Als Odysse letzte Woche im Bankenviertel herumspazierte und sich die Luxusgeschäfte ansah, kam er auch am Büro eines Immobilienmaklers vorbei. Und ging rein. »Where are you staying?« war eine dessen erster Fragen. »Oh, on a boat in the Yachtclub«, gab Odysse zurück. Anscheinend eine angemessene Antwort, denn danach hat er Angebote für Kaufappartments in der Innenstadt für 2 Mio vorgeschlagen bekommen. Da hat die gute alte ELLI aus Versehen einen (falsch) guten Eindruck gemacht …
Hier in der Marina Flamenco werden, wie schon geschildert, steile Preise aufgerufen. 70 USD pro Tag, Elektrizität geht extra. Weil mein kaputtes cutless bearing nur außerhalb des Wassers repariert werden kann und die das in Vacamonte nicht machen konnten und inzwischen auch entweder das Getriebe oder nach neuesten Erkenntnissen möglicherweise die Kupplung kaputt ist, hab ich das Angebot des zur Marina gehörenden Reparaturbetriebs eingeholt. Dauerte. Vielleicht, weil es so schwierig war, die astronomischen Zahlen zu addieren: 8250 USD. Für Platzmiete, Ausbau des Motors, Auswechseln des cutless bearings, Antifouling und einen Mietkran (weil der Kran des boatyards kaputt ist). Und das alles ohne Garantie, dass die Reparatur funktioniert (weil sie Ersatzteile vielleicht nicht in der richtigen Größe dahaben, weil vielleicht das Getriebe kaputt ist …) Dazu kommt noch der Travellift mit 950 USD und die Ersatzteile. Macht zusammen rund 10.000. Musste ich mich erstmal setzen.
Zur Aufheiterung: Gürteltier im Parque Natural Municipal
Nasenbär im Parque Natural
Das Boot hierzulassen würde 1588 pro Monat kosten – gar nicht soo astronomisch, wie ich gefürchtet habe. Einen Tag Bedenkzeit genommen. Antifouling und Kran vom Kostenvoranschlag gestrichen, 600 gingen die auch noch runter: sind wir bei 4200. Immernoch ohne Garantie. Und unter der Voraussetzung, dass ich es hinkriege, den Motor mit Bordmitteln (Großschot) rauszuhieven.
Odysse(s Bart) vor der Brücke der Sehnsucht: Puente de los Americas
Rücksprache Paula und ihr Rat: Cool bleiben, erstmal ablehnen. Alternativen suchen.
Auch nicht schön: abgesoffene Boote am Damm nach Fuente Amador
Bin ich in die benachbarte Marina Playita spaziert. Die rufen noch höhere Preise auf. Haben mir aber einen Mechaniker empfohlen. Sogleich mit ihm telefoniert. (Das war am Donnerstag) Soll ich am Montag (heute) wieder anrufen, ob er am Dienstag kommen kann. Rief ich um die Mittagszeit an, war er schon hier in der Marina, kam innerhalb von Minuten vorbei, ein dicklicher kleiner Mann, redete gern, viel und sehr von sich überzeugt. »Ich berechne nach Job, nicht nach Stunden. Wenn einer nach Stunden berechnet, heißt das nur, dass er langsamer arbeitet.«
Er will das Getriebe (und den Kupplungsdom)abbauen (Propellerwelle nach hinten verschieben), ohne den Motor auszubauen. Soll ich am Mittwoch wieder anrufen, ob er vielleicht am Donnerstag oder Freitag anfangen kann. Hab ich wieder Hoffnung.
Seglerleben
Nicht alle Tage hab ich in der Marina verbracht, die Decksausrüstung schon fast komplett abgebaut, die nota nachgetippt (das Schreiben an die Dezernentin, die für den Hafen Vacamonte zuständig ist, wo ich um Erlaubnis nachsuche, das Boot neun Monate zu lassen), ein großes Paket mit Klamotten nach Hause geschickt, im Eisenwarenladen nach Ameisengift und Leinen gefragt, Lebensmittel eingekauft (Ananas für 0.75 USD, köstlich), einen Abendspaziergang zum Pizzaessen unternommen und das Boot aufgeräumt und saubergemacht (noch nicht ganz fertig).
(auch nicht) ruhigere Tage: Vacamonte
Direkt hinter mir liegt eine Supersegelyacht, eine Ketsch aus den Fünfziger Jahren. Ihr Besitzer hatte schon Odysse angesprochen und ihn auf ein Bier eingeladen. Diese Einladung hat er auch mir gegenüber wiederholt und am Samstag um 1700 war ich dort. Anne und Gary sind Australier, Gary hat aber hier eine Fabrik (für Abschattungsgewebe) aufgemacht und ist gerade daran, eine weitere (seine sechste) für Modulfertighäuser aufzuziehen. Hat er aber seinem Sohn übertragen, er hatte einen Schlaganfall und ist noch rekonvaleszent (70 Jahr alt, alle beide, ihr sieht man es nicht an). Das Schiff SEA DIAMOND ist eine Legende, die Kennedys (JFK und Jackie) sollen schon drauf gewesen sein, die Queen of England (der Vorname fällt mir grad nicht ein) hat mehrfach Urlaube auf dem Schiff verbracht, Rockstars, Banker, etc. Als eine („die“) New Yorker Innenarchitektin eine Innenausstattung designte (drei Bereiche mit drei Stilrichtungen, Venedig, Vivaldi, Gershwin), musste ein früherer Besitzer passen: statt 1,7 Mio sollte das Kunststück am Ende 7,5 Mio kosten. Das, und der Moment, wo er mit den Anglerstuhl für seinen Sohn zeigte („ein passionierter Angler“) waren die einzigen Male, da wir über Geld gesprochen haben (und als Anne sich aus einer Situation, wo sie „angebettelt“ wurde, aber sich nicht sicher war, ob sie die Dame nicht doch aus gesellschaftlichen Zusammenhängen kennt, nur mit einem Trick herauswinden konnte …). Der Anglersessel, kippbar, mit Fußstütze und Armlehnen, stilsicher aus den 50ern, kostete USD 25.000.
ELLI (links) und SEA DIAMOND (rechts, etwas größer)
Das Bier stellte sich als köstliche Imbissplatte heraus, selbstgebackene Blumenkohlbratlinge mit Joghurtsoße, Schinken, Käse (mit Zwiebelconfit), Lachs-Taramá. Nur Besteck gab es keins (sollte mit Cräckern funktionieren). Doch zuvor Schiffsführung: Jede Oberfläche aus massivem Edelholz, Nussbaum, Mahagoni. Oberflächen als Stilmittel: die Eignerkabine („Venedig“) hatte matte Flächen und hochglänzende Rahmen. 5 Esstische für jeweils acht Personen, im Mittelcockpit (völlig wettergeschützt), auf dem Vorschiff, auf dem Heck, im Salon (wo wir saßen) und im Esszimmer (vier Stufen tiefer, neben der Küche). Alleine die Crew-Kabinen, jeweils mit eigenem Bad, hätten jeder handelsüblichen Luxusyacht gut zu Gesicht gestanden. Motorraum, Größe Squashcourt: zwei Achtzylinder-Diesel, zwei Generatoren (einer läuft durchgehend), zwei hydraulische Stabilisatoren (seitlich abstehende Ruder, um Rollen/Krängung zu regulieren), Kühlschränke, Waschmaschinen. Alle technischen Einrichtungen hinter Edelholztüren verborgen, versteht sich. Am Ende haben wir auch noch über mich gesprochen, es gab Weißwein und wir sind (Trinkspruch) „neue Freunde“. Echt sympathische Leute, ungezwungen, Anne hat zuhause zwei Pferde im Stall stehen (»die sind alt, die brauchen nicht mehr viel Bewegung, die kriegen ihr Gnadenbrot«). In vier Monaten wollen Gary und Anne über den Atlantik nach Europa (ich hab ihnen Malaga empfohlen), größtenteils unter Segeln (obwohl sie 8000l Diesel dabei haben und die Maschinen „kaum etwas“ verbrauchen). Klingt wie ein romantischer Plan. Jedenfalls bin ich nach zwei Stunden ziemlich beschwingt die acht Schritte zurück auf mein Boot gewankt.
Heute hat Gary mir übrigens seinen Mechaniker herübergeschickt, Paolo hat auch seine Karte dagelassen, obwohl er mitbekommen hat, dass Alejandro mittags auf meinem Boot war. Wird doch wohl kein schlechtes Zeichen sein?
Schöner Hafen mit Sandstrand: Vacamonte
Odysse hat (wie auch Alba und Marlene) ein Kilo getrockneter Linsen gekauft. Die werden diese Woche kleingemacht. Gestern Linsensuppe, heute Linsen mit Nudeln (Spätzle gibt es mangels Eiern nicht), morgen Linsensalat mit Ananas (Inas Rezept). Gut durchgekocht ist es gar nicht so schlimm mit den Blähungen, außerdem bin ich ja sowieso alleine (seufz).
Am Dienstag letzter Woche stieg überraschend Loréna aufs Schiff, gerade angekommen nach einer Kanaldurchfahrt als Linehandlerin. Hab ich ihr Orangensaft angeboten. Hat sie stehen gelassen. Irgendwann während des Studiums hab ich von einer Studie gelesen, nach der die Mehrheit amerikanischer Jugendlicher frischgepressten O-Saft als „schmeckt künstlich“ einstufen. Hätte nie gedacht, dass ich so eine Person einmal im richtigen Leben treffe. Lorena fand, der O-Saft müsse hinüber sein (sauer geworden, verdorben). Ob sie noch nie unverdünnten, ungezuckerten Saft getrunken hat?
Ebbe in Vacamonte
Dienstag, 5. März. Flamenco Marina (die dritte Woche bricht an – à USD 433.-). Es gibt auch gute mal gute Nachrichten. Morgens bin ich früh los, um 1000 in Vacamonte aufgelaufen. Der Taxifahrer wollte warten, ich habe ihm gesagt, es könne länger dauern. Bei der Migracion meinen Bittbrief um Hafenerlaubnis für neun Monate vorgezeigt. Alle hatten Uniform an und sahen offiziell aus. Der Chef gab mir eigenhändig Unterschrift und Stempel für einen dreimonatigen Aufenthalt (bis 5. Juni). Ich müsse allerdings noch den Stempel der Seguridad, des Sicherheitsdiensts, einholen. Zwei Türen weiter, Anmutung wie ein Polizeirevier (blau gestrichen, Tresen), aber eine superfreundliche, verschmitzte Señora: neun Monate gingen gar nicht. Für drei Monate gebe es kein Problem, aber neun? Dass ich nach Deutschland fliegen und meine Familie sehen wolle, hat sie verstanden und erweicht. Es gebe eine Möglichkeit, Erlaubnis für ein Jahr zu bekommen. Müsse aber der Leiter der Hafenbehörde höchstpersönlich genehmigen. Der Licen(ciado) ist erstaunlich jung, versteht mein Anliegen, warnt mich aber, dass im Hafen Drogenschmuggel, Prostitution und Diebstähle vorkämen, er habe zu wenig Leute, die aus Panamá-City schickten ihm zu wenig Personal. Im Prinzip habe er nichts dagegen, mir ein Jahr zu genehmigen. Gesagt, getan, das Risiko nähme ich auf meine Kappe. »Un año.«, Stempel, Unterschrift. Na also, es gibt wunderbare Überraschungen, freut sich die hilfsbereite Dame vom Sicherheitsdienst. Formular ausgefüllt, Stempel, Unterschrift. Jetzt müsse ich nur noch bei der Hafenverwaltung drei Dollar für den Stempel bezahlen und ein Foto machen lassen. Ging fast ganz schnell (Nur Odysse kann sich eine Vorstellung davon machen, wie das alles lief. Spoiler: Es ging viel besser als befürchtet, es hat insgesamt nur zwei Stunden gedauert.) Im Hafenbüro hab ich gewartet, bis der Kassierer seinen Schriftkram erledigt hatte – der Chef (oder der am nächsten zum Eingang saß), hat sich angeregt nach der ELIZABETH erkundigt, wo sie jetzt liege, was repariert werden müsse, etc. Er hat mich wiedererkannt und sich an meinen Aufenthalt mit Odysse erinnert –, drei Ocken bereitgehalten, es gab ein Formular, Stempel, Unterschrift. Im Kleinbüro gegenüber folgte Fototermin, außerdem einen Abholtermin: ab Donnerstag, acht Uhr kann ich meinen Besucherausweis für den Hafen, Gültigkeit drei Monate, abholen (oder später, ich hoffe am nächsten Montag nach Vacamonte fahren zu können). Wieder zurück zum Sicherheitsdienst, meine Nota mit inzwischen drei verschiedenen Stempeln und Unterschriften abgegeben. Und das Beste: Der Kollege der freundlichen Dame spricht mit dem Capitán im Kontrollturm und sie beratschlagen, wen sie mir als Aufpasser für das Boot empfehlen könnten. Ruft er den Mann auch gleich an, der kommt wenige Minuten später mit seiner Lancha um die Ecke, wir reden und kommen ins Geschäft: USD 20 pro Tag verlangt er dafür, ein Auge auf die Elli zu haben, »día y noche«. Ob sie Wasser ziehe, will er wissen. Ich verneine. Also hab ich Mittags: die Genehmigung, ELLI dort im Hafen zu lassen; jemanden, der auf das Boot aufpasst; und eine Verbündete im Sicherheitsbüro: »Die Migration gibt nur drei Monate, aber fliegen Sie nach Deutschland und wenn sie zurückkommen, lässt sich alles regeln.« Unter der Hand gesagt, selbstverständlich. Ein halbe Stunde setze ich mich ans Hafenbecken und lasse die Atmosphäre des Ortes auf mich wirken, an dem ich die ELLI für neun Monate zurücklassen werde. Dann geht es zurück (Privatauto, Bus, Metro, Bus) in die Flamenco Marina. Vier Uhr wieder an Bord. Das war einmal ein guter Tag. Klar muss ich alles Wertvolle aus dem Schiff räumen und abbauen. Klar muss ich Niño, den Wächter, ab und zu anrufen, ihn vielleicht bitten, das Boot einmal zu lenzen. Aber alleine die Tatsache, dass es sich im Hafen herumsprechen wird, dass jemand für das herrenlose Boot zuständig ist, gibt mir ein gutes Gefühl. Hoffentlich berechtigt.
Auch Ebbe
Mittwoch hab ich den Mechaniker Alejandro angerufen, er will am Freitag früh kommen. Heute, Donnerstag, unters Schiff getaucht (trübe Brühe) und die Sicherung (Schauchschelle) an der Propellerwelle entfernt/verschoben. Ist mir heute beim Aufwachen siedendheiß eingefallen, dass sonst Alejandro nicht, wie geplant, den Propellerschaft nach hinten verschieben kann … In Arbeitslaune gleich noch das Bad geputzt. Jetzt Mittagspause.
Mittags riefe der Mechaniker an, ob er jetzt gleich vorbeikommen könne – nichts lieber als das! Inzwischen ist es vier Uhr, Alejandro und sein Helfer haben Feierabend gemacht und zuvor schon viel geschafft: den Motor schräg hochgewuchtet, den Kupplungsdom abgenommen und herausgefunden, das die Kupplungssscheibe (so gut wie neu aussieht, aber) falsch herum eingebaut war, ihre Bolzen gelockert und abgeschoren hat und dies der Fehler ist. Außerdem ist ein Tragbolzen der Motoraufhängung gebrochen (gewesen). Morgen will Alejandro wiederkommen, die Schwungscheibe mitnehmen (und ausbohren lassen) und am Montag, Inschallah, alles wieder zusammensetzen. Hört sich an wie ein guter Plan, oder?
Ende August ging die Elizabeth wieder ins Wasser und lief sogar fast eine halbe Stunde aus eigener Kraft. Beweise? Hier:
25. August 2022 – ein schöner Tag
Nachträge:
Seit 7. Juni war ich im Gästeappartment der East Cornworthy Farm untergebracht, bei der Familie, die Blackness Marine betreiben. Zwei Minuten Fußweg zum Schiff, sehr praktisch. Das Wochende 11./12. Juni mit Gareth, Lisa, Zac, Oli, Etty (Badger und Moss) auf der Lorelia verbracht. Ausflug zur Fishcombe Cove bei Brixham, wo alles passiert ist. Am Samstagnachmittag das untere Teil des Skegs und ein Stahlteil vom Kiel gefunden. Die Felsen zeigen noch immer Abschürfungen und Reste der schwarzen (und darunter blauen) Farbe meines Unterwasserschiffs.
(Abschürfungen nicht zu erkennen)
Am Sonntagvormittag (Niedrigwasser um 10:45) vergeblich den Anker gesucht. Traumsegeln hin und zurück, Fish&Chips in Brixham, Grillschinken im Brötchen auf dem Boot.
Anfang Juli bin ich, wie lange geplant, auf Heimaturlaub gefahren.
Lobpreis
(vom Stand vor der Rückfahrt nach Köln) Weil es mir ein tiefes Bedürfnis ist und auf Anregung einer reizenden älteren Dame (meiner Mutter) formuliere ich hier meinen Dank an „Jenes Höhere Wesen, das wir verEhren“ (Heinr. Böll (?)):
Dank dir, JHWE… – dass in der Zeit auf den Felsen bei Brixham nicht Schlimmeres passiert ist, dass die Rettung in Gestalt der RNLI so rasch kam, dass den Rettern, vor allem dem Helden, der auf das Boot geklettert ist und das Abschleppen organisiert und dirigiert, dann das Leck am Ruderkoker abgedichtet hat, mich mit seinen Kollegen in den Hafen und auf den Platz zum Trockenfallen geschleppt hat, nichts passiert ist; – dass du mir so viele kompetente Helfer geschickt hast; – dass mir nichts passiert ist, dass ich zu keiner Zeit Sorge um mich selbst haben musste, – dass du mir Gareth und Lisa, Zac, Oli, Etty und die beiden Hunde geschickt hast, die mich nicht nur beraten und unterstützt, sondern auch nach Dartmouth geschleppt haben, mich getröstet und bekocht und eine Woche später wieder an die Schiffbruchstelle mitgenommen und das abgebrochene Teil des Ruderskegs gefunden haben – und inzwischen gute Freunde geworden sind; – dass du mir glücklich die Hand geführt hast beim Entrosten der Schrammen und Abschürfungen am Kiel, beim Ausbau des zerbrochenen Ruders und des verbogenen Ruderschafts, beim Abschrauben der verbogenen Anoden und Entfernen der Schrauben der abgescherten Anode, beim Zersägen des Ruderblatts und Herausschälen den Schafts, beim Ausbau des Propellers, der Schaftstütze (P-Bracket) und der Schaftabdichtung, beim Bohren und Einkleben einer starken Gewindestange um den Skeg zu schienen, beim Laminieren unzähliger Lagen Epoxy um den Skeg, beim Zusammenkleben der beiden Ruderblatthälften und der Rekonstruktion der abgebrochenen Teile; – dass du mir Louay (Epoxy-Spezialist) geschickt hast, der vier Mann dazu gebracht hat, den unreparierbaren Ruderschaft mit aller Gewalt wieder geradezubiegen, James und Tom, die das Boot aus dem Wasser geholt und fachmännisch manövriert und gelagert haben, Duncan, Engineer, der mir mit Mike einen extralangen Bohrer geschweißt hat, Jamie, der mit einen Excenterschleifer geliehen hat, Kelvin, der versucht hat, einen stoffeligen Gebrauchtteilehändler in Florida dazu zu bringen, den Ruderquadranten nach Europa zu verschiffen, an Marylin und Richard, Gasteltern in der Higher East Cornworthy Farm, David und Rebecca, Manager der Blackness Marine, Pippa Harrington, überfreundliche Rezeptionistin, – dass du mir (fast) durchgehend reparaturfreundliches Wetter ermöglicht hast (frische gewaschene Wettersocken? Angenehm, das, oder?), – dass ich trotz Arbeiten mit gefährlichen Werkzeugen (Winkelschleifer, Stechbeitel) von Verletzungen verschont geblieben bin, – dass meine zweite Socke (aus Gravelines) wieder aufgetaucht ist, – dass du mir immer wieder neuen Mut geschenkt hast, auch wenn ich oft vor der Größe der Aufgabe zurückgeschreckt und am Ende, wie immer, in Zeitnot geraten bin … DANKE
Für den Juli (ich in Köln und Waltenhausen) war vereinbart, dass Gareth sich um den Motor kümmert (einmal komplett überholen, einzelne Schläuche und Kabel austauschen, die er für marode hält) und dass Louay die Reparatur des großen Lochs im Rumpf um den Ruderschaft angeht. Passiert ist das nicht. Gareth hat den Propellerschaft ausgebaut und ihn zusammen mit dem Propeller zu seinem Kumpel Ben gebracht, der mit einem Händchen für Metallbearbeitung gesegnet ist.
Ben (rechts; hier mit dem Ruder und dem exakt angepassten -Quadranten)
Dartmouth Sailing Week
So., 28. August, Dartmouth, Devon
Ruderwettbewerbeauf dem Fluss(für Familien, Kneipenmannschaften, KellnerInnencrews), Fässerrollen und ein Riesenjahrmarkt am Kai und auf der Promenade, gestern Nachmittag die Flaggenparade ausgewählter Schiffe vor dem Innenstadtufer, Yachten und Boote aus den letzten hundert Jahren (Kielboote mit Dampfmaschinen!) und gestern Nacht großes Feuerwerk am Fähranleger – Dartmouth feiert die Wiederinbetriebnahme der Elizabeth mit großem Tamtam!
Parade on the dart
Ein Witz, selbstverständlich. Mit seinem unfehlbaren Anfängerglück ist Skipper Klein-Ulli beim Zu-Wasser-lassen seines Bootes in den Dart ausgerechnet in das betriebsamste Wochenende der gesamten Saison geraten. Gab selbstverständlich Stress …
Die Kurzfassung:
Bilanz: vier Wochen Segelreise, sieben Wochen Reparatur: kein gutes Verhältnis;
Kosten: reine Reparatur ca. 5000 GBP (€ 6500); Unterbringung, Mietwagen, etc.: nochmal das Doppelte drauf;
Derzeitige Situation: Das Boot liegt im Wasser, zwischen zwei Mooringbojen, längsseits mit der Lorelia von Gareth, Liza und den Kindern. Es ist absolut dicht und hat auf den ca. drei Meilen von der Blackness-Bootswerft bis hierher auf Ruder, Motor, Propellereinsatz gut reagiert und ist gefahren, als wäre nie etwas passiert. Jetzt richte ich die letzten Kleinigkeiten wieder her und hoffe, dass ich zum (nächsten) Wochenende Richtung Plymouth starten kann. Ach ja: der Motor funktioniert noch nicht wie er soll. Neue Regel: Wenn der Motor hier nicht erwähnt wird, ist davon auszugehen, dass er funktioniert. Über die Reparaturarbeiten schreibe ich nur ganz kurz, aber es gab einfach zu viele Leute, die mir geholfen haben, als dass sie hier unerwähnt bleiben könnten. Den Weiterverlauf der Reise findet ihr im übernächsten Kapitel: Ab Plymouth.
Zeittafel: 8. Mai: Abfahrt de Heen 3. Juni: Auflaufen nahe Brixham, abgeschleppt in den Hafen, Trockenfallen auf den Grids dort 5. Juni: von der Lorelia nach Dartmouth geschleppt 7. Juni in der Blackness Marine, East Cornworthy, Totnes, aus dem Wasser gehoben (2. Juli: Rückfahrt nach Köln, 7./8. August: Wiederankunft Blackness zusammen mit Paula) 25. August: Launching Day
Große Ausname: Skipper in Freizeitkleidung
Juni: Warten auf Louay
In den vier Wochen, die ich nicht in der Werft war, hat Louay, der die Reparatur des Rumpfes mit Epoxy machen sollte, nicht angefangen (heute weiß ich warum). Jetzt kommt er auch nicht bei: Fußverletzung, Rückenprobleme, Gicht. Arbeiten im Juni: Ruder ausgebaut, Ruderblatt aufgesägt, Ruderschaft ausgeschält (-gebrochen), gesäubert. Ruderblatthälften von Antifouling freigeschält. Propeller ausgebaut. Propellerbock ausgebaut. Propellerwelle auszubauen versucht (so großen Inbus mit Hebel habe ich nicht). Löcher und Flickstellen im Rumpf freigelegt und mit Kreide gekennzeichnet: Löcher im Rumpf (orange), tiefe Schürfungen (grün) und oberflächliche Kratzer (weiß). Bruchstellen und Kratzer am Stahlkiel entrostet und vorlackiert. Kratzer am Überwasserschiff abgeklebt und geschliffen. (Louay hat die Ruderwelle zu einer Spezialfirma gebracht, die haben es geschafft, das Ding geradezubiegen!) Nach zwei Wochen bringt Louay endlich das zugesagte Werkzeug (Winkelschleifer, Lackkratzer) und ich kann anfangen, die Löcher und tiefen Kratzer im Rumpf zu flachen Trichtern (handbreite Ränder) auszuschleifen und mit so vielen Lagen Glasfasermatte und Epoxy zu bekleben, bis die Trichter wieder gefüllt sind (ca. 4-5 Lagen). Um den Skeg [die Kielflosse, die das Ruderblatt nach vorne hält und stützt und das untere Ruderlager umfasst] zu stabilisieren, bohre ich zwei tiefe Löcher (Bohrerverlängerung geschweißt von Mike), nach oben in den Skegstumpf, nach unten in das abgebrochene Skegteil, das Gareth zum Glück an der Unfallstelle gefunden hat. Dahinein wird eine 10mm-Gewindestange mit Epoxy vergossen. Und die Flickstelle mit unzähligen Lagen Glasfasermatte verklebt.(Louay findet die Flickstelle am Skeg zu schwach. Er lässt sich bequatschen, den Skeg selbst zu reparieren.) Ruderschaft in die beiden Blatthälften eingeklebt (epoxiert) und an den Fugen mit Glasfasermatte und Epoxy belegt. Fehlende Teile des Ruders (Oberkante am hinteren oberen Ende, Unterkante komplett) mit Holzkonstruktion ergänzt und mit Glasfasermatte überzogen.
»Your rudder looks like a rudder again!«
James
Die letzten beiden Lagen Glasmatte für das Ruderblatt aber nicht mehr geschafft, bevor am 2. Juli mein Zug fuhr. Videozusammenfassung der Reparatur: Timelapse Reparatur Elizabeth
August
Am Montag, 8. August zusammen mit Paula in Cornworthy angekommen, Spaziergang zur Werft, Louay hat das größte Loch im Rumpf, rund um das eingedrückte Führungsrohr des Ruderschafts (Ruderkoker) und den Skeg großräumig freigeschliffen, viel zu tief (findet Gareth). Außerdem hat er Winkelschleifer, Glasmatten und Epoxy wieder an sich genommen. Warten auf L. ist angesagt.
Der Rest des alten Ruderkokers
Das Paket mit dem gebrauchten neuen Quadranten ist nicht angekommen, behauptet Pippa. Stellt sich zum Glück als Irrtum heraus. Für das andere Paket, das ich an mich selbst geschickt habe (ausgetauschtes Funkgerät, Geschenke für die Kinder) muss ich erst Zoll zahlen, bevor sie es zustellen (70 GBP). Ben, Gareths Kumpel, den ich bis jetzt noch gar nicht kenne, soll es geschafft haben, die unreparierbare Propellerwelle gerade zu biegen. Am unreparierbaren Propeller ist er dran. Der Typ scheint wirklich zaubern zu können. Louay bringt den verbogenen Propellerbock unbearbeitet zurück – seine Biegespezialisten sind nicht dazu gekommen. Gareth wird sich darum kümmern. Das Paket mit dem Ruderquadranten ist doch da, leider haben sie den falschen eingepackt. Stellt sich aber als Glücksfall heraus.
Der Quadrant
Ein Ruderquadrant lenkt den Impuls der beiden Steuerseile aus Stahl, die vom Steuerrad über Zahnrad und Kette bewegt werden, in eine Viertelkreisbewegung auf den Ruderschaft um. Er ist ein Formteil aus Aluminiumguss und in meinem Fall durch die schweren Schläge des eingerammten Ruderschafts in vier Teile zerbrochen. Ein Ersatzteil (gebraucht) findet sich im Internet, allerdings nur ein einziges weltweit. Es liegt bei einem Gerbrauchtteilehändler in Florida. Kelvin, Metallingenieur und Motorbootsbesitzer und Nachbar auf der Blackness Marine, bietet sich an, das Teil zu bestellen (»nach Europa liefern wir nicht«) bzw. von Bekannten in den USA bestellen zu lassen. Klappt leider nicht. Auftritt Chris. Paulas Cousine Sibylle (lebt in New Orleans) kommt nach einigem Nachdenken auf den Namen eines guten Freundes, der a) in den USA lebt und b) bereit ist, sich den Quadranten schicken zu lassen und an mich weiter zu verschicken. Chris Carrol tut nicht nur das, er bequatscht den laut Kelvin unerreichbaren Gebrauchtteilehändler in Florida, legt das Porto vor und schafft es, das Teil innerhalb von zwei Wochen an die Blackness Marine zu schicken. Leider habe ich versäumt, ihm zu sagen, dass gar kein Zeitdruck herrscht – ich bin ohnehin nicht dort. Der Quadrant zeigt deutliche Gebrauchsspuren, ist aber voll funktionsfähig – theoretisch. Er muss noch aufgebohrt und angepasst (Keyway) werden. Ben erledigt das vorbildlich. Nur falsch instruiert. Gareth behebt das über Nacht. Den alten geborstenen Quadranten habe ich auf Kelvins Rat hin mit nach Köln genommen und dort einen Schlosserbetrieb aufgetan, der Kontakte zu einem Spezialschweißer habe, der Aluguss schweißen könne. Stellt sich nach drei Wochen heraus, dass die spezielle Legierung meines alten Quadranten nicht schweißbar ist. Inzwischen ist es auch zu spät für die mechanische Reparatur mittels Edelstahlbolzen, die Kelvin vorgeschlagen hat. Also liegt jetzt ein Teil (liegen jetzt vier Teile) der Elizabeth in einer Werkstatt in Iversheim (Eifel). Mit dem neu/alten Quadranten, der wie sich später herausstellen wird, das einzige Teil der alten Tante Else sein wird, das tatsächlich nicht mehr zu reparieren war, bin ich am Ende sehr glücklich und konnte Chris – endlich, mit sechs Wochen Verspätung! – ein Foto des eingebauten Quadranten schicken. Louay ist inzwischen wieder hergestellt und erledigt die Reparatur am Ruderkoker innerhalb von drei Tagen: altes Kokerrohr ausbohren, Reparaturstelle innen freischleifen bis auf das nackte GFK-Gewebe, neues Rohr einpassen (den Flansch daran hat Louay über das Wochenende gegossen/gelegt – er sieht toll aus (der Flansch)! Außerdem kommen wir bei der Reparatur zum Reden: Schon am ersten Tag hat er zum Marinamanager Dave gesagt, dass der Job am Ende wohl bei ihm landen wird. (Möchte nicht wissen, wie die sonst noch über den Deppen hergezogen haben, der erst sein Boot auf den Felsen setzt und dann behauptet, er könne es innerhalb von zwei Wochen eigenhändig reparieren …) Und: dass keine Versicherung für die Reparatur aufgekommen wäre. Für die wäre das ein wirtschaftlicher Totalschaden gewesen. Weil: die hätten einen neuen Kiel gießen lassen, außerdem sämtliche Flickstellen am Rumpf VON INNEN reparieren lassen. Zum „reparierten“ Ruder möchte Louay lieber nichts sagen. Außer dass ich stets klarstellen soll, dass die Reparatur nicht von ihm ist.
Paula malt
Inzwischen sind zwei Wochen ins wunderschöne Devon-Land gezogen, Paula hat die Flickstellen am Unterwasserschiff grundiert (Primer) und zweimal mit Antifouling gestrichen, ich habe die Stellen am Überwasserschiff geschliffen und lackiert. Gareth hat den Propellerbock in der Mache. Wir setzen als Termin für das Zu-Wasser-lassen Montag, den 22. August fest. Da für die Elli ein besonders kräftiger Traktor und drei Leute gebraucht werden, muss der Termin mindestens einen Tag zuvor bestätigt/abgesagt werden. Er wird nicht klappen. (Aber das habt ihr euch sicher schon gedacht.)
Rush hour in Devon
Um das Ruderkoker-Rohr einzupassen, haben Louay und ich das Ruder eingesetzt. Sah gar nicht so schlecht aus. Aber als das Rohr eingeklebt ist, schabt die unförmig reparierte Vorderkante des Ruders am Skeg. Schlecht. Louay hätte das Ruder völlig neu aufgebaut. Und mit Schaum ausgesprüht. Und in die alte Form gebracht. Mein Ruder ist unförmig verklebt, außerdem ist die Holzkonstruktion an der Unterkante irgendwie verrutscht und einseitig. Aber was solls, dachte sich Klein-Ulli, unter Wasser sieht das eh keiner. Von Louay kriege ich die Erlaubnis, seine Skeg-Reparatur ein wenig beizuschleifen, damit mein Ruder passt. Außerdem nehme ich von der Vorderkante Ruder so viel weg, wie ich mich traue, ohne dass die beiden Blatthälften wieder auseinanderfallen…
Zwischendurch: bei den Segelmachern
Neuer Launch-Termin ist Dienstag. Gareth ist noch nicht dazu gekommen, das P-Bracket in die Presse zu spannen. Laut Internet gibt es kein Ersatzteil. Wenn der Wellenbock beim Zurückbiegen brechen sollte, ist (nicht nur) guter Rat teuer …
Anderthalb Tonnen Hydraulikdruck – große Gewalt verlangt große Gegenkraft! (Das P-Bracket (Propellerbock) ist das bedrängte Bronzeteil in der Mitte)
Das Ruder wird oberhalb des Kokerrohrs von einem Lager mit Packung [eingelegte Textilseile, die angepresst werden und den Schaft wasserdicht umschließen] gehalten. Als dieses Lager montiert ist, lässt sich das Ruder kein bisschen mehr bewegen. Das heißt, das Boot ist manövrierunfähig, die gesamte Reparatur für die Katz. Große Frustration am Freitagabend. Könnte man auch Verzweiflung nennen.
Kinderbespaßung
Am Samstagmorgen Reparaturversuch: falls das obere Lager „nur“ verkantet war und damit die Blockade ausgelöst hat, sollte sich das (theoretisch) durch Ausgleichen mit Unterlegscheiben lösen lassen. Klar, dass das Lager inzwischen (von mir) fachgerecht dick mit Abdichtmasse verklebt wurde, die sich nur schwer wieder entfernen lässt … Klappt aber. Samstagnachmittag große Erleichterung: das Ruder (streift nicht mehr am Skeg und) lässt sich von Hand bewegen. Montagnacht hat Garreth es geschafft, das P-Bracket geradezubiegen (anderthalb Tonnen Druck in einer hydraulischen Presse, aufgeheizt bis fast zum Glühen). Dienstag abend kommt Gareth mit Familie zum Picknick und setzt innerhalb von wenigen Minuten die Propellerwelle und das P-Bracket ein. Ein mittelgroßes Wunder.
Lisa, Oli (o.), Zac, Skip, Gareth, Etty (v.)Gareth erklärt, wie er es geschafft hat
Mittwoch besorge ich neue Befestigungsbolzen und Anoden [Metallteile aus Zink (oder einem anderen unedlen Metall/Legierung), die Propeller und -schaft davor schützen sollen, galvanisch angefressen zu werden], es müssen speziell europäische sein, damit die alten Bohrungen passen. Bolzen eingesetzt und mit Marinekleber abgedichtet. Neuer Launch-Termin ist Donnerstag, nachmittags um halb fünf (hängt von der Tide ab: nur bei Flut ist genug Wasser im Dart). Wenn der Termin nicht klappt, kann David, sagt er, mich erst am Montag wieder einsetzen – er hat dreißig Boote im Wasser und alle Hände voll zu tun bis dahin. Inzwischen weiß ich warum: Dartmouth Regatta Weekend. Donnerstag vormittag nur noch schnell den Quadranten einsetzen und die Steuerseile spannen (nicht zu sehr, sonst blockiert wieder alles – schon ausprobiert!), am Ende funktioniert die Steuerung leichtergängig als zuvor – bilde ich mir jedenfalls ein. Und rasch die beiden Anoden anschrauben. Steuerbordseite passt gut. Backbord stehen die frisch eingesetzten Bolzen leider ein paar (fünf) Millimeter zu weit auseinander. Deswegen also war die alte Anode auf einer Seite aufgebohrt. Was tun? Anodenstahl wegfeilen? Sieht ziemlich massiv aus. Also am Morgen des Launching-Tages ein zusätzliches Loch ins Schiff gebohrt. Bolzen neu eingesetzt, abgedichtet. Und zwei Stunden gewartet, bis die Dichtungsmasse einigermaßen fest genug ist, um die Bolzen anzuziehen und mit Antifouling zu überziehen. Rasch noch Staubsaugen, solange ich noch am Landstrom hänge … Frühstück bei Alf Resco.
Die Lower Ferry in Dartmouth (im Hgrd: Kingswear)
Nachmittags um eins hängt die Else bereits in den Gurten des Lift-Anhängers. Wenige Zentimeter über dem Boden, jedenfalls zu tief, um Antifouling an die Unterseite des Kiels zu malen, wo er die gesamten zwei Monate auf zwei Balken aufsaß. Anoden festgeschraubt. Meine Sachen eingeräumt. Schiff einigermaßen seefest geräumt. Noch immer habe ich keinen Anker. Zur Sicherheit wenigstens ein Vorsegel aufgezogen. Launch klappt vorbildlich. Bier für die Jungs.
»You’re a gentleman.«
Tom
Am Steg in Blackness (Die Werft liegt oben auf dem Hügel)
Um halb sechs kommt die Lorelia und geht an die Tonne, die für die eine Nacht für uns reserviert ist. Können aber keine zwei Schiffe dran. Also Ablegen (Paula macht ihren Crashkurs Leinenführung innerhalb von Minuten) und hinaus auf den Dart, strahlender Sonnenschein. Ruder und Motor funktionieren vorbildlich. Lizzy fährt sich, als wäre nie etwas passiert. Schiere pure Glückseeligkeit.
Sheer bliss
Nach zwanzig Minuten setzt der Motor aus. Die Lorelia schleppt uns an ihren Liegeplatz weiter unten am Fluss, vor Dartmouth. Anscheinend ist es mir nicht vergönnt, ein einziges Mal aus eigener Kraft in diesen Hafen einzulaufen … Abends das Dinghi entfaltet und zu Wasser gelassen. Nur leider den Schlüssel nicht gefunden. Gesamtes Boot durchsucht. Paula muss am nächsten Morgen um sieben an Land, um ein Taxi nach Blackness zu kriegen, dort den Mietwagen holen, ihn nach Exeter zurückfahren, dort ein Taxi zum Zug nach London zu erwischen. Völlig fertig, zu keinem klaren Gedanken fähig, zusammengesunken auf der Bank im Salon. Wassertaxi per Funk angefordert. Muss ich am nächsten Morgen nochmal machen, sie nehmen keine Reservierungen an. Nach ein paar Stunden Schlaf wache ich mitten in der Nacht auf und weiß, wo der Dinghi-Schlüssel ist: in einer Plastiktüte bei den übrigen Beiboot-Sachen (Benzinkanister, Kette, Schöpfbecher) in der StB-Backskiste. Tatsächlich finde ich ihn am Morgen genau dort. Dinghi-Motor springt sofort an, bringt Paula und mich auch ein paar hundert Meter Richtung Anleger, stirbt ab. Benzinhahn falsch herum auf- (also zu-) gedreht. Paula winkt einen heimkehrenden Angler herbei, der uns zum Fähranleger schleppt, wo wir festmachen und zum Taxi hetzen …
Am Ende klappt alles, Paula erwischt ihren Zug. Die Erleichterung setzt erst schrittweise und nach Stunden ein. Selbst am nächsten Tag, dem Samstag der großen Flaggenparade und des Feuerwerks kann ich es noch nicht richtig fassen, tatsächlich wieder an Bord zu sein.
Montag, Bank holiday. Dartmouth ist am Sonntagmorgen zum regulären Betrieb zurückgekehrt (kein Parkverbot mehr, keine Absperrungen und Einbahn-Ampel in der Innenstadt, sämtlicher Müll verräumt). Was ich noch gebraucht hätte: ein Ersatzruder (meins hab ich in der Hektiknacht auf dem Dinghi gelassen, hat sich losgemacht und ist weg) und eine Ersatzgasflasche, die letzte war leer. Aber seit zwei Wochen gibt es in UK kein Gas in Flaschen – Lieferengpass. Bis morgen (große Wäsche, Besuch im Internetcafé) hab ich Zeit zum Aufräumen.
Lizbeth, belebt
It takes a village (Danksagung)
Dank an James und Tom (Boot rausheben), Duncan (Packung Ruderlager), Mike (Bohrerverlängerung), Paul, Simon, Lee (Tischverleih), David (Manager), Rebecca (Rezeption), Pippa (Rezeption, Paketpost), Richard und Marilyn (Vermieter East Cornworthy Farm), Louay (GFK, Werkzeugverleih), Rouanne (Sprayhood), Gareth (alles Erdenkliche, Motor, P-Bracket, Riemen, Anker und -kette, Sturmfock), Ben (Wonder(Re-)BENder: Propeller, -welle, Quadrant), Chris (unbekannterweise, Quadrantverschickung), Kelvin (Metallberatung, Quadrantreparatur, Rudersicherung), Grahame und Sue (Vermieter Hunter’s Lodge, Cornworthy), Brigitte (französisch ausgesprochen) und Marge, (Vermieterinnen Red Lion Inn, Dittisham), Lindaon (Barmann Red Lion), Raymond (dito), Jamie und Kara (Schleifmaschine, Fahrrad), Liza, Oli, Zac, Etty (Seelentröstung), Herrn Rupperath, Iversheim (Quadrantreparatur), Paula (Antifouling).
Auf dem Weg nach Plymouth
Zum Erbrechen peinlich
oder
Neues aus der unbeliebten Reihe „Erfahrungen, die man niemals machen –Fehler, die man niemals zugeben möchte“
Dienstag, 30. August. Heute hat sich herausgestellt, das mein Schiffbruch ganz allein meine Schuld war. Und das ging so: Nach fast drei Monaten hatte ich endlich wieder Zugang zur Vorschiffskabine (die war mit den ganzen Sachen vollgestopft, die ich aus der Achterkabine räumen musste). Einer der Punkte auf meiner To-do-Liste war das Hochziehen (des Rests) der Ankerkette. Dabei hat sich herausgestellt, dass ich anscheinend nur weniger als acht Meter Kette gesteckt hatte, als sie gebrochen ist! 8m Kette bei 6m Wassertiefe ist selbst bei absoluter Windstille unsagbar doof. Im Sturm dagegen kriminell dumm. Ein Wunder, dass der Anker gehalten hat. Zunächst lag ich genau im Wind vor der Lorelia mit Liza und Gareth (und diese Tatsache war einer der Gründe warum sie ihren Platz an der Mooring so schnell wie möglich verlassen haben). Aber spätestens als sie weg waren, morgens um halb sechs, hätte ich ohne Probleme mindestens zwanzig Meter mehr Kette stecken können, die extremen Belastungen meiner Kette wären vermieden worden und der ganze Schlamassel wäre nicht passiert. Muss man sich mal klarmachen!
Keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte. Ich hätte jederzeit Stein, Bein und bei meinem Leben geschworen, das ich mindestens zwanzig, eher dreißig Meter gesteckt hatte. (Das war auch der Grund, warum ich den Anker später nicht wiederfinden konnte: ich hab an der falschen Stelle gesucht!) Die Regel für die Ankerkettenlänge ist: fünfzehn Meter plus zweimal die Wassertiefe. Das wären in meinem Fall 27m gewesen. Und bei besonderen Belastungen (wie z.B. Sturm) mehr Kette zu geben, ist Lektion 101 im Kurs „Ankern für Dummies“. Jeder weiß das. Auch ich.
»Think. Think. Think.«
Marco, skipperte uns von Pula bis Mali Losinj.
Warum ich am fraglichen Morgen darauf nicht gekommen bin, ist mir schleierhaft. Wahrscheinlich sollte ich wirklich nicht alleine segeln. Den jeder und jede Mitseglerin hätte sich (und mir) am 3. Juni morgens die (bange) Frage gestellt: »Haben wir auch genug Kette draußen?« Kein Wunder also, dass bei den idiotischen Fehlern, die mir unterlaufen, niemand mit mir segeln will … Und die Spruchweisheit, dass man aus Erfahrung klüger würde, hätte ich mir in diesem Fall sehr gerne erspart. Deshalb klingen auch die Seglerweisheiten von Gareth, die ich mir gestern noch begeistert und leichten Herzens notiert habe, jetzt, in meinem neuen Leben als Vollidiot, in meinen Ohren ziemlich schal:
»Even the highest waves can‘t break a ship. Only rocks can.«
Gareth
»If what you’ve experienced didn’t scare you – nothing will.«
Gareth (auf meine Ankündigung hin, meine Reise abzubrechen, falls mir die Erlebnisse den Schneid abkaufen)
»You don’t step UP into a liferaft. You step DOWN.«
Gareth (über den richtigen Zeitpunkt, von einem sinkenden Schiff in die Rettungsinsel überzuwechseln)
Leider ist es erst zwei Uhr nachmittags, sonst wäre ich jetzt mehr als bereit, eine Flasche Rotwein aufzumachen. Außerdem muss ich noch zum Waschsalon, zum Supermarkt und nach Brixham in den Schiffsbedarfsladen.
Morgen bin ich mit Gareth zum Probesegeln (bzw. Probemotoren) verabredet. Hoffentlich habe ich bis dahin meine Selbstzweifel im Griff. Ein Vierer-Tag, höchstens, auf der Skala von 0=fürchterlich bis 10=genial (nur drei Tage vor dem Launch, als durch meine laienhafte Ruderblatt-Flickerei der Erfolg der gesamten Reparatur infrage stand, war ich noch niedergeschlagener). Bitte vielmals um Verständnis, aber manchmal müssen Seglerblogs, zumal dieser hier, doch tatsächlich weinerlich sein. Draußen herrscht übrigens herrliches Sommerwetter, weht fantastischer Segelwind, zeigt sich Dartmouth von seiner hübschesten Seite. Und wahrscheinlich läuft sogar mein Motor.
Lorelia querab (die mir, obgleich zweieinhalb Meter länger, den Nachmittag über gerade mal zwei Bootslängen davonfuhr)
Plymouth
Montag, 5. September. Geht weinerlich weiter: Heute morgen auszulaufen versucht, alles vorbereitet, ablegen gegen den Wind mit rückwärts Eindampfen in die Spring. Aber der Unaussprechliche kommt nicht auf Touren, schafft es nicht, das Schiff vom Steg abzudrücken. Und dann funktioniert der Aus-Knopf nicht. Wahrscheinlich sollte ich diesen Blog umbenennen: Wieviele Probleme kann ein einzelner Motor machen? Aber gemäß meiner neuen Regel bin ich dann nicht ausgelaufen, sondern habe einen Mechaniker gesucht. Der kommt vielleicht bald.
Am Mi., 30. August hatte das Probesegelen nicht stattgefunden, Gareth hatte zu viel zu tun, die Familie kam erst gegen sechs. Dafür am Donnerstag (1.9.): raus aus der Dart-Mündung, Start Point gerundet (»der gefährlichste Ort der Küste« (Gareth, weil ich dort die Segel aufgezogen habe)), Bilderbuchsegeln bei Halbwind und der Tidenströmung im Rücken bis 8,2 kn (Rekord bisher!), im letzten Licht gegen halb neun auf dem völlig überfüllten Yealm River einen Platz am Ponton gesucht und dank hilfsbereiter Segler auch gefunden: es ist wieder einmal Regatta-Tag (Salcombe-Yealm). Nachts noch das Dinghy ausgefaltet: die Hunde mussten an Land.
Handwerkern hinterhertelefonieren … (Blickkontakt: Moss – und Etty)
Freitag Mittag wieder los, kaum Wind, deswegen motort. Vier volle Stunden ging das gut. Dann sind wir zurück nach Plymouth, ich wieder mal im Schlepptau.
Etty schleppt ab
19:00 am Ponton das Saltash Yacht Club (max. 2 Stunden). Lisa klärt mit dem Clubchef, dass wir über Nacht bleiben dürfen, weil M.-probleme. »Wir wollen ja nicht, dass ein manövrierunfähiges Boot im Hafen von Plymouth herumtreibt, oder?« Gareth schneidet ein undichtes Stück aus der Dieselleitung. Motor läuft wieder.
Aus dem Zug: Lorelia und Elizabeth im Päckchen am Anleger des Saltash Yacht Clubs
Samstag 7:55 den Zug nach Newton Abbot (große Pferderennbahn) zum Bootsflohmarkt (boat jumble) im Innenraum des Rennbahnrunds. Drei Fender und diverses Kleinzeug gekauft (und Pete Goss geschenkt bekommen, Lisas Lieblingsbuch). Nachmittags zurück, mitten in den Jahrmarkt am Kai, Gareths neues Dinghy geschleppt (mindestens 80 Kilo!) und einen Anschiss vom Hafenmeister kassiert: wir dürfen dort nicht festmachen!
Tatsächlich ist Saltash der perfekte Ort, um Besatzung aufzunehmen: zwei Stunden festmachen am Yachtclub sind erlaubt, acht Min. Fußweg zum Bahnhof an der Hauptstrecke London-Penzance. Gegen vier abgelegt, ziemlich im Sturm, zum Glück immernoch im Päckchen [Elizabeth seitlich gegen Lorelia geschnürt]. Denn: Motor setzt aus, Gareth kommt rüber und repariert Dieselschläuche. Halb sechs: Mayflower Marina, Plymouth (Luftlinie ca. 2 km). Abendessen im Wildwood, 20 min Fußweg, aber schick und lecker und sehr nett. Sonntag (4.9.) 10h losgefahren, aber draußen steigen hohe Wellen, 2-3m, es regnet – wieder reingefahren. Jetzt haben Lisa und Gareth ein Problem: am Montag müssen Oli und Zac in die Schule. Sie suchen jemand, der sie mit dem Auto abholt. Gegen zwei leg ich mich völlig erschossen zu einem Schläfchen und wache erst um fünf wieder auf. Border Force ist in Gestalt einer drei Mann starken Patrouille da, wollen wissen, wo ich losgefahren bin. Ich zeige auf die drei Meter entfernte Box, wo ich tatsächlich bis zum Morgen lag. Fanden sie nicht lustig. Ich muss die Yachtline anrufen, um meinen Stand bei der Immigration zu klären. Tue ich auch. Nur: die sind ausschließlich für ZOLLfragen zuständig, wie lange ich im Land bleibe ist denen völlig schnurz. Was fürein Chaos. Inzwischen herrschte Starkregen, ich hatte den ganzen Nachmittag geschlafen, auf der Lorelia war alles verrammelt. Und doch steht heute früh plötzlich Gareth am Boot! Er hat sich gestern Nacht noch nach Dartmouth durchgeschlagen und das Auto geholt! Die Zwillinge haben schon ihre Schuluniformen an und sind bereit. Auch ich rüste mich, schließlich habe ich morgen meinen Elektroniker-Termin in Dartmouth. Und dann schafft der Motor es nicht, mich vom Steg zu schieben.
In der Marina weisen sich mich an M&G Mechaniker. Die sind ausgebucht, können frühestens in der folgenden Woche. Geben mir die Nummer von einem Mechaniker, der zwar nicht gleich heute, aber vielleicht bald kann. Nick (Marienelektroniker) habe ich abgesagt, er ist vielleicht diese Woche in Plymouth und kommt dann vorbei… Ich hab mich jedenfalls erste einmal bis zum Samstag hier in der Marina eingebucht. Und vorher das Motorpanel geschrottet.
Am Montag abend tauchen plötzlich Lisa, Gareth und die Kinder auf und Gareth schraubt sämtliche Dieselleitungen aus meinem Motor. Er hat es inzwischen genauso satt wie ich: alles muss neu. Andererseits passen jetzt, wo ich meinen Blog für die Wiederveröffentlichung korrekturgelesen habe, alle Symptome: Wenn die Dieselleitungen undichte Stellen haben, (tritt Diesel aus und) saugt der Motor Luft an. Unter Belastung saugt er mehr Treibstoff. Bekommt er nicht genug, kommt er nicht auf Touren oder stirbt ab. Also neue Hoffnung.
Bessere Zeiten
Außerdem ist es wahrscheinlich gar keine schlechte Idee, in der Marina zu bleiben: draußen jagt ein Sturmtiefe das nächste, jeden Tag mindestens einmal starke Schauer, dazwischen sonnige Abschnitte. Aber Im Moment ist der Schwell [Windwellen] so stark, dass sogar hier, zwei Meilen innerhalb der Mündung und von zwei Wellenbrechern, einer Halbinsel und einer Insel geschützt, die Yachten wild hin- und her schwanken …
Draußen will man da nicht sein, geschweige denn auf dem Weg über die Biscaya. Alles gut also.