9. Südküste Englands (bis Portsmouth)

Spinnaker Tower, Portsmouth

Das schuldige Kabel

Das Kabel des Verderbens. Links gequetscht (Matts Vermutung), rechts ausgefranst (meine Theorie)

Da liegt es, Bikinizone am rechten oberen Ende. Räkelt sich das kleine Ding nicht arg extra-unbeteiligt in der Sonne (um sein Schuldbewusstsein zu kaschieren. Oder kommt nur mir das so vor?)?

Hilfe, ich bin berühmt!

(aber bei den falschen Leuten)

In Gravelines ist am folgenden Tag das Hafenpolizeischlauchboot aufgetaucht, hat im Hafen patroulliert und irgendwas (oder-wen gesucht). Beim Hinausfahren winkt mir der Kommandierende am Steuer des Schlauchbootes zu. Superfreundlich. Und (mir) superpeinlich. Die Ramsgate Coast Guard wird mich in Erinnerung behalten (weil meine Donation zu karg war – Witz!). Der Border-Force-Offizier, der mit mir (mit seinem Sachbearbeiter in Büro der Immigration die ganze Zeit am Telefon) durch den halben Hafen gehetzt ist, nachdem er beim Anblick meiner Klarsichtfolien-Dokumentensammlung noch meinen Ordnungssinn (Haha) gelobt hatte, musste dann noch auf mich warten, weil ich fieberhaft meinen Pass suchen musste (»Don’t be nervous, Take your time!«) Während er gleichzeitig, mit der anderen Arschbacke nervös von einem Fuß auf den anderen trat (mixing my metaphores). So lange hat das gedauert, dass die vom Mutterschiff (25m Luftlinie, aber halber Kilometer Fußweg über die Stege) ihm einen zweiten Mann, einen Schrank von GI (zwei Meter hoch, mindestens halb so breit, dafür ohne Nacken) geschickt haben. Wahrscheinlich haben sie befürchtet, ich will den Officer entführen oder Schlimmeres. Und wie der Schrank, um das Eis zu brechen (und mich abzuchecken) sich scheißfreundlich-uninteressiert nach dem Boot, dessen Marke, Alter usw. erkundigt hat …. Wie die Ramsgate Port Control, nachdem ich von ihr schon die Freigabe zur Ausfahrt bekommen hatte, einem anderen Schiff (über Funk für alle zu hören!) Anweisungen gab zu warten, eine Yacht habe Schwierigkeiten beim Wenden … War natürlich ich.
Wie die Dover Port Control in der Dämmerung versuchte, mit einer unidentifizierten Yacht »Unknown white ship, unknown white ship?« Kontakt aufzunehmen (war auch ich). Wie das Patrouillenboot der Dover Harbor Police rausgefahren kam. Wie das Personal im Hafenbüro der Sovereign Harbor Marina (bereits zweimal ausgetauscht: drei Schichten später) sofort Bescheid wusste: »Ich bin der, der in den Pier gecrasht ist, ähem…« – »Ach, Sie sind das!« Wie die Eastbourne Marina einem Boot die Freigabe zur Ausfahrt erteilte und der Typ zwei Minuten darauf kleinlaut zugeben musste, dass er noch nicht so weit ist … Alles superpeinlich. Aber der Brite kennt keine Blamagen, nur (blasierte) Förmlichkeit: »Your safety is preeminent, Sir.« Und überlässt es dem Gegenüber, sich unmöglich zu machen. Doch ich greife vor …

Britischer Humor: Letzte Toilette vor Frankreich
Ab Ramsgate

Sonntag, 22. Mai. Vormittags Full English Breakfast (Würstchen, Schinken, Kartoffelbrownies, Bohnen in Tomatensoße, Dosentomaten, Toast, Kaffee) im Ship Shaped Café, einem Hausfrauengemanagten Laden in einem Gewölbe am Hafen. Außerdem bei Marlec Marine, die Apotheke (sagt Matt) von Chandlery [Eisenwarenladen/Yachtbedarf] eine Ersatzpatrone für die Rettungsweste gekauft (ist direkt beim Einbauen losgegangen, mühsam frisch entlüftete Rettungsweste sofort wieder aufgeplustert: Irgendwas mache ich falsch, 25 Pfund in die Luft (CO2) gejagt) und einen Zweit-Anker (Bruce-Nachbau) gekauft. Auf feilschen steht der Marlec-Typ nicht so besonders (»you’re a pain in the ass«), aber ich bleibe, ganz in Paulas Stil, charmant und unbeirrt. Um zwölf will Marita anrufen, sie hätte schon früher gekonnt, ich hatte aber mein Handy nicht dabei (eigentlich wollte ich nur spülen und die Patrone kaufen gehen). Zwei Stunden Kaffeeklatsch an Deck, Tracy und Marita nehmen sogar meine ulkigen Sonnenhüte an, weil es einfach zu heiß ist. Dann muss ich wie angekündigt los.

Tracy und Mary

Abfahrt 15:30 (Auflaufendes Wasser, Flut um halb sechs) Marita und Tracy filmen die Ausfahrt. Ankündige Abfahrt bei der Port Control. Kurz darauf teilt die einem anderen Schiff mit, dass sie warten müssen, weil eine Yacht Schwierigkeiten hat, zu wenden. Das bin ich. Weil das Hydrovane-Ruder das Manövrieren echt schwer macht, vor allem in einer engen Gasse zwischen zwei Schwimmstegen. Aber irgendwann krieg ich das Heck herum, schramme noch an meinem eigenen Steg entlang und bin endlich bereit für die Ausfahrt. Winken und Küsschen. Mal sehen wie die Videos geworden sind. Mit Marita vereinbare ich, dass ich sie anrufe, wenn ich 20 min vor dem Pier in Deal bin (wo sie wohnen und meine Vorbeifahrt filmen könnten). Als ich um 16:30 Bescheid geben will, sind sie noch beim Pizzaessen. Wird also nix. Geplant hatte ich zwei Stunden, also bis halb sechs. Tatsächlich wird es halb sieben bis ich den weit ins Meer hinausragenden Riesenpier passiert habe.

Deal Pier
Häuser von Deal

Soviel zur Genauigkeit meiner Navigation (der Wind ist eingeschlafen, könnte man als Ausrede nutzen, tatsächlich starte ich den Motor kurz darauf, um wenigstens um die Landzunge herum und durch die Hafeneinfahrten von Dover zu kommen. Unter Segel und ohne Wind wäre das nicht ratsam). Navionics schlägt mir einen Kurs am Hafen von Dover vorbei vor. Ich folge ihm, genau auf der lila Linie. Östliche Hafeneinfahrt passiert ohne Schwierigkeiten. Aus der westlichen Einfahrt kommt ein Polizeipatrouillenboot. Die meinen tatsächlich mich (gibt auch weit und breit sonst kein Boot. Nur weit draußen eine zweite Yacht auf parallelem Kurs). Ich gehe in den Leerlauf, die kommen längsseits, auf Rufweite. Was meine Absichten sind? -Richtung Folkstone. – Gut. – Warum ich nicht den Hafen mit einer Meile Abstand passiere, wie es Vorschrift ist, wegen der vielen Fähren. – Mein Navi hat exakt diesen Kurs vorgeschlagen. Aber entscheiden müsste natürlich ich. – Eben.
Dennoch winkt er mir zum Abschied, als ich (unter seiner „Begleitung“) dabei bin, die westliche Hafeneinfahrt zu passieren. Jetzt ergeben auch die Funksprüche (Frauenstimme von der Dover Port Control) Sinn: »Unknown white sailship, white sailship«, aber die Koordinaten haben nicht (exakt) gestimmt, der Kurs auch nicht. Klarer Fall von Missachtung der Lektion 3: Kommunizieren!

Fast Folkestone, fast dunkel

Im letzten Licht Segel gesetzt und an Folkestone innerhalb von vier Stunden mühsam (unter 1 kn) mehr vorbeigetrieben als gesegelt. Abendessen gekocht (Chorizo-Gemüse-Penne-Pfanne; schmeckt wie Currywurst in geschmackvoll.) Mitternacht schmeiße ich die Mühle wieder an (geiles Gefühl, mit zuverlässiger Maschine zu fahren!), die mich bis an meinen geplanten Ankerplatz vor Ducheness bringt. 05:30 im ersten Licht Ankern vor Littlehouse-at-Sea. Erstmal schlafen. Um sieben geht es weiter, aber nach zwei Stunden Schlaf bin ich wie neu. In der Nacht waren mir schon sekundenweise die Augen zugefallen Aber dann piepst das Funkgerät auf und ich schrecke hoch.

Ducheness: Tracy hat mir den Hintergrund des Ortes erzählt, sie und Marita waren genau an diesem Wochenende dort. Und jetzt am Morgen sehe ich, was sie meint. British Rail hat auf einem Nebengleis ins Nirgendwo ausrangierte Güterwaggons entsorgt oder geparkt. Im Lauf der (50er?) Jahre sind sie aufgebrochen, besetzt und belebt worden, umgebaut und erweitert. Heute gelten sie als schick: eine einzelne Reihe von Häusern, am Strand aufgereiht wie auf einer Perlenschnur, alle von derselben Breite (Waggonformat) keins sieht aus wie das andere: jeder Squatter hat individuell gebaut. Schön. Nur das Nirgendwo ist noch immer eine karamellbraune Wüste, am Meer zu steilen Dämmen aufgeschütteteter Sand, Bootswracks und ausrangierte Bulldozer darauf: eine Mad-Max-Szenerie. Kam mir auch so vor, als wäre dort ein Filmteam am Drehen: neongrüne Regenkleidung, eine Regisseurin in roter, ein Kameramann in schwarzer Allwetterjacke. Falls (ich mir das alles nicht nur einbilde und falls) also im nächsten Derek-Jarman-Film (der lebt dort) eine Yacht im Hintergrund einer apokalyptischen Strandszene auftaucht, dann bin das ich gewesen. – Außerdem steht dort, gottverlassene Gegend, wie gesagt, wie selbstverständlich ein riesiges Atomkraftwerk. Endzeitstimmung eben.

Seit dem Cap Ducheness regnet es Niesel, dauerhaft, aber nicht stark. Bedeckt, jedoch mit einzelnen helleren Stellen – nicht bedrückend. Vor allem geht es mir gold: die Hydrovane steuert bei jedem Wetter. Und Georgieboy hat sich noch nie beklagt. Ich sitze unten im Trockenen und schreibe (dies hier) oder stehe im Niedergang und schaue mir die graue Welt an. Kein bisschen trostlos, sondern sehr entspannt.

Damit ich eine Lauchsuppe zubereiten kann, steuert  Georgie tadellos auch hart am Wind (BF 4). Aber Kochen bei 15° [Seiten-]Lage und Wellen bis 1,5m ist alles andere als trivial. Kartoffeln schälen und schneiden, Lauch schneiden (Brettchen und Messer immer gut festhalten!) ist noch die leichtere Übung. Kartoffeln und später Lauch in Butter anschmelzen ist schon anspruchsvoller. Dann kommt noch Ninas letzte Milch rein. Superlecker, die Suppe esse ich im Cockpit auf dem Schoß. Kann ich den Kurs überprüfen. Aber vor allem: Das Cockpit macht sich von selber sauber, falls ich was verschütte. Geht drei Teller lang gut. Ich fühl mich wie der König der Welt. Essen und Trinken hält alles zusammen.

Die letzten zwei Stunden am Ende motore ich, weil ich nicht im Dunkeln ankommen will, mit Vollgas (3200U/m) nach Eastbourne Sovereign Harbor. 17:45 Einlaufen. Hafenmeister weist mir einen Liegeplatz zu, ich finde ihn auch, aber von da an läuft alles schief …

Der schlechteste Anleger der Welt

Meine Box D 14 ist eng, aber nicht zu eng. Der Raum zwischen den Piers schmal, aber machbar. Erst schaffe ich die Drehung nicht, laufe auf den Stb Fingerpier zu, bremse [Boote haben keine Bremse. Bremsen heißt: im Rückwärtsgang Gas geben]. Jetzt treibt der Wind das Heck gegen den Fingerpier, ich laufe schräg in die Box. Das wäre der Moment gewesen, das Manöver abzubrechen und neu anzusetzen. Habe ich verpasst. Ich versuche, mit noch mehr Gas doch noch reinzukommen, werde zu schnell, ramme hektisch den Rückwärtsgang ein, das Boot wird aber nicht langsamer. Mein Buganker (sehr stabil) verhakt sich in den Wanten des Nachbarschiffs, dann in einer Relingsstütze dort, fetzt schließlich frei und rammt den Pier. Großes Geklirr, als ein Stromkasten (mit schickem weißem Lichtwürfel oben) zu Bruch geht. Kleineres Knacken, als auch der Rettungringhalter daneben einen abbekommt. Bug schiebt sich auf den Pier und steht brusthoch aus dem Wasser. Franzose vom Nebenschiff, der mir mit den Leinen helfen wollte, kann ihn nicht zurückschieben. Ich lege den Rückwärtsgang ein, gebe Gas, erst zaghaft, dann mehr, aber nichts hilft: Ich bekomme das Boot nicht vom Steg herunter. Lächerliches Bild, eklatante Verletzung von Regel eins: Das Manöver muss gut aussehen.

Müßig zu erwähnen, dass am Steg gegenüber vier erfahrene Yachties (alles Männer, Gesamtalter sicher 200 Jahre), interessiert beobachten, wie ich Alleinsegler wohl den Anleger hinbekomme. Als das große Klirren und Knacken losgeht, zerstreut sich die Gruppe rasch (wahrscheinlich mit vor die Augen geschlagenen Händen) – Hafenkino vom feinsten. (Dieser  Anleger kommt, wie ich eben erfahren habe, auch in Jaabs Reisebericht vor, s.u.) 

Lektionen 10 bis 14: Beim Anlegen große Bögen fahren. Nicht in der Kurve anlegen, sondern das Schiff so lange wie möglich davor auf den endgültigen Kurs bringen. – So langsam fahren, wie es der Wind zulässt. – Nicht hektisch werden (Haha!) – Sich nicht genieren: Was passiert, passiert. Wenn man nichts machen kann, braucht man sich auch nicht aufregen (Haha). Und: Auch die erfahrendsten alten Hasen haben mal als kleine Häschen angefangen.

Ausreden: Ich war übernächtigt (nur zwei Stunden geschlafen). Ich hab vierzehn Stunden nicht geraucht. Ich hab die Kurve zu eng genommen (vermeidbarer Scheißfehler). Es gab Windböen, unregelmäßig und nicht schwach (kann leider immer wieder passieren). Die Motorschaltung hat versagt.

Beim Festmachen, der Franzose hat es schließlich geschafft, den Schiffsbug vom Steg zu wuchten, will ich sanft nach hinten fahren. Aber: Egal in welcher Stellung des Schalthebels, die Elli fährt nur voraus. (Deshalb habe ich sie nicht vom Steg bekommen!) Entweder die Schaltung ist kaputt oder der entsprechende Bowdenzug ist gerissen oder das Wendegtreibe ist am A…. Der gerissene Bowdenzug wäre die einfachste und billigste Lösung. Also Fehlersuche im Abendlicht.

»Langstreckensegeln ist, wenn man sein Boot an den schönsten Plätzen der Welt repariert.«

Seglerweisheit (Hab ich die nicht schonmal angebracht?)

Erster Gang/Run: Off-Licenze, der Tabakladen am anderen Ende des Hafens. Hat zum Glück noch offen. (Rauchen aufhören war zwar für diesen und den vorherigen Tag geplant, hat aber nicht geklappt. Ich hab sogar Tabakreste aus dem Aschenbecher aus alten Kippen gebröselt und auf dem Herd getrocknet– sehr erniedrigend und beschämend. Und schmeckt ziemlich scheiße. Aber wegen dem Geschmack raucht sowieso keiner (der noch alle Tassen im Schrank sturmsicher verrammelt hat.) Dann einchecken. Dann Abdeckung der Getriebeschaltung aufschrauben. Die gute Nachricht: Nichts ist gerissen oder geborsten, eine Hülse (um den Bowdenzug) an einem Flansch am Getriebe ist aus ihrer Klemme gerutscht. Lockern, an die richtige Stelle platzieren, wieder festschrauben – repariert! Genie, das ich bin: sehr zufrieden mit mir.

Neues Problem: Handy lädt nicht. Egal, wie herum und wo ich es einstecke. Haben die in England etwa noch immer 110 Volt? Aber auch über den Zigarettenanzünder (12 Volt) läuft nichts. Handyladung steht auf rot, das Smartphone ist mein Navi-Backup, außerdem meine Kommunikation nach Hause. SIM-Karte ins Ipad und damit telefonieren? Aber das ipad ist hauptsächlich für die Navigation. Dafür will ich es reservieren.
Irgendwie klamm fühlt sich das tote Smartphone an. Auch die Hülle. Es wird doch nicht nass geworden sein? Also raus aus der Hülle und tun, was alle Teenager tun, wenn sie ihr Telefon ins Klo haben fallen lassen– föhnen. Heizöfchen angeschmissen und das Telefon im Heißluftstrom platziert, Ladebuchse voran und hochdrapiert. Jeweils eine Viertelstunde köcheln auf Ober- und Unterseite. Jetzt müsste das Gerätchen eigentlich gar sein. Vielleicht erst abkühlen lassen? usw. usf. Kurz gesagt: Nichts funktioniert. Wahrscheinlich muss man dreizehn sein und echt krass verzweifelt, damit dieser Trick funktioniert … Abend ohne Handy. Käsebrot, Apfel, Orange. Zwei kleine Leffes.

Rund Beachy Head
Vor Kap Beachy Hoorn

Dienstag, 24. Mai 2022. 08:00 Hafenmeister kommt, den Schaden begutachten. (der Nachtwachentyp gestern Abend hat mich beruhigt: am Nachbarboot ist nichts zu sehen (die verbogene Relingstütze ist ihm nicht aufgefallen), für den Lichtwürfel am Stromkasten und die Plastikhalterung des Rettungsrings haben sie Ersatz, ich soll mir keine Sorgen machen …
Anders der Hafenmeister. Er wird den Bootsbesitzer des Nachbarbootes kontaktieren (hat der Nachtwachentyp auch schon versucht), die Stromsäule reparieren kostet mindestens dreißig Pfund usw. Was kann ich sagen? Wird es eben ein Fall für die Versicherung, nichts zu machen.
09:00 Beim Yachtbedarf eine neue (die dritte) CO2-Patrone für die Schwimmweste besorgen. Die machen erst um 10:30 auf (und an manchen Tagen gar nicht, sagt die Frau im Hafenmeisterbüro). 11:00 h Pressluftpatrone (Canister) gekauft, Fußmarsch zum nächsten Handyreparaturladen: 25 min. An vierspuriger Straße und durch Reihenhaussiedlungen. Schöne Erinnerungen an Auslandswochen mit Schülern (unter anderem in Eastbourne). Abends, wenn der Tag gelaufen war, Rückweg zu den Gasteltern; oft noch Halt in einem Pub (Svenja, du erinnerst dich?) Andere Zeiten.

Die Adresse des Handreparaturshops ist ein unauffälliges Reihenhaus. Türklopfer anstelle einer Klingel. Blumentopf steht mitten im Eingang. Niemand öffnet. Ich bin sicher völlig verkehrt. Was tun? Geh ich ums Haus herum, sitzt auf der Terrasse in der Sonne eine weißhaarige schmale Lady. Quatsch ich sie an. Der Handyman ist ihr Sohn, gerade nicht da, er kommt wahrscheinlich so gegen eins oder so wieder (»one-ish, half two-ish«). Ich soll ihn anrufen, sie gibt mir bereitwillig seine Karte. Anrufen? Schön. Nur womit?Ob SIE ihn anrufen würde? Auch das tut sie. Für Viertel vor eins sind wir verabredet, kaum 20 min später. Erleichterung.
Gegenüber steht ein uralter Chevrolet-Pickup. Völlig (sehr pittoresk) verrostet, aber anscheinend noch fahrtüchtig, tiefergelegt bis zum Asphaltkontakt, dem Kennzeichen nach von 1948. Ein Traum. (Der Traum aus American pie: »Drove my Chevy to the levy, but the levy was dry.«) Selfie:

Chevy on the dry

Karl Francis kommt Punkt Viertel vor. Die blaue Tür mit dem Klopfer und dem Blumentopf lässt sich tatsächlich öffnen. Innerhalb von Sekunden hat er mein Telefon gecheckt: alles funktioniert. Charger, Kabel, Telefon, einfach alles. Erleichtert und irritiert zugleich: Warum hat das bei mir nicht geklappt? Außerdem hat die alte Lady heute Geburtstag und wird 74. Congratulations, sieht man Ihnen nicht an! (War gelogen).

Auf dem Rückweg noch mehr Vergangenheitserinnerungen. An einer Softeisbude an der Strandpromenade tummeln sich sicher siebzig SchülerInnen, Klassen 6 bis 8; LehrerInnen weisen sie zurecht, rufen sie zum Sammeln (von geworfenen Steinen), mahnen zum Aufbruch. Dann setzt Regen ein. Beim Yachtbedarf noch einen neuen Feuerlöscher und Material für zwei Boomstays (dt. Verballhornung [aber offizielle Bezeichnung]: Bullenstander [Leinen, die auf Vorwindkursen den Baum nach vorne stabilisieren und ungewolltes Umschlagen des Baumes verhindern] gekauft.
16:30 Fish&Chips gegessen (beim Inder; fast die besten bisher), alles klargemacht zur Abfahrt, Harbormaster Bescheid gesagt: »Good to go.«
Aber: mein Boot fährt nur rückwärts. Rückwärts immer, vorwärts nimmer. Habormaster wieder abgesagt: Bin noch nicht so weit. – Kein Problem. »Give us a shout, when you’re ready.« Alter Hase, der ich bin, weiß ich die Ursache: Ich hab die Hülse am Bowdenzug zu hoch fixiert. Rückwärtsgang (den ich probiert habe) klappt zwar, aber Vorwärtsgang rastet nicht ein. Rettungsweste und Jacke ausgezogen, Klapptisch aus Motorraum geräumt, Werkzeugkiste unter Navitisch vorgewuchtet, 8er Gabelschlüssel gefunden, hinten unten im Motorraum am Getriebe zwei Schrauben losgedreht, Hülse verschoben, wieder angezogen, Motor an, ausprobiert: läuft. Wieder in Motorraum, Hülse endgültig angeschraubt/verklemmt, Klapptisch wieder in Motorraum geräumt, Werkzeugkiste wieder verstaut, Jacke und Schwimmweste wieder angezogen: innerhalb von 10 Minuten war ich wieder bereit und der Hafenmeister gibt mir die Anweisungen fürs Ausschleusen aus der Sovereign Harbor Marina Eastborne. Abfahrt 17:45, Schleuse 18:00h
Unter Motor Richtung Stadt und Beachy Head. 18:30 Eastborne Pier passiert, 19:30 unterer Leuchtturm Beachy head passiert usw. usf. Guckst du Video: https://youtu.be/U9kCzNNngAw
Um das Kap von Beachy Head herum laufen die Wogen ziemlich verworren, überschneiden sich zum Teil. Sind sie sonst anderthalb bis zwei Meter, erreichen sie dort leicht drei Meter. Sing ich mir eins (wie Jonny Depp in Pirates of the Caribbean, kurz bevor er endgültig überschnappt):

»Good ship Elizabeth,
taking to the waves,
good ship Elizabeth,
being mighty brave…« 

(da capo al fine ad lib.)
(Ulli Depp beim Untergang der S/V Elizabeth)
(Melod.: Brown Girl in the Ring, Boney M.)

Tatsächlich nimmt die gute alte Elli jede noch so quer kommende Kreuzsee klaglos und gutmütig. Bin sehr zufrieden. Beachy head im Abendlicht ist toll (und dramatisch beleuchtet).

(viele Bilder geschossen)

Die steile Kalksteinklippe ist ein nationales Monument für die Engländer. Als im WK II die Truppen Richtung Kontinent geflogen wurden, waren die unverwechselbaren Cliffs das letzte, was sie von ihrer Heimat sahen. Heute sind die Kuppen mit dem senkrecht abfallenden Abgrund ein Eldorado für Selbstmörder. Jede Person, so steht auf Hinweisschildern, die sich unschlüssig am Abgrund herumtreibt, ist so schnell wie möglich an die eigens dort stationierte Suicide Squat zu melden.(Weil ich mehrfach mit SchülerInnen da war, kenne ich die Aussicht, sehr schön dort oben! Vom Wasser aus ist selbstverständlich nichts von alledem zu bemerken.)

(sehr viele)

Eine Meile Abstand, dann bist du sicher, hat mir die Nachtwache am Vorabend empfohlen. Jetzt stelle ich fest, dass das Meer unter der Küste grün ist vor ausgewaschenem Kalksandstein. Draußen sieht es blau und etwas ruhiger aus. Lektion 15: Grünes Wasser: schlecht; blaues Wasser: gut. Tatsächlich ist es draußen minimal (Susan: ein My) weniger bewegt. Wie sehr es tatsächlich geschaukelt hat, ist auch auf dem Video nicht zu sehen. Aber: Elli war jederzeit in der Lage, jede See zu nehmen, ich hab mich nie unsicher gefühlt, sondern eher (zwar angestrengt aber) beschwingt: einmal um Beachy head herumzufahren. das war immer Teil des Traums gewesen.

(aber schöne)

Dann stelle ich fest, dass ich völlig vergessen habe, die Fender reinzuholen. Einer ist bereits dabei, sich von seinem Knoten zu lösen … Den reinzuholen und neu zu verknoten ist bei Wellen von 2m und Wind bis BF4 auch unter Motor nicht trivial. Später haben mir die Wellen von sich aus zwei Fender an Bord geworfen (u.a. den großen Kugelfender in die Bugbadewanne) und zwei andere (die ich rausgeholt hatte) wieder vom Seitendeck gespült. Als ich um die zweite Kalkwand von West Beachy Head herum bin, hole ich das Navi-ipad hoch: zum Ziel sind es noch immer über drei Meilen. Also Vollgas.

21:00 Hafeneinfahrt Newhaven. 21:30 Festgemacht. Der Franzose ist schon da und hilft mir wieder mit den Leinen. Wind W drückt mich gegen den Steg. Angenehm. Vom Fischkutter neben mir kommt den ganzen Abend gemütliches Brummen von Generator oder Eismaschine, während der Umgangston unter den Fischern eher rau ist (»You stupid fucking mongo!«).

Um Mitternacht legt die riesige Roll-on/off-Fähre („TransMancheFerries“) ab. Ich merke es daran, dass ich unten im Salon ein merkwürdiges Pfeifen höre, das ich nicht lokalisieren kann. Irgendwo ein Ventil offen? Läuft ein Ventilator? Ich hab, so weit ich weiß, nirgendwo ein Ventil an Bord. Das Heizöfchen ist definitiv stillgelegt. Merkwürdig. Dann steigert sich das Geräusch zu einem nervenzerfetzenden Kreischen, als würde jemand das Schiff von unten mit einem Dosenbohrer malträtieren (keine angenehme Vorstellung das, aber selbstverständlich undenkbar! (Obwohl: Taucher???)). Schließlich wird das Brummkratzen so laut, durchdringend und unangenehm wie das Rüttelbrummen beim Zahnarzt (nicht die schnelldrehende Turbine, sondern das dunkle, kalottendröhnende nervzerreißende Krächzschrammeln). Es sind die Schraubengeräusche der ablegenden Fähre, sicher zweihundert Meter entfernt. Aber weil Wasser Schall sehr viel weiter und vor allem ungedämpfter überträgt …

Den Wal stelle ich mir vor, der auf irgendeinem Weltmeer zu schlafen versucht und alle naselang kommt sein Zahnarzt und bohrt ihm den Schädel auf (oder macht jedenfalls die entsprechenden Geräusche) – der Wal möchte ich nicht sein; vor allem, wo diese Tiere doch anscheinend besonders geräuschempfindlich sind, sehr gut hören, und sich über ihre „Gesänge“ hunderte von Meilen weit verständigen/orientieren können). Für mich nur ein weiteres Beispiel dafür, das wir Menschheit (seit Jahrzehnten) dabei sind, es mit dieser Welt gründlich und ein-für allemal zu verkacken. Wie kann es sein, dass dieser Lärm keinem Taucher, keinem Yachtbesitzer auf den Geist gegangen ist und kein Ingenieur versucht hat, etwas dagegen zu tun? Es muss doch möglich sein, leisere Propeller/Turbinen zu bauen? Kleiner Hoffnungsschimmer: vielleicht sind die Geräusche nur bei Rückwärtsfahrt so laut? Im engen Hafen hier können die Riesendinger nur rückwärts rausfahren. Ernüchterung: eben (14:00) kam die nächste Fähre rein, vorwärts. Der Lärm war nicht wesentlich geringer. Adieu, gesunder Menschenverstand (falls das nicht eh ein Euphemismus ist).

Trotzdem wunderbar geschlafen, bis 08:00. Wachgeworden vom Anrollen der Brandung am Kieselstrand (??? Gibt hier weder das eine noch das andere). Auflösung: Gegenüber wird mit dem Bagger Schrott geordnet, aus den Baggerschaufeln rieseln Metallteile auf die berghohen Halden mit einem Geräusch wie Kiesel am Strand.

Mittwoch, 25.05. 10:00 beim Hafenmeister angemeldet. Zwei Nächte gebucht (heute ist Ruhetag, ich hab Zeit, diesen Blog zu schreiben. Aber in der Billigmarina (GBP 28.-) gibt es kein WiFi. Versuche ich später im Städtchen).
10:30 Frisch geduscht und Zähne geputzt, sieht der Tag (bedeckt, windig, Elli liegt sicher am Besucherpier), doch gleich viel freundlicher aus. Jetzt einen Kaffee und …
Der Witz geht so: Frühmorgenflug, irgendwo in den USA. Die Maschine ist gestartet, hat ihre Reisehöhe erreicht, im Cockpit kehrt Ruhe ein. Der Pilot reckt sich, zum Co: »So, jetzt einen Kaffee und einen Blowjob und das wird ein schöner Tag…« Weil sein Intercom noch für die Durchsage an die Passagiere eingeschaltet ist, hören es alle hinten in der Kabine laut und deutlich. Räuspern und nervöses Kichern. Eine Stewardess springt hastig auf und hetzt nach vorne zum Cockpit (um den Piloten auf sein Missgeschick hinzuweisen). Kommt eine Fistelstimme von hinten (wahrscheinlich zynischer alter Mann): »You forgot the coffee!«

Lizbeth in der Newhaven Marina. Im Vordergrund links Jaabs Boot mit der niederländischen Tricolore

Jaab heißt der alte Franzose. Außerdem ist er kein Franzose: ich Blödel hab die niederländische und die französische Flagge verwechselt. Wie konnte ich nur? Ausrede: Sie hängt schräg am Heck von Jaabs Boot, der Nehallenia aus Durgerdam (klingt auch nicht gerade französisch). Wo die Niederländische doch viel älter ist und die Franzosen sich bei der Revolution an ihr orientiert haben… sagt Jaab. Außerdem schreibt er auch gerade, er ist Redakteur bei einer Zeitschrift und wird seine Reiseerzählung dort herausbringen …

Eben Mail vom Marina Manager in Eastbourne erhalten/gelesen: der Besitzer des Nachbarbootes will mit mir sprechen. Wohlan.
Abends Essen gegangen mit Jaab. The Hope Inn, direkt neben der Marina. Krabbencocktail, Mac&Cheese, Guiness.

Mi., 25. und Donnerstag 26.05. waren Ruhetage (für mich, draußen tobte der Sturm, selbst dem Scallop-Fischer nebenan war es zu bewegt, er blieb im Hafen). Spazieren gegangen, kleinere Reparaturen. Vorgekocht (Ratatouille, Reis) für …

Freitag, 27. Mai. 06:00 los, Schwierigkeiten beim Ablegen (gegen den W-Wind, der mich an den Steg drückt). Als ich es raushabe und die alte Tante Else gegen eine Achterleine mit Motor sanft in den Wind schiebe, geht es mittendrin nicht weiter. Abstand zu Jaabs Boot: nur nervenaufreibende anderthalb Meter. Auflösung: einer meiner neu installierten Bullenstander hat sich am Poller des Stegs verhakt. Als ich den loswerfe, dreht sich das Schiff wie geplant. (Wieder beim Hafenmeister entschuldigt, dass ich solange brauche etc.) Dann rausgefahren, im Vorhafen hinter der Mole die Selbststeueranlage in Betrieb genommen (in Gummistiefeln die Badeleiter hinab wadentief ins Wasser steigen, Ruder einhängen, oben auf dem Achterdeck Windfahne anschrauben). Großsegel hochgezogen und ab gings: von 7 bis 11 vier wunderbare Stunden bei Wind (von vorn) und Sonne traumgesegelt. Dann schlief der Wind ein, dann kam er wieder, drehte sich, dann … jedenfalls hab ich keine vernünftige Segelstellung mehr gefunden. Um 12 entnervt den Motor gestartet. Die Landzunge (Selsey Bill), um die ich herum muss, liegt genau im (unzuverlässigen) Wind. 18:00 vor der Landzunge geankert. Im Lauf der Nacht ändert sich die Tidenströmung zwei Mal, Elli legt sich parallel zum Strand, bis Mitternacht Bug nach Norden, danach nach Süden, am Morgen war er wieder im Norden … Aber der Anker hat gehalten! Unruhige Nacht wegen einrollender Wellen. Aber geschlafen wie ein Stein. 8 bis 9 telefoniert, 10 losgefahren, Samstag, 28.05. Untiefen südlich der Halbinsel abgekürzt, paar Minuten Nervenkitzel, aber die ablaufende Flut ist noch sehr hoch.

Georgie steuert uns majestätisch in den Solent, das wahrscheinlich berühmteste Segelrevier der Welt zwischen Portsmouth,Southhampton und der Isle of Wight. Die Hölle ist los, der AIS-Alarm läuft Amok. Dann schwächelt George (oder der Wind dreht), also wieder zwei Stunden motort und um 13:45 in der Gunwharf Quay Marina festgemcht, mitten in einem EInkaufszentrum in einer Art Fußgängerzone, also so etwa wie mit dem Boot auf der Kreuzung Hohe Straße und Schildergasse liegen … auch schön.

Abends Sandwiches auf Jaabs Boot (der hat einen Cockpittisch). Ein Leffe, ein Glas Wein, Käse-Schinken/Gurken, Tomaten, Salat-Sandwiches.

Sabeth im Hafen von Portsmouth

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