26. Kanaren (aber nur mit der Fähre)

Die Sonne geht hinter Fuerteventura unter, Delfine springen um den Bug der Fähre, in der Ferne blasen Wale, dahinter landet ein Flieger nach dem anderen (dazwischen starten welche, beinahe im Minutentakt). Und dann geht auf der anderen Seite auch noch tiefrot der Mond auf – Ferienende auf den Kanaren. Ich bin auf der Rückfahrt nach Cádiz, der Abschied von Paula war schwer, ist vielleicht für länger … Wir haben fünf Wochen zusammen gehabt, drei davon wunderschön. Nur auf die Kanaran zu segeln haben wir nicht geschafft.

Der Vormittag nach Sylvester kam schwer in die Gänge. Aaron ließ sich erst am Nachmittag blicken. Die Disko, in der wir am Ende gelandet sind, war um zwei, als wir ankamen noch so gut wie leer. Erst ab halb vier ging der Betrieb los, aber da sind wir dann auch schon weg. Aaron hatte ich in der Dusche angesprochen, sein Boot FORWARD UNTO DAWN (nach einem Raumschiff aus dem Ego-Shooter Halo) lag genau neben der LISBETH. Er hatte nichts vor, aber eine Flasche Portwein offen. Die haben wir uns beim Abendessen geteilt, den Rest hat er mitgenommen in die Stadt. Traubenessen auf der Plaza del Ayuntamiento war nicht – die Glocken schlugen die Stunde nicht. Scheint eine Ausnahme gewesen zu sein, weil die Einheimischen ebenfalls fassungslos waren. Dann hat Paula Sherry spendiert, in einer Musikbar haben sich drei junge Lissabonner um Zigaretten anschnorren lassen, mit denen sind wir weitergezogen (ich kam später, hab mich zum zweiten Mal verlaufen), aber am Ende konnten sie sich nicht auf die richtige Disko einigen und sind wieder abgezogen.
An Neujahr Paellaessen am Stadtstrand im Süden von Cádiz und langer Strandspaziergang in die Stadt. Auch der zweite Januar ist Feiertag in Spanien, alles geschlossen. Museum mit den Ausgrabungen (Römervilla am Kap Trafalgar, ägyptisch anmutenden Sarkophage, Vorzeitfunde) war aber offen. Treffen am Markt (ich hab mich verlaufen) und Mittagessen am Marktrestaurant. Dienstag früh bei Mariluz (Nautica Benítez, direkt am Kai des Puerto américa) das Bimini noch einmal gecheckt (ist vorrätig) und Taxi zur Fähre (und Churros con chocolate zum zweiten Frühstück).

Das Meer ist wirklich weit zwischen Cádiz und den Kanaren. Einen Nachmittag, eine Nacht und einen Tag und noch eine halbe Nacht. Im Winter fahren die Fähre nicht direkt zu den Inseln, es verkehrt nur eine und landet auf Lanzarote (Arrecife), Fuerteventuras (Rosario), Gran Canaria (Las Palmas) und fährt dann weiter nach Teneriffa. Jedesmal mit Autoausparken und von der Rampe fahren. Ankunft um halb vier Uhr morgens, wir haben tatsächlich vorher ein wenig geschlafen. Pepe und Sophia sind Goldschätze und wohnen in einem Architektentraum von Haus. Aber erstmal haben wir ausgeschlafen bis zehn.

Wer im Neujahrskranz („roscón“) das Püppchen findet, darf die Krone tragen

Fünfter und sechster Januar waren meine Tage in Las Palmas, aber am Donnerstag hatten viele Geschäfte (auch die Ferreterías) puente, also geschlossen. Und an Reyes (magos) hat eh alles zu. Im Einkaufszentrum Las Terrazas haben wir Marlene (und ihren Vater Mark) getroffen. Vielleicht fährt sie mit über den Atlantik. Ist jedenfalls so geplant. Nachmittags um drei feistes Mittagessen im Lupé, ganz wunderfein. Pulpo auf Kartoffelbrei (ich), Ceviche (Paula), Turm aus Auberginen, Tomaten, Ziegenkäse und karamellisierten Zwiebeln (Sophia), Tortilla (Pepe), fruchtiger junger Weißwein: alles köstlich. Licht und Klima auf den Inseln sind göttlich. Müsste man glücklich sein, dort zu leben. Am Donnerstag Juan (und Vincent) getroffen. Juan weiß alles und mehr und wird Paula dabei unterstützen, ein Angebot für ein Bimini nach Maß einzuholen (Danke, Paula!). Für die Karibik: Martinique muss toll sein (sagt auch Vincent, Franzose, klar). Außerdem die BVI (die Britischen Jungferninseln, auf denen Qazqrom teilweise spielt). Sind aber weit nördlich und ziemlich ab vom Schuss für mich. Aber wer weiß? Außerdem vorgeführt: Sicherheitsausrüstung, u.a. Knoten in der Safety line (zum wieder an Bord klettern), Notfallsender in der Hosentasche und an der Schwimmweste, Funkgerät im Grab-bag [Notfalltäschchen, das man sich greift, wenn man in die Rettungsinsel AUFsteigt]. Redet gern und viel (und nicht alles, was er an Erfahrungen erzählt hat er tatsächlich auch selbst gemacht). Juans Rennyacht liegt im Real Club Nautico von Las Palmas, eher exklusiv, eher schwer, dort einen Platz zu kriegen. Aber Restaurant schick und Siegerliste im Treppenhaus beeindruckend.

Heute früh zurück in den unübersichtlich riesigen Hafen, Fähre liegt dort schon, aber einsteigen muss man im Hafenbüro, fünf Fahrminuten entfernt. WahWah (Oah-Oah?) heißt der Bus, Camarote die Kabine und papas arrugadas die (runzligen, in Salzwasser gekochten) Kartoffeln (mit mojo: grün, rot oder tieforange scharfe Kräutersoße) der Inseln. Essen auf der Fähre gut. Kabine klein (und ohne Fenster: Innenkabine), aber pflegeleicht-schick und hell ausgeleuchtet. Meer ruhig, Sonnendeck windig (das Ding macht bis zu 20 kn (!!)). 

Aaron auf der FORWARD UNTO DAWN (???)

Am Herweg, 03.01., 16:49h hätte ich geschworen, die FORWARD UNTO DAWN gesehen zu haben, aber zu weit weg für Fotos. Allerdings schienen die Pixel dort, wo unter den weißen Segeln der Rumpf sein müsste, türkisblau zu sein – falls ich Aaron nochmal treffe, checke ich das, ob sie unsere Fähre vorbeifahren sehen haben.

Der Stadtstrand von Las Palmas ist grausig. Wunderschön, aber die Promenade ist fest in der Hand von urlaubsentschlossenen Touristen, kurzbehost und kaum bekleidet von Jungfreak bis Altpauschal. Klar sind alle Hinweisschilder und Speisekarten auch auf Deutsch. Muss man mögen.

Pepe, Sofia, Unbekannter, Paula

Am Sonntag (08.01.) begann die Rückfahrt ruhig, glatte See. Traumhafter Sonnenuntergang, scheine ich mich nie dran sattsehen zu können. Dann dunkle Wolken, lange alte Dünung, dann Seegang und die Fähre (nicht riesig, aber ganz und gar nicht klein) fängt an zu rollen. Muss man mögen bzw. aushalten. Um acht plötzlich Lichter im Osten: die marokkanische Küste ist nur wenig über 20 nm entfernt (sagt Navionics). Dann auch noch Regen.
Drei warme Mahlzeiten sind fast wie Kreuzfahrt. Außer Lesen nichts zu tun: Louise Erdrich: Der Nachtwächter. Groß. Nicht erhaben, sondern saftig und anschaulich. Und brutal, nicht in den Beschreibungen, sondern in Andeutungen, bei denen die eigene Phantasie die schrecklichen Details beisteuern muss. Kommt stilistisch einfach daher (…, sagte P. – …, sagte T. – … sagte V. – …), aber die göttlichen, erdnahen Dialoge reißen es mehr als raus. Und die First-nation-Leute nennen sich einfach Indianer. Hunde sprechen, Pferde haben Sex (sind aber danach voneinander genervt), Geistererscheinungen und Eingebungen bahnen die Wendepunkte in der Handlung an, Körpererfahrungen sind deftig und anschaulich und schön. Indianer zerfließen im Schlaf, ihr Bewusstsein zieht sich auch in Tagträumen schrittweise zurück. Stark. Dass eine 18-(??)jährige in Geschlechterdingen so unbedarft sein soll wie Pixie (Pardon: Patrice) klingt unwahrscheinlich (zumal das Chipewah (zwar keine Wörter für Hass aber) jede Menge Begriffe für sexuelle Aktivitäten kennt); dass ihre Kurzsichtigkeit niemandem aufgefallen sein soll (wo sie doch zu allem anderen (Holzhacken!) auch noch eine überragende Gewehrschützin sein soll), verwundert. Aber Pulitzerpreis, und zwar hoch verdient. Und die Geschichte der Terminierung, der Zwangsanpassung und Enteignung und Auflösung der Stämme gehörte wirklich schon längst erzählt (zumal der unsägliche letzte US-Präsident damit wieder anfangen wollte). Kommt in die Bordbibliothek. Noch elf Stunden bis zur geplanten Ankunft [ETA]. Besser Schlafen versuchen. Ab Übermorgen könnte der Atlantik dransein.

Montagmorgen (09.01.) um halb sieben (kanarische Zeit) weckt uns die Stimme aus der Borddurchsage: Wir nähern uns dem Hafen von Cádiz. Die BESS ist an ihrem Liegeplatz zu ahnen, alles gut, fast schon wehmütige Gefühle dem Boot gegenüber.

LIZZY: Bildmitte links mit rotem Ball am Heck

Die kleine Dicke (gordita), die mit ihrer schüchtern-dreist-anspruchsvollen Hilfslosigkeit schon verschiedene Passagiere während der Fahrt genervt hat, ist nicht nur gehbehindert, sondern hat auch ihre komplette Aussteuer dabei (oder einen Umzug vor), als die Fußpassagiere auf das Lieferwagen-Taxi (furgoneta) warten, das uns drei Minuten aus der Fähre zum Reedereibüro bringt.
Langer Weg den Hafen entlang zur Marina.
In der Nautica Benítez nur kurz vorbeischauen wollen, um zu sagen, dass ich am folgenden Tag bestellen will. Aber Doña Marieluz ruft sofort dort an, klärt meine letzten Fragen und hat bereits einen Liefertermin: Wenn ich noch am Nachmittag bestelle, sollte das Bimini am Donnerstag hier sein. Verführerisches Angebot. Kurzes Telefonat mit Paula, die inzwischen in Las Palmas bei Alisios ein Angebot für eine nach Maß gemachte Bimini angefragt hat. Dann bestellt.
Bei Nacex an der Plaza Mentidero liegt mein Paket mit Höhlenkletterleiter, Seilbremse und Sicherheitsschlinge abholbereit. Einmal Pass zeigen und eine elektronische Unterschrift und es ist meins. (Danke, Paula, die mit Alicante telefoniert und Franzisco bequatscht hat, damit das alles reibungslos läuft.)
Pizza in der allerletzten Touristenbude an der Plaza de Flores. War entsprechend lahm. Aber ich scheine doch mehr übernächtigt zu sein, als ich glaubte. An diesem langen Tag besser keine Entscheidungen mehr treffen. Segel (Gennaker) ausgebreitet (zu trocknen versucht): Gerissen ist nicht der uralte Stoff, sondern die Flickstellen. Nicht gut; die Segelmacher in Marbella, die Colin aus Almerimar drangesetzt hat, haben zu schwaches Tuch verwendet. Will ich selbst besser machen.

Abends kommt der Kostenvoranschlag aus Las Palmas durch: ein maßgemachtes Bimini würde „nur“ neunhundert mehr kosten als die bestellte von der Stange, Einbau schon inbegriffen. Echt faires Angebot der Alisios-Leute. Plus Zusage, das Teil ab Aufmaß innerhalb von 15 Tagen (approximamente) fertig einzubauen. Schwere Entscheidung.
Heute früh getroffen: Ich nehme das Fertigteil von hier, will es auch gleich hier einzubauen versuchen, Marieluz ist im Wort, mir mit allen evtl. benötigten Zusatzteilen zu helfen. Im Übrigen bin ich der Überzeugung, Oceansouth gehört aus dem Verkehr gezogen.

Cádiz, Cádiz, immer nur Cádiz

Gestern (11.01.) und vorgestern jeweils zwei Mal im Mast gewesen. Die Höhlenforscher-Strickleiter von Juan (VAGABONDO) funktioniert super. Ist aber trotzdem immer eine Schisser-Angelegenheit. Auf dem Weg nach oben bin ich an einer Seilklemme (aus dem Klettereibedarfsladen in Alicante) gesichert. In der hänge ich auch (Klettergurt) während der Arbeit. Aber der Rückweg bleibt ungesichert, die Seilklemme funktioniert nur in eine Richtung (aufwärts). Dampfer- und Deckslicht sind in etwa vier Meter Höhe (von unten gesehen: keine große Sache) unterhalb der Saling angebracht. Die Abdeckung der Decksbeleuchtung lässt sich abnehmen. Strom kommt an (1. Aufstieg), aber nicht, wenn das Lämpchen in der Fassung steckt. Dampferlicht (Vorschrift, wenn man unter (Segeln und) Motor fährt) lässt sich nicht aufschrauben (2. Aufstieg). Schuurd hat ein Ersatzteil besorgt, ich bei Marieluz die Lämpchen dafür. Die Schaltung verstehe ich zwar nicht, aber am Boden (Schalttafel) funktionieren beide Lichter, wenn sie jeweils gegen Masse gesteckt werden. Die alte Armatur ist mit Blindnieten befestigt. Müssen aufgebohrt werden. Ziemlich kipplige Sache, vor allem, wenn (wie bei mir) der Bohrer drei Mal blockiert und stecken bleibt und nur unter heftiger Sorge (wenn er abbricht, ist die ganze Reparatur gefährdet) wieder herauszuwuchten ist (3. Aufstieg). Als Anschluss kommt ein handelsübliches 220V-Kabel mit drei Litzen aus dem Mast: blau, braun, grün/gelb. Blau ist mit weiß an der Armatur verbunden, scheint Masse zu sein. Also müssten die anderen beiden geschaltet sein. Klemme ich so an (4. Aufstieg). Nichts funktioniert. Das war der Vollfrust gestern Abend. Musste ein Glas Whiskey dämpfen.
Ebenfalls gestern: Bei Marieluz habe ich eine Segelmacherei angefragt, um Stoff für die Reparatur des Gennakers zu besorgen. Paco ist schwer beschäftigt, will sich aber Fotos des kaputten Segels angucken und dann reden. Kam gestern und holte das Segel ab. Soll bis Freitag, spätestens Montag, fertig sein.

Mitfahrgelegenheit gesucht

Beim Warten vor Marieluz‘ Laden (Nautico Benítez) einen Anschlagszettel antelefoniert. Gawain ist Deutscher, will auf die Kanaren, ist zurzeit in Tarifa. Long story short: Er kommt morgen, Freitag (13.01.), damit wir uns beschnuppern können. Und gestern Nacht hat auch noch Lioba geschrieben, dass Lukas, ein Freund von ihr, gerade in Alicante ist und ebenfalls Lust hätte, nach Lanzarote mitzusegeln. Wenn alles klappt, wird es langsam voll auf der LILIBETH.
Heute früh (Do., 12.01.) in der Stadt, süßes Frühstückscafé gefunden. Hafermilch und Käse und auf dem Markt Obst und Gemüse gekauft. Jetzt muss ich leider wieder in den Mast.
PS Selbstverständlich herrscht zum Hohn die ganze Woche über eitel Sonnenschein und NordNordWest-Wind: – wäre geradezu ideal für die Überfahrt auf die Kanaren.

Kai: schwarz vor Menschen

Samstag, 14.01. Riesenauftrieb im Hafen, schon am Vorabend tuckert eine Yacht nach der anderen herein. Die ELCANO (Juan Sebastian de Elcano), Viermaster, das Segelschulschiff der spanischen Marine wird am Samstag Mittag auslaufen und alle sind geschmückt und ausstaffiert (es gibt spanische Flaggen in der Größe von Squash-Feldern!) und wollen sie begleiten auf ihrem kurzen Trip nach Rota hinüber.

Ein Feuerlöschboot sprüht Fontänen und der Kai ist schwarz vor Schaulustigen. Ganz großes Kino: draußen vor dem Hafen ziehen sie sogar die Segel hoch (alle vier Masten, drei Vorsegel), obwohl sie höchstens eine Stunde unterwegs sein werden. Echte Seemannschaft.

Die ELCANO (Juan Sebastian de Elcano)


Donnerstag nachmittag kam das Bimini-Paket, wie versprochen. Leichte Abnutzungen an einer Lagerfalte, sonst guter Eindruck: stabile Inox-Rohre. Freitag war es installiert – zumindest provisorisch: sitzt viel zu hoch und wirkt blockig. Unzufrieden. Samstag kommt Gawain, supersympathisch und der angekündigte Sonnyboy. Quatschen. Samstag abend will er noch im Hostel verbringen, wo er sich mit dem Personal angefreundet hat. Außerdem ist er total übernächtigt, weil er am Vorabend lange gefeiert hat. Aber zuversichtlich. Gleich (So., 15.01.) bringt er Brötchen zum Frühstück und steigt tatsächlich ein. Mal sehen. Gestern abend zum letzten Mal im Franzisco Uno. Eher enttäuschend.

Gestern die Bimini tiefer gesetzt, sechs Mal 25mm Edelstahlrohre gesägt. Jetzt sitzt sie besser, ist auch leicht aus- und einzufahren. Fehlen nur noch die Sicherungsstifte zwischen Stützen und Strebebogen. Die waren gestern nicht mehr einzuhämmern, scheint schwieriger als gedacht.

Gawain ist der rechts


Hat mir heute (16.01) Gawain dabei geholfen. Zu zweit kein Problem. Einkaufen gewesen. Sicherheitseinweisung. Abendessen gekocht. Morgen soll es losgehen.