiner hört zu.

Bald ziehen sie ab. Nicht einmal die beiden marinegrauen (Spionage?-) Stahlkanus mit US-amerikanischer Flagge auf den hochaufragenden ausbalancierten Blechsegeln, die am Nebensteg liegen,  interessieren Slick. Er winkt ab, ist schon wieder am Rauchen und Telefonieren – und die Kippe ins Wasser schnippen.

Abends sind die Batterien auf 10 oder sogar 8 V runter, laden auch nicht mehr wirklich richtig auf.

Mi (29) 08:00 los, nach Albrook (Einkaufszentrum, Metrostation, Busbahnhof), zum +mobil-Kioskstand. Anscheinend ist meine Nummer nicht zu erreichen (Alejandro kommt nie durch, ich muss ihn dann zurückrufen), weil tigo ein anderer Anbieter ist. Der Probeanruf der jungen Frau am Stand klappt reibungslos. Anderer Anbieter? Und von dem kann ich keine Gespräche empfangen? Kann ich mir nicht vorstellen. Aber was tun?

Mülltüten (viele, trotz Aberglaube), O-Saft, Bier, Brot gekauft. Frühstück in der Super99-Kantine: ham-cheese-egg-Burger, Kirschteilchen. Nachmittags: drittes Buch gelesen (Pete Goss, Cum-Ex, Fidelity). 17:30 jetzt brennen auch noch die Batterien aus, kochen sprudelnd, Geruch nach faulen Eiern!

19:00 Anruf bei Alejandro: Die Käufer haben abgesagt, wollen größeres Boot kaufen. Ich: »Good for them.«

Die Batterie vom Motor, die heißere von beiden, abgeklemmt.

Do (30.) Boot hat wieder Strom: Bb-Batterie (Verbraucher) lädt und funktioniert (Kühlschrank, Wasserversorgung). 3 Kanister Wasser aus dem Schlauch abgefüllt, falls alle Stricke reißen (ohne Strom fördert die Pumpe kein Wasser aus den Tanks).

Nachmittags, um das Durcheinander in meinem Kopf aufzuklären, mögliche Handlungsalternativen aufnotiert (mit voraussichtlicher Dauer bis Rückflug):
– Liegeplatz um 1 Monat verlängern, bei Nacht abhauen (2 Tage);
– Boot an Alejandro verschenken (falls er’s nimmt / 2 T);
– Bei Hernandez (dem Marinachef) buckeln: lassen Sie’s abwracken (aber Risiko: dann weiß er, dass ich Wackelkandidat bin / 2 T);
– Motor reparieren lassen, dann 3 Mo stehen lassen, dann zurückkommen (2 Wochen, min, Marina kostet 1600/Mo);
– Reparieren lassen, dann nach Vista Mar Marina (45 sm) bringen und aus dem Wasser holen ( 3 Wo, 330/Mo);
– Reparieren lassen und in der Bucht vor Anker gehen (2 Wo);
– ohne Reparatur (und ohne Strom) nach Vista Mar segeln, reinschleppen lassen (1 Wo).
Keine einzige klingt rosig, und die Zeit hab ich nicht bzw. will ich mir nicht nehmen. Danach das Boot wieder einige Monate rumstehen lassen, dann kommen neue Reparaturen dazu, der Gedanke macht mich nicht weniger unglücklich.

Abends langes Telefonat mit Paula. Gute Ratschläge: Zweite Meinung einholen, nicht hier in der Marina nach Abwracken fragen, sondern in der Nachbarmarina. Onkel Pepe: beim Abwracker noch ein paar Kröten rausschlagen!

Freitag, 31. (heute soll die Anzahlung auf den Kanal zurücküberwiesen werden, die PanCanal-Bürokratie ist superfreundlich und gut organisiert, auch wenn die Zuständigkeiten undurchsichtig wirken: Geldstelle, Genehmigungs- bzw. Vermessungsstelle, Terminierung (/Scheduler). Um 20:30 mach ich mich vor Alejandro klein: »I want to get rid of the boat.« – »I’ll think of something. We can put her at anchor in the bay.« Er will mir am Montag früh antworten und texten, welche Ideen ihm gekommen sind. 

Um zehn steh ich im Büro der Nachbarmarina, bei Frau Amarilis, Frontdesk der La Playita-Marina, 15min Fußweg entfernt auf der andere Seite des Damms. Super nett, hilfsbereit, freundlich. Abwracker kennt sie keinen. Aber bei »Boot zu verschenken« horcht das ganz Büro auf. Will sie sich gern überlegen, umhören, nimmt gerne Fotos per Mail in Empfang. Gutes Gefühl. Schicke ich sofort, bedankt sie sich am nächsten Tag.


10:30 Smithsonian Institute: Iguanas, Fische, Schwämme, Schlafbären, Schmetterlinge (in den ehemaligen Bunkern von Punta Culébra, einer der Verteidigungsanlagen, die von den Amerikanern auf jeder der Inseln gebaut worden sind). Ganz schön. Voller Kindergartenkinder. Iguanas schnalzen oder züngeln die Süßigkeiten weg, die den Kindern heruntergefallen sind, von unter den Bänken der Picknickecke. In einem selbsttragenden (Buckminster-Fuller-) Dome ein Schmetterlingsparadies. Der Aus-/Eingang ist doppelt gesichert: außen Gazetür mit Riegel, innen: Plastikstreifen wie in einem Kühlhaus. Und in der Schleuse dazwischen: ein Ganzkörperspiegel, damit man Mariposas ausmachen könnte, die sich auf die Kleidung gesetzt haben. Hinter den Kindergartenkindern scheucht innen eine Wächterin die Schmetterlinge weg vom Eingang: »la guardiana de los Mariposas«. Da grinst und nickt sie.

10:45 text von Alejandro: »Call me«. Er wills machen, mit einem Kumpel das Boot in die Bucht hinaus und vor Anker schleppen. (Dort liegen schon eine ganze Menge Yachten in unterschiedlichen Stadien der Vernachlässigung, auch gesunkene, von denen nur noch Salinge und Mast aus dem Wasser ragen.) Geld für die Motorreparatur zusammenkratzen wollen sie auch, 10.000 sollen als fiktiver Kaufpreis  für die Versicherung in einen Vertrag geschrieben werden. »Do we have a deal?« – »Yeah, thank you.« 12:00 Essen im Supermarkt-Restaurant, im sonst leeren fünften Stock an der Haupstraße zum 5 de Mayo: skurril. Dreifachschlange, Gedrängel um die Tabletts. Und die Austeilerinnen schaufeln mächtige Portionen auf die Pappteller.15:30 Telefonat mit  Paula: »Wenn er nach zwei Stunden schon zurückruft, ist er wirklich interessiert. Musst du unbedingt noch 2000 rausholen!«

Sa., 1.02. 07:00 Schäkel (verrostet) aus der Ankerkette gesägt, bevor es zu heiß wird. Neuen Schäkel (3,75 $) eingesetzt. Telefonat mit Alejandro: kommt am Folgetag »for some paperwork.«

Sonntag, 2.2. Nur mal zur Sicherheit in die Bilge geschaut, bevor ich das Boot übergebe. Steht daumenhoch eine gelbe Flüssigkeit drin. Nicht salzig. Aber ölig und streng riechend: Diesel. Woher? Der Einbautank ist, soweit ich sehen kann, noch knallvoll. Die Ersatzkanister im Vorschiff sind trocken. Einer ist leer, hatte ich als voll in Erinnerung. Muss ich wohl eingefüllt haben.

Shiny February

Weil so viele Freunde/LeserInnen gefunden haben, dass mein Blog zu negativ, zu problemlastig, zu wenig mutmachend ist, »da hat man ja gar keine Lust, mitzufahren«, schlug Tochter Lioba vor, einen Monat lang nur die guten Erlebnisse aufzuschreiben, shiny february eben. Also ganz neu formuliert: nach einigem Nachdenken hab ich festgestellt, dass der Diesel aus einem einknickten Ersatzkanister im Vorschiff ausgelaufen ist. Hab ich die Bilge in zwei zweckentfremdete Wasserkanister ausgeschöpft und ausgetupft. Und der Geruch wird auch gleich besser. 

12:00 kommt Alejandro wie angekündigt, wir haben einen Mustervertrag ausgefüllt und unterschrieben, er schaut sich im Schiff um, plant, es zu verchartern, will im Klo eine Dusche einbauen. Nicht er übernimmt das Schiff, sondern die Firma eines Kumpels, um Steuern zu sparen. Der Kumpel ist Mitglied in der Marina, das Boot kann hierbleiben, ab heute, Montag, ist der Liegeplatz geregelt. Und Paulas Zweitausend gehen auch klar: 1000 in bar, der Rest über Western Union. Außerdem ist die ARC (Atlantic Rallye for Cruisers) im Anmarsch, mehr als 300 Yachten, die ersten sind bereits in Shelter Bay und bereiten die Kanaldurchfahrt vor: es wird voll werden, auch hier, nicht alle werden Liegeplätze kriegen. Alejandro nimmt mich auf dem Rückweg mit bis Albrook. Das Einkaufszentrum, das größte in Lateinamerika, ist wirklich unübersichtlich riesig. Eingänge mit Tiernamen (und Tierskulpturen, damit einen die Kinder wiederfinden). Überall hübsche junge Menschen, die einem Pröbchen und Geschenke aufschwatzen wollen.

Sandwich in der Busstation, später Tücher für Paula gekauft, am selben Stand, wo ich ein Jahr zuvor meine Hängematte erstanden hatte, und zwei Avocados »para hoy« am Markt des 5 de Mayo.

16:30/22:30 in D: Telefonat mit Axel (Bruder): Könnte ich die Hydrovane verschicken oder mitbringen? Rufe ich den Käufer an. Alejandro: »It is  part of the deal.« – Dann wieder Axel: »Weißte Bescheid.« Heißt: natürlich nimmt Alejandro mir das Boot nicht aus Barmherzigkeit ab, sondern er hat ein ernstes geschäftliches Interesse daran, in anderen Worten: er will einen Schnitt machen. Soll mir recht sein, wenn bloß die Übernahme stattfindet.

Jetzt, Mo morgen, Frühstücken, Spülen und den Strom abmachen, dann bezahlen und auf Alejandro warten: er wird mir die ersten Tausend in bar bringen, auch den von seinem Kumpel unterschriebenen Vertrag. Noch glaube ich nicht echt an den shiny february, aber es könnte klappen.

Beim Versuch gestern Abend, meinen Flug einzuchecken bin ich fast verrückt geworden. Weil: Das WiFi in de Marina ist scheißlangsam. Hat jedenfalls nicht funktioniert.

Heute, Mo., 03.02. geht es immer noch nicht. Schließlich mach ich’s über’s Handy und um neun klappt’s. Aber: das Datum auf der Bordkarte ist das Flugdatum, nicht der heutige Tag, oder? Anders gesagt: der Flug ist schon heute Abend! Hab ich irgendeinen Fehler im Kalender gemacht.

Am ausersten der Traum – die Elli ist weg.

Kurz vor zehn ruft Alejandro an: »Kannst du rauskommen, ich habe hier einen wichtigen Kunden warten.« Übergibt er mir den Riesen in bar. Und Abschied. Notfallmäßiges Zusammenpacken (dabei hab ich Zeit genug). Letzte Fotos, letztes Mal zum Müll mit einer Riesentüte (u. a. Schürze, Handtücher, Arbeitsklamotten, Bordschuhe aus Zierickzee, taugten eh nichts.) Mein Gepäck wiegt eine Tonne! Und VIER Taschen, eine zuviel: Seesack mit Schuhen, Segeloveralls, sämtlichen Klamotten. Nächster Zentner: Rucksack mit Notebook, iPad, Tastatur, Maus, Bordbuch und Logbuch. Und tausend Kabeln und Netzteilen. Dritte Tasche: Vier Powerbanks und eine Bluetoothbox. Vierte Tasche: Klamotten zum Wechseln  (Wanderschuhe! Dicker Pullover! Gefütterte Jeans!). Im Taxi zum Flughafen, zum letzten Mal um die Altstadt gekurvt, durch die Häuserschluchten gefahren, an der ersten Siedlung Panamá antigua am Ufer vorbeigepest und nichts davon gesehen. Laufschrift auf der Leuchttafel an einem Bus: El Canal es nuestro! Trump lässt grüßen. Am Flughafen bin ich viel zu früh, sieben Stunden Zeit. Wahrscheinlich konnte ich einfach die Marina nicht mehr sehen.

Tschüss

Tja, ihr Lieben. Anscheinend bin ich tief drinnen doch nicht so abenteuerlustig, wie ich mir das vorher ausgemalt hatte, jedenfalls ziehe hier ziemlich kleinlaut den Schwanz ein und freue mich auf den Abflug, nach dem ich mich in den letzten Tagen so gesehnt habe. 

Ende

dieses blogs. Schön, dass ihr dabei wart! Schade, dass es nicht weitergeht. Aber ich bin erleichtert.

52. Das zweite Jahr

Winterlager

Unterwegs war ich von Ende November 2023 bis Ende April 2024, auf der LIZZY von 5. Dezember bis 17. März.
Netto hab ich Luftlinie zwar nur 658 nm (1220 km) zurückgelegt, aber in einen zweiten Ozean zumindest hineingeschnuppert.

Curaçao war ein wenig wie Heimkommen: Moritz war wieder da, das Abendessen mit ihm grandios. Die Fahrt mit Ina nach Cartagena (Charlie, der Jens‘ traurige Geschichte zuende erzählte), Heiligabend und Sylvester dort. Cocos Bandero  und der Rest von Kuna Yala – kurz, aber intensiv. Der Panamakanal, seine Vorbereitungen und seine Durchfahrt, sicher ein Höhepunkt. Taboga, Otoque und die Perleninseln mit Odysse. Ganz anders als in der Karibik: trübes Wasser, Tiden und Strömungen sind zu berücksichtigen, Pazifik eben. Die jagenden, im Sturzflug fischenden Pelikane. Fischende Fischer und keine Piraten. Der Buschbrand auf Otoque. Danach waren wir über Tage das einzige Segelboot an jedem Ankerplatz, in Boca Grande, vor La Palma, im Rio Iglesias, vor Playa del Merced. Im Darién dominierten Goldgräberstimmung und Urwaldgeräusche. Zwei Tage und zwei Nächte ohne Antrieb durch das Fahrwasser zum Kanal und zwischen unzähligen verstreut liegenden Inseln hindurch waren eine Nervenprobe nach Vacamonte (wo sie sich heute noch an Odysse und die ELLI erinnern). Und dann drei lange Wochen Warten und Bangen, ob der Motor wieder hinkommt, ob ich einen sicheren Platz für die gute alte LIZBETH finde. Im Augenblick sieht alles danach aus. Die Rückreise war lang und kompliziert. Der Amazonas, unverzichtbarer Eintrag auf jeder Traveller-Wunschliste. Die Dünenseen bei Barreirinha, eine unvorhergesehene, überwältigende Überraschung. Die Busfahrt nach Süden. Und Rio de Janeiro zum Abschluss. Welch eine Wucht von einer Stadt.

Gästebuch

Manuel und Alex (Linehandler) vor der Puente de los Americas
Niño (mit Daum und Kölntasse)

Lobende Erwähnung: Victor in Playa del Merced
und die Besatzung der AMAZON STAR. 

Werbeblock

Bilderbogen

51. Drei Tage und drei Nächte

Belém – Rio de Janeiro

… sind sehr lang. Brasilien ist eben endlos groß. 4000 km von Freitagabend 1830 bis Montagabend 1800 zurückgelegt bzw. erduldet. Rote Erde, grünes Land, blauer Himmel. Dies müsste, wenn es mit rechten Dingen zuginge, das reichste Land der Welt sein; riesig, fruchtbar, Bodenschätze, freundliche Menschen. Im Norden flache, feuchte Ebene, im Zentrum Hügelketten mit weiten Tälern dazwischen. Die Straße zwischen Belém im Norden und Rio fast im Süden läuft schnurgerade und der Bus fräst sich Tag und Nacht hindurch und frisst Meilen, Pausen gibt es nur dreimal am Tag für eine halbe Stunde. Könnte man anstrengend finden. Aber man fällt in eine Art Trance oder Lähmung, wartet nur noch, bis es vorbei ist. Die letzten dreihundert Kilometer zwischen Belo Horizonte [„Belorisontschi“] und Rio schlängelt sich die Route in Serpentinen durch grüne Berge, die immer steiler und zuckerhutiger werden („Sierra“). Das zieht sich. Aber der Albabstieg im Abendlicht und ersten Nebeln, nach Rio hinab, ist berückend schön.

Rio de Janeiro

Und Rio ist schon noch schöner.

Hafen und Corcovado

Zur Christusfigur mit dem offenen Herzen auf dem Corcovado, wo selbst die Frischverheirateten aus besten Kreisen (Schweiz, China, Russland) mit dem Bähnlein hochfahren wie alle. Viel Volks. Jeder schießt ein Foto mit der Figur, zur Not auf dem Boden liegend.

Maracanã: der heilige Rasen ist ehrfurchteinflößend. Der Blick vom Zuckerhut fast so überwältigend wie der unter Jesus‘ Achsel hervor. Was für ein Hafen! Mit dabei bei der Stadtrundfahrt mit José Carlos und seinem unerhört riesigen Ford Explorer (8 Zylinder, dafür keine Kupplung, 9 Plätze, weiße Ledersitze, aber nie ein Parkplatz in der richtigen Größe): Zwei ungezogene Typen aus Surinam sind schon im Wagen. Busybusy Geschäftsmann und sein Adlatus (oder Lover) Jordan. Hören nie zu, quatschen immer dazwischen, telefonieren andauernd mit Zuhause und protzen rum und lassen einen seelenruhig eine halbe Stunde warten, an der bunte Treppe, die an scheinend aus irgendwelchen Rapper-Video weltberühmt sein muss. Aber am Ende doch ganz nett. Auf dem Zuckerhut haben sie mich überall gesucht, weil sie einen Dritten für den Hubschrauber-Rundflug gebraucht hätten (770 RS = € 150). Als ob ich das je gemacht hätte … Im Abendrot Caipirinhas, weil sie so lange auf mich gewartet haben. Und Rios verliebte Jugend sitzt knutschend auf der Mauer am Meer …

Durch JC’s Augen auf den Paõ de Azucar schauen …

Abends Sardinen und Wein. Haben damals die Portugiesen eingeführt. Die Filets sind höchstpaniert und knusprig und werden mit Zitronensaft und Olivenöl serviert. Wein passt gut dazu.

Eher mittelprächtig: Eindrücke aus Rio de Janeiro. (https://youtu.be/XeJ9WehMJY8)

Heute Copacabana und Ipanema. Bikinis wie dort sieht man inzwischen überall. Und Sand soll es auch an anderen Stränden geben. Keine Fotos. Nachmittags die (Jugendstil-) Cafeteria Colombo, Schokokuchen.

Knutschmauer (links unten)

Abendstimmung und Sendepause bis mindestens Mitte April. Auf dem Schiff hab ich kein WLAN (und nichts zu erzählen).
War schön mit euch! Bis bald.

Copacabana (über dem Mann im weißen T-Shirt)

50. São Luis & Lençóis maranhenses

Lençóis maranhenses

(Mo, 25.03.), São Luis, Maranhão [Maranjáo]
Morgens, noch in Belém, hatte ich Stress, Geld zu kriegen: „not sufficient funds“, meldete der Geldautomat. Auf beiden Kreditkarten. Die gute alte Kontokarte musste es richten: Maestro. Sonst wäre ich verloren gewesen. Aber es hat geklappt. Junior habe ich RS 3200 übergeben, das Restgeld für meine Reise, Armstrong sollte beruhigt sein. Ab 0900 Busfahrt nach São Luis. Stadtrand, Vororte, Dschungel am Straßenrand, flach. Später Wiesen und Viehzucht, dann Sumpflandschaft, Marschen. Später hügelig und ziemlich miese Lehmstraße. Dann, es ist schon dunkel in Sta Luzia, heißt es den Gringo hetzen: Als ich die Toilette aufsuche und es kein Papier gibt und ich versuche, Klopapier zu kaufen, fällt mir auf: Der Bus ist abgefahren! Rennt der Gringo raus aus der Busstation, Bus zieht einen Block entfernt unbeirrt vorbei. Pfeift der Gringo sich die Seele aus dem Leib. Nichts hilft. Rennt der Gringo verzweifelt hinterher, Marktfrauen und Jugendliche weisen ihm den Weg. Gerade außer Sichtweite, am Ende des Blocks, wartet der Bus und öffnet die Türen: Die wollten dem Gringo nur eine Lektion erteilen: wenn der Bus hupt, will er abfahren.

So schön wie Punta del Este: die Strandapartments von São Luis
Name auf Schild

Nachts um halb eins: Zum ersten Mal im Leben werde ich abgeholt mit Namensschild, und ins Hotel gebracht. Heute 08:30 City Tour mit Leonidas. São Luis ist die schönste Stadt Brasiliens (von drei). Unesco Weltkulturerbe. Die Innenstadt ist saniert worden, die Stromkabel von den Hauswänden unter das Pflaster verlegt. Im Stadtkern sind Häuser/ Ensembles intakt geblieben (bis auf drei Neubauten aus den 70ern) und erinnern an Lissabon vor dem Erdbeben von 1755. Padre Pio, der Heilige von São Luis (20. Jhdt), hatte Stigmata, Wunden an den Handrücken. Erst wurde er als Betrüger beschuldigt, dann seliggesprochen. Eine Nachbildung seiner aufgebahrten Leiche ist in einer Seitenkapelle aufgebaut, wie zeitlebens mit Handschuhen – weil seine Stigmata auch geblutet haben. Bittstellerzettelchen sind neben seinen Kopf gerieselt. Später zeigt Leonidas mir (kurz) den Markt, Restaurants, und lange Strände: insgesamt 32km hat die Stadt, die längsten fangen fast direkt vor meinem Hotel an (das ansonsten eher außerhalb liegt). Die Inseln gegenüber der Flussmündung (vier Flüsse!), Alkantará (=Schafwolle), waren, wie die Stadt selbst, oft umkämpft. Gegründet von den Portugiesen, erobert und umbenannt von den Franzosen, zurückerobert von den Portugiesen, die zwischendurch Holländer (nach Surinam) und Franzosen (nach (frz.) Guyana) und Engländer vertrieben haben.


Abendspaziergang am Strand, Krebslokale. Das Klopfen auf den Tischen, wenn sie mit speziellen Schlagstöcken auf ihre Krabben/Krebse einschlagen, um die Beine und Scheren zu knacken. Spannend.

Lençóis maranhenses

„Das wird das Schönste sein, was du jemals gesehen hast!“, hatte Herbert in Manaus prophezeit. Und er hat Recht behalten. Atemberaubend schön. Die Lençóis maranhenses [„lensóis marenjénses“ – lohnt sich, die Aussprache zu üben; Eselbrücke: Längsséits Mayonäse] sind Dünen (wie in Merzouga, nur nicht beige, sondern lichtgrau-weiß), mit hellblauen und glasklaren Seen dazwischen. In denen man baden kann, wo einen winzige Fische anknabbern. Es ist betörend schön. Gran Canyon ist gut, Bryce Canyon, Arches, Sequoias sind unfassbar, Moga-Moga war toll, Isla Coco Bandero war phantastisch, aber das hier, die Lagõa Bonita, wo wir heute waren, ist auch schön.

Vorauswaten, um zu sehen, wie tief es ist

Die Dramaturgie stimmt: vier Stunden Anfahrt von São Luis und dann anderthalb Stunden auf einem Pickup, wo hinten auf der Ladefläche Sitzbänke aufgeschweißt sind, und ein Dach. Für eine wackelige Fähre über den Fluss aus dem Auto aussteigen, auf einer Sandpiste voranpreschen, vogelsandweich, mit Spurrinnen bis zu den Radlagern, durch Wasserlöcher, durch einen Fluss (musste der Helfer vorauswaten, um sehen, ob es noch flach genug ist), über fimschige bohlengedeckte Brücken, die Fahrspuren im Marschland so tief eingegraben, dass es den Toyota-4×4 hin- und herwirft, wenn die Spur in Kurven verläuft, es rumpelt und hoppelt, und nach anderthalb Stunden hält man endlich mitten im Grünen an und sieht eine steile blaue Holztreppe eine Düne hochsteigen. Wenn man da oben ist, schaut man auf das bizarrste, mondlandschaftsmäßigste, mit dem klaren Wasser dazwischen, was man jemals gesehen hat. Die Sonne hat gestrahlt, es war alles perfekt, ich hab ungefähr eine Million Fotos geschossen und konnte nie genug kriegen (und die Hälfte kriegt ihr hier ab).

Regel 29: »In weichem Sand so untertourig wie möglich fahren.«

Offroader-Weisheit
(weil es nicht wichtig ist, möglichst viel Kraft auf die Pneus zu kriegen, sondern sie möglichst am Durchdrehen zu hindern.)
Baden ist angesagt

Ein unfassbarer Tag. Nur lachende, strahlende Gesichter, Leute im Badeanzug, der Zugang führt schon durch einen Wasserlauf, auf die Fähre kam man gerade noch trockenen Fußes, zumindest auf dem Hinweg. Alle anderen sind besser vorbereitet als ich. Gehen in den knappsten Bikinis mit irgendwelchen Häkelschleiern drüber, zum Beispiel drei Schönheiten zum Sonnenuntergang, jedenfalls in Badekleidung, die ich nicht dabeihatte. Eine zwar frische, aber nicht frisch gewaschen aussehende Unterhose, vorne gelb, hinten dunkelgelb, aber es musste trotzdem sein: glasklares Wasser, der Tag war nicht richtig heiß, der Himmel teilweise bedeckt, aber die Sonne war trotzdem draußen. Es war einfach unfassbar erfrischend. Flach, an der tiefsten Stelle vielleicht hüfttief, gerade so, dass man schwimmen konnte. Und wie gesagt die Fischchen, die geknabbert haben. Süßwasser natürlich.
Und dann ewig herumgelaufen, irgendwann sagt der Guide, um fünf trifft man sich wieder unten am Auto. War natürlich Quatsch, ich war um fünf unten, keine Sau da (bis auf die Fahrer, die eine Runde Billiard und einen -tisch am Laufen hatten), da bin ich wieder hoch, weil alle oben darauf gewartet haben, dass die Sonne untergeht. Die war schön und flach, aber sie ging nicht blutrot unter, weil Wolken dazwischen waren. Aber, wie gesagt: nur hübsche Menschen, nur lachende Gesichter: glücklich. Eine Landschaft, die einen allein beim Hingucken einfach überschwänglich froh sein lässt. Mit sehr, sehr wenig zu vergleichen. Jedenfalls mit nichts, was ich kenne.

Opis wie wir
Lagõa Azul

(Blaue Lagune) Mehr vom Gleichen, aber absolut lohnenswert. Zumal der Trip kürzer ist, flacher, man die Dünen schon von Weitem sieht – also dramaturgisch nicht ganz so spannend. Aber viele Wasserlöcher auf dem Weg: beim tiefsten ist die Brühe auf die Ladefläche geschwappt, sicher 80 cm über dem Boden. Und wenn man angekommen ist, fährt einen der 4×4 direkt bis oben auf die Düne. Und dann: fußwarmer weißer Sand, blaue Seen, und das Wasser mit der perfekten Temperatur, um reinzugehen, ohne zu frösteln.

Anderthalb Stunden bin ich in die Dünen reingelaufen, der Himmel war klar, aber ab und zu sind kleine Wölkchen durchgezogen, die dunkelgraue Schatten auf die weißen Dünen warfen, sehr pittoresk. Wieder Millionen unfassbar toller Bilder geschossen, also zumindest kamen sie mir unfassbar toll vor (André mit seinen voreingebauten Filtern hätte sicher noch viel mehr rausgeholt!), mal sehen, wie sie geworden sind (in der prallen Sonne ist das Display nicht ganz leicht zu sehen). Am Ende, ich bin vielleicht anderthalb oder zwei Kilometer hineingelaufen, außer Sichtweite von allen, habe ich eine eigene Lagune ganz für mich allein – was gut war, weil ich keine Badehose dabeihatte – also nackt baden, nackt trocknen, nackt rauchen. Es war unbeschreiblich. Dann an zwei anderen Seen entlang zurückgelaufen und schließlich, am Ende, die blaue Lagune daran erkannt, dass sie wieder ein Schild aufgehängt hatten: Lagõa azul. Und daran, dass alle möglichen Leute darin baden. Da hab ich es aber auch nur am abgelegenen Ufer, wo weniger los war, geschafft, nochmal reinzugehen. Die war dann auch tief (daher: blau!), man hätte richtig schwimmen können, aber dann hat der Guide schon zum Aufbruch geblasen, das war gegen Zwölf, zwanzig nach sind wir zurückgefahren, um eins war ich wieder im Hotel, in der Posada d’Areina. Absolut … – ich war noch nie in Sukotra, aber das – das zu schlagen, diese Landschaft, diese Farben, diese Kombination von Badesee und mehr oder weniger endlosem vogelsandfeinem Sandstrand, das, ähm, wird ziemlich schwer.


Rückfahrt wieder mit der Fähre, wir kamen aus dem Gebiet, wo auch die Lagoa bonita liegt, aber trotzdem auf jeden Fall eine Extra-Reise wert.
Dann mich runderneuert lassen: beim Barbier Rasieren und Haare schneiden, einmal komplett, inkl. Nase, Ohren, Augenbrauen. Tat sehr gut.
Dann, weil das Café geschlossen war, einen Rieseneisbecher geschlabbert, statt Mittagessen; Farb- und Geschmacksstoffe scheinen im Sonderangebot gewesen zu sein, das Traubeneis war dunkellila und roch nach Klostein. Aber der Rest war lecker. Schlagsahne scheint es nicht zu geben in Brasilien, wahrscheinlich hält sie sich nicht. Jetzt ist es 1500 und ich warte, bis um vier (war tatsächlich: 1700) mein Transfer kommt, um mich vier Stunden nach São Luis zu bringen. Aber dem Armstrong habe ich gerade geschrieben: den Trip nach Lençóis maranhenses war absolut, absolut super. Unübertrefflich super. Sehr, sehr empfehlenswert. Nicht vielleicht, um deswegen nach Brasilien zu fahren, aber … auch nicht viel weniger.
(Außerdem habe ich heute Muskelkater in den Waden, vom ungewohnten langen Barfußlaufen!)

Feierabend

Lang hab ich auf der Hinfahrt gegrübelt, wo wir hinfahren. Wir sind nach Süden, meinte ich zumindest, aus São Luis rausgefahren, aber es hat nicht gepasst: die Himmelsrichtung war falsch, die Flüsse flossen in die falsche Richtung, die mussten doch zum Meer! Und jetzt, auf dem Rückweg, ist mir endlich aufgefallen, dass wir ja südlich des Äquators sind und deswegen die Sonne falsch herum geht, sie geht immer noch im Westen unter, aber sie geht durch den Norden. Also: wir sind von São Luis nach Südosten losgefahren und ich glaube, wir sind in der Nähe des Meeres gewesen, kam mir zumindest so vor. Und wir fahren jetzt, im Abendlicht, mit demn Sonnenuntergang, nach Nordwesten zurück. (Der Kompass des iPhones ist übrigens keine Hilfe. Der zeigt Fantasiehimmelsrichtungen an, ist wahrscheinlich irgendwie auf die Nordhalbkugel geeicht, keine Ahnung.)

Oder: Vom Erzeugen eines Drehwurms durch Panorama-Schwenks (rechts)

Abends um halb zehn im Hotel angekommen, sofort losgestiefelt, um noch Krabben zu knacken. Waren aber leider schon alle. Also nur einen gefüllten Krebskopf mit Reis gegessen. Ging so.

So hoch steht das Wasser manchmal (unser Tourguide)

VIII. Amazonas & Brasilien – 49. Trübe Wasser

Farbig: Hängematte

(Do., 21.3.)
18 Stunden pro Tag in der Hängematte liegen hört sich nach Erholungsurlaub an. Ist jedenfalls sehr ruhig (bis auf das Motorbrummen, Tag und Nacht). Eine Fahrt den Amazonas hinab ist der Traum aller Weltenbummler – Harald Schmidt hat sie in seinem Gap-Year nach Ende seiner LateNightShow auch gemacht. Und volksnah ist die Sache auch: Auf zwei Decks, das obere dem Wetter ausgesetzt, sind Haken an der Decke festgeschweißt und Lattenroste auf dem Boden ausgelegt: man hängt seine Hängematte auf und stapelt sein Gepäck wasser- und insektensicher auf die Lattenroste. Wir sind wie vorgebucht seit Mittwochmittag unterwegs und es ist so abenteuerlich wie gehofft – nur dass zwischen den spannenden Momenten stundenlang nichts passiert (außer, dass Flusslandschaft vorbeizieht …).

Bräunlich: Fluss

Mittwoch früh steht Armstrongs Fahrer pünktlich wie die Uhr vor dem Hotel, bringt mich zur Bank, leider sind meine Kreditkarten ausgelaugt, für beide wird mangelnde Deckung angezeigt. Also funktioniert meine Finanzierung nicht: weil Armstrong feste Buchungen vornehmen wird, braucht er Vorkasse. In seinem Hotel schmeiß ich das WiFi an und bringe eine Auslandsüberweisung auf den Weg. Dann warten Fahrer und ich ergebnislos, aber schließlich fährt er mich zu Hafen. Welches Schiff? Weiß ich nicht, ich dachte, es gibt nur eins – das, was um elf Uhr losfährt eben. Gehen wir drauf, stehen an einer Art Rezeption an der Rampe, mitten im Weg: schwerbeladene Lastenträger keuchen herein, zwischen parkenden Autos (es ist eine Fähre!) und Ladegut (und wartenden Passagieren wie ich) hindurch. Meine Buchungsnummer ist anscheinend nur agenturintern, sie können zwar die Bestätigungsmail auf meinem Telefon ins Portugiesische übergoogeln, aber finden mich nicht. Fahrer hilft überzeugend, doch am Ende rufe ich die Agentur an und reiche den Hörer an die Rezeptionsdame weiter. Großes Palaver, inzwischen ist auch der Kapitän eingeschaltet, der Name eines anderen (Schwester-?) Schiffs fällt, erleichtertes Aha und Kopfnicken. Und sie tragen mich in die Liste ein, ich bekomme mein Disko-Bändchen ums Handgelenk und bin drin. Möglichst oben, möglichst vorn lautete der Rat für den Platz. Ich finde zwei Haken neben einer Familie mit Kind. Und Punkt 12 geht es, wie von Armstrong prophezeit, los. Der Schiffsdiesel keucht und raucht und heult auf. Die Hafen- und Marktanlagen von Manaus. Flussabwärts der neuere Containerhafen. Die ärmlichen Stadtviertel an den erdrutschgefährdeten Hanglagen. Und der breite Strom. Das Wasser des Rio Negro ist dunkelbraun vor Humus aus dem Amazonasbecken. Sieben Kilometer hinter der Stadt (Richtung Meer) vereinigt er sich mit dem Rio Urucu und wird (für die Brasilianer) erst dort zum Amazonas. Und grüngelb-trüb statt schwärzlich-braun. (Manaus ist wie Augsburg, wüsste Herbert. Auch dort vereinigen sich zwei Flüsse, die ihre Namen lassen müsse(n) …).

Schlank: Herbert

Seither brummeln die Motoren ununterbrochen, leiert und wummert Latino-Hiphop und -schlager aus den Wummerboxen an der Bordbar (Deck drei) und liegen wir in den Hängematten …

Teil 1

Auf Deck 0 parken sechs Autos und ein paar (Lasten-) Motorräder. Der Rest des Decks ist vollgepackt mit sicher hundert Kubikmetern Paranüssen in groben Plastiksäcken, geschätzt mehrere (zig) Tonnen. Deck 1 bietet den geschlossenen Passagierraum, gut gefüllt und schlecht belüftet, daneben die Sanitäranlagen, (saubere Duschen und Waschbecken) ein paar Suiten und Kabinen (Camarotes, die sehr kärglich aussehen, grobgezimmerte Stockbetten) und das refectorio, den winzigen Speisesaal. Dreimal am Tag werden warme Mahlzeiten in kompletter Wegwerfoptik ausgegeben: Aluteller, Plastikbecher, und -besteck. Für 15 bis 20 Reales (€ 3 bis 4). Deck 2 weist ein Schiffsdrittel Kabinen und Suiten auf und das obere offene Passagierdeck (insgesamt ist die Fähre für 824 Gäste zugelassen, im Augenblick höchstens zur Hälfte gebucht). Das offene Deck 3 bietet die Bordbar (0730 bis 2400) und zwei Terrassen. Am ersten Nachmittag wechselte der brennende Sonnenschein zu einem Regensturm, fegt die Plastikmöbel über das offene Deck und zerschmetterte einen Tisch und einen Stuhl. Dann wieder Sonnenglühen und nachmittags noch einen Regensturm: es ist Regenzeit, wir sind (3°) südlich des Äquators.

Terrasse hinter der Bordbar (nicht im Bild)

Zwischen 1700 und 1900 (bzw. solange es reicht) gibt es das Abendessen (Schweinebraten, Reis, Spaghetti, Salatgarnitur) und morgens ab 0600 Frühstück (Kaffee, Käsetoast, Obstteller).

»Ô quesu-quesu-quesu!«

Heute früh 0600 im ersten Licht ein Halt. Pontonanleger, ein paar neue Passagiere, etwas Fracht. Aber vor allem Käseverkäufer mit langen Stangen, an deren oberem Ende ein Haken (für die Ware in Plastiktüte) und eine umgedrehte halbierte Plastikflasche (für Geld und Wechselgeld) befestigt sind. Und ihre melodiösen ausgesungenen Lockrufe.
Gegen acht lag zum ersten Mal ein Hügelrücken im Weg, ziemlich ungewöhnliches Bild im topfebenen Amazonasbecken (das einmal (Gondvana) Teil des Kongo-Flusssystems gewesen sein soll – Herbert war (oder ist) Geologie-Student. Um zehn der zweite Halt, diesmal an einer Lehmpiste. Am Ponton verluden sie einen schweren Motor (Generator?) auf eine andere, kleinere Fähre. Am Fluss verstreut einzeln liegende Hütten, Gehöfte, Liegenschaften, teilweise mit Anlegern. Nachts strahlend hell (und einladend) beleuchtet. Heute abend, weiß ich von Armstrong, machen wir über Nacht in Santarém fest. Und ich werde mir ein Abendessen schießen. Die Mittagsöffnungszeit (1100 bis 1300) habe ich nämlich verschlafen, um viertel vor eins gab es nichts mehr. (Nur überbackenes Sandwich von der Bar). Am Spätnachmittag breitet sich der Fluss mitten in einer (hunderte) Quadratkilometer weiten Seenlandschaft aus, zu beiden Seiten nur von flachen (natürlichen?) Dämmen begrenzt, die kaum buschbewachsen sind, mit einzelnen niedrigen Bäumen.

Santarém, Pará
Santarém

Fr., 22.03., Santarém
Die Stadt liegt wie am Meer, mit allem: Strandpromenade mit Kinderbelustigung, Anglern, Fressbuden, Ruhebänken für verliebte Paare, Restaurants (Pizzeria mit Livemusik). Das von der Schiffsassistentin empfohlene Restaurant über dem Wasser ist gerammelt voll mit Touristen; die Bastion mit Kanonen und Luxushotel (»London«) mit Aussichtsterrasse thronen hoch über der Stadt, eine endlose Treppe hinauf. Wieder unten folgt die Einkaufsmeile, nachts selbstverständlich alles geschlossen und die kitschig beleuchtete Kathedrale samt Vorplatz, der als Markt genutzt wird. Und immer noch am Wasser liegt, an der endlosen Promenade, deren Lichter sich bis zum Horizont ziehen. Wir haben um 1800 am Donnerstag angelegt und 17 h Aufenthalt: die ganze Nacht. Mein Hunger war zu groß zum lange Suchen, in einem Ecklokal im Freien servieren sie Gegrilltes, weißen Reis, Gemüsereis mit Graupen/den Kichererbsen und Kräutern, den es auch auf den Kapverden gab, Kartoffelsalat. Und Acerola-Limonade. Dann Spaziergang ins Städtchen. Die Gegend am Ufer wirkt alt und heruntergekommen und mir nicht ganz koscher. Teils Bretterbuden, teils Geschäfte mit großen Plänen: für gemauerte Gartengrills, für Klimaanlagen, eine Fahrschule. Und Eckkneipen und kleine Supermärkte. Später: Freiluftplätze für Beachtennis, auf Beachvolleyballfeldern. Sieht nicht wirklich athletisch aus, aber interessant.
Die Strandpromenade fängt belebt als Treffpunkt der Jugend an, ein Grilllokal mit Biergarten im baumbestandenen Park am Wasser. Von da ab zieht sich die Spazierstrecke das Ufer entlang. Auf dem Rückweg wage ich mich durchs Hafenviertel – alles völlig harmlos. In einer In-Bar, halb offen am Ufer, mit Livemusik (zwei Jungs, Gitarre, Cajon) ist die Hölle los. Ich muss vor allem die Toilette aufsuchen, kann mich aber nicht verständlich machen, die gebe es hier nicht. Finde ich aber. Nach zwei Halbliterflaschen Spatenbräu sieht alles noch freundlicher aus. Auf dem Rückweg setzt Regen ein, ich stelle mich unter. Und bin um elf wieder aufm Schiff.

Auch ein Frachtschiff: die AMAZON STAR am Ponton in Santarém

Heute, Freitag, früh um 0600 vom Kaffeeverkäufer geweckt, der mich über den Tisch zieht. Milch flockig, Kaffee lauwarm, trotzdem verlangt er RS 5 (€ 1). Was sich als Gringo natürlich leicht verschmerzen lässt. Yucca-Pfannkuchen mit Rührei zum Frühstück an der Hafenbude. Plus drei Kaffee für RS 10 (€ 2). Nervig sind zwei andere Passagiere der AMAZON STAR. Sie verlangen Kaffee ohne Zucker (muss frisch gemacht werden), um dann doch esslöffelweise Zucker hineinzurühren, bestellen große Wasserflaschen (die die Budenbetreiberin von quer über den Platz besorgt), um sie dann doch nicht zu nehmen – sie wollen zum nahen Supermarkt, wo es das Wasser billiger gibt. Dabei hat die eine sicher ein halbes Monatseinkommen in aufgespritzte Lippen, gefärbte Haare, Sonnenbrille und -schirm investiert. Und die ganze Zeit beschweren sie sich (soweit ich das verstehe, sie reden portugiesisch) darüber wie teuer alles sei und wie schäbig die Kabinen. Dagegen sind meine alten Kreuzfahrterfahrungen erbauliche Geschichten mit erhebenden Charakteren. Überhaupt Frauen an Bord. Nennen wir sie die Lebenslustige: Minipants, tiefer Ausschnitt, Haare zur Scheitelpalme hochgesteckt. Sucht schäkernd Anschluss mit Jung und Alt, Hauptsache männlich. Und wer sitzt in dem Wagen, der gestern Nacht augenscheinlich ohne Berechtigung Zufahrt zum Anleger erschleichen wollte, das Schmiergeld vorsichtshalber schon nach vorne gereicht? Heute ist die Lebenslustige aufgedreht mit ihrem Sohn (ca. 18) auf der Barterrasse zugange, schießt Selfies und lacht verliebt. Wahrscheinlich bilde ich mir das alles nur ein, sie haben gestern Nacht noch Passagen gekauft, der Junge trägt ein Armbändchen wie wir alle. So erklärt Klein-Ulli sich eben die Welt …
Draußen vor dem Anleger laufen heute zwei Farben Wasser zusammen, dunkelbraun und hellgrün, beides trüb (wie auch aus Wasserhähnen und in der Kloschüssel). Wo der leichte Wind im weiten Flussbogen vor Santarém gegen die Strömung der Wasserläufe steht, baut sich eine kurze, fiese Welle auf. Mal sehen, wie wir dort gleich durchkommen … Seit Manaus habe ich übrigens kein einziges Segelboot gesehen, obwohl es doch schick sein soll, den Amazonas hochzusegeln und es laut Navionics sogar Marinas gibt am Fluss …

(funktioniert gerade nicht, weiß der Himmel, wieso –
hier der link): https://youtu.be/TGODe_Z69nA

Überpünktlich um 1045 pfeift der Dampfer mehrfach dröhnend und legt ab. Einmal Dünnpfiff-Hose (die klumpige Milch von vor dem Frühstück steht in Verdacht!) ausgewaschen, zwei Stunden geschlafen, schon biegt die Fähre in einen Seitenarm mit Sumpfweiden ab und legt 1530 in /Monte Allegre an. Dort drängeln sich Reisende und Snackverkäufer auf dem Ponton und ein Delfinpaar zieht (wie gestern beim Anleger an der Lehmpiste) direkt davor seine Kreise – im Trüben, die können auch mit Ultraschall jagen, hab ich gelesen.

Um halb acht der nächste Stop, Parinha, an einem winzigen verblichenen Holzanleger, zweistöckig, der gut am Mississippi von Onkel Toms Hütte oder Tom Sawyer und Huckleberry Finn stehen könnte. Nur eine Viertelstunde, Passagiere austauschen. Und vier Männer wuchten eine riesige Kingsize Matratze die schmale Treppe zum Oberdeck des Stegs hoch. Spätestens seit Santarém sind wir nicht mehr in Amazonien, sondern im Bundesstaat Pará (nach dem indigenen Namen des /Gråo Pará, des Fluss-(so weit wie das) Meer(es)).
Lukas heißt der Londoner/Brasilianer, der mich, samt seiner blond-kurzhaarigen deutschen Freundin so sehr an mich/uns vor vierzig Jahren erinnert (beide mit riesigen Brillen) und mir deshalb unwillkürlich sympathisch ist. Andrea ist der Italiener aus Livorno, seine Freundin, Brasilianerin, kommt aus Sao Paolo. Die drei Amerikanerinnen, von denen eine deutsch und aus dem Harz ist. Und das französisch-schweizerische Paar aus der Suite No. 8 – es ist der Tag der Bekanntschaften.

Billig: Deck 2

Sa., 23.03.
Regensturm um Mitternacht. Seitlich prasselt das Wasser herein. Mein Nachbar, noch exponierter als ich, baut seine Hängematte ab. Auf meinem Platz „nur“ Sprühwasser, nicht mal kalt. Bloß dass der heulende Wind dazukommt. Auf den letzten (überdachten, aber seitlich ungeschützten) drei Metern zum Klo werde ich triefend nass, bevor ich die Klotür gegen den Wind zuknallen kann.

Dunkel: Gurupá

Um 0500 Gurupá. Hier sind sogar die Holzpoller kurz vor dem Verrotten, unbehauen und schief. Zwiebeln und wenige Passagiere werden angelandet und aufgenommen. Die Nacht war lang, ab sechs gibt es endlich Frühstück. Andrea, der Italiener, weist mich darauf hin, dass meine Hängematte viel zu tief hänge. Spanne ich flacher und der zweite Schlaf bis acht geht sehr viel besser. Urplötzlich sind fliegende Händler auf dem Dampfer, der O-queso-queso-queso-Singsang ist wieder da. Dabei habe ich gar nicht mitbekommen, dass wir gehalten oder gar angelegt haben sollten …?

Lahm: Holzfloß

Wider jede Intuition wird der Fluss zur Mündung hin schmaler, verzweigt sich in unzählige Seitenarme. Der, durch den wir fahren, ist gerade mal 200m breit, nach 4,1 nm (über 7 km) gestern. Bretterhütten auf Stelzen, Einbäume, knatternde Motorboote, kleinere Fähren, einige ans Ufer gezogen. Zahlreiche Schiffbauer. (Inzwischen hätte ich auch schon fast wieder Lust, eins anzufangen.) Auch drei Kirchen mit jeweils eigenem Anleger. Kinder und Jugendliche paddeln zur Fähre heran, drehen dann wieder ab. Ob sie Geschenke erwarten? Oder einfach neugierig sind? Feinsäuberlich aufgefächert warten Holzstämme im Wasser auf ihren Weitertransport. Matratzenkino: von meiner Matte aus sehe ich durch einen Wetterschutzgrill das Uferleben wie einen Film vorbeiziehen (s. Video (folgt)). Es ist noch nicht mal 1000 und doch schon ein völlig anderer Film: Regenwald, Einbäume, Bretterhütten. Und strahlender Sonnenschein, außerhalb des Schattens unerträglich.

Wir fahren inzwischen auf einem schmalen Seitenarm, werden Belem sozusagen „auf dem Landweg“ erreichen. Und nicht, wie ich naiverweise vermutet habe, hinaus aufs offene Meer kommen – wäre auch ein enormer Umweg gewesen. Um halb zwölf Sturzregen in einer gelben Wand, so dicht, dass sogar der Dampfer kurzzeitig die Fahrt verringert. Ein ewig langes Hölzerfloß, mitten auf dem Fluss. Und dann erfahre ich, wo die Händler herkommen: mit ihren schnellen Motorbooten legen sie sich außen an den Dampfer, machen an den Traktorreifen (als Fender) fest und klettern an Bord – oder schicken ihre Kinder.
Ein Teenagermädchen, vielleicht 15, hat sich für ihre Verkaufstour mit rotem Minikleid schick gemacht. Fürsorglich schenkt ihr die (brasilianische, aus Sao Paolo) Freundin von Andrea eine Großpackung Kräcker. Die Jugendliche dankt freundlich, aber als sie sich wegdreht, verdreht sie die Augen zu ihrer Freundin – als ob sie nicht genug zu essen hätte …! Ergo: nicht nur ich Gringo hab Schwierigkeiten zu beurteilen, wie schlecht (oder gut) es den Leuten geht.

Lila: Tucumao

Um halb drei noch ein Halt, Breves, aber nur ganz kurz, das Hafenviertel am Fluss sieht auch nicht besonders vielversprechend aus. Im Fluss: ein fleischfarbener (Albino?-) Delfin.
Jetzt gerade, Mangroven an Stb, Dschungel an Bb, tritt ein, was Herbert angekündigt hatte: der Wald ist zum Greifen nah, der Flussarm vielleicht noch 30m breit.
Nachmittags esse ich meine Vorräte auf: Tucumao heißt die kokosnussgroße grüne Frucht, an der seitlich Blätter abstehen wie Fischflossen. Innen eine Überraschung: das Fruchtfleisch, ein wenig wie Kiwi und schmeckt auch so, ist leuchtend lila. Und färbt sicher tierisch ab. So kräftig ist der Farbstoff, dass er sogar noch am anderen Ende des Körpers (am nächsten Morgen) das Produkt wunderschön dunkelviolett färbt (Bristol null bis eins). Sonnenuntergang, dramatisch wie immer (mit Wetterleuchten), später gibt es eine hell aufleuchtende Sternschnuppe über einem Schlepper mit endlos langem Hölzerfloß. Und nach einer kurzen Nacht im Morgengrauen: Belém. 0530 legt der Dampfer an, schiebt sich mit Gewalt in den Schlamm (es gibt Ebbe und Flut in Belem, habe ich heute erfahren), alle packen ihre Sachen und Hängematten und die Neuwagen werden von der Fähre rangiert. Wir sind viel zu früh, mein Abholer ist noch nicht da. Später merke ich, dass die Uhr umgestellt wurde, es ist schon halb sieben. Um acht treffen wir uns endlich, Junior hat am Schiff gewartet, ich draußen vor dem (schäbigen, abgelegenen) Hafentor. Er bringt mich ins Hotel, Gepäck abgeben. Wir warten bis der Schlagregen aufhört. Stadtführung ist angesagt: Altstadt, Märkte (Fressbuden, Obst, Gemüse, Medizin- und Kräutermarkt, Fischmarkt). Dann das Museum für Sakral- und Indigenen-Kunst, im ehemaligen Jesuitenkloster aus der Gründungszeit der Stadt (1618). Besonders schön: Muiraquita frogs, aus Jade geschnittene Frösche, die einmal im Jahr verschenkt werden. Und zwar von den Frauen der Ikamiabas, eines Indigenen-Stammes aus der Nähe von Santarém, als Dank an die Männer, von denen sie sich, nur an einem bestimmte Tag, einmal im Jahr, befruchten lassen. Den Rest der Zeit leben die Frauen für sich alleine. Heute werden ähnlich nachgemachte Frösche noch immer verschenkt, als Talisman für Glück und Fruchtbarkeit … Leicht einzusehen: einen Macker nur einmal im Jahr um sich zu haben und sonst seine Ruhe: das ist Glück.


Und die Bastion am Wasser, mit Kanonen.
Im alten Hafen schrubben die Fischer ihre Kutter, sie fahren nachmittags wieder raus. Und die Geier, schwarz, mit grauem Faltenhals, warten auf den Giebeln der umliegenden Altstadthäuser (z.T. mit portugiesischen Kacheln als Fassadenschmuck) darauf, dass die Flut vorbeigeht und die Ebbe den Hafenboden freilegt, wo die Fisch(rest)e liegen, die von den Fischern über Bord geworfen worden sind … Alles sehr prall und lebendig.

Teil 3

Mein Guide Junior stammt aus Marajó einer Insel mitten in der Mündung und der Stadt gegenüber (und größer als die Schweiz), die Belém mit Arbeit (Aluminiumfabrik) und Ost und Gemüse versorgt. Andauernd setzen Fähren über den Fluss, vor allem aber alle Richtungen: der Amazonas ist eher Meer als Fluss.
Abends habe ich die Empfehlungen von  Junior abgearbeitet, das Freiluftrestaurant genau neben der alten Oper (so alt wie die Manaus). Excellente Cupuaçu-Limonade, der Filhote alla Cheff, Superfisch gemäß Junior, war leider zu Tode paniert (Fischstäbchen vom Edelfisch), dazu Jambu-Soße, das Leib- und Magen-Würzkraut der lokals (in fast allem vom Likör bis zur Fischsoße). Danach zum Sonnenuntergang (verpasst) die Craft-Brauerei Amazonas Beer am Flussufer probiert. Die ehemaligen Lagerhallen sind zur Ausgehmeile par excellence aufgehübscht, etwa wie das Kranufer (auch mit Kränen!), nur in schön und superpopulär. 2025 wird in Belém der Weltklimagipfel stattfinden, danach kennt es jeder … Kurz: Es ist (für mich) die zweitschönste Stadt Brasiliens.

Belém: Oper

48. (Abschied von) Vacamonte

Niño (rechts am lila Außenborder) arbeitet

Oder eigentlich besser: Abschied von der guten alten Elli, für hoffentlich (nur/mindestens) neun Monate, schnief.

Donnerstag, 14.03., hab ich früh getankt in der Marina Flamenco, Schulden bezahlt, bin losgefahren. Ereignislos bis mittags nach Vacamonte motort. Beim Torre angemeldet. Kommt mir Niño schon entgegen (Meine Sorge, ihn vielleicht nicht wiederzuerkennen war also völlig unbegründet; außerdem steht in großen Lettern »El Niño del West« auf seiner Lancha – und auf seinem Sonntags-Fußball-Trikot). Er macht mich längsseits an einem im Hafen liegenden Fischkutter fest. Find ich genial: brauch ich mir über Anker, Ebbe, Flut, keine Gedanken zu machen. Niño ist zutraulich, will quatschen, versorgt mich mit Essen (Frühstück: Eiersandwich, Abendessen: Bratfisch), Zigaretten, Wasser. Bringt mich an Land, wo ich beim Torre vorbeischaue, beim freundlichen Hafenbüroleiter eine Etage tiefer und bei der Seguridad (mein Carnet mit Lichtbild) abholen. Außerdem Essen im Restaurant (»Wo ist der Compañero?« werde ich gefragt, sie erkennen mich wieder, alle sind superherzlich). Wo ich schon mal an Land bin, gleich beim Astillero Nacional vorbeigeschaut, dem großen Kutterreparaturbetrieb mit eigenem Schiffshebewerk. Ingeniero Alejandro ist aber leider krank, kommt erst Montag wieder, zu spät für mich. Abends Bier mit Niño im Cockpit – er sitzt auf dem Deck des Kutters, anderthalb Meter entfernt. Er will alles Mögliche wissen, über Deutschland und mich. Da huscht ein Schatten über das Laufdeck. Ein kleiner Vogel? Dafür schleicht der Schatten zu sehr. Später sehe ich die Silhouette des Tiers im Mondlicht sehr deutlich.

Ratte an Bord

Zwar suche ich nach ihr, sie muss irgendwo auf dem Heck sitzen, aber kann sie nicht finden. Am nächsten Morgen ist klar, dass sie sich genau umgesehen hat: überall sind winzige Kotstreifen verschmiert, schwarz und zäh wie Lakritz. Nur riechen sie anders (Reviermarkierungen?). Freitags widme ich mich Aufräum- und Konservierarbeiten, ziehe die Cockpitpersenning auf, was das Sitzen einigermaßen unbequem macht. Dennoch kommt Niño gerne zum Abendessen (aleman!): Bratkartoffeln und Tomatensalat. Nachts knuspert es an Deck. Am Samstag früh hab ich die Ursache gesehen: Weil ich zu wenig Kartoffeln hatte, hab ich Niño ein Paket Kräcker aufgemacht. Hat er liegengelassen. Das war das Rascheln und Knuspern, das mich nachts geweckt hat. Im Innenraum, soweit ich das beurteilen kann: noch keine Ratte.

Die Illusion hat genau einen halben Tag gehalten. Als ich in der Backskiste der Stb-Salonbank die Bettwäsche für Niño heraussuchen will, jagd ein schwarzer Schatten davon und durch das Loch in der Wand zum Klo. Dort ist unter der Toilette jede Menge (für mich) unzugänglicher Stauraum, da unter den Bodenbrettern überall Durchlässe (für Wasserabfluss) sind, ein idealer Lebensraum, zum Beispiel für eine (trächtige?) Rättin auf der Suche nach einer neuen Heimat. Nachts macht mir das Tier Alpträume. Weibliche Mitfahrer kann ich wohl in Zukunft vergessen. Samstag abends gibt es Pasta mit Tomatensauce, danach Trauben und Käse. Niño scheint es zu schmecken, behauptet er wenigstens und bedankt sich aufgedreht. Er trinkt niemals mehr als ein Bier am Abend (aber bringt schon am Sonntagnachmittag das erste vorbei). Ich schon.

»Langfahrtsegeln heißt, sich ganz für sich allein zu betrinken.«

Kápi-Weisheit

(Montag, 18.3., Flughafen Tocumen, Panamá)
Für Sonntag hab ich mir nur noch wenige Arbeiten aufgespart: Geschirr spülen, Boden putzen, Seeventile und Gasflasche schließen. Niño bringt Frühstück (Tortilla, Spiegelei, gebratene Würstchen) vorbei, außerdem hatte ich schon den Rest der Tomatennudeln gegessen. Auf den Fischkuttern im Hafen verbringen die Mannschaften einen geruhsamen Sonntag, irgendwo dudeln Latino-Schnulzen. Ich verbrauche mein letztes Trinkwasser (ich will die Kanister wie den Tank trocken hinterlassen, weil sie, ist das Wasser einmal schlecht geworden, kaum noch sauber zu machen sind).

Regel 29: Wassertank muss leer sein, Dieseltank randvoll.

Aus: Maßnahmen für das Überwintern von Yachten

Den Motor mit Frischwasser gespült/laufen lassen und die Batterien abgeklemmt hatte ich schon am Samstag.
Heute früh kommt Niño wie verabredet, bringt mir Kaffee vorbei (in SEINER Köln-Tasse, auf die er ganz stolz ist »Kölsches Grundgesetz: §1:  Et hät noch immer jot jejange … etc., pp.«, außerdem habe ich ihm den starken Bauhaus-Strahler geschenkt, den er begeistert einsetzt, um nachts weit entfernte Kutter anzuleuchten …). Er ist zu früh und der Abschied wird kurz und unzeremoniell: alles abgeschlossen, Persenning-Reißverschluss zugezogen und fünf Sachen auf Niños Boot geräumt: Kleider-Rucksack, kleiner Compi-Rucksack, übrige Lebensmittel für Niño, zwei Mülltüten. Um halb acht in der Frühe lasse ich Elli zurück.
Frühstück im Restaurant fällt aus, sie sind leergegessen. Taxi zum Jumbo, dem Supermarkt samt Bushaltestelle, Bus nach Panamá, zur Einkaufs- und Marktstraße 5 de Mayo, wo ich tatsächlich eine Hängematte erstehen kann, und Metro zum Flughafen. Ich bin schon um 12 da, mein Flug geht erst um 1700. Aber leider funktioniert das Flughafen-WLAN (für mich) nicht. Muss ich bin Bogotá versuchen, wo ich drei Stunden warten muss…

Bogotá hat kurz geklappt, eine halbe Stunde WLAN war frei. Hat aber nur gereicht, um Mails zu checken und die aktuelle Tagesschau zu gucken …

Manaus

(Di, 19.03.)
Die Stadt ist ziemlich erschlagend. Andererseits: ziemlich faszinierend. Morgens losgezogen, die Gegend zu Fuß zu erkunden. Nachts um eins war ich angekommen, durch den Zeitunterschied (eine Stunde weniger – ich bin auf dem Heimweg!) war es bereits zwei. Bis ich durch den Zoll und aus dem Flughafen war, noch später. Jedenfalls um drei ins Bett gefallen und mir den Wecker auf halb acht gestellt, weil Frühstück gibt es im Hotel Amazon (Empfehlung des Taxifahrers) nur bis acht. Punkt sieben trommelt und prasselt der Sturzregen auf das Wellblechdach über mir: Regenzeit! Um neun also losgezogen, die Altstadt und der Hafen musste am Ende der Magistrale sein, die ziemlich genau am Hotel (und am Busbahnhof gegenüber) vorbeiführt. Zwei Stunden stramm marschiert, tatsächlich irgendwann Gründerzeitgebäude und so etwas wie den zentralen Platz gefunden. Und Herbert. Lebt seit elf Jahren hier. Ist Deutscher aus Augsburg und wir waren uns auf Anhieb sympathisch (ich ihm als Kunde, er mir als prekärer Lebenskünstler). Long story short: erstmal im Fischrestaurant Pirarucu (Großfisch)-Eintopf mit Früchten und Gemüse gegessen – spektakulär. Vorher Fischsuppe (aufs Haus) und dazu Reis und orangene Gemüsesoße (nachgucken, wie das hieß!) Dann Stadtführung angesagt und (wie immer mit Führer) hab ich Sachen gesehen, die ich mich alleine niemals getraut hätte. Erst die Einkaufsmeile, die alte Zollstation, den Fährhafen, den Rio Negro (der erst hier in Manaus mit einem anderen Fluss zusammengeht und den Amazonas bildet), den Fleischmarkt, den Gemüsemarkt, den Fischmarkt, den Bananenmarkt (sic!), den Seitenarm des Rio Negro, die Müllsammelschiffe mit ihrem jeweils eigenen Bagger, die Villa des Kautschukbarons Scholz (verarmt in Deutschland gestorben), den Zucker-, Nüsse- und Trockenfrüchtemarkt. Und nebenbei Obst (und Anti-Mückenöl) für die Bootstour morgen gekauft. Und Acerola-Dicksaft (Açai [Assai]) getrunken, das Lebenselixier der Brasilianer, zumindest hier am Amazonas.

… bis ich mir wirklich nichts weiteres mehr merken konnte – Herbert ist ein wahres Lexikon: Gaviola heißen die Fährschiffe (Oberdeck nehmen!), Tucumao eine Frucht mit Blattansätzen, Guyaba eine Frucht zum frisch essen, Tucuma (falsch gemerkt?) eine Frucht, die die Brasilianer zum Frühstück essen, fett wie Avocado.

Hinten: Oper von Manaus; vorne: Herbert
Vierfach-Big-Mac: Balkone in der Oper

Als ich echt nicht mehr konnte, ging es erst richtig los: Armstrong (»Amistrong«), geboren im Jahr der Mondlandung, erwartet uns schon vor der Oper. Armstrong ist der Chef von Herbert und staatlich geprüfter Reiseführer (und Besitzer eines Hotels und einer Reiseagentur). Er hat mir jedenfalls eine Opernführung verpasst, Herbert durfte Stichworte beisteuern, und vor allem: meinen kompletten Brasilienaufenthalt durchgebucht. Herberts Vorschläge (Sao Luis, die Dünen und blauen Seen) aufgenommen, sämtliche Bustrips plus Transfers, Abholungen und Übernachtungen gebucht. Seither suche ich Geldautomaten, die meine stark belasteten Kreditkarten noch weiter ausbluten können. Insgesamt 8300 Reales, ca. € 1600, nimmt er für 14 Tage Hotelübernachtungen, Stadtführungen in Belem, Sao Luis und Rio, den Bus Belem-Rio (1800km!) und eine zweitägige Dünentour bei Sao Luis. Irgendwann schwirrt mir nur noch der Kopf und ich hoffe sehr, dass ich heute nicht einen Riesenfehler gemacht habe … Ach ja: Hab ich schon erwähnt, dass es mein erster Tag in Brasilien ist und ich nur vier Stunden geschlafen habe? Ohne Herbert wäre Manaus einfach nur ein Moloch gewesen – 2 ½ Mio Einwohner, ein paar davon leben auf der Straße bzw. auf Pappkartons. So ist es eine der faszinierendsten Städte, die ich in Brasilien kenne – und außerdem die einzige. Oder eben: ein bisschen wie Punta del Este …

Nachts hat mich Armstrongs Fahrer konspirativ zum Hotel zurückgebracht, ich hab meine USD 750 aus dem Rucksack geholt und ihm übergeben, eine Szene wie aus einem Mafia-Film: ich ziehe das Geldbündel (alles in 20ern!) aus meiner Recycling-Einkaufstasche (Coop, noch aus England) er sitzt am Steuer des mit laufendem Motor wartenden Wagens und zählt nach …). Morgen verspricht wirklich spannend zu werden, weil sich das konkurrierende Reiseunternehmen, bei dem ich die Amazonas-Tour gebucht habe, wegen der Abholung noch nicht gemeldet hat. Ich werde um 0715 mit Amistrongs Fahrer losziehen, die Bankautomaten leersaugen und den anderen Fahrer (falls er überhaupt kommt) vertrösten: Ich treffe ihn direkt am Schiff … (und hoffe, dass mich mein Fahrer dort absetzt.) Bin ich zu ausführlich? Ich bin einfach übernächtigt und überdreht.

47. Tiefes Loch und Höhenflug

Mittwoch, 13.März. Alles ist gut. Der Motor läuft, spuckt auch kein Öl mehr aus, ist in besserem Zustand denn je. Es war ein steiniger Weg bis hierher.

Kupplungsdom (vorne links), Schwungrad (Mitte, silbrig) (Perspektive aus der Achterkajüte)

Spoileralarm: Im folgenden kommen jede Menge technischer Details, nicht wirklich interessant. Aber für mich stellen sie im Augenblick das Wichtigste in meinem Alltag dar. Und bestimmen meine Stimmungen. »Sonst beschreibt er jedes winzige Schräubchen, aber über deine Arbeit verliert er gerade mal einen Satz!« – so hat Andrea (völlig zurecht) über Paulas Rolle bei der Reparatur in der Blackness Marina bei Dartmouth geurteilt. Paula hat dort das komplette Antifouling aufgetragen [die Bewuchsverhinderungsschicht am Unterwasserschiff, eklig klebriges und giftiges Zeug]. Also: die folgenden Absätze gerne überspringen, wenn es euch nicht interessiert.

Alejandro und sein Stift Julio haben tatsächlich am Do., 7.3. den Motor schräg nach oben gehebelt bzw. gewuchtet, zuvor die Propellerwelle abgebaut, und Kupplungsdom samt Getriebe abgeschraubt. Dann war der Schaden zu sehen: die Kupplungsscheibe [die eigentlich nur ein Impulsdämpfer ist: Verbrennungsmotoren drehen nicht rund, bei jeder Zündung/Explosion jagt ein Ruck hindurch, der von drei kräftigen Spiralfedern in der Kupplung vom Getriebe abgeschirmt wird] hatte sich vom Schwungrad abgeschoren, sieben der acht Befestigungsschrauben lagen im Gehäuse. Die achte war gebrochen. Also mussten die beiden das Schwungrad demontieren und mitnehmen, um die abgebrochene Schraube ausbohren zu lassen. Haben sie am Freitag, 8.3. gemacht, (wie geschrieben). Kamen sie am Montag nachmittag wieder, haben alles zusammengebaut (das Schwungrad war sandgestrahlt und sah aus wie neu). Vorher haben sie einen Helfer, Miguel geschickt, der den gesamten Motor und den Motorraum entfettet, gereinigt und poliert hat. Sah zwar nicht aus wie neu (viel abgeplatzter Lack), aber sehr sauber. Um vier waren sie fertig und ich hatte einen funktionsfähigen Motor. Brauchte ich nur noch den Ölfilter erneuern (der sollte nämlich lecken) und Öl nachfüllen.

Links neben dem Schwungrad: die abgebrochene Motoraufhängung (blau)

Am Dienstag in der Stadt Öl und -filter gekauft, alten Filter abgeschraubt und die Dichtfläche genau untersucht. Ziemlicher Fehler bzw. nochmal gut gegangen: im Flansch, der die Gummidichtung des Ölfilters aufnehmen soll, klafft ein ca. 8mm langer und 1-2mm tiefer Riss, wahrscheinlich ein Gießfehler im Aludruckguss des Motorgehäuses. Der Riss sitzt quer zur Dichtung und ist augenscheinlich der Grund für den heftigen Ölverlust. Alejandro war zum Glück in der Marina zugange und kam sofort vorbei: das lasse sich flicken, müsse ausgefräst und mit Epoxy gefüllt werden. Könne er am folgenden Tag (heute: Mittwoch) ab ca. 1000 machen. Um elf hab ich Julio und ihn auf einem anderen Boot werkeln sehen, als sie um 1300 immer noch nicht aufgetaucht sind (»Warten auf Mechaniker«, ist als Überschrift leider schon so oft genutzt, dass ich mir was anderes einfallen lassen muss – story of my life), habe ich ihn angerufen, er hat mich versetzt: eine andere Reparatur habe viel länger als geplant gedauert, er könne erst am Freitag kommen. Durch Betteln habe ich ihn auf Donnerstag Nachmittag überredet. Aber trotzdem wirft das meinen Zeitplan komplett durcheinander. Niño, mein Bewacher in Vacamonte, hat schon angerufen, ich habe ihn von Montag auf Mittwoch, jetzt auf Freitag vertröstet. Aber wenn es am Freitag nicht klappt, bin ich in Schwierigkeiten – am Montag muss ich einen Flug kriegen. Und vorher in Vacamonte das Boot ordentlich verankern, es winterfest machen, mich bei der Hafenbehörde anmelden, Niño seinen Vorschuss geben … Tiefes Loch.
Dann besinne ich mich. Epoxy habe ich an Bord. Davon ein paar Tropfen anzumischen und mit ein paar Fitzeln Glasfasern anzudicken, damit das Zeug nicht davonläuft, kann nicht so schwer sein. Der Schlitz ist schließlich winzig, an beiden Enden geschlossen und muss nichts aushalten als den Druck des Öls. Gesagt, getan. Um halb vier ist das Loch geflickt, um halb sechs das Epoxy hart geworden und mit dem scharfen Stanley-Messer abziehbar, um sechs klemmt der neue Ölfilter, ist das Öl drin und der Motor läuft Probe: dicht. Den Höhenflug konnte ich nicht so richtig auskosten, immer in Erwartung, dass doch noch was schiefläuft. Aber ein deftiges Abendessen hab ich mir gegönnt.

In großer Höhe: Fensterputzer am Towerbank-Gebäude
(gesehen auf der Suche nach dem Avianca-Büro)
Das Paket

Weil ich viel zu viele Sachen dabei habe, u.a. zwei Kamelhaardecken, hielt ich es für eine gute Idee, überzählige Klamotten (und ein paar Reisemitbringsel) in ein Paket zu packen und an mich (bzw. Paula) zu schicken. Keine gute Idee. Am Sa,. 2.3. hab ich es aufgegeben. »Ist aber schon sehr teuer«, sagte selbst der Angestellte im DHL-Büro: USD 248 für 12 Kilo. Per Flieger, per Express, was anderes bieten sie im Stadtbüro nicht an (nur am Flughafen, wäre eine weitere Stunde Fahrt und etwa die Hälfte kostet es dennoch). Soll am 5.3. („vor 1200 h“) zugestellt werden. So eilig hatte ich es gar nicht. Am Mi., 6.3. bekomme ich einen Anruf aus dem Büro Panamá, erst auf spanisch, später englisch, weil ich mich verhaspelt habe: Ich soll den Inhalt des Pakets genauestens beschreiben. Es sei nichts verloren gegangen, nein, es habe irgendwas mit dem Zoll zu tun. Am Fr., 8.3. werfe ich die Sendungsverfolgung an: Das Paket liege beim Flughafenzoll Leipzig. Schreibe ich eine Mail dorthin. Kommt postwendend, kompetent und freundlich eine Mail zurück: keineswegs liege das Paket beim Zoll, es sei gerade mal vorangemeldet und von DHL noch nicht bereitgestellt worden.  (Skandal: DHL schiebt den Zoll vor!) Inzwischen kommt eine Aufforderung per Post an Paula (die Adressatin): Sie solle a) eine Kopie meines Passes, b) meiner Reisetickets für Hin- und Rückreise, c) eine genaue Inhaltauflistung und d) eine Erklärung darüber schicken, dass der Inhalt aus Reisegepäck bestehe. (Sonst werde das Paket am 12.3. zurückgeschickt!) Schicke ich Kopien meiner zwei Flugtickets (St.Maarten-Curaçao und Panamá-Manaus) mit. Soll ich sämtliche Tickets der Reise nachreichen. Zähle ich einfach auf (Bus, Kreuzfahrtschiff, Flieger, Segelyacht, Flieger, Fähre, Bus, Kreuzfahrtschiff, Bus). Und im Kleingedruckten steht auch noch, dass DHL € 41 an Gebühr für die Zollabfertigung verlangt. Schreibe ich meine nächste geharnischte Mail an den dhlhubLeipzig. (Inzwischen sind acht (1) identische Warnmails bei mir aufgelaufen, die mir den Termin (13.3.) für eine „Customs Clearance“ avisieren nicht einmal die EDV weiß, was sie tut.) Jetzt hat Paula auch noch eine Zahlungsanweisung über € 71 erhalten, so als ob die Zollabfertigung tatsächlich schon stattgefunden hätte … Keine Ahnung, wie das ausgeht.

Zwischendurch, am Sa., 9.3. den Flug nach Manaus gebucht bzw. zu buchen versucht: das Stadtbüro (Adresse von der Avianca-homepage) ist schon seit Jahren geschlossen, am Flughafen gibt es nur die Abfertigungsschalter, lange Schlangen davor. Heutzutage muss man einfach über Internet buchen, was ich dann am Samstagabend auch entnervt tue. Am Sonntag, 10.3. im Biomuseo gewesen, gleich hier auf dem künstlichen Damm, den die Amerikaner aus dem Abraum des Kanalbaus aufgeschüttet haben und damit die Inseln Naos, Perico und Flamenco mit dem Festland verbunden (und zu Festungen und Geschützstellungen ausgebaut) haben. Ein kunterbunt verschachtelter Gehry-Bau, der die (erdgeschichtliche) Entwicklung des Istmus, der Landenge, und ihrer Bedeutung für Flora, Fauna, Besiedlung und Geschichte erzählt. Sehr anschaulich, sehr computeranimiert und überwältigende Filmaufnahmen (im Rundum-Kino). Außerdem zwei gebäudehohe Aquarien mit den Meeresbewohnern von Karibik und Pazifik (nur mit glasklarem Pazifik-Wasser). Sehr schöner Spaziergang, sehr schöner Tag.

Täglicher Auslauf: Schwimmstege in der Marina

Diese ganzen Ereignisse schreibe ich mir eigentlich nur deswegen vom Leib, weil ich absehbar in nächster Zeit offline sein werde: bis Montag in Vacamonte (kein WLAN), dann Flug, drei Stunden Aufenthalt in Bogota (vielleicht WLAN), dann vier Tage Fähre (kein WLAN), dann 20h Busfahrt Belem-Brasilia, dann nochmal 20h bis Rio. Dann vielleicht WLAN im Hotel. Dann Kreuzfahrtschiff bis 20.April und Barcelona. Dann Bus.

Kurz gesagt: Geht besser davon aus, dass ihr in nächster Zeit nichts von mir hört. Es folgt noch ein kurzer Jahresrückblick, irgendwann im April. Aber eigentlich war es das für dieses (halbe) Jahr. Im Januar 2025 geht es hoffentlich weiter.

46. Luxusyacht ERZEBET

Bei der Ankunft in Flamenco Marina (Foto: Ina)

Als Odysse letzte Woche im Bankenviertel herumspazierte und sich die Luxusgeschäfte ansah, kam er auch am Büro eines Immobilienmaklers vorbei.  Und ging rein. »Where are you staying?« war eine dessen erster Fragen. »Oh, on a boat in the Yachtclub«, gab Odysse zurück. Anscheinend eine angemessene Antwort, denn danach hat er Angebote für Kaufappartments in der Innenstadt für 2 Mio vorgeschlagen bekommen. Da hat die gute alte ELLI aus Versehen einen (falsch) guten Eindruck gemacht …

Hier in der Marina Flamenco werden, wie schon geschildert, steile Preise aufgerufen. 70 USD pro Tag, Elektrizität geht extra. Weil mein kaputtes cutless bearing nur außerhalb des Wassers repariert werden kann und die das in Vacamonte nicht machen konnten und inzwischen auch entweder das Getriebe oder nach neuesten Erkenntnissen möglicherweise die Kupplung kaputt ist, hab ich das Angebot des zur Marina gehörenden Reparaturbetriebs eingeholt. Dauerte. Vielleicht, weil es so schwierig war, die astronomischen Zahlen zu addieren: 8250 USD. Für Platzmiete, Ausbau des Motors, Auswechseln des cutless bearings, Antifouling und einen Mietkran (weil der Kran des boatyards kaputt ist). Und das alles ohne Garantie, dass die Reparatur funktioniert (weil sie Ersatzteile vielleicht nicht in der richtigen Größe dahaben, weil vielleicht das Getriebe kaputt ist …) Dazu kommt noch der Travellift mit 950 USD und die Ersatzteile. Macht zusammen rund 10.000. Musste ich mich erstmal setzen.

Nasenbär im Parque Natural

Das Boot hierzulassen würde 1588 pro Monat kosten – gar nicht soo astronomisch, wie ich gefürchtet habe. Einen Tag Bedenkzeit genommen. Antifouling und Kran vom Kostenvoranschlag gestrichen, 600 gingen die auch noch runter: sind wir bei 4200. Immernoch ohne Garantie. Und unter der Voraussetzung, dass ich es hinkriege, den Motor mit Bordmitteln (Großschot) rauszuhieven.

Odysse(s Bart) vor der Brücke der Sehnsucht: Puente de los Americas

Rücksprache Paula und ihr Rat: Cool bleiben, erstmal ablehnen. Alternativen suchen.

Bin ich in die benachbarte Marina Playita spaziert. Die rufen noch höhere Preise auf. Haben mir aber einen Mechaniker empfohlen. Sogleich mit ihm telefoniert. (Das war am Donnerstag) Soll ich am Montag (heute) wieder anrufen, ob er am Dienstag kommen kann. Rief ich um die Mittagszeit an, war er schon hier in der Marina, kam innerhalb von Minuten vorbei, ein dicklicher kleiner Mann, redete gern, viel und sehr von sich überzeugt. »Ich berechne nach Job, nicht nach Stunden. Wenn einer nach Stunden berechnet, heißt das nur, dass er langsamer arbeitet.«

Er will das Getriebe (und den Kupplungsdom)abbauen (Propellerwelle nach hinten verschieben), ohne den Motor auszubauen. Soll ich am Mittwoch wieder anrufen, ob er vielleicht am Donnerstag oder Freitag anfangen kann. Hab ich wieder Hoffnung.

Seglerleben

Nicht alle Tage hab ich in der Marina verbracht, die Decksausrüstung schon fast komplett abgebaut, die nota nachgetippt (das Schreiben an die Dezernentin, die für den Hafen Vacamonte zuständig ist, wo ich um Erlaubnis nachsuche, das Boot neun Monate zu lassen), ein großes Paket mit Klamotten nach Hause geschickt, im Eisenwarenladen nach Ameisengift und Leinen gefragt, Lebensmittel eingekauft (Ananas für 0.75 USD, köstlich), einen Abendspaziergang zum Pizzaessen unternommen und das Boot aufgeräumt und saubergemacht (noch nicht ganz fertig).

(auch nicht) ruhigere Tage: Vacamonte

Direkt hinter mir liegt eine Supersegelyacht, eine Ketsch aus den Fünfziger Jahren. Ihr Besitzer hatte schon Odysse angesprochen und ihn auf ein Bier eingeladen. Diese Einladung hat er auch mir gegenüber wiederholt und am Samstag um 1700 war ich dort. Anne und Gary sind Australier, Gary hat aber hier eine Fabrik (für Abschattungsgewebe) aufgemacht und ist gerade daran, eine weitere (seine sechste) für Modulfertighäuser aufzuziehen. Hat er aber seinem Sohn übertragen, er hatte einen Schlaganfall und ist noch rekonvaleszent (70 Jahr alt, alle beide, ihr sieht man es nicht an).
Das Schiff SEA DIAMOND ist eine Legende, die Kennedys (JFK und Jackie) sollen schon drauf gewesen sein, die Queen of England (der Vorname fällt mir grad nicht ein) hat mehrfach Urlaube auf dem Schiff verbracht, Rockstars, Banker, etc. Als eine („die“) New Yorker Innenarchitektin eine Innenausstattung designte (drei Bereiche mit drei Stilrichtungen, Venedig, Vivaldi, Gershwin), musste ein früherer Besitzer passen: statt 1,7 Mio sollte das Kunststück am Ende 7,5 Mio kosten. Das, und der Moment, wo er mit den Anglerstuhl für seinen Sohn zeigte („ein passionierter Angler“) waren die einzigen Male, da wir über Geld gesprochen haben (und als Anne sich aus einer Situation, wo sie „angebettelt“ wurde, aber sich nicht sicher war, ob sie die Dame nicht doch aus gesellschaftlichen Zusammenhängen kennt, nur mit einem Trick herauswinden konnte …). Der Anglersessel, kippbar, mit Fußstütze und Armlehnen, stilsicher aus den 50ern, kostete USD 25.000.

ELLI (links) und SEA DIAMOND (rechts, etwas größer)

Das Bier stellte sich als köstliche Imbissplatte heraus, selbstgebackene Blumenkohlbratlinge mit Joghurtsoße, Schinken, Käse (mit Zwiebelconfit), Lachs-Taramá. Nur Besteck gab es keins (sollte mit Cräckern funktionieren). Doch zuvor Schiffsführung: Jede Oberfläche aus massivem Edelholz, Nussbaum, Mahagoni. Oberflächen als Stilmittel: die Eignerkabine („Venedig“) hatte matte Flächen und hochglänzende Rahmen. 5 Esstische für jeweils acht Personen, im Mittelcockpit (völlig wettergeschützt), auf dem Vorschiff, auf dem Heck, im Salon (wo wir saßen) und im Esszimmer (vier Stufen tiefer, neben der Küche). Alleine die Crew-Kabinen, jeweils mit eigenem Bad, hätten jeder handelsüblichen Luxusyacht gut zu Gesicht gestanden. Motorraum, Größe Squashcourt: zwei Achtzylinder-Diesel, zwei Generatoren (einer läuft durchgehend), zwei hydraulische Stabilisatoren (seitlich abstehende Ruder, um Rollen/Krängung zu regulieren), Kühlschränke, Waschmaschinen. Alle technischen Einrichtungen hinter Edelholztüren verborgen, versteht sich. Am Ende haben wir auch noch über mich gesprochen, es gab Weißwein und wir sind (Trinkspruch) „neue Freunde“. Echt sympathische Leute, ungezwungen, Anne hat zuhause zwei Pferde im Stall stehen (»die sind alt, die brauchen nicht mehr viel Bewegung, die kriegen ihr Gnadenbrot«).
In vier Monaten wollen Gary und Anne über den Atlantik nach Europa (ich hab ihnen Malaga empfohlen), größtenteils unter Segeln (obwohl sie 8000l Diesel dabei haben und die Maschinen „kaum etwas“ verbrauchen). Klingt wie ein romantischer Plan. Jedenfalls bin ich nach zwei Stunden ziemlich beschwingt die acht Schritte zurück auf mein Boot gewankt.

Heute hat Gary mir übrigens seinen Mechaniker herübergeschickt, Paolo hat auch seine Karte dagelassen, obwohl er mitbekommen hat, dass Alejandro mittags auf meinem Boot war. Wird doch wohl kein schlechtes Zeichen sein?

Schöner Hafen mit Sandstrand: Vacamonte

Odysse hat (wie auch Alba und Marlene) ein Kilo getrockneter Linsen gekauft. Die werden diese Woche kleingemacht. Gestern Linsensuppe, heute Linsen mit Nudeln (Spätzle gibt es mangels Eiern nicht), morgen Linsensalat mit Ananas (Inas Rezept). Gut durchgekocht ist es gar nicht so schlimm mit den Blähungen, außerdem bin ich ja sowieso alleine (seufz).

Am Dienstag letzter Woche stieg überraschend Loréna aufs Schiff, gerade angekommen nach einer Kanaldurchfahrt als Linehandlerin. Hab ich ihr Orangensaft angeboten. Hat sie stehen gelassen.
Irgendwann während des Studiums hab ich von einer Studie gelesen, nach der die Mehrheit amerikanischer Jugendlicher frischgepressten O-Saft als „schmeckt künstlich“ einstufen. Hätte nie gedacht, dass ich so eine Person einmal im richtigen Leben treffe. Lorena fand, der O-Saft müsse hinüber sein (sauer geworden, verdorben). Ob sie noch nie unverdünnten, ungezuckerten Saft getrunken hat?

Ebbe in Vacamonte

Dienstag, 5. März. Flamenco Marina (die dritte Woche bricht an – à USD 433.-).
Es gibt auch gute mal gute Nachrichten. Morgens bin ich früh los, um 1000 in Vacamonte aufgelaufen. Der Taxifahrer wollte warten, ich habe ihm gesagt, es könne länger dauern. Bei der Migracion meinen Bittbrief um Hafenerlaubnis für neun Monate vorgezeigt. Alle hatten Uniform an und sahen offiziell aus. Der Chef gab mir eigenhändig Unterschrift und Stempel für einen dreimonatigen Aufenthalt (bis 5. Juni). Ich müsse allerdings noch den Stempel der Seguridad, des Sicherheitsdiensts, einholen. Zwei Türen weiter, Anmutung wie ein Polizeirevier (blau gestrichen, Tresen), aber eine superfreundliche, verschmitzte Señora: neun Monate gingen gar nicht. Für drei Monate gebe es kein Problem, aber neun? Dass ich nach Deutschland fliegen und meine Familie sehen wolle, hat sie verstanden und erweicht. Es gebe eine Möglichkeit, Erlaubnis für ein Jahr zu bekommen. Müsse aber der Leiter der Hafenbehörde höchstpersönlich genehmigen.
Der Licen(ciado) ist erstaunlich jung, versteht mein Anliegen, warnt mich aber, dass im Hafen Drogenschmuggel, Prostitution und Diebstähle vorkämen, er habe zu wenig Leute, die aus Panamá-City schickten ihm zu wenig Personal. Im Prinzip habe er nichts dagegen, mir ein Jahr zu genehmigen. Gesagt, getan, das Risiko nähme ich auf meine Kappe. »Un año.«, Stempel, Unterschrift.
Na also, es gibt wunderbare Überraschungen, freut sich die hilfsbereite Dame vom Sicherheitsdienst. Formular ausgefüllt, Stempel, Unterschrift. Jetzt müsse ich nur noch bei der Hafenverwaltung drei Dollar für den Stempel bezahlen und ein Foto machen lassen.
Ging fast ganz schnell (Nur Odysse kann sich eine Vorstellung davon machen, wie das alles lief. Spoiler: Es ging viel besser als befürchtet, es hat insgesamt nur zwei Stunden gedauert.) Im Hafenbüro hab ich gewartet, bis der Kassierer seinen Schriftkram erledigt hatte – der Chef (oder der am nächsten zum Eingang saß), hat sich angeregt nach der ELIZABETH erkundigt, wo sie jetzt liege, was repariert werden müsse, etc. Er hat mich wiedererkannt und sich an meinen Aufenthalt mit Odysse erinnert –, drei Ocken bereitgehalten, es gab ein Formular, Stempel, Unterschrift. Im Kleinbüro gegenüber folgte Fototermin, außerdem einen Abholtermin: ab Donnerstag, acht Uhr kann ich meinen Besucherausweis für den Hafen, Gültigkeit drei Monate, abholen (oder später, ich hoffe am nächsten Montag nach Vacamonte fahren zu können). Wieder zurück zum Sicherheitsdienst, meine Nota mit inzwischen drei verschiedenen Stempeln und Unterschriften abgegeben. Und das Beste: Der Kollege der freundlichen Dame spricht mit dem Capitán im Kontrollturm und sie beratschlagen, wen sie mir als Aufpasser für das Boot empfehlen könnten. Ruft er den Mann auch gleich an, der kommt wenige Minuten später mit seiner Lancha um die Ecke, wir reden und kommen ins Geschäft: USD 20 pro Tag verlangt er dafür, ein Auge auf die Elli zu haben, »día y noche«. Ob sie Wasser ziehe, will er wissen. Ich verneine.
Also hab ich Mittags: die Genehmigung, ELLI dort im Hafen zu lassen; jemanden, der auf das Boot aufpasst; und eine Verbündete im Sicherheitsbüro: »Die Migration gibt nur drei Monate, aber fliegen Sie nach Deutschland und wenn sie zurückkommen, lässt sich alles regeln.« Unter der Hand gesagt, selbstverständlich.
Ein halbe Stunde setze ich mich ans Hafenbecken und lasse die Atmosphäre des Ortes auf mich wirken, an dem ich die ELLI für neun Monate zurücklassen werde. Dann geht es zurück (Privatauto, Bus, Metro, Bus) in die Flamenco Marina. Vier Uhr wieder an Bord. Das war einmal ein guter Tag.
Klar muss ich alles Wertvolle aus dem Schiff räumen und abbauen. Klar muss ich Niño, den Wächter, ab und zu anrufen, ihn vielleicht bitten, das Boot einmal zu lenzen. Aber alleine die Tatsache, dass es sich im Hafen herumsprechen wird, dass jemand für das herrenlose Boot zuständig ist, gibt mir ein gutes Gefühl. Hoffentlich berechtigt.

Auch Ebbe

Mittwoch hab ich den Mechaniker Alejandro angerufen, er will am Freitag früh kommen. Heute, Donnerstag, unters Schiff getaucht (trübe Brühe) und die Sicherung (Schauchschelle) an der Propellerwelle entfernt/verschoben. Ist mir heute beim Aufwachen siedendheiß eingefallen, dass sonst Alejandro nicht, wie geplant, den Propellerschaft nach hinten verschieben kann … In Arbeitslaune gleich noch das Bad geputzt. Jetzt Mittagspause.

Mittags riefe der Mechaniker an, ob er jetzt gleich vorbeikommen könne – nichts lieber als das! Inzwischen ist es vier Uhr, Alejandro und sein Helfer haben Feierabend gemacht und zuvor schon viel geschafft: den Motor schräg hochgewuchtet, den Kupplungsdom abgenommen und herausgefunden, das die Kupplungssscheibe (so gut wie neu aussieht, aber) falsch herum eingebaut war, ihre Bolzen gelockert und abgeschoren hat und dies der Fehler ist. Außerdem ist ein Tragbolzen der Motoraufhängung gebrochen (gewesen). Morgen will Alejandro wiederkommen, die Schwungscheibe mitnehmen (und ausbohren lassen) und am Montag, Inschallah, alles wieder zusammensetzen. Hört sich an wie ein guter Plan, oder?

45. Zwei Tage und zwei Nächte

Playa del Merced, Punta Bruja
Warten auf Oswaldo

(Do., 22.2. Flamenco Marina (wieder), Panamá, Panamá.)
Oswaldo, der Bootsbauer aus Playa del Merced, hatte uns zugesagt, uns am Morgen zu helfen und uns aus der Flussmündung zu schleppen, weil der Wind zuletzt genau gegenan stand. Morgens um acht war vereinbart, nachdem er vom Fischen zurückkäme. Wir waren seit halb acht bereit. Um neun fuhr er (mit seinen Söhnen (?)) an uns vorbei, winkte auch. Dann kam nichts mehr. Um elf, die Ebbströmung zog uns hinaus und der Wind stand exakt achtern, haben wir uns entschlossen, alleine loszusegeln. Ohne Antrieb war das eine Nervensache. Ein Palmwedel, der mit der Flut hereingetragen worden war, trieb neben uns hinaus – und machte uns Mut. Tatsächlich lief alles glatt: im Schritttempo, und manchmal nicht mal das, schlichen wir aus der Flussmündung, aus der Bucht und aufs offene Meer. Ein langer Baumstamm, von Pelikanen (oder anderen Vögeln) belagert, trieb den ganzen Nachmittag neben uns in Sichtweite, viel Geschwindigkeit machten wir also nicht. Draußen lief der Humboldstrom die Küste entlang, nach Norden und Nordosten – eigentlich genau, wo wir hinwollten. Ziel war der Fischereihafen Vacamonte, wo es laut unserem Führer einen Travellift [Möglichkeit, das Schiff aus dem Wasser zu heben] und zahlreiche Werkstätten (für Fischerboote) geben sollte. Astillero Nacional hieß der Reparaturbetrieb unseres Vertrauens (oder meiner Hoffnungen). Zwei Stunden frischer Wind brachte uns in die Nähe der Isla El Pelado, die zwar auf dem Weg, aber auch im selben lag. Danach wieder Flaute, wir haben sogar gebadet. Und Delfine gesehen, zumindest die Rückenflossen. Um 1900 setzt sich ein großer Vogel, schwarz, Typ Geier oder Greif, nach mehreren Anflatterversuchen auf die Mastspitze, und zwar genau auf den Impeller des Anemometers, ein empfindliches Plastikteil mit einem sensibel gelagerten Windrädchen. War nicht zu vertreiben, wahrscheinlich wurde das Vieh vom Masttoplicht angelockt. Und anschließend funktionierte der Windanzeiger nicht mehr, klar. Die ganze Nacht über war kaum ein Lüftchen zu spüren, eine Flautennacht. So still und glatt lag das Meer, dass wir einen doppelten Sternhimmel hatten. Oben das Funkeln, unten das Phosphorisieren der Algen (oder die Spiegelungen der Sterne.) Die Lichter von Panamá-Stadt lagen weit voraus, scheinbar unerreichbar. Im Morgengrauen stellten sie sich als die Lampen des Arbeitslichts von vier Fischerbooten heraus, die wir zwar passieren konnten, die aber eben mitten im Meer und nicht am Ufer lagen … Immerhin hatten wir am Morgen fünf (5) Meilen in die richtige Richtung gutgemacht. Allerdings trieb der Vogelbaum noch immer in Sichtweite. Nur den Palmwedel hatten wir zum Glück abgehängt. Am zweiten Tag kam ab elf etwas Wind auf, (die Wartezeit darauf zog sich endlos!) der uns mit 4 ½ kn in die gewünschte Richtung (Kurs 285°) schob. Und um 1545 einschlief. Wieder totale Flaute. Bis uns um 1600, also eine Viertelstunde später, plötzlich eine Bö mit sicher 3-4 Bf aus der entgegengesetzten Richtung (N statt S)! um die Nase pfiff. Und um 1635 wieder Flaute einzog. Die zweite Nacht brach an, unstet blieb der Wind und wir hatten das Fahrwasser zum Panamakanal zu kreuzen, knapp, falls der Wind seine Richtung behielt, außerhalb des Verkehrstrennungsgebiets, das wir nur streng rechtwinklig hätten queren dürfen. Da die Batterien seit Pearl Island Marina nicht mehr geladen worden waren, hatten wir vorsorglich die Maschine eine halbe Stunde laufen lassen. Aber jetzt fiel die Batterieanzeige wieder auf 12,0 V. (Bei einer Entladung unter 11,8 ruiniert man die Batterien). In meiner Wache von 1900 bis 2300 konnten wir das Fahrwasser queren, aber mit Winddrehern und kurzen Flautenabschnitten geriet die Fahrt zur Nervensache. Odysse ging es nicht besser: In seiner Wache musste er eine unbefeuerte (und nachts kaum auszumachende) Insel zu vermeiden versuchen. Auf der anderen Seite der Bucht lief die Humboldströmung (oder die Tidenströmung) uns entgegen, drohte, uns aus der Bucht wieder hinauszutreiben. Bei Wassertiefen um die zwanzig Meter war an Ankern nicht zu denken (jedenfalls nur theoretisch). Morgens um drei, zu Beginn meiner Wache, lag das Festland (und ankerfähige Wassertiefe) scheinbar unerreichbar in Windrichtung.

Bis Neuseeland

Ab halb sieben blieben wir beide wach. Wenn uns die Strömung weiter hinaustriebe und wir keine Ankermöglichkeit fänden, wäre der nächste Stopp Neuseeland, scherzte Odysse. Konnte ich nicht wirklich drüber lachen, aber die Stimmung blieb gut. Und dann kam auch wieder Wind auf, wieder aus Süd, fast aus der richtigen Richtung. Statt vor der Hafeneinfahrt von Vacamonte zu ankern, wie wir es vorhatten, erfragten wir die Erlaubnis, unter Segeln einzulaufen und der Torre de Control sah darin kein Problem. Zwischen rostigen Fischkuttern, die im Hafenbecken in großen Päckchen lagen, und mit zwei Wenden schafften wir es schließlich zu einem Ankerplatz im Hafenbecken, den uns ein hilfsbereiter Motorbootfahrer als commun (allgemein zugänglich) anwies. Der Mann vom Zubringerboot (Lancha) bot sich sogar an, mich und die Papiere zum Hafenmeisterbüro, also an Land, zu bringen.

Strand am Hafen Vacamonte

Anmelden beim Hafenmeister, der uns einen Platz an der Muelle, also am Pier, zuwies, Schlepphilfe von diesmal gleich zwei Lanchas, und um 1200 Mittag lagen wir tief und sicher am Kai. Große Erleichterung beim Kapi und der gesamten Besatzung (Odysse). Spätestens am Nachmittag musste auch Odysse zum Hafenmeister, seinen Pass vorzeigen. Aber erstmal: Pause und Erholung.

Ostblock, 80er Jahre

Vacamonte ist ein Erlebnis der besonderen Art. »Das Original-Panamá«, sagt Odysse, abseits vom Schuss der glänzenden Bankpaläste, Wolkenkratzer und Luxushotels der City. Auch wenn sie uns, wie sich zeigen wird, mit der Reparatur der ELSBIETA nicht helfen konnten. Wir lagen drei Tage am Kai – ich sage absichtlich nicht „Steg“, weil der Anleger sicher zehn Meter hoch aus groben Holzpollern und Betonstelzen unzerstörbar gebaut ist. Und neun Meter (bei Flut: vier Meter) über uns liegt, erreichbar über eine aus Baustahl geschweißte wacklige Leiter (über die wir gottfroh sind). Am ersten Nachmittag löschte an der anderen Seite des Kais ein Fischkutter seine Fracht, meterlange Untiere (keine Ahnung, welche Sorte), die von Hand aus dem tiefen Schiffsrumpf (und der Kühlung) in Hebekörbe geworfen, mittels Kran auf den Kai gehievt und dort in Kühlbehälter sortiert worden sind. Ein Korb voller Riesenfische (der größte, haiartige, war sicher zwei Meter lang) kam als letztes. Und dann haben sie noch sicher einen Kubikmeter Tunfische, jeder fast einen Meter, von einem Kühlraum im Kutterinneren in einen anderen umgeladen – und wieder mitgenommen, wahrscheinlich war der Preis für Atún im Keller.
Direkt am Kai steht eine riesige Fischfabrik, Kühllaster in allen Stadien des Verfalls sind drumherum geparkt, teilweise auch ohne Kühlung. Hier werden Langusten verarbeitet (deren Saison in diesen Tagen zu Ende geht), jeden Morgen bringen Busse scharenweise Arbeiterinnen, die in Hauben, Schürzen und Gummistiefeln Krabben (puhlen und?) verpacken. Eine Eismaschine, die mittels Gabelstapler beschickt wird, spuckt kubikmeterweise Graupelschnee in Kühlbehälter. An einem Wasserschlauch dürfen wir, Odysse hat mit dem Vorarbeiter gesprochen, uns waschen. Leider im Freien und vor den Augen der Arbeiterinnen (Schichtwechsel) bloß durch einen Stapel Kühlbehälter kaum verborgen. Abends selbstgebratene Krabben, die Odysse vom Ermöglicher der Duschgelegenheit geschenkt bekommen hatte. Außerdem gibt es das Restaurant Vacamonte, die Cafetería Vacamonte und einen kleinen Supermarkt Vacamonte. Alle vom Team derselben überfreundlichen Bedienungen bewirtschaftet, die uns bald wie alte Bekannte begrüßen. Das Restaurant (Neonlicht, Resopaltische, Salsa-Latino-Pop-Video-Beschallung) ist nämlich (das einzige und) unschlagbar billig: zwei Fischermahlzeiten (es gibt alles, außer Fisch, riesige Portionen, vor allem Fleisch) nebst Getränken kosten USD 10, sicher subventioniert.

Restaurante Vacamonte

Zum Frühstück gibt es manchmal Rührei, sonst Huhn, Schwein, Rind, Leber in leckeren Soßen, gebratene Bananen und köstlichen Reis oder Fettgebäck (und Linsen oder Bohnen). Die Fischarbeiter behandeln uns freundlich und kameradschaftlich, alle grüßen überschwänglich und mehrfach haben wir schon Mitfahrangebote bekommen – der Hafen liegt kilometerweit außerhalb der Stadt. Mehrere Flotten Fischkutter sind im Hafen festgemacht, Arbeitsboote, denen man die tägliche Belastung ansieht. Auch halbversunkene Wracks liegen im Hafen.
Nachmittags mit Odysse die Behördengänge erledigt. Passvorweisen bei der Hafenpolizei im Kontrollturm, eine Etage darunter eine Behörde undurchsichtiger Funktion. Die aber unser in Shelter Bay beantragtes (und bezahltes) Cruising Permit prüft (und als unbezahlt im Internet findet!). Beim Marinabüro (sechs Angestellte beiderlei Geschlechts) kann man uns nicht sagen, wieviel unser Aufenthalt kosten wird, Nachfragen, die Reihe der Schreibtische entlang, ergeben einen Preis von wenigen Dollars pro Tag. Am Ende werden wir für drei Tage Aufenthalt insgesamt 16 USD bezahlen. Dafür gab es aber auch: keinen Strom, kein Wasser, keine Duschen. Aber die Möglichkeit, unseren Müll zu entsorgen – der von den streunenden Hunden aus dem Eimer gestoßen und zerwühlt wird. 
Im Büro der Migration arbeiten vier Menschen. Der jüngste erhebt sich schüchtern bei unserem Eintreten, weiß mit uns aber nichts anzufangen. Eine Angestellte starrt angestrengt auf ihren Bildschirm, Odysse sieht, dass sie die Suchmaske von Google offen hat und ihr beim besten Willen nichteinfallen will, nach welchem Stichwort sie noch suchen könnte; einer, dem Alter nach kurz vor der Pension, schläft, zugedeckt mit seiner Jacke (weil die Klimanlage auf voller Kraft ballert) und lässt sich nicht stören. Schließlich kommt einer, Typ Polizist/Macher im besten Mannesalter, zieht sich das Koppel stramm und erklärt uns, dass wir eine nota bräuchten, ein formloses Ersuchen, unser Boot im Hafen lassen zu dürfen. Er zeigt uns sogar eine Vorlage, einen förmlichen Brief an die zuständige Dezernentin, kann uns aber keine Kopie machen, weil sein Edding nur rot schreibt und er damit die Daten aus der Vorlage nicht schwärzen kann. Wenigstens schneidet er uns den Hauptteil des Briefs (mit Adressen und Anreden) aus. Odysse kann sich kaum halten vor Kopfschütteln. Denn die Szenerie könnte man nicht erfinden. Wie früher, als wir über die Transitautobahn nach Berlin gefahren sind.

Schneller Vorlauf: Gestern, als wir uns abmeldeten und Odysse Fotos machen wollte, sind die Büros offensichtlich vorgewarnt worden, wurden wir auch vom Cruising-Permit-Jungbeamten am Händchen durch den Bürokratiedschungel geleitet. Und alles war anders: in der Migration standen Wartestühle aufgestellt, die Angestellte führte ihre Suchen jetzt am Handy durch und der schläfrige Alte stellt sich als Beauftragter für Stempel und Unterschrift heraus (kein anderes Utensil störte seine Schreibtischoberfläche).

Auf der Polizeistation nebenan warteten Handschellen, an einem Rohr in der Wand fixiert auf Bösewichter. Höhepunkt war jedoch sicher das Marinabüro. Der Vorgang ELIZABETH (erkennbar an der nur schlecht, weil zu dunkel kopierbaren Zulassung) wurde über drei Schreibtische gereicht, leider waren die Angaben unleserlich (und auf deutsch), aber Nachfragen lagen unter der Würde der Beamtinnen und Beamten. Erst unser hilfsbereiter Begleiter kam zu uns und fragte nach, welches Netto- und Bruttogewischt das Schiff wohl haben könnte (stand nicht in den Zulassungspapieren). Dann sprang tackernd ein Nadeldrucker an. Und in der Zwischenzeit (kaum anderthalb Stunden, ich schwöre!) hatte eine weitere (eine schleppte sich zur Tür, telefonieren, eine durchmaß das Büro gemessenen Schrittes mehrfach auf dem Weg zur Toilette, zur Mikrowelle, einer fragte nach dem genauen Wortlaut der Eingabe in eine Suchmaschine) hatte die kompetente Suchmaschinenberaterin einen einseitigen Formbrief mit den Daten der ELLI komplettiert und ausgedruckt – auf Laserdrucker, den wir nirgendwo entdecken konnten. Es war ein sensationell skurriles Erlebnis. Insgesamt erhielt wir vier z.T. mehrseitige Formulare, jeweils per Unterschrift von Ausstellerin und PrüferIn zur Feststellung der Richtigkeit als vollständig und ausreichend bestätigt, signiert und gestempelt – u.a. die Rechnung für eine zarpe [Hafenausfahrtsbescheinigung], die Bestätigung der Richtigkeit ebenjener zarpe, den Antrag auf dieselbe und den Formbrief der Internetspezialistin, der bestätigte, dass wir im Hafen gewesen waren. (Einen Teil der Formulare mussten wir bei der Hafenpolizei wieder abgeben, um die eigentliche zarpe, ein Dokument mit metallisch glänzendem Siegel, zu bekommen). Zur Erholung meinte uns der freundliche Begleiter (und diensthabender Cruising-Permit-Beamter) zu einer eisgekühlten Wildkirschen-Limonade (narze) einladen zu müssen. Das hat Odysse aber unterbunden und selbst bezahlt. Das ausgedruckte Cruising permit, die Erlaubnis, durch Panama zu segeln (die wir jetzt nicht mehr brauchen) haben wir auch noch bekommen.
Vielleicht noch interessanter, vor allem unter Inneneinrichtungsgesichtspunkten war der Besuch bei Astillero Nacional, der Reparaturwerkstatt unserer Träume. Die hatten nicht nur einen Travellift, sondern ein veritables Schiffshebewerk und einen Güterbahnhof an Gleisen, um die Schiffe auf Rollwagen über das ausgedehnte Gelände zu bugsieren. Am Vortag hatte ich erfragt, ob meine Probleme dort lösbar seien (cutless bearing, Motor leckt, Schaltung funktioniert nicht, ich möchte das Boot zehn Monate dort parken) und durchgehend positive Antworten erhalten (könnte ein Verständigungs- oder ein Kompetenzproblem gewesen sein). Der zuständige Ingeniero Alejandro (Brudell) sei aber erst am Folgetag ab 0830 wieder da. Dort sind Odysse und ich hingetapert. Sein Büro war leer. Aber stilsicher 60er Jahre eingerichtet: mächtiger Edelholzschreibtisch, Freischwinger, Glastisch, Dunkelholz-Furnier-Sideboard. Selbst die National Geographics sahen original aus – man hätte dort eine historische Serie drehen können; Odysse begeisterte sich, dass seine Frau die Einrichtung sicher ultraschick fände. Dann kam ein Räuspern aus dem Hinterzimmer: Ingeniero Alejandro war doch da, hatte nur Ohrhörer aufgehabt. Superkompetent, superfreundlich, auch englischsprachig. Nur: er konnte nichts für uns tun. Unten in der Werkstatt, Dreherei, Schweißerei hatten wir fachkundige Arbeiter und Arbeiten gesehen. Allerdings waren die Propellerwellen baumdick und die Propeller von der Größe eines Kleinwagens. Mit dem cutless bearing könnte er uns helfen, aber es gab keinen Mechaniker: alle Fischereiflotten beschäftigten ihre eigenen Mechaniker. Und die befassten sich mit einem Schiffsdiesel erst ab acht Zylinder.
Im Lager einer der Flottenwerkstätten half uns ein superfreundlicher Lagermeister, telefonierte herum, passte uns später im Café (Cafetería Vacamonte) ab und machte uns mit einem jungen Mechaniker bekannt, der sich am nächsten Morgen ab sechs (ab acht musste er arbeiten) um uns kümmert würde.

Panamá-Panorama

Nachmittags Ausflug (Taxi, Bus, Taxi) in die Stadt, an der Einfahrt des Kanals sollte es eine Marina (»Muelle Diablo«) geben, von wo aus oft Yachten zu Astillero Nacional kämen, so Ingeniero Alejandro. Dabei kennengelernt: Raoul, der uns seinen Bootsanhänger leihen will, Lupe, der uns eine Auflage dafür bauen will. Und den Manager des (privaten) Yachtclubs, der seinen Chef fragen will, ob wir über die dortige Rampe die ELLI aus dem Wasser ziehen können. Sehe ich zwar noch nicht, aber alle Vorbereitungen laufen; dazu hoffentlich mehr an einem anderen Tag.)

Warten auf Mechaniker.

Klar, dass ich ab fünf den Motorraum und den Zugang von der Achterkajüte freigeräumt hatte. Um halb acht kam der Mechaniker, er konnte zwar selbst nicht, hatte aber einen Freund, (ebenfalls) Supermechaniker, an der Hand, der um zwölf kommen könnte. Sollte er ihn anrufen? Mir war alles recht.
Um kurz nach zwölf, beim Mittagessen, kam ein Unbekannter zu uns an den Tisch (wir waren das einzige Segelboot im Hafen, die einzigen Menschen mit heller Haut und ohne Gummi- oder schwerlederne Seestiefel): bei unserem Boot warte ein Mechaniker!
Hetze zur ELIZABETH, tatsächlich war Rigo pünktlich wie die Uhr, hatte sogar Werkzeug und einen Helfer dabei und innerhalb weniger Minuten den Schaden beurteilt: Der Ölverlust lag bloß an einer verrutschten Gummidichtung am Ölfilter, der Getriebeschaden war wahrscheinlich ein Kupplungsschaden. Um den zu beheben musste aber der Motor ausgebaut werden. Tatkräftig hatte Rigo einen Deckel des Schalthebels am Getriebe abmontiert, aber keinen Fehler gefunden, Ich hatte dafür die Bedienungsanleitung des Getriebes aufgetan, in der zu ebendiesem Deckel eine Warnung fettgedruckt stand: »Diesen Deckel (siehe Zeichnung) NICHT öffnen! Justierung NUR durch Fachpersonal!« Aber Rigo machte einen echt professionellen Eindruck und galt mit Sicherheit als Fachpersonal. Gestern Abend dann noch Strand/Kai-Spaziergang, an der Hafeneinfahrt lagen chinesische Fischkutter mit ostasiatischer Besatzung, die im Hafenbecken angelten (Kugelfisch in den letzten Atemzügen. Beim Rückweg nicht einmal mehr zur Kugel aufgeblasen). Daneben ein Riesenfrachter mit merkwürdig flache Heckrampe, vielleicht ein Kabelleger. Zwar schwimmend, aber in völlig verrottetem Zustand. »Seelenverkäufer, wie aus einem Siegfried-Lenz-Roman «, sagte Odysse. Dabei sahen die Schiffe mit chinesischen Namen und glücksbringende Bemalungen noch besser in Schuss als die übrigen Kutter im Hafen.

Hektik im Hafenbüro

Heute früh noch einmal gefrühstückt (Restaurant Vacamonte),  es gab Rührei (war gestern alle), dafür war das Restaurant (zwar offen, aber) abgeschlossen (der Typ mit dem Schlüssel sei heute nicht erschienen), beim Torre de Control abgemeldet (Gute-Fahrt-Wünsche) und unter Segeln abgelegt. Mit frischem, fast perfektem Wind in drei Stunden bis vor die Marina-Einfahrt gepest und mit per Funk angeforderter Schlepphilfe (ein Boot vorne zum Ziehen, eins hinten zum Bremsen) um elf Uhr festgemacht. Inzwischen hat sich der Travellift/Reparaturbetrieb der Marina schon per Email mit der Abfrage meiner Reparaturwünsche gemeldet: Es gibt Hoffnung.

Im Bankendistrikt. Foto: Odysse

44. Golfo de San Miguel

Adios, la Palma

Rosenmontag, 12.02. Rio Iglesias (ein Nebenfluss des Rio Sabana). Der Flussarm ist kaum fünfzig Meter breit, wir liegen zwischen Mangroven, aus dem Dschungel dahinter krächzen Vögel, ansonsten himmlische Stille. Der Ankerplatz ist paradiesisch. Ab und zu tuckert ein Einbaum vorbei, eine Meile den Fluss hinauf ist ein Umschlagplatz mit vielen Autos und einem Green Warehouse, wo man von der Straße auf die Lanchas, die Wassertaxis umsteigen kann. Aber außer ab und zu Lastwagengebrumm aus der Ferne (die Panamericana endet ganz in der Nähe) ist hier nichts zu hören. Das war letzte Nacht anders: Dieselgeneratorenbrummen, Musikfetzen (vor allem die Bässe!) La Palma war kein angenehmer Ort. Diskos, Casino, Hotel, Badeanstalt, Supermärkte, Trinkgelegenheiten. Die Hauptstadt des Darién zeigt starke Mitlitär-und Polizeipräsenz. Aber am Karnevalssonntag vor allem einen abgesperrten Bereich der Hauptgasse, der bauchdröhnend beschallt wird und als Wasserschlachtarena dient (eine Hahnenkampfarena gibt es auch an der Hauptstraße). Hat mich ein wenig mürbe und niedergeschlagen gemacht. So oder ähnlich müssen die Westernstädte zur Zeit des Goldrauschs ausgesehen haben. Alkohol, Glücksspiel, Hahnenkämpfe und Mädels. La Palma hat uns jedenfalls nicht gefallen.

Tunela (oder so ähnlich)

Am Donnerstag, 8.2. Weiberfastnacht, sind wir noch eine Nacht in Pearl Island Marina geblieben, haben nochmal zu Abend gegessen. Ein Dinghy-Ausflug zu einer Landhütte, wo anlanden (und in den Ort spazieren) möglich schien, war ein Fehlschlag: wir befanden uns noch immer auf dem Privatgelände des BeachClubs. Und konnten das DInghy dort nicht lassen, nicht anlanden, gar nichts. Außerdem war das Meer zu unruhig, choppy und die Welle zu steil und der Wind zu heftig, also sind wir zurück in die Marina (und ich war froh, dass wir heil ankamen).
Freitag früh los. Ableger bei starkem Wind, rückwärts aus der Gasse, fast wieder quer zwischen den Fingerstegen, aber ging gut. Rüber nach Isla del Rey, die größte der Las Perlas. Bewegte Überfahrt, Wind und Wellen, und das Dinghy (mit Motor!) geschleppt, sehr unseemännisch. In kleiner Bucht am Südende haben wir geankert. Eine Militärpatrouille kurvt um uns rum. Fischer fragen nach Softdrinks, bekommen sie und schenken uns dafür einen Fisch Tunela: sehr sehr lecker. Odysse hat ihn sauber ausgenommen, war gar nicht so groß, die Sauerei im Cockpit. Aber: der Fisch war so frisch, dass er noch Leichenstarre hatte, man konnte den Bauchlappen nicht aufklappen, sondern musste ihn aufbrechen. Dazu Kartoffel-Möhrengemüse.

Samstag sehr früh (07:00) los, Motor verstaut, wir hatten eine lange Überfahrt vor: 34 nm zum Festland, nach Darién, dem bergigen Dschungelgebiet an der Grenze zu Kolumbien, das der Panamerican Highway nicht quert. Viel Wind, viel Welle, zwischendurch gerefft, mit Strom von hinten und (hoch) am Wind bis zu 6 kn gemacht und früher als geplant, schon um vier, an unserem Ankerplatz angekommen. »Punkt A« nennt unser Führer Schwalbe Zydler & Zydler: Panama Guide diesen Ort inmitten des Golfs von San Miguel, der augenscheinlich mitten im Meer, tatsächlich aber auf nur drei Meter Tiefe vor/hinter der Insel Isla Iguana liegt und sicher auch oft genug geschützt ist vor der Welle aus dem Pazifik. Wir hatten leider Nordwind und eine nervig schaukelige Nacht. Zwischendurch war ich so aggressiv, dass ich hätte brüllen mögen. Wusste nur nicht, gegen wen. Am Sonntag dann ewig lange Motorfahrt (z.T. englisch, mit steif gespannter Genua) quer über den Golf, in die Mündung zweier Flüsse, Boca Grande. Durch Strudel und emporquellendes Wasser, zwischen treibendem Laub und Baumstämmen hindurch, durch eine nervenzerfetzende Abkürzung mit »Stromschnellchen« und »Untiefen« bis vor die Hauptstadt der Dschungelregion Darién, La Palma, 4500 Bewohner.

LIZ vor la Palma – quer zur Strömung
Tinseltown
Gasse in La Palma. Foto: Odysse

Schon vom Fluss aus (hier sicher einen Kilometer breit) flackern einem die Disco-Lichter und dröht einem der zugehörige Bass entgegen. Hinter der Ansiedlung eine Art Bucht, Fischerhäuser auf Stelzen am Ufer, dort ist unser Ankerplatz. Ebbe und Flut, Tiefe, die sich wie von Geisterhand ändert, Strömungen flußauf- und flußabwärts, je nach Tide: eine vernünftige Ankermöglichkeit hab ich nicht rausgekriegt. Bug- und Heckanker hat nicht funktioniert, als wir zurückkamen lag die ELLI quer zur Strömung (und der Fluss war so stark gestiegen, dass die Festmachreleinen des Dinghys unter Wasser lagen!). Zufallslösung: Wenn man die Leinen/Ketten beider Anker am Bug vereinigt und das Boot mittels Ruder auf den Fluss hinaus steuert, stehen zwar die Halteleinen/ketten seitlich (zum Ufer) vom Boot ab und vibrieren vor Strom, aber das Boot hält genug Abstand vom Ufer, um vernünftigen Tiefgang zu garantieren. Bei Tidenwechsel selbstverständlich umsteuern!

Aufgestelzte Häuser (5m Tidenhub!) bei La Palma

Rosenmontag, 12. Mit der kommenden Flut (11:56h) losfahren wollen. Ab zehn hab ich mich um die Anker gekümmert, wurde tatsächlich schwer. Der zweite (Bruce-) Anker ließ sich partout nicht ausbrechen, stand unter heftigem Zug, selbst als er schon fast an Bord kommen sollte: er hatte sich in der (straff gespannten) Kette eines anderen (meines anderen???) Ankers eingehängt. Odysse hat die Kette hochgezogen, ich versucht, den Anker darunter hervorzuholen, war nicht zu machen. Also zweiten (ersten, Haupt-) Anker gehoben, kam die blöde Kette wieder hoch und verhakte sich am Snubber, der Zusatzleine, die mit einem Gummipuffer parallel zu den letzten Metern Kette gespannt ist und Kette und Ankerspill entlasten soll. Chaos. Irgendwann ging dann doch alles klar, beide Anker, sämtliche Ketten und Taue an Bord. Und eine Riesensauerei metallischgrauer Schlick, der in der Hitze zu betonharten Krusten trocknet.

Ein Marienbild? Ein Fliegenpilz?

Jetzt, um vier, ist die Flut hereingeströmt und wir machen uns auf Richtung Quimba/Las  Iglesias, einem Örtchen eine halbe Stunde Fußmarsch flussaufwärts. Mal sehen.

Ein Platz für den Sommer?

Das Dinghy landen wir an einem Boatyard, ein japanischstämmiger Bootsbauer und Besitzer des Geländes werkelt dort, hat auch Zeit für einen Schwatz. Ob ich wohl die ELLI dort ein paar Monate stehen lassen kann? Sein Kran kann nur 4 Tonnen, zu wenig für die dicke Alte. Vor seinem Grundstück verläuft eine fantastisch ausgebaute Straße, hügelan, hügelab zwischen Finkas mit Bananenplantagen und Rinderfarmen (mit Verladerampen – für Vieh). Vor uns eine Trinkgesellschaft zu Fuß, eine bleibt zurück und tapert hinterher, ist aber nicht langsamer, wir holen sie auch erst kurz vor dem Ort ein.

Las Iglesias sieht amerikanisch aus, einzeln stehende Häuser, oft von der Straße zurückgesetzt. Es gibt Läden und Trinkhallen, auch einen Gemüsestand. Zigaretten und Bier soll es in La Cantina geben, nach der Schule rechts. Die Schule sieht gepflegt aus, weißblauer Zaun, Spielgeräte im Hof, alles geschlossen – Rosenmontag ist auch hier Feiertag, wie auch der Dienstag. Die Cantina hätten wir alleine nicht gefunden, eine anonyme Bretterbude. Aber ein redseliger Trinker/Philosoph dröhnt sich davor mit Rum zu und ist mehr als gesprächig, ruft den Wirt heraus, der uns Biere bringt. Zugaretten besorgt uns sein Kumpel, wahrscheinlich aus Privatvorrat; und zu essen gebe es auch. Die zweite Seite des Gemüsestands ist auch Restaurant, abgeranzte Tische mit zerfetzten Plastikdecken, macht aber einen freundlichen Eindruck. Was es gibt? Tortillas und gebratene Chorizo. Bestellen wir. Biertrinken und Rauchen in der Cantina, und reden. Der Fußmarsch über die Berge von Kolumbien dauere drei Tage (und zwei Nächte), es gebe oft Räubereien und sogar Mord und Totschlag. Viele Migranten seien mit Frauen und sogar Kindern unterwegs. Grausame Schicksale. Oder: ganz in der Nähe gebe es eine Lagune, Süßwasser, wo uns der jüngere gerne hinführen würde, jederzeit.

Die Busse von Panamá nach La Palma verkehren bis zur Rampe am Fluß (Green Warehouse), an der wir vorbeigefahren sind. (von La Palma nach Kolumbien geht es mit der Lancha/Motorboot Mo, Mi, Fr, in zwei Stunden zum ersten Hafen, in vier zur Bahia Solana (To-do-list: Checken, ob es von dort eine Busverbindung ins Landesinnere gibt!). Las Iglesias, das im Führer als nice, clean beezeichne wird, hat Straßenanbindung. Das macht allen Unterschied. Nach dem Essen (Tortilla tiefgefroren vom Convenience-Truck, Wurst okay, gibtaber weder Senf, noch Ketchup, noch Mayo) Rückweg in die Nacht zum Yachtbauer. Seine Hunde verbellen uns, aber alles geht gut. In der Mondsichelnacht (drei Tage nach Neumond) ist die ELLI kaum auszumachen, erst als wir schon fast da sind, taucht sie aus dem Dunkel auf – große Erleichterung. Die kleine Insel, hinter der wir ankern, ist ein Vogelparadies, alle Bäume leuchten vor weißem Gefieder. Auf dem Schiff: Stille, die die Ohren klingeln lässt. Dschungelgeräusche.

Brüllaffen klingen wie startende Düsenjäger

Am nächsten Morgen hab ich sie auf Video aufgenommen, vielleicht sind sogar die Brüllaffen zu hören, hoffentlich. Inzwischen herrscht Flut, am Ufer ist kein Streifen Morast mehr zu sehen, am gestrigen Nachmittag lagen wir inmitten von Schlammkegeln, heute mitten im Fluss. Odysse steht um Mitternacht auf, um zu checken, ob wir auch nicht aufsetzen (Wassertiefe laut Echolot 70 cm, bei 1,55 m Tiefgang). Wurde aber alles nicht so heiß gegessen. Heute früh um 06:00 aufgestanden, Frühstart wegen der Flut, die ab Viertal nach sechs ablaufen soll. Ging tatsächlich gegen sieben los, nur kalte Tortilla zum Frühstück. Ausfahrt aus dem unberührt wirkenden Fluss traumhaft. Vogelkreischen, Froschquaken, Brüllaffen nur in der Morgendämmreung. Anker unfassbar vermulcht, zäher, betongrauer Schlamm, der auch fast so schlimm härtet. Nach vier Biegungen (bei Flut keinerlei Stress, Tiefe immer über zehn, bis zu 19 m) treihen wir den Rio Sabenas hinab, den breiten Fluss, der sich mit dem Rio Tiuro verbindet und im Boca Grande in die Bucht von San Miguel ausläuft. Frühstück (Toast, Marmelade) beim Treibenlassen mitten im Fluss. Sehr leise. Später starten wir einen Segelversuch. Odysse schafft tatsächlich die 2,6 kn, die wir unter Motor (1400 u/min) vorwärts gekommen sind. Zusätzlich schieben bis über 5 kn Tidenstrom, sodass wir über Grund mit bis zu 8 kn jagen. Baumstämme und Laub und Müll in Strudeln auf dem Weg.
Hinter la Palma nehmen wir diesmal die ganze Flussbiegung mit und nicht die Abkürzung. Wind schläft ein, noch mehr Baumstämme und Biomüll im Wasser. Die Spanische Festung, die sich auf der riesigen Insel in der Flussbiegung befinden soll, können wir nicht ausmachen. (Von der Halbinsel am Rio Sabenas aus soll Bilboa (zweispitziger Lederhelm wie der Mann mit dem Goldhelm), der als erster Europäer die Landenge Panamás überquert hat, den Pazifik „entdeckt“ haben.) Odysse steuert, ich döse fast bis zu unserem Tagesziel: Punta Allegre. Schon draußen, beim Ankerplatzsuchen, weist uns ein Fischer im Einbaum ein: Victor. Und verabredet sich mit uns für einen Ausflug nach Mogue, zu den Emberá für den nächsten Tag. Außerdem bezahlen wir ihm heute an der Tanke den Sprit. Dann kommen acht Jungs im Fischerboot vorbei. Wollen Quatschen und uns Hummer oder anderen Fisch verkaufen. Mögen wir nicht. Wir sehen uns gleich im Dorf!

Hummer gefällig?

Ging aber anders aus als erwartet. Kaum ziehen wir das Dinghy auf den (hohen: Flut!) Strand, erwartet uns der erste, Xavier. Führt uns zum »Fischmarkt«, wo sie ihren Fang in die Tiefkühltruhe räumen. Und uns zwei Pfund Hummer verkaufen. Die werden im Restaurant für uns zubereitet werden. Wir warten solange in der Dorfbar, Odysse gibt Xavier und Manuel (und jedem, der da ist) Bier aus. Ich rauche. Das mit dem Esse zieht sich. Schaue ich mich im Ort um. Ein Fischer flickt sein Netz, Kinder spielen, Frauen sitzen im Schatten auf einer Art Veranda. Es gibt nur ein betoniertes Trottoir, sonst alles Sand. Bretterhütten, eine ist die Bar, eine die Disko, eine sicher auch der Lebensmittelladen, auf den wir gehofft hatten. Nach einer Stunde ist Essenzeit. Manuels Mutter (Victors Tochter) bringt uns vier kleine Hummer, rosaorange gekocht. Und zeigt uns, wie man sie knackt und isst. Sie selbst kriegt auch das Fleisch aus den Beinchen und sogar aus den Scheren heraus. Ich nicht. Stellen wir uns sicher ungeschickt an. Lassen sie uns aber nicht spüren.

Zwei von Victors Töchtern (links) und andere Schönheiten

Drei Heiratsanträge hab ich in der Bar bekommen (Victors zwei andere Töchter sind schon etwas beschickert, in der Disco gewesen. Odysse ist Zielperson einer Tanzenden mit augefahrenem Dekollete, zeigt sich aber unbedarft: „Mein Spanisch ist ein Katastrophe“).
Xavier  bemüht sich um Konversation, findet aber nicht viele Themen. Ein paar kleine, erste Hummer, Langustino, sind schon rosa und fertig, wir bekommen sie von der Köchin gebracht und gezeigt, wie man sie aufmacht (den Darm entfernt) und wie man sie isst: Wir essen alles. »Se come todo.«
Endlich ist das Essen fertig, wir gehen – auf den Balkon eines Privathauses und bekommen eine Glasform mit vier Pfund Hummer und Papitos (Kochbananenpuffern) serviert. Besteck ist nicht vorgesehen. Unter den Augen aller acht Jungs (und ihrer Freunde) machen wir uns darüber her. Der erste Hummer meines Lebens. Superlecker. Aber den Kopf mit seinem wabbeligen Inhalt auszusaugen, bringe ich nicht. Aber selbst wenn wir nur die Schwänze essen, werden wir satt. Bei der Bezahlung tun sie sich schwer. Ein lauter Wortführer, der immer wieder ins Englische fällt, hat für den Hummer 16 bekommen. Der Koch (einer der Jungs) ist mit seinen 5, dann 10 unzufrieden. Aber vor allem, weil der Wortführer seine vier Restdollar nicht rausrückt. Dann Tanken mit Victor, drei Gallonen (15 Liter) für 13,50 Dollar. Die Tankstelle ist zufällig genau unter der Terrasse, auf der wir aßen. Dann Dorfrundgang. Der aber nicht stattfindet, weil wir lieber wegwollen. Xavier und Manuel (Victors Enkel) bleiben zurück.

Flechtwerkverkäuferin mit kleinem Bruder

Beim Dinghylosmachen bietet uns ein superschüchternes Mädchen (ihre/die ihrer Mutter) Flechtarbeit an. Zuckersüß, aber leider lehnen wir ab. Vielleicht finden wir die Kleine morgen nochmal.

Denn um 06:00 holt uns Victor am Boot ab, samt Wasser, Schwimmweste und Mitbringsel für die Emberá-Kinder (Schreib und Malzeug). Wird sicher spannend.  Abends in Punta Allegre (sic): Karneval auch hier. Wir liegen vor Anker, sicher hundert Meter vom Örtchen entfernt, aber der Salsa-Pop dröhnt bis hier herüber.

Kap der Hexe – verhextes Kap

Fr., 16.2., Playa del Merced, Punta Brujas [Bruchas]. Die gute Nachricht ist: Es ist paradiesisch schön hier, freundliches Dorf, sauber und ordentlich, aufgeschlossene fleißige Menschen, unser Ankerplatz liegt mitten in einem schmalen Fluss (keine zehn Meter auf jeder Seite) ist tidensicher und traumhaft schön (Dschungel, Brüllaffen, ein vorwitziger Reiher, der dauernd aufs Schiff kommt und mit Rangehen, Winken, Schimpfen kaum zu vertreiben ist). Die schlechte Nachricht ist: wir haben keinen Antrieb. Die Maschine läuft (hat aber fast kein Öl mehr), überträgt jedoch keine Kraft auf Getriebe und Propeller: Getriebe- oder Motorschaden. Morgen früh holt uns Oswaldo, Bootsbauer und Fischer ab, um uns wenigstens aus der Flussmündung und weit genug hinaus zu schleppen, dass wir segeln können.

Victor (hinten). Alle Skipperfotos: Odysse

Am Mittwochmorgen war Victor ((»Ich bin Victor. Schickt jeden (Touristen), der etwas in Punto Allegre braucht zu mir! Victor ist euer Mann.« Und das ist er tatsächlich, sein Enkel hat uns in Dorf geleitet (und sich von Odysse Bier ausgeben lassen, zwei seiner drei Töchter wollten ein Kind von mir (milchkaffebraune Haut), die dritte hat uns die Hummer gebracht), Victor also ist schon um halb sechs am Schiff und rügt uns, weil wir kein Ankerlicht ausgebracht hatten. Wir sind noch am Frühstücken und laden ihn ein. Dann geht es quer über die Bucht und einen anfangs breiten, später immer schmaleren und windungsreicheren Fluss hinauf, einmal auch durch eine kurvige, kaum Einbaumbreite Abkürzung. An einer Stelle versperrt uns ein quer im Wasser liegender Baum die Weiterfahrt, ist auch von Victor mit dem Spatenpaddel nicht zu bewegen.

Blockiert!

Glücklicherweise gibt es exakt an der Stelle ein kleines Altwasser, sodass wir doch noch weiterkommen. Mogue, das Embará-Dorf, liegt weit verstreut. Bei den ersten, palmdachbeschützen Hütten (auf Stelzen) kündigt Victor uns lautstark rufend an. Es spricht Embará, wie wir später erfahren werden. An der Anlegestelle ragt ein flachverwurzelter Baum über den Bach. Victor hat Schwierigkeiten, sein Boot zu verankern (seine Croqs drin vergessen), ich versuche ihm zu helfen und gleite auf den Wurzeln aus, hänge einen Meter über dem Wasser und sterbe vor Peinlichkeit: Ich habe als einziger ein Schwimmweste an (hat Victer empfohlen, Odysse hat seine vergessen) und stelle mir vor, wie die Indigenos sich totlachen über den blöden Gringo, der praktisch an Land in den Bach fällt, und dann explodiert auch noch seine Schwimmweste! Also eisern festgehalten, mich wieder auf den Baum gewuchtet, die Abschürfung am Unterarm tut lange nicht so weh wie verletzter Stolz, und die Situation geklärt. Und während der ganzen Zeit, kommentiert Odysse anerkennend, meine brennende Zigarette nicht aus der Hand gelassen.

Hinten: Die Wurzel allen Übels (hier beim Ablegen)

Ein Fußweg (betoniert) führt zum Dorf. Mogue, so heißt der Ort, ist, sagt unser Führer, auf Touristen eingestellt. Tatsächlich begrüßen uns El Dirigente, der Ortsvorsteher (wird alle fünf Jahre gewählt), der Kazike ( Häuptling, Heiler, aus Perlen geflochten Amtskette um den Hals, eher jung für sein Amt) und der Tourismusbeauftragte (Beanie, Sporthose). Erster Tagesordnungspunkt: Andenken kaufen (eine geschnitzte Schildkröte (Tortuga, Chichilló), geflochtene Bastteller/Topfuntersetzer, eine Halskette mit Perlenbehang.

Links: El Dirigente, Mitte hinten: der Tourismusbeauftragte, rechts: dicker Bauch

Zweiter Tagesordnungspunkt: Ansprache des Tourismusbeauftragten. Der Besuch kostet USD 10 Eintritt pro Kopf. Akzeptiert. Dann Ortsführung. Jede Familie wohnt in zwei nebeneinanderliegenden Häusern: Casa cultural, die traditionelle Palmdachhütte mit eingekerbten Baumstämmen als Leitern in den hochliegenden Aufenthaltsbereich (im Sommer in der Hitze kühler). Und Casa moderna (Holzgerüst, Blechdach, regendicht). Angebaut wird Banane, Yucca , Zucker (für Honig (??)), Kaffee (wurde gerade getrocknet, wird zum Rösten in die Hauptstadt gebracht; seit drei Jahren hat Mogue eine Straßenanbindung). Es gibt Schweine, Hühner (auch winzige, neugierige Küken, die an Croqs picken!), Ziegen (nicht gesehen) und Esel und Pferde. Und Kühe (nicht gesehen) füt Milch und Fleisch. Am Bach waschen Frauen und Mädchen Wäsche auf Steinen klopfend. Sehr pittoresk alles. Besuch beim Holzhauer/Instumentenbauer. Seine Söhne üben (Flöte, Trommel), um für die Touristen eine Band zusammenzustellen. Schnitzarbeiten, der US-Soldat trägt einen Helm wie Balboa, einer Art Schiffchen.

Waschtag

Exkurs: Ich sitze im Cockpit, während ich das schreibe. Und die Bremsen fressen mich auf! Heute Nacht gab es Mosquitos (Sirren) und Fledermäuse (in den Kabinen!) Ich hab nur den Flatterwindhauch gespürt, Odysse in der Vorderkabine hat seine Fledermaus sogar gesehen!))

Casa cultural

Das Gemeinschaftshaus für Versammlungen ist ein schlichtes Nutzgebäude, Blechdach, Holzbänke, ein langer Tisch für den Dirigente. Das Kulturhaus, Palmreetdach, ist leider beim letzten Sturm vor zwei Jahren zerstört worden und wartet auf seinen Wiederaufbau (»Dafür ist ein Komitee zuständig«). Dann ist die Führung zu Ende, weil Victor (der inzwischen seinen Sack leerverkauft und neu vollgekauft hat) und wir mit der Flut wieder hinausmüssen. Kiloweise Kochbananen und Yucca werden ihm aufs Boot geliefert. Weil inzwischen ein doppelt so großes Motoreinbaumkanu Victors Boot in der Flußmitte blockiert, muss einer der Helfer ins Wasser. Macht der ohne Mucken, klettert aufs Boot, holt es ans Ufer.

Anlegerprobleme
„Der Rücken von Odysse“

Rückfahrt ereignislos, aber im Video dokumentiert. LIZZY liegt noch immer brav vor Anker, als Victor uns zurückbringt. Und seine Kopflampe vom Morgen vergisst. Gehen wir sehr gerne noch einmal mit dem Dinghy ins Dorf, kaufen ein, trinken Limo mit Käsecräckern (lecker) und kaufen dem schüchternen Mädchen doch noch ihren Flechtteller ab. Rückfahrt zum Boot wegen a) Tidenstrom, b) Wind, c) Entfernung grenzwertig, Odysse schafft es aber, gerudert. Dann Dinghy-Abbau. Dauert von halb fünf bis Einbruch der Dunkelheit. Anstrengend und sehr nervig.

Flechtarbeiten

Am Donnerstag sind wir mit ablaufender Flut ankerauf gegenagen und aus der Bucht motort. Und leider auch fast den gesamten Tag (6 ½ h), weil partout kein Wind aufkommen wollte. »Heute einmal nur ein mittelschöner Tag,« kommentiere ich (weil wir uns sonst fast jeden Tag gesagt hatten, wie er schön er gewesen war, und das waren sie auch), was sich als folgenschwerer Fehler herausstellen sollte. Hab ich wohl das Karma gekränkt.

Denn: beim Einfahren in die Flussmündung, in der wir ankern wollen, sitzen wir plötzlich (eher: sanft) fest, im weichen, anthrazitgrauen Schlamm/Sand. Odysse kann Gas geben, so viel er will, er bekommt die ELLI nicht mehr frei. Werfen wir Anker, warten wir bis Flut kommt. Schwimmen wir an Land (da Dinghy aufbauen ist zu viel Nerv), drehen eine Runde durchs Dorf. Jugendliche folgen uns, bringen uns zum Bootsbauer (der Vater des einen), der zwar Fischerboote bis 50 Fuß baut, aber keine Möglichkeit sieht, unser Boot aus dem Wasser zu holen. Kaufen wir Kippen, Brot gibt es keines. Gehen wir bis zum anderen Ende des Ortes, auch eine Fluss(Bach-)mündung. Treibt einer der beiden Jungs (beide 13/14, aber der eine doppelt so groß wie der andere) einen Fußball auf. Und Odysse (Freizeitkicker) und die beiden Supertrickser liefern sich auf dem Fußballplatz ein Match. Sahen alle drei ziemlich professionell aus. Im Abendlicht zurück aufs Schiff, umankern. Jetzt ist es aufgeschwommen, aber Odysse kriegt es dennoch nicht in Bewegung, obwohl kaum Strom und so gut wie kein Wind herrschen. Werfe ich den Anker erneut, ein Dutzend Meter weiter die Mündung hinein. Seitlich kollidieren wir zwar fast mit einem dort festgemachten kleinen Fischerboot, bringen zur Sicherheit noch den zweiten Anker weiter ins Tiefe aus. Und liegen seither dort fest.