13. Plymouth

Und dann stirbt auch noch die Queen … Am Donnerstag (8.9.) um halb fünf zufällig (?) Radio eingeschaltet. Die BBC sendet auf allen Kanälen weltweit ein und dasselbe Programm: aktuelles Magazin zum Tod von Elizabeth II. Sie ist im Geschirr gestorben, zwei Tage zuvor hatte sie noch den alten Premierminister verabschiedet und die neue begrüßt (sie wollte dafür sogar noch nach London reisen!), nur einen Termin am Tag zuvor hatte sie auf Anraten ihrer Ärzte absagen lassen. Kaum Musik im Radio, nur Nachrichten und Erfahrungen, kurz nach halb vier ist die Nachricht durchgesickert, um sechs gibt es eine Ansprache der neuen Premierministerin, sie weiß auch schon den Namen des neuen Königs: Charles III. So wird das tagelang gehen, Berichte über alltägliche Begegnungen mit der Queen, aufmunternde Musik, Elton John hoch und runter (Hallo, Beate!). Ein Arbeiter aus Schottland berichtet, wie er einmal zwei Stunden zu Fuß zur Route des Königinnen-Trosses marschiert ist, und sich dann, als die Karosse vorbeifuhr, so tief verbeugte, dass er von der verehrten Königin rein gar nichts gesehen hat. Einer ihrer Sicherheitsleute berichtet von einer Wanderung in der Nähe von Schloss Balmoral (wo sie gestorben ist), zwei amerikanische Touristen strichen dort auch herum, trafen die freundliche alte Dame und wollten, dass sie ein Foto von ihnen macht, reichten der Queen das Handy … Der Wachmann ging dazwischen, übernahm die Kamera, und schoss das Foto – die Amis hatten die Queen in ihre Mitte genommen. Aber bis zum Weitergehen ein paar Minuten später keine Ahnung, nicht den blassesten Schimmer, wen sie da getroffen hatten … kaum waren die Amis weg, raunte die Queen zu ihrem Sicherheitsmann, sie wäre gerne Mäuschen („a fly on the wall“) wenn die Amerikaner zuhause ihre Fotos zeigten und irgendjemand erkannte, wen sie da in ihre Mitte genommen hatten. Humor scheint sie jedenfalls gehabt zu haben.

Draußen ist plötzlich alles still, kein Motordampferbrummen, kein Verkehrslärm, selbst die Möwen scheinen den Schnabel zu halten. Fehlte nur noch, dass auch die Tide zum Stillstand käme …

Kurz darauf weht die Flagge über der Marina auf Halbmast. Ich habe die courtesy flag noch oben. Was tun? Ist das ungehörig? Außerdem ist eh die falsche Flagge, die britischen Seeleute fahren nicht den Union Jack, sondern „The Ensign“, eine dunkelrote Flagge, die den Union Jack nur im oberen linken Quadranten zeigt. Hole ich meine falsche Flagge ein. Axel ruft an, ob ich die Neuigkeit schon mitbekommen hätte? Auch in Deutschland läuft anscheinend eine Sonderendung über den Tod der Königin. Gut ist, dass nicht nur ich, sondern fast ganz Großbritannien nicht weiß, wie man sich beim Tod einer Monarchin zu verhalten hat, es war einfach zu lange her … Morgens hat Uli angerufen und mir ins Gewissen geredet, ich solle mir für die Biskaya doch einen Skipper anheuern, die Freunde hätten sich Gedanken gemacht, Uli würde auch Geld beisteuern, wenn es daran scheitern sollte … Freunde sind Gold. AM nächsten Tag frage ich in der Marina, am Freitag Abend auch Gareth und Lisa. Sie sind für das Wochenende nach Plymouth gekommen, um die Lorelia heimzuholen.

Samstag Mittag (10.09.) geht es los, es herrscht wenig Wind, wir schaffen es nur bis Salcombe, ehemaliges Fischerdorf am tief eingeschnittenen Flusstal, heute der Ort mit den höchsten Grundstückspreisen in ganz Devon. Der Hafenmeister weist uns eine Boje weit oben im Fluss zu, ein Wassertaxi bringt (die Hunde zum Gassigehen und) uns zum Hafen, Abendessen im Pub und Billiard. Hat Spaß gemacht (mindestens dreißig Jahre nicht mehr gespielt, Gareth zieht Lisa und mich nach Strich und Faden ab). Hätte ich unseren Hochzeitstag nicht verschwitzt, wäre das die angemessene Feier gewesen …

Sonntag um halb eins (die Kinder und Hunde auf der Lorelia schlafen lang) losgemacht und rausgetuckert. Draußen stehen Wind und Strom so ungünstig, dass wir es nicht einmal straks nach Süden schaffen (wir müssen nach Osten). Also von zwei bis halb sieben motort, gute Belastungsprobe für die alte Tucke. Läuft wie die eins. Motorsailing, beliebt bei den Briten: So tun als ob man segelt, aber die Maschine mitlaufen lassen. Video? (folgt hier:)

Um halb vier liegt Salcombe endlich wieder querab, um halb sieben festgemacht am Visitor Pontoon in Dartmouth. »It feels like coming home!« (Ulli Depp, nachdem er zum ersten Mal aus eigener Kraft hereingekommen ist – und nicht geschleppt. Wahrscheinlich war ich einfach zu lange hier.

Gareth kämpft, wie ich später erfahre, zwei Stunden mit seinen Mooringleinen, die anscheinend die Spannung der gesamten Yachtenreihe aushalten müssen, an denen die Schiffe aufgereiht hängen; außerdem sind Dinghy und Laser (kleines Segelboot) vom Regen der vergangenen Woche vollgelaufen. Ich warte jedenfalls vergeblich, gehe noch in den Pub. Betrunken sind die Briten mindestens so herzlich wie die Kölschen. Louis ist Sous-Chef in einem angesagten Restaurant und in Redelaune. Draußen telefoniere ich kurz mit Paula (»Wo bist du?« – Ich muss auf das Kneipenschild schauen, »Im Dolphin.« – »Ich weiß genau, wo du stehst, hinter dir ist die Markthalle und über die Straße die französische Konditorei!« – magisch und erhebend. Und romantisch. Seit sie in Dartmouth war, ist Paula meinem Projekt sehr viel näher.

Montag (12.9.) Nick (Elektroniker) telefoniert (nach Plymouth hat er es nicht geschafft). Er kann frühestens am Mittwoch gucken, ab Donnerstag ist er auf der Bootsmesse in Southhampton, für zehn Tage … scheiß drauf. Endlich die Motorbilge saubergemacht (Diesel, Wasser, Scheißjob) weil Gareth endlich mit den Treibstoffkabeln zufrieden ist und mich fahren lässt. Mittwoch will ich los.

Am Dienstag das Drehzahlmesserkabel repariert, um halb zwei holt Gareth mich ab, wir fahren die Zwillinge von der Schule abholen, Riesenauftrieb, alle SUV-Mütter stauen sich in dem kleinen Ort, um ihre Sprösslinge in Empfang zu nehmen. Gareths BMW mit der aufgeflexten Kühlerhaube (aus der der rot lackierte Torbolader hochsteht) ist das bei weitem lauteste. Das Zuhause der Familie in einer Reihenhaussiedlung der Gemeinde ist noch nicht ganz fertig renoviert, Gareth will die Böden abziehen, wird sicher schön. Lisa hat jedes Zimmer im Vollton gestrichen, das Schlafzimmer tiefscharz. Durch die weißen Tür- und Fensterrahm und weiß abgesetzte Decken (Stuckleiste auf 7/8) Höhe wirkt das sehr lebendig (»Ich hasse weiße Wände.«) Die Kinder zeigen ihre Zimmer, werden bespielt. Pünktlich um halb sechs Aufbruch zum Abendessen. Bantham Beach ist (nicht nur im Sommer) ein höchst populärer Strand, eine weite Bucht, die Mündung des Avon, ein unendlicher Sandstrand, eine vorgelagert Insel (mit Luxuhotel, Sea-Traktor, ein hochbeiniger Bulldog, der auch bei mittlerer Flut Hotelgäste zum Festland übersetzt). Vor allem ist der Strand aber für Lisa und Gareth mit Erinnerungen verbunden. Hier stand auf einer Weide direkt am Strand der Caravan von Lisas Großvater (und dessen Großvater), hier hat sie die Sommer ihrer Kindheit verbracht, diese Bucht war der Grund, warum sie nah Devon gezogen sind, in den Caravan, dort haben die Zwillinge ihre ersten Jahre erlebt, dort hat Badger Kaninchenjagd gelernt »A rabbit a day is the healthiest diet for a dog you can have.«. Wehmütige Stimmung. Außerdem ist Bantham ein mythischer Ort. Seit der Bronzezeit als Hafen genutzt (Artefakte (Handelswaren) aus ganz Europa), unter den Römern der wichtigste Hafen Britanniens, am Hang sind noch Ruinen einer römischen Villa (mit Fußbodenheizung) zu sehen. Außerdem gehen wir in den Pub (”the Stoop Inn“), wo Lisa jahrelang gekellnert und ihre beste Freundin Micha (Miehscha) kennengelernt hat. Die sollte dort heute arbeiten, bekam aber kurzfristig abgesagt. Und kommt trotzdem mit. Ein Energiebündel, wilde Locken, funkelnd Augen, ansteckendes Lachen – und sie hat schon alles über mich gehört. – Nur Gutes, hoffe ich? – Nein, schlreckliche Dinge!.

Lisa und Micha bekommen im Pub nicht nur den besten Tisch, sondern auch Mitarbeiterrabatt. Fischpastete (Fish Pie, mit Kartoffeln und Käse überbacken, Sticky Toffee Pudding mit Custard (Vanillesoße) – »The most typical britisch desert!« und, weil Micha und Lisa die Getränke übernehmen, troztdem das günstigste Abendessen bisher. Nach einem wunderschönen und bewegenden Strandspaziergang.

Lisa hat eine Überraschung für mich, ein selbstgemaltes Bild: »Set Sail to the Seas of Wonder.“ Peinlich, dass ich nichts für sie habe.

Nachts muss Gareth noch in die Werkstatt, ein Kunde wartet auf sein Auto, und setzt mich oben in Dartmouth ab.

Mittwoch früh um halb acht verdunkelt sich die Sonne, weil ein riesiges Kreuzfahrtschiff in den Dart einfährt: die it Maud von Hurtigrouten Explorer. Sie kann kaum wenden auf der Fläche oberhalb der Higher Ferry (die stillsteht) und ankert vor dem Stadtanleger mitten im Fluss.

11.30 abgefahren, vorher noch „red diesel“ vollgetankt. Um halb zwei Stanton Beach (Trainingsgelände für die Invasion der Normandie) passiert, um 14:00 stehen white horses vor Start Pont., eine Viertelstunde später Bantham passiert. Um sechs, eine Stunde motort, der Wind war eingeschlafen, wird es urplötzlich windig, die See kabbelig. Also kurzerhand in den Yealm River eingebogen. Geheimtipp: der zweite, obere Ponton ist weit weniger populär und voll (hat Morgensonne, der untere dafür Abendsonne, erklärt mir der Hafenmeister am nächsten Morgen, der mich mit an Land nimmt).

Zauberhafter Morgen am Donnerstag (15.9.) Wind und Fluss still und spiegelglatt. Vor den steil ansteigenden bewaldete Hügeln im satten Grün fühlt es sich an, als ob man im Blautopf ankerte. Eingekauft, Wassertaxi zurück zum Boot. 11:50 Abfahrt, eine Stunde gesegelt, aber der Wind kommt von vorn, 14:15 an in der Mayflower Marine, Plymouth.

Suchbild: Elizabeth in Plymouth

Lisas Bild im Salon aufgehängt, Zeit zum Lesen

Szczepan Twardoch: Das schwarze Königreich. Große und erhaben. Und schrecklich Über Juden in Pulen in beiden Kriegen, vor allem im Zweiten, im Ghetto, im Aufstand und nach der it Großaktion – dem massenhaften Abtransport nach Treblinka. Ganz großer Stoff, groß erzählt. Mitnehmend und erschütternd. Danke, Georg und Brigitte!

Auf der Yacht gegenüber arbeitet ein Elektroniker. Kurzerhand angesprochen, kommt er viertel nach vier herüber (»That’s the dryest Moody I have ever seen.«), schaut sich mein System an, kennt sich aus. „We‘ll get you on your way.« Bringt noch einen Kollegen mit, sie besprechen. Ist zwar wahrscheinlich die teuerste Chandlery unter den eh schon teuren Bootsbedarfsläden, aber ich brauche nicht zwei Wochen lang hinter irgendeinem Nick Bloomfield hertelefonieren, der zwar superfreundlich klingt, aber eben nie Zeit hat.

Am Freitag (16.9. gestern) kommt Darren (ich hab über Nacht die Bodenbretter rausgenommen und alle Kabel freigelegt) und macht sich ans Werk. Hievt mich auch zwei Mal in den Mast (»Eine Ein-Gang-Winsch? Du bist zu schwer. Ich kann dich nicht hieven, du musst klettern!« Am Ende zieht er mich hoch, indem er mit einer Hand ins senkrecht gespannte Fall greift), checkt alles, flickt alle Kabel, ich brauche einen neuen it Transducer (Echolot und Geschwindigkeitslog), repariert meinen Windanzeiger, zeigt mir, wie ich ihn montieren muss etc. pp. – Glückseeligkeit: Alle Instrumente funktionieren wieder. Im Überschwang bestelle ich gleich noch 30m Kette (Gareth hat am Vorabend (halb elf, ich hatte schon nicht mehr mit ihm gerechnet) den versprochenen Anker gebracht, ein Riesenmonster, 34 Pfund, siebzehn Kilo. Aber: Je schwerer der Anker, desto sicherer. Außerdem hat er noch eine Dieselleitung ausgetauscht und sich endgültig verabschiedet. Wehmütig.

Umd fünf ist die Rechnung fertig, Darren hat mir gnädigerweise nur vier Stunden aufgeschrieben, obwohl er fast den ganzen Tag hier war. Trotzdem 790 Eier (allein der Transducer waren 400, außerdem noch 480 für Kette, Schäkel und Bojengreiferautomatikarm. Geht meine Kreditkarte in die Knie.

Bis Abends Kette eingebracht, vermessen, gekennzeichnet, Anker montiert.

Zur Belohnung Abendessen im Wildwood, im angesagten neuen Ausgehviertel Royal William Yard. Pizza, Salat, Tiger Beer.

Nach dem Essen bringt die Bedienung das Kartenautomätchen. »The client.« – Hä? – »the client!« Klar bin ich der Kunde, aber was soll der Kunde machen? Da zeigt sie mir das Display und der Groschen fällt (größere Münzen wären eh nicht mehr drin): it declined. Meine Kreditkarte weigert sich.

Und nachts den letzten Rest Eifelwhisky (Danke, Wolfgang und Claire!) getrunken.

Heute morgen wieder Queen-Radio. Sechzehn Stunden beträgt die Wartezeit in der der Schlange, die bei St. Paul’s Cathedral anfängt, über die wobbly bridge zum London Eye und über die Westminster Bridge zurück zur Aufbahrung geht. Sehr zivil, gute Stimmung sei in der Schlage, machen haben die gesamte Nacht über gewartet. Erst in Westminster Hall sei die Stimmung sober and sombre. Dass die halbe City im Stau steckt bzw. gesperrt ist, versteht sich von selbst. Gestern abend noch Öl und Gareths alte Kette weggebracht. Und vier tadellose neu Festmacher (weiß, rote Punkte) gefunden, auf dem Müll. Die Elizabeth (plötzlich findet jeder den Namen des Schiffes schön!) bekommt ein neues Styling: Vier Festmacher in denselben Farben – sobald ich Zeit zum takeln finde … Heute früh letzte Blaubeermarmlade gegessen. War superlecker. Danke Doro! (Andere Doro). Tiden und Wind gecheckt, Kurs geplant: 250° geht es nach Falmouth.

Ü5 Mondüberglänzte Zaubernacht

Bis eins hat es gedauert, die Eingeweide der alten Else wieder zusammenzusetzen. Duschen , Einkaufen, Abspülen. Auf dem Weg zum Supermarkt: Mount Wise und das Scott Memorial, das den Polarforscher ehrt. Eine windgepeitsche geflügelte Victoria ist dabei, den Helden mit gleich zwei Lorbeerkränzen zu krönen. Held wurde Scott allerdings erst posthum. Prall vor Stolz und Selbstüberschätzung und ein Meister der Selbstvermarktung (in seinen Tagebüchern) »Wären wir zurückgekommen, hätte ich Geschichten erzählen können von Wagemut und Opferbereitschaft …« (auf die er allerdings angewiesen war, weil seine Pläne realitätsfern und überehrgeizig waren). Gute Story jedenfalls. Für den künftigen Helden war das Beste an Material und Ausrüstung gerade gut genug. Oder wie die Abenteurerweisheit der Zeitgenossen wusste:

»Willst du die beste Ausrüstung, fahr mit Scott.
Willst du erfolgreich sein, fahr mit Amundsen.
Willst du zurückkommen, fahr mit Shakleton (der bei seiner mindesten ebenso wagemutigen Expedition zum Südpol ungeheure Schwierigkeiten zu meistern hatte (für die er nichts konnte), zurückkam und keinen einzigen Mann verlor (Frauen waren nicht dabei). Scott jedenfalls war aus dem Holz, aus dem Helden gemacht werden. Muss man wollen.

Kurz vor 17:00 losgefahren, noch im Hafen das Hydrovane-Ruder eingesteckt (blöde Arbeit, geht leichter mit meinem neuen Gummizug-System, aber mir noch längst nicht leicht von der Hand). Schon vor dem Wellenbrecher im Hafen von Plymouth die Segel gesetzt und auf it einem Bug [ohne wenden, also den Bug durch den Wind drehen zu müssen] bis Falmouth geprescht. Der Wind stand ideal, NW 4 bis 5, in Böen 6 waren angesagt. Hoch (nicht hart) am Wind jagte die flotte Elsbeth behände übers Meer, in Rauschefahrt wie das Windspiel, das sie ja eigentlich auch ist. (Moodys haben den Ruf, bei wenig Wind lahm zu sein, aber mit viel Wind gut klarzukommen). Traumhafter Sonnenuntergang, laue Nacht (zu Anfang), wolkenloser Sternenhimmel. Lizzy machte mächtig Fahrt, in der Spitze 7 kn (12,5 km/h), im Durchschnitt über sechs Knoten! Entspricht fast 11 km/h oder einem gemächlichen Radfahrer. Aber die Elli braucht nie eine Pause und nichts zu futtern und fährt auch die Nacht durch. Geniales Gefühl. Gegen Mitternacht ging der Mond auf, fahl in seinem Hof, doch dann leuchtend gelb und schief hängend wie ein Orangenschnitz. Sehr romantisch.

Und dann strichen noch zwei Delphine (oder sehr große Tunfische, waren in der Dunkelheit nicht zu erkennen) ums Boot, tauchten planschend auf, zischten nur wenige Meter entfernt dem Schiff entlang (und jagten ihm locker davon), zogen im flachen Winkel seitlich weg und rasten gleich darauf wieder heran, unter den Rumpf, wahrscheinlich um den Ballastkiel herum. Warum ich das alle so genau beschreiben kann, wo es doch stockdunkel war (der Mond stand noch flach)? Weil sie sekundenlang grünlich fluoreszierende Spuren durchs Wasser zogen, konnte ich erst nicht glauben. Aber die Tauchspuren glänzten geistergrün, auch auf der Backbordseite, konnten also keine Reflexionen von den Navigationslichtern sein (die sind Bb rot). – Ein märchenhaft magischer Moment, eine verzauberte Viertelstunde. Genial, majestätisch, romantisch, umwerfend. Besser kann es nicht mehr werden. Ein 10er Tag (oder besser: eine 10er Nacht).

Auch weil: Gegen halb zwei wollte ich mich ein Stündchen hinlegen, auch um mich an den Schlaf-Wach-rhythmus zu gewöhnen. Ein letzter Kontrollblick auf Karte und Navigationsbildschirm – oha, wir sind nur noch 8,3 sm vom Ziel (auf dem Festland) entfernt! Bei 5,5 kn Fahrt krachen wir in anderthalb Stunden auf Fels! Wollen wir nicht schon wieder. Zwei starke Kaffees gekocht, wach geblieben. Halbe Stunde später lässt der Wind nach, mit nur noch 3 kn nähern wir uns Falmouth. Erste nächtliche Annäherung an einen unbekannte Hafen für mich. Will man vorsichtig angehen. Und wie wir in der Hafeneinfahrt stehen, schläft der Wind kompett ein! Fantastisch! In aller Ruhe kann ich die Segel streichen, die Fender raushängen, die Festmacherleinen klarlegen. Und dann mit meinem superzuverlässigen Motor gemütlich (1800 U/min, 3,2 kn, später 1000 U/min, wird das Boot so langsam, dass die Navi-Software aussetzt). Laut Karte muss ich durch ein Feld von vor Anker oder Bojen liegenden Yachten, geisterhaft tauchen sie aus der Dunkelheit auf. Zum Glück reflektieren die Lichter der Stadt (auch) genau vor mir und ich kann das Wasser spiegeln sehen. Außerdem sind die Seitenmarkierungen (Bojen) des Fahrwassers beleuchtet und blinken mich freundlich herein. Die Falmouth Premier Marina antwortet nicht auf meinen Funkruf (inzwischen ist es halb drei), die Gasse zwischen den Yachten an ihren Schwimmstegen sieht eng aus. Was tun? Am Vorderende des Piers gibt es eine Tankstelle. Jetzt, mitten in der Nacht, arbeiten die nicht. Also mache ich prügelbreit am Tankanleger fest. Große Erleichterung, große Begeisterung. Was für eine Nacht! Höflichkeitshalber gehe ich die Stege landeinwärts zum Büro des Hafenmeisters, mal sehen, ob er Aushänge für Besucher angeschlagen hat. Kommt da ein Typ raus, Wachmann. Er habe mich gehört, auch auf meinen Funkruf reagiert. Er ist superfroh über die Abwechslung und erzählt mir bei einer Zigarette (die war der Hauptgrund, warum ich mich von der Tankstelle entfernen wollte) sein Leben: wohnt auf seiner Motoryacht, 50 Jahre alt (das Schiff) selbst renoviert, hier im Hafen (zeigt mir ein kunstvoll musikunterlegtes Video der Inneneinrichtung), hat eine kranke Frau im Pflegeheim, wird sich gleich einen einschenken etc. Ihm ist langweilig, die Nachtwache zieht sich. Nur: Liegeplatz gibt es keinen, die Marina ist rappelvoll belegt, alles Dauermieter. Soll ich bis zum Morgen warten.

Morgens (drei Stunden geschlafen, ich will früh im Marinabüro sein und einen guten Eindruck machen) kommt die Tagwache. Sie haben tatsächlich keinen Platz, um neun macht die Tankszelle auf, dann muss ich weg sein. Superfreundlich dabei und herzlich, it cheers!

Andere Marina angerufen, Boot umgesetzt, um 10:30 bin ich wieder an Land. Großes Frühstück, Obst und Gemüse und Säfte kaufen, (Bastelladen Torga o.s.ä. entdeckt, Häkchen für Kojensegel gekauft, telefoniert, geduscht, diesen Blog geschrieben – ist der Sonntag auch vorbei. Morgen ist die Beerdigung der Queen. Ihr zu Ehren gehe ich gleich einen heben. Alles Bestens eben. Geht nicht besser. Jetzt nur nicht übermütig werden! Oder gar, Scott bewahre, selbstüberschätzend!

BEM: In Falmouth ist schlechtes WiFi, deshalb diesmal keine Fotos, liefe ich nach.

10. Ab Portsmouth

Durch den Solent
Gunwharf Quays, Portsmouth

Jaab legt um 10:30 ab, ich eine Viertelstunde später (Wir lagen im Päckchen [das zweite Boot macht nicht am Steg, sondern an einem Boot fest, das am Steg liegt], ging nicht gleichzeitig). Übler Seitenwind, war aber mit einer zusätzlichen Leine zu machen. Im Hafen und vor allem draußen ist die Hölle los.

Solent, leer

Das berühmteste Segelrevier der Welt ist auch eins der belebtesten. Yachten in alle Richtungen bis zum Horizont (der nicht sehr weit ist, weil der Solent zwischen dem Festland und der Isle of Wight liegt – fast rundherum Land, das auch den Wind abhält bzw. schwächt. Dafür drehende Winde und Windstillen. Zumindest heute. Alle Boote legen sich mächtig auf die Backe, Wind bis Bf 6 (hat Jaab gemessen), keine Welle: perfekte Segelbedingungen, zwar bedeckt, aber trocken. Jaabs Strömungskalkulation haut auf den Punkt hin: der Tidenstrom schiebt uns mit mindestens 3 kn, die Bojen legen sich schräg an ihren Ketten, Eine hat sogar leise geklingelt (Glockenboje). Klar fahren alle mit Vollzeug, bei den perfekten Bedingungen. Bis auf mich. Weil ich reffen schwierig finde, wenn ich gleichzeitig steuern soll, fahre ich im zweiten Reff (also nur mit zwei Dritteln der Segelfläche) im Groß. Überholen mich eben alle, was solls. Aber ich fühl mich besser dabei. Ein entgegenkommendes Boot ruft sogar herüber, warum ich denn nicht das Segel hochziehe? Gelächter unter den jungen Frauen im anderen Boot. Aber ich bin eben ein fauler Segler.
Trotzdem komme ich, nach einigen Winddrehern und unfreiwilligen Wenden (Georgie scheint nicht seinen besten Tag zu haben) zügig voran. Mittags liegt der Ausgang des Solent vor mir, eine Engstelle (Festungen zu beiden Seiten) mit dem Needles Channel dahinter. Scheinbarer Wind 3 kn, Strom in dieselbe Richtung 3 kn – ich stehe im Wasser, auch wenn sich das Schiff über Grund bewegt. Weil der Needles Channel laut Handbuch besonders schwierige Strömungsverhältnisse aufweist (für größere Tanker ist er verboten), werfe ich den Motor an.

Needles sind die drei (vier) kleinen Felsen am linken Bildrand

Needles, drei einzeln stehende Reste der Kalkfelsen am westlichen Ende der Isle of Wight, sind unter Seglern legendär. Leider war ich zu weit weg, auf dem Selfie sind sie kaum zu erkennen.

… auch nicht besser zu erkennen.

Unmittelbar hinter der Engstelle und der zugehörigen Landzunge frischt der Wind deutlich auf, Auch nur unter Vorsegel (ist viel bequemer auszurollen als das Groß) mache ich fast 7 kn (sicher drei davon Strömung!) Dann kommt über Funk ein Mayday. Eine Yacht ist auf Grund gelaufen, nur etwa drei Meilen entfernt. Einen Wimpernschlag lang überlege ich, mich zu melden. Ich meine, ich kann die Yacht sehen, im Winkel zwischen Küste und Landzunge. Doch bald melden sich zwei starke Motoryachten, die auch weniger Tiefgang haben und kurz darauf sind eine ganze Reihe Schiffe am Ort der Havarie. Solent Coast Guard fragt nach den Umständen, der Anzahl der Personen, ob das Schiff Wasser zieht etc. Vier Stunden lang verfolge ich (und der gesamte Schiffsverkehr in der näheren (und weiteren: teilweise Stimmen aus Frankreich) Umgebung a) die Art der Havarie: die Yacht, zwei Meter Tiefgang, ist auf Sand gelaufen. Der Skipper fürchtet, bei ablaufender Flut in Schräglage zu geraten. Das erste Motorboot übergibt, in Absprache mit Solent CG, eine Leine, schafft es aber nicht, den Mayday-Kandidaten wegzubewegen. Inzwischen ist auch die Yarmouth Coast Guard unterwegs. Später fragen die für die Akten, wie es zur Havarie kam. Eine gravierende Fehlfunktion im Chartplotter war die Ursache. Und dann fährt man einfach auf eine Landzunge mit deutlich erkennbarem Sandstrand zu? Außerdem haben die es noch nicht einmal geschafft, die Segel herunterzunehmen. Nicht: absichtlich stehen gelassen, um Schräglage (und weniger Tiefgang) zu erzeugen, nein: die Segel schlagen zu sehr im Wind, deswegen kriegen die sie nicht runter. (Alles über Funk – selbstverständlich war ich zu weit weg, um das zu sehen.) Nach zwei Stunden stuft Solent CG den Vorfall zu Panpan (frz: Panne, Panne) herunter. Nach drei Stunden wartet Yarmouth Coast Guard, dass die Flut hoch genug steigt, damit das Schiff freikommt (dabei sollte doch eben noch fallendes Wasser drohen?) Nach vier Stunden ist der Unglücksrabe frei und kann seine Fahrt fortsetzen. Und zwar völlig kostenfrei. Und Solent CG cancelt die Panpan-Funkstille.

Nachmittags wird der Wind schwächer, dreht sich auch im Uhrzeigersinn (heißt, dass das Hoch über mir nach Osten zieht (wenn ich beim SKS richtig aufgepasst habe)).

Bournemouth

Im Abendlicht passiere ich Bournemouth. Viele schöne Erinnerungen. Als ich im Februar 2002 als Lehrer angefangen habe, schenkte Paula mir und uns (Lioba war anderthalb) eine Woche in England, in den Osterferien. Um mein Englisch aufzufrischen. Super Idee, eigentlich. Little did we know, dass in meinem neuen Job geschliffenes Englisch so ziemlich das letzte war, was ich brauchte. Im ersten Jahr habe ich eine Vorladung als Zeuge in einem Missbrauchsprozess bekommen (ich sollte dem Missbraucher ähnlich sehen), eine Rüge der Bezirksregierung kassiert (ich hatte in einem Brief an die Eltern der Klasse Klassenbucheinträge aufgelistet (also veröffentlicht), eine Anzeige wegen Nötigung (Freizeitdealer (Klasse 9) wollte seine  Quellen nicht nennen), eine dienstliche Anweisung der Schulleitung, eine Disziplinarmaßnahme (Ausschluss vom Unterricht für drei Tage) zurückzunehmen und ich soll gegenüber der Konrektorin den Satz gesagt haben: „Ich bin noch nie so gedemütigt worden, wie in diesem Job!“ Den hat sie noch Jahre später zitiert/zum Besten gegeben. (Schöne Grüße, Frau Borowski!) Andererseits habe ich auch in diesem ersten Jahr eine Creative writing-AG ins Leben gerufen, samt kopierter kleiner Broschüre mit von SchülerInnen-geschrieben Texten (Dialoge, Kurzgeschichten), auf die der Schulleiter noch lange stolz war (und vielleicht immer noch ist – Schöne Grüße, Herr Schwarz!) Wo war ich?

Bournemouth

Bournemouth. Superschöne Erinnerungen: schnuckeliges Bed&Breakfast mit köstlichem Tee (schwarz, auch für das Kleinkind – „Die vertragen das super!“), grandioses Abendessen im Restaurant des Strandhotels (der weiße Rundbau links unterhalb des Riesenrads – soll ich eine Lupe reichen?), Strandspaziergänge und eine eigene Badehütte am Meer (die weißen Kästchenreihe am linken Bildrand) inklusive zweier Liegestühle. Und zwei schlimme: Abendessen beim Asiaten, Lioba (1,5) wird übel, sie erbricht sich auf den Tisch, wir schaffen es gerade noch aus dem Laden, aber auf der Schwelle oder knapp daneben entleert sich das gesamte Kind (No connection with the tea, I presume?). War uns superpeinlich, aber die Asiatin lächelt freundlich dazu. Die andere Erinnerung ist noch viel schlimmer. Ich hatte mehrere Tage Verstopfung. Als ich endlich auf der Toilette eines kleinen Cafés zu Potte kam, gebar ich einen Stuhl von der Konsistenz (und Länge) eines Schlagzeugstocks. Oder eher: ein Prügel. Das Ding passte in kein Abflussrohr, schon gar nicht um die enge Krümmung. Mangels andere Werkzeuge (keine Klobürste!) rückte ich ihm mit einer zusammengefalteten Zeitung zuleibe. Keine Chance, der Prügel blieb stocksteif. Nach einer halben Stunde verließ ich den Ort der Peinlichkeit, Zeitung und Stuhl in der Schlüssel steckend zurücklassend. Und war gottfroh, dass draußen niemand wartete, ich muss sicher eine Dreiviertelstunde drin gewesen sein. Falls der Café-Besitzer (oder seine Reinemacheperson) dies lesen (es ist 20 Jahre her, aber ich bin felsenfest überzeugt, dass sie sich an den Betonstuhl erinnern): es tut mir furchtbar leid. Eigentlich tat es mir schon im Moment der Erleichterung furchtbar leid. Und: Ich schulde euch mindestens einen Drink, bitte melden!

Bournemouth – viele schwere Gedanken

 An Bournemouth bin ich jedenfalls mit gemischten Gefühlen vorbeigefahren. Dann kam schon die Einfahrt nach Poole, ohne Navi kaum zu finden und der Kanal durch den zweitgrößten Naturhafen der Welt (1. Platz: San Franzisko? Mein Google hat keine Lust), wo ich mich sogar mit Navi verfahren hab und die lange Strecke zur hintersten (von Jaab zurecht empfohlenen) Marina, dem Poole Quay Boat Haven. Liegt am Kai, Häuser sehen aus wie alte Fischerkneipen, könnte die Altstadt von Poole sein. Sehr hübsch und sehr praktisch jedenfalls. Erst verfahre ich mich noch in der Marina, doch dann klappt der Anleger (es war fast windstill) vorzüglich (und sah gut aus). An der Einfahrt des Hafens liegt wie selbstverständlich die Medallia, das Rennboot, mit dem Pip Hare (die kommt wohl aus Poole) bei der Vendée Globe mitgeheizt ist, gegenüber ist ein Tesco (Vorräte kaufen für die Tage vor Anker und Muringboje), weiter innen am Kai gibt es einen Chandler (CO2-Patrone für Rettungsweste) und eine Tankstelle (und ein Fischercafé, wo sie sicher gutes Frühstück machen). Alles perfekt also. Bis auf den Preis. Er fängt mit achtundvierzig an und hört mit Pfund auf.

Elli in Poole. Dahinter ein kleines Motorboot
Naja, doch eher riesengroß
Ein schöner Tag zum Segeln
Segelschule

Lizzy in der Bucht von Swanage. Dienstag, 31. Mai, 19:00h Sonnenuntergang über der Bay, am Himmel nur ein paar Wölkchen. Aber: Wind aus Südwest, genau mir auf die Nase (wie immer beim Ankern, aber für morgen sollte er drehen). Um mich herum tobt eine Segelschule, die Hälfte davon in RS Fevas, wie der Opi eine in Spanien liegen hat. Schöne Erinnerungen; überhaupt könnte das Leben recht schön sein, Motor läuft wieder, Funk ebenso. Nur den Tag gestern musste ich erst einmal verdauen …

Kein schöner Tag

Montag, 30. Mai. Hätte man schon morgens ahnen können, dass der Tag fies wird. Über Nacht haben mir Möven das Cockpit vollgeschissen. Also nicht randvoll, aber doch ein paar dicke Flatschen. Will ich mir den Schlauch holen, der neben meinem Liegeplatz seinen Hahn hat – ist der zum SuperdickMotorschiff Rahal (Rahel, Rachel: wahrscheinlich arabisch), direkt neben mir gelegt, die Besatzung braust und wienert das Schiff von oben bis unten. Sollen die mir Bescheid sagen, wenn sie fertig sind. Sicher, no worries. Erstmal zum Chandler, sein Assistent kennt sich aus mit Schwimmwesten, hatte jahrelang den Job, sie nachzuladen: genau der richtige Mann. Sie verkaufen mir auch die Patrone, weigern sich aber sie einzubauen – das dürften sie nicht. Außerdem beharrt der junge Mann darauf, dass die Salztablette [die sich bei Wasserkontakt auflöst und die Weste auslöst] verbraucht sei. Deswegen sei mir zwei Mal die neue Patrone aufgeblasen. Neuer Auslöser war beim Paket auch dabei. Also ich auf den Kai gegenüber vom Laden, Schwimmweste zusammengebaut und: funktioniert! Genial. Dann den Wasserschlauch für eine Viertelstunde geliehen, Cockpit gesäubert und Wassertank und -kanister nachgefüllt. War das in de Heen überhaupt eine gute Idee für deinen Rücken, Andrzej? Danke jedenfalls. Der Ableger klappt vorzüglich, obwohl nicht ganz einfach, bei Wind seitlich gegen den Steg, vor und hinter mir zwei Schlauchboote, die Gasse supereng. Aber souverän gemeistert, sah gut aus. Jetzt noch tanken, gehen wahrscheinlich nur vierzig Liter rein, aber die nächsten Tage werde ich vor Anker liegen (Worbarrow Bay, Dartmouth), also aufstocken (wie gestern auch im Tesco am Kai Vorräte eingekauft). Bloß: die Tankstelle akzeptiert meine Karten nicht (nur wenn man ein Konto beim Betreiber hat). Also unverrichteter Dinge wieder abgelegt. Nur klappt der Ableger ganz und gar nicht, ich komme nicht um die Kurve und werde unter die Klappbrücke gedrückt (eisern, 19. Jhdt, Industriedenkmal und eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt). Oberwant und Achterstag krachen gegen die Brücke, der Bug schiebt sich auf einen Holzpoller, der die Brückenpfeiler schützt: ich hab die Strömung (es ist steigendes Wasser) völlig übersehen, die mit sicher drei Knoten den Fluss hoch drückt. Eine Leine zum Holzpoller kann ich ausbringen und mich zumindest einen halben Meter ranziehen, aber die arme Lizzy hängt quer zur Strömung fast mitten im reißenden Strom, Oberwant und Achterstag scheuern an der stählernen Fußreling der seitlichen Fußgängerstege am Brückenrand. Wenn die Flut noch zunimmt, wird sie mich unter die Brücke drücken. Lektion 15: Vor dem Ablegen auf ALLES achten!

»Think, Think, think!«

Marco, Skipper aus Kroatien

Praktisch sofort kommen jede Menge hilfsbereiter oder sensationslüsterner Passanten, das halb unter der Brücke eingeklemmte Schiff sieht von oben sicher interessant aus … einer will die Coast Guard rufen. Gerne. Einer kommt mit dem Schlauchboot, versucht mich freizuschleppen, aber sein Motor ist viel zu schwach. Ich kann die Brückenunterseite und die Scheuerstelle am Oberwant erreichen, versuche ein Kissen dazwischenzuschieben – keine Chance, die Strömung presst mich viel zu stark dagegen. Zwei junge Briten mit einem starken Motorboot kommen, bleiben aber auf Rufweite. Sie wollen eine Leine quer über den Fluss spannen, um mich abzuhalten, Sehe ich nicht als realistisch an, soviel Kraft kann niemand aufbringen. Also hilft nur warten: anderthalb Stunden später wird die Tide kippen, dann hört die Strömung auf. Danke und bis später. Aber die beiden sind neugierig, bleiben in der Nähe, halten sich mit ihrem starken Motor locker rückwärts gegen den Strom auf der Stelle. Von oben steigt ein hilfsbereiter Passant herab, aber selbst zu zweit, ich auf dem Bugkorb sitzend, er auf der Holzverschalung und mit den Füßen schaffen wir es nicht, den Bug abzustoßen oder gegen den Strom zu bewegen. Inzwischen ist oben auch der Brückenwärter angekommen. Ihn interessiert allein, ob seine denkmalgeschützte Brücke etwas abbekommen hat. Ich beruhige ihn, aber er hört vor allem auf die beiden jungen Briten, die ihn ebenfalls beruhigen. Gute Leute. Tatsächlich erreicht die Flut um Viertel nach zwei ihren Höchststand, der Strom kommt zum Erliegen und die beiden Briten können mich mit meiner Mittelleine leicht (so wirkt es jedenfalls: superstarker Außenborder im Rückwärtsgang) freiziehen. Aufatmen. Beim Weg den Fluss hinab grüßen mich die Besatzungen der Superyachten (von denen es in Poole eine Menge zu geben scheint), die alle gerade saubermachen oder reparieren, überfreundlich: Mein Brückenklemmer war den ganzen Fluss hinauf schon von Weitem zu sehen, ich bin wieder Mal das Tagesgespräch. Aufatmen, als ich endlich aus dem Hafen und dem ewig langen Zufahrtskanal heraus bin. Draußen geht es gut ab, Wind sicher Bf 4 bis 5, die Yachten liegen alle auf der Backe. Ich rolle erstmal nur das Vorsegel aus, will zu einer wunderschönen und auffälligen Formation einzeln stehender Kalksteinsäulen vor der Küste, dort Hydrovane installieren und Segel hochziehen. Die Bilderbuchfelsen bilden allerdings gleichzeitig ein Kap, um das herum es zwar weniger Wind, dafür umso höhere Wellen gibt. Beim Einsetzen des Hartgummiruders, dazu muss ich jedes Mal wadentief ins Wasser die Badeleiter hinabsteigen, schaukelt das Schiff mich bis Oberschenkel nass (Gummistiefel reichen nur bis zur Waden hoch), außerdem einen Arm fast bis zum Ellbogen. Lektion 16: Hydrovane nur in absolut ruhigen Wassern aufbauen. Dann Segel hoch (dauert auch eine halbe Stunde bei dem Geschaukel) und los geht’s. Strahlend schönes Segeln, genau auf Kurs 180°, straks nach Süden, um die Halbinsel zwischen mir und meinem Tagesziel herum. Georgieboy steuert, einmal installiert, wie die eins. Starkwind und Sonnenschein … geht nicht besser. 18:00h: Als ich die Halbinsel klar passiert und schräg hinter mir (achterlicher als querab) habe, setze ich neuen Kurs auf die weiße Felsformation, die an die Worbarrow Bay grenzt, ihr Erkennungszeichen, und kann es direkt anlegen (hoch am Wind, aber das bin ich ja inzwischen gewöhnt): ein Traum. Dann schaue ich aufs Navi und muss erkennen, dass ich mal wieder die Strömung nicht bedacht habe. Der Bug zeigt zwar aufs Ziel, aber in Kombination mit der Tidenströmung habe ich Kurs genau auf die Küste der Halbinsel (Felsen, nur ein schmaler Streifen Niedrigwasser). Keine gute Perspektive. Also Motor angeschmissen, zusammen mit den Segeln bringt er mich auf 4 kn Fahrt in die Richtige Richtung. Dann fällt der Funk aus. Die Stille (kein andauernder AIS-Alarm) ist zwar erholsam, aber Kontakt zur Außenwelt wäre auch nicht schlecht. Dann fängt der Motor an zu schwächeln, verliert Drehzahl, fängt sich wieder und geht bald völlig aus. Stille (bis auf das Fauchen des Windes in Takelage und Mast).

Tja, ein neuer Plan muss her. Ohne Motor ist die Worbarrow Bay nicht zu erreichen. Mit Glück kann ich versuchen, an Land zu kommen, um nicht zurück zu den Needles Felsen (die am Horizont wunderschön und sehr vielversprechend leuchten) getrieben zu werden. Vorwindkurs der Küste entlang: entspanntes Abendsegeln, ein paar Jungs rufen von den Klippen zu mir herüber. Ein halbe Packung Schokokekse für die Nerven. Tabak hab ich zum Glück auf Vorrat gekauft. Die erste Bucht nach dem Kap sieht ruhig aus, Kies- oder Steingrund, keine einzige Yacht zu sehen. Trotzdem probiere ich schon einmal, ob ich ohne Wind hinein und nahe genug ans Land zum Ankern komme. Klappt. Die nächste Bucht, ein ausgewiesener Anker- und Bojenplatz, wartet hinter der nächsten Spitze (stets mit Leuchtturm): Swanage Bay. So dicht wie möglich ums Kap herum versuche ich einzubiegen, ich hab nur eine Chance, in die Bucht und zu einer Boje zu kommen. Die Bucht ist gut besucht, lauter moderne Yachten, vorbildlich mit Ankerlicht, entspannt beim (dritten?) Sundowner (inzwischen ist es 21:00 geworden und wird deutlich dunkel). Lautlos schleiche ich bei 0,1 bis 1,5 kn (also praktisch im Stehen) zwischen den Yachten hindurch, versuche abzuschätzen, wohin der leichte Wind mich drücken könnte (bei kaum Geschwindigkeit ist das Schiff auch kaum zu steuern). Visiere eine Boje an, treffe sie auch, sie schrammt leise an der Bordwand entlang, aber sie hat keine Öse, auch mit dem Bootshaken bekomme ich ihr Ankertau nicht zu fassen. Die zweite Boje verpasse ich, kann sie um einen oder anderthalb Meter nicht erreichen: Boje fassen ist für Solosegler nicht trivial. Weiter innen in der Bucht locken größere Bojen mit irgendwelchen Aufbauten (sicher Einhängeösen, denkt der Dödel…ich). Beim Näherkommen stellen sie sich als Verkehrsschilder (maximal 5 Knoten!) heraus. Ich wäre froh, wenn ich zwei schaffen könnte.

Die Boje des Verlangens
5 Knots Max

Also lasse ich neben der letzten Warnboje den Anker fallen und alles ist gut.
Hunger hatte ich keinen mehr (Schokokekse!), aber Durst auf den Whisky, den Wolfgang und Claire mir aus der Eifel mitgebracht haben (danke ihr beiden!)

»Never drink whiskey without water.
Never drink water without whiskey.«

Irische Volksweisheit

Die Iren, große Sänger und große Trinker, haben es einfach drauf. Nach zwei Gläsern sieht die Welt schon viel freundlicher aus.

»Der Alkohol nimmt die Spitzen.«

Dietmar Hüsemann

Und ich falle kopfüber ins Bett.
Was ich noch vergessen habe: Weil beim dauernden Orgeln die Motorbatterie sich schwächer werdend anhörte und weil ich sie notfalls gegen die Verbrauchsbatterie austauschen können wollte, habe ich abends extrem Strom gespart, kein Licht gemacht (nur kleinbatteriebtriebene LED-Leuchten, keine Wasserpumpe benutzt. Nur, Dödel, ich, vergessen, den Kühlschrank (läuft, wann er es braucht, auch nachts) auszuschalten!

Heute hab ich Betsy einen geblasen (oder eigentlich drei)

Dienstag, 31.05. war Reparaturtag. Kräftiges Frühstück (Toast aus der Pfanne, Butter, Marmelade, Kaffee) und ab 10:00 die Reparaturen angegangen. Erst (um mich zu drücken) Motorbilge (3/4 Eimer) und beide Salonbilgen (1 ¼ Eimer) ausgetupft. Mich dann sechs Stunden im Bauch der alten Tante Elli herumgedrückt, den Kraftstofffilter ausgewechselt (Schuurds Ersatzteillager geplündert), wollte ich ohnehin lernen (Sache von Minuten), dann die Einspritzdüsen auszubauen versucht, war nicht zu machen (Lassen Sie diese Arbeit auf jeden Fall von einem Fachmann erledigen, sagt die Bedienungsanleitung), aber wenigstens die Zuflussleitungen und die Einspritzdüsen (drei Zylinder – drei Einspritzdüsen) mittels Druckbeatmung auf Gängigkeit geprüft. Scheinen alle in Ordnung zu sein. Dann alles wieder zusammengebaut. Motor springt nicht an (aber orgelt beruhigend kräftig). Stimmt ja: Dieselmotoren müssen entlüftet werden! Also sicher zwei Stunden den Pumphebel an der Kraftstoffpumpe gesucht, mittels dessen man die Dieselzufuhr entlüften kann. Die gesamte Pumpe ist nur hühnereigroß, aber ich hab es nicht geschafft, daran einen kleinen Hebel zu finden. Youtube sagt, es gibt auch Motoren, die sich selbst entlüften. Muss man eben länger orgeln. Super Idee. Diesel aus Ersatztank ins Loch der Entlüftungsschraube gekippt (Riesenschweinerei), georgelt. Beim zehnten Versuch oder so springt er kurz an, geht sofort wieder aus. Zehn weitere Versuche und er läuft, aber jetzt geht der Drehzahlmesser nicht! Keilriemen quietscht (hat wahrscheinlich vom Dieseleinfüllen was abbekommen, sollte doch gut geschmiert sein!) Dann läuft wieder alles. Zur Probe und zum Aufladen der Batterie eine gute Viertelstunde laufen lassen. Ohne Probleme. Motor läuft also wieder. Glaube nur nicht, dass das irgendetwas mit meiner „Reparatur“ zu tun hat …

Das Funkgerät war dagegen piepseinfach. Stromkabel aus der Lüsterklemme gerutscht. Hat irgendein Dödel (ich) nicht richtig angezogen. Funktioniert wieder wie es soll.

21:00 Endlich hat der Wind gedreht: NNW, fantastisch. Morgen kann es in aller Frühe losgehen. Jetzt noch Kochen und Essen. Zwiebelreis mit buntem Salat, Apfelmus.

Third time lucky

Oder

Mein persönliches Kap Hoorn

(Langsam komm ich mir schon selber wichtigtuerisch vor, weil jeden Tag die schlimmsten Katastrophen passieren. Aber a) ich übertreibe nicht und b) ich wäre gottfroh, wenn alles glatter liefe, ich schwöre!)

Mittwoch, 1. Juni. Doro ist krank (Covid) und kann vielleicht nicht pünktlich kommen. Ich werde warten. 04:00 aufgestanden, weil heute günstiger Wind sein sollte und ich den langen Schlag nach Dartmouth wagen möchte. 05:30 Anker hochgezogen und abgefahren. Mindestens eine Stunde Traumsegeln, frischer Wind, kaum Wellen. Die Flut ist am höchsten, es gibt keine Strömung. Später wird sie auslaufen und mich schieben. Am St. Alban’s Head (die Landspitze, die ich schon vorgestern zu runden versucht habe), bin ich fast vorbei. Alles super. Aber:

»Man soll den Sex nicht vor dem Orgasm…
Äh: … den Sessel nicht vor dem Aufstehen loben.«

Spruchweisheit

Da schläft der Wind ein. Das Funkgerät spinnt und gibt keinen Kurs über Grund mehr an. Also das ipad und Navionics angeschmissen. Die Tidenströmung treibt mich nach Nordosten! Sollte mich nach meiner Orientierung eigentlich nach Süden schieben. Kann ich mir nicht erklären. Um gegen die Strömung wenigstens die nächste Landspitze zu erreichen, muss ich hoch am Wind gegenan fahren und komme doch nur im rechten Winkel zur Fahrtrichtung seitlich voran. Die Tidenströmungen machen mich fertig. Den Anvil Point und Durlston Head kann ich runden (um ins Lee der Steilküste zu kommen) und suche mir die allernächste Bucht aus (Durlston Bay, kaum ein Mandarinenschnitz), um Anker zu werfen und auf das Kippen der Flut (gegen 18:00) zu warten. Leider bin ich zu übervorsichtig, flaches Wasser zu erreichen und der Anker fällt viel zu nah am Ufer. Wir setzen auf, sanft zwar und auf den Ballastkiel aus Stahl, aber die einzelnen Rumpler sind deutlich zu hören (und zu spüren). Steiniger Grund. Wenn jetzt gleich, wie ich kalkuliert habe, fallendes Wasser einsetzt, liegt die Elli am Boden, mindestens bis zur nächsten Flut. Aber das Wasser steht ja nicht still. Auf Steinen oder Felsen zermahlt sich ein Kunststoffboot in wenigen Tagen (oder Stunden?). Will ich jedenfalls nicht probieren, ich schmeiße die Maschine an. Volle Kraft rückwärts und scheppert und kracht, weil ich dabei den Anker gleich mit ausreiße und über den Grund zerre. Dachte ich. Tatsächlich bemerke ich, als ich tieferes Wasser erreiche, dass ich mir beinahe die gesamte Ankerkette (50m) aus dem Kasten gezerrt habe. Das hat den Riesenradau verursacht! Also Notfallstopp und hinten den zweiten Anker (den ich zum Glück in Ramsgate gekauft und ausgerüstet habe) hinten seitlich ins tiefere Wasser geworfen. (Anker werfen ist übrigens eine Metapher. Selbst ein kleiner wie meiner, 15 kg, platscht so ziemlich direkt neben dem Boot nach unten. Zum Glück greift er rasch und ich kann die Elli mit diesem Heckanker vom Flachwasser und den Felsen abhalten. Aber was jetzt tun? Den Originalanker aufgeben (weil er eh nicht rauszuholen ist, liegt im viel zu flachen Wasser)? Das Beiboot klarmachen und damit versuchen, den Hauptanker zu bergen? Klarmachen dauert eine gute halbe Stunde und es ist keineswegs gesagt, dass ich mit dem kleinen Ding 50 Meter Kette und den Anker heraushieven kann (falls ich ihn loskriege)? Guter Rat wäre jetzt unbezahlbar (würde aber gerne genommen). Einerseits will ich ungern den Anker aufgeben, andererseits will ich auch nicht riskieren, das ganze Boot zu verlieren. Dritterseits läuft mir die Zeit davon. Außer hektisch zu rauchen fällt mir nichts ein.
Dann entschließe ich mich für einen einzigen Versuch. (Wenn der misslingt, werde ich die Ankerkette losmachen und zurücklassen und vielleicht später versuchen, sie rauszuholen).
Der Plan ist folgender: Den zweiten Heckanker führe ich zum Bug. Dann hole ich den ersten Anker nach und nach ein und gebe dem zweiten Anker zweimeterweise Lose, wenn sein Tau zu sehr unter Spannung kommt. Falls der zweite Anker ausbricht, wird der Versuch zu Ende sein und ich davonfahren (falls das dann noch geht).
Um es kurz zu machen: nachdem ich alle Taue, die ich habe, nach und nach verbunden und am zweiten Anker ausgebracht habe, nachdem ich 50m Kette mit der handbetriebenen Ankerwinsch (langer Hebel: dreiviertel Meter Armbewegung – fünf Zentimeter Kette kommen rein) eingerasselt und-geknarzt habe, nachdem ich mit dem Motor nachgeholfen und das wieder sein gelassen habe, weil zu viel Druck auf das Tau des zweiten Ankers kam, nachdem das Boot wieder mehrfach aufgesetzt hat, nachdem ich die letzten Meter Kette mit Gewalt (und gegen den zweiten Anker) reingewuchtet habe und nachdem die arme Ankerwinsch unter aller Gewalt es geschafft hat, auch noch den Anker aus dem Boden zu brechen, bin ich frei (aber vom Ufer nur wenige Meter entfernt). Jetzt rasend rasch das Tau zum zweiten Anker einholen (von Hand, weil ich so schnell die Ankerwinsch nicht freibekomme), während das Boot unter Motor im kleinsten Gang Richtung offenes Wasser ziehen soll (so hab ich zumindest das Steuerrad eingestellt gehabt). Aber gegen den Motor kriege ich das Tau nicht eingeholt, nicht mit aller Kraft (ich hab Sternchen gesehen). Also Motor abstellen und riskieren, dass die Elli wieder an Land treibt …
Was soll ich sagen? Nach einer Dreiviertstunde Kampf bin ich nassgeschwitzt und völlig fertig, aber eben auch sehr stolz, dass ich den Anker gerettet habe und dem Schiff, bis auf ein paar Schrammen nichts passiert ist.
Aus Erfahrung klüger geworden ankere ich unmittelbar darauf weiter draußen. Und warte. Und räume das ganze Tauwerk zusammen. Und sehe auf dem Wasser einzelne Segler auf dem Kurs vorbeisegeln, den ich zwei Stunden früher nicht geschafft habe. Irgendwas ist faul mit meinen Berechnungen. Neu nachgeschaut und kalkuliert: die Flut ist um 15:00, ab eins müsste das Wasser stehen und ich weiterfahren können. Jetzt ist es halb eins. Atempausen sind anscheinend für Leute, die keine Hobbies haben. Losgemacht und abgefahren, der Wind hat aufgefrischt, kommt jetzt ziemlich aus Südsüdwest, sollte er überhaupt nicht laut Vorhersage, aber scheiß drauf, es geht mächtig voran. Georgieboy steuert uns klag- und fehlerlos schnurstracks nach Süden, die Strömung macht daraus einen Kurs nach Südsüdost. Hauptsache nur, ich komme endlich an diesem vermaledeiten Kap vorbei!

Letzte Schikane: In der Seekarte stand irgendetwas von overfalls und kleine Spiralen sollten wohl Wirbel andeuten, die sich von der Landspitze meilenweit ins Meer hinausziehen (weil sich zwei Strömungen überlagern). Als ich (weit genug draußen, meine ich) wende, um das Kap zu umfahren und näherkomme, sehe ich merkwürdige Brandung. Mitten auf dem Meer? Da dämmert mir, dass „Overfalls“ wahrscheinlich Brecher heißt, hier draußen sind auch Notfall-Schutzbojen ausgelegt, große Stahlbehälter, in denen Schiffbrüchige Unterschlupf finden können. Drei Stück, im Westen, im Osten und im Süden der Brecher-Zone. Könnte etwas zu bedeuten haben. Also umfahre ich das Gebiet weiträumig (gerate trotzdem kurz hinein, aber ich will euch nicht langweilen, die Elli schaukelt und bockt, nimmt es aber stur wie ein Pferd) und sehe, wie zwei andere Yachten (Ortskundige sicher) einfach mitten durchfahren. Aber ich hab nichts dagegen, als übervorsichtig zu gelten. Noch schöner wäre es, man konnte das merken.

Ab ca. 15:30 Kurs laut Navi auf das Ziel, die Worbarrow Bay (laut Kompass dreißig Grad daneben: die bescheuerten Tidenströme). Um 17:30 fahre ich ein, werfe Anker und bin extrem erleichtert.

Was ich morgen Abend vorhabe, darüber schreibe ich erst, wenn es gelaufen ist. Vielleicht gibt es doch einen Grund, weshalb Seefahrer abergläubisch sind. Zuchini in Tomatensoße mit Dinkelpenne.

Ach ja: Der Motor ist wieder ausgegangen, mittendrin. Und verliert Diesel, nicht wenig. Als ich ihn allerdings gebraucht habe, beim Notfall-Rückwärtsrausfahren, hat er funktioniert. Wahrscheinlich braucht er auch einen Namen. Vielleicht „Boy“? Denn zusammen mit der Hydrovane verschafft er mir dringend nötige Atempausen. Und heute Vormittag hat das Funkgerät gesponnen – wenn ich bei meinen „Reparaturen“ mehr schlimmer mache als heil, sollte ich es vielleicht besser lassen.

»Was man nicht reparieren kann, ist auch nicht kaputt.«

Alf, Außerirdischer
Pin, sicher festgeschnallt am Steuerrad

Donnerstag, 2. Juni. Pin (oder auch Pip) heißt der -guin, mein Maskottchen, das ich von Schuurd übernommen habe. Steuersäulengriff geschweißt von der Fa. Landsperger, Krumbach (Danke, Herr Landsperger, funktioniert super), Handlauf gebogen von der Fa. Wachter, Waltenhausen und Aletshausen (Danke, Lothar!). Tassen (und Aschenbecher-) Kästchen von Doro, wie schon gedankt. Dingen Namen zu geben scheint üblich zu sein. Hab ich schon erzählt, dass Solosegler dazu tendieren, wunderlich zu werden? Der Zausel neben mir (Catweazel-Frisur, 70er Jahre Sonnenbrille, spillerige Beine in kurzen Hosen, mit Hund) hat gestern eine halbe Stunde damit zugebracht, seinen Außenborder ans Laufen zu kriegen. Nur um damit fünf Minuten die Bucht hoch und wieder zurück zu fahren. Musste heute früh allerdings auch den Hund zum Kacken ans Land bringen. Sein Schlauchboot ist winzig, aber sicher praktisch. Eben hat er sein (wunderhübsches) Boot ans andere Ende der Bucht verlegt. Es ist unruhiger geworden.

Schönes Boot in schöner Bucht: Worbarrow Bay

Nach allem, was ich bisher sehe, verliert Boy, der Motor, keinen Diesel mehr. Keine Ahnung, ob das mit meiner dreistündigen Reparatur heute Vormittag zu tun hat, hoffe das aber.

Inzwischen schaukelt die alte Elly mächtig: heute Nacht hat (sich der Wind und damit auch) sie sich gedreht. Jetzt zeigt die Nase aufs offene Meer. Von wo die Wellen in die Bucht steigen. Was aber ein gutes Zeichen ist: der Südostwind (auf den ich warte) verstetigt sich. Sonnenschein und ein ruhiger Tag in einer der schönsten Umgebungen der Britischen Inseln (Tom Cunliffe, The Shell Channel Pilot, das Standardwerk für den Ärmelkanal), was will man mehr?

Handyempfang wäre schön. Die Bucht liegt mitten in einem Militärübungsgelände, einem (aufgegebenen? Sagt jedenfalls die Solent Coast Guard) Marine-Schießplatz. Wie heute Nacht eine SMS von Paula durchgekommen ist, kann ich mir nicht erklären. Außer: Gestern spät lief vor der Bucht eine Motorsuperyacht vorbei, heller erleuchtet als jeder Kitsch-Christbaum (War vielleicht die Rahal aus Poole, das liegt nur 12 Meilen entfernt um die Ecke. Vielleicht haben die Telefonempfang vom Satellit und übertragen ihn über extrastarkes WLAN? Und grillen sich damit die Unterleibe? Tja, teure Freunde aus dem Nahen Osten, falls es mit der Dynastie nicht so gut klappt – ich hätte da eine Idee, woran es liegen könnte.

Hab jetzt, gegen alle Vernunft, mein Telefon hoch an den Mast geklemmt. Vielleicht gibt es ja hier irgendwo doch einen leichten Schleier Netzverbindung zur Außenwelt.

14:00 Das Schaukeln hat zugenommen. Der Zausel hatte den richtigen Riecher. Ganz schön professionell, der Zausel. Also Anker auf, für die kurze Fahrt ziehe ich nur die Rettungsweste an, Motor tuckert brav im Leerlauf, kriege den Anker auch hoch, bringe die Elli auf Kurs – stottert der Motor, geht aus. Lässt sich wieder starten, geht wieder aus. Rasch wieder Anker fallen lassen, an einer tieferen Stelle diesmal, 21 Meter rasseln raus. Aber wir sind wieder sicher. Scheiße das. Und in der Motorbilge ist auch schon wieder Diesel zu sehen (abgetropfter Rest von meiner neuerlichen „Reparatur“, hofft der Seemann). Erstmal essen. Dickes Blumenkohl-Sahne-Süppchen. Dann wieder ans Werk.

19:00 Ersten, vordersten Kraftstofffilter ausgebaut. Sah ziemlich verpeekt aus. Wahrscheinlich hätte ich damit anfangen sollen (Spar dir deinen Kommentar, Axel!), aber der Diesel darin sah so sauber aus! (Es war der bereits gefilterte). Außerdem sitzt das Ding ganz hinten im Motorraum (in den ich inzwischen schon sehr flüssig (geradezu elegant, scheint mir) eintauchen kann).

Regel 9: Den faulen Seemann bestraft das Leben

Gorbi

Hülse aus Blech, darunter Sichtgefäß aus Kunststoff (nicht mit der Zange angreifen!), darunter Fassung aus Billigplastik. Muss wohl die Blechhülse sein. Eigentlich gibt es dafür spezielle Zangen, mit Gewebeband und Klemmer. Hab ich nicht. Zurrgurt und Rohrzange müssen es tun, übel gewuchtet, dann bewegt sich die Hülse (kleine Delle reingedrückt). Heissa! Dann fängt die ganze Apparatur an zu suppen. Vielleicht besser was unterstellen? Und erkenne, dass Vorbesitzer Schuurd genau zu diesem Zweck eine exakt passende Kanne an Bord hat, samt Anklemmvorrichtung (ich Laie hab das Ding bisher schnöde zum Bilge-Ausschöpfern benutzt). Dann geht, nach einem endlos langen Gewinde, endlich der ganze Apparat ab – und zerfällt in seine Einzelteile. Oben ist nämlich, leicht zugänglich, eine Schraube (M11), die in eine Gewindestange im Zentrum des Filterapparats fasst. Wäre so leicht gewesen … früher hatten Spritfilter Papiereinsätze, die man auswechseln oder zur Not von Hand säubern konnte. Dieser hier ist wieder einmal ein Wegwerfteil: C1191PL Fuel Filter Fram. Merk ich mir besser. Leider ist kein Ersatz an Bord (schwere Rüge, Schuurd!) Also bade ich seither das Teil in seinem maßgeschneiderten Kännchen in Waschbenzin. Trübt sich etwas, mal sehen, ob es hilft. Jedenfalls ist beim nächsten Stopp, wo immer das sein wird, ein neuer C-elf-einundneunzig-Pe-El für Boy-Boy fällig, versprochen.

Tja, Kaffee ist alle, Tabak ist alle: für meine erste Nachtfahrt bin ich prima vorbereitet! (Suppe von heute und Zucchini-Penne von gestern sind noch da.)

Und irgendwo werde ich sicher auch wieder Handyempfang haben …

8. Französische Nordseeküste

Gegen den Wind – aber in schön. 

Samstag, 14. Mai, der beste Tag bis dahin (für mich)

Beispielbild

Wenn wir die Tidenströmung ausnützen wollen, müssen wir früh los, hat uns der freundliche Hafenmeister Francis in Zeebrugge beraten. Also im Morgengrauen losgefahren, wir wollten Land gewinnen (darf man das überhaupt noch sagen, wenn Krieg herscht?) Nina und ich wollten jedenfalls möglichst weit vorankommen. 06:45 abgelegt, die ewig lange Hafenausfahrt raus motort, Zeebrügge ist der zweitgrößte Hafen Belgiens. Draußen bläst es etwas mehr. Wind Bf 1-2, SW, Kurs 280°, also ziemlich genau gegenan. Die Elizabeth nimmt die wenigen Wellen gutmütig. Bei bestem Segelwetter (Sonne, Wind, kaum Wellen) enorm Fahrt gemacht. 09:00 Blankenberge passiert, Nina ist nicht ganz so begeistert wie ich, mittags lassen wir es genug sein. Nachmittags 14:55 in der Mercator Marina in Oostende festgemacht. In der Einfahrt zur Schleuse ruft einer der Mitarbeiter der Nachbarmarina herüber: »Zur Mercator-Marina? Da müsst ihr aber vorher anrufen!« – »Haben wir gemacht!« Alte Segelhasen, die wir sind. Tatsächlich hab ich schon zwei Tage zuvor von Cadzand aus (Nullchecker, der ich bin – Oostend wäre niemals zu erreichen gewesen, schon gar nicht in zwei Stunden!) in der Marina angerufen und erfahren, dass sie ab Freitag (13. Mai) komplett ausgebucht sind: es findet irgendeine Wochenendregatta (Oostende Anker Week) statt. Deshalb habe ich heute draußen vor der Hafeneinfahrt angefunkt und Glück gehabt: Eine Yacht geht um zwei Uhr raus und wir können ihren Platz haben.

Die Innenstadtmarina in Oostende ist der Traum. Zentral gelegen, Stadtmitte, Bahnhof, Strand jeweils in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen. Als ich mit Paula im Januar hier war, habe ich noch sehnsüchtig den Yachten im Hafen und draußen vor der Küste nachgeschaut. Und jetzt bin ich selber auf einer! Ein Traum in echt. Stadtfein machen und zur Fischbude rennen ist eins. Drei hausgeräucherte Herings(doppel)filets (mit der Schere in aufspießfähige Stücke geschnitten und deshalb plötzlich obersaftig) sind selbst mit der Haut extrem lecker. Aber viel zu viel, selbst für zwei ausgehungerte SeglerInnen. Irgendwie gehen sie doch weg. Ein Schnaps wäre jetzt gut. Aber es ist erst halb vier. Abends soll es die legendäre Fischsuppe geben, für die Oostende bekannt ist. Ich hab Nina so oft davon vorgeschwärmt, dass ich sie jetzt dazu einladen will. Besser einen Tisch reservieren. Sehr gern (und gar nicht nötig, das Lokal ist leer). Nur: Sie schließen um 17:30h, last orders um fünf. Schon wieder zu essen klingt nicht verführerisch. Aber es muss eben dieser Laden, es muss diese Fischsuppe sein …

Anderthalb Stunden Schnellverdauen ist angesagt, beim Lauf durch die stark belebte Fußgängerzone, am James-Ensor-Haus vorbei, beim raschen Blick über die Strandpromenade. Dann müssen wir zurück.

Ob wir tatsächlich die Fischsuppe wollten? Ist eine ziemliche Portion, der supernette Kellner macht eine ausladende Handbewegung … Aber versprochen ist versprochen. Es muss diese Suppe sein, egal wie ausladend.

Bon Appetit!

Nina schafft wenigstens die Fischeinlage, ich kämpfe mich bis zum Grund des kinderbadewannengroßen Tellers. Sollte ich erwähnen, dass dazu noch hausgemachte rosa Crème-Fraîche-Sauce, Croutons und geriebener Käse serviert werden? Dazu lecker Brot und Butter? Vorher Oliven?

Punkt halb sechs schleppen wir uns aus dem Lokal. Für mich fällt der vorgesehene Stadtrundgang aus, ich kann nur noch rollen. Mittagsschläfchen ist angesagt. Nina zieht nach kurzer Ruhepause alleine los. Ich wache wie gerädert um halb zehn auf. Alles außer hungrig.

Bahnhof Oostende, Bauch: Westende

Beim ersten Hetzen durch die Stadt sind wir mitten durch eine Travestieshow gestolpert, sechs gesetzte Herren in lilaglitzernden engen Stramplern, zentimeterdick und bunt auf betörend geschminkt, halten sich zu übersteuert wummernden Abba-Hits Mikrophone vor den Mund. Aber sie (und das Publikum) haben Riesenspaß. Anscheinend ist CSD in Oostend. Jedenfalls ein Riesenvergnügen.

Jetzt, am Ende des Abends erinnert mich irgendwer, dass an diesem Samstag der Eurovision Song Contest übertragen wird, früher war das der höchste Feiertag unter unseren LGBTIQ-Freunden (die damals noch anders hießen). Wahrscheinlich übertragen sie die Auszählung (»Ukraina:: duusend punts, Jukrainia: twelve points, l’Uqureine: douze points«) – Weit gefehlt: Auf dem Platz läuft eine pansexuelle Monsterdisko, der DJ ist selbst sein bester Unterhalter, die Menge tobt. Von Abba, belgischem Schlager, über Pet shop boys bis zum härtesten Tekkno (eine Version von „Alle Gläser hoch!“ ist auch dabei – es ist fast wie Karneval, Masken kennt der Belgier nur für alte Leute) der Wirbelwind-DJ spielt alles nur kurz an, quatscht dazwischen und loopt wie ein Verrückter. Aber die Menge liebt es. Und ich, nach dem dritten Bier, auch. Sogar ein wenig gedanced hab ich. Kurz: Oostende hat sich an diesem Traumtag von seiner besten Seite gezeigt. Nina mag die Stadt auch.

Elli im Hafen von Oostende
Ein Bombentag

(darf man bestimmt auch nicht mehr sagen)

Seit drei Tagen sitze ich in Gravelines (reimt sich auf: (verpassten) Termin, dazu später) und starre auf die Hafenschleuse, obwohl die nur zwei Mal am Tag aufgeht (und dann auch nur für vier Stunden). Wenn sie aber aufgeht, ist es ein Schauspiel. Tidenhub von fünf Metern. Im Hafenbecken nur drei. Aber hinter bzw. vor der Schleuse wird aus einem breiten Kanal eine schäbige teigbraune Schlammsenke (mit Booten, die aufsitzen). Doch ich greife vor …

Ein Gennaker-Tag

Sonntag, 15. Mai. 09:00 öffnet der superfreundliche (wie anscheinend alle) Hafenmeister/Schleusenwärter in Oostende nach Funkanfrage allein für uns die Schleuse (eigentlich wollten wir um acht los, zum Beginn der Schleusenzeit, aber ich hatte eine Verabredung zum Tee mit Paula), wie üblich aus dem Hafen motort, Wind NO 3-4, Kurs 280°: perfekte Bedingungen. Übermütig Gennaker gesetzt, wir machen 2,8 Knoten, ganz okay für die alte Elizabeth (aber jeder sportliche Fußgänger könnte uns überholen). Nina steuert wie die eins, Gennaker steht hoch und bunt, es geht mächtig voran – ein Träumchen.

Nina and Jenny have fun

10:45 Hafeneinfahrt Niewport passiert, 13:35 Boie Whitley dito (HMS Whitley, Schiffswrack, schätze im WK II dort versenkt). 

Um das Riesensegel, als es einfällt, aufzublähen, greife ich ins Schot. Funktioniert auch super, dann fällt der Wind ins Segel, die Schot, nicht mehr als eine dünne Leine, schießt mir durch die Hand, entwickelt sofort mächtig Reibung … Finger (leicht) verbrannt (keine Blasen). Lektion 7: Gennaker nur mit Handschuhen.

Kaffeekühlung

Nina steuert den Gennaker aus, als hätte sie nie etwas anderes gemacht, sie genießt es sichtlich, ich nicht weniger … bis 14:15 die Fußleine bricht und das Riesensegel weit vor dem Vorstag im Himmel flattert. Also Gennaker einholen unter erschwerten Bedingungen. Schaffe ich auch (im Windschattten des rasch ausgerollten Vorsegels), (fast) ohne ihn ins Wasser fallen zu lassen: die letzten anderthalb Meter oder so sind eingetaucht. Bin ich schon ein wenig stolz auf dieses Manöver. Das Groß holen wir an diesem Tag nicht mehr raus, nur unter Vorsegel dümpeln wir Richtung Dünkirchen. Andere Yachten überholen uns. Scheiß der Hund drauf, uns geht’s gold.

»Schau auf den Fluss und warte geduldig, bis die Leichen deiner Gegner vorbeitreiben.«

Nach Nina, buddhismus-affin

Dann kommen die Fliegen. Ob die olle Tante Else wohl besonders streng riecht? Jedenfalls überfällt uns ein mächtiger Schwarm. Sie lassen sich auf allen Teilen des Bootes nieder, vor allem die Persenning [Schutzüberzug] des Großsegels scheint es ihnen angetan zu haben. Wo sie um den Mast spannt, ist von der dunkelblauen Farbe nichts mehr zu sehen, schwarz vor Fliegen (nicht übertrieben!). Abends holen wir die „Mausy“ (betont auf der letzten Silbe, es ist eine Yacht frankophoner Belgier) wieder ein. Später im Hafen reden wir – Mausí hat die Fliegenplage auch gehabt.

In der Marina sehe ich beim Einfahren eine Moody 33 liegen, Mk II, exakt dasselbe Modell, nur ein Jahr jünger. Übermütig rufe ich ihnen rüber »MOODY!!!«.1
Nina versteht »NUDELN!!! Macht irgendwie kurz vor dem Abendessen auch Sinn. 18:30 festmachen in Dunquerque. Der Skipper der anderen Moody winkt uns zu einer Box nahe seinem Schiff und hilft uns. Ich lade ihn und seine Lebensabschnittsbegleiterin (heißt inzwischen sicher auch anders) auf einen Wein nach dem Abendessen ein. Sie leben auf ihrem Boot das ganze Jahr über und scheinen damit zufrieden (und extrem ausgeglichen) zu sein. Außerdem leihen sie uns den Elektronik-Chip für die Toiletten: das Büro des Hafenmeisters ist nur von neun bis fünf besetzt (Marina im Besitz der öffentlichen Hand). Spaghetti (Nudeln!) mit Tomaten-Paprikasauce. Nina und ich sind jetzt seit einer Woche unterwegs. Kommt uns beiden länger vor.

«Sooo klein? Dann buch dir doch eine größere Kabine!«

Freundin von Nina

… sagte ihr eine Freundin, als Nina ihr erzählt hat, in welch beengtem Raum sie wird leben müssen. Um zu illustrieren, wie weit entfernt von unserem Segelabenteuer die Vorstellungswelt ihrer Bekannten ist. Müßig zu erwähnen, dass die alte Elizabeth nur über zwei Kabinen verfügt (hinten breit, aber nur 1,60 hoch, vorne große Liegefläche, Stehhöhe, eigene Luke, aber kaum Platz um sich aufrecht stehend zu bewegen (zum Beispiel sich anzuziehen)). Dass zwei Leute ihr ganzes Leben auf einem Schiff dieser Größe/Kleine verbringen, im Winter mit »Webastó« (Standheizung), wäre Ninas Freundinnen wohl kaum begreiflich zu machen.

Bei dem schönen Wetter hab ich meine neuen Croqs ausprobiert, barfuß. Und abends eine olfaktorische Epiphanie erlebt. Riecht überhaupt ziemlich streng in der Achterkabine. Lektion 8: Croqs? Nur mit Soqs!

Montag, 16. Mai. 08:00 (bevor der Hafenmeister kommt: Liegegeld geprellt (haben uns die Liveaboards ausdrücklich nicht von abgeraten: machen alle so. Zahlt eh der Staat)) Ablegen in Dünkirchen (weit außerhalb liegender Hafen mit nichtssagender Umgebung). Sieht ganz freundlich aus, der Tag. Großsegel und Genua hochgezogen. Draußen weht ein anderer Schnack: Wind SW 5-7, Welle 1,5m Kurs 290°, nach Wende 210°, also mal wieder fast gegenan. Leider nimmt der Wind noch zu. Im Starkwind ist an Reffen nicht zu denken, Nina traut sich nicht zu/ist zu schwach, das Boot auf Kurs zu halten. Und dann wird es auch noch diesig. Oder ist das die Gischt, die wir aufwerfen? Jedenfalls ziemlich ungemütlich. „Weather helm“ nennen es die Seeleute, wenn ein Schiff bei Starkwind schwerer zu steuern ist als üblich (Hydrovane-Bedienungsanleitung). Ich muss mich jedenfalls schwer ins Steuerrad stemmen, um die Elizabeth am Wind, nicht quer zu den Wellen und auf Kurs zu halten. Der Bug taucht bis zum Anker ein, Gischt wischt einen Fuß hoch über das Unterliek der Genua: Wir sind völlig übertakelt, aber mir fällt nichts ein, was ich tun könnte. Beiliegen bei dieser Welle (auflaufende Flut) wäre super wackelig. Die Wende Richtung Land wird eine Nervenprobe, klappt aber zum Glück. Keiner ist froher als ich, als ich an der Küste zwei Leuchttürme ausmache, die eine Hafeneinfahrt markieren könnten …

Tatsächlich laufen wir in Dunquerque-Ouest ein, aus irgendeinem Grund wird der riesige Industriehafen auf dem Navi (das ich bei diesen Bedingungen ohnehin nicht checken konnte) nicht als Möglichkeit dargestellt. Selbst im Hafenbecken bläst es derart herb, dass Nina das Boot nicht im Wind halten kann. Also Großsegel bergen, während sie quer zum Wind hin- und her motort.

Alles geht gut, wir machen an einer haushohen Kaimauer (für riesige Frachter oder Containerschiffe) fest. Nina hat die Vorleine noch nicht durch die überdimensionalen Ösen an der Hafenmauer gezogen, da hupt es hinter uns. Drei Mal. Kein gutes Zeichen.

Die Hafenpolizei kommt vier Mann hoch auf einem Schlauchboot mit Blaulicht: »Sie dürfen hier nicht festmachen!« Ich bettle darum, dass sie uns wenigstens eine halbe, zur Not nur eine Viertelstunde zugestehen, wir sind völlig erledigt und brauchen eine Pause. Einer funkt sogar mit der Hafenleitung, aber da ist nichts zu machen: da wir keine Panne haben, sind wir kein Notfall und müssen »immediatement«, also auf der Stelle, sofort! wieder losmachen. – »Oui, Monsieur, j’ai compris.« Inzwischen hätte Nina die Vorleine perfekt belegt gehabt …
Einer der beiden älteren Polizisten erklärt uns, dass wir uns, solange wir das Boot bewegen, so viel Zeit lassen können, wie wir brauchen. Also tuckern wir durch den riesigen Hafen, das öffentlich-rechtliche Schlauchboot wenige Meter hinter uns als Geleitschutz, aber ohne Blaulicht (glaube ich). Nina kocht Kaffee, ich rauche. Aber ich tuche auch das Großsegel auf und ziehe die Persenning drüber – segeln werden wir heute nicht mehr. Bis Gravelines ist es, glaubt man den Männern auf ihrem hochmotorisierten Schlauchboot, nur eine kleine halbe Stunde.

Wir brauchen ein große volle Stunde, bis wir die roten und grünen Säulen am Ende der ewig langen Schutzmolen ausmachen (nicht den pittoresken, schwarzweiß spiralig geschlängelten Leuchtturm (Weltkulturerbe, wie alle Leuchttürme an der franz. Kanalküste) ansteuern!) Dann geht es auf einen Kanal (Vauban was here, der große Meister des Festungsbaus) auf eine Art Scheune zu, 110° Kehre (liest Nina vom Navi ab) und wir fahren entspannt durch die Schleuse ins Becken der Marina Gravelines/Bassin Vauban). Little did we know dass wir (Anfängerdusel) genau die Nachmittagsöffnungszeit der Schleuse erwischt haben. Wegen des enormen Tidenhubs schließt die Schleuse zwei Stunden nach Hochwasser – um genug Tiefgang für die Yachten in der Marina zu gewährleisten. Die Motorboote am Hafenrand sinken jedoch bei jeder Ebbe in den weichen, tonartigen Schlammuntergrund.

14.20: Nina geht ins Städtchen (Altstadt innerhalb einer sternförmigen (Vauban!) Festung mit steilen Wällen und tiefen Wassergräben (zu tief, dass ein Pferd stehen, zu flach, dass ein Schiff fahren könnte, hab ich an der alten Festung nahe de Heen gelernt). Jedenfalls lässt die Schleuse bei Gravelines zu, dass sich das Bassin Vauban bei auflaufender Flut füllt und hält das Wasser der Aa (so heißt der Fluss durch das Örtchen, sicher ganz vorne im Lexikon der Bäche und Ströme) drin.

Abends das umgearbeitete neue (alte, gebrauchte) Segel, einen Flieger (oder Yankee) mit hochgeschnittenem Unterliek, wegen der besseren Sicht auf andere Schiffe, aufgez… ähem: aufzuziehen versucht. Ich Idiot hab nicht gemessen, nur geschätzt und statt 5 (oder vier?) Milimeter einen 6-Milimeter Keder [eingenähte Leine, die das Segel in der Nut des Vorstags hält] anbringen lassen. Klemmt und lässt sich nicht aufziehen. Ich ärgere mich schwarz (zumindest meine Lungen, zumindest eine halbe Stunde). Dann ziehen wir die kleinere Genua auf, unten um 20cm Leine verlängert (damit sie höher steht und man drunter durchgucken kann). Abendbier im Cockpit mit Nina auf diesen Sch…tag. Bei bestem Wetter, romantischem Sonnenuntergang, freundlichem Vollmond … Außerdem hat Wüst die NRW-Wahl gewonnen. Aber wie sagte schon Shakespeare: Nur die allerdümmsten Kälber … (könnte auch Robert Gernhard gewesen sein.) Tomate Mozarella, Hörnchen mit veganem Pesto, Wein.
23:00 öffnet sich die Schleuse geräuschlos und selbsttätig. Spooky.

Morgen fährt Nina aus dringenden familiären Gründen (hoffe, dass das stimmt und ich nicht etwa zu streng mit ihr war, sorry!) nach Hause, übermorgen in aller Herrgottsfrühe (bis 04:27h ist die Tidenschleuse offen) geht’s über den Kanal. Falls dies der letzte Eintrag in diesem Blog sein sollte, hat mich ein Frachter niedergesemmelt. Drückt mir die Daumen!

Die Schleuse des (Morgen-) Grauens

oder

Gestrandet in Gravelines (Port de Plaisance (höhö) Vauban-Gravelines)

oder

Eine Orange mit zwei Nabeln
und andere Missbildungen

Dienstag, 17. Mai 2022. Um 06:00 nicht mehr schlafen können, Superschnuck (mein anderer Blog bzw. Instagram-Account, zur PR meines Thrillers Qazqrom, der sich am Buchmarkt schwertut (liegt wahrscheinlich am sperrigen Titel) geschrieben. Aber: Das WLAN/WiFi in der Marina funktioniert nur für drei Stunden, ich brauche aber noch Internet für Navi- und Wetter-Updates, also verschoben (Fehler!), geräumt (meine Kleidung aus Reisetasche endlich in die Fächer der Achterkabine gestopft), Tidenübersicht (wegen der Strömungen im Kanal) geschrieben, Kurse geplant. 09:00 Diesel nachgefüllt (30 Liter Verbrauch für 20 Motorstunden, also nur 1,5l/h: Super! – »Nein: Diesel!«), halb elf geht Ninas Bus (nach Calais, volle Stunde für die 20 Kilometer, der hält an jedem Baum!), anschließend Runde durchs Städtchen (éclair au chocolat), Konsole für Funkgerät gesägt, neues Funkgerät (mit AIS [Automated Identification System], warnt (und gibt mir die Funkverbindung) vor jedem Frachter – ich hab mächtig Respekt vor der Einhand-[nur der Skipper an Bord] Ärmelkanalüberquerung, eingebaut und getestet (mit der Sekretärin des Hafenmeisterbüros: »Merci, Aurelie!«). MMSI und Atis-Nummern [persönliche Funkkennung für internationale und deutsche Gewässer] eingegeben. Funktioniert alles problemlos.

Problem war allerdings, dass mein Internet-Zugang anscheinend nicht steht. PredictWind und Navionics scheinen jedoch zu laufen. Hoffentlich. Bratkartoffeln mit Chorizo. Wein (ein wenig).

Im Hafenbecken schwimmen (bei Flut) große Schwärme von Jungfischen, könnten Forellen sein, und wirbeln das Wasser auf. Dazwischen Einzelgänger von ausgewachsenen Exemplaren, sicher armlang. Aber acht von zehn tragen fleischfarbene wulstige Geschwüre an Rücken oder Flanken, bis zu hühnereigroß. Sieht nicht schön aus. Sollte da etwa ein Atomkraftwerk in der Nähe stehen? Tut es, Wikipedia: Kernkraftwerk Gravelines.

Mittwoch, 18. Mai. 03:00 aufgestanden. Kaffee (auch auf Vorrat gekocht) und Kippe, Müslifrühstück. Kurz vor halb hab ich bereits die Foulie-Hose an [Foulies (für „foul weather gear“ nennen die Amerikaner (z.B. James von „sailing-zingaro“) die Schlechtwetterbekleidung: Latzhose, Jacke mit hohem Kragen], da meldet sich dringender Stuhlgangbedarf. Ist natürlich alles Kopfsache, nervöser Angstschiss. Aber raus muss er trotzdem. Also wieder Hose runter. Viertel vor vier, Seglermesser und Taschenlampe (es ist noch stockfinster, trotz Vollmond) griffbereit im Steuerradkästchen (Danke vielmals, Doro!), Schwimmweste und Sicherungsgurt bereitgelegt. Jetzt muss ich nur noch die Landstromleitung ausstöpseln und die Festmacher loswerfen. Doch der Motor springt nicht an. Das weiße Vorglühlämpchen glimmt nur ganz schwach, der Anlasser tut keinen Mucks. Mehrere Versuche, gleiches Resultat. Panik. In einer halben Stunde geht die Schleuse zu. Hektisch Batterien umgebaut (Verbrauchsbatterie gegen Motorbatterie getauscht). Selbes Resultat. Um Viertel nach vier gebe ich auf. Zwischen zwei Schleusentoren verklemmt oder gar zertrennt zu werden ist nicht die Art Ende, die ich mir für diese Geschichte wünsche. Denn blöderweise hab ich beobachtet, dass die Schleuse erst zugeht, kurz innehält und dann endgültig schließt. Erst dann (super Idee, ihr Mechaniker/Programmierer!) leuchtet die rote Ampel auf…

Ist nicht mehr zu schaffen. Erstmal in Ruhe (?!?) geraucht. Tatsächlich ging die Schleuse erst um halb sechs wirklich zu. Hätte mir aber auch nichts gebracht.

Bar und Querkiste am Salontisch ausgeräumt (Lebensmittelvorräte), geordnet und wieder eingeräumt. Zuvor eineinviertel Eimer Bilgenwasser aus der Querkiste geschöpft (getupft: Schwämmchen). Batterien gecheckt: kein loses Kabel, scheinen voll geladen zu sein, keine Ahnung, wie ich das prüfen kann. Charger gecheckt – lädt. Am Batterieende gecheckt – werden geladen. Für Tabak (14,40€ für 30 Gramm!) und Kaffee ins Städtchen – Nachdenken. Landstrom funktioniert. Könnte das Anschlusskabel verpolt sein? (Für Schukostecker ist die Polung belanglos, für das Ladegerät macht es einen Unterschied: Batterien können nur in eine Richtung geladen werden.) War es aber nicht. Ratlos im Büro des Hafenmeisters –»Campingstrom ist überall gleich – wir sind doch in Europa!«. Nachmittags soll für eine andere Yacht ein Bootsmechaniker kommen. Ob der für mich Zeit haben wird, ist alles andere als sicher, der Mann ist höchst beschäftigt …

Schalttafel am Zündschloss abgeschraubt und gecheckt: keine Auffälligkeiten, alle Kabel fest, an allen gewackelt – da springt plötzlich der Motor an, als wäre nichts gewesen. Nur die gelbe Ladeleuchte brennt. Also Schalttafel wieder ausgebaut, alle Kontakte eingesprüht. Motor springt tadellos an. Und auch die gelbe Ladeleuchte erlischt. Fühlt sich göttlich an, bin sehr zufrieden. Und überglücklich.

Sage beim Hafenmeister dem Bootsmechaniker ab. Erfahre dabei, dass das Wifi in der gesamten Marina schon seit Tagen (Wochen?) nicht funktioniert. Liegt also nicht an meiner Dämlichkeit.

Cockpitlautsprecher ans Funkgerät angeschlossen; angefangen, den Wackelkontakt an der Bug-Positionsleuchte zu suchen – ist bei Tageslicht schwierig. Kanisterbefestigung am Herd angebracht, endlich Schräubchen in Ordnungskästchen einsortiert: sehr befriedigend. 17:00 zum Super U, zwanzig Minuten Fußweg (gestern, zum Tanken, hat mich Jérémie, der Lehrling des Hafenmeisters gefahren – (Wir tun) »Alles für den Klienten!«, Gummistiefel und Akkus für die Bordtaschenlampe (Jetzt leuchtet sie!) gekauft. Unterwegs passiert man das Spantengerüst der Jean-Bart, dem Nachbau einer 17.Jhdt-Fregatte. Da arbeiten die seit vierzig Jahren dran, erklärt Jérémie. Erinnert mich irgendwie an irgendwas …

Alte Seemannsweisheit: »Wenn der Motor nicht anspringt, WD 40 auf den halb im Zündschloss steckenden Schlüssel sprühen, dann Zündschlüssel eindrücken und drehen – schmiert die Kontakte von innen.«

alter Zeemann mit zwei Zetts: Zigaretten ohne Ende, dafür keine Zähne

Hätte ich mal gestern früh wissen müssen.
Muss noch: zweites Reff ins Segel binden, neue Strömungstabelle schreiben (Flut ist morgen anderthalb Stunden später). Baguette mit Räucherlachs. Kein Alkohol.
Bei Anbruch der Dunkelheit Bugpositionsleuchtenkabel aufgeschnitten, Wackler nicht gefunden. Decksdurchlass (eine Art Steckdose, mehrfache Gummidichtungen, original von 1979, korrodiert) aufgeschraubt, brüchiges Kabel gefunden. Überbrückt. Aber Positionsleuchte strahlt trotzdem nicht. Um Mitternacht entnervt aufgegeben.
Morgen ist Abfahrt um 05:00. (Wenn Gott da nicht geschmunzelt hat, existiert er nicht. Oder er hört nicht gut zu.)

Donnerstag, 19. Mai 2022. 04:00 aufgestanden. Kurse im Logbuch vornotiert. Strömungstabelle korrigiert. Wettervorhersage gecheckt. Zweites Reff ins Groß gebunden. Fouliehose extra noch nicht angezogen. Motor … startet wieder nicht. Exakt gleiches Bild wie gestern. Anscheinend arbeitet die olle Tante Else nicht so gerne mitten in der Nacht. Ob der Motor die nächtliche Feuchtigkeit nicht verträgt? Bis zur Schleusenschließung hab ich offiziell noch zwanzig Minuten, aber sicher bleibt sie wieder länger auf …
Wärmeöfchen (volle Stärke, höchste Temperatur) in den Motorraum gestellt. Zwei geraucht. Motor springt an. Deswegen also hatte Schuurd, der alte Schlingel (und Vorbesitzer), das Elektroöfchen (das ich bei der Besichtigung für ein Batterieladegerät hielt) griffbereit unter dem Navigationstisch. Der Trick funktioniert selbstverständlich nur bei Landstromanschluss. Noch ein Grund, möglichst früh in den Süden zu kommen.
Jetzt nur noch rasch das Stromkabel ausstöpseln und einholen, die Leinen loswerfen und los! Dreh ich mich um: Die Schleuse hat sich (wie üblich geräuschlos) geschlossen.

»Lieber Gott, halt einfach mal’s Maul!!«

Skipper um 05:38 vor der Schleuse des Grauens
Die Schleuse des Grauens (zufällig gerade offen)

Tagesorange (Versprechen an Paula) gefrühstückt. War lecker. Noch eine angeschnitten (zum Schälen). Dabei stelle ich fest, dass sie zwei Nabel hatte, zwei Mal Blütennarbe und zwei Mal Stielansatz. Hab ich noch nie gesehen. Sicher ein gutes Omen (»Schnüss da oben!«)

Plan: Nachmittags geht die Schleuse wieder auf, hoffentlich gegen drei. Wenn ich bis dahin die Positionslichter am Start habe, fahre ich dann noch los. Sollten nicht mehr als sechs Stunden sein bis Dover. Aber eigentlich will ich auf keinen Fall im Dunkeln ankommen …

Ab halb sieben diesen Blog geschrieben. Um halb acht fängt es an zu regnen. Der Unaussprechliche setzt noch einen drauf und lässt es blitzen: fernes Gewitter: Gott ist bösartig (oder seine Wettersocken sind in der Wäsche). Unter diesen Umständen kann ich kein Kabel auf dem Vorschiff reparieren. Und der Motor startet auch nicht mehr. Scheint tatsächlich an der Feuchtigkeit zu liegen. Ich fühl mich verarscht. Gottfroh bin ich, dass ich im letzten Mai aus der Kirche ausgetreten bin (keine Begründung nötig, wäre sonst ein Wort mit W gewesen). Sonst würde ich für dieses (lautlose, aber) unüberhörbare Kichern auch noch Kirchensteuer bezahlen …
Und dann denke ich an Ninas Weisheiten und starre geduldig auf den Fluss. Oder in meinem Fall: auf die Schleuse.

11:00: Es regnet und windet, dazwischen böse Böen (sogar hier im Hafen). Eigentlich bin ich doch ganz froh, dass ich jetzt nicht draußen bin. (»Okay, Gott, vielleicht war ich zu harsch. Tut mir leid, sorry.« Vielleicht können wir es doch nochmal zusammen probieren.) Alle Einhandsegler fangen irgendwann an Selbstgespräche zu führen. Dass ich schon nach zwei Tagen soweit bin, macht mich nachdenklich. Sollte mich mit meinem einzigen Geprächspartner wohl nicht anlegen.

Neuer Plan: Morgen (Flut wahrscheinlich gegen sechs) um fünf Uhr Öfchen anwerfen, um sechs Uhr (Tageslicht!) abfahren. Wettervorhersage verspricht kaum Wind, keine Regenwahrscheinlichkeit. Die Tidenstromtabelle schreibe ich nicht mehr um, sondern neu. Klingt vielversprechend. (»Grins du nur, ich hör gar nicht hin.«)

13:00 Gott ist nachtragend: Eben sagt mir die Hafenmeisterin, dass sie gehört hat, dass Dover (Douvres) bis Mitte SEPTEMBER komplett geschlossen hat. Telefoniert, bestätigt. Umdisponiert auf Ramsgate. Am Arsh der Welt, aber immerhin Britain. Telefonaufzeichnung erklärt, dass sie keine Reservierungen machen. Ankommen auf Kanal 14 die Port Authority anrufen, auf Kanal 60 Weiteres vereinbaren. Sollte zu machen sein,

16:30 erster Waschtag, erstes Paar Socken getrennt – jetzt wird Gott auch noch kleinlich. Außerdem springt der Motor auch in der Hitze (20 Grad zeigt die Schleuse des Grauens in ihrem freundlich (oder hinterhältig?) rotleuchtenden Display) nicht an. Derzeit steht sie übrigens offen (seit 14:00). Abends ins Städtchen, auf den Rathausplatz strahlt noch die letzte Abendsonne. Dort sind allerdings alle Plätze im Café (und Tabakladen) besetzt. Zwei (kleine) dunkle Biere getrunken (à € 6,70 – ein Skandal!). Danach sieht die Welt schon freundlicher aus. Wenn die alte Tante morgen früh wieder nicht anspringt, verkaufe ich sie eben, denke ich fast beschwingt. Mangold gebraten aus der Wok-Pfanne.

D-Day

Der längste Tag bisher war Freitag, 18. Mai. Vier Uhr aufgestanden, Öfchen im Motorraum platziert, vorgeheizt. Kaum gefrühstückt, keine Wetterkleidung angezogen, nicht einmal den elektronischen „Badge“, der Zugang zu den Stegen, zu den Toiletten und dem Raum mit Spülbecken und Waschmaschiche ermöglich, in den dafür vorgesehenen Briefkasten am Steg geworfen: schon zwei Male musste ich mir den neu holen, superpeinlich – ich glaube, die Leute in der Marina sind nur deswegen so superfreundlich mit mir, weil sie mich für einen kompletten (und gefährlichen?) Idioten halten … was wollte ich sagen? Ach ja: Seeleute sind höllisch abergläubisch. Ich jetzt auch. Also: Die Elizabeth sieht aus wie immer, nichts deutet auf Aufbruch hin (Geschirrschränke zugeschoben, Gemüsekiste im Klo verstaut, Tisch zusammengebunden, Hocker daneben mit Kissen verklemmt, Topflappen in Schälchenfach gestopft, Schneidebrett vor das Tellerfach gesteckt, Klotür verriegelt – die Vorbereitungen für evtl. schlechtes Wetter dauern sicher zwanzig Minuten. Foulies, Schwimmweste, Sicherheitsgurt (Frühstücken, Kaffeekochen) nicht mitgerechnet.

Was soll ich sagen? Trotz Vorheizen sprang der Motor nicht an. Fluchen und Schimpfen halfen nicht viel. Am Ende bin wie Rumpelstilzchen auf dem Teil des Kabelstrangs herumgetrampelt, in dem ich den Wackelkontakt vermute. Geschrien wie der Märchenzwerg hab ich wohl auch. Und die Mühle sprang an! Rascher Seitenblick: die Schleuse ist noch offen, 5,35m zeigt die Anzeige, das Wasser steht hoch über der Marge von drei Metern, die ich nach tagelanger Beobachtung für die Schaltschwelle der Schleusenautomatik halte. Dass der Wasserstand im Minutentakt sinkt (und die Anzeige das leuchtenrot wiedergibt) erwähne ich gar nicht erst.

Also in aller Ruhe (Witz!) das Boot abfahrbereit gemacht, Kaffee gekocht, mich angezogen. Leinen los und um 05:30 habe ich es tatsächlich durch die Schleuse geschafft. Gemischte Gefühle.
Es wird gerade hell, das Städtchen schläft, nur ein Fischerboot überholt mich in der langen Hafen- und Molen-Ausfahrt. Und der Motor tuckert gemütlich. Super Geräusch.

Draußen ist es windstill, keine Welle, nur eine leichte Dünung [lange, sanfte Wellen, die von Winden der vergangenen Tage übrig geblieben sind] verzaubert das Wasser in seidiges Wogen. Bilderbuchsonnenaufgang in grellorange über der französischen Kanalküste. Im Westen sind die grauen Industriegebäude von Dünkirchen, im Osten die weißen Fährterminals von Calais zu sehen. Und erste Fähren legen auch schon ab.

Ohne Wind motore ich durch den stillen Morgen. Um 06:30 taucht ein Seehund den Kopf aus dem Wasser und schaut mir nach (es ist so ruhig, dass ich sogar während der Fahrt Logbuch führen kann), später weiter draußen noch ein zweiter. Unter Motor (und mit Navionics) ist Kurshalten ein Kinderspiel.

Um 08:30 fahre ich ins erste TSS [Traffic Separation Scheme, Verkehrstrennungsgebiet, die Autobahnen der Frachter] ein. Nicht besonders viel los. Vorschriftsgemäß ändere ich den Kurs, so dass ich die Großschiffroute im rechten Winkel kreuze. Dies ist der Teil der Kanalüberquerung, vor der ich den meisten Respekt hatte. Ein paar wenige Frachter ziehen vorbei, von West nach Ost (dies ist die rechte Spur), ob sie mir überhaupt ausweichen oder ohnehin viel zu schnell für mich sind, kann ich nicht sagen. Um 09:15 habe ich dieses erste TSS hinter mir. Erleichterung setzt ein. Weil mein neues Funkgerät AIS empfängt und jede Menge Schiffsverkehr herrscht, geht etwa alle dreißig Sekunden der Alarm los, ”Collision warning!“. Der muss jedes Mal zweifach weggedrückt werden. Zum Glück hab ich das Funkgerät hoch oben neben dem Niedergang platziert, wo es gut sicht- und erreichbar ist. Trotzdem nervt das andauernde Piepen (und lenkt auch ab). Im lila Bereich zwischen den Verkehrstrennungsgebieten (der Mittelstreifen sozusagen) kupple ich aus und lass mich treiben (Klopause, Versuch, das AIS auf geringere Entferung umzustellen: Warnungen vor einem Schiff, das mehr als 6 Meilen (ca. 11 Kilometer) entfernt ist, nutzen mir gar nichts. Aber verstellen lässt sich nur die Bildschirmdarstellung, nicht die Empfindlichkeit des Geräts (so weit ich das verstanden habe). i-pad so eingestellt, dass ich es nicht jedes Mal mit Geheimzahl entsichern muss. Nervt auf die Dauer auch. Aber alles läuft!

10:15 Einfahrt ins zweite (von drei) TSS (die Gegenspur). Hier sind eine ganze Reihe von Riesenschiffen unterwegs, überholen sich zum Teil. Das AIS spielt komplett verrückt. Aber ausschalten kann ich es natürlich auch nicht. Dazwischen sämtliche Funksprüche (und Warnungen und Wettervorhersagen von Dover bis Boulogne) Und der Funkverkehr zwischen den Schiffen (auf Kanal 16, muss angeschaltet sein: Vorschrift).

Ab zehn Uhr ist der strahlende Sonnenschein vorbei. Bedeckter Himmel mit einer dünnen Schicht gelblichen Nebels in der Ferne auf dem Wasser (Abgase?). Eine Viertelstunde später setzt leichter Regen ein. Wellen gibt es noch immer nicht, aber die Dünung hat etwas zugenommen, vielleicht 0,5m (aber in langen ruhigen Hebungen). Mehr zum Schaukeln bringen mich die Bugwellen der Riesenschiffe. Aber: Was soll’s, das wollte ich so.

Um 11:15 das dritte und letzte TSS (eine Art Einbiegespur) verlassen. Damit ist der Stress vorbei (dachte ich).

Um halb zwölf setzt leichter Wind ein. Könnte man segeln. Bei dem inzwischen stärkeren Regen bin ich zu faul, das Groß hochzuziehen und rolle nur das Vorsegel aus. Geht gut. Motor ausgemacht. Fehler (Habt ihr sicher schon vermutet, aber tagsüber sprang er doch meist irgendwann an. Und ich hatte noch eine lange Strecke vor mir und … vergesst es: Ihr habt Recht.) Dennoch geht es voran, ziemlich genau gegenan, aber mit der kleineren Genua angenehm zu fahren, 1,2kn. Um zwölf hat der Regen zugenommen, Graupelschauer dazwischen. Aus Versehen habe ich die Luke der Achterkabine aufgeschoben (mit dem Hintern), hat reingeregnet. Hektisch schieb ich sie zu. Da explodiert etwas direkt neben meinem Kopf: Ich muss die Handauslösung der Rettungsweste irrtümlich gezogen haben, denn soo stark kann der Regen auch nicht gewesen sein (war er aber tatsächlich, stellt sich später heraus). 

Gerettet!

Ich hab die Faxen dicke, rolle das Vorsegel ein, kämpfe mich aus der Rettungsweste (ist gar nicht so einfach: im aufgeblasenen Zustand presst sie sich ziemlich eng an Brust und Hals. Muss im Wasser sicher ganz angenehm sein.)

Und gequetscht!

Rauchpause (im Niedergang stehend, unter der Sprayhood: es regnet noch immer).
Da zeigt mir das neue Funkgerät stolz, wie gut sich das Schiff bewegt: Kurs 180°, Geschwindigkeit: 3,3 Knoten. Heißt: ich treibe mit Karacho zurück ins TSS (und nach Frankreich!). Alarm!

Zum Motor schweige ich hier. Also Vorsegel wieder hoch. Der Schwachwind hilft mir wenigstens aus der Gefahr, auf die Frachterautobahn zu treiben. Aber egal auf welchem Kurs, gegen die Tidenströmung komme ich nicht an. Ich bin völlig durchnässt (nur die Hände), trotz Südwester. Und ausgekühlt. Ich hab sogar, der Regen hat nachgelassen, die doppelt gestrickten Wollhandschuhe an (Danke, Tamara!) Keine Ahnung, wie ich England erreichen soll. Zwischen mir und der Küste liegt eine Untiefe, irgendwelche Sands, auf denen hunderte (nicht übertrieben!) Schiffe bis zurück zur Bronzezeit liegen, aber auch Schiffe der Ostindienkompanie, also von erfahrenen Seeleuten, Fregatten aus dem WK II. (Zum Glück lese ich das alles erst auf einer Gedenktafel in Ramsgate. Die Sands sind ein Eldorado für Archäologen (und Taucher/Schatzsucher, deshalb auch gesperrt)).

Jedenfalls muss ich auf dem Weg nach Ramsgate entweder im Norden oder im Süden um die langgestreckten Sandbänke herum. Nach Norden schaffe ich es nicht. Nach Süden ist der Weg zurück. Aber der einzig mögliche. Und die Strömung treibt mich weiterhin ab, inzwischen mit nur noch 2 Knoten. Um zwei müsste der Tidenstrom kippen. Aber auf meine reiche Erfahrung mit Ebbe und Flut möchte ich mich nicht verlassen. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Meine Hände sehen uns wie schlecht aufgetaute Tiefkühlkrabben (die Arbeitshandschuhe aus dem Baumarkt schützen zwar, lassen aber natürlich Schweiß (und Regenwasser) durch). Alle kleinen Verletzungen stehen offen. Nicht einmal eine halbwegs trockene Kippe kriege ich gerollt (trotz Handtuch am Niedergang, zufällig dort, aber eine gute Idee!). Dann frischt der Wind auf, es bläst ungemütlich und kalt. Verzagt stelle ich mir vor, wie ich mit der Küstenwache funke. In meiner Phantasieszene ist der Mann am Funk ziemlich barsch: »You‘e got a sailboat, you’ve got wind – Go sailing!« Ziemlich peinlich das. Aber die Vorstellung hilft mir, den letzten Rest Entschlossenheit zusammenzukratzen. Also rein ins Ölzeug, raus in den Regen, Segel hochziehen. Und zwar inklusive Groß, das zum Glück vorsichtshalber auf das 2. Reff verkleinert ist. Geht gut ab, frischer Wind ziemlich genau aus N. Das wäre Ankreuzen gegen Wind und Strom hoch nach Ramsgate. In meinem Zustand nicht zu schaffen. Oder halber Wind für die Strecke zurück Richtung Dover. Gegen zwei Uhr erspähe ich die englische Küste und nehme das neuentdeckte Land für Scholz in Besitz. Die Kreidefelsen sind immer wieder ein toller Anblick. Gerade jetzt kann ich den brauchen. Und dann geschieht ein Wunder. Um 15:20 nehme ich die Selbststeuerung in Betrieb, die ich leider bisher noch nicht ausprobieren konnte. Aber alles klappt, die Hydrovane steuert (inzwischen 270°, genau auf Deal zu, nordöstlich von Dover und Heimat von Marita, die ich treffen werde) wie die eins. Besser als ich selbst es könnte, hoch am Wind kratzend. Ich kann Pinkeln gehen, Rauchen, mich auf den Heckkorb setzen und die Kreidefelsen bewundern – einfach geil. Inzwischen hat es sich auch aufgehellt (das Wetter, nicht nur meine Stimmung). Wir bewegen uns auf die Küste zu, auch wenn die Tidenströmung noch immer größer ist als unsere Fahrt. Eine Wende (weil es doch ewig lange dauert zum Land und ich befürchte, an Dover vorbei wieder auf den Kanal getrieben zu werden) und dann geht es schnurstracks Richtung Ramsgate, im Wasser macht das Schiff kaum Fahrt, aber das Funkgerät loggt 5,4 Knoten (!!! – Tidenstrom, diesmal von hinten) wahrscheinlich hat sich auch der Wind gedreht, es klart auf, die Sonne scheint … zum ersten Mal an diesem Tag bin ich zuversichtlich, irgendeine Stelle an Land zu erreichen, den Anker rauszuschmeißen und zu riskieren, dass das ablaufende Wasser die Elizabeth auf die Seite legt. Nur Landkontakt, bitte!

Bis halb vier hat mich die Hydrovane (alle Segler geben ihren Selbststeueranlagen einen Namen. Meine wird George heißen, zu Ehren der Krimi-Autorin) tapfer vor den Hafen von Ramsgate gesteuert. Ich rufe die Port Control an (soll man machen, um sich einen Liegeplatz zuweisen zu lassen. Sagte die Computerstimme am Anrufbeantworter der Marina) und frage um Erlaubnis, unter Segeln einzufahren. Lieber schickt er mir die Coast Guard, die mich reinschleppen sollen »Your safety is preeminent, Sir!« Was das kostet, will ich wissen. – Die arbeiten umsonst.– Da lacht das Schwabenherz. – »But they take donations.« – Sollen sie haben.

Die Rettung!

Ende gut, alles gut: Unter den gezückten Kameras der Spaziergänger auf dem riesig hohen Schutzwall um den Hafen schleppt und bugsiert mich das Schlauchboot der Coastguard an den Schwimmsteg der Marina. Erleichtert ist gar kein Ausdruck.

… hat auch noch Zeit, für ein Foto zu posieren.

18:00 Festmachen in Ramsgate. Tomatensalat mit Ziegenkäse, Spaghetti Pesto. Wein.

Heute, Samstag, 20. Mai, hab ich den Hafenmeister nach einem Bootselektriker gefragt. Kaum fünf Minuten später steht Matt, vielleicht Ende zwanzig auf dem Steg, misst Strom und Spannung aus, findet den Fehler und hat bis 14:00 ein Kabel neu eingezogen und den Motor ans Laufen gebracht. Ein Genie!

Weil ich bis zur Klärung der Immigrationsbestimmungen das Boot nicht verlassen durfte (langes Telefonat zusammen mit einem Offizier der Zollgrenzer, die am Hafenausgang ein Kriegsschiff liegen haben und damit hauptsächlich Bootsflüchtlinge aufbringen/retten. Endlich hatte auch die aufgezogene gelbe Flagge ihren Sinn: Als ich den erlösenden Anruf der Immigration erhalte und wie geheißen die gelbe Flagge einhole, kann der Offizier auf der gegenüberliegenden Fregatte sehen, dass mein Status geklärt ist) habe ich keinen Penny Bargeld. Also nachmittags zur Cash Machine, Matt bezahlen (Werkstatt im Pulverturm des Hafens, aus Napoleonszeiten: hochfeste doppelte Rundwände, leichte Dachkonstruktion – wenn das Pulver hochgegangen wäre, jagte es nach oben, nicht seitlich weg, wo es den Hafen zerstört hätte), Spende an die Coast Guard und Marina bezahlen. Fish&Chips waren auch noch drin – das Seglerleben ist ein Traum.