VII. Pazifik – 43. Bucht von Panamá

Links: LIZBETH, Mitte: Sonnenuntergang
Flamenco Marina, Panamá

Sonntag, 28. Januar. Hafenkino–Nachteinfahrt. Kommt eine schöne Yacht, vor ihr der Marinero im Motorboot, der sie einweist. Anscheinend liegt der Steg am Liegeplatz nicht auf der erwarteten Seite. »Lines on the other side.« Der Skipper klingt beherrscht, kühl. Seine Frau auf dem Vordeck quiekt aufgeregt. Vielleicht kann sie die Leinen nicht schnell genug finden und aufklarieren? »Lines on the other side.« Der Skipper bleibt cool. Noch mehr unterdrücktes nervöses Wimmern vom Vordeck. »Lines on the other side!« Die Anordnungen kommen noch immer ohne Emotion. Inzwischen rauscht die Yacht auf den Quersteg zu, unbeleuchtet. »Stop! Stop!« Die Stimme vom Vordeck ist kläglich, aber gut vernehmbar (auch aus 20m Entfernung: ich). Zwischen dem Bug der Yacht und dem Steg sind noch sechs Meter. »Stop, Stop!« Der Skipper reagiert nicht. Jetzt sind es noch vier Meter, jetzt noch zwei. »Stop!!« Aber alles Wehklagen hilft nicht, der Skipper setzt den Bug ungebremst auf den Steg. Der Steven [vorderster Teil des Kiels, Unterseite des Bugs] der Yacht hebt sich einen halben Meter aus dem Wasser. Dann rutscht er zurück und sie legen mit Hilfe des Marineros an. »Thank you for putting your light into my eyes,« kommentiert der Skipper, selbst seinen beißenden Sarkasmus bringt er in neutralem Tonfall heraus. Jetzt muss die arme Ehefrau auch noch dran schuld sein, dass er auf den Steg gefahren ist – weil sie ihn geblendet haben soll. Manche Skipper kommen eben mit allem durch.

Ansonsten verbringe ich ruhige Tage im Klischee: Langfahrtsegeln heißt, sein Boot an den schönsten Plätzen der Welt reparieren.

»Do., 25.01.: 09:00 Ina fliegt
Ganztägig: Blog
19:51: alles abgestürzt!
[to-do-list:] Reffleine einziehen
Sprit bunkern

Fr., 26.01.: Reffleine [eingezogen]
Miraflores-Film [geschnitten]

Sa., 27.01.: Einkaufen, Waschen [bei 5 de Mayo, Chinese wäscht, Buch gelesen, fieses Viertel]
20 l Kanister voll [Diesel]

So., 28.01.:
Tisch schmaler [gesägt]
Saileliza aktualisiert.
Neue Crew: Odysse

aus dem Logbuch der LIZZZY
Fieses Viertel: Warten auf Wäsche

Sonntag abend kommt Odysse [O-díss]. Oliven, Käse, Cracker, Bier. Er hat einen Tag Flüge von Hamburg nach Amsterdam nach Panamá hinter sich. Die Rückfahrt mit der Metro (drei Mal umsteigen, obwohl es nur zwei Linien gibt!) und dem überfüllten 850er Bus war schon das erste Abenteuer.

Im Stadtbus 850

Montag sind wir mit dem Bus Richtung Altstadt gefahren, Odysse ist abenteuerlustig und nimmt nicht das Taxi wie ich. Unterwegs kommen wir erst durch ein bürgerlich-gehobenes Wohnviertel, aber auf der anderen Seite der Schnellstraße fängt ein anderes Leben an. Gitter vor den kleinen Läden und Schänken, wir sollen uns von der Polizei begleiten lassen, rät uns eine junge Oma, die mit Tochter und Enkelin gerade zurück in ihren Wohnblock kommt. Ganz so schlimm ist es auch nicht, verrammelte Wohnungen, ein Obdachloser in Badehose, in den Seitengassen sieht es verwahrloster aus.

Rohrbruch im Puff

Aus dem Eingang eines Mehrfamilienhauses strömt schwallweise Wasser. Davor stehen sechs junge Frauen, eine ziemlich gewagt gegürtet. Als wir uns vorbeidrängen, das Wasser gurgelt knöchelhoch auf den Bürgersteig, sprechen und fassen sie uns an: Der Puff wird wohl gerade saubergemacht. Oder sie haben einen Rohrbruch.

Vom Casco antiguo aus: Skyline von Panamá, Panamá
Wägelchen zum Schiff

Wenige Straßen weiter Bauarbeiten. Die Straße wird neu gemacht. Dann ein kleiner Park mit einem riesigen Transparent:  »NO gentrification!«, und auf der anderen Straßenseite fangen die frischgetünchten Altbauten der Altstadt an, casquo antiguo. Odysse war hier schon mal, erinnert sich an einzelne Ecken. Die Balustrade, die Promenade auf den Mauern der Festung um die Spitze der Altstadt aufs Meer hinaus, herum, ist an einem Wochentag weniger eng mit Mola-Ständen bestückt. Sind auch weniger der Indigenen zu sehen. Später, auf der Fußgängerzone und Hauptmarkstraße, die von der 5 de Mayo zur Altstadt führt, sind (Menschen ohne Zahl und) mehr Kunafrauen zu sehen. Auch der Indio muss manchmal einkaufen. Nur Esslokale scheint es (Außer Mäckes, KFC, Dominoes) keine zu geben. Ein Imbiss-Chinese erbarmt sich unser: Reis (mit Hühnchen süßsauer, mit Schweinegoulasch). Sättigt zumindest. Seit Odysse meine Metrokarte aufgeladen hat (waren nur noch minus 40 Cent drauf!) funktioniert sie wieder wie neu, also mit der Metro nach Albrook, ewig langes gründliches Einkaufen im riesigen Super99, Taxi (stehen schon davor) zur Marina, Wägelchen zum Schiff.

Am Dienstag will ich nach der Bilgepumpe sehen, die es bei der Sicherheitseinweisung für Odysse nicht getan hat. Dabei fliegt eine Sicherung nach der anderen raus. In den SeglerBedarfsLäden am Pier finde ich: neue Sicherungen (im einen), eine neue Bilgepumpe, eine Gastlandflagge Equador (für USD 23.- (!), im anderen). Die neue Bilgepumpe hat (wie die alte) nur einen dreiviertelmeter wasserdicht vergossenes Kabel. Und wie die alte flicke ich sie so wasserdicht wie möglich an ihr Anschlusskabel. »Wird unter Wasser nicht funktionieren,« findet Odysse. Hat er wahrscheinlich recht. Abends Bier mit Eilert und Gunilla. Das sind die beiden Schweden, die in Curaçao gegenüber lagen und von Shelter Bay Marina aus fast mit uns als Linehandler gefahren wären. Und in Schweden eine weltberühmte Firma für high-end-welding (Schweißarbeiten nach höchsten Qualitätsanforderungen) betrieben haben.

Altstadtpromenade Panama

Mittwoch schlechter Ableger, ich stelle die arme ELLI quer in die enge Gasse, kratze eine Macke ins Vorschiff. Tanken (bei Ebbe an de Tankstelle außen am Wellenbrecher!), Bezahlen. Nach Taboga, 6 nm, 2 h, bei gutem Wind, wir kommen am frühen Nachmittag rein und machen an einer fremden Boje fest. Außer am Wochende geht das, meint unser Segelführer (Schwalbe Zydler & Zydler: Panama Guide). Um uns herum ankern Ausflugsschiffe, eines mit öhrenbetäubendem Requeton – aber nur so lange die zahlenden Gäste am Strand sind (s. Video: Musica [folgt]). Odysse schwimmt an Land, Spaziergang, bringt Kokosmilchgetränk und Kippen mit.

Odysse: Taboga
Am Strand von Taboga

Donnerstag nach Isla Bona (geplant: nach Contadora, aber unterwegs schlief der Wind ein. Otoque/Isla Bona war die bessere Option: nach Süden, sanfter Wind: Gennackerfahrt). 1 Delfin war zu sehen. Abends fahren wir in eine traumhafte winzige Bucht ein, nur eine Yacht ankert dort. Und zwei Fischerboote mit ihren Netzen, die sie rund um die Bucht gekringelt haben. Drei (braunrücken) Mantas ziehe ihre Kreise. Reste von Industrieanlagen: Kran, Anleger, Dock. Schrecklicher grauer Schlamm als Ankergrund. Abends: Buschbrand. Die Anhöhe neben der Bucht leuchtet in einem wild lodernden Flammenkreis, der sich rasch auszubreiten scheint. Ich funke Meldung, sogar PanPan, interessiert keine Sau. Morgens um zwei war das Feuer von alleine ausgegangen. Das Wochenende soll windarm werden, da wollen wir dort nicht bleiben.

Exkremente
Bristol (vier) – für Ina

»Zum Glück bin ich schon aus dem Wasser raus.« Sagt Odysse. Wieso, frage ich unschuldig nach, vom Klo kommend. »Weil hier schwimmen gerade deine Exkremente vorbei.« Tatsächlich. Wieder einmal (wie in Kroatien) ganz schlechtes Toiletten-Timing. Dabei hätte ich gedacht, weil alle Ausscheidungen durch ein winziges Rückschlagventil müssen, sie dabei einigermaßen zu Brei verarbeitet werden … Aber Veganerschiss, zumal mit vielen Ballaststoffen, geht eben auch nicht unter. Lustige Geschichten hat Ina vom Cruiser-Race erzählt, wenn einer aus der Besatzung zu viele Reiswaffeln gegessen hatte, und deren Überreste einfach nicht aus dem Pump-Klo absaugen konnte – weil sie immer wieder oben schwammen. Ähnlich sah mein Bristol-4-Shiss aus: Konsistenz und Farbe: gut. Schwimmfähigkeit: ausgezeichnet. Erscheinung: eher unangenehm. 

Pelikane (oder Kormorane?) am Betteln

Ebenfalls am Freitag früh holen unsere Fischer ihre Netze ein, Kormorane/Pelikane betteln am Boot, kaum einen halben Meter Abstand, weil die Fischer ihnen immer wieder zu klein geratene Exemplare zuwerfen. Bevor sie wegfahren geben sie auch uns zwei Fische, ich frage, ob sie die ausnehmen würden, weil ich nicht realisiere, dass es ein Geschenk sein soll – sie nehmen partout kein Geld an.

Der Junge (rechts) verdient ein Trinkgeld
Die Perlen (-Inseln)

09:50 ab Isla Bona. Unter Motor, Halbwind, Motor, Halbwind, also Motor-Sailing wie die Engländer, quer über die Bay of P. gewischt, TSS/Verkehrstrennungsgebiet gequert, war nicht viel los, zwischen Isla Cacheca und Isla Mogo Mogo soll es im Kanal ruhige Ankerplätze geben, allerdings mit Felsgrund. Haben wir zwei Anläufe gebraucht. Und dazu noch einen Heckanker, wieder, wie auch in der Nacht zuvor. Wir liegen hier aber paradiesisch. Abends brate ich die zwei Fische, leider zerfallen sie beim Hinsehen, schmecken wie Leberbrei. Haben wir weggeworfen. Entweder sie waren zu lange (den ganzen Tag über) im Warmen (im Schatten, in der Pfanne) oder sie waren schlecht ausgenommen, es lief rosa Brei raus. Jedenfalls nicht die besten aller Fische. »Einem geschenkten Barsch schaut man nicht in den A…«, haben wir als Pennäler immer gesagt.

Odysse wandert am Strand

Samstag. Heute haben wir (wie immer: unter Mühen; mein Reparaturversuch gelang nur teilweise; jetzt müssen wir jedes Mal zwei zusätzliche Schrauben in die Sitzbretter friemeln) das Dingy aufgebaut und die unbewohnte (bis auf die Villa eines Küstenwache-Offiziers, geht das Gerücht) Insel übergesetzt, vor der wir vor einem Sandstrand liegen. Strandspaziergang. Wir sind noch nicht zurück, da gehen die Ausflugsboote los: Sie ankern vor dem Sandstrand, die Marineros bauen Pavillions und Sessel im Sand auf. Folgt Party. bzw. Gelage. Dafür auch die riesen Eisboxen am Heck der Motoryachten auf der Badeplatform.

Aber das beste (nicht fotografierbare) Bild: Mantarochen, –oben schwarz, unten weiß, wie es sich gehört– es sind kleine, mit ca. einem halben Meter Spannweite, springen aus dem Wasser und platschen lautstark auf dem Bauch wieder auf. Zwei machen das genau hinter der ELLI, stehen einen Augenblick reglos in der Luft, vielleicht einen dreiviertel Meter über der Wasseroberfläche, und glotzen uns an.

ACHTUNG: die ersten springen schon in den ersten Sekunden

Nicht zu fotografieren, aber auch nicht zu vergessen. Die beiden machen das noch öfter, heute früh waren sie auch wieder als Duo unterwegs. Es ist Samstag, 3. Februar, 12:45h, die größte Hitze beginnt gerade. Und wir haben uns vorgenommen, es ruhig angehen zu lassen.

Höchst aufmerksam: Reiher

Samstagnachmittag Dschungelwalk auf Mogo Mogo. Auf der Hinfahrt bemerkt Odysse eine ganze Schule Mantas (mit heller Oberseite, beige-braun), sicher 10 oder 12 Exemplare – und nicht klein. Am Strand angekommen erst zwei Bier, der Bar- und Restaurantbetreiber macht gerade zu, weil die letzten Tagesgäste in ihre Fährboote steigen. Der Strand ist sauber, überall sind feste Sonnenschirme mit Palmdächern aufgebaut, Wege mit blauen Steinen markiert. »Welcome« und »Mogo‘s Beach« künden Wegweiser einladend. Und »Baño«.

Der Dschungel ist eher Mischwald. Aber eben urtümlich verwachsen und zu unzugänglich für uns Stadtkinder. Gut, dass Mogo Wege rund um die Insel und zu den Stränden angelegt hat – und dass die Touristen sie regelmäßig benutzen. Bei Ebbe am Frühnachmittag (Odysse hat noch in der Flamenco Marina alle Tidenzeiten für 14 Tage herausgeschrieben. Konnte ja niemand ahnen, dass er hier mit seiner E-Sim Handy-Empfang und sogar 5G/LTE hat!) Bei Ebbe jedenfalls tauchen organisch geformte urtümliche Felsrücken, Sandsteinmauern, Granitplatten aus dem Meer und immer wieder wie Echsenhaut erkaltete Vulkanlava, alles grau und braun im späten Licht und wundervoll bizarr und fremd.

Durch ein Loch im Fels gelangen wir auf einen weiteren Strand, springen über (schmale) Klüfte, weitere Steinformationen bis zur nächsten Huk. Zwischen Mouse on Mars und Fluch der Karibik. Allerdings kommt die Flut langsam herein und wir müssen an den Rückweg denken. Das Loch im Fels ist nur bei Ebbe passierbar. Zum Glück gibt es Fußspuren im Sand, die uns zu einem der Wege für den Rückweg führen. Mogo hat an alles gedacht. Zum Sonnenuntergang setzen wir uns an zwei einladend unter dem Palmenschirm stehenden Plastikstühlen. Kommt Mogos kleiner Bruder: 10 Dollar Miete kosten Schirm, Stühle, Kissen. Ziehen wir weiter. Auf dem Rückweg, zwischen den Inseln ist vielleicht ein knapper Kilometer zurückzulegen, treibt uns die Flutströmung ab. Aber am Ende, den Sandstrand hinter unserem Boot entlang gegen die dort weniger spürbare Strömung hoch, schaffen wir es doch.

Versteinerte Brandung

Gestern, Sonntag, zum zweiten Mal auf Mogo Mogo, die andere, östliche Hälfte der U-förmigen Insel erwandern. Bier zur Stärkung, schon nachmittags um drei.

Höchst anstrengend: Strandwanderung

Einen steilen Hang hinauf hat Mogo (oder sein Vorbesitzer; eigentlich sieht die Insel aus wie ein ehrgeizigeres Projekt als nur am Wochenende für die herangekarrten Ausflügler Bier, Imbiss, Stühle und Schatten zu verkaufen …) ein Bergseil zur Unterstützung gespannt. Auf dem brüchigen bröseligen Boden eine willkommen Hilfe. Dschungel ist auch hier mit Hängeranken pittoresk verwachsener Mischwald, außer Vögeln und kleinen Echsen nichts zu sehen. Dann der erste Strand, blendend gelb und Muschelübersäät. Mogo hat Mülltüten ausgehängt, entsprechend werden die Plastikflaschen vom Strand am Zugang gesammelt und gestapelt. Irdgendwann müsste man sie auch wegfahren …

Wir versuchen, um die Südspitze der Halbinsel herumzuwandern und verlassen den Strand in diese Richtung. Wie gestern: steingewordene Wogen aus verschiedenfarbigem Fels laufen wie Brandung auf die Steilküste zu. Dazwischen krallen sich buschige Bäume, Blätter klein wie Eschen oder Pappeln. Der Fels weist alle Farben von eierschalen bis anthrazit auf, Stahlgrau, braun, ocker. Körnig und bröselig oder granithart. Weich ausgespült wie eine Designerbadewanne oder mit spitzen, scharfen Kanten. Um die Huk herum von schmierigem Schlamm bedeckt und entsprechend glitschig. Krabben in allen Größen wuseln herum, kleine Fische sind bis zur nächsten Flut in übriggeblieben Schrunden gefangen. Bis zur Flut haben wir noch mehrere Stunden. Aber für einen bequemeren Rückweg als überdie Felsen müssen wir auf einen Strand mit (menschlichen) Fußspuren bauen. Kommt lange nicht. Stattdessen zwei völlig unberührte (nur mit Müll verzierte) Strände. Eine Wellblechhütte mitten im Wald, Zugang nur vom Meer. Und dann endlich, es geht schon auf die Flut zu, der Bilderbuchstrand neben dem Imbissgelände. Dieser Spaziergang war wie für uns gemacht. Und das Dinghy ist auch noch da.

»Regel 25: Niemals in der Brandung ankern.«

Schifferweisheit

In der Nacht hat nämlich, wie vorhergesagt, der Wind gedreht und kommt jetzt aus Süden. In die Richtung liegen wir ungeschützt, unter Bug- und Heckanker exakt quer zu den anrollenden Wellen. Obwohl sie kaum einen halben Meter hoch sind, rollen sie die ELLI hoch und quer. Selbst meine Kaffeetasse fetzt es von der Cockpitbank. Denn: Weil wir so nah am Strand ankern, baut sich die Welle bereits als erste Brandung auf. Macht unseren gemütlich geplanten Aufbruch dann doch ein wenig hektisch …

Nur Muscheln, aber einige in rosa

Für die Fahrt nach Isla Bayoneta legen wir einen langen Schlag aufs Meer hinaus hin, der Wind steht gegen uns. Am Ende sind wir zu weit und können halbwind reinkurven. Ankermanöver klappt auf den ersten Versuch. Außer uns liegt nur noch ein Fischerboot mit enorm hohen Bug in der Bucht, Piratenflagge gehißt. Vor Piratenüberfällen warnt uns der Führer (und das Auswärtige Amt) ausdrücklich. Aber unser Pirat hat seine Frau dabei, da wird er es schon nicht so schlimm treiben …

Montag, 05.02. Dinghy auf Deck gehievt, Motor ans Dinghy gebaut. Ausflug zur Nachbarinsel Casaya mit winzigem Fischerdorf. Der Ortspolizist führt uns zum Lebensmittelladen (eiskaltes Bier und Kippen), drei Kinder spielen an Strand und trockengefallenen Felsgrund, zwei kleinere rollen auf einem Fahrrad mit Stützrädern herum.

Die Erwachsenen daddeln in Hängematten. Casaya liegt zwischen Strand zum Meer und Anleger nach hinten raus, zu anderen Inseln. Bei der Rückfahrt erwischt uns fast die Dunkelheit, aber alles geht gut. Das Piraten- Ehepaar ist weg, aber die gute ELLI ist zum Glück noch da. Wir liegen auf einer Nebeninsel der Isla Bayoneta, in der Form eines Telefonhörers. Heute, Dienstag, haben wir das Dinghy frisch betankt und die Insel erkundet. Langer Ebbe-Felsspaziergang, bis die Mangroven unduchdringlich wurden. Weitere, bisher nicht gesehene Felsformationen, alle vergossen, wie vulkanischen Ursprungs. Ocker, das zu Eisenbraun oxidiert, scharfkantig grau, sandweicher Beton mit eingelagerten Hartfelsplatten. Könnte gemalt sein. Nachmittags war ich faul, Odysse ist zum Strand geschwommen und hat eine Tour um den Telefonhörer geschafft.

Odysse: Telefonhörer

Am Dinghy ist eine Niete ausgerissen, es leckt. Erster Flickversuch mit Schraube und Gummiunterlegscheibe ging schief. Muss aus dem Wasser, evtl. Poppniete, sonst Maschinenschraube – es war eine der Nieten, die den Abweiser am Heck halten [ein flacher Spiegel, um den Wasserablauf am Heck zu glätten]. Außenborder läuft treu und zuverlässig wie die Eins. Rest der Spaghetti von gestern, noch immer lecker (Koch: Odysse). »Spaghetti in paradise.« (Odysse). Morgen soll der Wind drehen, wir sitzen im Abendrot und warten, das die LIZBETH sich in den neuen Wind dreht. Dauert noch. Cola-Rum geht auch lauwarm. 

Mi, 7.2., Pearl Island Marina, Pedro Gonzales [so heißt die Insel und das Dorf]. Heute früh in Isla Bayoneta los, Wind von hinten, nur die Genua rausgedreht, gemütlich in zwei Stunden die 10 Meilen hierher gesegelt. Die Marina gibt es nur auf Navionics, in keinem Führer. Ob es ein Militärhafen ist? Nur eine riesige Mole ist zu sehen, kein einziges Boot. Um die Mole herum leuchtet eine wunderschöne, unbelebte Marina, alles glänzt neu. Wir legen an, der Marinero kommt uns entgegen, wir fragen defensiv und können es kaum glauben: Wir können tatsächlich bleiben. Es gibt ein Restaurant (da essen wir heute abend) und Bier. 75 USD die Nacht, Strom, Wasser, Müllabfuhr inklusive. Aber sehr schön. Erstmal duschen. Dann Blog schreiben. Denn: das WLAN ist erste Sahne. Im Marinabecken jagt ein mehr als einen Meter langer, dicker Fisch, blaugrün mit gelben Flossen; und die kleinen Fische fliehen durchs Wasser und durch die Luft. Der Karpfen sieht hungrig und wendig aus und schnappt sie sich. Traumhaft (vom Steg aus gesehen). Odysse will mit dem Dinghy los, weil außerhalb der Marina alles Privatclub ist (2000 USD pro Nacht ein Haus, 750 USD ein Apartment) und es keinen Weg über Land gibt. Aber laut Prospekt/Internetauftritt ist die Privatsiedlung nach ökonomisch (s. Preise), ökologisch und sozial vorbildlichen Maßstäben erstellt worden. »Pearl Island breaks new ground, environmentally, economically, and socially, for the region.«

Odysse: Pedro Gonzales

Er ist tatsächlich mit dem Dinghy nach Pedro Gonzales gefahren, hat sich von Marcello den Ort erklären und alles zeigen lassen (und ist ihn nicht losgeworden). Und hat bei einer freundliche Verkäuferin eingekauft (Bananen, Kokosnüsse). Das Dorf sei ziemlich ärmlich, vor allem im Kontrast zum Beach Club hier.

Tapferer Seemann in winzigem, leckem Dinghy bei ordentlich Wellen und Wind: Odysse

42. Colón y Canál


Colón, die Stadt am Eingang zum Panama-Kanal (auf der Atlantikseite) sieht aus wie nach einem Bürgerkrieg (oder einem Großbrand) nur unvollständig aufgeräumt. Ausgebrannte oder verfallende Ruinen mitten im Stadtzentrum. Aber die Panameños (Panamaner?) machen den desolaten Eindruck mehr als wett: freundlich, lebensfroh, zugewandt. Eigentlich ist es eine sehr sympathische Stadt, wenn einen ein wenig Verfall nicht stört. Heute, Montag, 15.1. Bankgeschäfte erledigt – mit Mühen. Der Minibus der Marina in die Innenstadt fährt mit (ex deutscher) schweizer/japanischer/chinesischer Pünktlichkeit. Ich bleibe als letzter Passagier sitzen (der Bus war übervoll) und werde direkt vor der Citibank abgesetzt. Luxus. Die Bank hat geöffnet. Vor der Tür gibt es einen gründlichen Sicherheitscheck, die Tür lässt sich auch ausschließlich von innen öffnen. Gibt anscheinend Kriminalität in Panama – wie ungewöhnlich für Lateinamerika (Haha: in Ecuador ist gerade der Ausnahmezustand (oder sogar Kriegszustand?) ausgerufen worden, weil sie anders der Drogen- und Gewaltkriminalität nicht Herr zu werden glauben …)
Jedenfalls: Die Bankmitarbeiterin hinter dem Schalter ist freundlich und professionell. Allerdings sieht es nicht aus wie in einer Bank, eher wie in einer Behörde. Geldautomat haben sie auch keinen. Ich habe seit Curaçao Dollar gehortet (cash is king), es fehlen mir aber noch fast siebenhundert. Also wieder los (mich bei den Sicherheitsbeamten entschuldigt, ich komme gleich wieder), Fünfhundert auf die eine (maximale Auszahlung 250.-), (»Ihr Tagesmaximum ist erreicht«) zwohundertfünfzig auf die zweite Kreditkarte abgehoben. Zurück zur Citi. Die Rechnung/Invoice der Kanalbehörde habe ich als .pdf auf dem Rechner. Brauchen sie aber auf Papier. Also wieder los, einen Copyshop suchen, Datei auf Stick ziehen, ausdrucken lassen. Zurück. Jetzt hab ich alles zusammen, muss nur noch meinen Pass vorweisen und mein Vermögen rattert (zwei Mal) durch die Geldzählmaschine: USD 3235.-. Die Quittung ist ein unscheinbarer auf Kohlepapier durchgeschriebener Dünnpapier-Zettel. Dann ist alles geregelt. Beim Rausgehen beglückwünschen mich die Sicherheitsbeamten – endlich hat’s geklappt.
Der Weg zurück zum Einkaufszentrum Rey führt durch die Innenstadt, der Verfall sei beabsichtigt, hat mich Luis, der Taxifahrer vom Samstag, aufgeklärt: die Stadtverwaltung hat die Einwohner in Vorstädte weggelobt und will die City mit Hotels und Supermalls und Casinos zu einer Touristenattraktion entwickeln. Scheint noch ein langer Weg zu sein. Die zentrale Avenida nach 4 Alto hinaus, wo der Treffpunkt für die Rückfahrt ist, beginnt ganz schön: Bäume, Schatten, Statuen von Politikern und PoetInnen. Dann ist das Barri Sud vorbei und der Fußweg führt eine Schnellstraße an der Freihandslzone (Zona libre) entlang und schließlich durch die Einöde (und endet unvermittelt). Noch schnell eingekauft, mittags zurück in der Marina, Foto von Quittung und Pass in die ASEM-Datei für den Transit eingelesen (.pdf nimmt das Programm nicht an, muss .jpg sein – finde das erstmal einer heraus!) und um eins bin ich (hoffentlich) datentechnisch bereit für den Transit. Muss nur noch ab 18:00 mit dem Transit Scheduler telefonieren. War aber das letzte Mal (in Curaçao) problemlos.

Stille Tage in Shelter Bay

Die Shelter Bay Marina liegt am Rand des Dschungels, amerikanische Wohnhäuser auf Betonstelzen verfallen pittoresk am Straßenrand (und am Strand). Aber der Urwald reicht bis an die Landstraße: auf dem Hinweg hat ein kleiner Affe (Bonobo?) den Weg gekreuzt, auf dem Rückweg hält uns eine Familie Nasenbären (sagt Hartmut, Stuttgarter, Besitzer der Hallberg-Rassy von gegenüber) auf, die am Straßenrand herumtummeln. Will ich unbedingt aus der Nähe sehen, Spaziergang muss sein.

Donnerstag, 18. Januar. Den Dschungel-Spaziergang hab ich zweimal gemacht: Gestern mit Rita und Hartmut, Schwaben, von der HR 36 gegenüber, heute alleine, weil die beiden nach Panama City gefahren sind, ihren neuen Kühlschrank abholen. Dschungel ist komplett übertrieben, weil wir auf Betonstraßen gehen, die noch von den Amerikanern angelegt wurden, als Zufahrtswege für Siedlungen und Geschützbatterien. Ich in langen Hosen, Ärmeln und Wanderschuhen, hab einen überausgerüsteten Eindruck gemacht, die beiden gingen kurzbehost und in FlipFlops. Nasenbär ganz nah und viele Vögel, auch welche mit gelben Schwingenspitzen, die ihre Jungen in meterlang in einer Palme hängenden Beutelnestern aufziehen (die Jungen waren nicht zu sehen.) Außerdem hab ich meine Safarikappe verloren (die mit dem Nackenschutz). War zwar alt, aber ich hatte mich dran gewöhnt. Zum Glück hat sie eine andere Spazierperson am Ausgang des Wegs auf einem Stein drapiert. Heute den zweiten Weg ausprobiert, den mir die beiden empfohlen haben: Vom Boatyard aus geht eine Dammstraße zu zwei grün verwachsenen Geschützbunkern, ein wenig Tikal, ein wenig Ankhor Wat. Nur eben 20.Jhdt-Beton in rauen Mengen. Auf dem Dach des Bunkers (gut erhaltene Betontreppe) geht der Weg weiter, durch den Dschungel (das ganze Gebiet ist mit dem Abraum aus dem Kanal aufgeschüttet und somit kein echter Dschungel, sondern in den letzten Hundert Jahren von der Natur zurückerobert) und auf der ersten Lichtung lugen neugierige Kapuzineräffchen von einem Baum (s. Video)

Äffchen und Krabben und ein Schmetterling

Dann ein steiler Abhang hinunter zum Strand, hübsch verwildert und nicht zum Baden einladend. Außerdem meditiert ein Backpacker in seiner Hängematte, den ich nicht stören will. Auf dem Rückweg zwei Familien Nasenbären, mindestens 12 Tiere, die aber rasch abhauen. Unten vor dem Bunker eine handtellergroße Einsiedlerkrabbe, die ihr Schneckenhaus durch das Blattgrün hievt (dito Video). Der Weg zum zweiten Bunker, Battery Stanley wirkt weniger befahren. Zweimal Meerschweinchen (oder Oppossums?), die blitzschnell durch das Laub witschen. Ein blauer Schmetterling (dito Video) und ein schmaler Weg, der sich hoch über dem rauschen Meer und Mangroven verliert und in einen Abbruch zu münden scheint. Krauche ich ein wenig durch das Unterholz, mache mich aber lieber auf den Rückweg. Es gibt also außer dem Pool und dem Restaurant noch mehr zu entdecken in der Umgebung der Marina.
Denn seit dem Wochenende, oder besser seit Dienstag, läuft das Seglerleben entspannter. Nach dem vergeblichen Gang zur Bank vom Samstag bin ich am Montagmorgen wieder am Start. Und nach erledigter Überweisung rufe ich frohgemut den Transit Scheduler an, um einen Termin zu bekommen. Nur: »You’re not in the system. You haven’t arrived.« Ließ sich nicht klären, oder ich hab es nicht verstanden. Irgendwann in meinem (spanischen) Redeschwall unterbrach er mich nüchtern: »Inglish?« Aber was das Problem war, hab ich auch auf Englisch nicht begriffen. Ich müsse mich an eine Miss Laura wenden, gab mir auch die Telefonnummer. Miss Lauras Kollege vertröstet mich freundlich: Sie ist erst am nächsten Tag ab acht wieder im Büro. Dienstag Viertal nach acht. Miss Laura ist freundlich, kann mir aber nicht helfen, auch sie findet mich nicht im Computer. Um halb zehn sei der Kapitän da (ich telefoniere mit irgendeiner Hafenbehörde), dann solle ich wieder anrufen. Gemacht. Meldet sich eine Männerstimme unter Miss Lauras Nummer, muss irgendwas nachschauen (»un secundito!«), tippt irgendwas ein. Dann sei alles erledigt. Ich solle den Scheduler direkt wieder anrufen. – Ab 18:00h? – Nein, direkt JETZT. Tatsächlich geht er sofort dran, findet mich und fragt mich, wann ich passieren möchte. Hammer! Montag hat er keinen Slot mehr frei, also ist Sonntag, 21. Januar, der Tag. Waoh!
Nachmittags im Marinabüro frage ich (nach dem Cruising Permit für Panama und) Leinen und Fendern. Werde direkt mit Stanley verbunden. Alles klar, er kommt um vier und bringt alles, 140 USD inklusive Abholen am anderen Ende. Easypeasy. Tatsächlich wirft er schon um zwei einen Haufen Kugelfender und ein Gewirr hellblauer Dicktaue (32 mm) aufs Deck. Und seither werden wir gefragt, wann es für uns losgeht. Denn: Fender und Leinen auf Deck heißen, dass der Transittermin steht.

Ein Zeichen


Mittwoch Nachmittag kommen Sandra und John, Ina hat sie über die WhatsAppGruppe der Marina gefunden, sie werden als Linehandler mitfahren. Müssen aber leider absagen, weil Sandra eine ZahnOP bevorsteht. Ich versuche Luis, den Taxifahrer zu bequatschen, ob sein Sohn Yoci mitfahren könnte, klappt irgendwie nicht. Im Augenblick sind Gunilla und Eilert unsere Favoriten, ein schwedisches Paar, deren Hallberg-Rassy in Curaçao gegenüber am Steg lag (Edelstahlanker, handpoliert). Und Ina hat über WhatsApp eine junge Französin, Loréna, aufgetan (die sogar mit bis nach Ecuador will). Ich bin sehr erleichtert. Mal sehen.
Also: zwischen Pool und Happy Hour (Treffpunkt um 17:00h, gestern Skipperstammtisch und Pizza-Abend) beschäftigen wir uns schon auch noch mit anderen Dingen.

Panamá

Flamenco Marina, Panamá

Do., 25.01., Panamá, Panamá (“It’s so nice, you say it twice!”, wie die New Yorker sagen.), Flamenco Marina. Die teuerste Marina ever, sogar mehr als in Malaga: 62 USD/Tag! Aber dafür liegen wir außerhalb von Schwell und geschützt vor Wind. Die anderen Marinas sollen (genauso teuer und) sehr ungemütlich sein, weil die dicken Dinger aus dem Kanal direkt vorbeifahren.

Der Kanal

Am Samstagmittag können wir den Transit Scheduler anrufen, er gibt uns auch prompt den slot durch: Sonntag 15:45h. Also einen Nachmittagstermin, bei dem die Durchfahrt zwei Tage dauert. Das ist für Gunilla und Eilert zu lange, haben sie von Anfang an gesagt. Stanley ist sofort am Telefon »Gib mir eine Stunde« und hat zwei Linehandler am Start, sie kommen Sonntagmittag aufs Boot. Bis dahin sind wir vorbereitet, Ina hat Mahlzeiten für eine Hundertschaft vorbereitet, ich baue auf dem Vorschiff einen Sonnenschutz auf (der sich als völlig unnötig herausstellen wird). Alex und Manuel kommen zwar nicht um zwölf, aber (Stanley: »Die sind unterwegs«) um eins. Ein wenig nervös sind wir schon. Und dann kommt noch Luis („Luichino“) vorbei. Er ist Linehandler auf einer anderen Yacht, die sehr viel größer ist (77 Fuß!) und –er weiß das schon, wir nicht– mit uns im Päckchen durch die Schleusen gehen wird. Traffic Control (Cristobal Signal Station) sagt uns über Funk, wo wir das Zubringerboot mit dem Advisor treffen werden: 16:15 an den gelben Bojen direkt vor der Marina-Ausfahrt. Ab drei gehen wir auf Verabschiedungstour zu Rita und Hartmut von der KIRKE und Gabriela und Thomas von der KIVAVERA. War schön mit denen.


Um halb vier heißt es Leinen los, um zwanzig vor sind wir schon am Treffpunkt, Wind und fiese kurze Wellen, ca. einen Meter hoch. Wir hoovern [Minimum-Fahrt rückwärts, um das Heck im Wind zu halten und mehr oder weniger auf der Stelle zu stehen]. Um kurz vor vier nähert sich ein Pilotzubringerboot, setzt einen Advisor an einer in der Nähe driftenden Yacht ab (die aber keinesfalls 77 Fuß/26 Meter hat!) und kommt dann zu uns. Rückwärts, weil das Heck des Schleppers niedriger ist und wir so klein sind, manövriert er auf 15cm an uns heran, ohne uns zu berühren, Alex und Manuel halten Fender bereit, Lorénas Hilfe zum Einsteigen weist der Advisor zurück und springt an Bord. Später werden wir noch drei Mal erleben, wie die Zubringerboote zentimetergenau heranmanövrieren, aber niemals anstoßen. Sehr beeindruckend. Romulo, unser Pilot, ist anfangs reserviert, taut später auf. »Is the anker up? You can start the engine.«

Puente Atllantico

Und damit sind wir unterwegs. Erst quer über die Bucht, auf das Fahrwasser zu, dann am Rand des Fahrwassers zur filigranen Hängebrücke (aus 2019) und darunter durch. Wir schaffen trotz Wellengekabbel 6,4 kn und ich bin stolz auf die gute alte ELLI. Das andere Boot folgt uns. Vor der ersten Schleuse stoppen sie und stehen – wahrscheinlich haben sie einen Autopiloten, der das Boot auch auf der Stelle halten kann !?


Es ist eine Oyster 625, nagelneu/gepflegt und glänzend. Wir robben uns ran und vier Linehandler aus zwei Booten legen Vor- und Achterleinen und zwei Springs. Mit den dicken schwarzen Langfendern der SERENITY und unseren Kugel- und Minifendern hängen mindestens 12 Kontaktverhinderer zwischen den Yachten im Wasser.

Da die SERENITY so viel länger ist (aber nicht so lang wirkt), werden sie auch für uns die Leinen bedienen, vor unserem Bug und hinter unserem Heck. Einmal werden sie, wir ich befürchtet habe, an der Hydrowane entlangscheuern, aber es ist wohl nichts passiert.


Ben, der junge Skipper der SERENITY, manövriert um- und vorsichtig. Ich stehe Gewehr bei Fuß, um evtl. beim Abstoppen rückwärts zu gehen (damit das Päckchen nicht seitlich ausbricht), aber Ben (und seine kräftigen Bowthruster/Bugstrahlruder) halten uns sicher auf Kurs. Außerdem brauchen die Leinenbediener an Land, die uns vier Sorgleinen mit Knotenkugeln am Ende herübergeworfen hatten (eine hat sich, versteht sich von selbst, in meinem improvisierten Sonnenschutz auf dem Vordeck verfangen …), nie schneller als Schritttempo zu gehen, ist Vorschrift, wie die Advisorin von Bens Boot betont. Sie soll unerfahren sein, steckt mir Romulo, und er hilft ihr mit Rat aus, den sie auch souverän annimmt und nachfragt. Denn als Advisor des kleineren Bootes hat Romulo eigentlich nichts zu melden.


Sobald wir innerhalb der Schleuse fest sind, haben wir Skipper frei. Ben und seine Crew schießen Fotos auf der Vorpiek, Außerdem hat er Zigaretten, ich nicht. Neid. Ziemliche Turbulenzen im Wasser, aber merkwürdigerweise nicht am Anfang, sondern gegen Ende, wenn der Wasserspiegel schon fast seinen Höchststand erreicht hat. Unser Päckchen sitzt hinter dem Frachter THE CHIEF und seinem Schlepper, doch die Ausfahrt, der Frachter wird von den Mulis (Lokomotiven am Schleusenrand) an Stahlseilen gezogen, es gibt keine Bewegung im Wasser, keine Schreubendrehung) meistert Ben souverän. Seine Linehandler haben immer wieder dichtgeholt, unsere hatten Pause.

Die zweite Gatún-Schleuse schließt direkt an, wieder 8m Hub, bei der dritten ist es bereits sowas wie Routine. Wir dampfen heraus, das Päckchen wird aufgelöst, die SERENITY schießt auf den See hinaus, sie werden am anderen Ende übernachten. Inzwischen dämmert es, wir haben fast 18 Uhr, wir tuckern im Fahrwasser und biegen dann rechts ab, auf drei kaum beleuchtete Stahlbojen zu, die wie Curling-Eisen flach im Wasser liegen. Romulo wird vom Zubringerboot abgeholt, von der Oberkante des (gefalteten) Dinghys, die einen festen Tritt bietet, setzt er problemlos über, weil das Manöver wieder zentimetergenau funktioniert. »18:30 fest an Boje, 19:00 Chili mit Reis, Käse und Nachos«, sagt das Logbuch. Inas (und Lorénas) Küche kommt gut an, außer Handydaddeln gibt es nichts zu tun, bald ziehen sich Alex und Miguel in die Achterkajüte zurück, Loréna (erst im Cockpit) und ich nächtigen im Salon.


Der Montag (22.01.) beginnt früh, zwischen halb sieben und halb acht soll unser neuer Advisor kommen. Eduar(d) trifft aber erst um neun ein. Doch dann geht es auch gleich los. Hinter uns kommt aus den Gatún-Schleusen ein riesiger Fahrzeugtransporter mit haushohen geschlossenen Aufbauten, die RUBY ACE aus Tokio, ein schwimmendes Parkhaus, wahrscheinlich auf dem Rückweg nach Japan. Mit ihr werden wir schleusen, meint Eduard. Sie folgt uns den ganzen Vormittag auf dem Fahrwasser, das sich zwischen Inseln (ehemaligen Bergen) durch den Stausee windet und bleibt zurück.


An manchen Stellen führt der Fairway nur knapp am Ufer vorbei, teilweise nur fünf Meter zwischen uns und den (hoffentlich) steilen Felsen. Zu knapp, findet Ina. Aber alles geht gut. Nur Krokodile sehen wir keine. Die es aber im See (der gleichzeitig das Trinkwasserreservoir von Panama City ist) zahlreich geben soll.


Kurz nach Mittag müssen wir die Fahrt reduzieren, der letzte Teil der Strecke ist eng und ein Riese der NeoPanamax-Klasse kommt uns entgegen, den wir vorbeilassen müssen: breit und lang, haushoch mit Containern beladen. Dann taucht die Bergkette am Culebra Cut (»The Cut«) auf. Stufen von ca. fünf Metern sind aus der Böschung gegraben worden, die Franzosen hatten es sich in den Kopf gesetzt, einen Kanal auf Höhe des Meeresspiegels zu bauen, sie hätten dafür noch zehn Stufen tiefer graben müssen, 26m für den Stausee, weitere fast 30m für den Kanal. Ihre Stufen liegen entsprechend zurückgesetzt im Süden. Die französische Kanalgesellschaft ist über den Plan ohne Schleusen (und einen Korruptionsskandal) Pleite gegangen. Aber Gaillard-Cut hieß die Engstelle zu ihrer Zeit. Für den Culebra-Cut haben sie im Wortsinn Berge versetzt, Zehntausende von angeheuerten ungelernten Schippen-Arbeitern, wegen der Rassentrennung der USA auch noch unterschiedlich bezahlt und behandelt, mit mehr Sprengstoffeinsatz als die vereinigten Staaten (bis dahin) jemals in einem Krieg benutzt haben. Sehr beeindruckend. Vom Ausgang des Kanals kommen uns Ausflugsboote entgegen, fröhlich winkende Touristen, die keine Ahnung haben, wie uns der Schwell ihrer mit Höchstgeswchindigkeit rasenden Motorboote durchschaukelt. Für die San Miguel-Schleuse, die wir vor einem Frachter (CAPE SCOTT) passieren werden, gehen wir am Schlepper des Großschiffes längsseits, nachdem der seinen Auftraggeber gegen die Kaimauer bugsiert hat.

Damit gibt es wieder nichts zu tun für unsere Linehandler; aber Alex und Manuel haben einen professionellen Job abgeliefert, frühzeitig und kundig Leinen und Fender vorbereitet und an die entsprechenden Stellen gelegt, sie funktionieren als Superteam. Ina und ich sind froh, dass wir nicht mit Gunilla und Eilert gefahren sind, Loréna ist, obwohl sie den Kanal bereits zum dritten Mal passiert und sich damit Geld verdient, keine große Hilfe.

Ohne Teleobjektiv!

Eine gute Meile Fahrt zu den beiden letzten Miraflores-Schleusen. Überraschung: An einem Aussichtspunkt, einem mehrgeschossigen Gebäude mit Treppen und Drahtverhau, drängeln sich Hunderte von Touristen und filmen und fotografieren uns. Dabei sind wir das einzige kleine Boot in der Schleuse, bis die CAPE SCOTT langsam hereingeglitten kommt. (Auf dem Internet-Feed der Webcam sind wir nicht zu sehen, wie uns Eduard zeigt, weil wir von einem Wärterhäuschen abgedeckt sind).


Die Miraflores-Schleusen werden wir alleine und an der Schleusenmauer nehmen. Schleusen an der rauen Mauer ist nicht empfohlen, aber beim Abwärtsschleusen, versichert uns Eduard, gibt es keine Turbulenzen. Und Alex und Manuel haben was zu tun: fast über Masthöhe ragt die Schleusenwand am Ende über uns auf, ihre Leinen stehen beinahe senkrecht.
Bei der Ausfahrt erschreckt uns ein fürchterliches Geräusch, ein fies metallisches Rattern und Schlagen. Es scheint von der Drehzahl des Motors abzuhängen, auch das Ruder vibriert manchmal. Im Leerlauf ist es weg, am Motor liegt es also nicht. »Fahren wir weiter?« fragt Eduard. Was sonst? Also stellen wir das Gas auf eine Drehzahl, wo das Rattern am wenigsten markerschütternd klingt und fahren vorsichtig weiter. Ohne Zicken scheint es die Dramaqueen ELIZABETH nicht zu tun, nachdem sie inzwischen zwölfeinhalb Stunden klaglos getuckert ist.

Wir schaffen es auch noch durch die letzte Schleuse, das Tor (das gar nicht so eindrucksvoll hoch ist, wir scheinen Flut zu haben) öffnet sich auf den Pazifik hinaus. Ist aber auch nur Wasser. Ich versuche, den Moment auf Video (s.u.) festzuhalten, doch Alex gibt mir ein Zeichen: Die Leinen sind bereits los, wir müssen fahren.


Endlich die langersehnte Passage unter den Eisenstreben der Puente de los Americas hindurch, einer elegant geschwungene Kombination aus Trag- und Hängebrücke. Links kommen die Kräne und Docks des Hafens in Sicht, dahinter die Skyline der Stadt mit Hochhäusern eng an eng. Ein ewig langer Uferstreifen, fast eine Art Wellenbrecher schließt sich an und der Balboa Yacht Club, wo Alex sich über Funk ein kleines Motorboot ordert, das Leinen, Fender und Alex und Manuel übernimmt. USD 120 für jeden der beiden, dazu jeweils 20 Tip. Sie waren großartig.

San-Miguel-Schleuse (die drittletzte)
Skyline, eng gedrängt: Panamá, Panamá

Eduards Zubringerschlepper lässt auf sich warten, wir drehen Kreise vor der Einfahrt, aus der er kommen soll. Dann übernimmt er unseren Lotsen routiniert, wie wir es inzwischen gewohnt sind (vorher hat er mich angewiesen, die Fahrt komplett aus dem Schiff zu nehmen – dabei bewegen wir uns ausschließlich durch den (starken) Wind (und das Sonnenschutzsegel). Trotz Ratterns schaffen wir es um das Ende der Halbinsel herum, funken die Flamenco-Marina an und werden von einem Motorböötchen zu unserem Liegeplatz geleitet. Festmachen noch bei letztem Tageslicht, dann Anmelden und Kippen besorgen. Wir sind selig.
Zur Feier des Tages laden wir Loréna zu Cocktails und Abendessen ein, landen aber unglücklicherweise in einem (brasilianischen? argentinischen?) Carnivorenparadies, wo Armbändchen-ausgestattete Esser von Kellnern mit Fleisch am Spieß in allen Variationen verwöhnt werden, bis sie nicht mehr können. Sieht aber elegant aus, wie sie ihre Fleischspieße auf der einen Hand (und einem Eisenteller) balancieren, mit der anderen Hand (und einem Messer) hauchdünne Scheiben tranchieren, die von den Essern mit extra gereichten Pinzettengreifern auf ihren Teller drapiert werden. Jedenfalls ein erleichterter Abend. Mit Bier aufm Schiff.

Die SERENITY ist auch schon da

Am Dienstagfrüh tauche ich unter das Boot und finde den Ratter-Fehler: Aus dem Cutless bearing, einem Gummilager, das in einer Messingtülle läuft und die Propellerwelle im Wellenbock stabilisiert, hat sich das Gummi herausgearbeitet. Deswegen schlägt Welle gegen Messingbuchse.
In der Propellerwerkstatt auf dem Marina-Gelände sagen sie: das Boot muss aus dem Wasser, Cutless bearing austauschen. Wenn sie die Größe wissen, können sie das vorher bestellen, dauert (weil vielleicht metrisch) vierzehn Tage. Nicht gut.
Flöh ich meine Unterlagen durch, aber den Kassenzettel aus der Chandlery in Dartmouth/ Kingsbridge finde ich nicht mehr. Ob es sich lohnt, zu versuchen, das Gummi einfach wieder an seinen Platz zu klopfen?
Da geht ein Marinero in Tauchausrüstung (Wetshirt, Flossen, Brille) auf dem Steg entlang. Ob er auch Reparaturen mache? Nein, er inspiziert nur die Stege (von unten). Schade. Eine halbe Stunde später steht er doch am Boot. Um was es denn gehe? Er kenne einen Freund, der habe auch (Pressluft-)Flaschen und könne länger tauchen. Gesagt, getan. Noch vor Mittag kommen die beiden, mein Amigo macht sich nackig (Badehose), springt ins Wasser und inspiziert den Schaden. Ein Stück Holz und einen Lappen hat er bereits mitgebracht, verlangt Hammer, Spachtel und eine Faustvoll Fett, schließlich noch einen großen Schraubenzieher. Und hat innerhalb von zehn Minuten das Gummi wieder in die Buchse zurückgedengelt! (USD 60) Wird zwar nicht ewig halten, aber im Februar/März kommt das Schiff eh aus dem Wasser (hoffe ich) und dann ersetz ich das Cutless bearing. Gegen Mittag macht sich Loréna (USD 80.-) auf den Rückweg zur Shelter Bay Marina, nicht ohne vorher herumzufragen und ihre Flyer auszuhängen. Und ich fahre mit Ina (und Uber) in die Stadt. Sie wird sich ein Tatoo stechen lassen, ich die Altstadt (Casco antiguo) auschecken. War aber zu weit. Dafür hab ich die Marktstraße 5 de Mayo (Kartoffeln, Tomaten, eine Ananas für 0,50 USD!) gefunden und den Rückweg mit Metro und Bus recherchiert. Zur Sicherheit bringe ich noch eine Schlauchschelle auf der Welle vor dem Gummi an. Ansonsten gilt: Bei jedem Tauchen kontrollieren!
Mittwoch Vormittag fährt Ina in ihr Hotel am Flughafen (Schnief!), sie hat ihren Rückflug heute sehr früh, und ich gehe Schlendern und Abendessen in der Altstadt – die wunderschön ist. Auch wenn die Kuna in Tracht auf dem Platz vor der Kathedrale zu Panflötenmusik tanzen (gegen Trinkgeld) und ihre Molas (und Umhängetaschen mit Molas und Hüte und Nippes) auf der Promenade am Meer verkaufen. Im Diablitos machen sie Ceviche (serviert in einer halben Kokosnuss) und Hühner-Cordon-bleu sehr fein (und recht/zu viel). Rumpunsch aufm Boot.

Alles eine Frage der Beleuchtung: die LIZ in schön.

41. Oh, wie schön ist Panama!

Ausfahrt aus Cartagena de Indias

Sa., 13. Jan., Shelter Bay Marina, Colon/Panama. Segelreisen sind Stress. Heute früh um 07:45h im Büro der Marina mit dem Elektriker telefoniert – mein europäischer Stromanschluss passt nicht an die (Us-amerikanischen) Steckdosen der Marina. 08:00 den Bus in die Stadt genommen, der mich zur Citibank bringen soll, wo ich meine Ersparnisse einzahlen wollte, um den Transit durch den Kanal zu bezahlen – Durchfahrt nur gegen Vorkasse in bar. Erster Stopp: Supermarkt. Einkäufe erledigt, um elf auf den Bus gewartet, der mich in die Stadt bringen sollte. Aber: er fährt zurück zur Marina. Für die Bank hätte ich sitzenbleiben müssen. Dumm gelaufen. Zwar habe ich den Fahrer gefragt, auch nach der Citi, aber ihn dann anscheinend falsch verstanden. Also raus aus dem Bus, Taxi genommen (USD 5.–), zurück ins Zentrum, die Bank sollte bis 12:00 offen haben, hatte aber schon um halb zwölf das »Cerrado«-Schild in der Tür hängen. Metzgergang. Mit dem Taxi zurück zur Marina (USD 25.–), um meinen Telefontermin mit Paula zu halten. War aber nicht. Zwar hatte ich mich am Morgen ins WiFi eingebucht (USD 28 für 15 Tage), aber in der Mittagshitze krieg ich mich nicht eingeloggt: »Wrong Password.« Also neuer Plan: Montag als erstes zur Bank. Dafür muss ich aber meine Kanalpassage als Linehandler auf der SABRINAS-EXPEDITIONS (Yegor und Marlené, kenn ich aus Curaçao, Nachbarboot) absagen. Die gehen nämlich am Montag durch die Schleusen. Also jetzt endlich frei. Und eigentlich sollte Entspannung einsetzen.
Weil: auch gestern war Stress angesagt. Erst hatten wir Grundberührung bei der Ausfahrt aus Cayos Limon (Lemmon Cays), ließ sich aber mit Motorkraft regeln. Dann eine Schule (6 Stück) großer Delfine (hatte Ina beim Veranstalter gebucht, haben wir seit Tagen von geredet, sie hätte sonst reklamiert (natürlich gibt es keinen Veranstalter, nur mich)).

»I’m Jack. – You’re only crew.«

Seglerlatein (»Capt’n Jack« ist Inas Anrede an mich, wenn etwas gut geklappt hat, wie bisher eigentlich alles und immer).

Dann ein ganzer Trupp kleinerer (ca. 1,50m) Delfine, die in Formation und großen Luftsprüngen seitlich angerauscht kommen und unter dem Schiff hindurchtauchen, als wäre die ELLI gar nicht da. Dann geraten wir mit dem Zeitplan in Verzug (wir wollen die Einfahrt zum Kanal unbedingt bei Tageslicht erreichen), erst weil wir zu langsam sind, dann weil wir zu weit nördlich vom Kurs abkommen, dann weil der Wind einschläft. Abends sind wir schon anderthalb Stunden motort, weil wir ein Marine-Reservat umgehen müssen und der Wind gegen uns steht. In der Nacht mussten wir uns unbedingt von einem notorisch gefährlichen Einzelfelsen vor der Küste Panamas freizuhalten. Gegen zehn Uhr vormittags sind wir noch immer 27 nm von Colon, der Einfahrt vom Atlantik aus, entfernt. Unter Segeln sind nur bis zu 2 kn möglich. Ungefähr Stehgeschwindigkeit. Würde mehr als 10 Stunden dauern. Also wieder Maschine an und 2 ½ Stunden motort. Anstrengend, weil unter Motor die Windsteuerung, die sonst unsere größte und beste Entlastung darstellt, nicht funktioniert. Gegen eins sind wir vor dem Hafen, wo riesige Frachtschiffe vor Anker liegen und warten. Maschine stopp, Segel runter, Ruder der Hydrovane hochziehen und zwei Fahrwasser kreuzen: das kleinere, das die Einfahrt in den (riesigen Industrie-) Hafen von Colon darstellt; und das größere, das zwischen den Wellenbrechern in den Vorhafen des Kanals führt. Nervensache: rechtwinklig quer zum Fahrwasser passieren, und hoffen, dass keiner kommt. War am Ende piepseinfach, weil sich keins der Riesenschiffe um uns herum bewegt hat. (Später haben wir einen der Riesen, geschoben von zwei Schleppern, gesehen: im Hafen fahren sie nur Schrittgeschwindigkeit.) Ging also auch alles gut.
Dann die Marina angefunkt (die Ina vierfach per Internet reserviert hat, ohne WLAN haben wir aber in den Tagen auf Kuna Yala (s.u.) keine Bestätigung bekommen). Ging auch gut, wir haben einen Platz (No. 60), fahren rein, finden auch D 40, leer, leicht anzufahren … das werden wir wieder angefunkt: E (»Echo«)-40 ist unser Platz. Und die Marineros winken auch schon. Seitenwind und zwei vergebliche Anläufe hab ich gebraucht, rückwärts einzubiegen, bis ich den (ersten) Rat des Marineros beherzige, vorwärts in die Boxengasse und dann rückwärts mit dem Wind (der den Bug dreht) einzuparken. Muss ich erwähnen, dass das Manöver unter den (mehr oder weniger) fachkundigen Kommentaren der Crews von zwei deutschen Luxusyachten (Halberg-Rassy 38, Contest 46) stattfand? Dass ich meinen Motor zweimal abgewürgt habe? Dass Thomas, unser Nachbar das Ankergeschirr seiner Contest mit einem Kugelfender verteidigen zu müssen glaubte? Alles gutgegangen, die drei Marineros machen uns fachmännisch fest. Endlich Feierabend.
Denkste. Es ist halb drei Uhr nachmittags, an einem Freitag, Hafenpolizei (Anmeldung) und Immigration (Einreisestempel) machen um halb vier Feierabend, dann wäre Wochenende! Also Papiere gegriffen und verschwitzt und in Segelklamotten (lila T-Shirt) losgehetzt. Zum Glück dauert die Dateneingabe bei der superfreundlichen (trotz Kopfweh) und tiefgekühlt klimatisierten (Kopf- und Halsweh) Hafenpolizistin so lange, dass ich zwischendurch Ina holen (die Immigration will Fotos machen) und mich umziehen kann. Dann klappt wieder alles und um halb vier sitzen wir bei Frozen Margarita und Bier (und Kippen) auf der Terrasse des Marina-Restaurants. Und alles ist gut (nur etwas benebelt). Abendessen und um halb acht ins Bett. Schlafen allerdings schlecht. Weil: Um halb sieben klingelt der Wecker, weil ich heute so viel vorhatte …

Kuna Yala

So heißt das Gebiet der Inseln, der Heimat der Ureinwohner Kuna. Dass man ihre Inseln »San Blas Inseln« nennt, mögen die Kuna nicht besonders, der Name stammt von den spanischen Konquistadoren. Innerhalb Panamas haben sie sich eine Art Autonomie bewahrt und führen eine (zwei) eigene Flaggen: eine mit gekreuzten Oberarmen mit Pfeil und Bogen, die andere zeigt ein spiegelverkehrtes Hakenkreuz auf gelbem Grund.

Es ist, 6. Januar, Reyes, Dreikönige, und wir faulenzen seit drei Tagen zwischen einer winzigen Sandinsel Tiadup (5 Palmen, 150m entfernt), einer unbewohnten Insel Olosicuidup (aber mit Hütte, guckst du Video (u.) 350m) und einer, wie sich beim Herantauchen herausstellt, von einer großen Familie sehr wohl bewohnter Dupwala (300m), wo ich mich, nachdem der Hund mich verbellt (und sein Herrchen mich freundlich gegrüßt hat) sehr schnell wieder vom Acker mache. Etwas abseits liegt ein Sandflecken, völlig ohne Vegetation Warsobguadup. Und zwei andere, mit Palmen, die wir beim Einfahren links liegen gelassen haben, Gorgidup und Dainyadup. »Dup«, so die begründete Vermutung, heißt auf Kuna wohl Insel (oder Garten?)

Am 2. Januar sind wir aus Cartagena los, der Taucher hat uns die Achterleinen gelöst, John uns intensiv beraten und uns an einer Sorgleine rückwärts ins Hafenbecken gelotst – es war kräftiger Wind aufgekommen und ich hatte schon das Ruder der Hydrovane montiert [welches das Manövrieren auf engem Raum schwierig macht]. Alles ging glatt. Ewig lange Ausfahrt, wie die ewig lange Einfahrt an Heiligabend. Cartagenas Skyline (Boca Grande) leuchtet uns noch lange nach.

Immernoch nicht Panama …
Wellen, vor allem Wellen
Mola: Schildkröte
Mola: Fische und Palmen

Mit zwei Reffs im Groß und reduziertem Vorsegel dennoch mit bis zu sechs Knoten durch hohe Wogen und halben Wind in 1d 19h, also anderthalb Tagen, nach Kuna Yala. Ausnahmsweise hat der Zeitplan geklappt und wir sind morgens vor den Inseln angekommen, die man nur bei Tageslicht (und Sonne von hinten) anlaufen soll, hat Moritz uns eingeschärft. Wieder lange Einfahrt. Vor allem sind keine Inseln zu sehen, nur einzelne Sträußchen windzerzauster Palmen. Aber das ist es: grün auf der Karte sind Korallenriffe, gelb ist Sand, der sich auch manchmal von der Stelle bewegt. Unseren anvisierten Ankerplatz erreichen wir um neun, der Anker will nicht recht halten, in der ersten Nacht stellen wir den Ankeralarm am Funkgerät an. Aber er hält. Für die zweite Nacht fahren wir ihn noch einmal mit voller Kraft rückwärts ein. Seitdem liegen wir fest, zwischen Inseln (s.o.) und Korallenriff (scharfkantig, siehe Video: Cayos Coco Bandero).

Mola: Papageien (oder so)

Nachmittags kommt ein Boot mit Benancio vorbei und verkauft uns Molas, Schmucktücher in aufwendiger Stick- und Nähmusterung. Sollte man einmal kaufen (rät Moritz), damit man späteren Anbietern sagen kann: »Wir haben schon!« (Klar, dass nach Venancio keiner mehr kam, oder?)

Und alles sollte wie ein Traum sein. Die Brandung bricht sich einen halben Kilometer entfernt. Hier drin schaukelt uns nur eine schwache Welle dennoch durch. Wind weht, sodass man nachts sogar ein Laken überziehen möchte. Tagsüber vor allem Lesen und Träumen und schnorcheln (und Dinghy aufbauen, mühsam).

»So., 7.01.
Herd VOR Frühstück repariert
09:15 ab Cayos Coco Bandero
11.45 Schildkröte StB. (Ina sieht etwas vorbeitreiben, das aussieht wie ein umgestülpter Bastkorb, braun. Dann streckt es einen Kopf heraus und taucht ab: eine Schildkröte, sicher fast ein Meter Panzerdurchmesser.)
15:45 vor Anker Cayos Limon.«

aus dem Logbuch der ELIZABETH
Inselchen

»Mo., 8. Jan.
Großpersenning fertig (genäht), aufgezogen
Dinghybrett gebolzt („repariert“)
Ausflug zu Hotelinsel Tiadup und Laguneninsel Niadidup
Nudelsalat
Handbreit
Rumpf abgeschabt, geschrubbt. Elli hat eine Riesenmatte.«

aus dem Logbuch
Zwei Fischer(?)boote

Mo., 8.1., Cayos Limon (Lemmon Cays). Südsee-Feeling. Winzige Inseln, Palmen und weißer Sandstrand, Hüttchen drauf. Auf der ersten, rechts der Einfahrt Tiadup, ein Restaurant auf Stelzen, „Welcome“, dahinter am Strand Miethütten, jede mit eigener Veranda, Hängematte und Badeplattform. Einzelne sind sogar belegt. Gegenüber eine derzeit unbewohnte Insel Naguarchirdup, auf der anderen Seite der Einfahrt eine dicht mit Schilf (??) bewachsene Miriardup, vor dem Horizont noch mindestens drei Inseln, bewohnt, weil nachts elektrisch beleuchtet. Auf unserem Ankerplatz scheinen wir in einer Durchfahrt zu liegen, immer wieder sausen Motorboote wie Wassertaxis an uns vorbei. Neben uns eine kanadische Yacht und ein Spanier. Beide selten zu sehen. Und ein Katamaran-Wrack, das  bereits komplett ausgeweidet wirkt, Dach eingedrückt, Fetzen vom Vorsegel am Vorstag, und darauf zu warten zu scheint, endlich untergehen zu dürfen. (Habt ihr mitgezählt? Insgesamt nur VIER Boote hier, uns eingeschlossen. So unbelebt dürfte es sonst nirgends auf den Inseln sein …) Mehrfach danken wir Moritz (im Geist) für seine Ankerplatz-Empfehlungen, alles allererste Sahne. Und ein weiteres Abendessen hat er sich mehr als verdient …)

Höhepunkt des Inselrundgangs: Foto-Session

Heute Ruder-Ausflug zum Restaurant und zum Hotel der Strandhütten. Alles abgeranzt und bretterbudenmäßig wie im Traveller-Handbuch vorgeschrieben. Aber Süßwasser und Duschen in jeder Hütte oder zumindest in Laufentfernung, Restaurant am Strand mit Sonnenuntergang. Was will ich noch in der Südsee, wenn man das doch alles hier in der Karibik haben kann? Weißer kann der Strand dort auch nicht sein. Höchstens Landausflüge, Berge beklettern wäre vielleicht schön.

Captain: Jack – Crew: Ina

Tage wie Träume, Schlafen von acht bis sieben, dann dösen, dann lesen, dann essen, dann dösen, dann schlafen. Heute Dinghy notdürftig repariert (beim Aufbauen in Coco Bandero hab ich es geschrottet). Dann Ausflug zu den Nachbarinseln, jeweils ca. 500m. Bisschen Wind, bisschen Strömung, kein Problem.

»Di., 9.1.
1 Schoner, 1 Kreuzfahrtschiff, 2 Einbäume mit stehenden Fischern (?) Neue Gäste im Hüttchenhotel
Kreuzfahrtschiff ankert, lässt 3 Schlauchboote ab, fährt Passagiere zu Bilderbuchinsel, wo (Stände aufgebaut sind und) Taxiboote warten.
Abends laden sie wieder ein und fahren – den Kanal hoch!
Fischer mit 10j Sohn „Bulito“ verkauft uns zwei Makrelen (?) „Sena“ (1 ½ kg). Gebraten von Ina: lecker.
Obstboot: Bananen, Salat, Tomaten 5 USD
Abends Bier im Hafenrestaurant. Das andere, zum Kanal hin, sieht VIEL besser aus: einfacher, uriger, sauberer.«

aus dem Logbuch der ELSE

Moritz hatte Recht: von West nach Ost werden die Inseln immer schöner. Hier sind sie mehr bewohnt, die Cayas Coco Bandero kamen uns ursprünglicher, weniger bebaut vor. Und der Strand war weißer. Am Boot zieht eine Strömung von sicher anderthalb Knoten vorbei, muss man gegen anschwimmen, um vor den Rumpf zu kommen (oder Unterwasseraufnahmen vom Kiel zu machen, der nur 30 cm über dem Grund schwebt: Handbreit.) Ach ja: der Tiefenmesser zeigt die wirklich Tiefe an, nicht erst ab Unterkante Kiel (habe ich gestern gelernt.)

Kitzelt schon fast am Kiel

Schöne Fotosession an der Pelikan-Insel gegenüber (mit kreisrundem Beton-Pier –Stonehenge? Aufgegebene Fischfarm?) an einer Palme am Strand. Aber das ist auch schon der Höhepunkt einer Inselerkundung: die Fotosession. Sonst ist nicht zu tun, als sich über den Müll zu ärgern und den Einsiedlerkrebsen beim Herumkrebsen zuzusehen – und ihre geliehenen Schneckenhäuser zu vergleichen, zu bewundern und zu kommentieren.

Zivilisation

Ina legt Wert auf die Feststellung, dass ihr Fäzes nach Farbe und Konsistenz als »Bristol 4« qualifiziert ist, also die höchste (gesündeste) Wertung in Bezug auf ihr Mikrobiom (Darmflora) erreicht. Ina hört interessante Podcasts. Ich lese uninteressante Bücher: Slumdog Millionaire liest sich beim zweiten Mal doch eher schematisch. Dabei hatte mich The God of small things (auch beim zweiten Mal wunderbar) auf Indien angefixt. Wahrscheinlich hab ich mir die Erinnerung durch den Film verdorben. Oder der Film war besser als das Buch. Eine eindrückliche Latrinen-Szene hab ich jedenfalls vermisst. Soviel zum Thema Darm.

Ina geht
Fotosession

Inas Arm (Nerven/Muskelschmerzen) wird langsam besser, zum Glück. Hoffentlich hat sie sich beim Schwimmen heute nicht zuviel zugemutet. Nudelsalat mit dem Rest der Spaghetti von gestern (mit Guacamole aus phantastischen Avocados, superlecker). Sonst essen wir wenig Kohlehydrate, mehr Obst (köstliche Mangos) und Gemüse (Gurken, Tomaten). An das langsame Leben im Paradies kann man sich gewöhnen.

»Mi, 10.1.
09:30 ab Cayos Limon
10.15 Anker fällt Cayos Chichime
Makrelensandwich – lecker
Dinghy hochgehievt und abgebaut.«

aus dem Logbuch
Navigatoren wie wir: Frachterwrack

Letzte Station auf Kuna Yala: Cayos Chichime, Fische gucken (rät Moritz). Einfahrt etwas verwinkelt, Wrackteile regen aus dem Riff, draußen liegt das Wrack eines Frachters als eindringliche Mahnung. (Auch die markanten riesigen Kegelbojen, die wir schon vor anderen Inseln bemerkt haben, stellen sich bei näherer Betrachtung als Büge gesunkener Yachten heraus.) Ankern auf elf Meter Tiefe (aber der Anker ist beim Schnorcheln glasklar zu sehen! – Siehe Video), mindestens vierzehn andere Yachten sind schon da und wir quetschen uns dazwischen. So liegen wir wenige Meter vor einer Anlegestelle mit schmalem Sandstrand, dahinter Wohn- und Vorratshütte einer Kuna-Familie mit kleinem (2J) Kind und Frau in bunter Tracht. Die arbeitet in der Hängematte sitzend, putzt Gemüse, macht Handarbeiten.
À propos: Molas, Motivtücher in Fresco-Technik [mehrere verschiedenfarbige Lagen Stoff, die Muster werden herausgearbeitet, indem man eine Lage ausschneidet und vernäht, dann kommt die darunterliegende zum Vorschein] haben wir schon am ersten Tag gekauft.
Weitere Händler in Booten: Gemüse (nach der Verpackung vom Großmarkt), Fische (zwei Makrelen, s.o.), mit Sohn (ca. 10j.) Bulito, sicher ein Dutzend Fische von zwei Sorten (bunt, wie Mahi-Mahi; mit seitlicher Zeichnung, wie Makrelen) Saubermachen? – Claro. Tiene Cuchillo? – Reiche ich ihm ein Messer, legt er sein Paddel quer über den Einbaum und nutzt ihn als Schneidbrett und nimmt die Fische aus.)

Eher enger Ankerplatz: Cayos Chichimé

Cayos Chichime ist genau das Schnorchelparadies zum Fischegucken, das Moritz uns versprochen hatte: alle Größen, alle Farben. Und direkt vom Boot aus, wenige Dutzend Meter Richtung Riff hinausugeschwommen, tummeln sie sich. Ina hat sogar direkt am Ankerplatz einen Stachelrochen (Manta) gesehen. (Ich später auch, hab aber an der GoPro den falschen Knopf gedrückt, also keinen Beweis. Guckst du Fische: Video.)

Schnorchelvideo

Am Donnerstag nachmittag wollen wir los, für den kurzen Schlag zum Panama-Kanal. Vorher noch einmal abkühlen. Wasser perfekt temperiert, glasklar. Kurzes Sandwälzen am Strand: Paradies. (am Morgen hat eine Gruppe westlicher Freiwilliger eine Müllsammel-Aktion auf der Insel durchgezogen. Sah gut aus.) Übermütig probiere ich auf dem Rückweg meine Beweglichkeit: Ich kann wieder Delfin, meine Schulter ist völlig in Ordnung! Glückseligkeit.
Anker auf um 14:00h. Die nahen Nachbarn umfährt Ina wie ein Pro. Bei der Ausfahrt, ich verzurre den eben gehobenen Anker, Ina fährt raus, die ferne Lücke zwischen der brechenden Brandung fest im Blick, braucht das Navi ewig, um hochzufahren. Als es endlich anzeigt wo wir hinfahren, sind wir vom Kurs ab: »Hier rechts, und zwar scharf!« Da setzen wir bereits auf, der Kiel knirscht sich ins (weiche) Korallenriff. Leerlauf und Rückwärtsgang, volle Kraft. Noch mehr Knirschen, das Boot dreht zum Riff hin in ab. Ich meine, wir hätten schon etwas Lage, aber mit Ruder zum Wasser und Vollgas voraus bahnt sich die gute ELSBETH einen Weg ins Tiefe. Nochmal gut gegangen. Denn das Peinlichste wäre, unter den Augen (und Kommentaren) von vierzehn Yachtie-Besatzungen festzuhängen …
Thema Motor: der gute alte Nanni-Diesel ist seit England ein Fels in der Brandung (gewagtes Bild, passt hier nicht gut): springt sofort an, tut auch stundenlang klaglos seinen Dienst. (Dass er in Curaçao, nach einem heißen Sommer mit Salzwasser in der Kühlung, nicht ansprang, war ein Bediener-Fehler! Regel 24: Motor vor der Einwinterung mit Süßwasser spülen – und Frostschutz in die innere Kühlung! (Nicht wegen Gefrierens, sondern weil das Zeug auch Schmiermittel enthält)). Er hat sich einen eigenen Namen verdient. »Nennt mich Gustav.« Auch Eisenbeißer-Gustav nach den Geräuschen, die er macht. Jedenfalls stets zuverlässig und vermittelt ein gutes Gefühl. Ganz anders als zu Beginn der Reise …

40. Jahreswechsel

Marina des Club Nautico, Cartagena de Indias, 31.12.23, 24:00h

Alles Gute zum Neuen Jahr!

Rot im Hintergrund: der Torre reloj

Sylvester in einem spanischsprachigen Land ging selbstverständlich nicht ohne Party ab. Alle Boote draußen, beschallt und beleuchtet, die Partybusse kreisen lautstark um die Altstadt, auf dem Platz vor dem Glockenturm am Rand der Festungsmauer sammeln sich die WurstbraterInnen, Teigtaschenfrittierer, Scampi-Cocktail-Bereiterinnen und Bier -und Wasserverkäuferinnen. Dazwischen Spiderman, Robocop und Superninja, die für Fotos zur Verfügung stehen. Und der Platz ist mit Tischen und Stühlen vollgestellt, Champagnerflaschen stehen bereit. Bands spielen. Alleine war es nicht ganz so lustig. Sekt gab es keinen, Trauben habe ich auch nicht gefunden. Die Uhr am Turm steht still – wahrscheinlich wird es kein Zwölf-Schläge-zwölf-Trauben-Schlingen geben. Ina ist auf dem Boot geblieben. Wo ich mich um halb elf auch wieder einfinde. Und zum Feuerwerk aufzuschrecken. Guckst du Video:

Ziemlich dunkel: Mitternacht an Sylvester

Ina hat um zehn ein Läutstärke-Battle zwischen zwei neben uns liegenden Katamaranen unterbunden (niedergebrüllt). Aber der Rest des Hafens (und die Uferclubs) hören irgendwie nicht auf sie. Jedenfalls sind wir irgendwie gut ins neue Jahr gekommen.

Die Freuden des Bootslebens (noch im alten Jahr): Außenborder testen (funktioniert!)

Am Dienstag, 02.01. wollen wir los, Richtung San Blas-Inseln, für 12.01. sind wir in der Shelter Bay Marina in Colon, an der Einfahrt zum Panama-Kanal angemeldet. Das bedeutet: Bis sicher Mitte Januar gibt es für uns kein WLAN. Und für euch keinen Blog.

Bis dahin: Alles Gute im Neuen Jahr.

Donnerstagabend: El Arsenal (Rumbox)
Mittwochmittag: Zócalo, der Platz vor der Kathedrale

39. Nach Cartagena de Indias

A Room with a View
Ein höchst unerwünschtes Weihnachtsgeschenk

Mi., 27.12.2023, Cartagena de Indias. Es ist viel passiert: Sausefahrt von Curaçao hierher, Nachtankunft drei Uhr morgens, Ankermanöver zwischen Partybooten und Feuerwerk (Heiligabend), Anker nicht gehalten, zweihundert Meter zwischen anderen Yachten hindurch getrieben, eine Beinahe-Strandung …

Aber lieber von Anfang an: Freitag, 15.12. Ina kommt an, anderthalb Stunden Verspätung, schon von Amsterdam her, Ina hat schon ein Odyssee hinter sich: Ihr Zug von Köln hatte ein halbe Stunde Verspätung, fuhr dann aber doch, während sie nicht auf dem Bahnsteig war, der nachfolgende fiel aus – hat sie sich einen Mietwagen nach Amsterdam genommen: meine Mitseglerin ist mächtig motiviert, prima!
Nachts sehen die Viertel zwischen Hato, dem Flughafen von Curaçao und Willemstad eher nicht besser aus als tagsüber; Busfahrt in die Stadt, Ausstieg am Supermarkt, ist nur eine Viertelstunde Fußweg zur Marina, aber eben über eine sehr misstrauenseinflößende Strecke: weg vom Meer, das unter der Stadt (hier: Pietermaai, das Ausgehviertel), liegt, den Berg hoch, über eine Schnellstraße, eine vermüllte Treppe führt mitten ins Gebüsch, Trampelpfad auf einen verlassenen Parkplatz, erst am Ende sind die Masten der Yachten in der Marina auf der anderen Seite des Hügels zu ahnen. Habe ich mir vorher überlegt, wie ich das Ina verkaufen kann (»Vertrau mir, Ina, wir sind gleich da.« Und: »Wäre auch zu viel Aufwand, dich fünftausend Kilometer hierherfliegen zu lassen, um dich dann im Gebüsch auszurauben, oder?« – Tatsächlich ist es der schnellste Weg). Auf dem Boot angekommen ist nur noch Schlafen angesagt, inzwischen ist es fast Mitternacht.
Für Samstagabend hatte ich eine Verabredung mit Moritz, Schweizer, vereinbart, dessen Ketsch WHISPER auf dem Trockenen in der Marina liegt und der einen Mietwagen hat. Die Sea Food Terrace ist genau der richtige Platz (Moritz hat ihn ausgegoogelt): Strohhütten am Strand neben einem Caravan, in dem köstliche Fischplatten gegrillt werden, dazu hausgemachte Limonaden: ein Träumchen.

Curaçao Marine Zone

Am Montag Einkauf im Supermarkt, zu dem es einen Shuttle-Service der Marina gibt, der danebenliegende Budget Marine Bootsausstatter hat leider den Yachtführer Panama (Eric Bauhaus: The Panama Cruising Guide), den man für die San Blas Inseln unbedingt braucht, nicht auf Lager. Abends lädt Brian, Amerikaner, der eine Amel wie Moritz, nur größer, segelt, uns zu Boeuf Stroganoff ein (Geschnetzeltes., Quadratnudeln, Erbsen, Sahnesoße; Röstzwiebeln aus dem Asia-Markt). Supernett und superlecker. Dienstag langer Marsch in die Stadt (Pause im eisgekühlten Alternativ-Café mit leckerem Cappuchino für Ina – sie hat jahrelange Erfahrung mit Fernreisen), um Zoll (diesseits im Hafen, Punda) und Immigration (für den Ausreisestempel) im Hafengebiet auf der anderen Seite (Otrabanda) zu regeln. Klappt alles.
Ebenfalls am gegenüberliegenden Ufer liegt ein riesiges Kreuzfahrtschiff festgemacht, überragt selbst die höchsten Gebäude der Stadt, ein Fremdkörper wie ein Walross im Sardinenbecken. Die hinfälligsten der dazugehörigen Passagiere keuchen und stöhnen in der Hitze schon auf dem kurzen Weg zur Prinzessin-Emma-Brücke, der Pontonbrücke, für die Curaçao berühmt ist (ca. 500m). Auf dem Rückweg Mittagessen, sehr authentisch, im blauen Palais am Markt (Surinamisch: gebratene Nudeln mit Gemüse (Bratbananen, Brokkoli, Mangold) und Limonade (Tamarinden). Superlecker.) Marina muss bezahlt werden, US 600 waren noch offen, darunter 225 für die Reparatur (Lackieren, Antifouling) unten am Kiel. Abends Cheeseburger bei The Don, mit loaded fries, Pommes mit geschmolzenem Käse und geröstetem Speck. Dekadent, ein verbotenes Vergnügen. Moritz (1,95, kein Gramm Fett am Leib) schafft sogar einen Vierfach-Burger.

Ina fährt raus
Die Brücke ist NICHT die Emma-Brücke!

Mittwoch früh um neun Start aus der Marina. Ina dreht ihre ersten Runden unter Motor, alles klappt. Fort Nassau, die wir vorschriftsmäßig angefunkt haben, schickt uns Richtung Brücke, die sich beim Näherkommen für uns (und ein hereinkommendes Segelschiff) öffnet. Sind wir unter Kameraklicken der Touristen an der Uferpromenade durch den schmalen Spalt gerauscht. Draußen brandet eine unangenehm kurze Welle an und schaukelt uns erstmal durch.

Baja Santa Kruz, die Küste von Curaçao hoch, sollte eine geeignete Ankerbucht für unsere erste Nacht sein. Leider nicht genug Wind, wir kriechen die Küste entlang, nachmittags ist immer noch die Einfahrt nach Willemstad hinter uns zu sehen. Alternativplan? Haben wir nicht. Zum Glück frischt der Wind auf wie gerufen und bringt uns um vier, lange vor Sonnenuntergang, nach Santa Kruz. Enge Einfahrt, dahinter sofort der Strand, der mit gelben Bojen für Schwimmer abgeriegelt ist. Außerdem sind die Felsen rechts und links, gegen die Brandung anschlägt, verdächtig nahe. Also zurück, vor die Bucht, Anker geworfen. Es rollt uns ziemlich, aber alles ist gut. Baden ist angesagt, das Wasser herrlich.
Herrlich einladend sieht auch der braune Sandstrand aus, der wenige hundert Meter vor uns liegt. Brandung auch dort, aber gegen Sand? Sollte kein Problem sein. Beim Näherschwimmen muss ich feststellen, dass vor dem Strand scharfkantige Felsen liegen, zwischen den Wellen tauchen sie messerscharf auf. Also nicht Ausruhen am Strand, sondern hurtig zurück zum Schiff geschwommen. Der Rest der Nacht war genauso unruhig und rollig wie befürchtet.

Entspannter Start am nächsten Morgen: wir haben vier bis fünf Tage Überfahrt nach Cartagena vor uns, wir müssen die Nächte ohnehin durchsegeln. Kurs 310°, nach Nordost, um Aruba großräumig zu umfahren, dahinter ist nur offene See. Frischer Wind treibt uns vor sich her, nimmt aber zu, sobald wir hinter der Landabdeckung von Curaçao heraus sind. Und Wellen. Erst drei bis vier Meter, zum Glück quer zu unserer Fahrt, einzelne bauen sich aber bis auf sechs, manche sogar mehr Meter auf. Und der Wind lässt nicht nach. Als unsere erste Nacht anbricht, bin ich froh, dass wir Kurs halten können, habe aber nicht die Nerven, ein Reff einzuziehen. Als jagt uns der Wind die Nacht und den nächsten Vormittag über mit im Schnitt 8 kn Fahrt auf die Karibik hinaus. Bis Mittag werden wir das höchste Etmal gerauscht sein, das die ELIZABETH bis dahin jemals gemacht hat: 185 nm, fast 350 km. Und wir sind 120 Meilen aufs offene Meer hinaus gerauscht. Zeit, den Kurs zu ändern. Mit 240°, nach Südost, geht es zurück auf die Küste von Venezuela, bald Kolumbien zu. Wind jetzt platt von hinten, Wogen länger: es rauscht, aber es ist angenehm, voranzukommen. Inzwischen sind zwei Reffs im Groß und die Genua komplett eingerollt: in der Abdeckung vom Groß schlägt sie heftig laut. Die zweite Nacht geht (nervlich) sehr viel besser, nicht zuletzt dank der reduzierten Segelfläche.
Georgie steuert unbeirrt und zuverlässig, wir halten vier-Stunden Wachen, Ina übernimmt die undankbare Hundewache von 24:00 bis 04:00h. Ich habe dafür den Sonnenaufgang in meiner Wache. Wind dreht südwärts, wir fahren fast straks nach Süden. Was nicht ganz gut ist, weil auf unserem Weg der Rio Barranquillo ins Meer mündet, er kommt aus dem Amazonasbecken und trägt Baumstämme und andere Hindernisse hinaus aufs Meer. Sollte man großräumig umfahren, hat uns Moritz gewarnt.

Kurs 240° sollte uns davon freihalten und uns um die Nordwestecke von Kolumbien herum Richtung Cartagena bringen. Am Tag vor Heiligabend zeichnen sich im Dunst die Küstengebirge ab: Land in Sicht. Nachts fahren wir auf Lichter zu, allerdings sind die in der Karte verzeichneten Leuchttürme nicht auszumachen. Aber solange wir die Lichter an backbord lassen, sind wir auf dem richtigen Weg. Dachte sich der Skipper. Und lag falsch.
Die Nordküste Kolumbiens ist nicht besonders bevölkert, nur einzelne Industrieanlagen, vielleicht Erdölbohrungen, weit auseinanderliegend, und hinter dem Horizont kaum auszumachen. Ina findet, wir sind zu nahe an den Lichtern. Nur um ihr zu zeigen, wie toll mein geplanter Kurs funktioniert, werfe ich Navionics, die Kurssoftware an. Oops. Unser Kurs führt über Land. Wenn Kolumbien nicht ausweicht, sind wir auf bestem Weg, an der unbeleuchteten Küste zu stranden. Ein nicht sehr willkommenes Weihnachtsgeschenk – inzwischen ist es nach zwölf, die Nacht vor Heiligabend angebrochen. Der kräftige Wind hatte uns viel näher an die Küste gebracht als geplant. Also Kurs West, und mehrere Stunden tauchen immer wieder einzelne Lichter an der Küste auf. Gut, dass wir nicht dazwischen durchgefahren sind!

Nach Cartagena sind es noch über 120 nm, mehr als wir bei Tageslicht schaffen können. Also werden wir eine Nachtankunft haben. Morgens um zwei liegen wir fast vor der Hafeneinfahrt und ich wecke Ina, damit sie steuert, während ich die Segel einhole. Funkanmeldung bei Cartagena Port Control, sie sich sämtliche Angaben zu Schiff und Besatzung durchgeben lassen, uns zwei Marinas empfehlen und uns einschärfen, dass wir die Immigration nicht alleine machen können, sondern einen Agenten damit beauftragen müssen. Bei den Marinas meldet sich am Funk keiner. Es ist Heiligabend, Party-Time in spanischsprachigen Ländern (wie letztes Weihnachten in Ceuta). Die ewig lange Hafeneinfahrt (Boca Grande) steuert Ina nach dem violetten Kurs auf Navionics wie eine Eins. Cartagena begrüßt uns mit einer Skyline wie in La Manga (oder NYC). Zusammen mit den herumschießenden Schnellbooten kommt es uns eher vor wie der Vorspann zu Miami Vice (Miami Beach). Denn jeder, der einen schwimmfähigen Untersatz aufs Wasser zu bringen in der Lage ist, hat ein Soundsystem aufgeschnallt (und eine Reihe LED-Strahler beigebändselt) und beschallt sein Schiff (und den Rest des Hafens) mit Latino-Pop. Oder Salsa. Oder Latino-HipHop. Oder Lastino-Herz-Schmerz-Schlager. Außerdem leuchtet die Stadt vor Feuerwerk, an verschiedenen Stellen. Und auch überall am Ufer wummert Musik.
Ohne Marina-Kontakt suchen wir uns einen Ankerplatz tief im Hafenbecken, zwischen zahlreichen anderen Ankerliegern. Fast am Ufer, auf fünf Metern Tiefe, gebe ich 25 Meter Kette (15 m plus zweimal die Wassertiefe ist meine Formel), als die Kette im Ankerkasten blockiert und sich nicht mehr bewegen lässt. Den Anker einzufahren [mit Motorkraft nach achtern ziehen] lasse ich auch bleiben, er hält uns und es weht nur ein winzig leichtes Lüftchen. Außerdem ist es inzwischen halb vier Uhr morgens. Nur die Tombola im Uferclub in der Hafenfestung gegenüber, deren GewinnerInnen lautstark verkündet und gefeiert werden, hält uns wach. Und die wummernden Party-Boote.

You’re drifting!

Montag, 25.12. lassen wir es ruhig angehen, obwohl ich schon um halb acht wieder wach bin. Nachmittags gönnen wir uns dafür ein Mittagsschläfchen, Ina liest, ich ratze in der Achterkajüte, das Boot schaukelt sanft und einschläfernd in der sachten Welle. Da klopft es außen am Rumpf! Und zwar ziemlich forsch. Ina ist als erste draußen: »Hello? Hello! We think you are drifting.« Alarm! Tatsächlich ist der Anker aus seinem Schlammbett (wie wir gleich beim Aufholen sehen werden) geglitscht, wir sind sicher hundert Meter zwischen ankernden Yachten hindurchgetrieben, langsam zwar, aber dennoch saugefährlich, und schaukeln auf einen wunderschönen, sicher 25m langen Schoner [Zweimaster mit zwei gleich hohen oder vorne niedrigeren Masten] zu, das Eignerehepaar, europäisch-blond, steht schon aufgeregt an Deck. Ina schmeißt die Maschine an, ich hole den nutzlosen Anker auf, aber so lange er hängt, können wir nicht wirklich losfahren. Am engsten Punkt (CPA: closest point of approach) waren es sicher nicht mehr als acht Meter zwischen denen und uns. Doch als sie sehen, dass wir eingreifen, winken sie schon wieder freundlich.

Enge Gassen, Holzbalkone: Altstadt

Wo wir schon mal unterwegs sind, versuchen wir uns einen Platz in der anderen Marina, Club de Pesca zu erschleichen, finden eine einladend leere Box, legen an. Leider ist sie für ein viel größeres Boot, die Dalben [Poller, aufrechtstehende Holzstämme] sind viel zu weit weg. Also kompliziertes Leinenmanöver (vorne extralange Leine, Boot zurücksetzen, damit Ina hinten Achterleinen legen kann, dann wieder nach vorne zum Steg verholen). Gerade sind wir damit fertig, als die Marineros des Clubs ankommen und uns wieder wegschicken: der Club ist privat, wenn wir keine Reservierung haben, geht gar nichts etc. Verhandeln ist sinnlos, weil sie ohne den Clubmanager (es ist der erste Feiertag) ohnehin nichts entscheiden können. Also wieder vor Anker. Noch eine Nacht.

Dennoch ist es gut, vor Anker zu liegen nach viereinhalb Tagen und Nächten auf See. Noch immer kein Marina-Kontakt. Ina wirft ihr Internet an, bucht sich extra Zusatzdaten und schafft es, uns mit der Internetseite des Club Nautico zu verbinden, wo wir eine Reservierungsanfrage platzieren. Tatsächlich meldet sich später am Tag über WhatsApp der Restaurantbetreiber der Marina und macht uns Hoffnung: Vielleicht werde am nächsten Tag was frei …
Und es klappt. Am 26.12. vormittags schickt uns John, der Marina Manager des Club Nautico eine Skizze mit unserem Liegeplatz, wir sollen nicht trödeln, nachmittags soll Wind aufkommen, und um halb zwölf liegen wir fest. Heissa!

Fast wie Manhattan

Leider nicht an einem Schwimmsteg, sondern an einem bombensicheren Stahlbetonponton. Der wird nicht nachgeben, wenn die ELLI dort anstößt. Und dann kommt auch noch ein Mann mit Taucherbrille und Badehose, springt ins Wasser und macht unsere Achterleinen an irgendwelchen im Hafenbecken versenkten Ösen fest – unter Wasser! Habe ich noch nie gesehen. Wenn wir wieder ablegen, muss er wiederkommen.

Nachmittags Anmeldung in der Marina, wir sind eingebucht bis Sa., 30.12. Und einen Agenten für die Immigration haben sie nach einem Telefonat auch am Start. Jóse kommt, lässt sich Boots- und Immigrationspapiere aus Curaçao zeigen (fotografiert sie ab) und nimmt unsere Pässe an sich. Für kaum US 140.- wird er uns einklarieren.
Abends passen uns Jose und ein Hafenbeamter in Uniform ab, als wir auf dem Weg zum Abendessen sind. ELLI wird in Augenschein genommen, Angaben aus den Papieren erfragt und telefonisch weitergegeben, außerdem gibt es viele weitere Fragen. Abendessen: Kebab/Schawarma und Bier und Besuch im Supermarkt, in dem ich schon zuvor die 540.000 Pesos für Jose aus dem Automaten gezogen habe. (Die Kolumbianer lassen die Tausender einfach weg. 3.815 Pesos sind ein Dollar. Aber auf dem Auszug aus dem Geldautomaten stand tatsächlich, dass ich 1,6 Millionen Pesos abgehoben hatte (391 €). Soy millionario!

Heute, Mittwoch früh ins Städtchen, Cartagena de Indios ist wunderschön, enge Gassen, Kolonialgebäude mit Dunkelholzbalkonen, Streetfood zum Reinlegen, das pralle Leben. An der Tankstelle gibt es tatsächlich Sprit mit 98 Oktan (brauch ich für den Generator), aber leider keinen Kanister. In zwei ferreterias erkunde ich mich mittels Zeichensprache und Brumm-Lauten (und einer Zeichnung) nach einem Horn (mit Spraydose), das ist für den Panama-Kanal vorgeschrieben. Gab es nicht. Heißt aber corneta. Auf der alten Festung zum Meer (Baluarte de Santo Domingo) ist die Stadt endlich so, wie ich sie in Erinnerung hatte: eine mächtige vieleckige Festung mit Kanonen aufs Meer hinaus.

Haben die Spanier sich von einem italienischen Festungsarchitekten bauen lassen, nachdem Francis Drake (für die einen (Kolumbianer, Spanier) ein Pirat, für die anderen (britisches Königshaus) ein hochgeachteter Freibeuter (Sir Francis)) die Stadt zwei Mal überfallen, ausgeraubt und in Schutt und Asche gelegt hatte. Das dritte Mal hat er es nicht mehr geschafft. Nicht zuletzt, weil die Cartagener nicht nur die riesigen Festungen hochgezogen haben, sondern auch eine heimtückische Unterseemauer (sic!) quer unter die Hafeneinfahrt. Die ist nicht zu sehen, hält aber Schiffe von einigem Tiefgang unweigerlich ab (vulgo: lässt sie auflaufen und untergehen). Hab ich von Henry gelernt, Tourguide, der auf der Festung Santo Domingo nach Kundschaft sucht und nebenher Armbändchen verkauft. Wo es Cornetas zu kaufen gibt, weiß er allerdings auch nicht.

Hier wohnte Simon Bolívar (Befreier Venezuelas, Kolumbiens, Ecuadors, Perus)

Mittags (18:00 in Deutschland) zum Telefongespräch mit der family verabredet. Ziemlich emotional, Weihnachten eben. Mutter, Bruder, Schwägerin, Paula, Schwiegermutter und beide Töchter sind zusammen (und haben einen Tag Waldarbeit hinter sich.)

Dann kam Trevor, ebenfalls Moody 33-Besitzer und seit 15 Jahren auf eigenem Kiel unterwegs, mit dem Dinghy vorbei und wusste über Gott und die Welt Bescheid und war auf einen Tratsch aus. Gab einen guten Tipp für die Einreise nach Panama (Puerto Obladia). Und vor allem: wusste, dass es gegenüber der Marina it zwei Chandleries (Marinbedarfsläden) gibt, nicht mal fünf Minuten zu Fuß!) Da kriege ich sicher einen Benzinkanister. Und wahrscheinlich auch das Horn. Und selbstverständlich hätte ich John, den Hafenmeister fragen müssen, der hier seit 10 Jahren hängengeblieben ist und alles kennt. Hätte ich auch selber drauf kommen können. (Regel 8). Also: Laune für heute verhagelt. Aber gute Aussichten für morgen. Abends superleckeres Ceviche beim Peruaner. Und Supermarkt (gegenüber).

38. Curaçao (wieder)

Willkommen in den Tropen – sagen Tausende von Mosquitos

Do., 14.12., Curaçao. Inzwischen bin ich schon über eine Woche hier, die Mosquitoes sind nicht viel besser geworden, aber ich hab mich dran gewöhnt. Denn bei geschlossenen Luken zu schlafen, ist absolut unerträglich. Es ist Regenzeit, schwül und heiß und ab 10:00h morgens schon nicht mehr auszuhalten. Bis neun und ab 17:00 sind so ungefähr die einzigen Zeiten, wo es lohnt, Arbeiten anzugehen. Aber: bis 6 und ab 18:00 ist es dunkel! Muss ich mich erst dran gewöhnen (ans Arbeiten wie an die Hitze).
Letzten Freitag war Grillabend, wie jede Woche, (rede-) lustiges Völkchen, die Yachties. Marc und Mireille, Franzosen, die im April auch schon hier waren, Willi, Niederländer und vor allem Moritz, Schweizer! Aber vor allem die unbekannten anderen sind eng, wollen zusammen losfahren und tauschen sich meinungsstark darüber aus, (Moritz hält sich zurück, er scheint der einzige zu sein, schon mal auf San Blas war). Heute sind die ersten drei Yachten aufgebrochen, davon haben sie die ganze Woche gesprochen. Fast schon wehmütig, wächst man eben rasch zusammen, wenn man sonst allein auf See ist. Richtung Panamakanal, San Blas. Eigentlich alle in die gleiche Richtung. Nur von Kolumbien halten sie Abstand, wegen Piraten. Bin ich zu blauäugig?

Moritz hat mich am ersten Morgen am Boot begrüßt. Er war im April auch schon hier. Erzählt die Geschichte von Jens, der damals (mit Charlie im Begleitbooot) nach Jamaika aufgebrochen ist, dort ist ihm der Anker geslippt, er ist auf Grund gelaufen, beim Freischleppen hat er sein Ruder verloren und ihm ist nichts anderes übrig geblieben, als sein Boot zu verschenken. Inzwischen ist er wieder gesund in Deutschland. Wenigstens das, war sein erstes Segelabenteuer, Seufz.
Moritz hat den Nordatlantik als Crew gemacht, ist seit zwei Wochen wieder hier, sein Boot war noch nicht im Wasser, viel zu reparieren. Aber zuversichtlich, zumindest die meiste Zeit. Es macht ihm Spaß. Obwohl: versumpfter und verklebter Dieseltank, muss aufgebohrt werden, um ihn sauberzukriegen, muss eine Reinigungsöffnung dran: es gibt sicher schönere Arbeiten.

Sieht aus der Entfernung schon ganz manierlich aus: in der der Curaçao Marine Zone

Was ich inzwischen gemacht habe: Bimini aufgebaut. Dinghy rausgeholt, Furlerleine umgesetzt auf Bb (wo eine ungenutzte Winsch im Cockpit sitzt), Rettungsinsel-Unterkonstruktion gebaut, damit die Achterluke nicht so verklemmt; Ankerwinsch gecheckt, Instrumente, Navigationslichter, Windmesser: alles funktioniert. Paar Ameisen an Bord, sonst alles besser als super. Nur: Gasherd funktioniert nicht. Muss ich heut abend ran. Gestern war ein guter Tag: Kurzschluss an der Motorabschaltung gefunden, den Job hab ich mehrere Tage vor mir hergeschoben. Und vor allem: Panama-Kanal gecheckt, mehreitige ASEM-Datei im Internet ausgefüllt (Anmeldung, Bootsdimensionen, Ankunft in der Kanalzone, Bootsausrüstung (ich brauche ein HORN!), Schleusenmöglichkeiten, Fleisch/Proviant an Bord, mit dem it Transit Scheduler telefoniert): ich versuche, es ohne Agent hinzukriegen. Ob das eine gute Idee ist, stellt sich hinterher raus. Vorteile bei Agent: keine Kaution, kümmert sich um (Rückgabe der) Fender und Langleinen. Hauptvorteil: Über ihn kann man einen Transfertermin bekommen (weil man ihm das Geld überwiesen hat und nicht mit einem Bündel Bargeld rumlaufen muss).
Und gewaschen, Bus zum Flughafen gecheckt: Morgen kommt Ina!

Die COSTA FORTUNA im Hafen von Sta Cruz de Tenerife
Fortsetzung Kreuzfahrttagebuch

Do., 30.11.2023, 08:00h Schiffsführung; 8 französischsprechende, drei Deutsche: ein jüngeres (als ich) Ehepaar und ich. Der Ehemann hat Erfahrung mit der AIDA und vergleicht. So ist etwa das Buffet dort um Klassen besser »Mindestens vierzehn Hauptspeisen.« (Es gibt aber auch keine gesetzten Mahlzeiten, erfahre ich später). Tourverlauf: Theaterbühnentechnik, Künstlergarderoben. Crew-Fitnessstudio, Waschsalon + Bügelbretter, Elektrowerkstatt (Oliver, der Deutsche: »Da ist meine zuhause aber größer.«, »Fast 100 qm«, nickt Ehefrau), Kühlräume (»Auf der AIDA wird das Obst nach Reifegrad sortiert.«), Vorratsräume (werden mit Gabelstaplern verräumt), Brücke: Dritter Offizier erklärt’s uns, sieht ziemlich verkatert aus. Er im Pullover. Alle anderen (6-8 Mann) in propperen weißen Hemden und blauen Hosen Auf einer Polsterbank direkt hinter der Frontscheibe, vor und abseits der anderen, sitzen zwei Männer in schlichten Jeans: der Ausguck. Der Hauptsteuerstand liegt in der Mitte der Brücke (Joystick). Links sitzt die erste, rechts die zweite Steuerperson (heute aber alles -männer). Seitliche Steuerstände (in den seitlichen Vorbauten, von denen aus man die Längsseiten des Schiffs entlangsehen kann) haben ebenfalls alle Funktionen. Von dort aus werden die BowThruster [querstehende Propeller zum seitlichen Manövrieren] angesteuert, es gibt drei vorne, drei hinten.

Der lange Flur auf Deck Null zieht sich in Schiffsmitte von Bug bis Heck, reger Verkehr, zu Fuß, mit Rollcontainern, Sackkarren, Gabelstaplern: die Herzschlagader des Schiffs. Näherei (dort werden bei Bedarf auch die selbstgekauften Uniformen repariert). Büglerei: ein garagengroßer Mangelautomat, der Bettwäsche trocknet, mangelt, faltet: fertig zum Wiedergebrauch.

Für die Küchenbesichtigung legen wir Papieranzüge, -hauben und -gamaschen an. Auf Deck drei, zwischen den beiden Hauptrestaurants (Rolltreppen bringen die KellnerInnen auf Deck vier hoch), ein Reich aus Edelstahl und Neonlicht. Hunderte Stapeltellerweise werden Vor- und Nachspeisen angerichtet (Costa-Sieb für den Kakao-Spiegel unter dem Tiramisu). Eine Mozarella-Maschine spuckt mit Heißwasser 6000 Kügelchen pro Tag aus tiefgefrorenen Rohlingen aus, drei pro Passagier. Heißküche: Suppen- und Soßenbottiche, Grillflächen wie Tischtennistische. Großküche eben. Pause im Restaurant Raffaello, kleiner Imbiss, Prosecco. Danach Bar und Aufenthaltsraum der Crew und ihr Freigelände ganz vorne im Bug. Kaffee, wer mag, und Fragen. Superspannende Führung gewesen!

So., 03. Dezember, es weihnachtet (fühlt sich aber bei 27° und Sonnenschein ganz anders an.) Menschenmüde ist Oliver, der männliche Teil des Deutschen Ehepaars mit der blonden Schönheit von Frau. Mariam (oder so ähnlich), eine unsägliche Holländerin, die sich gestern Abend auf der Voice-of the Sea-Bühne total daneben benommen und am Ende sogar den Kapitän zu küssen versucht hat, sich buchstäblich an ihn ranschmiss, nach glaubwürdigen Augenzeug-innenberichten). Seetage sind anstrengend, vor allem, wenn es so viele hintereinander sind.

Victor
Hélène

Meine Frühstückscrew: Hélène und Victor. Victor ist Frühauf-steher und hält uns schon den Tisch frei.

Tagesroutine: 09:00 Morgenspaziergang (ca 15 Runden auf der Laufstrecke auf Deck 12). Muskeln aufwecken (stretching): das erste Highlight, 09:30 bis zehn: rund um die Animierbühne (Lautsprecher, Baldachin, Jacuzzi daneben, Theaterarena steil aufsteigend davor) stehen und bewegen sich auf drei Decks Menschen jeglichen alten Alters zur Musik und zu den Ansagen von Viviana, Sizilianerin. Vor allem „Breathe!“ ist ein beliebter Teil: Arme über den Kopf recken, Einatmen, Arme im seitlichen Bogen herabschwenken, ausatmen. Rundherum, auf allen Decks und auf allen Laufgängen und vor der Bühne in Siebenerreihen (mittendrin ich): ein wunderschönes Bild (bis auf mich). Bis zum Mittagessen (12-13:30): Lesen, faulenzen. Nachmittags Vorträge: Franco Alvisi erzählt bei übersteuerndem Mikrophon in schrecklichem Englisch ausführlich mäandernde (aber hochgelehrte und interessante) Geschichten in ungefährer Nähe zum gesteckten Thema. Gestern war die Kunst der Ozeanüberquerung dran, hauptsächlich über Kolumbus (und das Ende der Mauren in Granada und die Vertreibung (02.08.) der sephardischen Juden: alles im selben Jahr 1492, in dem Kolumbus am 03. August losfuhr. Im Januar wurde Granada übernommen (damit war die Finanzierung der Reise durch Isabel von Castilien, Fernando von Aragon gesichert. Als Übersetzer (aus dem Arabischen) war ein Jude an Bord, der am Vorabend hätte vertrieben werden sollen). Kolumbus, nicht unwillig, seinen Charme selbst Isabella gegenüber einzusetzen, war in Madeira verheiratet (Tocher des Gouverneurs), hatte in Gran Canaria eine Affäre (Frau des Gouverneurs, kam aber bei F. Alvisi nicht vor).
Vortrag von Gaia, deutschsprachige Hostess: Über die Musik der Sklaven (die, aus verschiedenen Teilen der afrikanischen Küste entführt, keine gemeinsame Sprache hatten, Instrumente und Tanz waren ihnen verboten: Calypso (entstanden in Tobago) als gemeinsame Ausdrucksweise, subversive Texte (die die weißen Sklavenhalter nicht verstehen konnten: Kreole), Instrumente aus Abfall (»Ohlphasen«) selbst gebastelt. Ohlphasen? Hab ich eine Weile gebraucht, bis ich kapiert hab, dass sie Ölfässer meint (und Steeldrums, die ich bisher in der Karibik nicht gesehen hab). Über Rum, zum Beispiel auf Martinique und Guadeloupe, rural: der einfache, echte). Industrielle, saveur: der teurere. Agricole heißt meiner, also: alles richtig gemacht.

Entdecker: Bartholomeu Dias (?)

Langsam, am sechsten Seetag, gehen mir (und Oliver) die Leute auf den Geist. Etwa zwei Bikiniträgerinnen, die partout nicht einsehen wollen, dass es auch im Buffetrestaurant eine Kleiderordnung gibt, sich beim erzwungenen Abgang umschauen, wie lange der Kellner wohl noch aufpasst (bevor sie es nochmal versuchen werden …).
Ehemals sicher wunderhübsche Frauen, gerne blond und sehnig, die von ihrer verblühten Schönheit nichts behalten haben außer der Arroganz und dem Selbstbewusstsein, jemand ganz Besonderes zu sein, für den alle üblichen Regeln (Anstand, Anstehen) nicht gelten.
Weil Costa eine eher preisgünstige Kreuzfahrt ist, fehlt es an Stil/savoir vivre (sagen Silke, Hélène). Dafür: bodenständige Leute, PoC (nach Martinique oder Guadeloupe); Ehepaare mit ersichtlich der ersten (oder einer zweiten, gleichaltrigen) Frau: sind mir alle sehr sympathisch. Erfolgsmenschen (Männer): die auch beim Volleyball (wo sie erbärmlich schlecht spielen) unbedingt gewinnen wollen. Beim Tennisturnier, an einem anderen Tag, hat er gewonnen, wie er nicht ohne Stolz erzählt.

Neues aus der Bordbibliothek: Mats Olsson: Demut. Thriller, schwedisch. Geht ganz gut los, verlabert sich dann, immer mehr Zufälle und nachträgliche Entdeckungen, showdown bodenlos-bedenkenlos unglaubwürdig. Einerseits: brutaler Mörder. Andererseits: selbstbewusste Junggaleristin glaubt, sie kann den Typen glattreden.
Geheimnis des Schreibers M.O.: Damit alle Frauenfiguren umwerfend attraktiv wirken, beschreibt man einfach nur ihre hervorstechendsten attraktiven Merkmale.
Auf meine Tischgesellschaft angewandt: Beatrix hat einen Schwall wunderbar dickes braunes langes Haar und große braune Augen, Maria ein ansteckend herzerfrischendes Lachen und einen perfekt geschminkten Kussmund, Sylvia ein hübsches Puppengesicht, Evelin ein herrlich spitzbübisches Schmunzeln und eine jugendliche Figur, Erika ein gutes Herz (überlässt mir immer ihre höchstens halb geleerte Wasserflasche) und eine interessante Biographie, Heidi ein gutmütiges Wesen und ist leicht zum Lachen zu bringen, Ueli ist braungebrannt und attraktiv ergraut, Silke hat reichhaltige Kreuzfahrterfahrung, Margret ein jugendliche Figur behalten. In anderen Worten, eine illustre und amüsante und kurzweilige und angenehme Tischgesellschaft. Wenn nur Nouráh, der indonesische Kellner, nicht viel zu viele Tische und viel zu wenige Helfer unter sich hätte … wobei er gut organisiert ist und sich Mühe gibt …

»Lymous« [Limes] ist das Stoffschweinchen von Silke, das a) immer dabei ist, b) immer auf dem Foto ist, c) jede Art von Ausrüstung hat (u.a. Anorak, Sonnenbrille, Badehose, Flipflops) d) auch Blogpartner ist (und Autoreninterviews führt: Silke ist Buchbloggerin: „S.D. bloggt und Limes rockt“). Als ich am ersten Tag das Drama um die Gummiente (sic) „Luis“ in Wort und Bild nahegebracht bekommen habe (Reist seit 23 Jahren mit der Besitzerin, jetzt hat sie ihn für ein Foto auf die Reling gesetzt, Windstoß, er ist abgestürzt, hat sich aber im Rost einer Arbeitsplattform zwei Decks tiefer verfangen (»festgeklammert«), jemand aus der Besatzung hat die Möglichkeit angedeutet, die Gummiente im nächsten Hafen zu retten, (geht aber nur im Hafen), nachts hat sich Luis gedreht und war zwischen den Gitterstreben eingeklemmt (s.o.), aber am nächsten Morgen doch verschwunden (verloren). Nicht gar so schlimm: Luis hat eine Freundin, Coco, die ist immerhin noch da (»Vielleicht hat sie ihn auch geschubbst.«)
Zum Glück hab ich nicht allzu deutlich gesagt, was ich von derlei Geschichten halte, weil a) am übernächsten Tag setzte sich die (ehemalige) Besitzerin von Luis zu uns an den Tisch (neben mich: Beatrix (»Bea«) und b): Silke hat ebenfalls ein Reise-Maskottchen: Limes (s.o./s.u.)

Im Schnelldurchlauf: Tageshighlights

Fr. 24.11. 13:00 Abfahrt. Zwei Franzosen kommen zu spät (13:30), werden aber noch mitgenommen. Später erfahre ich, dass einige Reisende nach Fuerteventura geflogen sind, um dort wieder aufs Schiff zu kommen
.Sa., 25.11. 11h Volleyball (zugeguckt) 16h Kulturvortrag: Geschichten, Legenden und Natur der Kanarischen Inseln zwischen Teneriffa und Fuerteventura (Franco Alvisi); 21:00 Präsentation der Offiziere und Abteilungsleiter. 21:15 Flamenco-Show. Kleidung: elegant.
So, 26.11. Italienische Nacht. Kleidung: rot, weiß, grün. Fernsehballett in Capri-Hosen., Vespa, Fiat 500.
Mo., 27.11. Puerto del Rosario (Puerto Cabras). Abends: Francesca Aureli Women on World, ABBAMania, die Zentralbar flippt aus. Kleidung: 70erJahre.
Di., 28.11.: Sta Cruz de Tenerife. Abends Glamazon mit dem Kreuzfahrtballett, Kleidung: Tierprints.
Mi., 29.11. auf See. (C(osta)/Club show: Erika bekommt nicht den Preis für die meisten Meilen: Jemand anderes hat 400.000 Meilen zusammen! (Sie hat nur 80.000.)) Abends: Gewinner von India’s got talent: Led Tron Dance. Kleidung: elegant (Glamour night). Manche haben einen ganzen Kleiderschrank dabei, scheint es.
Do., 30.11. Uhr eine Stunde zurück. Kulturvortrag: Der Regenbogentanz im Zuckergarten (über Rum) Der Zauber der Antillen (Franco Alvisi). Maximilian Philippe, Legends of Rock. Karaoke Vorrunde The Voice of the Sea: bodenlos, peinlich. Wie oft: Selbstbewusstsein und Können stehen in keinem Verhältnis. (Jungdäne, Unterhemdfranzose, Holländerblondine, bodenlos. Weil: Kleidung: leger.)
Fr., 1.12. 11:30h Feier zur Überquerung des Wendekreises des Krebses (und Halfway mark!) Neptuntaufe etc.) 16:00 Volleyball, Rest des Tages Gliederschmerzen, Schultern gehen gar nicht mehr. Abends: Weihnachtskalender von Beatrix! (Marzipan, lecker). Kings and Queens. Von Donna Summer bis Queen. Kleidung. Rot, Blau, Grün. Silent Party: Bluetoothkopfhörer, drei Farben, drei DJs, drei Musiken: genial. 

William Dampier

Zwischendurch entdeckt: Im mittleren (von drei) Treppenhaus gibt es historisierend gemalte Bilder berühmter Entdecker, der Malstil ist fies, aber die Portraits bieten tolle Atmo (und ich kenne bei weitem nicht alle der Dargestellten, muss ich bei Gelegenheit nachschlagen!): 1497 Vasco da Gama / 13. Jhdt Brüder Ugolino + Valdino Vivaldi / 1642 Abel Tasman / 1520 Fernao de Magalhaes (Magellan) / 1699 William Dampier/ 1492 Cristobal Colon / 1488 Bartolomeu Dias / 1497 G. Caboto

Abel Tadsman

Sa., 02.12. 16:00 Kulturvortrag Geschichte, Mythen und Schönheit zwischen Europa und der Karibik. Die Kunst der Überquerung der Ozeane. »Der dreht aber weite Schleifen!« (Beatrix). Hat sie recht: die vier Reisen des Columbus. Rimbaud (über die Ungeduld des ersten Offiziers von C.), Paul Gauguin, Vincent van Gogh. Abends: The Voice of the Sea, Holländerblondine schmeißt sich an Käptn und verdirbt mir den Abend, früh ins Bett. White Night (UV-Licht) verpasst.
So., 3.12. (Uhr eine Stunde vor) 15:30 Creole Sprachunterricht. Gibt kein J im kreolisch, wird alles zu Z. zedi (Jeudi) zanvier (Janvier). Deutsche Nacht: Gaia fast alleine auf der Tanzfläche der Disko; Show: H2O, Karnevalsparty. Farben: bunt, Karneval. Haben Leute echt Regenbogenperücken und Clownsoveralls dabei!

Schiffsvortrag: Gaia

Mo., 4.12. 16:15 Schiffsvortrag (s.o.), bis 17:30 Bücher abgeben. Morgen muss ich um 12 vom Schiff, um elf an der Rezeption auschecken. Silke hat Sargasso-Algen gesehen, ich noch nicht, Gestern zwei Schiffe passiert (No. 3 und 4). Heute abend schon kein Oggi [Oddschi] a Bórdo mehr, seufz, schnief. Artistik: Romeo und Julia, Kleidung: Gala. Gab Sekt zum Abendessen, alle Crewmitglieder kamen in den Speisesaal, Riesenapplaus, mehr als berechtigt; um 23:00 gibt es Mitternachtsbüffet: die große Gala-Nacht. Abendkleider und Dekolleteées zum Reinsetzen/Dazwischendrängeln. Abschiedsfotos mit allen außer Silvia, Evelyn, Beatrix:

Letzter Abend: Erika, Margret, Silke, Maria, Heidi, Ueli
Und diesmal mit richtiger Kamera (Maria). Nicht im Bild: Beatrix, Evelysn, Sylvia

Di, 05.12. 03:00h: Bugkamera zeigt bereits Insellichter an, also aufgestanden und nachgesehen. Einfahrt in den Hafen um 03:30h: Notfall an Bord, muss ins Krankenhaus. Nochmal geschlafen, Frühstück, 10h Rezeption: Papiere sind noch nicht da. Kommen erst 11:30. 12 im Städtchen, Bus zum Bute Hotel, alles klappt. Hügelig ist St. Martin und sehr nett: Das Watertaxi zur Marina hätte man sich auch mit einem 20min Fußweg ersparen können, glaube ich, 5 DollarUS rausgeschmissen (bzw. Euro. Bus kostet 2 US).
Auf die Backstreet, hinter der Strandpromenade, Bus (Minibus) French Quarter oder Dutch Quarter, an der Ampel aussteigen, dort ist es dann schon. Die erste Auskunft hat passgenau hingehauen, obwohl ich dann noch dreimal nachgefragt hab unterwegs.
Bute Hotel, Illidge Road, Philipsburg St. Maarten: ehem. Motel, frisch renoviert, super. Abendspaziergang zur Promenade, drei von vier Kreuzfahrtschiffen tuten und fahren ab in den folgenden zwei Stunden, eins kommt wieder zurück: Noch ein medizinischer Notfall?
Silke schickt mir das Foto vom letzten Abend (s.o.): blaustichig aber super, viel besser als meins. Maria hat eben die neueste drei-Kamera-Technik von Galaxy.

Mi., 6. Dez. Nikolaus. Heute hat Limes, Silkes Reiseschweinchen, die Nikolaus-Mütze an. Ist wahrscheinlich auf ihrem/seinem Insta-Account zu sehen.
Nachts war es sehr laut im Bute Hotel, kam von der Musikbox der Imbissbude gegenüber, die Kundschaft aus dem Casino bespielt. Hühnchen mit Kartoffelsalat. Mittelgut. Abends Billiard und Bier in der Hotelbar. Magenkrämpfe in der Nacht. Haben damit sicher nichts zu tun gehabt. Ab Mitternacht hört die Musik auf. Morgens drei Mal Kaffee, den gibt es zum Selbermachen auf dem Zimmer, und eine herrliche Dusche, Raindance ist ein Scheiß dagegen. Maho-Bus Richtung Flughafen, das Gepäck kostet allerdings extra (zusammen US 4). Frühstück im Strandcafé Papaya. Superlecker. Und mein Gepäck darf ich auch dalassen, solange ich an den Strand gehe. Schmal, hellgelb, türkises Wasser. Aber komplett überfüllt, obwohl die einzige Attraktion die über dem Strand landenden (und startenden) Flugzeuge sind. Ich hab nur Propellermaschinen gesehen, da gibt es keinen Düsen-Wash. In der größeren, professionelleren Strandbar auf der anderen Seite hängt als Service ein Bildschirm mit An- und Abflügen. JetAir, mein Carrier, fliegt auch schon um 12:20h nach Curacao, steht da. Könnte ich umzubuchen versuchen, und wäre noch bei Tageslicht in der Marina. Gesagt, getan, 10min die Zubringerstraße entlang, auf dem Asphalt, weil sonst mein altersschwacher Rollkoffer quietscht und quengelt und blockiert. Setzt Tropenregen ein, gerade, als ich das Vordach des modernen, gerade in Erweiterung befindlichen Terminalgebäudes erreiche.

Glück gehabt

Ob ich wohl meinen gebuchten 15:30-Flug auf 12:20 umbuchen könnte?
»There ist no three-thirty flight to Curaçao.«
»But this is JetAir, right?«
»Sure is, Sir.«
Tatsächlich bin auf den 12:20-Flug gebucht, hat mir nur niemand gesagt (gestern abend hab ich noch mit der Fluggesellschaft geschrieben, weil ich nicht online einchecken konnte! Gut, dass ich so früh dagewesen bin …)
St. Maartens Innenhafen/Lagune (mit Zugbrücken-Einfahrt, hab ich schonmal in irgendeinem YoutubeVideo über Superyachten gesehen) ist voller Supermotoryachten. Und schöner Segelyachten. Und ein paar Weltumsegler-Wracks. Und hat einen ausgedehnten Boatyard mit aufgebockten Yachten in allen Stadien des Zerfalls. Kann ich gut nachvollziehen: der Princess Juliana International Airport bietet (Direkt-) Flüge nach Europa und in alle Welt. (Air France, KLM , United, American Airlines, Delta). Und (für die Megayachtbesitzer) St. Barts (oder St. Barth wie man im Jetset sagt, eigentlich Saint-Barthélemy), mit den Flagship-Karibikshowrooms aller Luxusmarken, ist nur einen kurzen Ausflug (20sm) entfernt. Hat der Krösus alles, was er braucht (sagt der sich unterprivilegiert fühlende Unterkrösus – die Südasiaten auf der Costa Fortuna arbeiten für US 500 im Monat, sieben Tage die Woche, kein Wochenende).
Oder, in anderen Worten: St. Maarten/St. Martin ist wunderschön: hügelig, unfassbar freundliche Menschen, türkises Meer, wie es sich gehört.
Klar stehen die Schaulustigen in langer Reihe am Strand, als der Flieger auf den Anfang der Startbahn zurollt, eine extraweite Kurve dreht, um möglichst nah am Zaun zu starten, dann Vollgas gibt. Was ihnen passiert ist, hab ich nicht gesehen. Anderthalb Stunden Flug, 30‘ Steigflug, 30‘ Flach (Geschlafen), 30‘ Sinkflug. Einreise Curaçao: Formular ausfüllen, am Tablet (Tablé, sagt Silke). Hotel: Curaçao Yachtclub, Schiff: Elizabeth. Bus nach Otrabanda: anderthalb Stunden gewartet. Dann Minibus Rond: dreht eine ewige Schleife um den Hafen (um die mautpflichtige Hochbrücke über den Hafen zu vermeiden?). Am Friedhof (neue Mauer in den letzten sechs Monaten!) steige ich aus. Der Fahrer schlägt sich vor die Stirn, als hätte er mich vergessen, obwohl wir ein langes Palaver am Busterminal Otrabanda hatten!) Zehn Minuten Fußweg über unwegsames Gelände, dann bin ich in der Marina, zehn nach fünf. Das Büro ist bis 17:00h besetzt. Aber JayJay ist noch da. Hat er einen guten Sommer gehabt? Oder war Rainy Season? – Nein, die beginnt gerade erst.
Die ELIZABETH liegt an der Launch-Rampe im Wasser. Sieht super aus, nur etwas staubig. Die Mülltüten, die ich um Furler, Selbststeueranlage, Mastwinschen geklebt habe, ist mürbe geworden, fetzt ab. Die Persenning steht, nur eine Winsch hat sich durchgearbeitet (ist eine Naht aufgegangen, muss ich nähen!). Sonst alles paletti. Schlüssel ist aus der Ankerwinschabdeckung rausgerutscht, völlig verrostet (aber schließt auf!). Schere festgerostet. O-Saft: Innenplastik hat sich von der Pappe gelöst. Aber genießbar. Das einzige, was sich ewig hält: der Rum. Achterkabinenschloss festgesetzt. WD 40 drauf. Also: Persenning geborgen, Batterien angeschlossen, Strom eingesteckt. Batterien zeigen noch 12,2 Volt: Super!  Leinen ausgetauscht, Fender ausgetauscht, (JayJay hatte mir seine geliehen). Zigarre aus St. Maarten (»Verkaufen Sie auch einzelne Zigarren?«–»Sicher, die hier ist für 38.« – »38 was?« – »Dollar US.« – »Oh. nein, tut mir leid, entschuldigen Sie, nichts für mich.« – »Wir haben auch günstigere, hier, für 20.« – usw., am Ende gab es für mich eine für 3,50.) geraucht, Rumpunch getrunken. Schloss Achterkajüte ist nicht zu bewegen. Aber um 21:00 geht es wieder: alles Bestens. Das Leben ist formidabel! Tiefe Gefühle für die gute alte ELIZABETH. Und für die Lieben Zuhause. 21:30 Nachtruhe – morgen früh will JayJay mir einen Liegeplatz zuweisen und ich muss den Motor gestartet kriegen!

Klar startet am nächsten Morgen der Motor nicht, klingt unangenehm unkernig, rückgratlos: Ventile schließen nicht, keine Kompression. Das regelt Mechaniker Manuel innerhalb einer Stunde, selbst während die ELIZABETH zwischendurch mit dem Arbeitsboot der Marina an den Steg verholt wird …

VI. Nach Panama – 37. Vertraute Gewässer

Freitag, 24. Nov. 2023, 18:00h. Der erste Sonnenuntergang über dem Meer. Wieder. Aber ganz anders: ewig lang, fast ohne Bewegung. Reisen auf einem Kreuzfahrtschiff sind mit Segelreisen nicht zu vergleichen. Alleine der Auslauf: Heute (Samstag) neun Uhr früh: Morgenspaziergang, 25 Minuten auf der Joggingstrecke (180m, Deck 11) rund um den Zuluftkamin am Heck des Schiffes auf einer leuchtendgelb markierten Strecke, jeweils eine schön, eine schäl Seite: einmal gegen, einmal mit dem (Fahrt-) Wind. Blick ins Weite, über die Wogen (die sich aber weit unten verlaufen). Teilnehmer wie im richtigen Leben: die ehrgeizigen, die ein paar Runden lang laut schnaufend überholen, die müden, die nach ein paar Runden lautlos aufgeben: am Ende sind von den ca. 25 anfänglichen TeilnehmerInnen gerade noch fünf übrig geblieben. Anschließend Morgengymnastik. Auf dem Sonnendeck 9, zwischen Jacuzzis, Pool und Wasserrutsche mitten im Theaterhalbrund, dessen Terrassen von Sonnenliegen statt von Klappsitzen gefüllt sind. Superspannend. Gewagte Kleidung, nicht nur bei den Bikinis (gestern war das Motto rot und schwarz: Häkelkleid mit weit offenen Maschen, das die darunterliegende (schwarze) Unterwäsche deutlich präsentiert). Oder: Ultrakurzer Mini über schlanken Beinen, Gesicht Ü50; Gürtelkleid mit Spitzentransparenz, schulterfrei. Ausschnitte weit wie das Meer. Und ebenso tief. Und Achtzigjährige, deren handgefertigter Busen noch immer atomfest absteht … An das Publikum muss ich mich erst noch gewöhnen. Aber sie sind lange nicht so schlimm wie befürchtet: Costa Kreuzfahrten gehören zu den günstigsten auf dem Markt. Da sind die Leute fast schon bodenständig. Es gibt alle Schattierungen: Buffalo Bill (wenn weiße Haare und Kinnbart frisch geföhnt sind), PoCs mit Locks und lila Kurzhaar, Asiaten. Schönheiten und gelebte Körper. Sogar ein paar Jugendliche und Kinder (mit eigener Clubbespaßung). Aber zum allergrößten Teil Menschen wie du.

Regel 26: Ins Jacuzzi: nie ohne Sonnenbrille.

KreuzfahrerInnenweisheit
Anreise

Mittwoch (22.11.) nachts in den Bus, Croissant in Paris, Donnerstag nacht Barcelona, Hotel, Freitagfrüh Metro und Bus zum Hafen. Aber Regel 23 missachtet: (»Immer fragen!«). Navi setzt mich am äußersten Ende des Industriehafens ab, weit und breit: Nichts. Zum Glück eine Stunde zu früh. Fußmarsch (glücklicherweise mit Rollkoffer, Danke, P.!), Frage nach einem Taxi in einem Hafenarbeitercafé: keine Chance. Auskunft: zwei Kreisverkehre passieren, dann über die Brücke (das Schiff, die COSTA FORTUNA, das zweitgrößte im Hafen (die MSCs sind höher und länger und breiter) hab ich bereits auf dem Herweg gesehen, es liegt nur leider an der gegenüberliegenden, entfernten Seite des Hafenbeckens!) Inzwischen ist es halb elf. Elf Uhr soll ich da sein.

Ging aber alles gut aus, einchecken, Passfoto, Immigration, noch ein Foto durch die Polizei, Gepäck wird auf die Kabine gebracht. Kabine 2405 ist innen, eine Doppelkabine, nicht wirklich klein, praktisch eingerichtet, Grundfarbe Gold. Heimelig. Davor ein ewig langer Flur.

Der Flur der UNgeraden Kabinen

Wo gibt es Abendessen? Sollte auf der Mitgliederkarte vermerkt sein, ist es aber nicht. Die Schlange am Helpdesk ist endlos und bewegt sich vor allem überhaupt nicht. Geübte Vordränglerinnen beiderlei Geschlechts mit lebenslanger Erfahrung darin agieren und sind gewohnt, damit durchzukommen. So auch hier.

Abendessen, viertel vor Sieben (erste Schicht): ein deutschsprachiger Tisch. Schweizer Ehepaar, eine schweizer Witwe, zwei schweizer Freundinnen, eine Frau aus Martinique (auf dem Heimweg, sie nutzt die Kreuzfahrt als das günstigste Verkehrsmittel, genau wie ich), eine Kölnerin, Kreuzfahrterfahren: mindestens 15 Mal über den Altlantik, mit eigener Speisekarte: glutenfrei, zuckerfrei. »Gibt es hier kein zuckerfreies Eis?«
Und: Wasser kostet extra! Weil: Wir sitzen am Bedienungstisch; alle anderen haben Getränkepakete gebucht. Ich komm mir zwar superkleinlich vor, hab aber meinen Ehrgeiz reingesetzt, das Bezahlmodell der Reederei zu boykottieren und ohne Extrakosten zu fahren. Also zu schauen, ob das geht.
Die Tischgesellschaft ist vom ersten Abend an zwanglos, interessiert und lustig. Mit der Witwe bin ich zur Spezialshow im Teatro Rex (mindestens 1000 Plätze, steile Arena, im Bug das Schiffs) verabredet: Bunter Abend: eine Rockband heizt ein, kleines Tanztheater des schiffseigenen Baletts, Gesangseinlage, Trapez/Reifen/Gelenkartistin, Madonna-Medley, Flamencotänzer, indische Derwische, Animationsfinale – halbe Stunde Show-Feuerwerk. Aber die Witwe hab ich nicht getroffen.
Danach lateinamerikanische Nacht. Jetzt ist die (selbe) Band in Rot und schwarz angetreten, Tanzanimation, Gaudi.
Im Spielsalon: Roulette beliebt, Pokertisch unbewohnt, die unbeschäftigte Croupière legt sorgfältig einen wunderschönen Kartenfächer aus. Disko erst ab 00:00. Zu spät für mich. Es ist immer noch Freitagabend, der erste Tag an Bord.

Reiseinformation (ex: MitseglerInnen gesucht)

Ihr Lieben,
bald fahre ich wieder los und wollte euch darüber informieren. MitseglerInnen suche ich nicht mehr, meldet sich eh keineR. Stattdessen finde ich zum Glück ab und zu jemand (s.u.), worüber ich mich sehr freue. Dass ihr alle jederzeit eingeladen seid, wiederhole ich jetzt nicht nochmal …
Im April habe ich die ELIZABETH hoch zu Land in Curaçao/Karibik zurückgelassen und mich seither in Deutschland aufgehalten. Inzwischen eine Augen-OP und alle möglichen Arztbesuche hinter mich gebracht. Und vor allem: versucht, mein Leben in Köln mit Paula und den Töchtern wieder auf die Reihe zu kriegen. Eine der Konsequenzen: Ich segle ab jetzt nicht mehr für ewig lange Zeit, sondern in Etappen von einigen (4-5) Monaten.
Mitte November geht es wieder los. Vom 22.11 bis 06.12 bin ich (Bus, Kreuzfahrtschiff, Flieger) in die Karibik unterwegs. Am 15.12. trifft mich Mitseglerin INA, 55 (riesige Segelerfahrung, halb um die Welt, Schwerwetter-erfahren: guckst du: Clipperaroundtheworld unstoppable journey) in Willemsburg, Curaçao.
Die Strecke ist wie folgt geplant: Aruba, Sta Marta (Kolumbien), Cartagena (Kolumbien), San Blas-Inseln (Panama), Shelter Bay Marina (Colon, Panama), Panama-Kanal, Panama City (Panama). Von dort fliegt Ina am 25.01.2024 zurück. Ich werde die Pazifikküste von Kolumbien und Ecuador nach Süden gondeln und die Yacht wahrscheinlich in Salinas, Ecuador (auf der Höhe von Guayaquil) für die (hiesigen) Sommermonate wieder einwintern. Wenn alles klappt bin ich also im April/Mai wieder da.
Das wollte ich euch gesagt haben, alles Gute für euch und eure Lieben, schönen Winter,
Ulrich (Brandt)

English version: Dear friends,
after nearly half a year in Germany, I’m in the middle of preparing my departure for Curaçao/Caribbean, where my trustworthy vessel ELIZABETH has been waiting for me on the dry. In order for all of you to be able to join me, to which you are, as you well know, warmly invited, I try to keep you informed about my travel plans.
After a 11-day journey (by bus, cruiseship, aeroplane) I hope to reach Willemsburg, Curaçao on Dec. 6th, where ELIZABETH will already have been splashed and waiting in the marina. It is my joy and pleasure to expect INA, 55, from Cologne, Germany, an experienced and well-travelled sailor (and weather-worn shipmate: see Clipperaroundtheworld unstoppable journey) to join me on Dec. 15th.
We intend to sail to Aruba, to Sta Marta and Cartagena (Colombia), to the San Blas Islands (Panama), to Shelter Bay Marina (Colon, Panama) and through the Canal. Ina will leave the yacht by the end of January and fly back from Panama. I intend to continue south, along the coast of Columbia and Ecuador and plan to leave the boat again in Salinas/Ecuador (near Guayaquil) (Puerto Lucía Marina) for the (southern) winter (May to September 2024) and come back to Germany.
That is all for now, I am glad and happy for the friendship and support of all of you, I hope to restart my blog www.sailing-elizabeth.com by Mid-December (it is, alas, in German, but people tell me the automatic translation by Google or other programs works quite well …),

warm regards
Ulrich Brandt

aus: Mail, die Anfang November an meinen SeglerInnen-Verteiler ging
Aus dem Bordleben

Erste Beschäftigung: Leute gucken. So etwa: hochgewachsene Schönheit mit hüftlangen rotbraunen Haaren, Ende 20, Kimono-Bademantel in gold und schwarz, der über den langen Beinen aufspringt. Aber: Sie balanciert auf 20-cm-Strohhackensandalen, also Superhighheels, als Zehenspitzenläuferin. Oder auch: Männer in Adiletten und Badetüchern. Bei Italienermännern sind superknappe Badehosenslips anscheinend noch tragbar.
Es gibt auch Freaks, ein Barfuß-in-offenen-Wanderschuhen, Ledergürtel um die Halblangen Outdoorhosen-Typ; eine PoC-Frau, blonde Extensions hochgesteckt (sonst sicher bis zum Po), eine Inderin (?) mit Goldlamée in den Extensions. Buffalo Bill sieht mit ungeföhnten Haaren aus wie ein ziegenbärtiger Penner.

Kreuzfahrerweisheiten, neu gelernt (I): 
Beten: zum Altar (Kapelle)

Das Helpdesk ist morgens (9h) frei, die Jacuzzis ebenso. Bordbibliothek (zwei Glasschränke) ist morgens (ca. 10:00) geöffnet. Und neben dieser gibt es sogar eine Kapelle!

Predigen: zur Gemeinde (Kapelle)

Die vielen Aufzüge (12 Decks/Stockwerke! [und das sind nur die, die für Gäste zugänglich sind]) versuche ich zu vermeiden, ich will trainieren. Allerdings: Auf einer Kreuzfahrt abnehmen zu wollen, war vielleicht nicht die beste aller Ideen. Für inklusive gibt es abends einen Tisch im Restaurant Michelangelo, oder im Selfservice-Büffetrestaurant. Frühstück und Mittagessen werden als Buffet angeboten. Mit allem. Bloß: kein Wasser, kein Kaffee. Silke, erfahrene Kreuzfahrerin, hat KeepCups dabei und bunkert Kaffe und Wasser zu den Frühstückszeiten (wie ich inzwischen auch).

Samstagmorgens um zehn sind wir östlich (und südlich) von Marbella. Der Estrecho ist auf halb neun (abends) angesagt. Der Roomservice (Inder, geschieden) hat den Bettbezug auf Fächer gedrillt. Die Zeit wird heute Nacht eine Stunde zurückgestellt. Um 20:20h, wie nachmittags schon minutengenau angekündigt, passieren wir die Straße von Gibraltar. Einige Lichter auf dem Felsen, dafür die Bucht von Algeciras hell erleuchtet, ebenso der Industriehafen auf der marokkanischen Seite. Von Ceuta, wo P. und ich letztes Jahr Heiligabend verbracht haben, blinkt freundlich der Leuchtturm herüber. Ernüchterung beim Tischgespräch: (Schweizerin, über Gibraltar): »Da kommen keine Flüchtlinge hin, weil sie genau wissen, dass die keinen reinlassen.« Stimmt irgendwie, geht aber natürlich gar nicht. (Und sie hat es auch nicht böse gemeint.)
Abends große Flamencoshow. Zwei Tänzerinnen und ein Tänzer beherrschen Kastagnetten, Handflächen- und Absatzklappern. Beim Fernsehballett (sechs Tänzerinnen und drei Tänzer) überzeugen hautsächlich die interessanten Kostümwechsel. Frenetisches Publikum, stehende Ovationen, Oppi in der ersten Reihe heizt an.

So., 26.11.: 08:00 Frühstück 09:00 Morgenspaziergang; 09:30 Streching/Morgengymnastik; 10:00 Sushi-Workshop (mit Arjtxs [oder so, ich konnte mir den Namen nicht merken, hab versäumt, ihn aufzuschreiben, er enthielt jedenfalls hauptsächlich Konsonanten]), 11:00 Rumba-Tanzkurs , 12:00 Mittagessen – Kreuzfahrerstress.

Erkenntnisse aus dem Sushi-Workshop:
Einmalhandschuhe aus Plastikfolie, als erstes kommt ein Kleks Majo drauf: „einreiben“. Darunter: schnittsichere Handschuhe. Arjtxs, die Baskin, hat Sushi noch nie gegessen, geschweige denn gekocht. Agiert dabei sehr selbstbewusst (und ohne vorher genau zuzuhören). Lässt sich aber gerne von mir helfen –
Sashimi: Lachs schräg geschnitten (quer zur Faser/Streifen), Gurke dito (als Blume gelegt), Möhren- und Rettichhaar als Deko, Wasabi-Türmchen und IngwerRose und Zitrone und Algen als Deko. Nigiri: Scampi-Filets, kleine Reiskugel drauf, umdrehen und fest pressen, mit Majo dekorieren (und das übliche Sträußchen, Türmchen, Rose). Maki: Unterlage Bambusmatte, Algenblatt drauf, Handvoll Reis verstreichen bis zum Rand, unteren Rand 2 cm freilassen, FliegendeFischeKaviar drauf verstreichen. Umwenden (inside out) Tunfisch, scharf, mariniert, in der Mitte drauf verteilen, auf Bambusmatte rollen. In acht Teile schneiden (sieben Mal halbieren), mit Bambusrolle nochmal schön zusammendrücken, auf Servierschiefer drapieren: rote Majo drauf, Sträußchen.
Sah an unserem Tisch (einem von acht Teilnehmertischen, bei ca. 40 Zuschauern) nicht völlig überzeugend aus, hat aber super geschmeckt.

Tanzkurs mit Toni, Italiener, »Energía!, Allegría!, Battería!«, der sein Publikum um den Finger wickelt und im Griff hat, aufgeteilt nach Männlein und Weiblein. Ich hab sooo schön getanzt, Rumba, kurz-kurz-LAAANG, und das Bein stehen lassen, mich in den Hüften gewiegt, die Arme gespreizt … und erst nach dem Mittagessen in der Kabine gemerkt, dass ich die ganze Zeit den Hosenlatz offenstehen hatte …
Inzwischen sind wir beim Abendessen per Du: Silke ist die Kreuzfahrtexpertin aus Köln, Ueli und Heidi das Schweizer Ehepaar, Erika die dito Witwe, Evelyn und Silvia die Freundinnen.

Fuerteventura: Puerto del Rosario (ex.: Puerto Cabras)
Chaostag auf Fuerteventura

Montag: Ernsthaft gefrühstückt (Rührei, Speck, nicht nur drei Scheiben Ananas, wie sonst), weil: große Pläne: Jandía Playa, wo es den höchsten (400m) Berg der Insel geben soll. »Nach einer Wegstrecke von 7,5 km wird der Gipfel erreicht«, beschreibt Wikipedia ganz nüchtern. Allerdings: ganz im Süden.
Jetzt erst einmal Sonnenaufgang, Lavaball mit Wolkenbrocken. Erinnert sehr an einen anderen Sonnenaufgang, nur ein paar Kilometer weiter nördlich, auf Lanzarote, mit Gawain . Und Bier um sechs Uhr in der Früh.
Ich muss nach Morro Jable. Frage auch brav nach: Bus fährt dahin? Klar. Kostet auch nur 1,40€. Nur: Beim Museo del Sal, mitten im Nirgendwo, ist Endstation. Ich hab zwar gefragt, aber offensichtlich nicht das Richtige. Also zurück zur letzten Abzweigung. Allerdings: der Bus nach Morro Jable (42 km) fährt nur viermal am Tag, letzte Rückfahrt 15:45h. Wenn ich den verpasse, ist das Schiff weg. Also zurück nach Puerto del Rosario und aufs Schiff. Stress: ID-Karte verloren. Hafenpolizist lässt mich von Kollegen bis zur Gangway geleiten. Dort Check durch die Schiffs-Security, dann Ansage: direkt zum Hospitality-Desk und neue Karte drucken lassen. Wird gemacht. Null Probleme. Dann schon Zeit zum Mittagessen. Weil alle an Land sind und nichts los ist: Heute nicht Büffet, sondern à la Carte. Also noch eine Mahlzeit zu viel. Telefonverabredung. Und anschließend eine Signalnachricht: Gawain (ja, ebender, s.o.) will von Panama aus nach Kolumbien mitfahren! Achill (Mitsegler aus Rostock ab Januar, Freund von Axel, ANEMOI) hat nichts dagegen, also zwei Stunden später zugesagt. Jetzt Abendessen, dann Abba-Abend, dann Sängerin („Women on World“ (???). Auf Schiff man spricht international.

Di. 28.11.: Santa Cruz de Tenerife. Das Schiff wird vollgetankt. Der Tanktender, auch nicht gerade klein, ragt anschließend anderthalb Meter über seiner Wasserlinie aus dem Meer: sind einige Tonnen reingeflossen. Santa Cruz sieht vielversprechend aus, groß. lebendig, schattige Parks, Verwaltungsgebäude im Kolonialstil – Hauptstadt der westlichen Kanaren. Ausflug heute (Empfehlung von Kreuzfahrtexpertin Silke): La Laguna. Altstadt im Kolonialstil, Weltkulturerbe. Mit der Straßenbahn („El Tribunal“) leicht zu erreichen: den Berg hoch bis zur Endstation.

San Cristóbal de la Laguna ist vollgestellt mit hochherrschaftlichen Stadtpalais‘ und Kapitänshäusern (später Museen und Verwaltungsgebäuden). Alle nach dem Prinzip der Römervillen (wie z.B. in Pompeij): Innenhof, Zimmer in zwei Stockwerken drumrum. Nur heute eben pátios, wunderbar begrünte Dschungelhöfe.

Türschloss, 200 Jahre alt – aber funktioniert!


Neues aus der Bordbibliothek: Ian Ranking: The impossible dead. Grandios (wie Rankin eigentlich immer). Aber beim zweiten Nachdenken: Dass die Auflösung allein über die schlecht (zu nahe am Original) gewählten Kampfnamen/noms de guerre funktionieren soll (Alice Watts=Alison Watson, Pears = Pierce): eher schwach.
Ruth Rendell: No more dying, then („Schuld verjährt nicht“, der dt. Titel verrät schon die halbe Handlung). Was für eine genial erzählte unmögliche Schnulze: brave Frauen sind ordentliche Hausfrauen, der verführerische Vamp (rothaarig) ist schlampig und eine schlechte Mutter (allerdings auch: der verwitwete Aufklärer vernachlässigt für Stelldicheins mit ihr seine eigenen Kinder (und deren biedere Tante, die sich nach dem Tod ihrer Schwester um die Kleinen kümmert)). Menschenbilder unerträglich holzschnittartig, kaum zu ertragen – aber wunderbar geschrieben.
Ich dagegen: Keine Lust zu schreiben. Es ist einfach zu viel los. Das ist eben das Konzept: atemloser Animationsurlaub. Gestern abend mit Beatrix und Silke und Erika in der Show: LED-beleuchtete Hiphopper, Gewinner von India‘s got talent. Super act. Trägt aber nicht für 45 Min. Technisch enorm sophisticated: Nicht nur können einzelne Körperteile der Tänzer (z.B. der Hut) in allen Farben und einzeln geschaltet werden (und damit auf den Köpfen der drei parallel agierenden Tänzer hin- und herspringen), ein Leuchtstab lässt beim Herumwirbeln in seinem Halo sogar das COSTA-Logo aufleuchten. Wahnsinn. Beatrix hat mir zum Tanzen einen Korb gegeben. Silke (hat Internet gebucht) findet für mich ein Hotel auf St. Maarten.
Im Restpublikum erste Anzeichen von Stimmungseintrübungen – die Zeit der Landausflüge ist vorbei, vor uns liegen sechs Seetage. Wichtigste Veränderung: Frühstück gibt es erst eine Stunde später.
Kleines Beispiel gefällig? – Furienterror am Buffet: Eine mit wallendem Goldlamétuch, mindestens bodenlang, fast eine Schleppe. In der Schlange am Büffet tapst eine andere drauf – und merkt es nicht. Als die Erste zieht, festhängt, stärker zieht, wütend wird, pfeift sie die zweite an. Zweite pfeift erbost zurück (keine Ahnung, in welcher Sprache, könnte italienisch gewesen sein). Erste: Hätte sich wenigstens entschuldigen können. Zweite: Muss mich doch nicht gleich so anfahren (oder so ähnlich). Giftet jedenfalls noch lange hinterher, faucht und kocht, als die erste längst weitergegangen ist. Es ist der zweite Seetag, etwas Welle, 27kn Wind. Wird langsam ungemütlich, geht auf die Nerven. Und dabei liegen die meisten Seetage noch vor uns …

36. Das erste Jahr

Eindrücke vom Schmetterlingssegeln

Curaçao, Mo., 24.04. Filmen ist gar nicht so einfach. Muss ich bei André Abbitte leisten. Gestern war ich nämlich Schnorcheln und GoProFilmen am Jeremi Beach, Empfehlung u. a. von Melisa, der guten Fee im Büro der Curaçao Marina. Gordon und Louise vom Nachbarboot hatten einen Wagen gemietet und mich bis zur Busstation in Otrabanda mitgenommen. Dort Kreuzfahrtschiff gecheckt, Norwegian Cruising Line klang vielversprechend. Aber sie fahren nicht nach Europa, nur zurück in die Staaten; gefrühstückt und auf den Bus E3 gewartet. Dann Riesenstau, ganz Curaçao hatte augenscheinlich die gleiche Idee: anderthalb Stunden für knapp über 30 km; Riesenfloats, Sattelschlepper mit ausgebauter Ladefläche, gigantischer PA und teilweise sogar die Bands an Bord, fahren selbstverständlich nur Schritttempo. Irgendwo unterwegs findet am Abend eine Riesenparty statt. Traveller im Bus: nippen am Haschisch-Aufguss aus goldglänzendem Trinkbecher, der zwischen ihnen rumgeht. Ausstieg (»Bushalte« heißen die Busstopps auf Curaçao) fast verpasst. Jeremi Beach ist schön, aber nicht atemberaubend. Auf den Felsen im Norden wird gerade eine Ferienhauskolonie entwickelt, gebaut, vermarktet. Am Strand schwimmen verendete Fischchen (4 cm) schulenweis und verfaulen auf dem Sand. »Wenn es dort drüben auch so stinkt, fahren wir an einen anderen Strand!«, unverkennbar eine genervte Münchnerin. (Ein Strand südlich, in Lagun, wo Gordon und Louise waren, herrschte das gleiche Bild, hab ich heute erfahren).

Jedenfalls: Schnorchelsachen ausgepackt, Proberunde geschwommen. Flossen und Schnorchel funktionieren gut, Brille kannte ich schon. Fische von armlang bis winzig, auch die wogenden Rhabarberblätter. Vor allem aber: die 4cm-Winzlinge schwimmen in ausladenden Schwärmen, die zwar nachgeben, aber nicht wirklich ausweichen. Kann man durchschwimmen. Wollte ich unbedingt auf Video haben. Also beim zweiten Ausflug GoPro angeworfen. Storyboard: Die ersten nagelneuen Strandhäuser, dann abtauchen, den Felsen entlang, dann unter dem Fels auftauchen (Steindach nur wenig über dem Wasser), dann ein großer Fels, der im Wasser liegt, unter dem größere Fische dümpeln, dann durch den Schwarm Winzlinge. Doch es kam anders: die Winzlinge schwärmten vor einer kaum meterbreiten Kluft im Fels, mit angehaltenem Atem (Wellen, Felsen) durchgeschnorchelt, mitten durch den in der Sonne blinkenden Schwarm. Hätte atemberaubende Aufnahmen geben müssen. Nur: die Kamera war nicht angeschaltet. Stattdessen aufgenommen: vier Minuten Flossen abschnallen, zum Strand gehen (kopfüber: Kamera baumelte am Handgelenk), Kamera auf der Liege ablegen und Männerbeine vor Sandstrand. Wieder einmal: Bilder, die man nicht geschossen hat. Ansonsten ist Jeremi ganz nett, Sonnenliegen kosten ein paar Euro, Schatten extra. Aber eben nicht umwerfend. Wie auch die Insel (so weit ich sie gesehen hab): Hügelig, an der Westküste reiht sich ein Tafelberg an den nächsten. Zwischen den Hügelketten breite Ebenen, alles grün, aber Busch, Macchia, Gestrüpp. Viele Kakteen: trocken. An der Landstraße verstreute Kneipen, Läden, Supermärkte, jeweils mit großem Parkplatz davor. Wirkt irgendwie amerikanisch.
Rückweg mit dem Bus klappt reibungslos, Königin-Emma-Brücke will in dem Moment aufgehen, als ich sie passiert habe. Musste gefilmt werden (diesmal mit dem Handy).

Weltweit einzigartiges Schätzchen von 1888

Total pragmatisch sind die Leute von Willemstadt: Punda, Spitze, heißt das diesseitige Ufer, Otrabanda, andere Seite, der gegenüberliegende Stadtteil. Wie in Kölle eben: Hey (Stadt) und Schäl sick.

Am Mittwoch, das bekam ich heute bestätigt, kommt die LIESEL aus dem Wasser, vielleicht schon morgens um acht. Muss noch viel passieren bis dahin, räumen und packen vor allem. Was bis jetzt schon passiert ist: Mittwoch (18.04.) mittags angekommen, nachmittags Zoll und Immigration erlaufen. Donnerstag Großsegel abgeschlagen. Freitag Mitfahrgelegenheit mit Willi zum Supermarkt. Nachmittags Groß geflickt (Latte eingepasst, Lattentasche nachgenäht) und gefaltet, Genua dito. SailClearAccount eingerichtet. Freitag Salon (»the square«) geräumt, Tisch abgebaut, 2½ Eimer (14 l) aus Salonbilge getupft. Boden angeschliffen und lackiert. Samstag (22.04.) Niedergänge und -treppen klarlackiert (gevarnished). Abends in der Captains‘ Bar, rappelvoll wegen Boxkampfübertragungen. Sonntag Jeremi Beach.

Freitagabend (21.04.) war großes Boatyard-Grillen. Veranstaltet von Melisa (Boatyard-Sekretärin), ihre Tochter (ca. 10) war auch da, ihr Sohn (ca. 20) hat gekocht: Cheeseburger, Grillspieße, Hühnerteile, Nudelsalat, spicy cabbage (scharfes eingelegtes Rotkraut: lecker!). Jede Menge SeglerInnen kennengelernt: Kathy (USA) und Serge (franz. Kanada), Dave (Brite), noch zwei Amerikaner, Steve und Laura,  und Dirk haben mich unter die Fittiche genommen und Bier ausgegeben. Paul und Herta, Holländer. Matthieu (ca. 20), den ich auf mindestens drei verschiedenen Booten hab arbeiten sehen, Guido (Chido), Holländer, auf dem selbstgebauten Boot seines Vaters unterwegs, dessen junge Frau hier ihr Baby geboren hat, dessen Mutter hier lebt. Und das Münchner Paar (Hans und Marion), beim Anlegen in blütenweißem Segleroutfit, altklug (Bordfunkgerät auf den Ohren), unbelehrbar («Den Stromkasten hab ich gar nicht gesehen!«), blendendweiße Yacht, shiny & new, aber keine einzige Leine vernünftig vorbereitet (zu kurz, unklar, nicht festgemacht). Typisch Münchner halt. (»Obacht, mir san aa aus Mencha!«, warnt Charlie, ein anderer Segler.) Die am nächsten Morgen ab sieben Uhr morgens SÄMTLICHE Segel nacheinander knarrend (elektrisch) ausfahren und sorgfältig abspritzen. Und Gordon und Louise vom Nachbarboot. Gordon schmirgelt und ölt jetzt zum bereits dritten Mal seine vorher schon makellos aussehenden Fußbretter, am liebsten morgens ab sechs (allerdings geräuschlos). Und Moritz (Schweizer), hat mit seinem Boss monatelange Urlaube vereinbart. Und Jens, unabhängig durch eine Erbschaft, der sich hier ein Boot gekauft hat und es seit acht Monaten herrichtet. Und ein französisches Paar, das im Yard liegt und den Unterboden abkratzt (und auch die Segel wäscht – ich glaube, ich bin ein schlechter Segler: hab meine Segel noch nie gewaschen!). Willi, Holländer, der mich zum Supermarkt mitgenommen hat (weil seine Holzwerkstatt dort ganz in der Nähe liegt), Daniele, noch ein Franzose, superstolz auf sein hochkompliziertes Aluschiff (Seitenschwerter, drei Ruder, Dinghygarage), sich aber mit seiner Frau nicht einigen kann, wie Planen gefaltet werden sollen. Lustiges Völkchen eben.

Do., 22.04. Königstag, höchster Feiertag in Curaçao. Und allergrößte Hitze. Heute früh Handläufe zum zweiten Mal geölt. Um neun, als die Hitze anfing, zum Glück fertig gewesen. Und im Schatten des aufgebockten Bootes einen Blechschutz für das Salonluk gekniffen, gefeilt und gebohrt (weil sich das Holz sonst an den vorstehen Bolzen des Schlosses stößt).  Cockpitpersenning aufgezogen, um wenigstens ein bißchen Schatten zu haben. Jens verabschiedet, geduscht – und schon wieder schweißgebadet.  Jetzt Filmchen zusammenstellen, diesen Blog schreiben – und ab ins Getümmel: es soll so eine Art Volksfest geben. Außerdem ist es so heiß (am notebook läuft das Gebläse ständig), dass der Rechner langsamer buchstabiert, als ich tippe – hab ich noch nie erlebt, dass er wegen Hitze die Leistung derart runterfährt … 

Königstag!

Der höchste Feiertag auf Curaçao bietet Stände mit Kosmetika oder Klamotten, ein wenig Kinderbespaßung wie Wasserrutschen, aber vor allem: Party! DJs legen alle paar Meter auf, im Stadtpark spielt sich eine Band warm, im Ausgehviertel Pietersmaai reiht sich ein Ausschank, eine Tanzfläche, eine Musikbühne an die nächste. Man trägt orange.

Dauert ewig: Haulout

Gestern kam die LIESEL aus dem Wasser, untenrum sah sie richtig sauber aus, sehr befriedigend. Nur die Kielunterseite ist abgeschliffen, auch rostig. Wollte ich selber machen. Hat mir der Boatyard-Manager JayJay eine attraktive Schätzung vorgelegt (300 $ US), hab ich die Reparatur vergeben. Weil ich genug zu tun habe. Vorgestern hab ich das Dinghy in den Innenraum gehievt, ebenso das Bimini. Der Salon ist jetzt der totale Verhau. Und angefangen, das alte Wasser aus den Kanistern zu leeren, weil ich Sorge habe, dass es schlecht wird. Jetzt fehlt noch:  Bb-Wasserkanister leeren, Vorratsschrank entmüllen (alles, was verschimmeln kann), Kühlschrank ausräumen. Furler, Mastwinschen und Hydrovane in Plastiktüten verkleben, Batterie abklemmen, Dieseltank randvoll machen, Gas abdrehen. Irgendwann in den nächsten Tagen kommt das Schiff in die storage, das Depot, ein drahtzaunabgespannter und nachts hell beleuchteter Bereich (auch: Zollverschluss) ein paar Meter den Hügel weiter hoch. Dort werden die Yachten bei Hurrikanwarnung auch gegen den Boden abgespannt.

Mindestens bis Ende September (Hurricaneseason) bleibt die ELLI dort. Und zur Not auch länger.

Heißt für euch: Dieser Blog macht Pause. Wenn ihr AbonnentIn seid, werdet ihr benachrichtigt, sobald es weitergeht (Tut mir übrigens leid für die vielen Aktualisierungen und dass ihr jedesmal eine Nachricht bekommt. Sind stets nur winzige Änderungen, weil ich so viel vergesse, oder nachgelieferte Videos. Könnt ihr getrost ignorieren). Alle anderen: Schaut einfach um Weihnachten wieder rein, ob sich was getan hat.
Bis dahin, Alles Gute und liebe Grüße

Ulrich.

Hurrikanvorsorge

In einer Woche hab ich das erste Jahr voll (Abfahrt am 08. Mai 2022). Bilanz nach elf Monaten: Ich hab eine Menge gelernt, bin vielleicht nicht mehr der völlig unerfahrene Segler, als den ich mich noch immer sehe. Ich hab einen Ozean überquert und die ersten schwachen Stürmchen abgewettert. Die ELIZABETH ist ein Herzchen von einem Schiff, in besserem Zustand (bis auf die Schiffbruchschäden) als ich sie gekauft habe, absolut zuverlässig und seegängig – am Schiff scheitert es nie. Die Hydrovane war die beste Investition ever (und die teuerste). Ich hab jede Menge Leute getroffen, einen Haufen Geschichten gehört, ein paar davon sogar wahr. Ich hab von neuen Gegenden (Kapverden, Karibik) zumindest einen ersten Eindruck, ich hab neue Welten erschnuppert (Einhandsegler) und bin in neue Universen mit ureigenen Regeln gefallen (Boathitchhiker). Nina (Cornelia) ist die erste und einzige der vorab zugesagten MitseglerInnen geblieben. Mit ihr und allen anderen hab ich beste Erfahrungen gemacht. Und alle haben die ELLI geliebt und sich superwohl und sicher auf ihr gefühlt. Ich hatte sagenhaftes Glück und tolle Erlebnisse, die ich nie vergessen werde (sonst kann ich sie hier nachlesen.) Ich hab Delphine, Wale, Schildkröten gesehen, Kolibris und Vögel, deren Namen ich nicht kenne. Ich hab sensationelle Mond- und Sonnenauf- und -untergänge erlebt.

Gästebuch:

Der Hafen von Willemstad, hinterste Ecke

Im übrigen bin ich der Meinung, Oceansouth gehört aus dem Verkehr gezogen. Und Traveller A. schuldet mir 30 €.

35. Curaçao

Wallilabou Bay, St. Vincent
Piraten!

(Aber nur als Pappfiguren: Wallilabou ist die Bucht, in der der erste Teil von Fluch der Karibik gedreht worden ist (jedenfalls ein paar Außenaufnahmen). (Ostermontag, 10.04.)

Die Fahrt von Fort de France hierher war alles andere als trivial. Erstmal zwei von drei Manövern verkackt: Ablegen gegen den Wind, Motor schiebt gut gegen die beiden Achterleinen, so dass ich die Muringleine am Bug loswerfen kann. Aber dann, entlasten der Achterleine zum Nachbarn hat nicht geklappt, der Wind von vorn hat mich sofort vertrieben; also hektisch die zweite Achterleine eingeholt, die gute LIZZY stand schon ziemlich schräg, und aus der Marina gedampft. Anlegen an der Tanke (um den badge, den Funkknopf, der die Tore zum Steg aufschließt, abzugeben) angelegt »like a pro«, so Jeanneau, der Marinero vom Dienst, der meine Leinen übernimmt. Beim Ablegen aber Regel 3 (oder 8? Jedenfalls noch aus Poole) gröblich missachtet: Vor dem Ablegen Strom und Wind prüfen! Ich hätte ablandigen Wind gehabt, einfachster Ableger der Welt, einfach Leinen los und warten, bis das Schiff vom Steg getrieben wird. Aber nein, Gegenwind erwartet, Eindampfen gegen Achterspring vorbereitet, Bugleine losgemacht – und sofort fängt das Boot an abzutreiben. Drückt mit dem Heck (Fender) gegen den Steg, kehrt sich aber soweit ab, dass der ungefenderte Spiegel (und das Ruder der Hydrovane!) gegen den Steg gedrückt werden, Achterleine kommt mächtig unter Spannung. Gerade kann ich sie (mit Hilfe eines anderen, herbeigeeilten Marineros) loswerfen und dampfe ab, quer zum Steg. Sah sicher nicht gut aus. Außerdem hing die Achterleine noch im Wasser, was mir der Helfer auch noch zurufen musste – peinlich. Aber nix passiert, Georgie (um den ich gefürchtet hatte) steuert unbeirrt.
Draußen vor der Ausfahrt aus der Bucht steht eine üble, kurze Welle, sicher anderthalb Meter. Das BETSYBABY wird heftig durchgeschüttelt, scheint es aber (kommt mir vor) zu genießen, nach einer Woche Marina wieder in Bewegung zu sein. Taucht aber, bei allem heftigen Stampfen, immer wieder ihren Anker in die ankommende Welle und nimmt hektoliterweise Wasser in die Bugwanne über (hier hab ich nachgesehen: sicher wieder 15 l Wasser in der Salonbilge. Irgendwann muss ich rauskriegen, warum die ELLI bei schwerer See Wasser zieht). Kräftiger halber Wind (Bf 5-6) macht gute Fahrt. Aber auf dem Weg brechen sich die Wogen. Erst suche ich nach einer Lücke, aber die Brecher gehorchen keiner Regel, tauchen überall auf; scheint also keine Untiefe zu sein, sondern einfach fiese, kurze Welle. Also kurzentschlossen mittendurch, Kurs 187° (bei 15° Missweisung sind das 201° auf dem Kompass). ELLI stellt sich als durchaus nicht die lahme Ente heraus, die sie bei schwachem Wind wohl sein soll: kämpft sich mit bis zu 7 kn durch die kabbelige See. Und macht das bravourös. Inzwischen wird es dunkel. Schon bevor die Lichter von Martinique unterm Horizont verschwinden, tauchen die von St. Lucia auf. Dessen Küste passiere ich eigentlich viel zu nahe (2 nm), aber der Westindies-Führer warnt vor westlichen Strömungen zwischen den Inseln, die einen leicht versetzen können … Wind frischt noch mehr auf, könnte man reffen. Bin ich aber zu faul zu, drehe nur die Genua ein paar Windungen ein, verringert sich die Fahrt auf 6 kn. Gut genug.
Zwischen drei und fünf am Morgen schläft der Wind komplett ein, Nachtclubwummern schallt herüber. Und Georgie weiß nicht mehr, wohin. Eine Stunde von Hand „gesteuert“, dann kommt wieder Wind auf und ich kann George das Feld überlassen und mich hinlegen. Anderthalb Stunden später liegen die unverkennbaren Pitons (Hügelberge im Süden der Insel: Grand Piton, Petit Piton (nicht: Tetons, sorry, André!) noch immer querab! Der Wind  scheint sich gedreht zu haben, wir sind 240°, also steil nach Westen gesegelt!
Lässt sich korrigieren; im ersten Licht (ca. 05:30h) meine ich im Grau dunkle Bergsilhouetten ausmachen zu können. Das muss St. Vincent sein.

Nicht der Vulkan

Tatsächlich  sind die Berge der Insel anderthalb Stunden später deutlich  zu erkennen, jetzt brauche ich nur noch der Küste entlangzufahren … Festmachen in Wallilabou (den Namen musste ich mir aufschreiben, konnte ich mir einfach nicht merken. Schlimmer war nur noch Barrouaillie, der nächstliegende Ort, wo es einen Geldautomaten gibt).

Festgemacht wird auf St. Vincent (vor Anker oder) an einer Boje, mit einer langen Heckleine zum Ufer (oder den Restpfählen eines vom Hurrikan zerstörten Anlegers). Kann kein Mensch alleine, also kommen hilfsbereite Linehandler im Motorboot (oder auf altersschwachen Surfboards) und befestigen die Taue. Nur das Heck gegen den Wind in Richtung Strand ziehen muss der Skipper schon selber. Mein Helfer bringt mich auf seinem Surfboard sogar zum Dinghy-Steg (20 Caribbean Dollar fürs Anlegen, 10 für Abholen und mich wieder aufs Schiff bringen). Im Strandrestaurant (über und über mit Filmpostern, -devotionalien, Requisiten und Selfie-Gelegenheiten (aufrecht stehende leere Särge, Pranger und Galgen samt Henkersknotentau, überlebensgroße Figur des Jack Sparrow) dekoriert), selbst noch halbe Kulisse mit nachgemachtem Mauerwerk und Scheinfassade, gibt es einen Kaffee auf Kredit. Sensationell. Auf dem Weg zum Klo hängen privatere Bilder, Keira Knightley und Johnny Depp mit Schaulustigen, vor allem Kinder.
Kurzer Spaziergang über den Hügel nach Barrouaillie, es ist Ostersonntag und aus allen Kirchen und Gebetshallen dringt aufgeregtes Predigen oder hymnischer Gesang. Auf dem Sportplatz jagt eine Gruppe junger Männer aufgeregt einen Iguana [Echse] (Beinlang). Im leeren Supermarkt weiß die Aushilfe nicht , wo Zoll und Immigration sind (fragt aber bereitwillig eine Passantin: soll in der Bucht sein, wo ich herkomme). Insgesamt macht St. Vincent (Linksverkehr) einen überaus sympathischen Eindruck, auch wenn die Häuser wild über die Hügel hingewürfelt und teilweise, obwohl noch nicht fertiggestellt, bereits Ruinen sind. Im Sonntagsstaat, auf dem Rückweg vom Gottesdienst, sieht keine(r) wirklich arm aus. Und Autos und Motorräder preschen über die schmale Landstraße, als ob Spritpreise kein Thema wären …
Zurück im Johnny-Depp-Strandrestaurant meine Schulden bezahlt und mich zum Lesen und Ruhen aufs Boot verzogen (mit Hilfe des ebenfalls ausbezahlten Linehandlers Bub).
Heute, Montag, losgerudert, sobald es hell genug war (andauernd kommen Leute, vor allem Jugendliche, mit Angeboten ans Boot: Obst, Gemüse, Müll wegbringen, frischer Fisch; zum Teil bitten sie auch um milde Gaben (Spaghetti, Tafel Schokolade, Rest Glasmatte und Epoxy, um das altersschwache Surfbrett zu flicken) ; einer jedenfalls hat mir den Schnorchelspot am Ausgang der Bucht empfohlen, hinter dem Felstorbogen).

Rechts hinten: Felsbogen; links vorne: Krabbe

Traumhaft. Fische von winzig bis armlang, weißschwarz gestreifte Seeschlange, vor allem aber riesige, rhabarberartige Blätterpflanzen (oder Tiere?), die sich in den (überseeischen) Wogen sanft bauschen und bäumen. Hab ich schon erwähnt, dass die Bucht von Wallilabou überirdisch schön ist, Wasser kristallklar, Sand dunkelgrau (Vulkaninsel!), Landschaft dichtgrün bewachsene steile Hügel, Menschen überfreundlich, Währung schwach (1 Eastern Caribbean Dollar = 0,34 €).

Eher: Filmen vom Dinghy aus


Nach dem Schnorcheln Full English Breakfast im Strandrestaurant (dafür ist dann der Bojenplatz frei [dachte ich, stand so im Führer]), WiFI checken (für Telefonieren am Nachmittag, Abend in D.), Lesen.
Am Strand spricht mich Kenny an. Er führt Touren zum Gipfel des La Soufrière, Vulkan. Die schwierigere Strecke (laut Führer) von Osten aus. Geht um 06:00 Morgen früh los. Durch Marihuana-Plantagen, soll gefährlich sein. Bestreitet Kenny lautstark. Sein Kumpel Buddy kommt auch mit. Schaun wer mal. Also jetzt (22:01) besser schlafen.

Buddy, Kenny
Fehlen die Superlative

Mi, 12. 04., Wallilabou. Wenn ich Martinique schon wunderschön fand, dann gehen mir für St. Vincent die Superlative aus (wahrscheinlich ist der Vergleich nicht fair: in Fort de France lag ich in der Nähe der Hauptstadt, hier an der weniger entwickelten Leeküste in einer verträumten Bucht). Jedenfalls: die Insel ist überirdisch schön, ein Paradies. Gestern wie vereinbart um sechs zu Kennys Platz am Strand (der auch von anderen Linehandlern genutzt wird) gerudert und mein Guide kam so (fast) pünktlich wie ich. Erste Szene: Eine Bretterbude am Straßenrand stellt sich als kleiner Laden und die Bushaltestelle des Kaffs heraus. Schon frühmorgens (die Tage sind kurz) scheinen alle auf den Beinen. Die Ladenbesitzerin (Riesenbusen, löchriges T-Shirt) gibt Rum (»very strong rum«) in selbstabgefüllten kleinen Flaschen aus, zum Frühstück werden dazu Joints geraucht. Ein Hahn besteigt eine Ente (???), von der er zuvor einen Nebenbuhler verscheucht hat. Hunde streunen, eine Ziege wird über die Straße gezerrt. Während des einstündigen Wartens auf den Bus nehmen auch Kenny und Buddy ihre ersten Morgenschlucke. (Um den Kater vom Vorabend zu dämpfen). Kennys Augen sind blutunterlaufen, scheint aber ihr üblicher Zustand zu sein. Als der Bus (Collectivo) kommt, fährt er uns (samt Machete) über die schmale Küstenstraße durch die wildeste und schönste Landschaft, die man sich vorstellen kann: steile, grüne Hänge, eine Haarnadelkurven reiht sich an die nächste, Berg und Tal. Kleine Ortschaften drängen sich in die engen Flusstäler, bunte Häuser kleben an den steilen Hängen, tropische Vegetation. Die Buspassagiere sind bunt gemischt, ein Schulmädchen (mit gelb-violettem, ersichtlich selbstgenähten Quastenhut), eine Sekretärin oder Angestellte in Bluse und blauem Rock, Bauarbeiter. An einer Bude wird der Helfer des Fahrers losgeschickt, Brot zu kaufen, kommt zurück und die Fahrt geht kupplungskreischend und bremsenquieteschend weiter. Auf einem Kamm, weitab von jedem Ort: ein Gefängnis, ebenfalls bunt (hellblau) getüncht. Die Endstation liegt im Nirgendwo, fast am Ende der Straße (es gibt keine durchgehende Verbindung um das Nordwestende der Insel herum – dort schickt der Vulkan seine Lavaflüsse und Aschenströme ins Meer). Knappe halbe Stunde  Fußweg (Rinder sind mitten im Grünen angebunden, Ziegen meckern irgendwo, unter Mangobäumen). Kenny und Buddy versorgen mich, wir essen die Früchte direkt aus der Hand (reife Mangos kann man mit den Fingernägeln schälen). An einem breiten Flußlauf, zugleich die einzige Kiesgrube der Insel, (überall sonst ist es verboten, Sand, Kies oder Steine vom Strand zu holen) endet auch der letzte unbefestigte Weg. Im breiten Flußbett verteilt sich das Wasser in einzelne lebhafte Bäche. Schuhe ausziehen? Meine Wanderschuhe sind wasserdicht, versichere ich Kenny. Aber dann, in einem wadenhohen Bach, erwischt es mich doch: von einem glitschigen Stein abgerutscht, den nächsten verfehlt, wirft es mich breitseits ins Wasser. Handy zum Glück in der oben liegenden Schenkeltasche. Der Rest (Hose, Stiefel, T-Shir)t durchnässt. Macht aber nichts, noch herrscht angenehme Wärme. (Klar hab ich eine wasserdichte Handyhülle dabei, aber eben nicht eingesetzt, Blödmann ich). Frühstück im kiesigen Flussbett. Meine Führer haben ebenfalls eine Dose (Sardinen, ich: Pastete) und Brot dabei.


Am Meer entlang, erst schiefergrauer Sand, dann runde, basketballgroße Roller (die grünmähnig bewachsenen sind glitschig) geht es auf die graue Sandmöräne zu, die vom letzten Ausbruch (zwei Jahre her) zurückgeblieben ist. Doch schon vorher zweigt ein Trockental ab, eine Klamm mit turmhohen Sand- und Kieswänden, an der engsten Stelle kaum zwei Schultern breit. Bizarr schön windet sich das trockene, ebene Flußtal sanft den Berg hinauf.

Dann geht es über Rundlinge in den Dschungel. Erdweg, steil, zwischen den hüfthohen Gräsern kaum zu sehen (Brennnesseln gibt es anscheinend nicht auf der Insel). Möchte man bei Regen nicht machen, diesen Pfad. Bananenpalmen, Mangobäume, Avocadobäume, Brotfruchtbäume, Büsche mit Soursop (Kinderkopfgroße, stumpfstachelige kürbisartige Früchte, die nach drei oder vier Tagen Lagerung weich und genießbar werden (sollen, haben wir erst auf dem Rückweg mitgenommen)). Der Weg (offiziell ist er gesperrt, wahrscheinlich seit dem letzten Ausbruch) zieht sich den Kamm des Vulkans hoch, fällt oft nach beiden Seiten hunderte Meter tief in den Abgrund und erinnert stark an die Hexenkesselwanderung in Santo Antao (der Titel der wildesten und schönsten Wanderung ist seit gestern nicht mehr unumstritten). Weiter oben stampfen wir durch kleine Roosa-Wälder (die ganzen Bezeichnungen muss ich nachschlagen, soblad ich funktionierendes Internet habe), übermannshohe bambusähnliche Stengel, die zum Bauen verwendet werden und sich dafür besser eignen als Bambus, sagt Kenny.

Unter einem riesigen Feigenbaum wird endlich der halfway point erreicht. Wir sind seit dem Strand (Meereshöhe!) anderthalb Stunden unterwegs.
Bald wird die üppige Vegetation dünner, aufgrund der Höhe, aber vor allem wegen den Nachwirkungen der extremen Hitze des letzten Ausbruchs.

Lavafluss (und Kenny)

Vom Kammweg aus fällt der Blick in das kluftige Tal, durch das sich die Lava ihren Weg gebahnt hat (und an einer Stelle wie ein Wasserfall gestürzt und gebrochen ist, bizarr!) und später vom Ascheregen (der inzwischen weggespült, aber am Rand des Tals noch in dutzendmeterdicken Schichten aufgehäuft liegt) begraben wurde. Eine halbe Stunde geht es durch toten Wald, weißgebleichte Stämme, denen die Hitze der Gaswalze jegliches Grün ausgebrannt hat, der Boden ohne jeden Bewuchs und deutlich am verwittern (ausgeschwemmt werden).

Kenny bleibt zurück, die letzte halbe Stunde hinauf zum Krater, über Kies und Geröll (aber fest) machen Buddy und ich alleine. Über den nackten Kamm bläst heftiger Südwestwind, der einen wegzuwehen droht, also besser am rechten Rand des Pfads, halb gegen den Wind gewandt seitlich stapfen (damit zur Not noch ein Sicherheitsschritt nach links bleibt). Dann fängt es an, nach Schwefel zu riechen, nach einem Scheingipfel liegt endlich der Krater unter uns. Es ist halb eins. Sehr unwirtlich und sehr schön. Im Krater schwelen Fumarolen, schwefelig gelb ziehen sich Lavastandsspuren um den fast kreisförmigen Krater, manchmal, sagt Kenny später, ist sogar rotglühende Lava zu sehen (oder ahnen). Neblige Wolken peitschen über den Kraterrand, drum herum liegen die grünen Berge, ihre Flanken bis hinab zum Meer, blaues Wasser und zahllose Segelschiffe friedlich im Sonnenschein.

Commander McLean

Nach kurzer Pause auf dem unwirtlich windigen Kraterrand geht es vorsichtig über den jetzt doch oft lockeren sandigen Kies zurück zu Kenny im toten Wald.
Rast aber erst am Halfwaypoint unter der knorrigen Feige. Ich teile meine zweite Ration, lege mich auf das schmerzende Kreuz, muss wohl auch eingeschlafen sein, denn die beiden wecken mich: Wenn wir den Bus zurück kriegen wollen, müssen wir im Tal sein, bevor die Bauarbeiter Feierabend machen. Unser Bus, stellt sich jetzt nämlich heraus, war gar kein öffentlicher, sondern der Zubringer für die Straßenbauer, die dabei sind, die Landstraße in den Nordwesten zu verlängern …

Der Weg zurück

Rückweg wie immer kürzer als Hinweg, jetzt endlich tausend Fotos geschossen [die Reihenfolge oben ist nicht chronologisch], zurück in der Klamm, wo es nur noch fast eben weitergeht, große Erleichterung. Dass ich nicht öfter an diesem Tag vor Freude geschrien habe, lag allein daran, dass ich nicht alleine war, sondern in Begleitung …

Enttäuschung 1: Kein Laster (der uns hätte mitnehmen können) lädt Kies im Kiesgruben-Flussbett. Enttäuschung 2: Zwar lärmen noch einige Baumaschinen, aber der Zubringerbus der Bauarbeiter ist schon weg. Also Fußmarsch zum nächsten Dorf (Fitz-Hughes), zum Glück gibt es bald eine Kneipe (Cola und Kippen für mich, Rum und Kippen für die Jungs) und im anliegenden übernächsten Dorf (Chateaubelair, womit die diesen Namen verdient haben, ist mir schleierhaft) soll auch ein Bus fahren. Enttäuschung 3: Wird aber nur ein Taxi, etwas teurer. Enttäuschung 4: der Minibus hat tiefgrau abgedunkelte Scheiben, von der sagenhaften Landschaft der Hinfahrt ist kaum etwas zu sehen (und schon gar nicht zu filmen). Zurück am Lädchen mit der originellen Wirtin (Naseschneutzen wie eine Wilde, hat mich schon am Morgen geschockt), inzwischen hat sich eine kleine Gesellschaft eingefunden und sitzt auf der Bank am Laden, Kenny wird entlohnt, Buddy verabschiedet, kurzer Spaziergang zum Dinghy, kurzer Sprung ins Wasser vom Boot, Abendessen im Johnny-Depp-Restaurant am Wasser: endlich bekomme ich den Fish creole, nach dem ich mich schon seit Tage erkundigt habe: sehr lecker. Muss ich erwähnen, das ich nach 8 km reiner Wanderung (sicher fast achthundert Höhenmeter) und ebensolangem Rückweg fix und alle bin? Muss ich nicht. Jedenfalls wie tot in die Koje gefallen und bis fast 6 Uhr geschlafen, es war schon hell! Und mein Rücken tut auch heute noch weh. Jammern auf hohem Niveau.

Heute Rücken

Die Schießerei von 2016 auf einem Katamaran, ein Toter, ein Schwerverletzter, in genau dieser Bucht, unter der Wallilabou und die gesamte Insel noch heute leiden, soll nach Kennys Informationen eine Vorgeschichte gehabt haben: Von Mora (? Mayreau?), einer der Grenadineninseln, sei ein Schnellboot hier herüber gekommen, es ging um irgendeine Rachestory. Jedenfalls, so Kenny, war es keiner von hier. Und wie ich die Leute hier einschätze, jeder kennt jeden, mein Dinghy lag einen kompletten Tag lang unberührt am Strand, tendiere ich dazu, das zu glauben. Jedenfalls hat jeder auf St.Vincent, bis hinauf zum Gouverneur, einen Hals auf die Typen. Und der Tourismus ist seither nie mehr auf das Niveau aus der Zeit davor gekommen. Kenny hat übrigens zwei Brüder, die nach England zur Armee gegangen sind, und zwei Schwestern in Kanada. Falls er in ein paar Jahren, wenn ich hoffentlich noch einmal hierherkomme, nicht mehr da ist, ist er ins Mutterland ausgewandert, für das die Bewohner von St. Vincent kein Visum, nicht mal einen Pass benötigen (die verstorbene Königin ist noch auf allen Scheinen der hiesigen Währung, EC [Eastern Caribbean Dollar] abgebildet). 

Kleine Glücke

Fr. 14.04., 12°58’N, 63°04’W: zwischen der Perlenkette der Windward Islands (franz: Antilles) und Südamerika liegt eine ganz schön große Fläche Meer: 470 nm nach Curaçao. Heute ist der zweite Tag.
Am Mittwoch war erst einmal Ruhetag angesagt. Dabei gaben gar nicht Po oder Beine den Geist auf, wie ich befürchtet hatte (oder mein angeschlagenes linkes Knie). Nein: der Rücken. Also einen Tag lang geschont, nur gelesen, zum Frühstück ins Strandrestaurant, zurück aufs Boot und noch mehr lesen. C. Alexander: Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty. Weil: St. Vincent war die erste Insel, auf die Kptn Bligh (nach seiner zweiten, erfolgreichen Brotfrucht-Mission, seine Setzlinge brachte, und damit die Verbreitung der Pflanze in der neuen Welt einleitete … (hochgestochen). Bligh war kein Charles Laughton. Zwar zum Jähzorn neigend, aber nicht bösartig. Die Meuterer waren vor allem jung, verwöhnt/verzärtelt (aus gutem Haus) und zum ersten Mal freizügig, ungezwungen, lustvoll verführt worden. Muss eine für einen Engländer unwiderstehliche Mischung gewesen sein. Jedenfalls: Die Sage ist sehr viel mehr von (den romantischen Bearbeitungen, vor allem aber den zeitgenössischen Dramatisierungen und Zeitungsberichten) den einflussreichen Familien der Christians und der Heywoods manipuliert/bestimmt worden als vom pflichtbewusst-sturen Kapitän Bligh. Großes Lektürevergnügen, wieder.

Versteckt sich gut:
die schickste Krabbe der Welt

Nachmittags um vier machen Zoll und Immigration auf. Also wieder fein gemacht (vorher Winschen geschmiert, Schäkel, Karabiner) und aufgewartet. Mittelgroßer Anschiss: das Büro war auch über Ostern auf, ich hätte längst dort aufschlagen müssen. Erledigen aber alles klaglos. Ich brauche nur 141 EC, hab aber rein gar kein Bargeld mehr. Hilft mir gnädigerweise der Wirt (und Bojenvermieter) aus, streckt mir das Geld vor und rechnet es über die Kreditkarte ab. Dass ein kleines Zettelchen mit den Öffnungszeiten im Fenster des schmucklosen Büros keine schlechte Idee wäre, nimmt der Immigrationsbeamte in Uniform gnädig als Vorschlag entgegen. »Your suggestion will be take into consideration.«
Jedenfalls bin ich nach einem Saft und der Abrechnung mit dem Wirt und dem Müllwegbringen pünktlich zum Sonnenuntergang wieder auf dem Boot. In der guten Stunde Licht, die danach noch bleibt, das Dinghy hochgehievt, gesäubert, gefaltet und an seinen Platz zwischen Oberwant und Relingstütze geklemmt zu haben, wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist schon … in meinem Fall den Rest des Bergeracs von gestern wert.

Außerdem ist vor mir zum ersten Mal (in meinem Leben?) der Hut gezogen worden. Merkwürdiges Gefühl. Nachmittags haben an der Boje neben mir vier (oder fünf? Eine Frau hat geschwächelt und ist vom Boot geführt worden) amerikanische Paare (alle schlank, alle Männer in Shorts und Basecaps, alle Frauen blond, mit langen Haaren und Mittelscheitel) auf einem gecharterten Katamaran festgemacht.  (Mormonen? »We don’t drink alcohol,« zum Linehandler.) Riefen wir uns Grüße zu. »Did you cross the Atlantic in this small thing?« (meint er die ELLI). Und auf mein Bejahen zieht er den Hut (bzw. die Basecap). Die anderen drei haben von da an auch respektvoll gegrüßt/nachgefragt.

Am Donnerstag früh also nur noch das Dinghy verzurrt, den Spibaum für die Genua ausgespannt, die Hydrovane klargemacht und losgetuckert. Buddy kam vorbei, brachte seine inzwischen reife Soursop und macht sie für mich auf: weißfaseriger Glitsch, schwarze Kerne, die zwischen den Fasern hängen, frischer Geschmack zwischen Zitrone und Papaya. Das Mundgefühl ist das Problem: seifig-schmierig. Buddy löst auch meine Achterleine, tut sich schwer. Mein Plan, die schwimmend vom Wasser aus loszumachen, wäre wieder mal gescheitert.

Nur, weil’s so schön ist: Ich hab das Motiv 1000x geschossen

Acht Stunden lang fahre ich schnurstracks aus der Bucht von Wallilabou nach Westen (262°), die Küste, die Berge, die Insel, ihr Schatten verschwinden endlos langsam hinter dem Horizont. Kommt nicht oft vor, so eine langsame Herausfahrt (wie die Kameraleute sagen würden). Wind von achtern, karibische See nicht ganz so mild wie gedacht, eher wild, leuchtend rosa Sonnuntergang, Mondaufgang spät, als schiefe Sichel (abnehmend), Sonnenaufgang Schlag sechs. Ich scheine tatsächlich gut geschlafen zu haben.

Willemstad, Curaçao, Mi., 19.04.

Gestern Mittag in der Marina Curaçao angekommen, Liegeplatz bekommen. Nachmittags in die Stadt getapert, Zoll und Einreise regeln. Eine Odyssee. Die Marina liegt im letzten, südöstlichsten Zipfel des weitläufigen Hafenbeckens. Luftlinie sind es bis in die Innenstadt von Willemstad vielleicht drei Kilometer. Aber der Knicker in mir wollte sich das Taxi sparen – und die Gegend erkunden. Gegenüber der Einfahrt zur Werft geht es einen Hügel hoch, drei kurze steile Serpentinen. Endet die Straße auf einem Parkplatz. An dessen entferntem Ende geht hinter einem Gebüsch eine vermüllte Treppe hinunter auf die Fernstraße, über Fußgängerampel und eine Kreuzung weiter den Hang hinab. Und dann fängt Pietermaai an, kleines Örtchen mit wunderhübschem zentralen Platz, um den Ministerialgebäude stehen, am Meer entlang durch ein altes, verwahrlostes Fischerviertel, das inzwischen gentrifiziert und die Ausgehmeile der Stadt ist, an Bürgerhäusern mit bunbemalten Schmuckgiebeln entlang, bis schließlich das Touristenviertel in der Altstadt anfängt. Willemstad ist wunderhübsch, die legendäre Pontonbrücke seit 1855 in Betrieb, man bezahlt mit Gulden oder $ US. Nur: Keiner kennt Immigration oder Customs. Ewig rumgefragt, nicht gefunden. Customs sitzt in einem anonymen 60er-Jahre-Bau. Und hat zum Glück noch geöffnet (kurz nach 16:00). Ich, schärft mir der Zollbeamte ein, brauche unbedingt einen SailClear-Account. Zwar ist die gute LIESEL eingebucht, er findet sie schließlich auch, aber eben nicht von mir und nicht von meinem Account. Zweite gute Nachricht: Die Immigration hat noch offen (Tag und Nacht), es ist gar nicht der anonyme Bau gegenüber vom McDonalds, zu dem mich eine Mitarbeiterin des (Finanz?-) Ministeriums (eine Stadtvilla am Platz in Pietersmaai) geschickt hatte. Nur: es ist ein ewig langer Fußweg, weil die Einwanderungsbehörde im Hafengelände liegt (und das seit 17:00 verschlossen ist). Versuche ich mich durch das offenstehende Tor zu schleichen, pfeift mich der Security-Sherriff (weiße Uniform) zurück. Lässt sich mein Anliegen erklären und … will mich begleiten! Superfreundlich! Fährt mich dann mit seinem RiesenToyotaPickup (mindestens 6 Zylinder) etliche hundert Meter den Kai entlang und setzt mich bei der Immigration ab. Stempeln und Kontrollieren dauert länger als gehofft, aber draußen wartet schon mein Superschlittensherriff und bringt mich wieder zurück ans (von ihm) verschlossene (und elektronisch auffahrende) Tor. Was für ein netter Typ! Jetzt endlich Zeit zum Entspannen, über die Pontonbrücke schlendern, essen und am Stadtstrand den Sonnenuntergang verpassen (Festung steht im Weg). Rückweg wie oben, noch mehr buntbemalte winzige Fischerhäuschen, auch ein Schrebergartengebiet mit streunenden Hunden und aufgebockten Autowracks. Aber zur Tagesschau wieder zurück auf dem Boot. Rumpunsch.

Fischerhäuschen (?)

Heute früh nach mühsamem Kaltstart das Großsegel heruntergenommen. Nur um vom Marinamanager zu erfahren, dass der örtliche Segelmacher vor anderthalb Jahren gestorben ist und es keinen Nachfolger gibt … muss ich wohl selber flicken. Den heißen Nachmittag mit Lesen verbracht. Und dies hier schreiben.

Wo waren wir? Ach ja: die Abfahrt aus Walilabou, aus dem Paradies …

Kenny sah in echt toller aus. Der andere Typ nicht.

Logbuch Freitag, 14.04., 08:10h: »Sonnenschein, Rückenwind, Genua und Groß zum Schmetterling ausgebaumt, die Segel schlafen. Schiff schiebt sich mit bis zu 6 kn sanft über die von achtern unterkommenden Wellen – das ist Glück.«

Etmale um die 135 Meilen. Logbuch Samstag, 15.04., 22:15h: »Wenn es drei Tage ununterbrochen hält, lässt die Euphorie langsam nach – aber Glück ist es noch immer.«

Bonaire, nahe Südspitze

Am Mittag des vierten Tages, nach Curaçao wären es noch mehr als 6 Stunden, also eine Nachtankunft, nach Bonaire eingeschwenkt, endlos lange um die Südspitze der Insel herumgefahren, einen flachen Strand, das Kap nur durch einen dünnen Stahlgitterfunkmast gekennzeichnet. Dann weiße Minihäuschen am Sandstrand – winzige Ferienwohnungen? Aber die Menschen daneben sehen viel zu groß dafür aus?

Strandhäuschen

16:20h an Plaza Beach Resort Marina, der Hafen einer holländischen Feriensiedlung, Schwerpunkt Tauchen und Casinobesuch, sportlich-mittelaltes Publikum, dafür lauter hellblonde Meisjes, die für den Service eingeflogen worden sind …
Hagen (Brite mit deutschen Wurzeln), der freundliche Hafenmeister, schickt mich ins Städtchen, 10 Fußminuten, für Essen, Trinken, Rauchen. Kralendijk ist süß, amerikanisch-niederländisch, bunte Häuschen. Man spricht Arawak, die Sprache der Ureinwohner vor den Europäern, inzwischen gemischt mit allen möglichen Einsprengseln: »Dànki« (Danke). 

Die LIESEL in der Plaza Beach Resort Marina (an Brücke festgemacht)

Die weiß getünchten, säuberlich auf Abstand gebauten Strandhäuschen an der langen Sandbank waren übrigens Sklavenhüttchen (heute: Museum). Zwei mal vier Meter (für eine Familie), gut belüftet, Strandzugang – was will er eigentlich mehr, der Afrikaner?

Berge aus Salz

Seit Covid, so Hagen, ist übrigens der vorher bunt gemischte Tourismus mehr oder weniger zum Erliegen gekommen: jetzt kommen nur noch Niederländer.
Wider Erwarten klappen die Einreiseformalitäten reibungslos und ich bin schon um 10 am nächsten Morgen damit fertig. Also Leinen los und ab. Hagen und ein Arawak-Helfer werfen mich von der Fußgängerbrücke los, an der die LIESEL festgezurrt war.  

Tafelberge?

Curaçao sollte eigentlich nur 23 nm weit weg sein, will und will aber nicht in Sicht kommen. Erst um viertel nach drei mache ich eine erste Silhouette aus (ab sechs wird es dunkel)! Auch die Spitze dieser Insel ist flach und fast schon passiert, als ich sie endlich sehe. An der Küste türmt sich ein Tafelberg, das wird doch wohl nicht das Kap der Guten H…? Wäre mir Obernavigator durchaus zuzutrauen. In Seru Boca, der Marina im letzten Zipfel von Spanish Waters, der weitverzweigten Bucht mit einer engen, verwinkelten Einfahrt, habe ich per Mail reserviert. Aber es ist stockdunkel und keiner mehr da, als ich ankomme. Suche ich mir einfach eine freie Box …
Auch das erhoffte/angekündigte Restaurant finde ich nicht. Überhaupt scheint der Hund hier begraben zu sein. Kaum ein Haus, kaum ein Licht darin. Einen der Security-Leute (Leíto) bequatsche ich, mich auf dem Heimweg zu einer Kneipe mitzunehmen. Die Santa Barbara Plantations ziehen sich endlos. An der öden Kreizung davor hat alles geschlossen. Also Fußmarsch zu einer Kneipe, die sich die Straße hinauf befinden soll … stellt sich als Chino heraus, es gibt Kippen und Bier: »You saved my life.« Auf dem Rückweg werde ich von Hunden derart verbellt, dass die Trinkfreunde vom Haus gegenüber herauskommen und nach mir schauen und sich erkundigen. Aber ganz freundlich sind.

Der Futurismo ist auch nicht mehr, was er mal war

Nassim, Araber und Lucie, Französin vom Nachbarboot begrüßen mich freundlich und heißen mich willkommen. Sie liegen schon seit einem Jahr (mit zwei Schiffen!?!) hier und schwören auf die Marina. Mich zieht es trotzdem weiter, hier ist es mir zu ruhig, kein Segelmacher, kein Boatyard, keine Möglichkeit, das Boot aus dem Wasser zu holen: 10:45 ab Ceru Boca.

Eigentlich sollte die Curaçao Marina, in der mich die superfreundliche Sekretärin von Ceru Boca eingebucht hat, nur neun Min am gegenüberliegenden Ufer von Spanish Waters liegen (Karte zuletzt 2003 berichtigt, Navionics gestern noch im Internet gewesen). Zum Glück nochmal bei Nassim und Lucie nachgefragt: Nein, ich muss raus, die Küste hoch und vor allem: per Funk anfragen, ob die in Willemstad die Pontonbrücke für mich aufmachen …

Sitzt hier ganz falsch: tote Bäume auf dem Soufriére-Vulkan

Ausfahrt traumhaft, die Mündung der Bucht ist Partymeile, schon morgens um elf wummert es vom Strand herüber.
Draußen ist Seegang, sicher über ein Meter, und Rückenwind. Aber Segel hochziehen lohnt nicht, sind nur 10 Meilen. Doch da: Vor der Einfahrt liegt ein Kreuzfahrtschiff, das wartet sicher nur, bis die Brücke aufgeht, mit denen könnte ich reinwitschen … Also Motor auf Vollgas, dazu das Vorsegel raus: bis zu 8,3 kn Rauschefahrt auf Willemstad und das Kreuzfahrtschiff zu, das sich hoffentlich nicht bewegt in den 20 Min, die ich noch brauchen werde …
Es bewegt sich nicht. Vor allem, weil ich beim Näherkommen sehe, dass es an einem langen Pier festgemacht ist. Und die Brücke ist natürlich geschlossen. Am Funk meldet sich keiner. Zwei andere Boot dümpeln schon wartend davor. Da klingelt es metallisch. Fußgänger treten zurück. Und die Brücke geht auf, schwenkt nur ein paar Meter weg. Sodass die zwei Motorboote und ich sich durch die Lücke schlängeln können. Wunderbar. Altstadtkulisse von Willemstad: bunte Giebel, Straßencafé mit Sonnenschirmen, Touristenrummel. Traumhaft. In der Hafeneinfahrt liegen luxuriöse Privatyachten (Lürssen), weiter hinten die Arbeitsschiffe, ein Wald von Öltanks, abgebrochene Pollerstümpfe, Schrotthaufen, Schiffswracks, Möven. Alles genau meins. Die kleine Marina im hintersten Winkel der  Bucht: betriebsam. Keiner hat Zeit, auf meinen Funkruf zu antworten. Lege ich also alleine an. Frage im Büro nach. Kriege Liegeplatz, Lifttermin, Standplatz im Storage: Alles regelt sich. Kostet mich $ 12 am Tag, 4000 pro Jahr. Ungefähr so teuer wie ein Langzeitparkplatz am Flughafen. Nur Segelmacher gibt es keinen.
Und, ach ja: Das unauffindbare Zollamt, direkt an der Hafeneinfahrt, ist zum Wasser durch eine meterhohe Neonschrift gekennzeichnet: »CUSTOMS«. War ja klar.

War schon schön: St. Vincent

Mi., 19.04., gefühlt Mitternacht (20:30h): Spotify entdeckt. Versunken, untergegangen. All die Jahre, wo sind sie geblieben? Music was my first love. It will be my last. Die Playlist ist öffentlich (aber noch nicht fertig) und heißt SailEliza.

34. Marina Z’abricots (noch immer)

Marina Etang Z’abricots, Fort de France, Martinique (Foto: André)
Rauchen aufhören

Hab ich mir schon seit letztem Jahr vorgenommen (und möglichweise sogar hier drüber geschrieben?). Muss jetzt aber wirklich sein. (Textteile fehlen!) Hat nicht geklappt.
Gestern früh Öl und Wasser im Motor kontrolliert (ca. halbe Tasse Diesel in der Motorbilge, hab ich gelassen). Verlorene Latte im Großsegel: war nicht zu flicken, Lattentasche ist ausgerissen, muss zum Segelmacher. Wasser gebunkert. Vorräte gestaut. Ab neun wird es schon wieder heiß, Zeit für Lesepause. Noch zu machen: Schäkel fetten (die rosten beim Zusehen) und große Flamme am Herd reparieren. Heute Nachmittag Abfahrt nach St. Vincent (18h, über Nacht).

Selbstgespräche …

… angefangen hab ich schon bei der Ausfahrt aus Le Marin, wenige Minuten, nachdem ich wieder alleine auf dem Schiff war. Scheint (mir) ein Bedürfnis zu sein. Und kleine Liedchen gedichtet. – Kostprobe? – Hier:

»Pin-Pin, the Guin,
you’re such a nice guy,
as you’ve got no beak
you will never lie.«

(Über den seit Urzeiten schnabellosen Pinguin, der am Steuerrad eingepiekt ist. – Lügen, Intrigen, Hinterhältigkeiten sind derzeit meine Themen.) Auch die Stimme vom Navi »In einem Kilometer den Kreisverkehr an der zweiten Ausfahrt verlassen auf? … eN-Eins.« kommt mir immer vertrauter vor. Und richtig: am Ende der Straße duzen wir uns bereits: »Den Rest der Strecke musst du zu Fuß gehen.« (Montagne Pelée (4km), Saut Gendarme (50m)).

Bücher aus der Tauschkiste vor dem Marinaklo: Robert Ludlum: La Vengeance dans la peau (Übers., Orig.: The Bourne Ultimatum). Unsäglich. Erzählt alles über meterlange Dialoge in vielzeiligen Blöcken. Alle Hintergründe, alle Vorgeschichten, alles. Langatmig und hölzern. ABER: Weltbestseller. Und: drei große Hollywood-Produktionen mit Matt Damon. Einsicht: das Klappentextzitat »Der (Erfolgs-)Autor auf der Höhe seines Könnens« muss gar nicht zwingend als Lob gemeint sein; es kann ebenso gut bedeuten: Das Buch ist mies, aber besser kriegt es der Typ einfach nicht hin! Abgebrochen, wieder zurück in die Kiste gelegt.

Vorgestern abend, nach blue-working, der Chandlery und drei Boathitchhikern aufm Klo („Habt ihr schon Marlene und Gustave kennengelernt?“ – „Klar, die treffen wir gleich wieder!“), die bereitwillig die Einkaufstasche mit Gustaves Sachen und Lebensmitteln in Verwahrung genommen haben, in der Strandbar Indigo den Aperitiv genommen (2mal ti Rhum, hat diesmal aber 6€ gekostet!) und beim Italiener gegessen (Tunfischtartar, Lasagne Bolognese). Lecker, aber nicht weltbewegend.

St. Anne


Und auf der Straße nach St. Anne am vorher ausgekundschafteten Waldweg im Auto übernachtet. Spaltlos geschlossene Scheiben (Moskitos!) lassen mich schwitzen wie ein Schwein, erst nackt ausgezogen, dann um 00:30h entnervt doch die Scheiben einen Tick heruntergefahren, um wenigstens ein wenig Brise ins Fahrzeug zu bekommen. Nicht gut geschlafen. Frühstück am Strand Les Salines, morgens um sieben das erste Bad.

Les Salines

Kaffee gabs keinen, die Strandrestaurants hatten noch nicht offen. Gabs aber an der Tanke in Vauclin. Der Südosten Martiniques ist trocken, fruchtbar, hügelig und voller Bananen- und Zuckerrohrfelder. Le François, eher gesichtslos. Fast (wieder) nach La Trinité hoch, um die Wanderung durch das Naturschutzgebiet (Réserve Naturelle) zu machen. Zwei Fehler: Erstens ist es Mittag, die Zeit der größten Hitze; zweitens macht so gut wie jeder Tourist diesen Spaziergang, matt, gerötet und verschwitzt kommen sie mir in Horden entgegen. Tropischer Trockenwald (wusste gar nicht, dass es den gibt), undurchdringliches, stacheliges Buschwerk zwischen Bäumen. Der Weg zum Leuchtturm auf der Presqu’île de la Caravelle ist kurz (30‘), eben und sogar teilweise im Schatten. Und sehr ergiebig. Vom 360°-Ausichtspunkt wenige Meter neben dem Leuchtfeuer aus sieht man a) nach Süden, Vauclin, François, Robert mit den jeweils vorgelagerten grünen Landzungen; b) nach Norden Trinité, Basse-Point, mehrere Kaps und (bei guter Sicht) bis hinüber nach Domenika (war aber nicht); c) nach Osten hinab auf Wetter- und Tsunamiwarnstation an diesem östlichsten Punkt der Insel und d), nach Westen, selbstverständlich ganz Martinique).

Süden

Osten

Außerdem gibt es einen Unterstand für hübsche, verschwitzte oder erschöpfte WanderInnen. Sehr lohnend. Den kompletten Rundweg (3,5h) hab ich mir gespart. Stattdessen an den ersten Strand auf dem Rückweg, bilderbuchmäßig: Brandung, Surfer, Palmen, Süßwasserdusche.

Und prompt eingeschlafen: bis 17:00. Dann aber hurtig: rasch gebadet, abgeduscht, zurückgepest und beim Carrefour notfallmäßig letzte Vorräte (Gemüse, Brot, Tomatensoße, Cookies und Schokolade, Hafermilch) und Picknickbedarf (Pasteten, Käse, Brot) erstanden: André wartet bereits in der Marina auf mich. Picknick am Hafen. Sah bestimmt lecker aus, jedenfalls äußern sich die Passanten entsprechend. War auch Wein dabei. Später fängt es an zu regnen, André muss sich einen Schlafplatz suchen, ich geh aufs Boot. Hab ich schon erwähnt, dass ich halsstarrig sein kann? – Hat aber auch Nachteile (s.u.)

Wieder was gelernt  … (über kulturelle Unterschiede)

… nämlich: dass in Martinique Leihwagen saubergemacht zurückgegeben werden. Das ging so: Vorgestern (Gründonnerstag, 06.04.) morgens das Auto ausgeräumt, Tanken gefahren (die Spritanzeige war gar nicht kaputt, wie man mir versichert hatte, weil sie nur ¾ angezeigt hatte), schon um 9:15 (statt 10:00) an der Verleihfirma gewesen. Großes Palaver, weil ich moniert habe, dass der Wagen nicht vollgetankt gewesen sei bei Übernahme. Kann gar nicht sein etc. Mit Mühe einen Zehner rausgeschlagen (getankt für 38 €). Dann Autoübergabe: So gehe das gar nicht, da sei Sand im Innenraum. Na und? Martinique ist eine Insel, da gibt es unzählige Sandstrände; dass Spuren davon auch im Auto landen, müsste doch völlig normal sein. Nein, ich müsse den Wagen staubsaugen, sonst könne die Kaution nicht vollständig zurückbezahlt werden. Fassungslosigkeit meinerseits. Wenn ich die Länder aufzählte, in denen ich schon Mietwagen genommen habe, würde diese Zeile so lang wie einer von R. Ludlums Dialogen … War aber kein Übereinkommen zu erzielen. Wurde der Mitarbeiter beigeholt, der mir das Auto übergeben hatte. Schaut sich die Sandkörner an und findet den Zustand „dégueulasse“ (widderlisch). So würde das Auto nicht zurückgenommen, 20 € seien für die zusätzlich Reinigung fällig. Ich denk, ich steh im Wald. Bin ich stur geworden. Lange gewartet, mit der Polizei gedroht, die deutsche Botschaft angerufen („diese Nummer ist zurzeit nicht vergeben“), schließlich zum Hafenmeister (die Marina Z’abricot liegt genau gegenüber): „Ich brauche Ihre Hilfe.“ Versichert der mir lachend, dass es tatsächlich stimme: Hier sei es üblich, sein Mietauto gesäubert zurückzugeben. Kleinlaut mit Hut zurück zum Vermieter getapert, mich entschuldigt, Wagen zur Tanke gefahren und gesaugt, zurückgebracht und volle Kaution zurückbekommen. »Désolé.« – »Pas de soucis!«

Dashcam: Zufahrt zur Reserve naturelle Presqu’Île des la Caravelle
Hilfe, mein Arsch geht flöten!

Im großen Spiegel der Marinatoiletten kann ich beim Abtrocknen nach der Dusche meinen Rücken bis zu den Knien sehen. Oha, mein Hintern scheint geschrumpft zu sein, da hängen zwei dicke Falten unter den Backen. Außerdem schuppt sich die trockene Haut dort und juckt (Sitzfleisch? Hornhaut?). Jedenfalls nicht schön, so ein Altherren-Po. Muss ich Creme auftragen. Meine rechte Schulter tut es auch nicht mehr so richtig. Als ich bei Caravelle ein paar Züge Delphin schwimmen wollte, bekam ich den Arm nicht aus dem Wasser. Alptraum: Ich werde nie wieder Badminton spielen können (Thomas aus der Truppe hatte mir gestern einen Kommentar auf den Blog geschrieben.) Kein schöner Gedanke. Gestern noch einmal mit André getrunken. Aber Einigung ist keine zu erzielen. Er sieht es einfach nicht ein, dass jemand für die entstandenen Kosten aufkommen muss. Und dass ich dieser jemand nicht sein will (es geht um 30 €). Das jedenfalls haben Gustave, Marlene und Alba klaglos getan: ihre Anteile an den Fahrtkosten abgedrückt. 

Traumsegeln

Frohe Ostern übrigens!