IX. Ende – 53. Panamá, no mas.

Aus der Traum

Bin mit ziemlich konkreten Plänen angereist: Weil Paula erkrankt ist und sich einer Chemotherapie unterziehen muss und ich nicht die Nerven habe, sie dabei alleine zu lassen, werde ich meine Reisepläne umwerfen. Die nächsten zwei Jahre möchte ich nicht lange unterwegs sein. Also werde ich für die ELLI eine Möglichkeit suchen, sie erst einmal stillzulegen, entweder im Pazifik, in einem Yachthafen mit Hebekran, den Niño (den ich dafür bezahle im Hafen auf das Boot aufzupassen) kennt. Oder in Bocas del Toro, auf der Karibikseite von Panama. Die Kanaldurchfahrt habe ich schon von Deutschland aus gebucht. Zu aller Not könnte ich das Boot auch noch ein paar Monate bei Niño im Hafen lassen, denke ich.

Am So., 19. Januar 2025 bin ich von Köln über Madrid nach Panama geflogen, am 20. mittags im Hafen Vacamonte angekommen. Niño hat mich schon vom Wasser aus gesehen und mir zugewinkt. Großes Hallo. Die ELIZABETH sieht ziemlich kläglich aus. Zwar ist sie picobello sauber, Niño hat sich rührend gekümmert. Aber durch einen Hurrikan hat die Arme einiges abbekommen. Alle Fender sind gefetzt, Niño musste immer neue ausgeben. Jetzt hängen alte, abgeschrammte, im Hafen zusammengesuchte zwischen ihr und dem Fischerkahn, der Niños Zuhause ist. Eine Relingsstütze ist gebrochen, eine andere ordentlich verbogen; die Drähte des Seezauns hängen wüst verdrillt und in einem Gewirr von Leinen, die Festmacher sind übelst verknotet. Trotz allem muss das Schiff am Nachbarkahn geschrammt haben, in die Deckskante ist ein kirschgroßes Loch geschlagen, die Scheuerleiste ist abgeschoren und ihre Schraube hat ebenfalls ein Loch in den Rumpf gerissen. Die Gummileiste fehlt. Und die Ankerwinsch, an der drei Festmacher seitlich gezogen haben, ist aus dem Deck gebrochen (und wieder zurückgesunken), dort ist ein fingerlanger Riss im Deck. Außerdem sind von den Vögeln, Pelikanen, sicher  sechs oder sieben Kilo schwer, die sich auf Verklicker und Windfahne gesetzt haben, beide Anzeiger abgebrochen, Niño übergibt mir die Übrigbleibsel. Eine Klampe ist verbogen, ebenso die Halterung des Bimini, beides ließ sich aber innerhalb eines Tages reparieren.

Denn am nächsten Tag sah alles schon weniger schlimm aus. Den Motor hab ich gecheckt: er saß fest, ließ sich aber gängig drehen, Sprit hatte er auch und in der (einen, nicht defekten) Batterie war sogar noch genug Saft für einen Startversuch. Nur angesprungen ist er nicht. Noch am Di nachmittag den Mechaniker Alejandro (Lopez, von Servicios Morice; falls mal jemand am Kanal einen Mechaniker braucht: sehr zu empfehlen!) angerufen, er kann schon am Donnerstag kommen – gut.

Am Mittwoch aufgeräumt, den Herd in Betrieb genommen: Kaffee aus eingeschmolzenem Instant-Fels gekocht. Ach ja: Sonnenblumenöl verdunstet oder diffundiert durch Plastikflaschen: eine nicht angebrochene Flasche ist zu einem Drittel leer. Vorsegel und Großsegel aufgezogen, beide zum Glück noch intakt; Bimini und Sprayhood schon am Dienstag installiert – die ELLI sieht fast schon wieder aus wie ein Segelschiff.

Shiny february: das Wetter ist herrlich, kochend warm, ab und zu ein lindes Lüftchen, ab und an ein Regenguss. Werde schon braun (auch vor Schmutz: heute zum ersten Mal nach vier Tagen eine Dusche genommen, aus dem Wasserfass auf Niños Kahn).

Was nicht so gut kommt: Niño hat zwar jede Menge Rattengift verstreut, kleine rosa Röllchen und lindgrüne Bauklötzchen, aber mindestens doppelt so viele Rattenköttel sind überall im Schiff verstreut: kleine, lakritzfeste und mattschwarze Köttelchen, die, wenn sie nicht gerade festgetreten sind, sich leicht aufsammeln oder wegfegen lassen. Was weniger leicht weggeht: der scharf-saure, beißende Geruch von Rattenpisse. Shiny february: es gibt keine einzige Ameise an Bord. Und allem Anschein nach hat die (einzige gesichtete) Ratte das Schiff wieder verlassen. Nachts meine ich Geräusche zu hören, aber es war wohl (hoffentlich) nur das Rascheln der Plastikmülltüte im Wind im offenen Niedergang. Ab sieben Uhr abends gehen die Temperaturen auf angenehmes Schlafklima zurück. Immer wieder überraschend: der Tagesablauf in den Tropen, halb sieben morgens Sonnenaufgang, hell wird es erst kurz zuvor; sieben Uhr abends: Sonnenuntergang und ziemlich sofort auch Düsternis.

Noch auser der Traum

Heute, Donnerstag früh, Klar Schiff gemacht, zumindest den Salon aufgeräumt und die Bilge ausgetupft (36 l, anscheinend Süßwasser, jedenfalls dem Geschmack nach: nur ganz leicht salzig – vom Regen?). Alejandro will um die Mittagszeit anrücken, ich soll ihn bei der Polizeistation am Hafeneingang erwarten – und will bis dahin mit den Polizeiwachen klarmachen, dass sie ihn überhaupt ins Hafengelände lassen. Um neun schalte ich das Telefon an. Und hab drei Nachrichten. Der Mechaniker ist bereits unterwegs. Wird in einer Stunde da sein (die Nachricht ist eine Stunde alt). Schickt mir ein Foto der Polizeistation, wo er bereits wartet. Losgehetzt, hingerast (Taxi). Mich bei den Mechanikern entschuldigt, sie sind drei Mann hoch angerückt, mit dem Chef der Station geredet, meinen Passierschein vom Februar vorgezeigt. Den zieht er sofort ein, weil er seit Juli nicht mehr gültig ist. Ich muss zurück zum Hafen (5 km), das Okay des Hafenmeisters bei der Verkehrsüberwachung, trafico, holen. Zum Glück hat das Taxi gewartet. Alejandro ist die Ruhe in Person, das gehe hier immer so. Tatsächlich ist es dann mit einem Anruf vom Hafenmeister erledigt, Alejandro und seine Helfer wuchten Werkzeug und eine sauschwere Ersatzbatterie auf Niños Lancha und dann auf seinen Fischerkahn und die ELLI. Nach einer halben Stunde Herumorgeln, die meiste Zeit mit meiner eigenen Batterie, findet Alejandro Wasser in einem der Zylinder: anscheinend hat der Motorblock einen Riss und das Kühlwasser tritt irgendwo ein. Jedenfalls: der Motor muss ausgebaut und auseinandergenommen werden. Niño reicht mir fast unaufgefordert eine neue Packung Kippen und ein Feuerzeug. Verzweifelte Frage an Alejandro: »Du weißt nicht zufällig jemand, der das Boot kaufen will?« – »Könnte schon sein, dass ich einen weiß.«

Ich bleibe mit den Mechanikern an Land, schicke die Bestätigung für die Bezahlung der Kanaldurchfahrt nochmal los, jetzt hoffentlich an die richtige Stelle. Und cancele mit gleicher Post die Durchfahrt (an eine andere Stelle). Dann erstmal Geld holen. Alejandro gab sich mit dem zufrieden, was ich noch an Barem in der Tasche hatte (80 $ US). Wenn jetzt der Geldautomat nicht funktioniert, bin ich am A… Denn die Handyaufladung für dei panamáische SIM hat irgendwie auch nicht funktioniert, ich hab kein Guthaben, kann nicht telefonieren und bin nicht erreichbar. Letzte Dollars für einen Kaffee und das Taxi. Aber alles geht gut. Banco General spuckt 250 aus, der Mobilfunk-Chinese lädt mir wie nix einen Zehner Guthaben aufs Telefon. Und die Rückfahrt und die Behördengänge (Sekretariat Handelsmarine, Hafenbehörde, Immigration, Hafenmeisterei,Verkehrskontrolle) klappen auch. Über die Amtsstubenatmosphäre habe ich schon ein Jahr zuvor mit Odysse gescherzt. Jetzt noch den Liegeplatz in Flamenco Marina (in Panamá Stadt) reservieren, dann Duschen (aus dem Wasserfass von Niño) und das Tagwerk ist geschafft.

Am Freitag (24.01.) früh auf, mit Kaffee im Morgengrauen. Dann das Funkgerät eingebaut – welches aber ohne Batterie ohnehin nicht funktionieren wird. Nach dem Georgel, um den Motor zu starten, ist auch die bessere von beiden auf 10 V runter (alles unter 11,8 kann die Batterie zerstören.) Text von Alejandro: sobald ich in Flamenco bin, soll ich Bescheid sagen. Die Marina am Ausgang des Kanals kommt mir vor wie Paradies und Zivilisation (Wasser, Strom, Duschen, Landzugang!) zugleich.

Samstag früh schleppt mich Niño ein paar Dutzend Meter zurück, weil ich nach vorne nicht rauskomme, da liegt die Ankerleine seines Kahns quer. Dann geht es mit einem Windhauch (zum Glück in die richtige Richtung) im Schritttempo aus dem Hafen. Abschiedswinken von benachbarten Kähnen und einer Offiziellen am Kaiabschluss: 08:00 ab Vacamonte. Niño fährt noch ein paar hundert Meter mit, umkreist das Boot, macht Videos und Fotos ohne Ende. (Am Vorabend hatte er sich als Schiffsbesitzer inszeniert, mit Kaffeetasse am Steuerrad, winkend. Sehr lustig. Er ist inzwischen zu so etwas wie dem Grundversorger des Hafens aufgestiegen, verkauft Kippen, Kekse, Softdrinks. Und verdealt Fisch, den er manchmal als Bezahlung bekommt. Den Freitagvormittag lang haben er und ein Kumpel meterlange dorschähnliche Fische auf dem Boden seines Kahns zerlegt, Haut abgezogen, filettiert. Sah professionell aus.)

Fahrt nach Flamenco (nur 12 sm, 9 sm Luftlinie): die ersten zwei Stunden kommen wir entspannt voran, leichter Wind von hinten, eine kleine Insel ist zu umfahren, keine Probleme. Höchstens, dass der Wind einschlafen könnte. Aber hier nahe der Küste wäre es auch flach genug zum Ankern. Der gefürchtete Humboldtstrom (der mir hier der Küste entlang entgegenkommen müsste,) ist schwach oder wir sind einfach schneller. Dann schläft der Wind nicht etwa ein, sondern frischt auf, dreht und kommt genau auf die Nase.  Dazu baut sich eine fiese, kurze, hohe (2 m) Welle auf. Die vielen Frachter, die links und rechts vom Fahrwasser des Kanals auf Reede liegen und auf Fracht oder ihre Durchfahrt warten (und uns exakt entgegenstehen – im Wind!) sind plötzlich blöde Hindernisse. Zwar kämpft sich die ELLI tapfer hart gegenan, kommt aber nicht richtig auf Touren: der Rumpf ist von den acht Monaten im Hafen übelst bewachsen. (Alleine das Abkratzen und -bürsten von neun Metern Scheuerleistengummi, der abgeschoren wurde und den Niño dankenswerterweise gerettet (im Wasser hängend festgebunden) hatte, dauerte zwei halbe Tage: Moosalgen und Klebmuscheln, die nusshart sind und kaum abgehen.)

Auf den letzten Meilen zur Marina wurden wir jedenfalls richtig hart rangenommen, mit Spritzwasser bis ins Cockpit und Anker im Bug unter Wasser (das hoffentlich nicht reintropft). Die Bojen vom Fahrwasser des Kanals sind zu sehen, auch die hochaufragende Flamenco-Insel, aber wir kämpfen um jeden Meter Höhe. Logbuch: Drei Stunden harte Arbeit, um zwischen den auf Reede liegenden Frachtern aufzukreuzen, inklusive einer Notfallwende vor einem griechischen Frachter, der Matrose kam bereits alarmiert an die Reling; danach verzweifelt versucht, das Fahrwasser zu kreuzen – kommt natürlich in dem Moment ein dicker Brummer aus dem Kanal, dreht aber ab und weicht mir aus. Und die Insel und der Einzelfelsen davor liegen immer noch nicht querab genug, um sie zu erreichen – wir schaffen vielleicht einen Kurs 60 oder 70° zum Wind. Dann eine ungewollte Wende im Fahrwasser, nervenzerrend. Noch zwei Mal je eine Stunde meilenweit schräg gegen den Wind aufgekreuzt, nur um wenige Hundert Meter Höhe zu gewinnen. Dann, die Einfahrt zur Marina ist schon zu sehen, treibt es mich viel zu knapp windwärts vor dem Felssporn vorbei, der zwischen uns und der Einfahrt aufragt; mit angehaltenem Atem steuere ich die davorliegenden Felsbrocken aus, es ging um weniger als zehn Meter. (Aber wenn ich der Insel ausgewichen wäre, hätte mich das nochmal zwei Stunden gekostet.) Falls ich gezweifelt habe, dass Segeln nichts für mich ist, heute habe ich gute Argumente (und eine ziemliche Abreibung) bekommen.

Nie war ich so nahe am Verzweifeln wie beim Segeln.

Ulli Depp

Aber andererseits: die Befriedigung, die Einfahrt zu schaffen und, endlich vor dem Wind, hinein zu rauschen, ist auch groß. Jetzt muss ich es nur noch irgendwie schaffen, die Segel unterzukriegen und hoffen, dass die Marineros mich sehen. Über Funk oder Telefon Bescheid zu sagen, lag außerhalb meiner nervlichen Möglichkeiten.

Beim Versuch einer Q-Wende nur unter dem Großsegel verkacke ich glorios, der Bug dreht zurück, läuft auf einen Steg zu, reagiert aber nicht aufs Ruder – zum ersten Mal (in diesem Jahr) brülle ich die Ellie an: „Komm schon, komm schon!“, weil sie sich einfach nicht drehen will. Danach knallende Patenthalse und der nächste Steg liegt schon wieder voraus … endlich retten mich – »Segel runter!« – die Marineros und ziehen mich, 7 Mann in zwei Lanchas, glücklich an den Steg. Auch die Erleichterung kann sehr groß sein. Bier, Kippen, Grillteller, Bier.

Sonntag (26.) ab 07:00 das Schiff komplett aufgeräumt, gewienert, gewischt (Käufer soll kommen), bis 17:00. Wasser aufgefüllt. Tote Ratte (verwest, verdorrt, geruchlos, winzig) in Schlauchschlingen gefunden. Gasherd: kleine Düse ist zugerostet. Aufzudrehen versucht. Abgedreht – jetzt funktioniert nur noch die große Flamme. Und gefährlich ist es auch. Dabei hätte ich die Düse einfach freistechen können!

Selten hab ich mich so über mich geärgert wie nach einer verpfuschten Bootsreparatur. – Aber selten auch etwas Befriedigenderes erlebt als einen geglückten Fix.

Ulli Depp
Warten auf Käufer

Montag 27. 06:30 Text von Alejandro: er und der Käufer wollen morgen früh kommen. Unten am Rumpf knabbern und knuspern Fische die Algen zwischen den Muscheln heraus. Gutes Geräusch, gutes Gefühl. 10:00 Hydrovane installiert.

Dienstag (28.) Den ganzen Tag auf Alejandro und seinen Käufer gewartet. Text: kommt um eins. Text: Müssen verschieben, kommt um 15:45. Kommen um 16:30 gleich zwei: ein smarter Businessman, schmal, pomadig, superwichtig und kurz angebunden. Er mache Geschäfte wie die Deutschen, er sei Calabrese. Sein riesiger Kumpel (Leibwächter?), tut zutraulicher, macht Smalltalk. Sie sehen sich das Boot kaum an. Der Bullige war auch schon mal in mehreren Großstädten in Deutschland, Dortmund, Essen, Berlin (Mafiahochburgen?), stellt Fragen, gibt sich interessiert. Geht auch tatsächlich einmal in den Salon hinunter, allerdings ohne ins Vorschiff oder ins Klo zu schauen. (Dabei glänzt alles makellos shiny). Slick ist der Chef, redet kaum, schaut kaum in die Achterkajüte, zwei Handys, hört nicht zu; will mit dem Boot über den Atlantik fahren, bar bezahlen. Und bis zum Folgeabend 18:00 entscheiden. Einzige interessierte Frage (an Alejandro:) »Wieviel würde es kosten, das Boot wie neu zu machen?«, vor allem die wenigen Holzarbeiten scheinen ihn zu sorgen. Alejandro: »Zwanzigtausend.« Slick nickt. Ich versuche, abzupreisen, soviel kann das doch nicht kosten! Keiner hört zu.

Bald ziehen sie ab. Nicht einmal die beiden marinegrauen (Spionage?-) Stahlkanus mit US-amerikanischer Flagge auf den hochaufragenden ausbalancierten Blechsegeln, die am Nebensteg liegen,  interessieren Slick. Er winkt ab, ist schon wieder am Rauchen und Telefonieren – und die Kippe ins Wasser schnippen.

Abends sind die Batterien auf 10 oder sogar 8 V runter, laden auch nicht mehr wirklich richtig auf.

Mi (29) 08:00 los, nach Albrook (Einkaufszentrum, Metrostation, Busbahnhof), zum +mobil-Kioskstand. Anscheinend ist meine Nummer nicht zu erreichen (Alejandro kommt nie durch, ich muss ihn dann zurückrufen), weil tigo ein anderer Anbieter ist. Der Probeanruf der jungen Frau am Stand klappt reibungslos. Anderer Anbieter? Und von dem kann ich keine Gespräche empfangen? Kann ich mir nicht vorstellen. Aber was tun?

Mülltüten (viele, trotz Aberglaube), O-Saft, Bier, Brot gekauft. Frühstück in der Super99-Kantine: ham-cheese-egg-Burger, Kirschteilchen. Nachmittags: drittes Buch gelesen (Pete Goss, Cum-Ex, Fidelity). 17:30 jetzt brennen auch noch die Batterien aus, kochen sprudelnd, Geruch nach faulen Eiern!

19:00 Anruf bei Alejandro: Die Käufer haben abgesagt, wollen größeres Boot kaufen. Ich: »Good for them.«

Die Batterie vom Motor, die heißere von beiden, abgeklemmt.

Do (30.) Boot hat wieder Strom: Bb-Batterie (Verbraucher) lädt und funktioniert (Kühlschrank, Wasserversorgung). 3 Kanister Wasser aus dem Schlauch abgefüllt, falls alle Stricke reißen (ohne Strom fördert die Pumpe kein Wasser aus den Tanks).

Nachmittags, um das Durcheinander in meinem Kopf aufzuklären, mögliche Handlungsalternativen aufnotiert (mit voraussichtlicher Dauer bis Rückflug):
– Liegeplatz um 1 Monat verlängern, bei Nacht abhauen (2 Tage);
– Boot an Alejandro verschenken (falls er’s nimmt / 2 T);
– Bei Hernandez (dem Marinachef) buckeln: lassen Sie’s abwracken (aber Risiko: dann weiß er, dass ich Wackelkandidat bin / 2 T);
– Motor reparieren lassen, dann 3 Mo stehen lassen, dann zurückkommen (2 Wochen, min, Marina kostet 1600/Mo);
– Reparieren lassen, dann nach Vista Mar Marina (45 sm) bringen und aus dem Wasser holen ( 3 Wo, 330/Mo);
– Reparieren lassen und in der Bucht vor Anker gehen (2 Wo);
– ohne Reparatur (und ohne Strom) nach Vista Mar segeln, reinschleppen lassen (1 Wo).
Keine einzige klingt rosig, und die Zeit hab ich nicht bzw. will ich mir nicht nehmen. Danach das Boot wieder einige Monate rumstehen lassen, dann kommen neue Reparaturen dazu, der Gedanke macht mich nicht weniger unglücklich.

Abends langes Telefonat mit Paula. Gute Ratschläge: Zweite Meinung einholen, nicht hier in der Marina nach Abwracken fragen, sondern in der Nachbarmarina. Onkel Pepe: beim Abwracker noch ein paar Kröten rausschlagen!

Freitag, 31. (heute soll die Anzahlung auf den Kanal zurücküberwiesen werden, die PanCanal-Bürokratie ist superfreundlich und gut organisiert, auch wenn die Zuständigkeiten undurchsichtig wirken: Geldstelle, Genehmigungs- bzw. Vermessungsstelle, Terminierung (/Scheduler). Um 20:30 mach ich mich vor Alejandro klein: »I want to get rid of the boat.« – »I’ll think of something. We can put her at anchor in the bay.« Er will mir am Montag früh antworten und texten, welche Ideen ihm gekommen sind. 

Um zehn steh ich im Büro der Nachbarmarina, bei Frau Amarilis, Frontdesk der La Playita-Marina, 15min Fußweg entfernt auf der andere Seite des Damms. Super nett, hilfsbereit, freundlich. Abwracker kennt sie keinen. Aber bei »Boot zu verschenken« horcht das ganz Büro auf. Will sie sich gern überlegen, umhören, nimmt gerne Fotos per Mail in Empfang. Gutes Gefühl. Schicke ich sofort, bedankt sie sich am nächsten Tag.


10:30 Smithsonian Institute: Iguanas, Fische, Schwämme, Schlafbären, Schmetterlinge (in den ehemaligen Bunkern von Punta Culébra, einer der Verteidigungsanlagen, die von den Amerikanern auf jeder der Inseln gebaut worden sind). Ganz schön. Voller Kindergartenkinder. Iguanas schnalzen oder züngeln die Süßigkeiten weg, die den Kindern heruntergefallen sind, von unter den Bänken der Picknickecke. In einem selbsttragenden (Buckminster-Fuller-) Dome ein Schmetterlingsparadies. Der Aus-/Eingang ist doppelt gesichert: außen Gazetür mit Riegel, innen: Plastikstreifen wie in einem Kühlhaus. Und in der Schleuse dazwischen: ein Ganzkörperspiegel, damit man Mariposas ausmachen könnte, die sich auf die Kleidung gesetzt haben. Hinter den Kindergartenkindern scheucht innen eine Wächterin die Schmetterlinge weg vom Eingang: »la guardiana de los Mariposas«. Da grinst und nickt sie.

10:45 text von Alejandro: »Call me«. Er wills machen, mit einem Kumpel das Boot in die Bucht hinaus und vor Anker schleppen. (Dort liegen schon eine ganze Menge Yachten in unterschiedlichen Stadien der Vernachlässigung, auch gesunkene, von denen nur noch Salinge und Mast aus dem Wasser ragen.) Geld für die Motorreparatur zusammenkratzen wollen sie auch, 10.000 sollen als fiktiver Kaufpreis  für die Versicherung in einen Vertrag geschrieben werden. »Do we have a deal?« – »Yeah, thank you.« 12:00 Essen im Supermarkt-Restaurant, im sonst leeren fünften Stock an der Haupstraße zum 5 de Mayo: skurril. Dreifachschlange, Gedrängel um die Tabletts. Und die Austeilerinnen schaufeln mächtige Portionen auf die Pappteller.15:30 Telefonat mit  Paula: »Wenn er nach zwei Stunden schon zurückruft, ist er wirklich interessiert. Musst du unbedingt noch 2000 rausholen!«

Sa., 1.02. 07:00 Schäkel (verrostet) aus der Ankerkette gesägt, bevor es zu heiß wird. Neuen Schäkel (3,75 $) eingesetzt. Telefonat mit Alejandro: kommt am Folgetag »for some paperwork.«

Sonntag, 2.2. Nur mal zur Sicherheit in die Bilge geschaut, bevor ich das Boot übergebe. Steht daumenhoch eine gelbe Flüssigkeit drin. Nicht salzig. Aber ölig und streng riechend: Diesel. Woher? Der Einbautank ist, soweit ich sehen kann, noch knallvoll. Die Ersatzkanister im Vorschiff sind trocken. Einer ist leer, hatte ich als voll in Erinnerung. Muss ich wohl eingefüllt haben.

Shiny February

Weil so viele Freunde/LeserInnen gefunden haben, dass mein Blog zu negativ, zu problemlastig, zu wenig mutmachend ist, »da hat man ja gar keine Lust, mitzufahren«, schlug Tochter Lioba vor, einen Monat lang nur die guten Erlebnisse aufzuschreiben, shiny february eben. Also ganz neu formuliert: nach einigem Nachdenken hab ich festgestellt, dass der Diesel aus einem einknickten Ersatzkanister im Vorschiff ausgelaufen ist. Hab ich die Bilge in zwei zweckentfremdete Wasserkanister ausgeschöpft und ausgetupft. Und der Geruch wird auch gleich besser. 

12:00 kommt Alejandro wie angekündigt, wir haben einen Mustervertrag ausgefüllt und unterschrieben, er schaut sich im Schiff um, plant, es zu verchartern, will im Klo eine Dusche einbauen. Nicht er übernimmt das Schiff, sondern die Firma eines Kumpels, um Steuern zu sparen. Der Kumpel ist Mitglied in der Marina, das Boot kann hierbleiben, ab heute, Montag, ist der Liegeplatz geregelt. Und Paulas Zweitausend gehen auch klar: 1000 in bar, der Rest über Western Union. Außerdem ist die ARC (Atlantic Rallye for Cruisers) im Anmarsch, mehr als 300 Yachten, die ersten sind bereits in Shelter Bay und bereiten die Kanaldurchfahrt vor: es wird voll werden, auch hier, nicht alle werden Liegeplätze kriegen. Alejandro nimmt mich auf dem Rückweg mit bis Albrook. Das Einkaufszentrum, das größte in Lateinamerika, ist wirklich unübersichtlich riesig. Eingänge mit Tiernamen (und Tierskulpturen, damit einen die Kinder wiederfinden). Überall hübsche junge Menschen, die einem Pröbchen und Geschenke aufschwatzen wollen.

Sandwich in der Busstation, später Tücher für Paula gekauft, am selben Stand, wo ich ein Jahr zuvor meine Hängematte erstanden hatte, und zwei Avocados »para hoy« am Markt des 5 de Mayo.

16:30/22:30 in D: Telefonat mit Axel (Bruder): Könnte ich die Hydrovane verschicken oder mitbringen? Rufe ich den Käufer an. Alejandro: »It is  part of the deal.« – Dann wieder Axel: »Weißte Bescheid.« Heißt: natürlich nimmt Alejandro mir das Boot nicht aus Barmherzigkeit ab, sondern er hat ein ernstes geschäftliches Interesse daran, in anderen Worten: er will einen Schnitt machen. Soll mir recht sein, wenn bloß die Übernahme stattfindet.

Jetzt, Mo morgen, Frühstücken, Spülen und den Strom abmachen, dann bezahlen und auf Alejandro warten: er wird mir die ersten Tausend in bar bringen, auch den von seinem Kumpel unterschriebenen Vertrag. Noch glaube ich nicht echt an den shiny february, aber es könnte klappen.

Beim Versuch gestern Abend, meinen Flug einzuchecken bin ich fast verrückt geworden. Weil: Das WiFi in de Marina ist scheißlangsam. Hat jedenfalls nicht funktioniert.

Heute, Mo., 03.02. geht es immer noch nicht. Schließlich mach ich’s über’s Handy und um neun klappt’s. Aber: das Datum auf der Bordkarte ist das Flugdatum, nicht der heutige Tag, oder? Anders gesagt: der Flug ist schon heute Abend! Hab ich irgendeinen Fehler im Kalender gemacht.

Am ausersten der Traum – die Elli ist weg.

Kurz vor zehn ruft Alejandro an: »Kannst du rauskommen, ich habe hier einen wichtigen Kunden warten.« Übergibt er mir den Riesen in bar. Und Abschied. Notfallmäßiges Zusammenpacken (dabei hab ich Zeit genug). Letzte Fotos, letztes Mal zum Müll mit einer Riesentüte (u. a. Schürze, Handtücher, Arbeitsklamotten, Bordschuhe aus Zierickzee, taugten eh nichts.) Mein Gepäck wiegt eine Tonne! Und VIER Taschen, eine zuviel: Seesack mit Schuhen, Segeloveralls, sämtlichen Klamotten. Nächster Zentner: Rucksack mit Notebook, iPad, Tastatur, Maus, Bordbuch und Logbuch. Und tausend Kabeln und Netzteilen. Dritte Tasche: Vier Powerbanks und eine Bluetoothbox. Vierte Tasche: Klamotten zum Wechseln  (Wanderschuhe! Dicker Pullover! Gefütterte Jeans!). Im Taxi zum Flughafen, zum letzten Mal um die Altstadt gekurvt, durch die Häuserschluchten gefahren, an der ersten Siedlung Panamá antigua am Ufer vorbeigepest und nichts davon gesehen. Laufschrift auf der Leuchttafel an einem Bus: El Canal es nuestro! Trump lässt grüßen. Am Flughafen bin ich viel zu früh, sieben Stunden Zeit. Wahrscheinlich konnte ich einfach die Marina nicht mehr sehen.

Tschüss

Tja, ihr Lieben. Anscheinend bin ich tief drinnen doch nicht so abenteuerlustig, wie ich mir das vorher ausgemalt hatte, jedenfalls ziehe hier ziemlich kleinlaut den Schwanz ein und freue mich auf den Abflug, nach dem ich mich in den letzten Tagen so gesehnt habe. 

Ende

dieses blogs. Schön, dass ihr dabei wart! Schade, dass es nicht weitergeht. Aber ich bin erleichtert.

51. Drei Tage und drei Nächte

Belém – Rio de Janeiro

… sind sehr lang. Brasilien ist eben endlos groß. 4000 km von Freitagabend 1830 bis Montagabend 1800 zurückgelegt bzw. erduldet. Rote Erde, grünes Land, blauer Himmel. Dies müsste, wenn es mit rechten Dingen zuginge, das reichste Land der Welt sein; riesig, fruchtbar, Bodenschätze, freundliche Menschen. Im Norden flache, feuchte Ebene, im Zentrum Hügelketten mit weiten Tälern dazwischen. Die Straße zwischen Belém im Norden und Rio fast im Süden läuft schnurgerade und der Bus fräst sich Tag und Nacht hindurch und frisst Meilen, Pausen gibt es nur dreimal am Tag für eine halbe Stunde. Könnte man anstrengend finden. Aber man fällt in eine Art Trance oder Lähmung, wartet nur noch, bis es vorbei ist. Die letzten dreihundert Kilometer zwischen Belo Horizonte [„Belorisontschi“] und Rio schlängelt sich die Route in Serpentinen durch grüne Berge, die immer steiler und zuckerhutiger werden („Sierra“). Das zieht sich. Aber der Albabstieg im Abendlicht und ersten Nebeln, nach Rio hinab, ist berückend schön.

Rio de Janeiro

Und Rio ist schon noch schöner.

Hafen und Corcovado

Zur Christusfigur mit dem offenen Herzen auf dem Corcovado, wo selbst die Frischverheirateten aus besten Kreisen (Schweiz, China, Russland) mit dem Bähnlein hochfahren wie alle. Viel Volks. Jeder schießt ein Foto mit der Figur, zur Not auf dem Boden liegend.

Maracanã: der heilige Rasen ist ehrfurchteinflößend. Der Blick vom Zuckerhut fast so überwältigend wie der unter Jesus‘ Achsel hervor. Was für ein Hafen! Mit dabei bei der Stadtrundfahrt mit José Carlos und seinem unerhört riesigen Ford Explorer (8 Zylinder, dafür keine Kupplung, 9 Plätze, weiße Ledersitze, aber nie ein Parkplatz in der richtigen Größe): Zwei ungezogene Typen aus Surinam sind schon im Wagen. Busybusy Geschäftsmann und sein Adlatus (oder Lover) Jordan. Hören nie zu, quatschen immer dazwischen, telefonieren andauernd mit Zuhause und protzen rum und lassen einen seelenruhig eine halbe Stunde warten, an der bunte Treppe, die an scheinend aus irgendwelchen Rapper-Video weltberühmt sein muss. Aber am Ende doch ganz nett. Auf dem Zuckerhut haben sie mich überall gesucht, weil sie einen Dritten für den Hubschrauber-Rundflug gebraucht hätten (770 RS = € 150). Als ob ich das je gemacht hätte … Im Abendrot Caipirinhas, weil sie so lange auf mich gewartet haben. Und Rios verliebte Jugend sitzt knutschend auf der Mauer am Meer …

Durch JC’s Augen auf den Paõ de Azucar schauen …

Abends Sardinen und Wein. Haben damals die Portugiesen eingeführt. Die Filets sind höchstpaniert und knusprig und werden mit Zitronensaft und Olivenöl serviert. Wein passt gut dazu.

Eher mittelprächtig: Eindrücke aus Rio de Janeiro. (https://youtu.be/XeJ9WehMJY8)

Heute Copacabana und Ipanema. Bikinis wie dort sieht man inzwischen überall. Und Sand soll es auch an anderen Stränden geben. Keine Fotos. Nachmittags die (Jugendstil-) Cafeteria Colombo, Schokokuchen.

Knutschmauer (links unten)

Abendstimmung und Sendepause bis mindestens Mitte April. Auf dem Schiff hab ich kein WLAN (und nichts zu erzählen).
War schön mit euch! Bis bald.

Copacabana (über dem Mann im weißen T-Shirt)

50. São Luis & Lençóis maranhenses

Lençóis maranhenses

(Mo, 25.03.), São Luis, Maranhão [Maranjáo]
Morgens, noch in Belém, hatte ich Stress, Geld zu kriegen: „not sufficient funds“, meldete der Geldautomat. Auf beiden Kreditkarten. Die gute alte Kontokarte musste es richten: Maestro. Sonst wäre ich verloren gewesen. Aber es hat geklappt. Junior habe ich RS 3200 übergeben, das Restgeld für meine Reise, Armstrong sollte beruhigt sein. Ab 0900 Busfahrt nach São Luis. Stadtrand, Vororte, Dschungel am Straßenrand, flach. Später Wiesen und Viehzucht, dann Sumpflandschaft, Marschen. Später hügelig und ziemlich miese Lehmstraße. Dann, es ist schon dunkel in Sta Luzia, heißt es den Gringo hetzen: Als ich die Toilette aufsuche und es kein Papier gibt und ich versuche, Klopapier zu kaufen, fällt mir auf: Der Bus ist abgefahren! Rennt der Gringo raus aus der Busstation, Bus zieht einen Block entfernt unbeirrt vorbei. Pfeift der Gringo sich die Seele aus dem Leib. Nichts hilft. Rennt der Gringo verzweifelt hinterher, Marktfrauen und Jugendliche weisen ihm den Weg. Gerade außer Sichtweite, am Ende des Blocks, wartet der Bus und öffnet die Türen: Die wollten dem Gringo nur eine Lektion erteilen: wenn der Bus hupt, will er abfahren.

So schön wie Punta del Este: die Strandapartments von São Luis
Name auf Schild

Nachts um halb eins: Zum ersten Mal im Leben werde ich abgeholt mit Namensschild, und ins Hotel gebracht. Heute 08:30 City Tour mit Leonidas. São Luis ist die schönste Stadt Brasiliens (von drei). Unesco Weltkulturerbe. Die Innenstadt ist saniert worden, die Stromkabel von den Hauswänden unter das Pflaster verlegt. Im Stadtkern sind Häuser/ Ensembles intakt geblieben (bis auf drei Neubauten aus den 70ern) und erinnern an Lissabon vor dem Erdbeben von 1755. Padre Pio, der Heilige von São Luis (20. Jhdt), hatte Stigmata, Wunden an den Handrücken. Erst wurde er als Betrüger beschuldigt, dann seliggesprochen. Eine Nachbildung seiner aufgebahrten Leiche ist in einer Seitenkapelle aufgebaut, wie zeitlebens mit Handschuhen – weil seine Stigmata auch geblutet haben. Bittstellerzettelchen sind neben seinen Kopf gerieselt. Später zeigt Leonidas mir (kurz) den Markt, Restaurants, und lange Strände: insgesamt 32km hat die Stadt, die längsten fangen fast direkt vor meinem Hotel an (das ansonsten eher außerhalb liegt). Die Inseln gegenüber der Flussmündung (vier Flüsse!), Alkantará (=Schafwolle), waren, wie die Stadt selbst, oft umkämpft. Gegründet von den Portugiesen, erobert und umbenannt von den Franzosen, zurückerobert von den Portugiesen, die zwischendurch Holländer (nach Surinam) und Franzosen (nach (frz.) Guyana) und Engländer vertrieben haben.


Abendspaziergang am Strand, Krebslokale. Das Klopfen auf den Tischen, wenn sie mit speziellen Schlagstöcken auf ihre Krabben/Krebse einschlagen, um die Beine und Scheren zu knacken. Spannend.

Lençóis maranhenses

„Das wird das Schönste sein, was du jemals gesehen hast!“, hatte Herbert in Manaus prophezeit. Und er hat Recht behalten. Atemberaubend schön. Die Lençóis maranhenses [„lensóis marenjénses“ – lohnt sich, die Aussprache zu üben; Eselbrücke: Längsséits Mayonäse] sind Dünen (wie in Merzouga, nur nicht beige, sondern lichtgrau-weiß), mit hellblauen und glasklaren Seen dazwischen. In denen man baden kann, wo einen winzige Fische anknabbern. Es ist betörend schön. Gran Canyon ist gut, Bryce Canyon, Arches, Sequoias sind unfassbar, Moga-Moga war toll, Isla Coco Bandero war phantastisch, aber das hier, die Lagõa Bonita, wo wir heute waren, ist auch schön.

Vorauswaten, um zu sehen, wie tief es ist

Die Dramaturgie stimmt: vier Stunden Anfahrt von São Luis und dann anderthalb Stunden auf einem Pickup, wo hinten auf der Ladefläche Sitzbänke aufgeschweißt sind, und ein Dach. Für eine wackelige Fähre über den Fluss aus dem Auto aussteigen, auf einer Sandpiste voranpreschen, vogelsandweich, mit Spurrinnen bis zu den Radlagern, durch Wasserlöcher, durch einen Fluss (musste der Helfer vorauswaten, um sehen, ob es noch flach genug ist), über fimschige bohlengedeckte Brücken, die Fahrspuren im Marschland so tief eingegraben, dass es den Toyota-4×4 hin- und herwirft, wenn die Spur in Kurven verläuft, es rumpelt und hoppelt, und nach anderthalb Stunden hält man endlich mitten im Grünen an und sieht eine steile blaue Holztreppe eine Düne hochsteigen. Wenn man da oben ist, schaut man auf das bizarrste, mondlandschaftsmäßigste, mit dem klaren Wasser dazwischen, was man jemals gesehen hat. Die Sonne hat gestrahlt, es war alles perfekt, ich hab ungefähr eine Million Fotos geschossen und konnte nie genug kriegen (und die Hälfte kriegt ihr hier ab).

Regel 29: »In weichem Sand so untertourig wie möglich fahren.«

Offroader-Weisheit
(weil es nicht wichtig ist, möglichst viel Kraft auf die Pneus zu kriegen, sondern sie möglichst am Durchdrehen zu hindern.)
Baden ist angesagt

Ein unfassbarer Tag. Nur lachende, strahlende Gesichter, Leute im Badeanzug, der Zugang führt schon durch einen Wasserlauf, auf die Fähre kam man gerade noch trockenen Fußes, zumindest auf dem Hinweg. Alle anderen sind besser vorbereitet als ich. Gehen in den knappsten Bikinis mit irgendwelchen Häkelschleiern drüber, zum Beispiel drei Schönheiten zum Sonnenuntergang, jedenfalls in Badekleidung, die ich nicht dabeihatte. Eine zwar frische, aber nicht frisch gewaschen aussehende Unterhose, vorne gelb, hinten dunkelgelb, aber es musste trotzdem sein: glasklares Wasser, der Tag war nicht richtig heiß, der Himmel teilweise bedeckt, aber die Sonne war trotzdem draußen. Es war einfach unfassbar erfrischend. Flach, an der tiefsten Stelle vielleicht hüfttief, gerade so, dass man schwimmen konnte. Und wie gesagt die Fischchen, die geknabbert haben. Süßwasser natürlich.
Und dann ewig herumgelaufen, irgendwann sagt der Guide, um fünf trifft man sich wieder unten am Auto. War natürlich Quatsch, ich war um fünf unten, keine Sau da (bis auf die Fahrer, die eine Runde Billiard und einen -tisch am Laufen hatten), da bin ich wieder hoch, weil alle oben darauf gewartet haben, dass die Sonne untergeht. Die war schön und flach, aber sie ging nicht blutrot unter, weil Wolken dazwischen waren. Aber, wie gesagt: nur hübsche Menschen, nur lachende Gesichter: glücklich. Eine Landschaft, die einen allein beim Hingucken einfach überschwänglich froh sein lässt. Mit sehr, sehr wenig zu vergleichen. Jedenfalls mit nichts, was ich kenne.

Opis wie wir
Lagõa Azul

(Blaue Lagune) Mehr vom Gleichen, aber absolut lohnenswert. Zumal der Trip kürzer ist, flacher, man die Dünen schon von Weitem sieht – also dramaturgisch nicht ganz so spannend. Aber viele Wasserlöcher auf dem Weg: beim tiefsten ist die Brühe auf die Ladefläche geschwappt, sicher 80 cm über dem Boden. Und wenn man angekommen ist, fährt einen der 4×4 direkt bis oben auf die Düne. Und dann: fußwarmer weißer Sand, blaue Seen, und das Wasser mit der perfekten Temperatur, um reinzugehen, ohne zu frösteln.

Anderthalb Stunden bin ich in die Dünen reingelaufen, der Himmel war klar, aber ab und zu sind kleine Wölkchen durchgezogen, die dunkelgraue Schatten auf die weißen Dünen warfen, sehr pittoresk. Wieder Millionen unfassbar toller Bilder geschossen, also zumindest kamen sie mir unfassbar toll vor (André mit seinen voreingebauten Filtern hätte sicher noch viel mehr rausgeholt!), mal sehen, wie sie geworden sind (in der prallen Sonne ist das Display nicht ganz leicht zu sehen). Am Ende, ich bin vielleicht anderthalb oder zwei Kilometer hineingelaufen, außer Sichtweite von allen, habe ich eine eigene Lagune ganz für mich allein – was gut war, weil ich keine Badehose dabeihatte – also nackt baden, nackt trocknen, nackt rauchen. Es war unbeschreiblich. Dann an zwei anderen Seen entlang zurückgelaufen und schließlich, am Ende, die blaue Lagune daran erkannt, dass sie wieder ein Schild aufgehängt hatten: Lagõa azul. Und daran, dass alle möglichen Leute darin baden. Da hab ich es aber auch nur am abgelegenen Ufer, wo weniger los war, geschafft, nochmal reinzugehen. Die war dann auch tief (daher: blau!), man hätte richtig schwimmen können, aber dann hat der Guide schon zum Aufbruch geblasen, das war gegen Zwölf, zwanzig nach sind wir zurückgefahren, um eins war ich wieder im Hotel, in der Posada d’Areina. Absolut … – ich war noch nie in Sukotra, aber das – das zu schlagen, diese Landschaft, diese Farben, diese Kombination von Badesee und mehr oder weniger endlosem vogelsandfeinem Sandstrand, das, ähm, wird ziemlich schwer.


Rückfahrt wieder mit der Fähre, wir kamen aus dem Gebiet, wo auch die Lagoa bonita liegt, aber trotzdem auf jeden Fall eine Extra-Reise wert.
Dann mich runderneuert lassen: beim Barbier Rasieren und Haare schneiden, einmal komplett, inkl. Nase, Ohren, Augenbrauen. Tat sehr gut.
Dann, weil das Café geschlossen war, einen Rieseneisbecher geschlabbert, statt Mittagessen; Farb- und Geschmacksstoffe scheinen im Sonderangebot gewesen zu sein, das Traubeneis war dunkellila und roch nach Klostein. Aber der Rest war lecker. Schlagsahne scheint es nicht zu geben in Brasilien, wahrscheinlich hält sie sich nicht. Jetzt ist es 1500 und ich warte, bis um vier (war tatsächlich: 1700) mein Transfer kommt, um mich vier Stunden nach São Luis zu bringen. Aber dem Armstrong habe ich gerade geschrieben: den Trip nach Lençóis maranhenses war absolut, absolut super. Unübertrefflich super. Sehr, sehr empfehlenswert. Nicht vielleicht, um deswegen nach Brasilien zu fahren, aber … auch nicht viel weniger.
(Außerdem habe ich heute Muskelkater in den Waden, vom ungewohnten langen Barfußlaufen!)

Feierabend

Lang hab ich auf der Hinfahrt gegrübelt, wo wir hinfahren. Wir sind nach Süden, meinte ich zumindest, aus São Luis rausgefahren, aber es hat nicht gepasst: die Himmelsrichtung war falsch, die Flüsse flossen in die falsche Richtung, die mussten doch zum Meer! Und jetzt, auf dem Rückweg, ist mir endlich aufgefallen, dass wir ja südlich des Äquators sind und deswegen die Sonne falsch herum geht, sie geht immer noch im Westen unter, aber sie geht durch den Norden. Also: wir sind von São Luis nach Südosten losgefahren und ich glaube, wir sind in der Nähe des Meeres gewesen, kam mir zumindest so vor. Und wir fahren jetzt, im Abendlicht, mit demn Sonnenuntergang, nach Nordwesten zurück. (Der Kompass des iPhones ist übrigens keine Hilfe. Der zeigt Fantasiehimmelsrichtungen an, ist wahrscheinlich irgendwie auf die Nordhalbkugel geeicht, keine Ahnung.)

Oder: Vom Erzeugen eines Drehwurms durch Panorama-Schwenks (rechts)

Abends um halb zehn im Hotel angekommen, sofort losgestiefelt, um noch Krabben zu knacken. Waren aber leider schon alle. Also nur einen gefüllten Krebskopf mit Reis gegessen. Ging so.

So hoch steht das Wasser manchmal (unser Tourguide)

VIII. Amazonas & Brasilien – 49. Trübe Wasser

Farbig: Hängematte

(Do., 21.3.)
18 Stunden pro Tag in der Hängematte liegen hört sich nach Erholungsurlaub an. Ist jedenfalls sehr ruhig (bis auf das Motorbrummen, Tag und Nacht). Eine Fahrt den Amazonas hinab ist der Traum aller Weltenbummler – Harald Schmidt hat sie in seinem Gap-Year nach Ende seiner LateNightShow auch gemacht. Und volksnah ist die Sache auch: Auf zwei Decks, das obere dem Wetter ausgesetzt, sind Haken an der Decke festgeschweißt und Lattenroste auf dem Boden ausgelegt: man hängt seine Hängematte auf und stapelt sein Gepäck wasser- und insektensicher auf die Lattenroste. Wir sind wie vorgebucht seit Mittwochmittag unterwegs und es ist so abenteuerlich wie gehofft – nur dass zwischen den spannenden Momenten stundenlang nichts passiert (außer, dass Flusslandschaft vorbeizieht …).

Bräunlich: Fluss

Mittwoch früh steht Armstrongs Fahrer pünktlich wie die Uhr vor dem Hotel, bringt mich zur Bank, leider sind meine Kreditkarten ausgelaugt, für beide wird mangelnde Deckung angezeigt. Also funktioniert meine Finanzierung nicht: weil Armstrong feste Buchungen vornehmen wird, braucht er Vorkasse. In seinem Hotel schmeiß ich das WiFi an und bringe eine Auslandsüberweisung auf den Weg. Dann warten Fahrer und ich ergebnislos, aber schließlich fährt er mich zu Hafen. Welches Schiff? Weiß ich nicht, ich dachte, es gibt nur eins – das, was um elf Uhr losfährt eben. Gehen wir drauf, stehen an einer Art Rezeption an der Rampe, mitten im Weg: schwerbeladene Lastenträger keuchen herein, zwischen parkenden Autos (es ist eine Fähre!) und Ladegut (und wartenden Passagieren wie ich) hindurch. Meine Buchungsnummer ist anscheinend nur agenturintern, sie können zwar die Bestätigungsmail auf meinem Telefon ins Portugiesische übergoogeln, aber finden mich nicht. Fahrer hilft überzeugend, doch am Ende rufe ich die Agentur an und reiche den Hörer an die Rezeptionsdame weiter. Großes Palaver, inzwischen ist auch der Kapitän eingeschaltet, der Name eines anderen (Schwester-?) Schiffs fällt, erleichtertes Aha und Kopfnicken. Und sie tragen mich in die Liste ein, ich bekomme mein Disko-Bändchen ums Handgelenk und bin drin. Möglichst oben, möglichst vorn lautete der Rat für den Platz. Ich finde zwei Haken neben einer Familie mit Kind. Und Punkt 12 geht es, wie von Armstrong prophezeit, los. Der Schiffsdiesel keucht und raucht und heult auf. Die Hafen- und Marktanlagen von Manaus. Flussabwärts der neuere Containerhafen. Die ärmlichen Stadtviertel an den erdrutschgefährdeten Hanglagen. Und der breite Strom. Das Wasser des Rio Negro ist dunkelbraun vor Humus aus dem Amazonasbecken. Sieben Kilometer hinter der Stadt (Richtung Meer) vereinigt er sich mit dem Rio Urucu und wird (für die Brasilianer) erst dort zum Amazonas. Und grüngelb-trüb statt schwärzlich-braun. (Manaus ist wie Augsburg, wüsste Herbert. Auch dort vereinigen sich zwei Flüsse, die ihre Namen lassen müsse(n) …).

Schlank: Herbert

Seither brummeln die Motoren ununterbrochen, leiert und wummert Latino-Hiphop und -schlager aus den Wummerboxen an der Bordbar (Deck drei) und liegen wir in den Hängematten …

Teil 1

Auf Deck 0 parken sechs Autos und ein paar (Lasten-) Motorräder. Der Rest des Decks ist vollgepackt mit sicher hundert Kubikmetern Paranüssen in groben Plastiksäcken, geschätzt mehrere (zig) Tonnen. Deck 1 bietet den geschlossenen Passagierraum, gut gefüllt und schlecht belüftet, daneben die Sanitäranlagen, (saubere Duschen und Waschbecken) ein paar Suiten und Kabinen (Camarotes, die sehr kärglich aussehen, grobgezimmerte Stockbetten) und das refectorio, den winzigen Speisesaal. Dreimal am Tag werden warme Mahlzeiten in kompletter Wegwerfoptik ausgegeben: Aluteller, Plastikbecher, und -besteck. Für 15 bis 20 Reales (€ 3 bis 4). Deck 2 weist ein Schiffsdrittel Kabinen und Suiten auf und das obere offene Passagierdeck (insgesamt ist die Fähre für 824 Gäste zugelassen, im Augenblick höchstens zur Hälfte gebucht). Das offene Deck 3 bietet die Bordbar (0730 bis 2400) und zwei Terrassen. Am ersten Nachmittag wechselte der brennende Sonnenschein zu einem Regensturm, fegt die Plastikmöbel über das offene Deck und zerschmetterte einen Tisch und einen Stuhl. Dann wieder Sonnenglühen und nachmittags noch einen Regensturm: es ist Regenzeit, wir sind (3°) südlich des Äquators.

Terrasse hinter der Bordbar (nicht im Bild)

Zwischen 1700 und 1900 (bzw. solange es reicht) gibt es das Abendessen (Schweinebraten, Reis, Spaghetti, Salatgarnitur) und morgens ab 0600 Frühstück (Kaffee, Käsetoast, Obstteller).

»Ô quesu-quesu-quesu!«

Heute früh 0600 im ersten Licht ein Halt. Pontonanleger, ein paar neue Passagiere, etwas Fracht. Aber vor allem Käseverkäufer mit langen Stangen, an deren oberem Ende ein Haken (für die Ware in Plastiktüte) und eine umgedrehte halbierte Plastikflasche (für Geld und Wechselgeld) befestigt sind. Und ihre melodiösen ausgesungenen Lockrufe.
Gegen acht lag zum ersten Mal ein Hügelrücken im Weg, ziemlich ungewöhnliches Bild im topfebenen Amazonasbecken (das einmal (Gondvana) Teil des Kongo-Flusssystems gewesen sein soll – Herbert war (oder ist) Geologie-Student. Um zehn der zweite Halt, diesmal an einer Lehmpiste. Am Ponton verluden sie einen schweren Motor (Generator?) auf eine andere, kleinere Fähre. Am Fluss verstreut einzeln liegende Hütten, Gehöfte, Liegenschaften, teilweise mit Anlegern. Nachts strahlend hell (und einladend) beleuchtet. Heute abend, weiß ich von Armstrong, machen wir über Nacht in Santarém fest. Und ich werde mir ein Abendessen schießen. Die Mittagsöffnungszeit (1100 bis 1300) habe ich nämlich verschlafen, um viertel vor eins gab es nichts mehr. (Nur überbackenes Sandwich von der Bar). Am Spätnachmittag breitet sich der Fluss mitten in einer (hunderte) Quadratkilometer weiten Seenlandschaft aus, zu beiden Seiten nur von flachen (natürlichen?) Dämmen begrenzt, die kaum buschbewachsen sind, mit einzelnen niedrigen Bäumen.

Santarém, Pará
Santarém

Fr., 22.03., Santarém
Die Stadt liegt wie am Meer, mit allem: Strandpromenade mit Kinderbelustigung, Anglern, Fressbuden, Ruhebänken für verliebte Paare, Restaurants (Pizzeria mit Livemusik). Das von der Schiffsassistentin empfohlene Restaurant über dem Wasser ist gerammelt voll mit Touristen; die Bastion mit Kanonen und Luxushotel (»London«) mit Aussichtsterrasse thronen hoch über der Stadt, eine endlose Treppe hinauf. Wieder unten folgt die Einkaufsmeile, nachts selbstverständlich alles geschlossen und die kitschig beleuchtete Kathedrale samt Vorplatz, der als Markt genutzt wird. Und immer noch am Wasser liegt, an der endlosen Promenade, deren Lichter sich bis zum Horizont ziehen. Wir haben um 1800 am Donnerstag angelegt und 17 h Aufenthalt: die ganze Nacht. Mein Hunger war zu groß zum lange Suchen, in einem Ecklokal im Freien servieren sie Gegrilltes, weißen Reis, Gemüsereis mit Graupen/den Kichererbsen und Kräutern, den es auch auf den Kapverden gab, Kartoffelsalat. Und Acerola-Limonade. Dann Spaziergang ins Städtchen. Die Gegend am Ufer wirkt alt und heruntergekommen und mir nicht ganz koscher. Teils Bretterbuden, teils Geschäfte mit großen Plänen: für gemauerte Gartengrills, für Klimaanlagen, eine Fahrschule. Und Eckkneipen und kleine Supermärkte. Später: Freiluftplätze für Beachtennis, auf Beachvolleyballfeldern. Sieht nicht wirklich athletisch aus, aber interessant.
Die Strandpromenade fängt belebt als Treffpunkt der Jugend an, ein Grilllokal mit Biergarten im baumbestandenen Park am Wasser. Von da ab zieht sich die Spazierstrecke das Ufer entlang. Auf dem Rückweg wage ich mich durchs Hafenviertel – alles völlig harmlos. In einer In-Bar, halb offen am Ufer, mit Livemusik (zwei Jungs, Gitarre, Cajon) ist die Hölle los. Ich muss vor allem die Toilette aufsuchen, kann mich aber nicht verständlich machen, die gebe es hier nicht. Finde ich aber. Nach zwei Halbliterflaschen Spatenbräu sieht alles noch freundlicher aus. Auf dem Rückweg setzt Regen ein, ich stelle mich unter. Und bin um elf wieder aufm Schiff.

Auch ein Frachtschiff: die AMAZON STAR am Ponton in Santarém

Heute, Freitag, früh um 0600 vom Kaffeeverkäufer geweckt, der mich über den Tisch zieht. Milch flockig, Kaffee lauwarm, trotzdem verlangt er RS 5 (€ 1). Was sich als Gringo natürlich leicht verschmerzen lässt. Yucca-Pfannkuchen mit Rührei zum Frühstück an der Hafenbude. Plus drei Kaffee für RS 10 (€ 2). Nervig sind zwei andere Passagiere der AMAZON STAR. Sie verlangen Kaffee ohne Zucker (muss frisch gemacht werden), um dann doch esslöffelweise Zucker hineinzurühren, bestellen große Wasserflaschen (die die Budenbetreiberin von quer über den Platz besorgt), um sie dann doch nicht zu nehmen – sie wollen zum nahen Supermarkt, wo es das Wasser billiger gibt. Dabei hat die eine sicher ein halbes Monatseinkommen in aufgespritzte Lippen, gefärbte Haare, Sonnenbrille und -schirm investiert. Und die ganze Zeit beschweren sie sich (soweit ich das verstehe, sie reden portugiesisch) darüber wie teuer alles sei und wie schäbig die Kabinen. Dagegen sind meine alten Kreuzfahrterfahrungen erbauliche Geschichten mit erhebenden Charakteren. Überhaupt Frauen an Bord. Nennen wir sie die Lebenslustige: Minipants, tiefer Ausschnitt, Haare zur Scheitelpalme hochgesteckt. Sucht schäkernd Anschluss mit Jung und Alt, Hauptsache männlich. Und wer sitzt in dem Wagen, der gestern Nacht augenscheinlich ohne Berechtigung Zufahrt zum Anleger erschleichen wollte, das Schmiergeld vorsichtshalber schon nach vorne gereicht? Heute ist die Lebenslustige aufgedreht mit ihrem Sohn (ca. 18) auf der Barterrasse zugange, schießt Selfies und lacht verliebt. Wahrscheinlich bilde ich mir das alles nur ein, sie haben gestern Nacht noch Passagen gekauft, der Junge trägt ein Armbändchen wie wir alle. So erklärt Klein-Ulli sich eben die Welt …
Draußen vor dem Anleger laufen heute zwei Farben Wasser zusammen, dunkelbraun und hellgrün, beides trüb (wie auch aus Wasserhähnen und in der Kloschüssel). Wo der leichte Wind im weiten Flussbogen vor Santarém gegen die Strömung der Wasserläufe steht, baut sich eine kurze, fiese Welle auf. Mal sehen, wie wir dort gleich durchkommen … Seit Manaus habe ich übrigens kein einziges Segelboot gesehen, obwohl es doch schick sein soll, den Amazonas hochzusegeln und es laut Navionics sogar Marinas gibt am Fluss …

(funktioniert gerade nicht, weiß der Himmel, wieso –
hier der link): https://youtu.be/TGODe_Z69nA

Überpünktlich um 1045 pfeift der Dampfer mehrfach dröhnend und legt ab. Einmal Dünnpfiff-Hose (die klumpige Milch von vor dem Frühstück steht in Verdacht!) ausgewaschen, zwei Stunden geschlafen, schon biegt die Fähre in einen Seitenarm mit Sumpfweiden ab und legt 1530 in /Monte Allegre an. Dort drängeln sich Reisende und Snackverkäufer auf dem Ponton und ein Delfinpaar zieht (wie gestern beim Anleger an der Lehmpiste) direkt davor seine Kreise – im Trüben, die können auch mit Ultraschall jagen, hab ich gelesen.

Um halb acht der nächste Stop, Parinha, an einem winzigen verblichenen Holzanleger, zweistöckig, der gut am Mississippi von Onkel Toms Hütte oder Tom Sawyer und Huckleberry Finn stehen könnte. Nur eine Viertelstunde, Passagiere austauschen. Und vier Männer wuchten eine riesige Kingsize Matratze die schmale Treppe zum Oberdeck des Stegs hoch. Spätestens seit Santarém sind wir nicht mehr in Amazonien, sondern im Bundesstaat Pará (nach dem indigenen Namen des /Gråo Pará, des Fluss-(so weit wie das) Meer(es)).
Lukas heißt der Londoner/Brasilianer, der mich, samt seiner blond-kurzhaarigen deutschen Freundin so sehr an mich/uns vor vierzig Jahren erinnert (beide mit riesigen Brillen) und mir deshalb unwillkürlich sympathisch ist. Andrea ist der Italiener aus Livorno, seine Freundin, Brasilianerin, kommt aus Sao Paolo. Die drei Amerikanerinnen, von denen eine deutsch und aus dem Harz ist. Und das französisch-schweizerische Paar aus der Suite No. 8 – es ist der Tag der Bekanntschaften.

Billig: Deck 2

Sa., 23.03.
Regensturm um Mitternacht. Seitlich prasselt das Wasser herein. Mein Nachbar, noch exponierter als ich, baut seine Hängematte ab. Auf meinem Platz „nur“ Sprühwasser, nicht mal kalt. Bloß dass der heulende Wind dazukommt. Auf den letzten (überdachten, aber seitlich ungeschützten) drei Metern zum Klo werde ich triefend nass, bevor ich die Klotür gegen den Wind zuknallen kann.

Dunkel: Gurupá

Um 0500 Gurupá. Hier sind sogar die Holzpoller kurz vor dem Verrotten, unbehauen und schief. Zwiebeln und wenige Passagiere werden angelandet und aufgenommen. Die Nacht war lang, ab sechs gibt es endlich Frühstück. Andrea, der Italiener, weist mich darauf hin, dass meine Hängematte viel zu tief hänge. Spanne ich flacher und der zweite Schlaf bis acht geht sehr viel besser. Urplötzlich sind fliegende Händler auf dem Dampfer, der O-queso-queso-queso-Singsang ist wieder da. Dabei habe ich gar nicht mitbekommen, dass wir gehalten oder gar angelegt haben sollten …?

Lahm: Holzfloß

Wider jede Intuition wird der Fluss zur Mündung hin schmaler, verzweigt sich in unzählige Seitenarme. Der, durch den wir fahren, ist gerade mal 200m breit, nach 4,1 nm (über 7 km) gestern. Bretterhütten auf Stelzen, Einbäume, knatternde Motorboote, kleinere Fähren, einige ans Ufer gezogen. Zahlreiche Schiffbauer. (Inzwischen hätte ich auch schon fast wieder Lust, eins anzufangen.) Auch drei Kirchen mit jeweils eigenem Anleger. Kinder und Jugendliche paddeln zur Fähre heran, drehen dann wieder ab. Ob sie Geschenke erwarten? Oder einfach neugierig sind? Feinsäuberlich aufgefächert warten Holzstämme im Wasser auf ihren Weitertransport. Matratzenkino: von meiner Matte aus sehe ich durch einen Wetterschutzgrill das Uferleben wie einen Film vorbeiziehen (s. Video (folgt)). Es ist noch nicht mal 1000 und doch schon ein völlig anderer Film: Regenwald, Einbäume, Bretterhütten. Und strahlender Sonnenschein, außerhalb des Schattens unerträglich.

Wir fahren inzwischen auf einem schmalen Seitenarm, werden Belem sozusagen „auf dem Landweg“ erreichen. Und nicht, wie ich naiverweise vermutet habe, hinaus aufs offene Meer kommen – wäre auch ein enormer Umweg gewesen. Um halb zwölf Sturzregen in einer gelben Wand, so dicht, dass sogar der Dampfer kurzzeitig die Fahrt verringert. Ein ewig langes Hölzerfloß, mitten auf dem Fluss. Und dann erfahre ich, wo die Händler herkommen: mit ihren schnellen Motorbooten legen sie sich außen an den Dampfer, machen an den Traktorreifen (als Fender) fest und klettern an Bord – oder schicken ihre Kinder.
Ein Teenagermädchen, vielleicht 15, hat sich für ihre Verkaufstour mit rotem Minikleid schick gemacht. Fürsorglich schenkt ihr die (brasilianische, aus Sao Paolo) Freundin von Andrea eine Großpackung Kräcker. Die Jugendliche dankt freundlich, aber als sie sich wegdreht, verdreht sie die Augen zu ihrer Freundin – als ob sie nicht genug zu essen hätte …! Ergo: nicht nur ich Gringo hab Schwierigkeiten zu beurteilen, wie schlecht (oder gut) es den Leuten geht.

Lila: Tucumao

Um halb drei noch ein Halt, Breves, aber nur ganz kurz, das Hafenviertel am Fluss sieht auch nicht besonders vielversprechend aus. Im Fluss: ein fleischfarbener (Albino?-) Delfin.
Jetzt gerade, Mangroven an Stb, Dschungel an Bb, tritt ein, was Herbert angekündigt hatte: der Wald ist zum Greifen nah, der Flussarm vielleicht noch 30m breit.
Nachmittags esse ich meine Vorräte auf: Tucumao heißt die kokosnussgroße grüne Frucht, an der seitlich Blätter abstehen wie Fischflossen. Innen eine Überraschung: das Fruchtfleisch, ein wenig wie Kiwi und schmeckt auch so, ist leuchtend lila. Und färbt sicher tierisch ab. So kräftig ist der Farbstoff, dass er sogar noch am anderen Ende des Körpers (am nächsten Morgen) das Produkt wunderschön dunkelviolett färbt (Bristol null bis eins). Sonnenuntergang, dramatisch wie immer (mit Wetterleuchten), später gibt es eine hell aufleuchtende Sternschnuppe über einem Schlepper mit endlos langem Hölzerfloß. Und nach einer kurzen Nacht im Morgengrauen: Belém. 0530 legt der Dampfer an, schiebt sich mit Gewalt in den Schlamm (es gibt Ebbe und Flut in Belem, habe ich heute erfahren), alle packen ihre Sachen und Hängematten und die Neuwagen werden von der Fähre rangiert. Wir sind viel zu früh, mein Abholer ist noch nicht da. Später merke ich, dass die Uhr umgestellt wurde, es ist schon halb sieben. Um acht treffen wir uns endlich, Junior hat am Schiff gewartet, ich draußen vor dem (schäbigen, abgelegenen) Hafentor. Er bringt mich ins Hotel, Gepäck abgeben. Wir warten bis der Schlagregen aufhört. Stadtführung ist angesagt: Altstadt, Märkte (Fressbuden, Obst, Gemüse, Medizin- und Kräutermarkt, Fischmarkt). Dann das Museum für Sakral- und Indigenen-Kunst, im ehemaligen Jesuitenkloster aus der Gründungszeit der Stadt (1618). Besonders schön: Muiraquita frogs, aus Jade geschnittene Frösche, die einmal im Jahr verschenkt werden. Und zwar von den Frauen der Ikamiabas, eines Indigenen-Stammes aus der Nähe von Santarém, als Dank an die Männer, von denen sie sich, nur an einem bestimmte Tag, einmal im Jahr, befruchten lassen. Den Rest der Zeit leben die Frauen für sich alleine. Heute werden ähnlich nachgemachte Frösche noch immer verschenkt, als Talisman für Glück und Fruchtbarkeit … Leicht einzusehen: einen Macker nur einmal im Jahr um sich zu haben und sonst seine Ruhe: das ist Glück.


Und die Bastion am Wasser, mit Kanonen.
Im alten Hafen schrubben die Fischer ihre Kutter, sie fahren nachmittags wieder raus. Und die Geier, schwarz, mit grauem Faltenhals, warten auf den Giebeln der umliegenden Altstadthäuser (z.T. mit portugiesischen Kacheln als Fassadenschmuck) darauf, dass die Flut vorbeigeht und die Ebbe den Hafenboden freilegt, wo die Fisch(rest)e liegen, die von den Fischern über Bord geworfen worden sind … Alles sehr prall und lebendig.

Teil 3

Mein Guide Junior stammt aus Marajó einer Insel mitten in der Mündung und der Stadt gegenüber (und größer als die Schweiz), die Belém mit Arbeit (Aluminiumfabrik) und Ost und Gemüse versorgt. Andauernd setzen Fähren über den Fluss, vor allem aber alle Richtungen: der Amazonas ist eher Meer als Fluss.
Abends habe ich die Empfehlungen von  Junior abgearbeitet, das Freiluftrestaurant genau neben der alten Oper (so alt wie die Manaus). Excellente Cupuaçu-Limonade, der Filhote alla Cheff, Superfisch gemäß Junior, war leider zu Tode paniert (Fischstäbchen vom Edelfisch), dazu Jambu-Soße, das Leib- und Magen-Würzkraut der lokals (in fast allem vom Likör bis zur Fischsoße). Danach zum Sonnenuntergang (verpasst) die Craft-Brauerei Amazonas Beer am Flussufer probiert. Die ehemaligen Lagerhallen sind zur Ausgehmeile par excellence aufgehübscht, etwa wie das Kranufer (auch mit Kränen!), nur in schön und superpopulär. 2025 wird in Belém der Weltklimagipfel stattfinden, danach kennt es jeder … Kurz: Es ist (für mich) die zweitschönste Stadt Brasiliens.

Belém: Oper

48. (Abschied von) Vacamonte

Niño (rechts am lila Außenborder) arbeitet

Oder eigentlich besser: Abschied von der guten alten Elli, für hoffentlich (nur/mindestens) neun Monate, schnief.

Donnerstag, 14.03., hab ich früh getankt in der Marina Flamenco, Schulden bezahlt, bin losgefahren. Ereignislos bis mittags nach Vacamonte motort. Beim Torre angemeldet. Kommt mir Niño schon entgegen (Meine Sorge, ihn vielleicht nicht wiederzuerkennen war also völlig unbegründet; außerdem steht in großen Lettern »El Niño del West« auf seiner Lancha – und auf seinem Sonntags-Fußball-Trikot). Er macht mich längsseits an einem im Hafen liegenden Fischkutter fest. Find ich genial: brauch ich mir über Anker, Ebbe, Flut, keine Gedanken zu machen. Niño ist zutraulich, will quatschen, versorgt mich mit Essen (Frühstück: Eiersandwich, Abendessen: Bratfisch), Zigaretten, Wasser. Bringt mich an Land, wo ich beim Torre vorbeischaue, beim freundlichen Hafenbüroleiter eine Etage tiefer und bei der Seguridad (mein Carnet mit Lichtbild) abholen. Außerdem Essen im Restaurant (»Wo ist der Compañero?« werde ich gefragt, sie erkennen mich wieder, alle sind superherzlich). Wo ich schon mal an Land bin, gleich beim Astillero Nacional vorbeigeschaut, dem großen Kutterreparaturbetrieb mit eigenem Schiffshebewerk. Ingeniero Alejandro ist aber leider krank, kommt erst Montag wieder, zu spät für mich. Abends Bier mit Niño im Cockpit – er sitzt auf dem Deck des Kutters, anderthalb Meter entfernt. Er will alles Mögliche wissen, über Deutschland und mich. Da huscht ein Schatten über das Laufdeck. Ein kleiner Vogel? Dafür schleicht der Schatten zu sehr. Später sehe ich die Silhouette des Tiers im Mondlicht sehr deutlich.

Ratte an Bord

Zwar suche ich nach ihr, sie muss irgendwo auf dem Heck sitzen, aber kann sie nicht finden. Am nächsten Morgen ist klar, dass sie sich genau umgesehen hat: überall sind winzige Kotstreifen verschmiert, schwarz und zäh wie Lakritz. Nur riechen sie anders (Reviermarkierungen?). Freitags widme ich mich Aufräum- und Konservierarbeiten, ziehe die Cockpitpersenning auf, was das Sitzen einigermaßen unbequem macht. Dennoch kommt Niño gerne zum Abendessen (aleman!): Bratkartoffeln und Tomatensalat. Nachts knuspert es an Deck. Am Samstag früh hab ich die Ursache gesehen: Weil ich zu wenig Kartoffeln hatte, hab ich Niño ein Paket Kräcker aufgemacht. Hat er liegengelassen. Das war das Rascheln und Knuspern, das mich nachts geweckt hat. Im Innenraum, soweit ich das beurteilen kann: noch keine Ratte.

Die Illusion hat genau einen halben Tag gehalten. Als ich in der Backskiste der Stb-Salonbank die Bettwäsche für Niño heraussuchen will, jagd ein schwarzer Schatten davon und durch das Loch in der Wand zum Klo. Dort ist unter der Toilette jede Menge (für mich) unzugänglicher Stauraum, da unter den Bodenbrettern überall Durchlässe (für Wasserabfluss) sind, ein idealer Lebensraum, zum Beispiel für eine (trächtige?) Rättin auf der Suche nach einer neuen Heimat. Nachts macht mir das Tier Alpträume. Weibliche Mitfahrer kann ich wohl in Zukunft vergessen. Samstag abends gibt es Pasta mit Tomatensauce, danach Trauben und Käse. Niño scheint es zu schmecken, behauptet er wenigstens und bedankt sich aufgedreht. Er trinkt niemals mehr als ein Bier am Abend (aber bringt schon am Sonntagnachmittag das erste vorbei). Ich schon.

»Langfahrtsegeln heißt, sich ganz für sich allein zu betrinken.«

Kápi-Weisheit

(Montag, 18.3., Flughafen Tocumen, Panamá)
Für Sonntag hab ich mir nur noch wenige Arbeiten aufgespart: Geschirr spülen, Boden putzen, Seeventile und Gasflasche schließen. Niño bringt Frühstück (Tortilla, Spiegelei, gebratene Würstchen) vorbei, außerdem hatte ich schon den Rest der Tomatennudeln gegessen. Auf den Fischkuttern im Hafen verbringen die Mannschaften einen geruhsamen Sonntag, irgendwo dudeln Latino-Schnulzen. Ich verbrauche mein letztes Trinkwasser (ich will die Kanister wie den Tank trocken hinterlassen, weil sie, ist das Wasser einmal schlecht geworden, kaum noch sauber zu machen sind).

Regel 29: Wassertank muss leer sein, Dieseltank randvoll.

Aus: Maßnahmen für das Überwintern von Yachten

Den Motor mit Frischwasser gespült/laufen lassen und die Batterien abgeklemmt hatte ich schon am Samstag.
Heute früh kommt Niño wie verabredet, bringt mir Kaffee vorbei (in SEINER Köln-Tasse, auf die er ganz stolz ist »Kölsches Grundgesetz: §1:  Et hät noch immer jot jejange … etc., pp.«, außerdem habe ich ihm den starken Bauhaus-Strahler geschenkt, den er begeistert einsetzt, um nachts weit entfernte Kutter anzuleuchten …). Er ist zu früh und der Abschied wird kurz und unzeremoniell: alles abgeschlossen, Persenning-Reißverschluss zugezogen und fünf Sachen auf Niños Boot geräumt: Kleider-Rucksack, kleiner Compi-Rucksack, übrige Lebensmittel für Niño, zwei Mülltüten. Um halb acht in der Frühe lasse ich Elli zurück.
Frühstück im Restaurant fällt aus, sie sind leergegessen. Taxi zum Jumbo, dem Supermarkt samt Bushaltestelle, Bus nach Panamá, zur Einkaufs- und Marktstraße 5 de Mayo, wo ich tatsächlich eine Hängematte erstehen kann, und Metro zum Flughafen. Ich bin schon um 12 da, mein Flug geht erst um 1700. Aber leider funktioniert das Flughafen-WLAN (für mich) nicht. Muss ich bin Bogotá versuchen, wo ich drei Stunden warten muss…

Bogotá hat kurz geklappt, eine halbe Stunde WLAN war frei. Hat aber nur gereicht, um Mails zu checken und die aktuelle Tagesschau zu gucken …

Manaus

(Di, 19.03.)
Die Stadt ist ziemlich erschlagend. Andererseits: ziemlich faszinierend. Morgens losgezogen, die Gegend zu Fuß zu erkunden. Nachts um eins war ich angekommen, durch den Zeitunterschied (eine Stunde weniger – ich bin auf dem Heimweg!) war es bereits zwei. Bis ich durch den Zoll und aus dem Flughafen war, noch später. Jedenfalls um drei ins Bett gefallen und mir den Wecker auf halb acht gestellt, weil Frühstück gibt es im Hotel Amazon (Empfehlung des Taxifahrers) nur bis acht. Punkt sieben trommelt und prasselt der Sturzregen auf das Wellblechdach über mir: Regenzeit! Um neun also losgezogen, die Altstadt und der Hafen musste am Ende der Magistrale sein, die ziemlich genau am Hotel (und am Busbahnhof gegenüber) vorbeiführt. Zwei Stunden stramm marschiert, tatsächlich irgendwann Gründerzeitgebäude und so etwas wie den zentralen Platz gefunden. Und Herbert. Lebt seit elf Jahren hier. Ist Deutscher aus Augsburg und wir waren uns auf Anhieb sympathisch (ich ihm als Kunde, er mir als prekärer Lebenskünstler). Long story short: erstmal im Fischrestaurant Pirarucu (Großfisch)-Eintopf mit Früchten und Gemüse gegessen – spektakulär. Vorher Fischsuppe (aufs Haus) und dazu Reis und orangene Gemüsesoße (nachgucken, wie das hieß!) Dann Stadtführung angesagt und (wie immer mit Führer) hab ich Sachen gesehen, die ich mich alleine niemals getraut hätte. Erst die Einkaufsmeile, die alte Zollstation, den Fährhafen, den Rio Negro (der erst hier in Manaus mit einem anderen Fluss zusammengeht und den Amazonas bildet), den Fleischmarkt, den Gemüsemarkt, den Fischmarkt, den Bananenmarkt (sic!), den Seitenarm des Rio Negro, die Müllsammelschiffe mit ihrem jeweils eigenen Bagger, die Villa des Kautschukbarons Scholz (verarmt in Deutschland gestorben), den Zucker-, Nüsse- und Trockenfrüchtemarkt. Und nebenbei Obst (und Anti-Mückenöl) für die Bootstour morgen gekauft. Und Acerola-Dicksaft (Açai [Assai]) getrunken, das Lebenselixier der Brasilianer, zumindest hier am Amazonas.

… bis ich mir wirklich nichts weiteres mehr merken konnte – Herbert ist ein wahres Lexikon: Gaviola heißen die Fährschiffe (Oberdeck nehmen!), Tucumao eine Frucht mit Blattansätzen, Guyaba eine Frucht zum frisch essen, Tucuma (falsch gemerkt?) eine Frucht, die die Brasilianer zum Frühstück essen, fett wie Avocado.

Hinten: Oper von Manaus; vorne: Herbert
Vierfach-Big-Mac: Balkone in der Oper

Als ich echt nicht mehr konnte, ging es erst richtig los: Armstrong (»Amistrong«), geboren im Jahr der Mondlandung, erwartet uns schon vor der Oper. Armstrong ist der Chef von Herbert und staatlich geprüfter Reiseführer (und Besitzer eines Hotels und einer Reiseagentur). Er hat mir jedenfalls eine Opernführung verpasst, Herbert durfte Stichworte beisteuern, und vor allem: meinen kompletten Brasilienaufenthalt durchgebucht. Herberts Vorschläge (Sao Luis, die Dünen und blauen Seen) aufgenommen, sämtliche Bustrips plus Transfers, Abholungen und Übernachtungen gebucht. Seither suche ich Geldautomaten, die meine stark belasteten Kreditkarten noch weiter ausbluten können. Insgesamt 8300 Reales, ca. € 1600, nimmt er für 14 Tage Hotelübernachtungen, Stadtführungen in Belem, Sao Luis und Rio, den Bus Belem-Rio (1800km!) und eine zweitägige Dünentour bei Sao Luis. Irgendwann schwirrt mir nur noch der Kopf und ich hoffe sehr, dass ich heute nicht einen Riesenfehler gemacht habe … Ach ja: Hab ich schon erwähnt, dass es mein erster Tag in Brasilien ist und ich nur vier Stunden geschlafen habe? Ohne Herbert wäre Manaus einfach nur ein Moloch gewesen – 2 ½ Mio Einwohner, ein paar davon leben auf der Straße bzw. auf Pappkartons. So ist es eine der faszinierendsten Städte, die ich in Brasilien kenne – und außerdem die einzige. Oder eben: ein bisschen wie Punta del Este …

Nachts hat mich Armstrongs Fahrer konspirativ zum Hotel zurückgebracht, ich hab meine USD 750 aus dem Rucksack geholt und ihm übergeben, eine Szene wie aus einem Mafia-Film: ich ziehe das Geldbündel (alles in 20ern!) aus meiner Recycling-Einkaufstasche (Coop, noch aus England) er sitzt am Steuer des mit laufendem Motor wartenden Wagens und zählt nach …). Morgen verspricht wirklich spannend zu werden, weil sich das konkurrierende Reiseunternehmen, bei dem ich die Amazonas-Tour gebucht habe, wegen der Abholung noch nicht gemeldet hat. Ich werde um 0715 mit Amistrongs Fahrer losziehen, die Bankautomaten leersaugen und den anderen Fahrer (falls er überhaupt kommt) vertrösten: Ich treffe ihn direkt am Schiff … (und hoffe, dass mich mein Fahrer dort absetzt.) Bin ich zu ausführlich? Ich bin einfach übernächtigt und überdreht.

47. Tiefes Loch und Höhenflug

Mittwoch, 13.März. Alles ist gut. Der Motor läuft, spuckt auch kein Öl mehr aus, ist in besserem Zustand denn je. Es war ein steiniger Weg bis hierher.

Kupplungsdom (vorne links), Schwungrad (Mitte, silbrig) (Perspektive aus der Achterkajüte)

Spoileralarm: Im folgenden kommen jede Menge technischer Details, nicht wirklich interessant. Aber für mich stellen sie im Augenblick das Wichtigste in meinem Alltag dar. Und bestimmen meine Stimmungen. »Sonst beschreibt er jedes winzige Schräubchen, aber über deine Arbeit verliert er gerade mal einen Satz!« – so hat Andrea (völlig zurecht) über Paulas Rolle bei der Reparatur in der Blackness Marina bei Dartmouth geurteilt. Paula hat dort das komplette Antifouling aufgetragen [die Bewuchsverhinderungsschicht am Unterwasserschiff, eklig klebriges und giftiges Zeug]. Also: die folgenden Absätze gerne überspringen, wenn es euch nicht interessiert.

Alejandro und sein Stift Julio haben tatsächlich am Do., 7.3. den Motor schräg nach oben gehebelt bzw. gewuchtet, zuvor die Propellerwelle abgebaut, und Kupplungsdom samt Getriebe abgeschraubt. Dann war der Schaden zu sehen: die Kupplungsscheibe [die eigentlich nur ein Impulsdämpfer ist: Verbrennungsmotoren drehen nicht rund, bei jeder Zündung/Explosion jagt ein Ruck hindurch, der von drei kräftigen Spiralfedern in der Kupplung vom Getriebe abgeschirmt wird] hatte sich vom Schwungrad abgeschoren, sieben der acht Befestigungsschrauben lagen im Gehäuse. Die achte war gebrochen. Also mussten die beiden das Schwungrad demontieren und mitnehmen, um die abgebrochene Schraube ausbohren zu lassen. Haben sie am Freitag, 8.3. gemacht, (wie geschrieben). Kamen sie am Montag nachmittag wieder, haben alles zusammengebaut (das Schwungrad war sandgestrahlt und sah aus wie neu). Vorher haben sie einen Helfer, Miguel geschickt, der den gesamten Motor und den Motorraum entfettet, gereinigt und poliert hat. Sah zwar nicht aus wie neu (viel abgeplatzter Lack), aber sehr sauber. Um vier waren sie fertig und ich hatte einen funktionsfähigen Motor. Brauchte ich nur noch den Ölfilter erneuern (der sollte nämlich lecken) und Öl nachfüllen.

Links neben dem Schwungrad: die abgebrochene Motoraufhängung (blau)

Am Dienstag in der Stadt Öl und -filter gekauft, alten Filter abgeschraubt und die Dichtfläche genau untersucht. Ziemlicher Fehler bzw. nochmal gut gegangen: im Flansch, der die Gummidichtung des Ölfilters aufnehmen soll, klafft ein ca. 8mm langer und 1-2mm tiefer Riss, wahrscheinlich ein Gießfehler im Aludruckguss des Motorgehäuses. Der Riss sitzt quer zur Dichtung und ist augenscheinlich der Grund für den heftigen Ölverlust. Alejandro war zum Glück in der Marina zugange und kam sofort vorbei: das lasse sich flicken, müsse ausgefräst und mit Epoxy gefüllt werden. Könne er am folgenden Tag (heute: Mittwoch) ab ca. 1000 machen. Um elf hab ich Julio und ihn auf einem anderen Boot werkeln sehen, als sie um 1300 immer noch nicht aufgetaucht sind (»Warten auf Mechaniker«, ist als Überschrift leider schon so oft genutzt, dass ich mir was anderes einfallen lassen muss – story of my life), habe ich ihn angerufen, er hat mich versetzt: eine andere Reparatur habe viel länger als geplant gedauert, er könne erst am Freitag kommen. Durch Betteln habe ich ihn auf Donnerstag Nachmittag überredet. Aber trotzdem wirft das meinen Zeitplan komplett durcheinander. Niño, mein Bewacher in Vacamonte, hat schon angerufen, ich habe ihn von Montag auf Mittwoch, jetzt auf Freitag vertröstet. Aber wenn es am Freitag nicht klappt, bin ich in Schwierigkeiten – am Montag muss ich einen Flug kriegen. Und vorher in Vacamonte das Boot ordentlich verankern, es winterfest machen, mich bei der Hafenbehörde anmelden, Niño seinen Vorschuss geben … Tiefes Loch.
Dann besinne ich mich. Epoxy habe ich an Bord. Davon ein paar Tropfen anzumischen und mit ein paar Fitzeln Glasfasern anzudicken, damit das Zeug nicht davonläuft, kann nicht so schwer sein. Der Schlitz ist schließlich winzig, an beiden Enden geschlossen und muss nichts aushalten als den Druck des Öls. Gesagt, getan. Um halb vier ist das Loch geflickt, um halb sechs das Epoxy hart geworden und mit dem scharfen Stanley-Messer abziehbar, um sechs klemmt der neue Ölfilter, ist das Öl drin und der Motor läuft Probe: dicht. Den Höhenflug konnte ich nicht so richtig auskosten, immer in Erwartung, dass doch noch was schiefläuft. Aber ein deftiges Abendessen hab ich mir gegönnt.

In großer Höhe: Fensterputzer am Towerbank-Gebäude
(gesehen auf der Suche nach dem Avianca-Büro)
Das Paket

Weil ich viel zu viele Sachen dabei habe, u.a. zwei Kamelhaardecken, hielt ich es für eine gute Idee, überzählige Klamotten (und ein paar Reisemitbringsel) in ein Paket zu packen und an mich (bzw. Paula) zu schicken. Keine gute Idee. Am Sa,. 2.3. hab ich es aufgegeben. »Ist aber schon sehr teuer«, sagte selbst der Angestellte im DHL-Büro: USD 248 für 12 Kilo. Per Flieger, per Express, was anderes bieten sie im Stadtbüro nicht an (nur am Flughafen, wäre eine weitere Stunde Fahrt und etwa die Hälfte kostet es dennoch). Soll am 5.3. („vor 1200 h“) zugestellt werden. So eilig hatte ich es gar nicht. Am Mi., 6.3. bekomme ich einen Anruf aus dem Büro Panamá, erst auf spanisch, später englisch, weil ich mich verhaspelt habe: Ich soll den Inhalt des Pakets genauestens beschreiben. Es sei nichts verloren gegangen, nein, es habe irgendwas mit dem Zoll zu tun. Am Fr., 8.3. werfe ich die Sendungsverfolgung an: Das Paket liege beim Flughafenzoll Leipzig. Schreibe ich eine Mail dorthin. Kommt postwendend, kompetent und freundlich eine Mail zurück: keineswegs liege das Paket beim Zoll, es sei gerade mal vorangemeldet und von DHL noch nicht bereitgestellt worden.  (Skandal: DHL schiebt den Zoll vor!) Inzwischen kommt eine Aufforderung per Post an Paula (die Adressatin): Sie solle a) eine Kopie meines Passes, b) meiner Reisetickets für Hin- und Rückreise, c) eine genaue Inhaltauflistung und d) eine Erklärung darüber schicken, dass der Inhalt aus Reisegepäck bestehe. (Sonst werde das Paket am 12.3. zurückgeschickt!) Schicke ich Kopien meiner zwei Flugtickets (St.Maarten-Curaçao und Panamá-Manaus) mit. Soll ich sämtliche Tickets der Reise nachreichen. Zähle ich einfach auf (Bus, Kreuzfahrtschiff, Flieger, Segelyacht, Flieger, Fähre, Bus, Kreuzfahrtschiff, Bus). Und im Kleingedruckten steht auch noch, dass DHL € 41 an Gebühr für die Zollabfertigung verlangt. Schreibe ich meine nächste geharnischte Mail an den dhlhubLeipzig. (Inzwischen sind acht (1) identische Warnmails bei mir aufgelaufen, die mir den Termin (13.3.) für eine „Customs Clearance“ avisieren nicht einmal die EDV weiß, was sie tut.) Jetzt hat Paula auch noch eine Zahlungsanweisung über € 71 erhalten, so als ob die Zollabfertigung tatsächlich schon stattgefunden hätte … Keine Ahnung, wie das ausgeht.

Zwischendurch, am Sa., 9.3. den Flug nach Manaus gebucht bzw. zu buchen versucht: das Stadtbüro (Adresse von der Avianca-homepage) ist schon seit Jahren geschlossen, am Flughafen gibt es nur die Abfertigungsschalter, lange Schlangen davor. Heutzutage muss man einfach über Internet buchen, was ich dann am Samstagabend auch entnervt tue. Am Sonntag, 10.3. im Biomuseo gewesen, gleich hier auf dem künstlichen Damm, den die Amerikaner aus dem Abraum des Kanalbaus aufgeschüttet haben und damit die Inseln Naos, Perico und Flamenco mit dem Festland verbunden (und zu Festungen und Geschützstellungen ausgebaut) haben. Ein kunterbunt verschachtelter Gehry-Bau, der die (erdgeschichtliche) Entwicklung des Istmus, der Landenge, und ihrer Bedeutung für Flora, Fauna, Besiedlung und Geschichte erzählt. Sehr anschaulich, sehr computeranimiert und überwältigende Filmaufnahmen (im Rundum-Kino). Außerdem zwei gebäudehohe Aquarien mit den Meeresbewohnern von Karibik und Pazifik (nur mit glasklarem Pazifik-Wasser). Sehr schöner Spaziergang, sehr schöner Tag.

Täglicher Auslauf: Schwimmstege in der Marina

Diese ganzen Ereignisse schreibe ich mir eigentlich nur deswegen vom Leib, weil ich absehbar in nächster Zeit offline sein werde: bis Montag in Vacamonte (kein WLAN), dann Flug, drei Stunden Aufenthalt in Bogota (vielleicht WLAN), dann vier Tage Fähre (kein WLAN), dann 20h Busfahrt Belem-Brasilia, dann nochmal 20h bis Rio. Dann vielleicht WLAN im Hotel. Dann Kreuzfahrtschiff bis 20.April und Barcelona. Dann Bus.

Kurz gesagt: Geht besser davon aus, dass ihr in nächster Zeit nichts von mir hört. Es folgt noch ein kurzer Jahresrückblick, irgendwann im April. Aber eigentlich war es das für dieses (halbe) Jahr. Im Januar 2025 geht es hoffentlich weiter.

46. Luxusyacht ERZEBET

Bei der Ankunft in Flamenco Marina (Foto: Ina)

Als Odysse letzte Woche im Bankenviertel herumspazierte und sich die Luxusgeschäfte ansah, kam er auch am Büro eines Immobilienmaklers vorbei.  Und ging rein. »Where are you staying?« war eine dessen erster Fragen. »Oh, on a boat in the Yachtclub«, gab Odysse zurück. Anscheinend eine angemessene Antwort, denn danach hat er Angebote für Kaufappartments in der Innenstadt für 2 Mio vorgeschlagen bekommen. Da hat die gute alte ELLI aus Versehen einen (falsch) guten Eindruck gemacht …

Hier in der Marina Flamenco werden, wie schon geschildert, steile Preise aufgerufen. 70 USD pro Tag, Elektrizität geht extra. Weil mein kaputtes cutless bearing nur außerhalb des Wassers repariert werden kann und die das in Vacamonte nicht machen konnten und inzwischen auch entweder das Getriebe oder nach neuesten Erkenntnissen möglicherweise die Kupplung kaputt ist, hab ich das Angebot des zur Marina gehörenden Reparaturbetriebs eingeholt. Dauerte. Vielleicht, weil es so schwierig war, die astronomischen Zahlen zu addieren: 8250 USD. Für Platzmiete, Ausbau des Motors, Auswechseln des cutless bearings, Antifouling und einen Mietkran (weil der Kran des boatyards kaputt ist). Und das alles ohne Garantie, dass die Reparatur funktioniert (weil sie Ersatzteile vielleicht nicht in der richtigen Größe dahaben, weil vielleicht das Getriebe kaputt ist …) Dazu kommt noch der Travellift mit 950 USD und die Ersatzteile. Macht zusammen rund 10.000. Musste ich mich erstmal setzen.

Nasenbär im Parque Natural

Das Boot hierzulassen würde 1588 pro Monat kosten – gar nicht soo astronomisch, wie ich gefürchtet habe. Einen Tag Bedenkzeit genommen. Antifouling und Kran vom Kostenvoranschlag gestrichen, 600 gingen die auch noch runter: sind wir bei 4200. Immernoch ohne Garantie. Und unter der Voraussetzung, dass ich es hinkriege, den Motor mit Bordmitteln (Großschot) rauszuhieven.

Odysse(s Bart) vor der Brücke der Sehnsucht: Puente de los Americas

Rücksprache Paula und ihr Rat: Cool bleiben, erstmal ablehnen. Alternativen suchen.

Bin ich in die benachbarte Marina Playita spaziert. Die rufen noch höhere Preise auf. Haben mir aber einen Mechaniker empfohlen. Sogleich mit ihm telefoniert. (Das war am Donnerstag) Soll ich am Montag (heute) wieder anrufen, ob er am Dienstag kommen kann. Rief ich um die Mittagszeit an, war er schon hier in der Marina, kam innerhalb von Minuten vorbei, ein dicklicher kleiner Mann, redete gern, viel und sehr von sich überzeugt. »Ich berechne nach Job, nicht nach Stunden. Wenn einer nach Stunden berechnet, heißt das nur, dass er langsamer arbeitet.«

Er will das Getriebe (und den Kupplungsdom)abbauen (Propellerwelle nach hinten verschieben), ohne den Motor auszubauen. Soll ich am Mittwoch wieder anrufen, ob er vielleicht am Donnerstag oder Freitag anfangen kann. Hab ich wieder Hoffnung.

Seglerleben

Nicht alle Tage hab ich in der Marina verbracht, die Decksausrüstung schon fast komplett abgebaut, die nota nachgetippt (das Schreiben an die Dezernentin, die für den Hafen Vacamonte zuständig ist, wo ich um Erlaubnis nachsuche, das Boot neun Monate zu lassen), ein großes Paket mit Klamotten nach Hause geschickt, im Eisenwarenladen nach Ameisengift und Leinen gefragt, Lebensmittel eingekauft (Ananas für 0.75 USD, köstlich), einen Abendspaziergang zum Pizzaessen unternommen und das Boot aufgeräumt und saubergemacht (noch nicht ganz fertig).

(auch nicht) ruhigere Tage: Vacamonte

Direkt hinter mir liegt eine Supersegelyacht, eine Ketsch aus den Fünfziger Jahren. Ihr Besitzer hatte schon Odysse angesprochen und ihn auf ein Bier eingeladen. Diese Einladung hat er auch mir gegenüber wiederholt und am Samstag um 1700 war ich dort. Anne und Gary sind Australier, Gary hat aber hier eine Fabrik (für Abschattungsgewebe) aufgemacht und ist gerade daran, eine weitere (seine sechste) für Modulfertighäuser aufzuziehen. Hat er aber seinem Sohn übertragen, er hatte einen Schlaganfall und ist noch rekonvaleszent (70 Jahr alt, alle beide, ihr sieht man es nicht an).
Das Schiff SEA DIAMOND ist eine Legende, die Kennedys (JFK und Jackie) sollen schon drauf gewesen sein, die Queen of England (der Vorname fällt mir grad nicht ein) hat mehrfach Urlaube auf dem Schiff verbracht, Rockstars, Banker, etc. Als eine („die“) New Yorker Innenarchitektin eine Innenausstattung designte (drei Bereiche mit drei Stilrichtungen, Venedig, Vivaldi, Gershwin), musste ein früherer Besitzer passen: statt 1,7 Mio sollte das Kunststück am Ende 7,5 Mio kosten. Das, und der Moment, wo er mit den Anglerstuhl für seinen Sohn zeigte („ein passionierter Angler“) waren die einzigen Male, da wir über Geld gesprochen haben (und als Anne sich aus einer Situation, wo sie „angebettelt“ wurde, aber sich nicht sicher war, ob sie die Dame nicht doch aus gesellschaftlichen Zusammenhängen kennt, nur mit einem Trick herauswinden konnte …). Der Anglersessel, kippbar, mit Fußstütze und Armlehnen, stilsicher aus den 50ern, kostete USD 25.000.

ELLI (links) und SEA DIAMOND (rechts, etwas größer)

Das Bier stellte sich als köstliche Imbissplatte heraus, selbstgebackene Blumenkohlbratlinge mit Joghurtsoße, Schinken, Käse (mit Zwiebelconfit), Lachs-Taramá. Nur Besteck gab es keins (sollte mit Cräckern funktionieren). Doch zuvor Schiffsführung: Jede Oberfläche aus massivem Edelholz, Nussbaum, Mahagoni. Oberflächen als Stilmittel: die Eignerkabine („Venedig“) hatte matte Flächen und hochglänzende Rahmen. 5 Esstische für jeweils acht Personen, im Mittelcockpit (völlig wettergeschützt), auf dem Vorschiff, auf dem Heck, im Salon (wo wir saßen) und im Esszimmer (vier Stufen tiefer, neben der Küche). Alleine die Crew-Kabinen, jeweils mit eigenem Bad, hätten jeder handelsüblichen Luxusyacht gut zu Gesicht gestanden. Motorraum, Größe Squashcourt: zwei Achtzylinder-Diesel, zwei Generatoren (einer läuft durchgehend), zwei hydraulische Stabilisatoren (seitlich abstehende Ruder, um Rollen/Krängung zu regulieren), Kühlschränke, Waschmaschinen. Alle technischen Einrichtungen hinter Edelholztüren verborgen, versteht sich. Am Ende haben wir auch noch über mich gesprochen, es gab Weißwein und wir sind (Trinkspruch) „neue Freunde“. Echt sympathische Leute, ungezwungen, Anne hat zuhause zwei Pferde im Stall stehen (»die sind alt, die brauchen nicht mehr viel Bewegung, die kriegen ihr Gnadenbrot«).
In vier Monaten wollen Gary und Anne über den Atlantik nach Europa (ich hab ihnen Malaga empfohlen), größtenteils unter Segeln (obwohl sie 8000l Diesel dabei haben und die Maschinen „kaum etwas“ verbrauchen). Klingt wie ein romantischer Plan. Jedenfalls bin ich nach zwei Stunden ziemlich beschwingt die acht Schritte zurück auf mein Boot gewankt.

Heute hat Gary mir übrigens seinen Mechaniker herübergeschickt, Paolo hat auch seine Karte dagelassen, obwohl er mitbekommen hat, dass Alejandro mittags auf meinem Boot war. Wird doch wohl kein schlechtes Zeichen sein?

Schöner Hafen mit Sandstrand: Vacamonte

Odysse hat (wie auch Alba und Marlene) ein Kilo getrockneter Linsen gekauft. Die werden diese Woche kleingemacht. Gestern Linsensuppe, heute Linsen mit Nudeln (Spätzle gibt es mangels Eiern nicht), morgen Linsensalat mit Ananas (Inas Rezept). Gut durchgekocht ist es gar nicht so schlimm mit den Blähungen, außerdem bin ich ja sowieso alleine (seufz).

Am Dienstag letzter Woche stieg überraschend Loréna aufs Schiff, gerade angekommen nach einer Kanaldurchfahrt als Linehandlerin. Hab ich ihr Orangensaft angeboten. Hat sie stehen gelassen.
Irgendwann während des Studiums hab ich von einer Studie gelesen, nach der die Mehrheit amerikanischer Jugendlicher frischgepressten O-Saft als „schmeckt künstlich“ einstufen. Hätte nie gedacht, dass ich so eine Person einmal im richtigen Leben treffe. Lorena fand, der O-Saft müsse hinüber sein (sauer geworden, verdorben). Ob sie noch nie unverdünnten, ungezuckerten Saft getrunken hat?

Ebbe in Vacamonte

Dienstag, 5. März. Flamenco Marina (die dritte Woche bricht an – à USD 433.-).
Es gibt auch gute mal gute Nachrichten. Morgens bin ich früh los, um 1000 in Vacamonte aufgelaufen. Der Taxifahrer wollte warten, ich habe ihm gesagt, es könne länger dauern. Bei der Migracion meinen Bittbrief um Hafenerlaubnis für neun Monate vorgezeigt. Alle hatten Uniform an und sahen offiziell aus. Der Chef gab mir eigenhändig Unterschrift und Stempel für einen dreimonatigen Aufenthalt (bis 5. Juni). Ich müsse allerdings noch den Stempel der Seguridad, des Sicherheitsdiensts, einholen. Zwei Türen weiter, Anmutung wie ein Polizeirevier (blau gestrichen, Tresen), aber eine superfreundliche, verschmitzte Señora: neun Monate gingen gar nicht. Für drei Monate gebe es kein Problem, aber neun? Dass ich nach Deutschland fliegen und meine Familie sehen wolle, hat sie verstanden und erweicht. Es gebe eine Möglichkeit, Erlaubnis für ein Jahr zu bekommen. Müsse aber der Leiter der Hafenbehörde höchstpersönlich genehmigen.
Der Licen(ciado) ist erstaunlich jung, versteht mein Anliegen, warnt mich aber, dass im Hafen Drogenschmuggel, Prostitution und Diebstähle vorkämen, er habe zu wenig Leute, die aus Panamá-City schickten ihm zu wenig Personal. Im Prinzip habe er nichts dagegen, mir ein Jahr zu genehmigen. Gesagt, getan, das Risiko nähme ich auf meine Kappe. »Un año.«, Stempel, Unterschrift.
Na also, es gibt wunderbare Überraschungen, freut sich die hilfsbereite Dame vom Sicherheitsdienst. Formular ausgefüllt, Stempel, Unterschrift. Jetzt müsse ich nur noch bei der Hafenverwaltung drei Dollar für den Stempel bezahlen und ein Foto machen lassen.
Ging fast ganz schnell (Nur Odysse kann sich eine Vorstellung davon machen, wie das alles lief. Spoiler: Es ging viel besser als befürchtet, es hat insgesamt nur zwei Stunden gedauert.) Im Hafenbüro hab ich gewartet, bis der Kassierer seinen Schriftkram erledigt hatte – der Chef (oder der am nächsten zum Eingang saß), hat sich angeregt nach der ELIZABETH erkundigt, wo sie jetzt liege, was repariert werden müsse, etc. Er hat mich wiedererkannt und sich an meinen Aufenthalt mit Odysse erinnert –, drei Ocken bereitgehalten, es gab ein Formular, Stempel, Unterschrift. Im Kleinbüro gegenüber folgte Fototermin, außerdem einen Abholtermin: ab Donnerstag, acht Uhr kann ich meinen Besucherausweis für den Hafen, Gültigkeit drei Monate, abholen (oder später, ich hoffe am nächsten Montag nach Vacamonte fahren zu können). Wieder zurück zum Sicherheitsdienst, meine Nota mit inzwischen drei verschiedenen Stempeln und Unterschriften abgegeben. Und das Beste: Der Kollege der freundlichen Dame spricht mit dem Capitán im Kontrollturm und sie beratschlagen, wen sie mir als Aufpasser für das Boot empfehlen könnten. Ruft er den Mann auch gleich an, der kommt wenige Minuten später mit seiner Lancha um die Ecke, wir reden und kommen ins Geschäft: USD 20 pro Tag verlangt er dafür, ein Auge auf die Elli zu haben, »día y noche«. Ob sie Wasser ziehe, will er wissen. Ich verneine.
Also hab ich Mittags: die Genehmigung, ELLI dort im Hafen zu lassen; jemanden, der auf das Boot aufpasst; und eine Verbündete im Sicherheitsbüro: »Die Migration gibt nur drei Monate, aber fliegen Sie nach Deutschland und wenn sie zurückkommen, lässt sich alles regeln.« Unter der Hand gesagt, selbstverständlich.
Ein halbe Stunde setze ich mich ans Hafenbecken und lasse die Atmosphäre des Ortes auf mich wirken, an dem ich die ELLI für neun Monate zurücklassen werde. Dann geht es zurück (Privatauto, Bus, Metro, Bus) in die Flamenco Marina. Vier Uhr wieder an Bord. Das war einmal ein guter Tag.
Klar muss ich alles Wertvolle aus dem Schiff räumen und abbauen. Klar muss ich Niño, den Wächter, ab und zu anrufen, ihn vielleicht bitten, das Boot einmal zu lenzen. Aber alleine die Tatsache, dass es sich im Hafen herumsprechen wird, dass jemand für das herrenlose Boot zuständig ist, gibt mir ein gutes Gefühl. Hoffentlich berechtigt.

Auch Ebbe

Mittwoch hab ich den Mechaniker Alejandro angerufen, er will am Freitag früh kommen. Heute, Donnerstag, unters Schiff getaucht (trübe Brühe) und die Sicherung (Schauchschelle) an der Propellerwelle entfernt/verschoben. Ist mir heute beim Aufwachen siedendheiß eingefallen, dass sonst Alejandro nicht, wie geplant, den Propellerschaft nach hinten verschieben kann … In Arbeitslaune gleich noch das Bad geputzt. Jetzt Mittagspause.

Mittags riefe der Mechaniker an, ob er jetzt gleich vorbeikommen könne – nichts lieber als das! Inzwischen ist es vier Uhr, Alejandro und sein Helfer haben Feierabend gemacht und zuvor schon viel geschafft: den Motor schräg hochgewuchtet, den Kupplungsdom abgenommen und herausgefunden, das die Kupplungssscheibe (so gut wie neu aussieht, aber) falsch herum eingebaut war, ihre Bolzen gelockert und abgeschoren hat und dies der Fehler ist. Außerdem ist ein Tragbolzen der Motoraufhängung gebrochen (gewesen). Morgen will Alejandro wiederkommen, die Schwungscheibe mitnehmen (und ausbohren lassen) und am Montag, Inschallah, alles wieder zusammensetzen. Hört sich an wie ein guter Plan, oder?

42. Colón y Canál


Colón, die Stadt am Eingang zum Panama-Kanal (auf der Atlantikseite) sieht aus wie nach einem Bürgerkrieg (oder einem Großbrand) nur unvollständig aufgeräumt. Ausgebrannte oder verfallende Ruinen mitten im Stadtzentrum. Aber die Panameños (Panamaner?) machen den desolaten Eindruck mehr als wett: freundlich, lebensfroh, zugewandt. Eigentlich ist es eine sehr sympathische Stadt, wenn einen ein wenig Verfall nicht stört. Heute, Montag, 15.1. Bankgeschäfte erledigt – mit Mühen. Der Minibus der Marina in die Innenstadt fährt mit (ex deutscher) schweizer/japanischer/chinesischer Pünktlichkeit. Ich bleibe als letzter Passagier sitzen (der Bus war übervoll) und werde direkt vor der Citibank abgesetzt. Luxus. Die Bank hat geöffnet. Vor der Tür gibt es einen gründlichen Sicherheitscheck, die Tür lässt sich auch ausschließlich von innen öffnen. Gibt anscheinend Kriminalität in Panama – wie ungewöhnlich für Lateinamerika (Haha: in Ecuador ist gerade der Ausnahmezustand (oder sogar Kriegszustand?) ausgerufen worden, weil sie anders der Drogen- und Gewaltkriminalität nicht Herr zu werden glauben …)
Jedenfalls: Die Bankmitarbeiterin hinter dem Schalter ist freundlich und professionell. Allerdings sieht es nicht aus wie in einer Bank, eher wie in einer Behörde. Geldautomat haben sie auch keinen. Ich habe seit Curaçao Dollar gehortet (cash is king), es fehlen mir aber noch fast siebenhundert. Also wieder los (mich bei den Sicherheitsbeamten entschuldigt, ich komme gleich wieder), Fünfhundert auf die eine (maximale Auszahlung 250.-), (»Ihr Tagesmaximum ist erreicht«) zwohundertfünfzig auf die zweite Kreditkarte abgehoben. Zurück zur Citi. Die Rechnung/Invoice der Kanalbehörde habe ich als .pdf auf dem Rechner. Brauchen sie aber auf Papier. Also wieder los, einen Copyshop suchen, Datei auf Stick ziehen, ausdrucken lassen. Zurück. Jetzt hab ich alles zusammen, muss nur noch meinen Pass vorweisen und mein Vermögen rattert (zwei Mal) durch die Geldzählmaschine: USD 3235.-. Die Quittung ist ein unscheinbarer auf Kohlepapier durchgeschriebener Dünnpapier-Zettel. Dann ist alles geregelt. Beim Rausgehen beglückwünschen mich die Sicherheitsbeamten – endlich hat’s geklappt.
Der Weg zurück zum Einkaufszentrum Rey führt durch die Innenstadt, der Verfall sei beabsichtigt, hat mich Luis, der Taxifahrer vom Samstag, aufgeklärt: die Stadtverwaltung hat die Einwohner in Vorstädte weggelobt und will die City mit Hotels und Supermalls und Casinos zu einer Touristenattraktion entwickeln. Scheint noch ein langer Weg zu sein. Die zentrale Avenida nach 4 Alto hinaus, wo der Treffpunkt für die Rückfahrt ist, beginnt ganz schön: Bäume, Schatten, Statuen von Politikern und PoetInnen. Dann ist das Barri Sud vorbei und der Fußweg führt eine Schnellstraße an der Freihandslzone (Zona libre) entlang und schließlich durch die Einöde (und endet unvermittelt). Noch schnell eingekauft, mittags zurück in der Marina, Foto von Quittung und Pass in die ASEM-Datei für den Transit eingelesen (.pdf nimmt das Programm nicht an, muss .jpg sein – finde das erstmal einer heraus!) und um eins bin ich (hoffentlich) datentechnisch bereit für den Transit. Muss nur noch ab 18:00 mit dem Transit Scheduler telefonieren. War aber das letzte Mal (in Curaçao) problemlos.

Stille Tage in Shelter Bay

Die Shelter Bay Marina liegt am Rand des Dschungels, amerikanische Wohnhäuser auf Betonstelzen verfallen pittoresk am Straßenrand (und am Strand). Aber der Urwald reicht bis an die Landstraße: auf dem Hinweg hat ein kleiner Affe (Bonobo?) den Weg gekreuzt, auf dem Rückweg hält uns eine Familie Nasenbären (sagt Hartmut, Stuttgarter, Besitzer der Hallberg-Rassy von gegenüber) auf, die am Straßenrand herumtummeln. Will ich unbedingt aus der Nähe sehen, Spaziergang muss sein.

Donnerstag, 18. Januar. Den Dschungel-Spaziergang hab ich zweimal gemacht: Gestern mit Rita und Hartmut, Schwaben, von der HR 36 gegenüber, heute alleine, weil die beiden nach Panama City gefahren sind, ihren neuen Kühlschrank abholen. Dschungel ist komplett übertrieben, weil wir auf Betonstraßen gehen, die noch von den Amerikanern angelegt wurden, als Zufahrtswege für Siedlungen und Geschützbatterien. Ich in langen Hosen, Ärmeln und Wanderschuhen, hab einen überausgerüsteten Eindruck gemacht, die beiden gingen kurzbehost und in FlipFlops. Nasenbär ganz nah und viele Vögel, auch welche mit gelben Schwingenspitzen, die ihre Jungen in meterlang in einer Palme hängenden Beutelnestern aufziehen (die Jungen waren nicht zu sehen.) Außerdem hab ich meine Safarikappe verloren (die mit dem Nackenschutz). War zwar alt, aber ich hatte mich dran gewöhnt. Zum Glück hat sie eine andere Spazierperson am Ausgang des Wegs auf einem Stein drapiert. Heute den zweiten Weg ausprobiert, den mir die beiden empfohlen haben: Vom Boatyard aus geht eine Dammstraße zu zwei grün verwachsenen Geschützbunkern, ein wenig Tikal, ein wenig Ankhor Wat. Nur eben 20.Jhdt-Beton in rauen Mengen. Auf dem Dach des Bunkers (gut erhaltene Betontreppe) geht der Weg weiter, durch den Dschungel (das ganze Gebiet ist mit dem Abraum aus dem Kanal aufgeschüttet und somit kein echter Dschungel, sondern in den letzten Hundert Jahren von der Natur zurückerobert) und auf der ersten Lichtung lugen neugierige Kapuzineräffchen von einem Baum (s. Video)

Äffchen und Krabben und ein Schmetterling

Dann ein steiler Abhang hinunter zum Strand, hübsch verwildert und nicht zum Baden einladend. Außerdem meditiert ein Backpacker in seiner Hängematte, den ich nicht stören will. Auf dem Rückweg zwei Familien Nasenbären, mindestens 12 Tiere, die aber rasch abhauen. Unten vor dem Bunker eine handtellergroße Einsiedlerkrabbe, die ihr Schneckenhaus durch das Blattgrün hievt (dito Video). Der Weg zum zweiten Bunker, Battery Stanley wirkt weniger befahren. Zweimal Meerschweinchen (oder Oppossums?), die blitzschnell durch das Laub witschen. Ein blauer Schmetterling (dito Video) und ein schmaler Weg, der sich hoch über dem rauschen Meer und Mangroven verliert und in einen Abbruch zu münden scheint. Krauche ich ein wenig durch das Unterholz, mache mich aber lieber auf den Rückweg. Es gibt also außer dem Pool und dem Restaurant noch mehr zu entdecken in der Umgebung der Marina.
Denn seit dem Wochenende, oder besser seit Dienstag, läuft das Seglerleben entspannter. Nach dem vergeblichen Gang zur Bank vom Samstag bin ich am Montagmorgen wieder am Start. Und nach erledigter Überweisung rufe ich frohgemut den Transit Scheduler an, um einen Termin zu bekommen. Nur: »You’re not in the system. You haven’t arrived.« Ließ sich nicht klären, oder ich hab es nicht verstanden. Irgendwann in meinem (spanischen) Redeschwall unterbrach er mich nüchtern: »Inglish?« Aber was das Problem war, hab ich auch auf Englisch nicht begriffen. Ich müsse mich an eine Miss Laura wenden, gab mir auch die Telefonnummer. Miss Lauras Kollege vertröstet mich freundlich: Sie ist erst am nächsten Tag ab acht wieder im Büro. Dienstag Viertal nach acht. Miss Laura ist freundlich, kann mir aber nicht helfen, auch sie findet mich nicht im Computer. Um halb zehn sei der Kapitän da (ich telefoniere mit irgendeiner Hafenbehörde), dann solle ich wieder anrufen. Gemacht. Meldet sich eine Männerstimme unter Miss Lauras Nummer, muss irgendwas nachschauen (»un secundito!«), tippt irgendwas ein. Dann sei alles erledigt. Ich solle den Scheduler direkt wieder anrufen. – Ab 18:00h? – Nein, direkt JETZT. Tatsächlich geht er sofort dran, findet mich und fragt mich, wann ich passieren möchte. Hammer! Montag hat er keinen Slot mehr frei, also ist Sonntag, 21. Januar, der Tag. Waoh!
Nachmittags im Marinabüro frage ich (nach dem Cruising Permit für Panama und) Leinen und Fendern. Werde direkt mit Stanley verbunden. Alles klar, er kommt um vier und bringt alles, 140 USD inklusive Abholen am anderen Ende. Easypeasy. Tatsächlich wirft er schon um zwei einen Haufen Kugelfender und ein Gewirr hellblauer Dicktaue (32 mm) aufs Deck. Und seither werden wir gefragt, wann es für uns losgeht. Denn: Fender und Leinen auf Deck heißen, dass der Transittermin steht.

Ein Zeichen


Mittwoch Nachmittag kommen Sandra und John, Ina hat sie über die WhatsAppGruppe der Marina gefunden, sie werden als Linehandler mitfahren. Müssen aber leider absagen, weil Sandra eine ZahnOP bevorsteht. Ich versuche Luis, den Taxifahrer zu bequatschen, ob sein Sohn Yoci mitfahren könnte, klappt irgendwie nicht. Im Augenblick sind Gunilla und Eilert unsere Favoriten, ein schwedisches Paar, deren Hallberg-Rassy in Curaçao gegenüber am Steg lag (Edelstahlanker, handpoliert). Und Ina hat über WhatsApp eine junge Französin, Loréna, aufgetan (die sogar mit bis nach Ecuador will). Ich bin sehr erleichtert. Mal sehen.
Also: zwischen Pool und Happy Hour (Treffpunkt um 17:00h, gestern Skipperstammtisch und Pizza-Abend) beschäftigen wir uns schon auch noch mit anderen Dingen.

Panamá

Flamenco Marina, Panamá

Do., 25.01., Panamá, Panamá (“It’s so nice, you say it twice!”, wie die New Yorker sagen.), Flamenco Marina. Die teuerste Marina ever, sogar mehr als in Malaga: 62 USD/Tag! Aber dafür liegen wir außerhalb von Schwell und geschützt vor Wind. Die anderen Marinas sollen (genauso teuer und) sehr ungemütlich sein, weil die dicken Dinger aus dem Kanal direkt vorbeifahren.

Der Kanal

Am Samstagmittag können wir den Transit Scheduler anrufen, er gibt uns auch prompt den slot durch: Sonntag 15:45h. Also einen Nachmittagstermin, bei dem die Durchfahrt zwei Tage dauert. Das ist für Gunilla und Eilert zu lange, haben sie von Anfang an gesagt. Stanley ist sofort am Telefon »Gib mir eine Stunde« und hat zwei Linehandler am Start, sie kommen Sonntagmittag aufs Boot. Bis dahin sind wir vorbereitet, Ina hat Mahlzeiten für eine Hundertschaft vorbereitet, ich baue auf dem Vorschiff einen Sonnenschutz auf (der sich als völlig unnötig herausstellen wird). Alex und Manuel kommen zwar nicht um zwölf, aber (Stanley: »Die sind unterwegs«) um eins. Ein wenig nervös sind wir schon. Und dann kommt noch Luis („Luichino“) vorbei. Er ist Linehandler auf einer anderen Yacht, die sehr viel größer ist (77 Fuß!) und –er weiß das schon, wir nicht– mit uns im Päckchen durch die Schleusen gehen wird. Traffic Control (Cristobal Signal Station) sagt uns über Funk, wo wir das Zubringerboot mit dem Advisor treffen werden: 16:15 an den gelben Bojen direkt vor der Marina-Ausfahrt. Ab drei gehen wir auf Verabschiedungstour zu Rita und Hartmut von der KIRKE und Gabriela und Thomas von der KIVAVERA. War schön mit denen.


Um halb vier heißt es Leinen los, um zwanzig vor sind wir schon am Treffpunkt, Wind und fiese kurze Wellen, ca. einen Meter hoch. Wir hoovern [Minimum-Fahrt rückwärts, um das Heck im Wind zu halten und mehr oder weniger auf der Stelle zu stehen]. Um kurz vor vier nähert sich ein Pilotzubringerboot, setzt einen Advisor an einer in der Nähe driftenden Yacht ab (die aber keinesfalls 77 Fuß/26 Meter hat!) und kommt dann zu uns. Rückwärts, weil das Heck des Schleppers niedriger ist und wir so klein sind, manövriert er auf 15cm an uns heran, ohne uns zu berühren, Alex und Manuel halten Fender bereit, Lorénas Hilfe zum Einsteigen weist der Advisor zurück und springt an Bord. Später werden wir noch drei Mal erleben, wie die Zubringerboote zentimetergenau heranmanövrieren, aber niemals anstoßen. Sehr beeindruckend. Romulo, unser Pilot, ist anfangs reserviert, taut später auf. »Is the anker up? You can start the engine.«

Puente Atllantico

Und damit sind wir unterwegs. Erst quer über die Bucht, auf das Fahrwasser zu, dann am Rand des Fahrwassers zur filigranen Hängebrücke (aus 2019) und darunter durch. Wir schaffen trotz Wellengekabbel 6,4 kn und ich bin stolz auf die gute alte ELLI. Das andere Boot folgt uns. Vor der ersten Schleuse stoppen sie und stehen – wahrscheinlich haben sie einen Autopiloten, der das Boot auch auf der Stelle halten kann !?


Es ist eine Oyster 625, nagelneu/gepflegt und glänzend. Wir robben uns ran und vier Linehandler aus zwei Booten legen Vor- und Achterleinen und zwei Springs. Mit den dicken schwarzen Langfendern der SERENITY und unseren Kugel- und Minifendern hängen mindestens 12 Kontaktverhinderer zwischen den Yachten im Wasser.

Da die SERENITY so viel länger ist (aber nicht so lang wirkt), werden sie auch für uns die Leinen bedienen, vor unserem Bug und hinter unserem Heck. Einmal werden sie, wir ich befürchtet habe, an der Hydrowane entlangscheuern, aber es ist wohl nichts passiert.


Ben, der junge Skipper der SERENITY, manövriert um- und vorsichtig. Ich stehe Gewehr bei Fuß, um evtl. beim Abstoppen rückwärts zu gehen (damit das Päckchen nicht seitlich ausbricht), aber Ben (und seine kräftigen Bowthruster/Bugstrahlruder) halten uns sicher auf Kurs. Außerdem brauchen die Leinenbediener an Land, die uns vier Sorgleinen mit Knotenkugeln am Ende herübergeworfen hatten (eine hat sich, versteht sich von selbst, in meinem improvisierten Sonnenschutz auf dem Vordeck verfangen …), nie schneller als Schritttempo zu gehen, ist Vorschrift, wie die Advisorin von Bens Boot betont. Sie soll unerfahren sein, steckt mir Romulo, und er hilft ihr mit Rat aus, den sie auch souverän annimmt und nachfragt. Denn als Advisor des kleineren Bootes hat Romulo eigentlich nichts zu melden.


Sobald wir innerhalb der Schleuse fest sind, haben wir Skipper frei. Ben und seine Crew schießen Fotos auf der Vorpiek, Außerdem hat er Zigaretten, ich nicht. Neid. Ziemliche Turbulenzen im Wasser, aber merkwürdigerweise nicht am Anfang, sondern gegen Ende, wenn der Wasserspiegel schon fast seinen Höchststand erreicht hat. Unser Päckchen sitzt hinter dem Frachter THE CHIEF und seinem Schlepper, doch die Ausfahrt, der Frachter wird von den Mulis (Lokomotiven am Schleusenrand) an Stahlseilen gezogen, es gibt keine Bewegung im Wasser, keine Schreubendrehung) meistert Ben souverän. Seine Linehandler haben immer wieder dichtgeholt, unsere hatten Pause.

Die zweite Gatún-Schleuse schließt direkt an, wieder 8m Hub, bei der dritten ist es bereits sowas wie Routine. Wir dampfen heraus, das Päckchen wird aufgelöst, die SERENITY schießt auf den See hinaus, sie werden am anderen Ende übernachten. Inzwischen dämmert es, wir haben fast 18 Uhr, wir tuckern im Fahrwasser und biegen dann rechts ab, auf drei kaum beleuchtete Stahlbojen zu, die wie Curling-Eisen flach im Wasser liegen. Romulo wird vom Zubringerboot abgeholt, von der Oberkante des (gefalteten) Dinghys, die einen festen Tritt bietet, setzt er problemlos über, weil das Manöver wieder zentimetergenau funktioniert. »18:30 fest an Boje, 19:00 Chili mit Reis, Käse und Nachos«, sagt das Logbuch. Inas (und Lorénas) Küche kommt gut an, außer Handydaddeln gibt es nichts zu tun, bald ziehen sich Alex und Miguel in die Achterkajüte zurück, Loréna (erst im Cockpit) und ich nächtigen im Salon.


Der Montag (22.01.) beginnt früh, zwischen halb sieben und halb acht soll unser neuer Advisor kommen. Eduar(d) trifft aber erst um neun ein. Doch dann geht es auch gleich los. Hinter uns kommt aus den Gatún-Schleusen ein riesiger Fahrzeugtransporter mit haushohen geschlossenen Aufbauten, die RUBY ACE aus Tokio, ein schwimmendes Parkhaus, wahrscheinlich auf dem Rückweg nach Japan. Mit ihr werden wir schleusen, meint Eduard. Sie folgt uns den ganzen Vormittag auf dem Fahrwasser, das sich zwischen Inseln (ehemaligen Bergen) durch den Stausee windet und bleibt zurück.


An manchen Stellen führt der Fairway nur knapp am Ufer vorbei, teilweise nur fünf Meter zwischen uns und den (hoffentlich) steilen Felsen. Zu knapp, findet Ina. Aber alles geht gut. Nur Krokodile sehen wir keine. Die es aber im See (der gleichzeitig das Trinkwasserreservoir von Panama City ist) zahlreich geben soll.


Kurz nach Mittag müssen wir die Fahrt reduzieren, der letzte Teil der Strecke ist eng und ein Riese der NeoPanamax-Klasse kommt uns entgegen, den wir vorbeilassen müssen: breit und lang, haushoch mit Containern beladen. Dann taucht die Bergkette am Culebra Cut (»The Cut«) auf. Stufen von ca. fünf Metern sind aus der Böschung gegraben worden, die Franzosen hatten es sich in den Kopf gesetzt, einen Kanal auf Höhe des Meeresspiegels zu bauen, sie hätten dafür noch zehn Stufen tiefer graben müssen, 26m für den Stausee, weitere fast 30m für den Kanal. Ihre Stufen liegen entsprechend zurückgesetzt im Süden. Die französische Kanalgesellschaft ist über den Plan ohne Schleusen (und einen Korruptionsskandal) Pleite gegangen. Aber Gaillard-Cut hieß die Engstelle zu ihrer Zeit. Für den Culebra-Cut haben sie im Wortsinn Berge versetzt, Zehntausende von angeheuerten ungelernten Schippen-Arbeitern, wegen der Rassentrennung der USA auch noch unterschiedlich bezahlt und behandelt, mit mehr Sprengstoffeinsatz als die vereinigten Staaten (bis dahin) jemals in einem Krieg benutzt haben. Sehr beeindruckend. Vom Ausgang des Kanals kommen uns Ausflugsboote entgegen, fröhlich winkende Touristen, die keine Ahnung haben, wie uns der Schwell ihrer mit Höchstgeswchindigkeit rasenden Motorboote durchschaukelt. Für die San Miguel-Schleuse, die wir vor einem Frachter (CAPE SCOTT) passieren werden, gehen wir am Schlepper des Großschiffes längsseits, nachdem der seinen Auftraggeber gegen die Kaimauer bugsiert hat.

Damit gibt es wieder nichts zu tun für unsere Linehandler; aber Alex und Manuel haben einen professionellen Job abgeliefert, frühzeitig und kundig Leinen und Fender vorbereitet und an die entsprechenden Stellen gelegt, sie funktionieren als Superteam. Ina und ich sind froh, dass wir nicht mit Gunilla und Eilert gefahren sind, Loréna ist, obwohl sie den Kanal bereits zum dritten Mal passiert und sich damit Geld verdient, keine große Hilfe.

Ohne Teleobjektiv!

Eine gute Meile Fahrt zu den beiden letzten Miraflores-Schleusen. Überraschung: An einem Aussichtspunkt, einem mehrgeschossigen Gebäude mit Treppen und Drahtverhau, drängeln sich Hunderte von Touristen und filmen und fotografieren uns. Dabei sind wir das einzige kleine Boot in der Schleuse, bis die CAPE SCOTT langsam hereingeglitten kommt. (Auf dem Internet-Feed der Webcam sind wir nicht zu sehen, wie uns Eduard zeigt, weil wir von einem Wärterhäuschen abgedeckt sind).


Die Miraflores-Schleusen werden wir alleine und an der Schleusenmauer nehmen. Schleusen an der rauen Mauer ist nicht empfohlen, aber beim Abwärtsschleusen, versichert uns Eduard, gibt es keine Turbulenzen. Und Alex und Manuel haben was zu tun: fast über Masthöhe ragt die Schleusenwand am Ende über uns auf, ihre Leinen stehen beinahe senkrecht.
Bei der Ausfahrt erschreckt uns ein fürchterliches Geräusch, ein fies metallisches Rattern und Schlagen. Es scheint von der Drehzahl des Motors abzuhängen, auch das Ruder vibriert manchmal. Im Leerlauf ist es weg, am Motor liegt es also nicht. »Fahren wir weiter?« fragt Eduard. Was sonst? Also stellen wir das Gas auf eine Drehzahl, wo das Rattern am wenigsten markerschütternd klingt und fahren vorsichtig weiter. Ohne Zicken scheint es die Dramaqueen ELIZABETH nicht zu tun, nachdem sie inzwischen zwölfeinhalb Stunden klaglos getuckert ist.

Wir schaffen es auch noch durch die letzte Schleuse, das Tor (das gar nicht so eindrucksvoll hoch ist, wir scheinen Flut zu haben) öffnet sich auf den Pazifik hinaus. Ist aber auch nur Wasser. Ich versuche, den Moment auf Video (s.u.) festzuhalten, doch Alex gibt mir ein Zeichen: Die Leinen sind bereits los, wir müssen fahren.


Endlich die langersehnte Passage unter den Eisenstreben der Puente de los Americas hindurch, einer elegant geschwungene Kombination aus Trag- und Hängebrücke. Links kommen die Kräne und Docks des Hafens in Sicht, dahinter die Skyline der Stadt mit Hochhäusern eng an eng. Ein ewig langer Uferstreifen, fast eine Art Wellenbrecher schließt sich an und der Balboa Yacht Club, wo Alex sich über Funk ein kleines Motorboot ordert, das Leinen, Fender und Alex und Manuel übernimmt. USD 120 für jeden der beiden, dazu jeweils 20 Tip. Sie waren großartig.

San-Miguel-Schleuse (die drittletzte)
Skyline, eng gedrängt: Panamá, Panamá

Eduards Zubringerschlepper lässt auf sich warten, wir drehen Kreise vor der Einfahrt, aus der er kommen soll. Dann übernimmt er unseren Lotsen routiniert, wie wir es inzwischen gewohnt sind (vorher hat er mich angewiesen, die Fahrt komplett aus dem Schiff zu nehmen – dabei bewegen wir uns ausschließlich durch den (starken) Wind (und das Sonnenschutzsegel). Trotz Ratterns schaffen wir es um das Ende der Halbinsel herum, funken die Flamenco-Marina an und werden von einem Motorböötchen zu unserem Liegeplatz geleitet. Festmachen noch bei letztem Tageslicht, dann Anmelden und Kippen besorgen. Wir sind selig.
Zur Feier des Tages laden wir Loréna zu Cocktails und Abendessen ein, landen aber unglücklicherweise in einem (brasilianischen? argentinischen?) Carnivorenparadies, wo Armbändchen-ausgestattete Esser von Kellnern mit Fleisch am Spieß in allen Variationen verwöhnt werden, bis sie nicht mehr können. Sieht aber elegant aus, wie sie ihre Fleischspieße auf der einen Hand (und einem Eisenteller) balancieren, mit der anderen Hand (und einem Messer) hauchdünne Scheiben tranchieren, die von den Essern mit extra gereichten Pinzettengreifern auf ihren Teller drapiert werden. Jedenfalls ein erleichterter Abend. Mit Bier aufm Schiff.

Die SERENITY ist auch schon da

Am Dienstagfrüh tauche ich unter das Boot und finde den Ratter-Fehler: Aus dem Cutless bearing, einem Gummilager, das in einer Messingtülle läuft und die Propellerwelle im Wellenbock stabilisiert, hat sich das Gummi herausgearbeitet. Deswegen schlägt Welle gegen Messingbuchse.
In der Propellerwerkstatt auf dem Marina-Gelände sagen sie: das Boot muss aus dem Wasser, Cutless bearing austauschen. Wenn sie die Größe wissen, können sie das vorher bestellen, dauert (weil vielleicht metrisch) vierzehn Tage. Nicht gut.
Flöh ich meine Unterlagen durch, aber den Kassenzettel aus der Chandlery in Dartmouth/ Kingsbridge finde ich nicht mehr. Ob es sich lohnt, zu versuchen, das Gummi einfach wieder an seinen Platz zu klopfen?
Da geht ein Marinero in Tauchausrüstung (Wetshirt, Flossen, Brille) auf dem Steg entlang. Ob er auch Reparaturen mache? Nein, er inspiziert nur die Stege (von unten). Schade. Eine halbe Stunde später steht er doch am Boot. Um was es denn gehe? Er kenne einen Freund, der habe auch (Pressluft-)Flaschen und könne länger tauchen. Gesagt, getan. Noch vor Mittag kommen die beiden, mein Amigo macht sich nackig (Badehose), springt ins Wasser und inspiziert den Schaden. Ein Stück Holz und einen Lappen hat er bereits mitgebracht, verlangt Hammer, Spachtel und eine Faustvoll Fett, schließlich noch einen großen Schraubenzieher. Und hat innerhalb von zehn Minuten das Gummi wieder in die Buchse zurückgedengelt! (USD 60) Wird zwar nicht ewig halten, aber im Februar/März kommt das Schiff eh aus dem Wasser (hoffe ich) und dann ersetz ich das Cutless bearing. Gegen Mittag macht sich Loréna (USD 80.-) auf den Rückweg zur Shelter Bay Marina, nicht ohne vorher herumzufragen und ihre Flyer auszuhängen. Und ich fahre mit Ina (und Uber) in die Stadt. Sie wird sich ein Tatoo stechen lassen, ich die Altstadt (Casco antiguo) auschecken. War aber zu weit. Dafür hab ich die Marktstraße 5 de Mayo (Kartoffeln, Tomaten, eine Ananas für 0,50 USD!) gefunden und den Rückweg mit Metro und Bus recherchiert. Zur Sicherheit bringe ich noch eine Schlauchschelle auf der Welle vor dem Gummi an. Ansonsten gilt: Bei jedem Tauchen kontrollieren!
Mittwoch Vormittag fährt Ina in ihr Hotel am Flughafen (Schnief!), sie hat ihren Rückflug heute sehr früh, und ich gehe Schlendern und Abendessen in der Altstadt – die wunderschön ist. Auch wenn die Kuna in Tracht auf dem Platz vor der Kathedrale zu Panflötenmusik tanzen (gegen Trinkgeld) und ihre Molas (und Umhängetaschen mit Molas und Hüte und Nippes) auf der Promenade am Meer verkaufen. Im Diablitos machen sie Ceviche (serviert in einer halben Kokosnuss) und Hühner-Cordon-bleu sehr fein (und recht/zu viel). Rumpunsch aufm Boot.

Alles eine Frage der Beleuchtung: die LIZ in schön.

40. Jahreswechsel

Marina des Club Nautico, Cartagena de Indias, 31.12.23, 24:00h

Alles Gute zum Neuen Jahr!

Rot im Hintergrund: der Torre reloj

Sylvester in einem spanischsprachigen Land ging selbstverständlich nicht ohne Party ab. Alle Boote draußen, beschallt und beleuchtet, die Partybusse kreisen lautstark um die Altstadt, auf dem Platz vor dem Glockenturm am Rand der Festungsmauer sammeln sich die WurstbraterInnen, Teigtaschenfrittierer, Scampi-Cocktail-Bereiterinnen und Bier -und Wasserverkäuferinnen. Dazwischen Spiderman, Robocop und Superninja, die für Fotos zur Verfügung stehen. Und der Platz ist mit Tischen und Stühlen vollgestellt, Champagnerflaschen stehen bereit. Bands spielen. Alleine war es nicht ganz so lustig. Sekt gab es keinen, Trauben habe ich auch nicht gefunden. Die Uhr am Turm steht still – wahrscheinlich wird es kein Zwölf-Schläge-zwölf-Trauben-Schlingen geben. Ina ist auf dem Boot geblieben. Wo ich mich um halb elf auch wieder einfinde. Und zum Feuerwerk aufzuschrecken. Guckst du Video:

Ziemlich dunkel: Mitternacht an Sylvester

Ina hat um zehn ein Läutstärke-Battle zwischen zwei neben uns liegenden Katamaranen unterbunden (niedergebrüllt). Aber der Rest des Hafens (und die Uferclubs) hören irgendwie nicht auf sie. Jedenfalls sind wir irgendwie gut ins neue Jahr gekommen.

Die Freuden des Bootslebens (noch im alten Jahr): Außenborder testen (funktioniert!)

Am Dienstag, 02.01. wollen wir los, Richtung San Blas-Inseln, für 12.01. sind wir in der Shelter Bay Marina in Colon, an der Einfahrt zum Panama-Kanal angemeldet. Das bedeutet: Bis sicher Mitte Januar gibt es für uns kein WLAN. Und für euch keinen Blog.

Bis dahin: Alles Gute im Neuen Jahr.

Donnerstagabend: El Arsenal (Rumbox)
Mittwochmittag: Zócalo, der Platz vor der Kathedrale

39. Nach Cartagena de Indias

A Room with a View
Ein höchst unerwünschtes Weihnachtsgeschenk

Mi., 27.12.2023, Cartagena de Indias. Es ist viel passiert: Sausefahrt von Curaçao hierher, Nachtankunft drei Uhr morgens, Ankermanöver zwischen Partybooten und Feuerwerk (Heiligabend), Anker nicht gehalten, zweihundert Meter zwischen anderen Yachten hindurch getrieben, eine Beinahe-Strandung …

Aber lieber von Anfang an: Freitag, 15.12. Ina kommt an, anderthalb Stunden Verspätung, schon von Amsterdam her, Ina hat schon ein Odyssee hinter sich: Ihr Zug von Köln hatte ein halbe Stunde Verspätung, fuhr dann aber doch, während sie nicht auf dem Bahnsteig war, der nachfolgende fiel aus – hat sie sich einen Mietwagen nach Amsterdam genommen: meine Mitseglerin ist mächtig motiviert, prima!
Nachts sehen die Viertel zwischen Hato, dem Flughafen von Curaçao und Willemstad eher nicht besser aus als tagsüber; Busfahrt in die Stadt, Ausstieg am Supermarkt, ist nur eine Viertelstunde Fußweg zur Marina, aber eben über eine sehr misstrauenseinflößende Strecke: weg vom Meer, das unter der Stadt (hier: Pietermaai, das Ausgehviertel), liegt, den Berg hoch, über eine Schnellstraße, eine vermüllte Treppe führt mitten ins Gebüsch, Trampelpfad auf einen verlassenen Parkplatz, erst am Ende sind die Masten der Yachten in der Marina auf der anderen Seite des Hügels zu ahnen. Habe ich mir vorher überlegt, wie ich das Ina verkaufen kann (»Vertrau mir, Ina, wir sind gleich da.« Und: »Wäre auch zu viel Aufwand, dich fünftausend Kilometer hierherfliegen zu lassen, um dich dann im Gebüsch auszurauben, oder?« – Tatsächlich ist es der schnellste Weg). Auf dem Boot angekommen ist nur noch Schlafen angesagt, inzwischen ist es fast Mitternacht.
Für Samstagabend hatte ich eine Verabredung mit Moritz, Schweizer, vereinbart, dessen Ketsch WHISPER auf dem Trockenen in der Marina liegt und der einen Mietwagen hat. Die Sea Food Terrace ist genau der richtige Platz (Moritz hat ihn ausgegoogelt): Strohhütten am Strand neben einem Caravan, in dem köstliche Fischplatten gegrillt werden, dazu hausgemachte Limonaden: ein Träumchen.

Curaçao Marine Zone

Am Montag Einkauf im Supermarkt, zu dem es einen Shuttle-Service der Marina gibt, der danebenliegende Budget Marine Bootsausstatter hat leider den Yachtführer Panama (Eric Bauhaus: The Panama Cruising Guide), den man für die San Blas Inseln unbedingt braucht, nicht auf Lager. Abends lädt Brian, Amerikaner, der eine Amel wie Moritz, nur größer, segelt, uns zu Boeuf Stroganoff ein (Geschnetzeltes., Quadratnudeln, Erbsen, Sahnesoße; Röstzwiebeln aus dem Asia-Markt). Supernett und superlecker. Dienstag langer Marsch in die Stadt (Pause im eisgekühlten Alternativ-Café mit leckerem Cappuchino für Ina – sie hat jahrelange Erfahrung mit Fernreisen), um Zoll (diesseits im Hafen, Punda) und Immigration (für den Ausreisestempel) im Hafengebiet auf der anderen Seite (Otrabanda) zu regeln. Klappt alles.
Ebenfalls am gegenüberliegenden Ufer liegt ein riesiges Kreuzfahrtschiff festgemacht, überragt selbst die höchsten Gebäude der Stadt, ein Fremdkörper wie ein Walross im Sardinenbecken. Die hinfälligsten der dazugehörigen Passagiere keuchen und stöhnen in der Hitze schon auf dem kurzen Weg zur Prinzessin-Emma-Brücke, der Pontonbrücke, für die Curaçao berühmt ist (ca. 500m). Auf dem Rückweg Mittagessen, sehr authentisch, im blauen Palais am Markt (Surinamisch: gebratene Nudeln mit Gemüse (Bratbananen, Brokkoli, Mangold) und Limonade (Tamarinden). Superlecker.) Marina muss bezahlt werden, US 600 waren noch offen, darunter 225 für die Reparatur (Lackieren, Antifouling) unten am Kiel. Abends Cheeseburger bei The Don, mit loaded fries, Pommes mit geschmolzenem Käse und geröstetem Speck. Dekadent, ein verbotenes Vergnügen. Moritz (1,95, kein Gramm Fett am Leib) schafft sogar einen Vierfach-Burger.

Ina fährt raus
Die Brücke ist NICHT die Emma-Brücke!

Mittwoch früh um neun Start aus der Marina. Ina dreht ihre ersten Runden unter Motor, alles klappt. Fort Nassau, die wir vorschriftsmäßig angefunkt haben, schickt uns Richtung Brücke, die sich beim Näherkommen für uns (und ein hereinkommendes Segelschiff) öffnet. Sind wir unter Kameraklicken der Touristen an der Uferpromenade durch den schmalen Spalt gerauscht. Draußen brandet eine unangenehm kurze Welle an und schaukelt uns erstmal durch.

Baja Santa Kruz, die Küste von Curaçao hoch, sollte eine geeignete Ankerbucht für unsere erste Nacht sein. Leider nicht genug Wind, wir kriechen die Küste entlang, nachmittags ist immer noch die Einfahrt nach Willemstad hinter uns zu sehen. Alternativplan? Haben wir nicht. Zum Glück frischt der Wind auf wie gerufen und bringt uns um vier, lange vor Sonnenuntergang, nach Santa Kruz. Enge Einfahrt, dahinter sofort der Strand, der mit gelben Bojen für Schwimmer abgeriegelt ist. Außerdem sind die Felsen rechts und links, gegen die Brandung anschlägt, verdächtig nahe. Also zurück, vor die Bucht, Anker geworfen. Es rollt uns ziemlich, aber alles ist gut. Baden ist angesagt, das Wasser herrlich.
Herrlich einladend sieht auch der braune Sandstrand aus, der wenige hundert Meter vor uns liegt. Brandung auch dort, aber gegen Sand? Sollte kein Problem sein. Beim Näherschwimmen muss ich feststellen, dass vor dem Strand scharfkantige Felsen liegen, zwischen den Wellen tauchen sie messerscharf auf. Also nicht Ausruhen am Strand, sondern hurtig zurück zum Schiff geschwommen. Der Rest der Nacht war genauso unruhig und rollig wie befürchtet.

Entspannter Start am nächsten Morgen: wir haben vier bis fünf Tage Überfahrt nach Cartagena vor uns, wir müssen die Nächte ohnehin durchsegeln. Kurs 310°, nach Nordost, um Aruba großräumig zu umfahren, dahinter ist nur offene See. Frischer Wind treibt uns vor sich her, nimmt aber zu, sobald wir hinter der Landabdeckung von Curaçao heraus sind. Und Wellen. Erst drei bis vier Meter, zum Glück quer zu unserer Fahrt, einzelne bauen sich aber bis auf sechs, manche sogar mehr Meter auf. Und der Wind lässt nicht nach. Als unsere erste Nacht anbricht, bin ich froh, dass wir Kurs halten können, habe aber nicht die Nerven, ein Reff einzuziehen. Als jagt uns der Wind die Nacht und den nächsten Vormittag über mit im Schnitt 8 kn Fahrt auf die Karibik hinaus. Bis Mittag werden wir das höchste Etmal gerauscht sein, das die ELIZABETH bis dahin jemals gemacht hat: 185 nm, fast 350 km. Und wir sind 120 Meilen aufs offene Meer hinaus gerauscht. Zeit, den Kurs zu ändern. Mit 240°, nach Südost, geht es zurück auf die Küste von Venezuela, bald Kolumbien zu. Wind jetzt platt von hinten, Wogen länger: es rauscht, aber es ist angenehm, voranzukommen. Inzwischen sind zwei Reffs im Groß und die Genua komplett eingerollt: in der Abdeckung vom Groß schlägt sie heftig laut. Die zweite Nacht geht (nervlich) sehr viel besser, nicht zuletzt dank der reduzierten Segelfläche.
Georgie steuert unbeirrt und zuverlässig, wir halten vier-Stunden Wachen, Ina übernimmt die undankbare Hundewache von 24:00 bis 04:00h. Ich habe dafür den Sonnenaufgang in meiner Wache. Wind dreht südwärts, wir fahren fast straks nach Süden. Was nicht ganz gut ist, weil auf unserem Weg der Rio Barranquillo ins Meer mündet, er kommt aus dem Amazonasbecken und trägt Baumstämme und andere Hindernisse hinaus aufs Meer. Sollte man großräumig umfahren, hat uns Moritz gewarnt.

Kurs 240° sollte uns davon freihalten und uns um die Nordwestecke von Kolumbien herum Richtung Cartagena bringen. Am Tag vor Heiligabend zeichnen sich im Dunst die Küstengebirge ab: Land in Sicht. Nachts fahren wir auf Lichter zu, allerdings sind die in der Karte verzeichneten Leuchttürme nicht auszumachen. Aber solange wir die Lichter an backbord lassen, sind wir auf dem richtigen Weg. Dachte sich der Skipper. Und lag falsch.
Die Nordküste Kolumbiens ist nicht besonders bevölkert, nur einzelne Industrieanlagen, vielleicht Erdölbohrungen, weit auseinanderliegend, und hinter dem Horizont kaum auszumachen. Ina findet, wir sind zu nahe an den Lichtern. Nur um ihr zu zeigen, wie toll mein geplanter Kurs funktioniert, werfe ich Navionics, die Kurssoftware an. Oops. Unser Kurs führt über Land. Wenn Kolumbien nicht ausweicht, sind wir auf bestem Weg, an der unbeleuchteten Küste zu stranden. Ein nicht sehr willkommenes Weihnachtsgeschenk – inzwischen ist es nach zwölf, die Nacht vor Heiligabend angebrochen. Der kräftige Wind hatte uns viel näher an die Küste gebracht als geplant. Also Kurs West, und mehrere Stunden tauchen immer wieder einzelne Lichter an der Küste auf. Gut, dass wir nicht dazwischen durchgefahren sind!

Nach Cartagena sind es noch über 120 nm, mehr als wir bei Tageslicht schaffen können. Also werden wir eine Nachtankunft haben. Morgens um zwei liegen wir fast vor der Hafeneinfahrt und ich wecke Ina, damit sie steuert, während ich die Segel einhole. Funkanmeldung bei Cartagena Port Control, sie sich sämtliche Angaben zu Schiff und Besatzung durchgeben lassen, uns zwei Marinas empfehlen und uns einschärfen, dass wir die Immigration nicht alleine machen können, sondern einen Agenten damit beauftragen müssen. Bei den Marinas meldet sich am Funk keiner. Es ist Heiligabend, Party-Time in spanischsprachigen Ländern (wie letztes Weihnachten in Ceuta). Die ewig lange Hafeneinfahrt (Boca Grande) steuert Ina nach dem violetten Kurs auf Navionics wie eine Eins. Cartagena begrüßt uns mit einer Skyline wie in La Manga (oder NYC). Zusammen mit den herumschießenden Schnellbooten kommt es uns eher vor wie der Vorspann zu Miami Vice (Miami Beach). Denn jeder, der einen schwimmfähigen Untersatz aufs Wasser zu bringen in der Lage ist, hat ein Soundsystem aufgeschnallt (und eine Reihe LED-Strahler beigebändselt) und beschallt sein Schiff (und den Rest des Hafens) mit Latino-Pop. Oder Salsa. Oder Latino-HipHop. Oder Lastino-Herz-Schmerz-Schlager. Außerdem leuchtet die Stadt vor Feuerwerk, an verschiedenen Stellen. Und auch überall am Ufer wummert Musik.
Ohne Marina-Kontakt suchen wir uns einen Ankerplatz tief im Hafenbecken, zwischen zahlreichen anderen Ankerliegern. Fast am Ufer, auf fünf Metern Tiefe, gebe ich 25 Meter Kette (15 m plus zweimal die Wassertiefe ist meine Formel), als die Kette im Ankerkasten blockiert und sich nicht mehr bewegen lässt. Den Anker einzufahren [mit Motorkraft nach achtern ziehen] lasse ich auch bleiben, er hält uns und es weht nur ein winzig leichtes Lüftchen. Außerdem ist es inzwischen halb vier Uhr morgens. Nur die Tombola im Uferclub in der Hafenfestung gegenüber, deren GewinnerInnen lautstark verkündet und gefeiert werden, hält uns wach. Und die wummernden Party-Boote.

You’re drifting!

Montag, 25.12. lassen wir es ruhig angehen, obwohl ich schon um halb acht wieder wach bin. Nachmittags gönnen wir uns dafür ein Mittagsschläfchen, Ina liest, ich ratze in der Achterkajüte, das Boot schaukelt sanft und einschläfernd in der sachten Welle. Da klopft es außen am Rumpf! Und zwar ziemlich forsch. Ina ist als erste draußen: »Hello? Hello! We think you are drifting.« Alarm! Tatsächlich ist der Anker aus seinem Schlammbett (wie wir gleich beim Aufholen sehen werden) geglitscht, wir sind sicher hundert Meter zwischen ankernden Yachten hindurchgetrieben, langsam zwar, aber dennoch saugefährlich, und schaukeln auf einen wunderschönen, sicher 25m langen Schoner [Zweimaster mit zwei gleich hohen oder vorne niedrigeren Masten] zu, das Eignerehepaar, europäisch-blond, steht schon aufgeregt an Deck. Ina schmeißt die Maschine an, ich hole den nutzlosen Anker auf, aber so lange er hängt, können wir nicht wirklich losfahren. Am engsten Punkt (CPA: closest point of approach) waren es sicher nicht mehr als acht Meter zwischen denen und uns. Doch als sie sehen, dass wir eingreifen, winken sie schon wieder freundlich.

Enge Gassen, Holzbalkone: Altstadt

Wo wir schon mal unterwegs sind, versuchen wir uns einen Platz in der anderen Marina, Club de Pesca zu erschleichen, finden eine einladend leere Box, legen an. Leider ist sie für ein viel größeres Boot, die Dalben [Poller, aufrechtstehende Holzstämme] sind viel zu weit weg. Also kompliziertes Leinenmanöver (vorne extralange Leine, Boot zurücksetzen, damit Ina hinten Achterleinen legen kann, dann wieder nach vorne zum Steg verholen). Gerade sind wir damit fertig, als die Marineros des Clubs ankommen und uns wieder wegschicken: der Club ist privat, wenn wir keine Reservierung haben, geht gar nichts etc. Verhandeln ist sinnlos, weil sie ohne den Clubmanager (es ist der erste Feiertag) ohnehin nichts entscheiden können. Also wieder vor Anker. Noch eine Nacht.

Dennoch ist es gut, vor Anker zu liegen nach viereinhalb Tagen und Nächten auf See. Noch immer kein Marina-Kontakt. Ina wirft ihr Internet an, bucht sich extra Zusatzdaten und schafft es, uns mit der Internetseite des Club Nautico zu verbinden, wo wir eine Reservierungsanfrage platzieren. Tatsächlich meldet sich später am Tag über WhatsApp der Restaurantbetreiber der Marina und macht uns Hoffnung: Vielleicht werde am nächsten Tag was frei …
Und es klappt. Am 26.12. vormittags schickt uns John, der Marina Manager des Club Nautico eine Skizze mit unserem Liegeplatz, wir sollen nicht trödeln, nachmittags soll Wind aufkommen, und um halb zwölf liegen wir fest. Heissa!

Fast wie Manhattan

Leider nicht an einem Schwimmsteg, sondern an einem bombensicheren Stahlbetonponton. Der wird nicht nachgeben, wenn die ELLI dort anstößt. Und dann kommt auch noch ein Mann mit Taucherbrille und Badehose, springt ins Wasser und macht unsere Achterleinen an irgendwelchen im Hafenbecken versenkten Ösen fest – unter Wasser! Habe ich noch nie gesehen. Wenn wir wieder ablegen, muss er wiederkommen.

Nachmittags Anmeldung in der Marina, wir sind eingebucht bis Sa., 30.12. Und einen Agenten für die Immigration haben sie nach einem Telefonat auch am Start. Jóse kommt, lässt sich Boots- und Immigrationspapiere aus Curaçao zeigen (fotografiert sie ab) und nimmt unsere Pässe an sich. Für kaum US 140.- wird er uns einklarieren.
Abends passen uns Jose und ein Hafenbeamter in Uniform ab, als wir auf dem Weg zum Abendessen sind. ELLI wird in Augenschein genommen, Angaben aus den Papieren erfragt und telefonisch weitergegeben, außerdem gibt es viele weitere Fragen. Abendessen: Kebab/Schawarma und Bier und Besuch im Supermarkt, in dem ich schon zuvor die 540.000 Pesos für Jose aus dem Automaten gezogen habe. (Die Kolumbianer lassen die Tausender einfach weg. 3.815 Pesos sind ein Dollar. Aber auf dem Auszug aus dem Geldautomaten stand tatsächlich, dass ich 1,6 Millionen Pesos abgehoben hatte (391 €). Soy millionario!

Heute, Mittwoch früh ins Städtchen, Cartagena de Indios ist wunderschön, enge Gassen, Kolonialgebäude mit Dunkelholzbalkonen, Streetfood zum Reinlegen, das pralle Leben. An der Tankstelle gibt es tatsächlich Sprit mit 98 Oktan (brauch ich für den Generator), aber leider keinen Kanister. In zwei ferreterias erkunde ich mich mittels Zeichensprache und Brumm-Lauten (und einer Zeichnung) nach einem Horn (mit Spraydose), das ist für den Panama-Kanal vorgeschrieben. Gab es nicht. Heißt aber corneta. Auf der alten Festung zum Meer (Baluarte de Santo Domingo) ist die Stadt endlich so, wie ich sie in Erinnerung hatte: eine mächtige vieleckige Festung mit Kanonen aufs Meer hinaus.

Haben die Spanier sich von einem italienischen Festungsarchitekten bauen lassen, nachdem Francis Drake (für die einen (Kolumbianer, Spanier) ein Pirat, für die anderen (britisches Königshaus) ein hochgeachteter Freibeuter (Sir Francis)) die Stadt zwei Mal überfallen, ausgeraubt und in Schutt und Asche gelegt hatte. Das dritte Mal hat er es nicht mehr geschafft. Nicht zuletzt, weil die Cartagener nicht nur die riesigen Festungen hochgezogen haben, sondern auch eine heimtückische Unterseemauer (sic!) quer unter die Hafeneinfahrt. Die ist nicht zu sehen, hält aber Schiffe von einigem Tiefgang unweigerlich ab (vulgo: lässt sie auflaufen und untergehen). Hab ich von Henry gelernt, Tourguide, der auf der Festung Santo Domingo nach Kundschaft sucht und nebenher Armbändchen verkauft. Wo es Cornetas zu kaufen gibt, weiß er allerdings auch nicht.

Hier wohnte Simon Bolívar (Befreier Venezuelas, Kolumbiens, Ecuadors, Perus)

Mittags (18:00 in Deutschland) zum Telefongespräch mit der family verabredet. Ziemlich emotional, Weihnachten eben. Mutter, Bruder, Schwägerin, Paula, Schwiegermutter und beide Töchter sind zusammen (und haben einen Tag Waldarbeit hinter sich.)

Dann kam Trevor, ebenfalls Moody 33-Besitzer und seit 15 Jahren auf eigenem Kiel unterwegs, mit dem Dinghy vorbei und wusste über Gott und die Welt Bescheid und war auf einen Tratsch aus. Gab einen guten Tipp für die Einreise nach Panama (Puerto Obladia). Und vor allem: wusste, dass es gegenüber der Marina it zwei Chandleries (Marinbedarfsläden) gibt, nicht mal fünf Minuten zu Fuß!) Da kriege ich sicher einen Benzinkanister. Und wahrscheinlich auch das Horn. Und selbstverständlich hätte ich John, den Hafenmeister fragen müssen, der hier seit 10 Jahren hängengeblieben ist und alles kennt. Hätte ich auch selber drauf kommen können. (Regel 8). Also: Laune für heute verhagelt. Aber gute Aussichten für morgen. Abends superleckeres Ceviche beim Peruaner. Und Supermarkt (gegenüber).