39. Nach Cartagena de Indias

A Room with a View
Ein höchst unerwünschtes Weihnachtsgeschenk

Mi., 27.12.2023, Cartagena de Indias. Es ist viel passiert: Sausefahrt von Curaçao hierher, Nachtankunft drei Uhr morgens, Ankermanöver zwischen Partybooten und Feuerwerk (Heiligabend), Anker nicht gehalten, zweihundert Meter zwischen anderen Yachten hindurch getrieben, eine Beinahe-Strandung …

Aber lieber von Anfang an: Freitag, 15.12. Ina kommt an, anderthalb Stunden Verspätung, schon von Amsterdam her, Ina hat schon ein Odyssee hinter sich: Ihr Zug von Köln hatte ein halbe Stunde Verspätung, fuhr dann aber doch, während sie nicht auf dem Bahnsteig war, der nachfolgende fiel aus – hat sie sich einen Mietwagen nach Amsterdam genommen: meine Mitseglerin ist mächtig motiviert, prima!
Nachts sehen die Viertel zwischen Hato, dem Flughafen von Curaçao und Willemstad eher nicht besser aus als tagsüber; Busfahrt in die Stadt, Ausstieg am Supermarkt, ist nur eine Viertelstunde Fußweg zur Marina, aber eben über eine sehr misstrauenseinflößende Strecke: weg vom Meer, das unter der Stadt (hier: Pietermaai, das Ausgehviertel), liegt, den Berg hoch, über eine Schnellstraße, eine vermüllte Treppe führt mitten ins Gebüsch, Trampelpfad auf einen verlassenen Parkplatz, erst am Ende sind die Masten der Yachten in der Marina auf der anderen Seite des Hügels zu ahnen. Habe ich mir vorher überlegt, wie ich das Ina verkaufen kann (»Vertrau mir, Ina, wir sind gleich da.« Und: »Wäre auch zu viel Aufwand, dich fünftausend Kilometer hierherfliegen zu lassen, um dich dann im Gebüsch auszurauben, oder?« – Tatsächlich ist es der schnellste Weg). Auf dem Boot angekommen ist nur noch Schlafen angesagt, inzwischen ist es fast Mitternacht.
Für Samstagabend hatte ich eine Verabredung mit Moritz, Schweizer, vereinbart, dessen Ketsch WHISPER auf dem Trockenen in der Marina liegt und der einen Mietwagen hat. Die Sea Food Terrace ist genau der richtige Platz (Moritz hat ihn ausgegoogelt): Strohhütten am Strand neben einem Caravan, in dem köstliche Fischplatten gegrillt werden, dazu hausgemachte Limonaden: ein Träumchen.

Curaçao Marine Zone

Am Montag Einkauf im Supermarkt, zu dem es einen Shuttle-Service der Marina gibt, der danebenliegende Budget Marine Bootsausstatter hat leider den Yachtführer Panama (Eric Bauhaus: The Panama Cruising Guide), den man für die San Blas Inseln unbedingt braucht, nicht auf Lager. Abends lädt Brian, Amerikaner, der eine Amel wie Moritz, nur größer, segelt, uns zu Boeuf Stroganoff ein (Geschnetzeltes., Quadratnudeln, Erbsen, Sahnesoße; Röstzwiebeln aus dem Asia-Markt). Supernett und superlecker. Dienstag langer Marsch in die Stadt (Pause im eisgekühlten Alternativ-Café mit leckerem Cappuchino für Ina – sie hat jahrelange Erfahrung mit Fernreisen), um Zoll (diesseits im Hafen, Punda) und Immigration (für den Ausreisestempel) im Hafengebiet auf der anderen Seite (Otrabanda) zu regeln. Klappt alles.
Ebenfalls am gegenüberliegenden Ufer liegt ein riesiges Kreuzfahrtschiff festgemacht, überragt selbst die höchsten Gebäude der Stadt, ein Fremdkörper wie ein Walross im Sardinenbecken. Die hinfälligsten der dazugehörigen Passagiere keuchen und stöhnen in der Hitze schon auf dem kurzen Weg zur Prinzessin-Emma-Brücke, der Pontonbrücke, für die Curaçao berühmt ist (ca. 500m). Auf dem Rückweg Mittagessen, sehr authentisch, im blauen Palais am Markt (Surinamisch: gebratene Nudeln mit Gemüse (Bratbananen, Brokkoli, Mangold) und Limonade (Tamarinden). Superlecker.) Marina muss bezahlt werden, US 600 waren noch offen, darunter 225 für die Reparatur (Lackieren, Antifouling) unten am Kiel. Abends Cheeseburger bei The Don, mit loaded fries, Pommes mit geschmolzenem Käse und geröstetem Speck. Dekadent, ein verbotenes Vergnügen. Moritz (1,95, kein Gramm Fett am Leib) schafft sogar einen Vierfach-Burger.

Ina fährt raus
Die Brücke ist NICHT die Emma-Brücke!

Mittwoch früh um neun Start aus der Marina. Ina dreht ihre ersten Runden unter Motor, alles klappt. Fort Nassau, die wir vorschriftsmäßig angefunkt haben, schickt uns Richtung Brücke, die sich beim Näherkommen für uns (und ein hereinkommendes Segelschiff) öffnet. Sind wir unter Kameraklicken der Touristen an der Uferpromenade durch den schmalen Spalt gerauscht. Draußen brandet eine unangenehm kurze Welle an und schaukelt uns erstmal durch.

Baja Santa Kruz, die Küste von Curaçao hoch, sollte eine geeignete Ankerbucht für unsere erste Nacht sein. Leider nicht genug Wind, wir kriechen die Küste entlang, nachmittags ist immer noch die Einfahrt nach Willemstad hinter uns zu sehen. Alternativplan? Haben wir nicht. Zum Glück frischt der Wind auf wie gerufen und bringt uns um vier, lange vor Sonnenuntergang, nach Santa Kruz. Enge Einfahrt, dahinter sofort der Strand, der mit gelben Bojen für Schwimmer abgeriegelt ist. Außerdem sind die Felsen rechts und links, gegen die Brandung anschlägt, verdächtig nahe. Also zurück, vor die Bucht, Anker geworfen. Es rollt uns ziemlich, aber alles ist gut. Baden ist angesagt, das Wasser herrlich.
Herrlich einladend sieht auch der braune Sandstrand aus, der wenige hundert Meter vor uns liegt. Brandung auch dort, aber gegen Sand? Sollte kein Problem sein. Beim Näherschwimmen muss ich feststellen, dass vor dem Strand scharfkantige Felsen liegen, zwischen den Wellen tauchen sie messerscharf auf. Also nicht Ausruhen am Strand, sondern hurtig zurück zum Schiff geschwommen. Der Rest der Nacht war genauso unruhig und rollig wie befürchtet.

Entspannter Start am nächsten Morgen: wir haben vier bis fünf Tage Überfahrt nach Cartagena vor uns, wir müssen die Nächte ohnehin durchsegeln. Kurs 310°, nach Nordost, um Aruba großräumig zu umfahren, dahinter ist nur offene See. Frischer Wind treibt uns vor sich her, nimmt aber zu, sobald wir hinter der Landabdeckung von Curaçao heraus sind. Und Wellen. Erst drei bis vier Meter, zum Glück quer zu unserer Fahrt, einzelne bauen sich aber bis auf sechs, manche sogar mehr Meter auf. Und der Wind lässt nicht nach. Als unsere erste Nacht anbricht, bin ich froh, dass wir Kurs halten können, habe aber nicht die Nerven, ein Reff einzuziehen. Als jagt uns der Wind die Nacht und den nächsten Vormittag über mit im Schnitt 8 kn Fahrt auf die Karibik hinaus. Bis Mittag werden wir das höchste Etmal gerauscht sein, das die ELIZABETH bis dahin jemals gemacht hat: 185 nm, fast 350 km. Und wir sind 120 Meilen aufs offene Meer hinaus gerauscht. Zeit, den Kurs zu ändern. Mit 240°, nach Südost, geht es zurück auf die Küste von Venezuela, bald Kolumbien zu. Wind jetzt platt von hinten, Wogen länger: es rauscht, aber es ist angenehm, voranzukommen. Inzwischen sind zwei Reffs im Groß und die Genua komplett eingerollt: in der Abdeckung vom Groß schlägt sie heftig laut. Die zweite Nacht geht (nervlich) sehr viel besser, nicht zuletzt dank der reduzierten Segelfläche.
Georgie steuert unbeirrt und zuverlässig, wir halten vier-Stunden Wachen, Ina übernimmt die undankbare Hundewache von 24:00 bis 04:00h. Ich habe dafür den Sonnenaufgang in meiner Wache. Wind dreht südwärts, wir fahren fast straks nach Süden. Was nicht ganz gut ist, weil auf unserem Weg der Rio Barranquillo ins Meer mündet, er kommt aus dem Amazonasbecken und trägt Baumstämme und andere Hindernisse hinaus aufs Meer. Sollte man großräumig umfahren, hat uns Moritz gewarnt.

Kurs 240° sollte uns davon freihalten und uns um die Nordwestecke von Kolumbien herum Richtung Cartagena bringen. Am Tag vor Heiligabend zeichnen sich im Dunst die Küstengebirge ab: Land in Sicht. Nachts fahren wir auf Lichter zu, allerdings sind die in der Karte verzeichneten Leuchttürme nicht auszumachen. Aber solange wir die Lichter an backbord lassen, sind wir auf dem richtigen Weg. Dachte sich der Skipper. Und lag falsch.
Die Nordküste Kolumbiens ist nicht besonders bevölkert, nur einzelne Industrieanlagen, vielleicht Erdölbohrungen, weit auseinanderliegend, und hinter dem Horizont kaum auszumachen. Ina findet, wir sind zu nahe an den Lichtern. Nur um ihr zu zeigen, wie toll mein geplanter Kurs funktioniert, werfe ich Navionics, die Kurssoftware an. Oops. Unser Kurs führt über Land. Wenn Kolumbien nicht ausweicht, sind wir auf bestem Weg, an der unbeleuchteten Küste zu stranden. Ein nicht sehr willkommenes Weihnachtsgeschenk – inzwischen ist es nach zwölf, die Nacht vor Heiligabend angebrochen. Der kräftige Wind hatte uns viel näher an die Küste gebracht als geplant. Also Kurs West, und mehrere Stunden tauchen immer wieder einzelne Lichter an der Küste auf. Gut, dass wir nicht dazwischen durchgefahren sind!

Nach Cartagena sind es noch über 120 nm, mehr als wir bei Tageslicht schaffen können. Also werden wir eine Nachtankunft haben. Morgens um zwei liegen wir fast vor der Hafeneinfahrt und ich wecke Ina, damit sie steuert, während ich die Segel einhole. Funkanmeldung bei Cartagena Port Control, sie sich sämtliche Angaben zu Schiff und Besatzung durchgeben lassen, uns zwei Marinas empfehlen und uns einschärfen, dass wir die Immigration nicht alleine machen können, sondern einen Agenten damit beauftragen müssen. Bei den Marinas meldet sich am Funk keiner. Es ist Heiligabend, Party-Time in spanischsprachigen Ländern (wie letztes Weihnachten in Ceuta). Die ewig lange Hafeneinfahrt (Boca Grande) steuert Ina nach dem violetten Kurs auf Navionics wie eine Eins. Cartagena begrüßt uns mit einer Skyline wie in La Manga (oder NYC). Zusammen mit den herumschießenden Schnellbooten kommt es uns eher vor wie der Vorspann zu Miami Vice (Miami Beach). Denn jeder, der einen schwimmfähigen Untersatz aufs Wasser zu bringen in der Lage ist, hat ein Soundsystem aufgeschnallt (und eine Reihe LED-Strahler beigebändselt) und beschallt sein Schiff (und den Rest des Hafens) mit Latino-Pop. Oder Salsa. Oder Latino-HipHop. Oder Lastino-Herz-Schmerz-Schlager. Außerdem leuchtet die Stadt vor Feuerwerk, an verschiedenen Stellen. Und auch überall am Ufer wummert Musik.
Ohne Marina-Kontakt suchen wir uns einen Ankerplatz tief im Hafenbecken, zwischen zahlreichen anderen Ankerliegern. Fast am Ufer, auf fünf Metern Tiefe, gebe ich 25 Meter Kette (15 m plus zweimal die Wassertiefe ist meine Formel), als die Kette im Ankerkasten blockiert und sich nicht mehr bewegen lässt. Den Anker einzufahren [mit Motorkraft nach achtern ziehen] lasse ich auch bleiben, er hält uns und es weht nur ein winzig leichtes Lüftchen. Außerdem ist es inzwischen halb vier Uhr morgens. Nur die Tombola im Uferclub in der Hafenfestung gegenüber, deren GewinnerInnen lautstark verkündet und gefeiert werden, hält uns wach. Und die wummernden Party-Boote.

You’re drifting!

Montag, 25.12. lassen wir es ruhig angehen, obwohl ich schon um halb acht wieder wach bin. Nachmittags gönnen wir uns dafür ein Mittagsschläfchen, Ina liest, ich ratze in der Achterkajüte, das Boot schaukelt sanft und einschläfernd in der sachten Welle. Da klopft es außen am Rumpf! Und zwar ziemlich forsch. Ina ist als erste draußen: »Hello? Hello! We think you are drifting.« Alarm! Tatsächlich ist der Anker aus seinem Schlammbett (wie wir gleich beim Aufholen sehen werden) geglitscht, wir sind sicher hundert Meter zwischen ankernden Yachten hindurchgetrieben, langsam zwar, aber dennoch saugefährlich, und schaukeln auf einen wunderschönen, sicher 25m langen Schoner [Zweimaster mit zwei gleich hohen oder vorne niedrigeren Masten] zu, das Eignerehepaar, europäisch-blond, steht schon aufgeregt an Deck. Ina schmeißt die Maschine an, ich hole den nutzlosen Anker auf, aber so lange er hängt, können wir nicht wirklich losfahren. Am engsten Punkt (CPA: closest point of approach) waren es sicher nicht mehr als acht Meter zwischen denen und uns. Doch als sie sehen, dass wir eingreifen, winken sie schon wieder freundlich.

Enge Gassen, Holzbalkone: Altstadt

Wo wir schon mal unterwegs sind, versuchen wir uns einen Platz in der anderen Marina, Club de Pesca zu erschleichen, finden eine einladend leere Box, legen an. Leider ist sie für ein viel größeres Boot, die Dalben [Poller, aufrechtstehende Holzstämme] sind viel zu weit weg. Also kompliziertes Leinenmanöver (vorne extralange Leine, Boot zurücksetzen, damit Ina hinten Achterleinen legen kann, dann wieder nach vorne zum Steg verholen). Gerade sind wir damit fertig, als die Marineros des Clubs ankommen und uns wieder wegschicken: der Club ist privat, wenn wir keine Reservierung haben, geht gar nichts etc. Verhandeln ist sinnlos, weil sie ohne den Clubmanager (es ist der erste Feiertag) ohnehin nichts entscheiden können. Also wieder vor Anker. Noch eine Nacht.

Dennoch ist es gut, vor Anker zu liegen nach viereinhalb Tagen und Nächten auf See. Noch immer kein Marina-Kontakt. Ina wirft ihr Internet an, bucht sich extra Zusatzdaten und schafft es, uns mit der Internetseite des Club Nautico zu verbinden, wo wir eine Reservierungsanfrage platzieren. Tatsächlich meldet sich später am Tag über WhatsApp der Restaurantbetreiber der Marina und macht uns Hoffnung: Vielleicht werde am nächsten Tag was frei …
Und es klappt. Am 26.12. vormittags schickt uns John, der Marina Manager des Club Nautico eine Skizze mit unserem Liegeplatz, wir sollen nicht trödeln, nachmittags soll Wind aufkommen, und um halb zwölf liegen wir fest. Heissa!

Fast wie Manhattan

Leider nicht an einem Schwimmsteg, sondern an einem bombensicheren Stahlbetonponton. Der wird nicht nachgeben, wenn die ELLI dort anstößt. Und dann kommt auch noch ein Mann mit Taucherbrille und Badehose, springt ins Wasser und macht unsere Achterleinen an irgendwelchen im Hafenbecken versenkten Ösen fest – unter Wasser! Habe ich noch nie gesehen. Wenn wir wieder ablegen, muss er wiederkommen.

Nachmittags Anmeldung in der Marina, wir sind eingebucht bis Sa., 30.12. Und einen Agenten für die Immigration haben sie nach einem Telefonat auch am Start. Jóse kommt, lässt sich Boots- und Immigrationspapiere aus Curaçao zeigen (fotografiert sie ab) und nimmt unsere Pässe an sich. Für kaum US 140.- wird er uns einklarieren.
Abends passen uns Jose und ein Hafenbeamter in Uniform ab, als wir auf dem Weg zum Abendessen sind. ELLI wird in Augenschein genommen, Angaben aus den Papieren erfragt und telefonisch weitergegeben, außerdem gibt es viele weitere Fragen. Abendessen: Kebab/Schawarma und Bier und Besuch im Supermarkt, in dem ich schon zuvor die 540.000 Pesos für Jose aus dem Automaten gezogen habe. (Die Kolumbianer lassen die Tausender einfach weg. 3.815 Pesos sind ein Dollar. Aber auf dem Auszug aus dem Geldautomaten stand tatsächlich, dass ich 1,6 Millionen Pesos abgehoben hatte (391 €). Soy millionario!

Heute, Mittwoch früh ins Städtchen, Cartagena de Indios ist wunderschön, enge Gassen, Kolonialgebäude mit Dunkelholzbalkonen, Streetfood zum Reinlegen, das pralle Leben. An der Tankstelle gibt es tatsächlich Sprit mit 98 Oktan (brauch ich für den Generator), aber leider keinen Kanister. In zwei ferreterias erkunde ich mich mittels Zeichensprache und Brumm-Lauten (und einer Zeichnung) nach einem Horn (mit Spraydose), das ist für den Panama-Kanal vorgeschrieben. Gab es nicht. Heißt aber corneta. Auf der alten Festung zum Meer (Baluarte de Santo Domingo) ist die Stadt endlich so, wie ich sie in Erinnerung hatte: eine mächtige vieleckige Festung mit Kanonen aufs Meer hinaus.

Haben die Spanier sich von einem italienischen Festungsarchitekten bauen lassen, nachdem Francis Drake (für die einen (Kolumbianer, Spanier) ein Pirat, für die anderen (britisches Königshaus) ein hochgeachteter Freibeuter (Sir Francis)) die Stadt zwei Mal überfallen, ausgeraubt und in Schutt und Asche gelegt hatte. Das dritte Mal hat er es nicht mehr geschafft. Nicht zuletzt, weil die Cartagener nicht nur die riesigen Festungen hochgezogen haben, sondern auch eine heimtückische Unterseemauer (sic!) quer unter die Hafeneinfahrt. Die ist nicht zu sehen, hält aber Schiffe von einigem Tiefgang unweigerlich ab (vulgo: lässt sie auflaufen und untergehen). Hab ich von Henry gelernt, Tourguide, der auf der Festung Santo Domingo nach Kundschaft sucht und nebenher Armbändchen verkauft. Wo es Cornetas zu kaufen gibt, weiß er allerdings auch nicht.

Hier wohnte Simon Bolívar (Befreier Venezuelas, Kolumbiens, Ecuadors, Perus)

Mittags (18:00 in Deutschland) zum Telefongespräch mit der family verabredet. Ziemlich emotional, Weihnachten eben. Mutter, Bruder, Schwägerin, Paula, Schwiegermutter und beide Töchter sind zusammen (und haben einen Tag Waldarbeit hinter sich.)

Dann kam Trevor, ebenfalls Moody 33-Besitzer und seit 15 Jahren auf eigenem Kiel unterwegs, mit dem Dinghy vorbei und wusste über Gott und die Welt Bescheid und war auf einen Tratsch aus. Gab einen guten Tipp für die Einreise nach Panama (Puerto Obladia). Und vor allem: wusste, dass es gegenüber der Marina it zwei Chandleries (Marinbedarfsläden) gibt, nicht mal fünf Minuten zu Fuß!) Da kriege ich sicher einen Benzinkanister. Und wahrscheinlich auch das Horn. Und selbstverständlich hätte ich John, den Hafenmeister fragen müssen, der hier seit 10 Jahren hängengeblieben ist und alles kennt. Hätte ich auch selber drauf kommen können. (Regel 8). Also: Laune für heute verhagelt. Aber gute Aussichten für morgen. Abends superleckeres Ceviche beim Peruaner. Und Supermarkt (gegenüber).

VI. Nach Panama – 37. Vertraute Gewässer

Freitag, 24. Nov. 2023, 18:00h. Der erste Sonnenuntergang über dem Meer. Wieder. Aber ganz anders: ewig lang, fast ohne Bewegung. Reisen auf einem Kreuzfahrtschiff sind mit Segelreisen nicht zu vergleichen. Alleine der Auslauf: Heute (Samstag) neun Uhr früh: Morgenspaziergang, 25 Minuten auf der Joggingstrecke (180m, Deck 11) rund um den Zuluftkamin am Heck des Schiffes auf einer leuchtendgelb markierten Strecke, jeweils eine schön, eine schäl Seite: einmal gegen, einmal mit dem (Fahrt-) Wind. Blick ins Weite, über die Wogen (die sich aber weit unten verlaufen). Teilnehmer wie im richtigen Leben: die ehrgeizigen, die ein paar Runden lang laut schnaufend überholen, die müden, die nach ein paar Runden lautlos aufgeben: am Ende sind von den ca. 25 anfänglichen TeilnehmerInnen gerade noch fünf übrig geblieben. Anschließend Morgengymnastik. Auf dem Sonnendeck 9, zwischen Jacuzzis, Pool und Wasserrutsche mitten im Theaterhalbrund, dessen Terrassen von Sonnenliegen statt von Klappsitzen gefüllt sind. Superspannend. Gewagte Kleidung, nicht nur bei den Bikinis (gestern war das Motto rot und schwarz: Häkelkleid mit weit offenen Maschen, das die darunterliegende (schwarze) Unterwäsche deutlich präsentiert). Oder: Ultrakurzer Mini über schlanken Beinen, Gesicht Ü50; Gürtelkleid mit Spitzentransparenz, schulterfrei. Ausschnitte weit wie das Meer. Und ebenso tief. Und Achtzigjährige, deren handgefertigter Busen noch immer atomfest absteht … An das Publikum muss ich mich erst noch gewöhnen. Aber sie sind lange nicht so schlimm wie befürchtet: Costa Kreuzfahrten gehören zu den günstigsten auf dem Markt. Da sind die Leute fast schon bodenständig. Es gibt alle Schattierungen: Buffalo Bill (wenn weiße Haare und Kinnbart frisch geföhnt sind), PoCs mit Locks und lila Kurzhaar, Asiaten. Schönheiten und gelebte Körper. Sogar ein paar Jugendliche und Kinder (mit eigener Clubbespaßung). Aber zum allergrößten Teil Menschen wie du.

Regel 26: Ins Jacuzzi: nie ohne Sonnenbrille.

KreuzfahrerInnenweisheit
Anreise

Mittwoch (22.11.) nachts in den Bus, Croissant in Paris, Donnerstag nacht Barcelona, Hotel, Freitagfrüh Metro und Bus zum Hafen. Aber Regel 23 missachtet: (»Immer fragen!«). Navi setzt mich am äußersten Ende des Industriehafens ab, weit und breit: Nichts. Zum Glück eine Stunde zu früh. Fußmarsch (glücklicherweise mit Rollkoffer, Danke, P.!), Frage nach einem Taxi in einem Hafenarbeitercafé: keine Chance. Auskunft: zwei Kreisverkehre passieren, dann über die Brücke (das Schiff, die COSTA FORTUNA, das zweitgrößte im Hafen (die MSCs sind höher und länger und breiter) hab ich bereits auf dem Herweg gesehen, es liegt nur leider an der gegenüberliegenden, entfernten Seite des Hafenbeckens!) Inzwischen ist es halb elf. Elf Uhr soll ich da sein.

Ging aber alles gut aus, einchecken, Passfoto, Immigration, noch ein Foto durch die Polizei, Gepäck wird auf die Kabine gebracht. Kabine 2405 ist innen, eine Doppelkabine, nicht wirklich klein, praktisch eingerichtet, Grundfarbe Gold. Heimelig. Davor ein ewig langer Flur.

Der Flur der UNgeraden Kabinen

Wo gibt es Abendessen? Sollte auf der Mitgliederkarte vermerkt sein, ist es aber nicht. Die Schlange am Helpdesk ist endlos und bewegt sich vor allem überhaupt nicht. Geübte Vordränglerinnen beiderlei Geschlechts mit lebenslanger Erfahrung darin agieren und sind gewohnt, damit durchzukommen. So auch hier.

Abendessen, viertel vor Sieben (erste Schicht): ein deutschsprachiger Tisch. Schweizer Ehepaar, eine schweizer Witwe, zwei schweizer Freundinnen, eine Frau aus Martinique (auf dem Heimweg, sie nutzt die Kreuzfahrt als das günstigste Verkehrsmittel, genau wie ich), eine Kölnerin, Kreuzfahrterfahren: mindestens 15 Mal über den Altlantik, mit eigener Speisekarte: glutenfrei, zuckerfrei. »Gibt es hier kein zuckerfreies Eis?«
Und: Wasser kostet extra! Weil: Wir sitzen am Bedienungstisch; alle anderen haben Getränkepakete gebucht. Ich komm mir zwar superkleinlich vor, hab aber meinen Ehrgeiz reingesetzt, das Bezahlmodell der Reederei zu boykottieren und ohne Extrakosten zu fahren. Also zu schauen, ob das geht.
Die Tischgesellschaft ist vom ersten Abend an zwanglos, interessiert und lustig. Mit der Witwe bin ich zur Spezialshow im Teatro Rex (mindestens 1000 Plätze, steile Arena, im Bug das Schiffs) verabredet: Bunter Abend: eine Rockband heizt ein, kleines Tanztheater des schiffseigenen Baletts, Gesangseinlage, Trapez/Reifen/Gelenkartistin, Madonna-Medley, Flamencotänzer, indische Derwische, Animationsfinale – halbe Stunde Show-Feuerwerk. Aber die Witwe hab ich nicht getroffen.
Danach lateinamerikanische Nacht. Jetzt ist die (selbe) Band in Rot und schwarz angetreten, Tanzanimation, Gaudi.
Im Spielsalon: Roulette beliebt, Pokertisch unbewohnt, die unbeschäftigte Croupière legt sorgfältig einen wunderschönen Kartenfächer aus. Disko erst ab 00:00. Zu spät für mich. Es ist immer noch Freitagabend, der erste Tag an Bord.

Reiseinformation (ex: MitseglerInnen gesucht)

Ihr Lieben,
bald fahre ich wieder los und wollte euch darüber informieren. MitseglerInnen suche ich nicht mehr, meldet sich eh keineR. Stattdessen finde ich zum Glück ab und zu jemand (s.u.), worüber ich mich sehr freue. Dass ihr alle jederzeit eingeladen seid, wiederhole ich jetzt nicht nochmal …
Im April habe ich die ELIZABETH hoch zu Land in Curaçao/Karibik zurückgelassen und mich seither in Deutschland aufgehalten. Inzwischen eine Augen-OP und alle möglichen Arztbesuche hinter mich gebracht. Und vor allem: versucht, mein Leben in Köln mit Paula und den Töchtern wieder auf die Reihe zu kriegen. Eine der Konsequenzen: Ich segle ab jetzt nicht mehr für ewig lange Zeit, sondern in Etappen von einigen (4-5) Monaten.
Mitte November geht es wieder los. Vom 22.11 bis 06.12 bin ich (Bus, Kreuzfahrtschiff, Flieger) in die Karibik unterwegs. Am 15.12. trifft mich Mitseglerin INA, 55 (riesige Segelerfahrung, halb um die Welt, Schwerwetter-erfahren: guckst du: Clipperaroundtheworld unstoppable journey) in Willemsburg, Curaçao.
Die Strecke ist wie folgt geplant: Aruba, Sta Marta (Kolumbien), Cartagena (Kolumbien), San Blas-Inseln (Panama), Shelter Bay Marina (Colon, Panama), Panama-Kanal, Panama City (Panama). Von dort fliegt Ina am 25.01.2024 zurück. Ich werde die Pazifikküste von Kolumbien und Ecuador nach Süden gondeln und die Yacht wahrscheinlich in Salinas, Ecuador (auf der Höhe von Guayaquil) für die (hiesigen) Sommermonate wieder einwintern. Wenn alles klappt bin ich also im April/Mai wieder da.
Das wollte ich euch gesagt haben, alles Gute für euch und eure Lieben, schönen Winter,
Ulrich (Brandt)

English version: Dear friends,
after nearly half a year in Germany, I’m in the middle of preparing my departure for Curaçao/Caribbean, where my trustworthy vessel ELIZABETH has been waiting for me on the dry. In order for all of you to be able to join me, to which you are, as you well know, warmly invited, I try to keep you informed about my travel plans.
After a 11-day journey (by bus, cruiseship, aeroplane) I hope to reach Willemsburg, Curaçao on Dec. 6th, where ELIZABETH will already have been splashed and waiting in the marina. It is my joy and pleasure to expect INA, 55, from Cologne, Germany, an experienced and well-travelled sailor (and weather-worn shipmate: see Clipperaroundtheworld unstoppable journey) to join me on Dec. 15th.
We intend to sail to Aruba, to Sta Marta and Cartagena (Colombia), to the San Blas Islands (Panama), to Shelter Bay Marina (Colon, Panama) and through the Canal. Ina will leave the yacht by the end of January and fly back from Panama. I intend to continue south, along the coast of Columbia and Ecuador and plan to leave the boat again in Salinas/Ecuador (near Guayaquil) (Puerto Lucía Marina) for the (southern) winter (May to September 2024) and come back to Germany.
That is all for now, I am glad and happy for the friendship and support of all of you, I hope to restart my blog www.sailing-elizabeth.com by Mid-December (it is, alas, in German, but people tell me the automatic translation by Google or other programs works quite well …),

warm regards
Ulrich Brandt

aus: Mail, die Anfang November an meinen SeglerInnen-Verteiler ging
Aus dem Bordleben

Erste Beschäftigung: Leute gucken. So etwa: hochgewachsene Schönheit mit hüftlangen rotbraunen Haaren, Ende 20, Kimono-Bademantel in gold und schwarz, der über den langen Beinen aufspringt. Aber: Sie balanciert auf 20-cm-Strohhackensandalen, also Superhighheels, als Zehenspitzenläuferin. Oder auch: Männer in Adiletten und Badetüchern. Bei Italienermännern sind superknappe Badehosenslips anscheinend noch tragbar.
Es gibt auch Freaks, ein Barfuß-in-offenen-Wanderschuhen, Ledergürtel um die Halblangen Outdoorhosen-Typ; eine PoC-Frau, blonde Extensions hochgesteckt (sonst sicher bis zum Po), eine Inderin (?) mit Goldlamée in den Extensions. Buffalo Bill sieht mit ungeföhnten Haaren aus wie ein ziegenbärtiger Penner.

Kreuzfahrerweisheiten, neu gelernt (I): 
Beten: zum Altar (Kapelle)

Das Helpdesk ist morgens (9h) frei, die Jacuzzis ebenso. Bordbibliothek (zwei Glasschränke) ist morgens (ca. 10:00) geöffnet. Und neben dieser gibt es sogar eine Kapelle!

Predigen: zur Gemeinde (Kapelle)

Die vielen Aufzüge (12 Decks/Stockwerke! [und das sind nur die, die für Gäste zugänglich sind]) versuche ich zu vermeiden, ich will trainieren. Allerdings: Auf einer Kreuzfahrt abnehmen zu wollen, war vielleicht nicht die beste aller Ideen. Für inklusive gibt es abends einen Tisch im Restaurant Michelangelo, oder im Selfservice-Büffetrestaurant. Frühstück und Mittagessen werden als Buffet angeboten. Mit allem. Bloß: kein Wasser, kein Kaffee. Silke, erfahrene Kreuzfahrerin, hat KeepCups dabei und bunkert Kaffe und Wasser zu den Frühstückszeiten (wie ich inzwischen auch).

Samstagmorgens um zehn sind wir östlich (und südlich) von Marbella. Der Estrecho ist auf halb neun (abends) angesagt. Der Roomservice (Inder, geschieden) hat den Bettbezug auf Fächer gedrillt. Die Zeit wird heute Nacht eine Stunde zurückgestellt. Um 20:20h, wie nachmittags schon minutengenau angekündigt, passieren wir die Straße von Gibraltar. Einige Lichter auf dem Felsen, dafür die Bucht von Algeciras hell erleuchtet, ebenso der Industriehafen auf der marokkanischen Seite. Von Ceuta, wo P. und ich letztes Jahr Heiligabend verbracht haben, blinkt freundlich der Leuchtturm herüber. Ernüchterung beim Tischgespräch: (Schweizerin, über Gibraltar): »Da kommen keine Flüchtlinge hin, weil sie genau wissen, dass die keinen reinlassen.« Stimmt irgendwie, geht aber natürlich gar nicht. (Und sie hat es auch nicht böse gemeint.)
Abends große Flamencoshow. Zwei Tänzerinnen und ein Tänzer beherrschen Kastagnetten, Handflächen- und Absatzklappern. Beim Fernsehballett (sechs Tänzerinnen und drei Tänzer) überzeugen hautsächlich die interessanten Kostümwechsel. Frenetisches Publikum, stehende Ovationen, Oppi in der ersten Reihe heizt an.

So., 26.11.: 08:00 Frühstück 09:00 Morgenspaziergang; 09:30 Streching/Morgengymnastik; 10:00 Sushi-Workshop (mit Arjtxs [oder so, ich konnte mir den Namen nicht merken, hab versäumt, ihn aufzuschreiben, er enthielt jedenfalls hauptsächlich Konsonanten]), 11:00 Rumba-Tanzkurs , 12:00 Mittagessen – Kreuzfahrerstress.

Erkenntnisse aus dem Sushi-Workshop:
Einmalhandschuhe aus Plastikfolie, als erstes kommt ein Kleks Majo drauf: „einreiben“. Darunter: schnittsichere Handschuhe. Arjtxs, die Baskin, hat Sushi noch nie gegessen, geschweige denn gekocht. Agiert dabei sehr selbstbewusst (und ohne vorher genau zuzuhören). Lässt sich aber gerne von mir helfen –
Sashimi: Lachs schräg geschnitten (quer zur Faser/Streifen), Gurke dito (als Blume gelegt), Möhren- und Rettichhaar als Deko, Wasabi-Türmchen und IngwerRose und Zitrone und Algen als Deko. Nigiri: Scampi-Filets, kleine Reiskugel drauf, umdrehen und fest pressen, mit Majo dekorieren (und das übliche Sträußchen, Türmchen, Rose). Maki: Unterlage Bambusmatte, Algenblatt drauf, Handvoll Reis verstreichen bis zum Rand, unteren Rand 2 cm freilassen, FliegendeFischeKaviar drauf verstreichen. Umwenden (inside out) Tunfisch, scharf, mariniert, in der Mitte drauf verteilen, auf Bambusmatte rollen. In acht Teile schneiden (sieben Mal halbieren), mit Bambusrolle nochmal schön zusammendrücken, auf Servierschiefer drapieren: rote Majo drauf, Sträußchen.
Sah an unserem Tisch (einem von acht Teilnehmertischen, bei ca. 40 Zuschauern) nicht völlig überzeugend aus, hat aber super geschmeckt.

Tanzkurs mit Toni, Italiener, »Energía!, Allegría!, Battería!«, der sein Publikum um den Finger wickelt und im Griff hat, aufgeteilt nach Männlein und Weiblein. Ich hab sooo schön getanzt, Rumba, kurz-kurz-LAAANG, und das Bein stehen lassen, mich in den Hüften gewiegt, die Arme gespreizt … und erst nach dem Mittagessen in der Kabine gemerkt, dass ich die ganze Zeit den Hosenlatz offenstehen hatte …
Inzwischen sind wir beim Abendessen per Du: Silke ist die Kreuzfahrtexpertin aus Köln, Ueli und Heidi das Schweizer Ehepaar, Erika die dito Witwe, Evelyn und Silvia die Freundinnen.

Fuerteventura: Puerto del Rosario (ex.: Puerto Cabras)
Chaostag auf Fuerteventura

Montag: Ernsthaft gefrühstückt (Rührei, Speck, nicht nur drei Scheiben Ananas, wie sonst), weil: große Pläne: Jandía Playa, wo es den höchsten (400m) Berg der Insel geben soll. »Nach einer Wegstrecke von 7,5 km wird der Gipfel erreicht«, beschreibt Wikipedia ganz nüchtern. Allerdings: ganz im Süden.
Jetzt erst einmal Sonnenaufgang, Lavaball mit Wolkenbrocken. Erinnert sehr an einen anderen Sonnenaufgang, nur ein paar Kilometer weiter nördlich, auf Lanzarote, mit Gawain . Und Bier um sechs Uhr in der Früh.
Ich muss nach Morro Jable. Frage auch brav nach: Bus fährt dahin? Klar. Kostet auch nur 1,40€. Nur: Beim Museo del Sal, mitten im Nirgendwo, ist Endstation. Ich hab zwar gefragt, aber offensichtlich nicht das Richtige. Also zurück zur letzten Abzweigung. Allerdings: der Bus nach Morro Jable (42 km) fährt nur viermal am Tag, letzte Rückfahrt 15:45h. Wenn ich den verpasse, ist das Schiff weg. Also zurück nach Puerto del Rosario und aufs Schiff. Stress: ID-Karte verloren. Hafenpolizist lässt mich von Kollegen bis zur Gangway geleiten. Dort Check durch die Schiffs-Security, dann Ansage: direkt zum Hospitality-Desk und neue Karte drucken lassen. Wird gemacht. Null Probleme. Dann schon Zeit zum Mittagessen. Weil alle an Land sind und nichts los ist: Heute nicht Büffet, sondern à la Carte. Also noch eine Mahlzeit zu viel. Telefonverabredung. Und anschließend eine Signalnachricht: Gawain (ja, ebender, s.o.) will von Panama aus nach Kolumbien mitfahren! Achill (Mitsegler aus Rostock ab Januar, Freund von Axel, ANEMOI) hat nichts dagegen, also zwei Stunden später zugesagt. Jetzt Abendessen, dann Abba-Abend, dann Sängerin („Women on World“ (???). Auf Schiff man spricht international.

Di. 28.11.: Santa Cruz de Tenerife. Das Schiff wird vollgetankt. Der Tanktender, auch nicht gerade klein, ragt anschließend anderthalb Meter über seiner Wasserlinie aus dem Meer: sind einige Tonnen reingeflossen. Santa Cruz sieht vielversprechend aus, groß. lebendig, schattige Parks, Verwaltungsgebäude im Kolonialstil – Hauptstadt der westlichen Kanaren. Ausflug heute (Empfehlung von Kreuzfahrtexpertin Silke): La Laguna. Altstadt im Kolonialstil, Weltkulturerbe. Mit der Straßenbahn („El Tribunal“) leicht zu erreichen: den Berg hoch bis zur Endstation.

San Cristóbal de la Laguna ist vollgestellt mit hochherrschaftlichen Stadtpalais‘ und Kapitänshäusern (später Museen und Verwaltungsgebäuden). Alle nach dem Prinzip der Römervillen (wie z.B. in Pompeij): Innenhof, Zimmer in zwei Stockwerken drumrum. Nur heute eben pátios, wunderbar begrünte Dschungelhöfe.

Türschloss, 200 Jahre alt – aber funktioniert!


Neues aus der Bordbibliothek: Ian Ranking: The impossible dead. Grandios (wie Rankin eigentlich immer). Aber beim zweiten Nachdenken: Dass die Auflösung allein über die schlecht (zu nahe am Original) gewählten Kampfnamen/noms de guerre funktionieren soll (Alice Watts=Alison Watson, Pears = Pierce): eher schwach.
Ruth Rendell: No more dying, then („Schuld verjährt nicht“, der dt. Titel verrät schon die halbe Handlung). Was für eine genial erzählte unmögliche Schnulze: brave Frauen sind ordentliche Hausfrauen, der verführerische Vamp (rothaarig) ist schlampig und eine schlechte Mutter (allerdings auch: der verwitwete Aufklärer vernachlässigt für Stelldicheins mit ihr seine eigenen Kinder (und deren biedere Tante, die sich nach dem Tod ihrer Schwester um die Kleinen kümmert)). Menschenbilder unerträglich holzschnittartig, kaum zu ertragen – aber wunderbar geschrieben.
Ich dagegen: Keine Lust zu schreiben. Es ist einfach zu viel los. Das ist eben das Konzept: atemloser Animationsurlaub. Gestern abend mit Beatrix und Silke und Erika in der Show: LED-beleuchtete Hiphopper, Gewinner von India‘s got talent. Super act. Trägt aber nicht für 45 Min. Technisch enorm sophisticated: Nicht nur können einzelne Körperteile der Tänzer (z.B. der Hut) in allen Farben und einzeln geschaltet werden (und damit auf den Köpfen der drei parallel agierenden Tänzer hin- und herspringen), ein Leuchtstab lässt beim Herumwirbeln in seinem Halo sogar das COSTA-Logo aufleuchten. Wahnsinn. Beatrix hat mir zum Tanzen einen Korb gegeben. Silke (hat Internet gebucht) findet für mich ein Hotel auf St. Maarten.
Im Restpublikum erste Anzeichen von Stimmungseintrübungen – die Zeit der Landausflüge ist vorbei, vor uns liegen sechs Seetage. Wichtigste Veränderung: Frühstück gibt es erst eine Stunde später.
Kleines Beispiel gefällig? – Furienterror am Buffet: Eine mit wallendem Goldlamétuch, mindestens bodenlang, fast eine Schleppe. In der Schlange am Büffet tapst eine andere drauf – und merkt es nicht. Als die Erste zieht, festhängt, stärker zieht, wütend wird, pfeift sie die zweite an. Zweite pfeift erbost zurück (keine Ahnung, in welcher Sprache, könnte italienisch gewesen sein). Erste: Hätte sich wenigstens entschuldigen können. Zweite: Muss mich doch nicht gleich so anfahren (oder so ähnlich). Giftet jedenfalls noch lange hinterher, faucht und kocht, als die erste längst weitergegangen ist. Es ist der zweite Seetag, etwas Welle, 27kn Wind. Wird langsam ungemütlich, geht auf die Nerven. Und dabei liegen die meisten Seetage noch vor uns …

35. Curaçao

Wallilabou Bay, St. Vincent
Piraten!

(Aber nur als Pappfiguren: Wallilabou ist die Bucht, in der der erste Teil von Fluch der Karibik gedreht worden ist (jedenfalls ein paar Außenaufnahmen). (Ostermontag, 10.04.)

Die Fahrt von Fort de France hierher war alles andere als trivial. Erstmal zwei von drei Manövern verkackt: Ablegen gegen den Wind, Motor schiebt gut gegen die beiden Achterleinen, so dass ich die Muringleine am Bug loswerfen kann. Aber dann, entlasten der Achterleine zum Nachbarn hat nicht geklappt, der Wind von vorn hat mich sofort vertrieben; also hektisch die zweite Achterleine eingeholt, die gute LIZZY stand schon ziemlich schräg, und aus der Marina gedampft. Anlegen an der Tanke (um den badge, den Funkknopf, der die Tore zum Steg aufschließt, abzugeben) angelegt »like a pro«, so Jeanneau, der Marinero vom Dienst, der meine Leinen übernimmt. Beim Ablegen aber Regel 3 (oder 8? Jedenfalls noch aus Poole) gröblich missachtet: Vor dem Ablegen Strom und Wind prüfen! Ich hätte ablandigen Wind gehabt, einfachster Ableger der Welt, einfach Leinen los und warten, bis das Schiff vom Steg getrieben wird. Aber nein, Gegenwind erwartet, Eindampfen gegen Achterspring vorbereitet, Bugleine losgemacht – und sofort fängt das Boot an abzutreiben. Drückt mit dem Heck (Fender) gegen den Steg, kehrt sich aber soweit ab, dass der ungefenderte Spiegel (und das Ruder der Hydrovane!) gegen den Steg gedrückt werden, Achterleine kommt mächtig unter Spannung. Gerade kann ich sie (mit Hilfe eines anderen, herbeigeeilten Marineros) loswerfen und dampfe ab, quer zum Steg. Sah sicher nicht gut aus. Außerdem hing die Achterleine noch im Wasser, was mir der Helfer auch noch zurufen musste – peinlich. Aber nix passiert, Georgie (um den ich gefürchtet hatte) steuert unbeirrt.
Draußen vor der Ausfahrt aus der Bucht steht eine üble, kurze Welle, sicher anderthalb Meter. Das BETSYBABY wird heftig durchgeschüttelt, scheint es aber (kommt mir vor) zu genießen, nach einer Woche Marina wieder in Bewegung zu sein. Taucht aber, bei allem heftigen Stampfen, immer wieder ihren Anker in die ankommende Welle und nimmt hektoliterweise Wasser in die Bugwanne über (hier hab ich nachgesehen: sicher wieder 15 l Wasser in der Salonbilge. Irgendwann muss ich rauskriegen, warum die ELLI bei schwerer See Wasser zieht). Kräftiger halber Wind (Bf 5-6) macht gute Fahrt. Aber auf dem Weg brechen sich die Wogen. Erst suche ich nach einer Lücke, aber die Brecher gehorchen keiner Regel, tauchen überall auf; scheint also keine Untiefe zu sein, sondern einfach fiese, kurze Welle. Also kurzentschlossen mittendurch, Kurs 187° (bei 15° Missweisung sind das 201° auf dem Kompass). ELLI stellt sich als durchaus nicht die lahme Ente heraus, die sie bei schwachem Wind wohl sein soll: kämpft sich mit bis zu 7 kn durch die kabbelige See. Und macht das bravourös. Inzwischen wird es dunkel. Schon bevor die Lichter von Martinique unterm Horizont verschwinden, tauchen die von St. Lucia auf. Dessen Küste passiere ich eigentlich viel zu nahe (2 nm), aber der Westindies-Führer warnt vor westlichen Strömungen zwischen den Inseln, die einen leicht versetzen können … Wind frischt noch mehr auf, könnte man reffen. Bin ich aber zu faul zu, drehe nur die Genua ein paar Windungen ein, verringert sich die Fahrt auf 6 kn. Gut genug.
Zwischen drei und fünf am Morgen schläft der Wind komplett ein, Nachtclubwummern schallt herüber. Und Georgie weiß nicht mehr, wohin. Eine Stunde von Hand „gesteuert“, dann kommt wieder Wind auf und ich kann George das Feld überlassen und mich hinlegen. Anderthalb Stunden später liegen die unverkennbaren Pitons (Hügelberge im Süden der Insel: Grand Piton, Petit Piton (nicht: Tetons, sorry, André!) noch immer querab! Der Wind  scheint sich gedreht zu haben, wir sind 240°, also steil nach Westen gesegelt!
Lässt sich korrigieren; im ersten Licht (ca. 05:30h) meine ich im Grau dunkle Bergsilhouetten ausmachen zu können. Das muss St. Vincent sein.

Nicht der Vulkan

Tatsächlich  sind die Berge der Insel anderthalb Stunden später deutlich  zu erkennen, jetzt brauche ich nur noch der Küste entlangzufahren … Festmachen in Wallilabou (den Namen musste ich mir aufschreiben, konnte ich mir einfach nicht merken. Schlimmer war nur noch Barrouaillie, der nächstliegende Ort, wo es einen Geldautomaten gibt).

Festgemacht wird auf St. Vincent (vor Anker oder) an einer Boje, mit einer langen Heckleine zum Ufer (oder den Restpfählen eines vom Hurrikan zerstörten Anlegers). Kann kein Mensch alleine, also kommen hilfsbereite Linehandler im Motorboot (oder auf altersschwachen Surfboards) und befestigen die Taue. Nur das Heck gegen den Wind in Richtung Strand ziehen muss der Skipper schon selber. Mein Helfer bringt mich auf seinem Surfboard sogar zum Dinghy-Steg (20 Caribbean Dollar fürs Anlegen, 10 für Abholen und mich wieder aufs Schiff bringen). Im Strandrestaurant (über und über mit Filmpostern, -devotionalien, Requisiten und Selfie-Gelegenheiten (aufrecht stehende leere Särge, Pranger und Galgen samt Henkersknotentau, überlebensgroße Figur des Jack Sparrow) dekoriert), selbst noch halbe Kulisse mit nachgemachtem Mauerwerk und Scheinfassade, gibt es einen Kaffee auf Kredit. Sensationell. Auf dem Weg zum Klo hängen privatere Bilder, Keira Knightley und Johnny Depp mit Schaulustigen, vor allem Kinder.
Kurzer Spaziergang über den Hügel nach Barrouaillie, es ist Ostersonntag und aus allen Kirchen und Gebetshallen dringt aufgeregtes Predigen oder hymnischer Gesang. Auf dem Sportplatz jagt eine Gruppe junger Männer aufgeregt einen Iguana [Echse] (Beinlang). Im leeren Supermarkt weiß die Aushilfe nicht , wo Zoll und Immigration sind (fragt aber bereitwillig eine Passantin: soll in der Bucht sein, wo ich herkomme). Insgesamt macht St. Vincent (Linksverkehr) einen überaus sympathischen Eindruck, auch wenn die Häuser wild über die Hügel hingewürfelt und teilweise, obwohl noch nicht fertiggestellt, bereits Ruinen sind. Im Sonntagsstaat, auf dem Rückweg vom Gottesdienst, sieht keine(r) wirklich arm aus. Und Autos und Motorräder preschen über die schmale Landstraße, als ob Spritpreise kein Thema wären …
Zurück im Johnny-Depp-Strandrestaurant meine Schulden bezahlt und mich zum Lesen und Ruhen aufs Boot verzogen (mit Hilfe des ebenfalls ausbezahlten Linehandlers Bub).
Heute, Montag, losgerudert, sobald es hell genug war (andauernd kommen Leute, vor allem Jugendliche, mit Angeboten ans Boot: Obst, Gemüse, Müll wegbringen, frischer Fisch; zum Teil bitten sie auch um milde Gaben (Spaghetti, Tafel Schokolade, Rest Glasmatte und Epoxy, um das altersschwache Surfbrett zu flicken) ; einer jedenfalls hat mir den Schnorchelspot am Ausgang der Bucht empfohlen, hinter dem Felstorbogen).

Rechts hinten: Felsbogen; links vorne: Krabbe

Traumhaft. Fische von winzig bis armlang, weißschwarz gestreifte Seeschlange, vor allem aber riesige, rhabarberartige Blätterpflanzen (oder Tiere?), die sich in den (überseeischen) Wogen sanft bauschen und bäumen. Hab ich schon erwähnt, dass die Bucht von Wallilabou überirdisch schön ist, Wasser kristallklar, Sand dunkelgrau (Vulkaninsel!), Landschaft dichtgrün bewachsene steile Hügel, Menschen überfreundlich, Währung schwach (1 Eastern Caribbean Dollar = 0,34 €).

Eher: Filmen vom Dinghy aus


Nach dem Schnorcheln Full English Breakfast im Strandrestaurant (dafür ist dann der Bojenplatz frei [dachte ich, stand so im Führer]), WiFI checken (für Telefonieren am Nachmittag, Abend in D.), Lesen.
Am Strand spricht mich Kenny an. Er führt Touren zum Gipfel des La Soufrière, Vulkan. Die schwierigere Strecke (laut Führer) von Osten aus. Geht um 06:00 Morgen früh los. Durch Marihuana-Plantagen, soll gefährlich sein. Bestreitet Kenny lautstark. Sein Kumpel Buddy kommt auch mit. Schaun wer mal. Also jetzt (22:01) besser schlafen.

Buddy, Kenny
Fehlen die Superlative

Mi, 12. 04., Wallilabou. Wenn ich Martinique schon wunderschön fand, dann gehen mir für St. Vincent die Superlative aus (wahrscheinlich ist der Vergleich nicht fair: in Fort de France lag ich in der Nähe der Hauptstadt, hier an der weniger entwickelten Leeküste in einer verträumten Bucht). Jedenfalls: die Insel ist überirdisch schön, ein Paradies. Gestern wie vereinbart um sechs zu Kennys Platz am Strand (der auch von anderen Linehandlern genutzt wird) gerudert und mein Guide kam so (fast) pünktlich wie ich. Erste Szene: Eine Bretterbude am Straßenrand stellt sich als kleiner Laden und die Bushaltestelle des Kaffs heraus. Schon frühmorgens (die Tage sind kurz) scheinen alle auf den Beinen. Die Ladenbesitzerin (Riesenbusen, löchriges T-Shirt) gibt Rum (»very strong rum«) in selbstabgefüllten kleinen Flaschen aus, zum Frühstück werden dazu Joints geraucht. Ein Hahn besteigt eine Ente (???), von der er zuvor einen Nebenbuhler verscheucht hat. Hunde streunen, eine Ziege wird über die Straße gezerrt. Während des einstündigen Wartens auf den Bus nehmen auch Kenny und Buddy ihre ersten Morgenschlucke. (Um den Kater vom Vorabend zu dämpfen). Kennys Augen sind blutunterlaufen, scheint aber ihr üblicher Zustand zu sein. Als der Bus (Collectivo) kommt, fährt er uns (samt Machete) über die schmale Küstenstraße durch die wildeste und schönste Landschaft, die man sich vorstellen kann: steile, grüne Hänge, eine Haarnadelkurven reiht sich an die nächste, Berg und Tal. Kleine Ortschaften drängen sich in die engen Flusstäler, bunte Häuser kleben an den steilen Hängen, tropische Vegetation. Die Buspassagiere sind bunt gemischt, ein Schulmädchen (mit gelb-violettem, ersichtlich selbstgenähten Quastenhut), eine Sekretärin oder Angestellte in Bluse und blauem Rock, Bauarbeiter. An einer Bude wird der Helfer des Fahrers losgeschickt, Brot zu kaufen, kommt zurück und die Fahrt geht kupplungskreischend und bremsenquieteschend weiter. Auf einem Kamm, weitab von jedem Ort: ein Gefängnis, ebenfalls bunt (hellblau) getüncht. Die Endstation liegt im Nirgendwo, fast am Ende der Straße (es gibt keine durchgehende Verbindung um das Nordwestende der Insel herum – dort schickt der Vulkan seine Lavaflüsse und Aschenströme ins Meer). Knappe halbe Stunde  Fußweg (Rinder sind mitten im Grünen angebunden, Ziegen meckern irgendwo, unter Mangobäumen). Kenny und Buddy versorgen mich, wir essen die Früchte direkt aus der Hand (reife Mangos kann man mit den Fingernägeln schälen). An einem breiten Flußlauf, zugleich die einzige Kiesgrube der Insel, (überall sonst ist es verboten, Sand, Kies oder Steine vom Strand zu holen) endet auch der letzte unbefestigte Weg. Im breiten Flußbett verteilt sich das Wasser in einzelne lebhafte Bäche. Schuhe ausziehen? Meine Wanderschuhe sind wasserdicht, versichere ich Kenny. Aber dann, in einem wadenhohen Bach, erwischt es mich doch: von einem glitschigen Stein abgerutscht, den nächsten verfehlt, wirft es mich breitseits ins Wasser. Handy zum Glück in der oben liegenden Schenkeltasche. Der Rest (Hose, Stiefel, T-Shir)t durchnässt. Macht aber nichts, noch herrscht angenehme Wärme. (Klar hab ich eine wasserdichte Handyhülle dabei, aber eben nicht eingesetzt, Blödmann ich). Frühstück im kiesigen Flussbett. Meine Führer haben ebenfalls eine Dose (Sardinen, ich: Pastete) und Brot dabei.


Am Meer entlang, erst schiefergrauer Sand, dann runde, basketballgroße Roller (die grünmähnig bewachsenen sind glitschig) geht es auf die graue Sandmöräne zu, die vom letzten Ausbruch (zwei Jahre her) zurückgeblieben ist. Doch schon vorher zweigt ein Trockental ab, eine Klamm mit turmhohen Sand- und Kieswänden, an der engsten Stelle kaum zwei Schultern breit. Bizarr schön windet sich das trockene, ebene Flußtal sanft den Berg hinauf.

Dann geht es über Rundlinge in den Dschungel. Erdweg, steil, zwischen den hüfthohen Gräsern kaum zu sehen (Brennnesseln gibt es anscheinend nicht auf der Insel). Möchte man bei Regen nicht machen, diesen Pfad. Bananenpalmen, Mangobäume, Avocadobäume, Brotfruchtbäume, Büsche mit Soursop (Kinderkopfgroße, stumpfstachelige kürbisartige Früchte, die nach drei oder vier Tagen Lagerung weich und genießbar werden (sollen, haben wir erst auf dem Rückweg mitgenommen)). Der Weg (offiziell ist er gesperrt, wahrscheinlich seit dem letzten Ausbruch) zieht sich den Kamm des Vulkans hoch, fällt oft nach beiden Seiten hunderte Meter tief in den Abgrund und erinnert stark an die Hexenkesselwanderung in Santo Antao (der Titel der wildesten und schönsten Wanderung ist seit gestern nicht mehr unumstritten). Weiter oben stampfen wir durch kleine Roosa-Wälder (die ganzen Bezeichnungen muss ich nachschlagen, soblad ich funktionierendes Internet habe), übermannshohe bambusähnliche Stengel, die zum Bauen verwendet werden und sich dafür besser eignen als Bambus, sagt Kenny.

Unter einem riesigen Feigenbaum wird endlich der halfway point erreicht. Wir sind seit dem Strand (Meereshöhe!) anderthalb Stunden unterwegs.
Bald wird die üppige Vegetation dünner, aufgrund der Höhe, aber vor allem wegen den Nachwirkungen der extremen Hitze des letzten Ausbruchs.

Lavafluss (und Kenny)

Vom Kammweg aus fällt der Blick in das kluftige Tal, durch das sich die Lava ihren Weg gebahnt hat (und an einer Stelle wie ein Wasserfall gestürzt und gebrochen ist, bizarr!) und später vom Ascheregen (der inzwischen weggespült, aber am Rand des Tals noch in dutzendmeterdicken Schichten aufgehäuft liegt) begraben wurde. Eine halbe Stunde geht es durch toten Wald, weißgebleichte Stämme, denen die Hitze der Gaswalze jegliches Grün ausgebrannt hat, der Boden ohne jeden Bewuchs und deutlich am verwittern (ausgeschwemmt werden).

Kenny bleibt zurück, die letzte halbe Stunde hinauf zum Krater, über Kies und Geröll (aber fest) machen Buddy und ich alleine. Über den nackten Kamm bläst heftiger Südwestwind, der einen wegzuwehen droht, also besser am rechten Rand des Pfads, halb gegen den Wind gewandt seitlich stapfen (damit zur Not noch ein Sicherheitsschritt nach links bleibt). Dann fängt es an, nach Schwefel zu riechen, nach einem Scheingipfel liegt endlich der Krater unter uns. Es ist halb eins. Sehr unwirtlich und sehr schön. Im Krater schwelen Fumarolen, schwefelig gelb ziehen sich Lavastandsspuren um den fast kreisförmigen Krater, manchmal, sagt Kenny später, ist sogar rotglühende Lava zu sehen (oder ahnen). Neblige Wolken peitschen über den Kraterrand, drum herum liegen die grünen Berge, ihre Flanken bis hinab zum Meer, blaues Wasser und zahllose Segelschiffe friedlich im Sonnenschein.

Commander McLean

Nach kurzer Pause auf dem unwirtlich windigen Kraterrand geht es vorsichtig über den jetzt doch oft lockeren sandigen Kies zurück zu Kenny im toten Wald.
Rast aber erst am Halfwaypoint unter der knorrigen Feige. Ich teile meine zweite Ration, lege mich auf das schmerzende Kreuz, muss wohl auch eingeschlafen sein, denn die beiden wecken mich: Wenn wir den Bus zurück kriegen wollen, müssen wir im Tal sein, bevor die Bauarbeiter Feierabend machen. Unser Bus, stellt sich jetzt nämlich heraus, war gar kein öffentlicher, sondern der Zubringer für die Straßenbauer, die dabei sind, die Landstraße in den Nordwesten zu verlängern …

Der Weg zurück

Rückweg wie immer kürzer als Hinweg, jetzt endlich tausend Fotos geschossen [die Reihenfolge oben ist nicht chronologisch], zurück in der Klamm, wo es nur noch fast eben weitergeht, große Erleichterung. Dass ich nicht öfter an diesem Tag vor Freude geschrien habe, lag allein daran, dass ich nicht alleine war, sondern in Begleitung …

Enttäuschung 1: Kein Laster (der uns hätte mitnehmen können) lädt Kies im Kiesgruben-Flussbett. Enttäuschung 2: Zwar lärmen noch einige Baumaschinen, aber der Zubringerbus der Bauarbeiter ist schon weg. Also Fußmarsch zum nächsten Dorf (Fitz-Hughes), zum Glück gibt es bald eine Kneipe (Cola und Kippen für mich, Rum und Kippen für die Jungs) und im anliegenden übernächsten Dorf (Chateaubelair, womit die diesen Namen verdient haben, ist mir schleierhaft) soll auch ein Bus fahren. Enttäuschung 3: Wird aber nur ein Taxi, etwas teurer. Enttäuschung 4: der Minibus hat tiefgrau abgedunkelte Scheiben, von der sagenhaften Landschaft der Hinfahrt ist kaum etwas zu sehen (und schon gar nicht zu filmen). Zurück am Lädchen mit der originellen Wirtin (Naseschneutzen wie eine Wilde, hat mich schon am Morgen geschockt), inzwischen hat sich eine kleine Gesellschaft eingefunden und sitzt auf der Bank am Laden, Kenny wird entlohnt, Buddy verabschiedet, kurzer Spaziergang zum Dinghy, kurzer Sprung ins Wasser vom Boot, Abendessen im Johnny-Depp-Restaurant am Wasser: endlich bekomme ich den Fish creole, nach dem ich mich schon seit Tage erkundigt habe: sehr lecker. Muss ich erwähnen, das ich nach 8 km reiner Wanderung (sicher fast achthundert Höhenmeter) und ebensolangem Rückweg fix und alle bin? Muss ich nicht. Jedenfalls wie tot in die Koje gefallen und bis fast 6 Uhr geschlafen, es war schon hell! Und mein Rücken tut auch heute noch weh. Jammern auf hohem Niveau.

Heute Rücken

Die Schießerei von 2016 auf einem Katamaran, ein Toter, ein Schwerverletzter, in genau dieser Bucht, unter der Wallilabou und die gesamte Insel noch heute leiden, soll nach Kennys Informationen eine Vorgeschichte gehabt haben: Von Mora (? Mayreau?), einer der Grenadineninseln, sei ein Schnellboot hier herüber gekommen, es ging um irgendeine Rachestory. Jedenfalls, so Kenny, war es keiner von hier. Und wie ich die Leute hier einschätze, jeder kennt jeden, mein Dinghy lag einen kompletten Tag lang unberührt am Strand, tendiere ich dazu, das zu glauben. Jedenfalls hat jeder auf St.Vincent, bis hinauf zum Gouverneur, einen Hals auf die Typen. Und der Tourismus ist seither nie mehr auf das Niveau aus der Zeit davor gekommen. Kenny hat übrigens zwei Brüder, die nach England zur Armee gegangen sind, und zwei Schwestern in Kanada. Falls er in ein paar Jahren, wenn ich hoffentlich noch einmal hierherkomme, nicht mehr da ist, ist er ins Mutterland ausgewandert, für das die Bewohner von St. Vincent kein Visum, nicht mal einen Pass benötigen (die verstorbene Königin ist noch auf allen Scheinen der hiesigen Währung, EC [Eastern Caribbean Dollar] abgebildet). 

Kleine Glücke

Fr. 14.04., 12°58’N, 63°04’W: zwischen der Perlenkette der Windward Islands (franz: Antilles) und Südamerika liegt eine ganz schön große Fläche Meer: 470 nm nach Curaçao. Heute ist der zweite Tag.
Am Mittwoch war erst einmal Ruhetag angesagt. Dabei gaben gar nicht Po oder Beine den Geist auf, wie ich befürchtet hatte (oder mein angeschlagenes linkes Knie). Nein: der Rücken. Also einen Tag lang geschont, nur gelesen, zum Frühstück ins Strandrestaurant, zurück aufs Boot und noch mehr lesen. C. Alexander: Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty. Weil: St. Vincent war die erste Insel, auf die Kptn Bligh (nach seiner zweiten, erfolgreichen Brotfrucht-Mission, seine Setzlinge brachte, und damit die Verbreitung der Pflanze in der neuen Welt einleitete … (hochgestochen). Bligh war kein Charles Laughton. Zwar zum Jähzorn neigend, aber nicht bösartig. Die Meuterer waren vor allem jung, verwöhnt/verzärtelt (aus gutem Haus) und zum ersten Mal freizügig, ungezwungen, lustvoll verführt worden. Muss eine für einen Engländer unwiderstehliche Mischung gewesen sein. Jedenfalls: Die Sage ist sehr viel mehr von (den romantischen Bearbeitungen, vor allem aber den zeitgenössischen Dramatisierungen und Zeitungsberichten) den einflussreichen Familien der Christians und der Heywoods manipuliert/bestimmt worden als vom pflichtbewusst-sturen Kapitän Bligh. Großes Lektürevergnügen, wieder.

Versteckt sich gut:
die schickste Krabbe der Welt

Nachmittags um vier machen Zoll und Immigration auf. Also wieder fein gemacht (vorher Winschen geschmiert, Schäkel, Karabiner) und aufgewartet. Mittelgroßer Anschiss: das Büro war auch über Ostern auf, ich hätte längst dort aufschlagen müssen. Erledigen aber alles klaglos. Ich brauche nur 141 EC, hab aber rein gar kein Bargeld mehr. Hilft mir gnädigerweise der Wirt (und Bojenvermieter) aus, streckt mir das Geld vor und rechnet es über die Kreditkarte ab. Dass ein kleines Zettelchen mit den Öffnungszeiten im Fenster des schmucklosen Büros keine schlechte Idee wäre, nimmt der Immigrationsbeamte in Uniform gnädig als Vorschlag entgegen. »Your suggestion will be take into consideration.«
Jedenfalls bin ich nach einem Saft und der Abrechnung mit dem Wirt und dem Müllwegbringen pünktlich zum Sonnenuntergang wieder auf dem Boot. In der guten Stunde Licht, die danach noch bleibt, das Dinghy hochgehievt, gesäubert, gefaltet und an seinen Platz zwischen Oberwant und Relingstütze geklemmt zu haben, wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist schon … in meinem Fall den Rest des Bergeracs von gestern wert.

Außerdem ist vor mir zum ersten Mal (in meinem Leben?) der Hut gezogen worden. Merkwürdiges Gefühl. Nachmittags haben an der Boje neben mir vier (oder fünf? Eine Frau hat geschwächelt und ist vom Boot geführt worden) amerikanische Paare (alle schlank, alle Männer in Shorts und Basecaps, alle Frauen blond, mit langen Haaren und Mittelscheitel) auf einem gecharterten Katamaran festgemacht.  (Mormonen? »We don’t drink alcohol,« zum Linehandler.) Riefen wir uns Grüße zu. »Did you cross the Atlantic in this small thing?« (meint er die ELLI). Und auf mein Bejahen zieht er den Hut (bzw. die Basecap). Die anderen drei haben von da an auch respektvoll gegrüßt/nachgefragt.

Am Donnerstag früh also nur noch das Dinghy verzurrt, den Spibaum für die Genua ausgespannt, die Hydrovane klargemacht und losgetuckert. Buddy kam vorbei, brachte seine inzwischen reife Soursop und macht sie für mich auf: weißfaseriger Glitsch, schwarze Kerne, die zwischen den Fasern hängen, frischer Geschmack zwischen Zitrone und Papaya. Das Mundgefühl ist das Problem: seifig-schmierig. Buddy löst auch meine Achterleine, tut sich schwer. Mein Plan, die schwimmend vom Wasser aus loszumachen, wäre wieder mal gescheitert.

Nur, weil’s so schön ist: Ich hab das Motiv 1000x geschossen

Acht Stunden lang fahre ich schnurstracks aus der Bucht von Wallilabou nach Westen (262°), die Küste, die Berge, die Insel, ihr Schatten verschwinden endlos langsam hinter dem Horizont. Kommt nicht oft vor, so eine langsame Herausfahrt (wie die Kameraleute sagen würden). Wind von achtern, karibische See nicht ganz so mild wie gedacht, eher wild, leuchtend rosa Sonnuntergang, Mondaufgang spät, als schiefe Sichel (abnehmend), Sonnenaufgang Schlag sechs. Ich scheine tatsächlich gut geschlafen zu haben.

Willemstad, Curaçao, Mi., 19.04.

Gestern Mittag in der Marina Curaçao angekommen, Liegeplatz bekommen. Nachmittags in die Stadt getapert, Zoll und Einreise regeln. Eine Odyssee. Die Marina liegt im letzten, südöstlichsten Zipfel des weitläufigen Hafenbeckens. Luftlinie sind es bis in die Innenstadt von Willemstad vielleicht drei Kilometer. Aber der Knicker in mir wollte sich das Taxi sparen – und die Gegend erkunden. Gegenüber der Einfahrt zur Werft geht es einen Hügel hoch, drei kurze steile Serpentinen. Endet die Straße auf einem Parkplatz. An dessen entferntem Ende geht hinter einem Gebüsch eine vermüllte Treppe hinunter auf die Fernstraße, über Fußgängerampel und eine Kreuzung weiter den Hang hinab. Und dann fängt Pietermaai an, kleines Örtchen mit wunderhübschem zentralen Platz, um den Ministerialgebäude stehen, am Meer entlang durch ein altes, verwahrlostes Fischerviertel, das inzwischen gentrifiziert und die Ausgehmeile der Stadt ist, an Bürgerhäusern mit bunbemalten Schmuckgiebeln entlang, bis schließlich das Touristenviertel in der Altstadt anfängt. Willemstad ist wunderhübsch, die legendäre Pontonbrücke seit 1855 in Betrieb, man bezahlt mit Gulden oder $ US. Nur: Keiner kennt Immigration oder Customs. Ewig rumgefragt, nicht gefunden. Customs sitzt in einem anonymen 60er-Jahre-Bau. Und hat zum Glück noch geöffnet (kurz nach 16:00). Ich, schärft mir der Zollbeamte ein, brauche unbedingt einen SailClear-Account. Zwar ist die gute LIESEL eingebucht, er findet sie schließlich auch, aber eben nicht von mir und nicht von meinem Account. Zweite gute Nachricht: Die Immigration hat noch offen (Tag und Nacht), es ist gar nicht der anonyme Bau gegenüber vom McDonalds, zu dem mich eine Mitarbeiterin des (Finanz?-) Ministeriums (eine Stadtvilla am Platz in Pietersmaai) geschickt hatte. Nur: es ist ein ewig langer Fußweg, weil die Einwanderungsbehörde im Hafengelände liegt (und das seit 17:00 verschlossen ist). Versuche ich mich durch das offenstehende Tor zu schleichen, pfeift mich der Security-Sherriff (weiße Uniform) zurück. Lässt sich mein Anliegen erklären und … will mich begleiten! Superfreundlich! Fährt mich dann mit seinem RiesenToyotaPickup (mindestens 6 Zylinder) etliche hundert Meter den Kai entlang und setzt mich bei der Immigration ab. Stempeln und Kontrollieren dauert länger als gehofft, aber draußen wartet schon mein Superschlittensherriff und bringt mich wieder zurück ans (von ihm) verschlossene (und elektronisch auffahrende) Tor. Was für ein netter Typ! Jetzt endlich Zeit zum Entspannen, über die Pontonbrücke schlendern, essen und am Stadtstrand den Sonnenuntergang verpassen (Festung steht im Weg). Rückweg wie oben, noch mehr buntbemalte winzige Fischerhäuschen, auch ein Schrebergartengebiet mit streunenden Hunden und aufgebockten Autowracks. Aber zur Tagesschau wieder zurück auf dem Boot. Rumpunsch.

Fischerhäuschen (?)

Heute früh nach mühsamem Kaltstart das Großsegel heruntergenommen. Nur um vom Marinamanager zu erfahren, dass der örtliche Segelmacher vor anderthalb Jahren gestorben ist und es keinen Nachfolger gibt … muss ich wohl selber flicken. Den heißen Nachmittag mit Lesen verbracht. Und dies hier schreiben.

Wo waren wir? Ach ja: die Abfahrt aus Walilabou, aus dem Paradies …

Kenny sah in echt toller aus. Der andere Typ nicht.

Logbuch Freitag, 14.04., 08:10h: »Sonnenschein, Rückenwind, Genua und Groß zum Schmetterling ausgebaumt, die Segel schlafen. Schiff schiebt sich mit bis zu 6 kn sanft über die von achtern unterkommenden Wellen – das ist Glück.«

Etmale um die 135 Meilen. Logbuch Samstag, 15.04., 22:15h: »Wenn es drei Tage ununterbrochen hält, lässt die Euphorie langsam nach – aber Glück ist es noch immer.«

Bonaire, nahe Südspitze

Am Mittag des vierten Tages, nach Curaçao wären es noch mehr als 6 Stunden, also eine Nachtankunft, nach Bonaire eingeschwenkt, endlos lange um die Südspitze der Insel herumgefahren, einen flachen Strand, das Kap nur durch einen dünnen Stahlgitterfunkmast gekennzeichnet. Dann weiße Minihäuschen am Sandstrand – winzige Ferienwohnungen? Aber die Menschen daneben sehen viel zu groß dafür aus?

Strandhäuschen

16:20h an Plaza Beach Resort Marina, der Hafen einer holländischen Feriensiedlung, Schwerpunkt Tauchen und Casinobesuch, sportlich-mittelaltes Publikum, dafür lauter hellblonde Meisjes, die für den Service eingeflogen worden sind …
Hagen (Brite mit deutschen Wurzeln), der freundliche Hafenmeister, schickt mich ins Städtchen, 10 Fußminuten, für Essen, Trinken, Rauchen. Kralendijk ist süß, amerikanisch-niederländisch, bunte Häuschen. Man spricht Arawak, die Sprache der Ureinwohner vor den Europäern, inzwischen gemischt mit allen möglichen Einsprengseln: »Dànki« (Danke). 

Die LIESEL in der Plaza Beach Resort Marina (an Brücke festgemacht)

Die weiß getünchten, säuberlich auf Abstand gebauten Strandhäuschen an der langen Sandbank waren übrigens Sklavenhüttchen (heute: Museum). Zwei mal vier Meter (für eine Familie), gut belüftet, Strandzugang – was will er eigentlich mehr, der Afrikaner?

Berge aus Salz

Seit Covid, so Hagen, ist übrigens der vorher bunt gemischte Tourismus mehr oder weniger zum Erliegen gekommen: jetzt kommen nur noch Niederländer.
Wider Erwarten klappen die Einreiseformalitäten reibungslos und ich bin schon um 10 am nächsten Morgen damit fertig. Also Leinen los und ab. Hagen und ein Arawak-Helfer werfen mich von der Fußgängerbrücke los, an der die LIESEL festgezurrt war.  

Tafelberge?

Curaçao sollte eigentlich nur 23 nm weit weg sein, will und will aber nicht in Sicht kommen. Erst um viertel nach drei mache ich eine erste Silhouette aus (ab sechs wird es dunkel)! Auch die Spitze dieser Insel ist flach und fast schon passiert, als ich sie endlich sehe. An der Küste türmt sich ein Tafelberg, das wird doch wohl nicht das Kap der Guten H…? Wäre mir Obernavigator durchaus zuzutrauen. In Seru Boca, der Marina im letzten Zipfel von Spanish Waters, der weitverzweigten Bucht mit einer engen, verwinkelten Einfahrt, habe ich per Mail reserviert. Aber es ist stockdunkel und keiner mehr da, als ich ankomme. Suche ich mir einfach eine freie Box …
Auch das erhoffte/angekündigte Restaurant finde ich nicht. Überhaupt scheint der Hund hier begraben zu sein. Kaum ein Haus, kaum ein Licht darin. Einen der Security-Leute (Leíto) bequatsche ich, mich auf dem Heimweg zu einer Kneipe mitzunehmen. Die Santa Barbara Plantations ziehen sich endlos. An der öden Kreizung davor hat alles geschlossen. Also Fußmarsch zu einer Kneipe, die sich die Straße hinauf befinden soll … stellt sich als Chino heraus, es gibt Kippen und Bier: »You saved my life.« Auf dem Rückweg werde ich von Hunden derart verbellt, dass die Trinkfreunde vom Haus gegenüber herauskommen und nach mir schauen und sich erkundigen. Aber ganz freundlich sind.

Der Futurismo ist auch nicht mehr, was er mal war

Nassim, Araber und Lucie, Französin vom Nachbarboot begrüßen mich freundlich und heißen mich willkommen. Sie liegen schon seit einem Jahr (mit zwei Schiffen!?!) hier und schwören auf die Marina. Mich zieht es trotzdem weiter, hier ist es mir zu ruhig, kein Segelmacher, kein Boatyard, keine Möglichkeit, das Boot aus dem Wasser zu holen: 10:45 ab Ceru Boca.

Eigentlich sollte die Curaçao Marina, in der mich die superfreundliche Sekretärin von Ceru Boca eingebucht hat, nur neun Min am gegenüberliegenden Ufer von Spanish Waters liegen (Karte zuletzt 2003 berichtigt, Navionics gestern noch im Internet gewesen). Zum Glück nochmal bei Nassim und Lucie nachgefragt: Nein, ich muss raus, die Küste hoch und vor allem: per Funk anfragen, ob die in Willemstad die Pontonbrücke für mich aufmachen …

Sitzt hier ganz falsch: tote Bäume auf dem Soufriére-Vulkan

Ausfahrt traumhaft, die Mündung der Bucht ist Partymeile, schon morgens um elf wummert es vom Strand herüber.
Draußen ist Seegang, sicher über ein Meter, und Rückenwind. Aber Segel hochziehen lohnt nicht, sind nur 10 Meilen. Doch da: Vor der Einfahrt liegt ein Kreuzfahrtschiff, das wartet sicher nur, bis die Brücke aufgeht, mit denen könnte ich reinwitschen … Also Motor auf Vollgas, dazu das Vorsegel raus: bis zu 8,3 kn Rauschefahrt auf Willemstad und das Kreuzfahrtschiff zu, das sich hoffentlich nicht bewegt in den 20 Min, die ich noch brauchen werde …
Es bewegt sich nicht. Vor allem, weil ich beim Näherkommen sehe, dass es an einem langen Pier festgemacht ist. Und die Brücke ist natürlich geschlossen. Am Funk meldet sich keiner. Zwei andere Boot dümpeln schon wartend davor. Da klingelt es metallisch. Fußgänger treten zurück. Und die Brücke geht auf, schwenkt nur ein paar Meter weg. Sodass die zwei Motorboote und ich sich durch die Lücke schlängeln können. Wunderbar. Altstadtkulisse von Willemstad: bunte Giebel, Straßencafé mit Sonnenschirmen, Touristenrummel. Traumhaft. In der Hafeneinfahrt liegen luxuriöse Privatyachten (Lürssen), weiter hinten die Arbeitsschiffe, ein Wald von Öltanks, abgebrochene Pollerstümpfe, Schrotthaufen, Schiffswracks, Möven. Alles genau meins. Die kleine Marina im hintersten Winkel der  Bucht: betriebsam. Keiner hat Zeit, auf meinen Funkruf zu antworten. Lege ich also alleine an. Frage im Büro nach. Kriege Liegeplatz, Lifttermin, Standplatz im Storage: Alles regelt sich. Kostet mich $ 12 am Tag, 4000 pro Jahr. Ungefähr so teuer wie ein Langzeitparkplatz am Flughafen. Nur Segelmacher gibt es keinen.
Und, ach ja: Das unauffindbare Zollamt, direkt an der Hafeneinfahrt, ist zum Wasser durch eine meterhohe Neonschrift gekennzeichnet: »CUSTOMS«. War ja klar.

War schon schön: St. Vincent

Mi., 19.04., gefühlt Mitternacht (20:30h): Spotify entdeckt. Versunken, untergegangen. All die Jahre, wo sind sie geblieben? Music was my first love. It will be my last. Die Playlist ist öffentlich (aber noch nicht fertig) und heißt SailEliza.

V. Karibik – 32. Martinique

Arbeitsplatz am Port de Plaisance, le Marin. (ELLI in der Bildmitte, kaum zu erkennen)

Le Marin

Di., 28.03.2023, Port du Plaisance, Marina au Marin, Martinique. Der Arbeitsplatz im Workspace blue-working liegt über dem Hafen, Blick auf die Marina und (irgendwo in der Bildmitte) auch auf die LISBETH. Und kostet € 25 am Tag, Wifi und Strom (und Kaffee) inklusive. Superpraktisch.
Wir haben die zweite Nacht an einer Boje verbracht, jeden Tag Dinghyrudern an Land mit den entsprechenden Absprachen. Klappt aber einigermaßen reibungslos. Gestern hab ich uns für einen Platz am Steg einzubuchen versucht, ist abgelehnt worden, heute läuft die Anfrage für einen Bojenplatz (bis Oktober). Mal sehen, ob es klappt. Wenn ja, erkunde ich die Insel noch ein paar Tage und suche mir dann eine Passage nach Europa. Wenn nicht, muss ein Plan B her.

Bessere Zeiten: André und Alba

Auf Barbados haben wir nach unserer Nacht an Land, Speickstown, gute 20 Minuten Fußweg von der Marina Port St. Charles, wo es außer einem einzigen Restaurant (und der Immigration) rein gar nichts gibt (Ferienwohnungen mit Bootsanlegestellen, gated community), am nächsten Nachmittag in Richtung Bridgetown aufgemacht, zwei Stunden herrliches Segeln mit Seitenwind. So jedenfalls die äußeren Bedingungen. Ohne Windsteuerung wollten wir Rudergehen und andere Segelstellungen als das ewige Passatwindsegeln austesten. Und Vorschoten bedienen und Wenden fahren und all sowas. Irgendwas lief aber schief, Alba hat keinen geraden Kurs hinbekommen, wollte sich aber auch nichts sagen lassen, sondern hat sich gegängelt gefühlt. Was ich falsch gemacht habe, kann ich nicht rauskriegen, weil mir Antworten verweigert werden. Aus Andeutungen (»mitten im Manöver!«) schließe ich, dass mein Fehler war, Alba anzubrüllen, die Vorschot nicht zu früh loszuwerfen, weil Gustaves Wenden ohnehin schwierig genug waren … Jedenfalls war miese Stimmung an Bord. Gustave hat uns in den Careenage Old Schoner Port gefahren, dort war aber kein Platz am Pier, alles voller Charterkatamarane für die Tagesausflügler von den Kreuzfahrtschiffen. In der Carlisle Bay direkt südlich gehen wir vor Anker. Nach zwei Nächten und zwei Abenden in der Stadt (Marlene und Alba schneiden mich, reden nicht mit mir) vor den BCC, den Barbados Cruising Club verholt, wo es zwar auch keinen Ponton für das Dinghy gibt (Anlanden am Strand und vor allem Ablegen vom Strand war kein bisschen trivial, auch wenn die Minibrandung höchstens 20cm hoch war: Mich hat es ebenso wie die anderen quergeschlagen und ins Meer geschubst, Wasser im Dinghy und alle Klamotten durchnässt. Vor dem BCC ist zwar auch Strand, aber wir sind besser und koordinierter geworden im raschen Hochzerren des Beiboots auf den Strand). Im BCC gibt es Duschen, eine (Snack-) Bar mit herrlicher Terrasse und superfreundliches Personal. Ninja, der Hafenmeister des Clubs, hat uns direkt bei der Ankunft von unserem geplanten Ankerplatz verjagt, ist aber dann mit seinem Kajak herausgepaddelt und hat uns einen perfekten Platz zugewiesen (und außerdem für die WeedliebhaberInnen an Bord speziellen Kaffee (»this is not for you!«) mitgebracht. Superfreundlich eben. Vierundzwanzig Stunden vor der geplanten Abfahrt kam André pünktlich (wenn auch abgehetzt, meine Signalnachrichten haben ihn nicht erreicht, obwohl sie bei mir als zugestellt angezeigt worden sind,) von seiner mehrtägigen Inselerkundung zurück. Hellauf begeistert von Barbados (»ein klasse erstes Ziel in der Karibik«), der Landschaft, den Leuten. Er könnte sich sogar vorstellen, hier zu leben (und eine deutsche Bäckerei aufzumachen). Andrés Begeisterung war ansteckend. Deshalb sind wir, nachdem wir am Nachmittag die Ausreiseformularitäten geklärt hatten (Taxi in die Stadt, anderthalb Stunden Warten, bis die Kasse aufmacht, Mittagessen bei Millie, Zoll, Immigration (kein Ausreisestempel!), Rückfahrt wieder Taxi) noch am Abend losgezogen: Oistin Bay ist ihm als lohnendes Ausflugsziel empfohlen worden, den Süden der Insel hatte er, wegen Zeitdruck, nicht mehr geschafft. Also blitzartig Sachen gepackt und um halb sieben ins ZR (Sammeltaxi) geklettert für die härteste Taxifahrt der Welt (18 Mann im Minibus, bauchfellwummernde Musik, der Fahrer holt alles aus dem Toyota-Bus, der, gefühlt ohne Kupplung, mit ausgeleiertem Getriebe und kreischendem Motor für irgendeine Rallye durch Wohngebiete und schmale 90°-Einmündungen zu trainieren schien, außerdem Jagd auf die einparkenden Mietwagen der Touristen machte. Wegsehen war nicht, nur Erdulden. Die Passagiere nahmen es stoisch; nur als ich in einer abrupten Linkskurve ins offene Fenster greifen musste, um nicht abzuheben, grinste der junge Mann neben mir sachte.
Rausgeworfen (die Geduld des Fahrers entsprach seinem Fahrstil) wurden wir allerdings nicht am WhattheTruck, unserem Imbissziel, sondern in Oistin Bay Garden, eine staubige Busstation und am Strand ein Markt aus Fressbuden, laute Musik, Bier- und Bratendüfte überall. Breakdance und Publikumsanimation auf einer Riesenbühne – das Rhythmusgefühl des schwarzen Jungmannes ist eben unübertroffen. Wogegen (außer dem expliziten Rassismus) im Prinzip nichts zu sagen ist. Nur: Alle Besucher waren weiße Urlauber, Typ Kreuzfahrtteilnehmer (von den wir im Hafen von Bridgetown beim Warten auf unsere Ausreiseabfertigung die wohlbeleibtesten und spärlichst bekleideten in reicher Auswahl bewundern konnten). Also nichts wie weg.
Der Foodtruck, den André empfohlen bekommen hatte, liegt drei km Fußmarsch entfernt. Taxi erhandelt. Sehr gut gegessen, auf der Wiese/Parkplatz neben dem Grillstand/Kochcontainer, wo sie herrliche Grillgerichte zaubern. War jeden Aufwand wert. Nur Bier gab es keins.
Also auf den Rückweg gemacht. In drei Kneipen geschaut (1. nur Backwaren; 2. machen in fünf Minuten zu (aber zwei Gläser Rum (und 11 Minifläschchen Bier) waren drin); 3. filmreife Bretterbude von Bar, Wirtin im Blümchenkleid mit buntem Tuch um den Kopf geknotet wie aus Onkel Toms Hütte, drei Gäste sitzen im Halbdunkel um einen niedrigen Tisch, ihr Kreolisch verstehen wir nicht. Jedoch: wunderbar passende Musik (Südstaaten-Schnulzen); es gab noch eine 4. Kneipe, vielversprechend abgerockt, aber die haben wir uns verkniffen.)
Sandy Beach macht seinem Namen alle Ehre, ein Musikpavillion (Rückzugsoption bei Regen), ein paar Picknicktische, Bäume und Meeresrauschen (um etwas zu sehen, ist es inzwischen zu dunkel). Sechs Bier waren noch zu killen. Wunderschön.
Nacht auf Isomatte unter Baum, morgens wurde André in den Rücken gezwickt: die irritierenden Löcher im sandigen Grasboden waren gar nicht von Wühlmäusen, sondern von handtellergroßen, hurtig flinken Krabben!
Aufbruch im ersten Licht, das Meer ist weit, der Strand wild bewegt, aber sandig. Die Bäckerei auf dem Rückweg hat schon offen, süßen Kuchen und Schinkensandwiches (halbgares Schweinefleisch; seit gestern hab ich Gicht im linken Knie).
Der Weg zurück, zwölf Kilometer an der Südküste der Insel entlang, führt durch Oistins (Ferienwohnungen, Boutiquehotels, Märchenstrände), Hastings (dito, ein halbes Jahrhundert älter) und Worthing. Für jede Pause (alle vier km) hab ich mir vorgenommen, ein Taxi zu nehmen, falls ich nicht mehr kann. Ging aber immer wieder. Letzte Pause auf einem nicht mehr bebauten Meergrundstück, die Brandung hat sich nach und nach die Uferbefestigung zurückerobert, malerisch verfallen. Und dann noch Kultur: das George-Washington-Haus; der erste US-Präsident hat auf seiner einzigen Auslandsreise Barbados besucht; superteurer Saft im angeschlossenen Café. Aber das Beste: das Denkmal, neben riesiger Pferderennbahn und alter Garnison, liegt kaum 200m hinter dem BCC! Eine abschüssige Straße hinab (ein altertümliches Feuerwehrauto schnauft herauf) und wir sind an der Tanke, die unsere Einkaufsmöglichkeit darstellt, zwei Minuten Weg vom Cruising Club!

Segelt gern: Gustave

Aufbruch am späten Nachmittag, unsere letzten Barbados-Dollars gehen für Abschiedsgetränke und Ninjas Trinkgeld drauf und wir lichten den Anker. Alba hat sich entschlossen, nicht mehr mit mir zu reden, vor allem keine Anweisungen von mir entgegenzunehmen und bleibt deshalb an Land zurück.

Rauschende Nachtfahrt für die knapp über 100 nm nach Martinique, halber Wind, Speed teilweise fast 8 kn. Wir steuern von Hand, Gustave und André haben die ersten Wachen, für meine (00:00 bis 03:00) lasse ich Georgie ran. Am Vormittag sind die typischen Pitons (dschungelbewachsene Rundberge) von St. Lucia zu sehen, um die Mittagszeit kommt Martinique in Sicht. Wir umkurven die Südspitze in heftigem Wellengang und laufen gegen vier in die lange, komplizierte Zufahrt nach Le Marin ein (»Don’t try to enter the approach at night!«).

Was haben wir die Tage gezählt -auf dem Atlantik

Anlegen an der Tanke ist nicht. Böse Überraschung: für einen Platz am Steg oder an einer Boje hätten wir reservieren müssen. (André: Soviel zu einem Skipper, der sich mokiert über Traveller, die sich nicht vorher informieren; aber selbst ahnungslos in eine überfüllte Marina einläuft … – hat er leider Recht.) Es ist Sonntag (Marinabüro geschlossen) und der mittelfreundliche (und vor allem kaum verstehbare, außer Französisch/Kreole wird hier keine andere Sprache gesprochen) Marinero geleitet uns zu einer Boje und macht uns fest.
Le Marin ist ein übervoller Yachthafen hinter weiten (und vollen) Ankerbuchten mit angeschlossenem Dörfchen, dabei die zweitgrößte Stadt der Insel. Aber für Yachties steht alles bereit: Ausrüster, Segelmacher, Reparaturservice, Bars, Restaurants. Abendliches Picknick mit André am Strand (Leberpastete, Baguette, Pflaumenkuchen, Bier).
Am Montagmorgen einbuchen in die Marina mit der grummeligsten Sekretärin der Karibik, Frühstück in der französischen Feinbäckerei („Wir haben doch noch Brot“ – aus Barbados), Gustave bringt zwei riesige Trommeln Wäsche auf den Weg und in den Trockner. Abends sind er und Marlene Essen mit Freunden, Rückfahrt ans Boot erst gegen elf. Aber heute früh, ich wollte um zehn im workspace sein, haben sich alle brav aus den Federn geschält und wir sind um elf an Land gewesen.

Ach ja: Film über die Passage gibt es wohl keinen. André (Fotograf, Kameramann) war überaus bereit, mit der GoPro zu filmen (»Inzwischen gibt es aber weit leistungsfähigere Modelle«) und hat auch oft herrlich draufgehalten. Nur leider hatte ich zuletzt einen extremen Zeitraffer-Modus eingestellt. Hab ich vergessen, André (»Nee, nee, alles klar«) mitzuteilen. Also sind alle Schnipsel exakt 00:00 sek lang. Und damit unbrauchbar. Hatte allerdings einen Vorteil: Das Überspielen zur Sicherung aufs Notebook ging ratzfatz.

31. Ab Mindelo

Marina Mindelo, St. Vincent, Kapverden (Foto: André)

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran. Höchst beeindruckendes Debüt: stilsicher eigene Stimme, Figurenstimmen glaubhaft und unterscheidbar, bewegende Geschichte, organisch strukturiert erzählt. Und, trotz superschwierigem Thema (zerplatzte Lebensträume) dennoch stimmig (märchenhaftes) positives Ende gefunden. Wunderbar (fing mich aber erst beim zweiten Mal anfangen).
Oliver Schröm (Ulmer Autor!): Die Cum-Ex-Files (wieder). Funktioniert auch beim zweiten (oder dritten?) Mal Lesen als sicherer Aufreger, Entrüster, Empörer. Spannend erzählt, sauber recherchiert, angemessen komplex erklärt, wagemutig offen genannte Namen. Aber: wie im Titel („und wie ich ihnen auf die Schliche kam“) nimmt sich der Autor viel zu wichtig. Journalisten goutieren das anscheinend (Deutscher J.-Preis).

Turtle Beach (Foto: André)

Hab ich schon erwähnt, dass der gleichförmig blaue Atlantik durchaus Zeit zum Lesen lässt? Tut er jedenfalls. Heute ist der neunte Tag und wir haben noch nicht mal die Hälfte geschafft.

Passatsegel (Fotos: André)
Leerer Kreis

Wenn unter den Arabern des Maghreb die Wüste „leeres Viertel“ heißt, sollte der Atlantik um den 15. Breitengrad wohl leerer Kreis heißen. Es ist der elfte Tag und wir haben seit Tagen (drei? fünf?) kein einziges anderes Schiff gesehen. André hat den dritten Fisch gefangen, diesmal eine Art Dorade (Dorade heißen auf Französisch die Mahi-Mahis, die wir bisher an der Angel hatten). Im Abendlicht glänzen die dichter werdenden Felder des Sargasso-Tangs golden im tiefblauen Wasser, die gute Elli zieht unter ausgebaumten Passatsegeln ihre ruhige Bahn, derzeit mit über fünf Knoten, nur rollt sie manchmal unangenehm. Die Tage verlaufen gleichförmig, mit Avocadokernschnitzen und -schleifen und Zeichnen (Marlene, Gustave), mit Angeln (André) und Lesen (Alba, ich, André). Vormittags wird das Bimini ausgerollt, abends eingefahren, weil wir Sternenhimmel und Mondauf- und -untergänge sehen wollen. Der gute Mond ist abnehmend, aber kurz nach Vollmond erleuchtet er noch immer traumhell den Umkreis. Gestern gab es Whiskey, weil wir nach Längengraden die Hälfte geschafft haben, bei 41°30´. Nach tatsächlicher Distanz haben wir bereits mehr als die Hälfte, weil wir seit den Kapverden viel Süd gemacht haben. Jetzt, bei 13°32´, geht es straks nach Westen, 270°, Barbados‘ Nordspitze liegt auf 13°20´.

Potheads of the Caribbean
Gustave flicht Marlene Braids (Foto: André)

Auch Hippies machen Haarpflege, kaum zu glauben. Wie Gustave, mit seinen seit drei Tagen eingeflochtenen Braids sie heute entflocht, dann aus großem Tiegel Haarkur auftrug, im Nachmittagslicht auf dem Heckbrett saß und seine Haare knetete, erinnerte schon an Johnny Depp und seinen Kajalstrich. Weil der Wind den ganzen Tag über direkt von hinten kam (gestern: halber Wind, wir nur vor dem Vorsegel, die Genuas gedoppelt nach Lee) und wir bis zu sechseinhalb Knoten draufhatten, haben wir das geplante Baden (Segel eindrehen, Schiff treiben lassen) auf einen windstilleren Tag verschoben. Und Gustave musste seine Haarkur mit dem Eimer auswaschen. Abwasch scheint ein Problem zu sein, jedenfalls hat Marlene André dazu hingetrickst („Wir haben das diskutiert“ –Marlene erinnert sich anders), dass er trotz Übelkeit unter Deck den Abwasch macht. Hat er gemacht, aber dafür gekotzt, der arme Kerl. Abgesprochen war das nicht. Aber eigentlich ist die Passage traumhaft, im Augenblick spielt sogar die Batterie mit, die sich kaum entlädt und nach zwei Tagen noch immer auf 12,2 V steht. Frühestens Morgen müssen wir wieder die Maschine starten und eine Stunde Batterie laden. Abendessen (sonst der Höhepunkt des Tages, aber, weil wir so spät kochen, meistens im Dunkeln eingenommen) fällt heute wohl aus, weil Gustave noch um vier einen ausgiebigen Pasta-Snack gezaubert hat. Soll mir recht sein. Heute nur zwei Zigaretten: Ich bin dran [am Rauchenaufhören].

Von wegen: neue Papierchen gefunden. Drauf wie eh und je.

»Dass ein Mann so einfühlsam die Gefühle einer Frau nachempfinden und exakt beschreiben kann – ungewöhnlich und selten.«

Top-Bücherfrau

So ähnlich hat eine der Bücher-Influencerinnen D.H. Lawrence Lady Chatterley´s Lover beschrieben. Tatsächlich sind Connies Gefühle (und nicht nur die) ausführlich geschildert, nicht immer klingen sie erwachsen und emanzipiert, aber das wäre wohl auch zu viel verlangt. Explizit, auch in den erotischen Schilderungen, skandalös zu seiner Zeit (1920er). Pornographisch? Nach unseren Maßstäben keineswegs. Spannende Geschichte, multiperspektivisch erzählt, lauter runde Hauptfiguren, auch die unsympathischen, gut getroffene Nebenfiguren (alles Intellektuelle bzw. Schreiber), saftige Sprache, Derbyshire-Dialekt kaum verständlich. Mellors (die Titelfigur) ein Bilderbuchheld; bodenständig, klassenbewusst, lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen. Heißer Lover, aber durchaus nicht nur geleckt gutaussehend, nach heutigem Geschmack. Wunderbare Lektüre, gut gealtert (erst 1960er entkriminalisiert worden und herausgekommen).

3 lustige Travellergeschichten, 1 rührende und 1 schäbige

Traveller, also Reisende mit ganzganz kleinem Budget, die sich durchaus nicht als Touristen bezeichnen lassen wollen, haben mich schon vor vierzig Jahren genervt. Hatte gehofft, da hätte sich was geändert. Hat es nicht. Traveller reisen superbillig, essen mit den Einheimischen (oder aus dem Container), erleben alle viel intensiver als die Pauschaltouristen, die nur für vierzehn Tage in ein Land kommen. Beispiele? – Gerne:
Traveller X., durch Pech (Portemonnaie geklaut) geldlos auf der Fähre von Spanien (la peninsula) nach Gran Canaria gelandet, bekommt vom Retaurantpersonal Wasser ausgegeben, dazu anderthalb Kilo Nudelsalat (den hatte er aber nach drei Mahlzeiten satt (die Überfahrt dauert 32 Stunden), erschleicht sich ein Frühstück, indem er reklamiert, für so etwas (labbriger Toast, ungesalzenes Rührei) könne man kein Geld verlangen – und bekommt es umsonst. Beschweren tut er sich aber trotzdem über die Fährfahrt, vor allem aber darüber, dass es im Ruheraum der ersten Klasse nicht erlaubt sei, auf dem Boden zu schlafen, „obwohl da genug Platz war.“ (Auf meiner Fährfahrt schliefen überall Leute, ausdrücklich NICHT zum Schlafen ausgeschildert waren genau drei Sitzgelegenheiten, alle im Bereich der Essensausgabe. Fand ich damals aus ästhetischen wie hygienischen Gründen durchaus nachvollziehbar.) Jedenfalls: bornierter hätte sich auch der schlimmste TUI-Billigtourist nicht aufführen können.
Travellerin Y. fängt, als sie (in Italien) beim Tauchurlaub darauf hingewiesen wird, dass man im Club nicht oben ohne gehe, eine Diskussion an; über Natürlichkeit und ob ihr Körper abgelehnt werde. Dass das Gesetz Genderdiskrimierung verbiete und Männer auch keine Oberteile tragen müssten … Travellerin Y. will übrigens in Südamerika veganes Straßenessen verkaufen („muss man in Europe zu viele Vorschriften beachten“). Als ob es in den Ländern nicht Straßenküchen zuhauf gäbe, auch vegane Gerichte …
Travellerin Z. fragt im Motown (um zu klären, ob sich die Ausgabe für einen Drink lohne), ob die dort einfache oder doppelte shots in ihre Drinks gäben. – Verstand der Wirt nicht: Sie schenken soviel aus wie man will.– Schon, aber einfache oder doppelte? – Bis man stopp sagt eben. – Aber wie viel?
Da sind mir persönlich die Pauschaltouristen lieber, die sich zwar ebenso andauernd beschweren, aber zumindest Geld in den Ländern lassen, die sie besuchen (und ab und zu einen Reiseführer konsultieren – gilt unter Travellern als uncool. Erfahrungen muss man nämlich selber machen, nur dann zählen sie).
»In Spanien musst du unbedingt Paella probieren!«, wurde Travellerin Q. empfohlen. Hätte aber 21 € gekostet. War ihr zu viel. Und wie Reis mit Gemüse schmeckt, weiß Travellerin Q. aus Erfahrung, sie hat oft genug „Reis mit Scheiß“ selbst gekocht. – Komplett ironiefrei erzählt, eher sogar stolz und als Beispiel dafür, dass man sich (teure) Erfahrungen auch schenken kann. Fehlten mir die Worte.
Traveller R. hat eine schrecklich schwierige Überfahrt von La Linea/Gibraltar hinter sich, 20 Tage, Flauten und stürmische Winde, die sie (Ehepaar mit kleiner Tochter, das zweite Kind ist unterwegs) zwangen, in einem marokkanischen Hafen Schutz zu suchen, wo sie von den örtlichen Fischern gewaltsam vertrieben wurden, später im Außenhafen angesichts gefährlicher Brandung die Kette kappen und den Anker zurücklassen mussten, um das Schiff zu retten. Und nach dem Ende des Unwetters Markierungsboje, Kette und Anker nicht mehr finden konnten, weil inzwischen ein Baggerschiff das Hafenbecken durchpflügt hatte. Ohne Anker steht das fragile Leben der Segler (sie haben alles verkauft, besitzen nur das Schiff; Marinagebühren können sie sich nicht oft leisten) auf der Kippe. Und Traveller R. (»Es ist nur Geld. Geld kann ich wieder verdienen.«) kommt für einen neuen Anker und neue 70m Kette auf, verballert dafür nahezu sein komplettes Reisebudget. Unglaublich edel und rührend. Aber dass die Segler dieses unerhörte Geschenk auch noch angenommen haben, finde ich nicht in Ordnung. Solange man noch eine Yacht sein eigen nennt, ist arm sein relativ.
»Die wissen, dass wir kein Geld haben.« – »Der hätte niemals Geld von uns genommen.« TravellerIn S. und T. verstehen nicht, dass ich es angemessen finde, einem Hafenmeister, der uns eingewiesen, uns Zugang zum Yachtclub ermöglicht und den Code für die Toiletten/Duschen gegeben hat, ein Trinkgeld aus der gemeinsamen Kasse dalassen will. »Wir haben einen Joint zusammen geraucht, das ist völlig ausreichend.« Sagen die Traveller, die eine Kranken- und Sozialversicherung haben, die in einem halben Jahr genug Geld verdienen können, um ein Jahr unterwegs zu sein, die eine Botschaft im Rücken haben, die sie zur Not aus fast jedem Land der Welt nach Hause holt, die einen Pass haben, mit dem sie nahezu ohne Umstände in so gut wie jedes Land der Welt einreisen dürfen, zu einem Fünfzigjährigen ohne Einkommen (»alle im Club arbeiten ehrenamtlich« (Zaunpfahl!?)), der auf einer geschenkten vor Anker liegenden alten Yacht wohnt und nichts von dem oben genannten hat, wahrscheinlich noch nicht mal einen Pass. Und der nie im Leben darauf hoffen kann (aber davon träumt, wie fast alle), solche Reisen zu unternehmen. Welche Eurozentrik, anzunehmen, dass die Reiserzählungen (Ich-Perspektive) von Mitte-Zwanzig-Jährigen interessant genug für den Mann sein könnten, dass er darüber vergisst, dass er auch leben muss. Oder in anderen Worten: Das ichbezogene Schmarotzertum der sogenannten Traveller, das selbstvergessene Anbiedern, die selbsternannten Freundschaften zu den Einheimischen (alles ironiefrei vorgetragen und niemals ohne den abschätzigen Verweis auf die sogenannten Pauschaltouristen) – widert mich an. (Kreuzfahrt-) Touristen, selbst die in den unmöglichsten Aufmachungen (transparenter Pareo über nassem Bikini) auf dem Weg vom Taxi durch den Zoll zum Schiff, lassen wenigstens Geld in den Ländern, die sie nicht wirklich besuchen. Traveller verlassen den Hafen ebenfalls nur ungern (ist alles zu teuer), aber wenigstens fühlen sie sich überlegen. Traveller? – Betteltouristen, more like it.

Im Square (Foto: André)
Drei Wochen

21 Tage sind echt lang. Zu fünft (André ist am Ende doch mitgefahren) auf 10m2 auch eng. Haben wir aber insgesamt gut hingekriegt, gut gekocht und gegessen, Glück mit dem Wetter gehabt, durchgehend Wind, teilweise auch stärker, aber immer aus der richtigen Richtung. Jeder hatte seinen Zeitvertreib. Gustave hat Avocadokerne geschnitzt, geschliffen, mit Halbedelsteinen versehen (das Holz schwindet beim Trocknen und fixiert die Einschlüsse) und zu takeln versucht, leider waren meine alten Falle zu hart und unflexibel dafür. Und in den Wachen gezeichnet.

Marlene hat gezeichnet, mit Wachskreide koloriert, auch geschnitzt (Vulva mit Glitzerstein als Klitoris), André hat Musik gehört auf seinem supersparsamen Handy, Alba hat gekocht, gefühlt vier Mal am Tag, und gelesen. Ich hab gelesen. S. Hustvedt: Was ich liebte (wieder). Geht noch immer gut, genau beobachtet, toll geschrieben, bewegend und voll tiefer Einsichten über die Liebe und das Leben. T.C. Boyle Wassermusik (wieder). Geht leider gar nicht mehr. Die Leichtfüßigkeit der Neunziger, der skurile Sarkasmus, die unmotivierte Grausamkeit und Blutrünstigkeit, die tragischen Slapstickeinlagen der Figuren, die seichte Mischung aus Körpersäften und Dreck (cf. Barock), aus Gesellschaftssatire und armer Thor (cf. Simplicissimus) – irgendwie nicht gut gealtert. N. Hornby Juliet, naked. Geht immer wieder und wird immer wieder gehen.

Gustave, Schnorchler. Im Hintergrund: Sargasso-Weed (Foto: André)

Immer gab es Musik (so lange die Akkus hielten), immer wieder gab es traumhafte Sonnen/ Mondunter- und -aufgänge, oft theatralisch schön. Bilder, die ich nicht geschossen habe: Sonnenaufgang, alles ist pastellig erleuchtet, Gustave (Wache vor mir) und ich starren wortlos ins anschwellende Licht. André stellt sich stumm zwischen uns, drei Männergesichter im Profil im sanften, bräunlichen Morgenlicht: wäre sicher ein schönes Foto geworden.

Regel 25: Yachties tend to smell

Margareth, „Follow that boat”
Superplatz: im Bug (Foto: André)

Endlich mal eine Regel, die nicht zutraf: Zwar haben die meisten von uns nur einmal mit Meerwasser aus dem Eimer „geduscht“ (und einmal im Atlantik gebadet, auf 5000m), aber ich hab die gesamte Zeit keinerlei Körpergeruch wahrgenommen (außer meinen eigenen: heftig!). Kein Sturm, keine Flaute, keine Schäden am Schiff, kein Segel gefetzt (obwohl die beiden Genuas manchmal heftig geschlagen, sogar geknallt haben), keine besonderen Vorkommnisse. Einmal Frischwasser ins Toilettenbecken gepumpt, weil der Hahn nicht geschlossen war, einmal ist der Glasdeckel der Wokpfanne heruntergefallen und zerschellt. Regeln waren schwierig. Dass man stets Schwimmweste trägt und außerhalb des Cockpits mit Sicherheitsleine eingepiekt ist, scheint nicht leicht einzusehen zu sein, jedenfalls schwer zu befolgen. Dass Messer nicht offen herumliegen dürfen, dass man nichts ins Spülbecken stellt, dass man sein Geschirr direkt nach Gebrauch mit Meerwasser vorspült, dass man auf Toilette nicht nur abpumpt, sondern auch zwischenspült, dass man den Gashahn nach Gebrauch zudreht … eigentlich war ich immer der Papa, Nörgler, Polizist, Aufpasser. Der Spießer aus dem Lehrbuch eben. Einmal wurde in der Vorschiffkabine geraucht. Bin ich böse geworden. Tacheles zu reden wurde nicht sehr geschätzt, Reden überhaupt zunächst abgelehnt, eine Gesprächsrunde unter strengen Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass-Regeln fand ich unbefriedigend und sinnlos. Aber: Alles Nörgeln auf hohem Niveau, wir hatten eine schöne, meist harmonische Überfahrt mit atemberaubenden Segeleindrücken. In der letzten Nacht ist auf der Nachtwache irgendwas schiefgelaufen und wir sind 4´ (4 nm) nach Süden abgekommen. Ließ sich aber rasch ausbügeln. Wache ernstnehmen, ab und zu Kurs und Segelstellung und den Horizont beobachten scheint auch nicht jeden Travellers Sache zu sein. Aber selbstverständlich war ich gottfroh (und hab das in der Heiopei-Dankesrunde auch angesprochen), dass ich nicht alleine fahren musste. Obst und Gemüse gab es fast bis zum letzten Tag, wegwerfen mussten mir fast gar nichts, Gustave hat nur ab und zu die faulen Stellen vom Kohl geschnitten.

Einzelheiten? – Hier (Auszug aus dem Logbuch):

28.2.,15:30h ab Mindelo, São Vincente, Kapverden. Nicht ohne ausführliches Tänzchen auf dem Steg (Video folgt leider NICHT: s.u.) und Abschied von Julian und Amanda von der DARSHAN, die eigentlich schon vor uns losgefahren sein wollten. Mindelo liegt auf 24°59‘, Barbados auf 59°38‘, wir hatten also 25 Längengrade (à fast 60 nm) vor uns: unfassbar weit.
Tagelang Wind stabil aus NE, Passatsegel oben, manchmal schlägt die kleinere, stb am Großbaum ausgefierte Lee-Genua, lässt sich aber durch Lose geben oder dichter holen meist beheben. Sonst fast ereignislose Tage, Etmale um hundert und bis zu 120 nm [Die Bezeichnung Etmal scheint veraltet zu sein, jedenfalls steht sie (André fragte im Rahmen seiner täglichen wohlbedachten Frage nach) nicht im Handbuch – meine Segelstunden sind einfach vierzig Jahre her, Warschauen sagt auch kein Mensch mehr.]
Fr., 03.03. (Tag 4) beim Überschreiten des 30. Längengrades stellen wir die Uhr eine Stunde zurück (wie alle 15°), damit die Nachtwachen nicht allmählich zu Tagwachen werden. André hat das Angelzeug klargemacht und mehr oder weniger sofort (45‘) eine Dorade gefangen, gar nicht mal so klein. Gustave erschlägt, ich steche ins Auge, Gustave nimmt aus. Drei Filets für die Nicht-Veganer (Jungs), superlecker. War eigentlich ein Mahi-Mahi (franz.: Dorade), weiblich (Kaviarbeutel), die beim Zusehen ihre Regenbogenfarbe verloren hat und bleich silbrig wurde. Der (Fast-) Vollmond geht kulissenkontrastfarben auf und unter und erleuchtet das Deck dazwischen fast taghell (Sterne entsprechend weniger). Am Samstag ET [Etmal] 140nm, obwohl das Logbuch keinen besonders kräftige Wind verzeichnet. Am Sonntag erleuchten fluoreszierende Quallen unser Fahrwasser nach Monduntergang.

Mo, 06.03. (Tag 7) drei Stunden unter Motor, die Batterien entladen sich sonst zu sehr. Alle ziehen allerdings für das Energiesparen brav an einem Strang, nachts schalten wir sogar das Navigationslicht aus. Am Mittwoch zeitgleich (oder fast) Sonnenunter- und Mondaufgänge (oder umgekehrt). Vollmond und dramatische Bilder. Fliegende Fische fast andauernd zu sehen und fast täglich auch an Deck (bzw. in Andrés Koje, der den zappelnden und lautstark flappenden Eindringling wieder rauswirft), vertrocknend. Am Biminigestell schieben sich die Sicherungsstifte aus dem Gestänge. Mit Schlauchklemmen repariert. Donnerstags der zweite Mahi-Mahi, größer und gieriger (mit einem kompletten und mehreren halbverdauten kleineren Fischchen im Bauch).

Freitag, 10.03 (Tag 11). Die geschaffte halbe Strecke (nach Längengraden, die Südstrecke von den Kapverden zum 15. Breitengrad ignorieren wir einfach) feiern wir mit Whiskey (bis auf André, der Nachtwache hat und Whiskey eh nicht so gerne mag, ebensowenig wie Schokolade(!)). Samstag gibt’s den dritten Fisch, diesmal eine Dorade und in der Vollmondnacht tanzen Alba, Marlene und Gustave auf dem Deck (vorbildlich in Schwimmweste und Sicherungsleine). 45°, also Bordzeit eine Stunde zurück. Dienstag backt Alba einen Kuchen aus geschichteten Pfannkuchen (und ihr Betttuch weht (nach ca. 10h im Wind) über Bord). Mi (15.03., Tag 16) regnet es (höchstens eine Stunde). Am Freitag ist Badetag, wir rollen die Genuas ein, blockieren das Steuerrad eingeschlagen und bringen eine lange Leine aus. Dennoch treibt die ELLI mit bis zu einem kn. Zwei Stunden Superspaß mit Sprüngen vom Heckbrett. Mit Taucherbrille ist ein Päärchen neugieriger Fische an der Schleppleine zu sehen. Und die Entenmuscheln am Unterwasserschiff, Tentakeln derzeit ca. drei cm. Endlich ein perfekter Sonnenuntergang ohne störende Horizontwolken: die goldene Mandarine taucht strahlend in ihren Saft. Am Samstag kommt uns ein Frachter entgegen (eine von drei Begegnungen, kein einziges Segelboot dabei).

Am So., 19.03. (Tag 20) ist ab 23:00h der Widerschein der Lichter von Barbados am Horizont, am Montag umkurven wir im ersten Licht die Nordspitze der Insel in den aufgepeitschten Wogen fast aller Kaps, um 08:30 machen wir an der Marina Port St. Charles fest, werden zum Wartesteg umdirigiert, wo wir warten müssen, bis die Behörden (Polizei, Gesundheit, Immigration, Zoll – alle in ein und demselben Büroraum) aufmachen. Um halb elf sind wir offiziell drin und angekommen. Nachmittags geht’s ins Städtchen; jeder für sich. Es soll Alkohol getrunken worden sein.

Immigration? Hier rechts (Foto: André)

30. Achteinhalb Tage

San Pedro (Turtle beach), Sao Vicente, Cabo Verde
Richtung Kapverden

Samstag, 11. Februar war es endlich soweit. Am Nachmittag sollten die Winde auf Nord-Nordost drehen, evtl. kleine Flaute, dann die ganze Woche in unsere Richtung, teilweise bis Bf 7. Aber stets achterlich. Eile hatten wir also keine. Marlene ging letzte Einkäufe tätigen, Gustave und ich bereiteten das Rigg für Passatbesegelung vor. Um halb vier in die andere Marina gedampft, wo es eine Tankstelle gibt. Auch wenn nur 20l reinpassen würden. Nach dem Tanken konnten wir am Anleger bleiben, bis eine andere Yacht tanken kommen wollte. Kam aber keine. Gaston und Matx („Matsch“), Baske, schauten vorbei, später noch Blue, die uns ein handgemaltes Kartenspiel (für Hanabi) geschenkt hat. Wehmütig (Abschied) und ausgelassen (große Erwartungen) war auch noch ein Tänzchen an der Tanke drin, sicher auch für guten Wind (hat jedenfalls geholfen). Um fünf macht die Tanke zu, um halb sechs sind wir raus aus Marina und Hafen. Draußen war erstmal zwei Wachen (6h) Flaute. Sind wir getrieben bzw. herumgedümpelt, See ruhig, Sonnenuntergang klasse. Dann kam der Wind. Der Wachturnus war rasch festgelegt und hatte sich schnell eingespielt: nachts drei-Stunden-Wachen, vier Stück, zwischen 21:00 und 09:00, tagsüber vier-Stunden-Wachen, drei Stück, wiederum bis 21:00. Kein weed während der Wachen, musste ich dran erinnern. Außerdem scheint es schwierig zu sein, sich zu merken, dass der Klo-Pumpen-Hebel nach Gebrauch wieder ins Gehäuse zu schieben ist. Hab ich schon erwähnt, dass ich mir wie der letzte Spießer vorkomme?

Exkurs: Im Salon, pardon: im Square (in der Bordsprache Englisch haben alle Kabinen neue Bezeichnungen bekommen: Triangle ist die Vorschiffskabine, Square heißt der Salon, bleibt Circle für die Achterkabine); ELIZUPA heißt das Boot (weil ich, anscheinend typisch deutsch (Französin mit Tomás vor dem Motown)) andauernd „super“ sage – muss ich mir abgewöhnen. Gustave findets allerdings gut. Außerdem weckt er mich (meine Wache ist nach seiner) mit dem traditionellen »Reise, Reise!« [»Raisöraisö«], was ich wiederum super finde. Zurück zum Spießer: Im Square hängt ein Zeitungsausschnitt, eine Filmreklame: El peor vecino del mundo (Der schlimmste Nachbar der Welt). Den Film kenne ich zwar nicht, aber der Titel (und der Untertitel (Nunca es tarde para empezar a vivir (Es ist nie zu spät, ein (neues) Leben anzufangen) versprechen ein Spießer-Drama. Und was hat der (Hollywood-) costume designer als Outfit ausgesucht: dunkelblaue Allwetterjacke, dünner Wollpullover, kariertes Hemd. Genau mein Stil. Tom Hanks trägt zwar keine Brille, aber mit Quadratschädel und fiesem Blick kommt er ganz auf mich. Oder wie Marianne Rosenberg singen würde: Er ist wie ich.

Schickes Outfit: Hanks

Zurück zur Passage: Bei dem fast durchgehend herrschenden schweren Seegang dringt doch deutlich Wasser ins Schiff, sprudelt dann aus den Bodenbrettern, ergibt eine unangenehme Sauerei. Alba macht sich Sorgen. Und pumpt heftig.
Abendessen gibt es gekocht und warm (je nachdem, welches Gemüse dran/am vergammeln ist), Frühstück und Zwischenmahlzeiten macht jeder für sich oder für diejenigen, die wach sind. Ich hab eine Erkältung erwischt und schlafe mit Mütze und Halshandtuch so oft es geht.
An Sonntag früh verschwinden die letzten hellbraunen Berge der Südküste von Gran Canaria endlich im Dunst. Von jetzt ab nur noch Atlantik. Einmal ein Frachter hinter uns quer (irgendwo nach Mauretanien?), einmal ein hellerleuchtetes Fischerboot, einmal ein einsames Licht wie von einem Segelboot querab, in der Dunkelheit aber nicht auszumachen – dafür, dass die gesamte (komplett ausgebuchte) Marina in Las Palmas auf günstigen Wind gewartet haben soll, ist erstaunlich wenig los. Oder haben wir den aufziehenden stürmischen Wind nicht ernst genug genommen?
Dessen Höhepunkt ist für Donnerstag angesagt, also reduzieren wir schon Mittwoch nachmittags vorsorglich die beiden Genuas. Die lassen sich aber (bei wenig Wind) problemlos auf das Vorstag rollen. Teilweise segeln wir nur noch mit einem Bettuchgroßen Stück, am Donnerstag Nachmittag und nachts sogar völlig ohne Segel: Ablaufen vor Topp und Takel. Aber immerhin noch mit vier Knoten! Im Radio war Gale warning (Sturmwarnung). Zwar lässt der Wind immer wieder nach, aber hohe Dünungswellen bleiben. Und zwischen Bf 4 und 7 (Böen 8) schiebt uns der Wind von hinten fast geradewegs auf die Kapverden zu. Schaukelfahrt, aber immer wieder auch wie auf Schienen. Und Sonnenschein bzw. sternenklare Nächte. Inzwischen hat die Erkältung auch Gustave erwischt, Marlene kann es unten nicht lange aushalten, wir essen im Cockpit auf den Knien zu abend. Und es schmeckt: Wind macht hungrig. Alle Bananen sind gleichzeitig reif geworden, lecker Bananenpfannkuchen (Marlene) und Bananenschokopfannkuchen (Alba), die Äpfel halten auch nicht, was uns versprochen wurde und die Orangen stoßen sich in ihren Netzen weich und wund. Marlenes Hängematte allerdings tut als Obstnetz unter dem Bimini gute Dienste. Gestern hat sie in ihrer Wache sogar die fluoreszierenden Delfine gesehen – was mich beruhigt: war also doch nicht nur meine Einbildung.

Der Moment

… ereignete sich schon am zweiten Morgen. Erstes Grau im Himmel, Boot läuft ruhig unter Passatsegeln, Gustave und Marlene kuscheln sich durch ihre Wache, jeweils eine Tasse Tee in den Händen. Auch ich hab einen Pott Kaffee. Und urplötzlich erinnere ich mich an das Bild, mit dem für mich alles anfing: eine stilvoll-naive Illustration wie aus einem Kinderbilderbuch (von Paulas Agentur, hätte ich gesagt, aber der Moment muss Jahrzehnte früher stattgefunden haben). Auf der Yacht ein junges Paar, ebenfalls im Morgengrauen, ebenfalls unter Passatsegeln, nur ruhig, friedlich, still. Irgendwo hat der/die Zeichner/in noch einen rückenbiegenden Delfin untergebracht, der war bei uns nicht dabei. Jedenfalls: das Paar, sie noch im Schlafanzug (überweites T-Shirt, Slip) mit einem Pott dampfenden Kaffee in der Hand, er kauert am Heckspiegel und rasiert sich den Schaum vom Kinn. Bewegt ist eigentlich nur das Kielwasser, das sich sanft kräuselt. Dieses Bild, das ich irgendwo vor Jahren gesehen habe (sollte ich vielleicht mal googeln) hat jedenfalls meine Sehnsucht nach einer Segelreise ausgelöst oder heraufbeschworen. (Oder ich hab damals angefangen, mich nass zu rasieren?). Und genau dieser Moment trifft jetzt, am zweiten Morgen der Passage ein. Ganz merkwürdig wehmütig-befriedigendes Gefühl. Fast wie ein Déja-vu. Jedenfalls sehr bewegend. Ich bin noch den ganzen Vormittag befangen vor emotionalem Überschuss.

Heute, Samstag, 18.02. (Karnevalssamstag in der Stadt mit K.), sind wir eine Woche unterwegs und haben schon vor zwei Tagen beschlossen, auf jeden Fall auf den Kapverden Station zu machen. In der kleineren Genua ist ein Riss entlang des Achterlieks, die Befestigung des Wasserkanisters ist abgegangen, am Herd funktioniert nur noch eine Flamme (Wasser im Schlauch) und der Wassereinbruch im Salon scheint sich zu verstärken. Wir brauchen eine Reparaturpause. Außerdem sind mir die Zigaretten ausgegangen. Heute mittag waren es noch 182 nm, also fast zwei Tage. Wenn wir können, wollen wir die Ankunft so terminieren, dass wir nicht im Dunkeln einlaufen. Mal sehen.

Karneval in Cabo Verde

Rosenmontagmorgen um sechs Uhr (also noch im Dunkeln) endlich die Marina Mindelo ausgemacht (Navionics hatte ich für die Kapverden nicht geladen) und vom Marinero an der Tanke erwartet worden. Seitenwind falsch eingeschätzt und eine Schramme in die Flanke der armen ELLI gefahren. Aber gut angekommen, fest- und Bier aufgemacht. An der Tankstelle konnten wir nicht bleiben, also umsetzen an einen wackligen Ponton, vor dem wir vor zwei langen (unelastischen) Vorleinen mit dem Heck zum Steg liegen (zwei Marineros im Schlauchboot haben die Vorleinen ausgebracht) und unsere Boje komplett unter Wasser ziehen. Das hier übrigens grün ist und fendergroße Moos- oder Algenbälle schwimmen hat. Einchecken und Umlegen hat so lange gedauert, dass wir erst um halb eins bei der Hafenpolizei sind, die Immigration hat inzwischen geschlossen. Es ist Rosenmontag, der Karneval ist weltberühmt und wird das Städtchen bis einschließlich Mittwoch in Atem (und die meisten Geschäfte geschlossen) halten.
Ging direkt abends mit einer großen Parade los. Öhrenbetäubende Beschallung, Goldlammé-Kostüme, Tragegestelle mit Pfauenräder-Befederung, hochhackige Stiefel und hochgeschnittene Badeanzüge: besser ist der Karneval nur in Guinea-Bissau, im Senegal und natürlich in Rio (belehrt mich ein Betrunkener/Psychiatriepatient auf portugiesisch, ich antworte auf deutsch, kann ihn aber dennoch eine halbe Stunde lang nicht loswerden. Andererseits; freundlich gestikulieren, aufkochende Erbostheit beschwichtigen, ab und zu einsichtig lächeln geht in jeder Sprache. Zu irgendwas ist die Fasteloovend-Erfahrung dann ja doch gut.) Nach einer Stunde fällt mir auf, dass die Musik sich wiederholt. Tatsächlich spielen sie (auf dem gesamten Zugweg, überall in der Innenstadt) dasselbe Lied in Dauerschleife, insgesamt sicher vier Stunden lang, später werde ich dazu einzuschlafen versuchen (die Marina liegt praktisch in der Verlängerung der Hauptstraße, die am Strand in einem Kreisverkehr (und Feierzentrum) endet).

Gestern abend Großkampftag und große Parade. Danach noch auf den Hauptplatz, lief aber nur noch Konserve zum Chillen. Dennoch: die Tänzerinnen, die nach einem Tag High Heels barfuß nach Hause wanken. Die kreischbunten Hochglanzkostüme in allen Stadien der Auflösung, die Stimmung zwischen Euphorie und Erschöpfung, Rausch und Ohnmacht, das seelige Lächeln zwischen zwei Gähnanfällen – Kehraus ist vielleicht das Menschlichste am Karneval. Hier noch dazu mit streunenden Hunden und kleinen Kindern (auf Schultern gehoben mit leuchtenden Augen oder schlafend getragen). Einer hat Alba, mit der ich unterwegs war, seine Bockleiter angeboten, sie war zu genant, ich hab es mir nicht nehmen lassen: in den hinteren Reihen sieht man nur die Mottowagen und die Tänzer/innen auf ihren luftigen Podesten. Aber das eigentliche Leben findet auf Straßenebene statt: Trommlergruppen, Sambaschulen, strahlende Märchenprinzessinnen für eine Nacht. (André, der heute aufs Boot kam (und eine Mitfahrgelegenheit in die Karibik sucht, was sonst?) hängt hier schon seit Wochen rum und hat die gesamten Proben und Probeumzüge mitbekommen. Es scheint hier seit Wochen nur um den Karneval, diese drei tollen Tage zu gehen. Nur wir sind völlig unbedarft hier hineingestolpert, wo andere extra deswegen hierherfliegen …)
An Karneval hat nur der chinesische Supermarkt geöffnet (Falcoes), außerdem Putenschnitzel, Pommes, Spiegelei, Reis, Salat, Bier und Vanillecremetörtchen im lokalen Restaurant (8€). Und endlich mit Paula signaltelefoniert (und André und seinen Skipper getroffen). Und Julian und Amanda (Bonn), unterwegs nach franz. Guyana), weil Julian den Müll aus dem Windschatten des Pontons direkt am Heck der ELLI gefischt hat, eine Tüte voll innerhalb einer halben Stunde.

Ach ja: Und das Ruderlager geflickt. Am Donnerstag Nachmittag hab ich nämlich endlich nach der Ursache für das Poltern gefahndet, das (mich im Schlaf aufschreckt und) sich nach einem schweren Gegenstand anhört. Das Ruder der Hydrovane war es nicht. Aber das Messinggehäuse der Stopfbuchse am Schaft des Hauptruders hat sich gelockert und zwei mm Spiel, dadurch die Dichtungsgummierung zwischen Ruderlager und -koker herausgearbeitet: daher das Wasser im Schiff bei hohem Wellengang. Die Crew nimmt die Nachricht gefasst auf, vor allem erleichtert darüber, dass jetzt endlich klar ist, wo das Wasser herkommt, das sie zweimal täglich ausgepumpt haben. Aber damit war der Entschluss gefasst, auf den Kapverden Station zu machen – mit lockerem Ruderlager über den Atlantik? Geht gar nicht. Heute (Aschermittwoch) habe ich den Flansch des Ruderkokers, der nicht mit dem Flansch von Ruderlager und -stoffbuchse gefluchtet hat, einseitig auflaminiert. Danach sollte das Ruderlager flächenschlüssig (und nicht nur auf Unterlegscheiben, wie nach der Verzweiflungsreparatur im Boatyard in Cornworthy) klemmen und damit so stabil sein wie der Rest der guten alten ELIZUPA.
Gleich geht’s wieder ins Getümmel, die Bands trommeln sich schon warm …
Marinarundblick: im Osten, hinter der Fischmarkthalle, wo die Boote anlanden, schwanken hohe Motivwagen, grellweiß angestrahlt heran, Samba dröhnt herüber, ein Stück weiter links ist ein Bühne aufgebaut, Requeton wummert heran, noch ein Stück weiter malen Luftabwehrscheinwerfer Lichtschwerter in den Nachthimmel, die gehören schon zur nächsten Bühne (Rumbarausch mit Frauenstimmen), am Kreisverkehr vor der Marina treffen sich Trommlergruppen und Tanzschulenkostüme von beiden Seiten, begegnen sich irgendwie, ohne sich zu mischen und augenscheinlich ohne sich zu stören (jeweils eigene Musik), ein Steg weiter gähnt ein schickes rotleuchtendes Dreieckslokal mit atemberaubend ausgeleuchteter Terrasse (aber gähnend leer, Musik jedoch voll aufgedreht), gegenüber singt sich eine Calypso-Boygroup die Seele aus dem Leib, auf dem nächsten Platz, etwas zurückgesetzt, tanzt eine (oder mehrere?) Rumbaschulen völlig synchron (eigene Musik) … und das war nur die Uferpromenade. Die richtig großen Bühnen und Tribünen sind zwei Blocks den Hügel hinauf im Stadtzentrum aufgebaut. Dort tanzt er kapverdische Bär. Dazu: Brathuhnduft und Holzkohlegrillrauch, Popcornaroma und Garküchendunst. Aber: kein Alkohol im Straßenverkauf! Im Sturm (herrscht ununterbrochen seit drei Tagen!) fliegt der Plastikmüll und kreiselt im Windschatten eines Rohbaus zu Boden. Bilder, die man nicht geschossen hat. Und die hoffentlich dennoch bleiben.

Endlich Band I der Recherche zu Ende gelesen (die Passage war lang (8 ½ Tage), trotz Sturm und Starkwind und hohem Wellengang). Großer Stilist, unbestritten, aber große Kunst? Das unvermittelte Changieren zwischen Gesellschaftssatire und Empfindsamkeitsliteratur, die unglaubwürdigen Figuren und ihre lächerlichen Manien, die unentschlossene Erzählhaltung (bin ich Swan, bin ich Marcel, bin ich auktorial?), die verschiedensten Erzählblöcke (Sehe ich Landschaft und Gegend? Lese ich Gefühle und Irren/Wirren?), die verschwimmenden Zeitebenen und Orte und Bezüge (erfahre ich die Erinnerung des Erzählers oder seine gerade gewonnenen Einsichten) – nicht der angekündigt (und angestrebte) große Wurf (für mich). Aber vielleicht zuviel Zeit zwischen den Lektüreschüben (seit Oktober!) vergangen. Jedenfalls wieder einmal: großes Leiden (unglückliche Affäre mit irgendeinem Antoine) schafft große Kunst. Und Gravity‘s Rainbow. Muss im LSD-Rausch geschrieben worden sein: hemmungslos episodisches Geistesblitz-Erzählen, das sich an nichts vorher Geschildertes erinnert oder stilistisch annähert (die Kotz-Szene, wo ein paar wildgewordene Alliterationskünstler mit erfundenen ekligen Gerichten eine ganze Abendgesellschaft nach und nach zum Hinausstürmen und Erbrechen bringen; die finale Erlösungsrakete mit fügsamem Menschenopfer; die Irrfahrten des schiffbrüchigen Slothrop, der kaum von einer Yacht gewaschen, auf den nächsten Nachen gerettet wird und nicht einmal Zeit findet, vernünftig auszunüchtern; die sexuellen Obsessionen jeder einzelnen Figur – irgendwie hat Th. Pynchon es am Ende doch noch geschafft, so etwas wie einen Bogen zu schließen, aber die Auflösung hab ich nicht verstanden. War Slothrop Opfer eines ungeheuerlichen Menschenversuchs oder („nur“) seiner überschießenden (und alle Hauptfiguren einbeziehenden) Paranoia? Sind alle seine Gespielinnen eigentlich ein und dieselbe Frau? Spiegeln sich seine Erlebnisse in den anderen (episodisch erzählten) Figuren oder wird eine einzige Geschichte, eine Parabel, („einfach“) an verschiedenen Charakteren durcherzählt?) Aber, wem nach einer Erzählung über den Irrsinn des Krieges und was er mit seinen Akteuren und deren Psyche anstellt, ist, dann ist er mit diesem Brocken von Grausamkeit, Sinnlosigkeit, Paranoia und Kadavergehorsam, sexueller Unterwürfigkeit und Dominanz gut bedient. Juli Jurik:Die Schule von Beslam (wieder) gelesen. Und laut schluchzend und tränenüberströmt im Cockpit gelitten, bei Sonnenschein und tropischer Umgebung (allerdings Starkwind, 35 kn). Und gegen die Hitze: J. Krakauer: In eisige Höhen (wieder). Geht immer wieder. Und kühlt immer wieder. Und bewegt immer wieder.
Und (wieder) B. Schenk Transatlantik in die Sonne. Auch dieser Profi wickelt sein Spinnakerfall in den Fockroller. Auch dieser Großnautiker ist nervös vor dem Landfall. Auch der bestverkaufende Segelbuchautor Deutschlands schlägt sich mit den Nachlässigkeiten seiner Crew herum. Wieder viel gelernt (nur nicht über vegane Ernährung: mit den Rezepten und Mengenangaben konnte Marlene nichts anfangen. Allerdings haben wir auch nicht zwei (!!) Gefriertruhen an Bord und müssen deshalb täglich (!!) eine Stunde den Motor anschmeißen (dafür lassen wir das Masttopplicht brennen; dieses Birnchen bringt uns dann auch nicht mehr um)). Tatsächlich hat die Batterie 7 Tage lang durchgehalten, nach einer Stunde Motor war sie zwar wieder auf 12,6 V, ging dann aber rasch runter. Muss auf dem Atlantik besser laufen.

Hexenweg
Richtung Santo Antao

Freitag (24.02.) hab ich endlich (zur Belohnung für die gelungene Ruderlagerreparatur) den lange geplanten (vorgehabten) Landausflug gemacht, eine Wanderung über Santo Antao, die vielleicht schönste der Inseln. Gestartet bin ich wie ein Pro: halb sieben aufgestanden, über den Zaun geklettert, weil die Marinero-Nachtwache auf Rufe nicht reagiert hat, um halb acht das Fährticket gekauft und um acht die Fähre (halbe Stunde) zur Nachbarinsel genommen, die im Dunst zu ahnen ist.

Hier nicht im Nebel: Pico da Cruz (höchster rechts)

Fliegender Fisch: fliegt einige Meter weit, bevor er wieder in die nächste Welle taucht (vier von der Sorte lagen bereits bei uns an Deck, einer hat es sogar (durch die Luke?) bis auf die Saloncouch geschafft.) Von einem hiesigen Studenten angesprochen worden, sein Vater sei Taxifahrer. Also schnell das richtige collectivo (hier: aluguer) gefunden, in der Wartezeit gefrühstückt (Bratfisch mit cachupa, einer Mischung aus gekochten Bohnen, Mais und irgendeiner Art Graupen. Halbe Stunde Fahrt in die Berge, traumhafte Strecke, atemberaubende Landschaft, wenn auch ziemlich trocken auf der Ostseite von Santo Antao. An der Abzweigung zum Pico da Cruz rausgesetzt worden, aluguer war nicht, also losgewandert (Sonnenhut und -Brille, kurze Hosen). Deutschsprachige Vierergruppe mit eigenem gechartertem Minibus angesprochen und die letzten Kilometer mitgenommen worden. Schlag Mittags auf dem Gipfel, Feuermelder-Ausichtsplattform, höchster Punkt rundum, König-der-Welt-Aussicht. Aus dem Nebel ragt der Gipfel eine Berges auf einer entfernten Insel (???), von Santo Antao ist nur die Küste auf der Ostseite zu sehen, die in strahlendem Sonnenschein liegt.

Nur die Alemannen kommen irgendwie nicht bei. Auf dem Rückweg streifen sie durch ein Waldstück, glauben den Gipfel gefunden zu haben.
Informationstafel gelesen. Schwerer Fehler. Der Weg hinab nach Ribeira da Penedo („da Penad“) (520 Höhenmeter, fast alles bergab) dauere drei Stunden, eine Seitenstrecke führe durch das malerische („lush green“) Seitental Faja de Janela (=Hexenkessel, wusste ich da aber noch nicht). Gemacht (gedacht). Außerdem gebe es lokal produzierten Käse. Dass die Strecke acht Stunden länger dauert, stand da nicht. Käse gekauft, Bier genehmigt.
Anfangs führt eine breite, gepflasterte Straße zwischen einfachen Steinhäusern und -ställen sanft bergab. Esel werden be- oder entladen, fressen Heu, brüllen herzerweichend. Kuhhirte treibt drei Rinder zur Tränke. Nach dem Weg gefragt. In einer scharfen Rechtskurve geht der Wanderweg, breit aus dem Berg gehauen, geradeaus. Wird rasch schmaler, führt aber traumhaft schön auf dem Kamm des Zentralgebirges entlang. Immer wieder lauthals geschrien vor Glück, weil die Umgebung so schön ist.

Zwei Jahreszeiten im selben Augenblick

Links des Wegs geht es hinab nach Osten, weißer Nebel drängt die Berge hoch, schiebt sich über den Grat und löst sich im heißen Westen sofort in Nichts (Luft) auf. Unfassbar beeindruckend.

Andererseits bräuchte man für die Wanderung zwei Outfits: geht der Weg links des Grats, läuft man durch Regensturm und Matsch. Rechts vom Kamm brütet Hitze im Sonnenschein. Also sollte man eigentlich links Regenhose und -Jacke tragen, rechts dagegen Sonnenhut, T-Shirt und kurze Hosen. War irgendwie nicht gleichzeitig zu machen. Gegen drei trifft der Weg auf eine Baustelle mit Lastwagengeeigneter Zufahrt. Scheint bergab zu gehen, in die richtige Richtung. Irrweg: obwohl die Straße bald gepflastert ist, führt sie „nur“ zu einem winzigen Dorf, kein Weiterkommen, obwohl ich bis auf die untersten Felder am Rand einer tiefen Schlucht geklettert bin. In den Häusern ist keiner anzutreffen, vor einer Hütte steckt feinsäuberlich ein Paar neu aussehender Wanderstiefel auf zwei Pfählen – die werden hier doch wohl keine Bergwanderer essen?

Wassersammler

Ohne Karte, ohne Wegmarkierung warte ich ratlos. Urplötzlich steht eine Señora mit Eimer auf dem Kopf zwischen den Hütten. Bringt sie mich freundlich zurück auf den Weg über der Baustelle, den ich niemals hätte verlassen sollen. 400 Escudos (4 €) nimmt sie auch. War der Rückweg zu ihrer Hütte, sie war anscheinend Wasser holen. Irrweg hat mich sicher eine Stunde gekostet.
Atemberaubend schön geht der Weg weiter. An einem Baum auf der Wasserscheide des Grats läuft so viel Regen (von der anderen Seite) herab, dass es sich gelohnt hat, ein Stück Folie anzudengeln und das Wasser zu sammeln.

Kommt ein Trupp Bauarbeiter mit Hacken und Schaufeln den Weg hoch (die haben die Strecke in Schuss gehalten, vermute ich). – Ja, das ist der richtige Weg nach Ribeira do Penedo. Und weiterhin wunderschön. Manchmal nur schulterbreit, fast zugewachsen zwischen Büschen, an anderen Stellen anderthalb Meter breit gepflastert und mit Randsteinen versehen, führt der Weg bergauf-bergab den Grat entlang. Nur eben keine Markierungen, nirgendwo ein Wegweiser.

Links vom Grat düsterer, regensatter Wald mit verwunschen bemosten Baumstämmen und fettgrünen Agaven, rechts vom Kamm baumhohe Agavenblüten im lichter, sonnenüberfluteter Trockensteppe mit niedrigem Buschwerk. Unfassbar.


Oben vor einem Abstieg ins Tal dringen Stimmen aus einer Hütte, zwei Männer unterhalten sich lautstark beim Essen. Einer tritt aus der Tür und grüßt. Ich, auf dem unübersehbar und breit gepflasterten Weg, grüße zurück. Frage aber nicht. Fehler.

JEDEN fragen. Wirklich jeden, selbst wenn die letzte Auskunft erst wenige Minuten alt ist.

Lektion No. 23

Weil: der herrlich breite Weg führt steil bergab, im dunkelbraunen morschen Fels lagern dicke Kalkschichten, auch die Erde auf den in Terrassen fixierten Feldern leuchtet in diesem Teil des Tales hellbeige.

kalkbeige

Jahrhundertealte Terrassen aus Steinwällen ziehen sich über jedes Fitzelchen beackerbares Land, weit die Schluchten hoch. Die Pflasterstraße folgt dem Verlauf der Hänge und Schluchten kunstvoll. Die große Chinesische Mauer und die Reisterrassen von Güelin liegen assoziativ gar nicht so fern. Traumhaft.
Dann endet die aufwendig gebaute Pflasterstraße in einem Dörfchen auf einer Klippe. Geht zwar weiter auf einen (zunächst) sanft abfallenden Hügel, endet aber unten am Abhang im Nichts: die Trampelpfade sind vom Vieh, kein Weg führt ins Tal. Auf dem Geröll ausgerutscht, Knie verstaucht, Handgelenk aufgeschürft. Hoch ins Dorf zurück geklettert. Keine Menschenseele, alle Häuser versperrt. Ratlos.
Am Ende fühl ich mich verschreckt und zaghaft wie ein Hühnchen. In der Not sogar das Handy angeschmissen, mobile Daten und Karten aktiviert. Gibt sogar Netz. Aber meinen Standort kann die App nicht finden, nicht die Kapverden und Ribeira do Penedo schon gar nicht. Online war ich vielleicht drei Minuten. Aber die SMS meines Providers folgt auf dem Fuß. „Sie haben Daten im Wert von 47,50 € heruntergeladen. Wenn sie weitere Daten nutzen möchten, wählen sie die folgende Rufnummer:…“ Was tun? Guter Rat sauteuer. Verzagtheit.
Der letzte Mensch war der Abendesser, zwei Kilometer, sicher hundert Höhenmeter und anderthalb Stunden Weg zurück. Aber Alternative sehe ich keine.
Noch arbeiten die Jungs auf dem Feld (selten mich so über Menschen gefreut wie da), sind superfreundlich und hilfsbereit. Bloß: der richtige Weg ist wenige Meter weiter bergauf unscheinbar und gegen die Laufrichtung abgebogen. Drei Stunden durch den Irrweg verloren (drei Zigaretten geschenkt). Aber vor allem: inzwischen ist es 17:00h geworden, die Strecke dauert noch drei bis vier Stunden und ist auf keinen Fall im Dunkeln zu meistern, ich müsse mich wirklich beeilen (»Corre! Corre!«, und macht es mir mit Trappelschritten sogar vor). Andererseits ist der junge Mann zu einem Schwätzchen aufgelegt, will mir sein Haus und seine Felder zeigen, fragt mich wo ich herkommen etc.

Nebelklippen

Doch ich muss weiter. Nicht in die Dunkelheit zu kommen leuchtet mir, nach meinen bisherigen Erfahrungen (unmarkierter, an Klippen und Abgründen ungesicherter Weg, schwer zu deutende Abzweigungen (die Ackerwege der Bauern sind vielbenutzter als der Wanderweg), schon bei Tageslicht kaum auszumachende Strecke zwischen Büschen und Gräsern) klar ein. In einer Stunde wird es dunkel. Auf der anderen Seite des Grates, wo der Weg hinführt, herrscht Nebel und wahrscheinlich Regen. Das kleine Dorf auf der Klippe mit mehreren einladend leeren Ställen ist mehr als eine Stunde Fußweg entfernt – und in die falsche Richtung.

Und dann kommt eine zweideutige Weggabelung. Das ist mir ein Zeichen.

In eine Terrassenecke wächst dicht neben der hüfthohen Stapelmauer eine junge Bananenpalme, im beckenbreiten Zwischenraum liegt Heu oder Stroh. Das wird mein Nachtlager. Eine halbe Stunde Licht bleibt noch für ein paar Buchseiten, dann ziehe ich alles an, was ich dabeihabe (leere Mülltüte unter den Po, dicker Troyer und Regenjacke, Mütze und Kapuze, Hose in die Socken gesteckt, Sonnenhut um die Hände gewickelt, Rucksack als Rückenstütze – ausgestreckt liegen kann ich nicht, auch weil die zusätzliche (neongelbe) Regenjacke, die ich mir, Kapuze übers Gesicht, als Biwak überstülpe, nur bis zu den Knien reicht). Regennebel zieht über den steilen Berg vor mir, um den herum (hoffentlich, morgen) die richtige Strecke geht … Dann bibbere ich mich in zwölf Stunden Dunkelheit, kein Geräusch (außer dem Wind und den (wenigen) Tropfen von den Blättern der Bananenpalme), zum Glück kein Regen…

Zwischen Mitternacht und halb sieben, als das Schwarz sacht zu Grau wird, scheine ich tatsächlich geschlafen zu haben. Sobald es hell genug ist, meine Kippen aufzusammeln und nichts zu vergessen, esse ich mein letztes Stück Käse und ziehe los. Neblig, schmaler Weg, ein kaum Eselsbreiter Trampelpfad zwischen blühenden Büschen, aber es geht immer irgendwie weiter. Mehrere Klippengipfel werden entweder überstiegen oder seitlich umschifft, oft geht es zum Glück bergab, manchmal leider auch steil bergauf. Ein Bauer hinter einem Esel kommt mir entgegen, was ein Glück! Ich bin auf dem richtigen Weg, und weil der alte Mann seinen Esel ein dutzendmeterlanges Tau nachschleppen lässt, (an dem er sich auch festhält und bergauf zieht) habe ich eine Art Fahrradspur im sandigen Geröll des Weggrabens zur Orientierung.
An einer Engstelle, kaum meterbreit, fällt der Berg auf beiden Seiten fast senkrecht ab, sicher hundert Meter tief. Die Stelle ist nur wenige Schritte lang, aber es herrscht starker Seitenwind. Nichts zum Hinabsehen, gut, dass es rasch vorbei ist. Und definitiv ein Grund, diese Strecke auf keinen Fall bei Nacht zu versuchen …
An den steilsten Stellen des Pfades (die für mich zum Glück meist bergab führen), häuft sich Eselkot – die heftige Anstrengung presst den Dung aus den Tieren. – Frohgemut (auf dem richtigen Weg zu sein, scheiß auf die Eselscheiße!) geht es beschwingt durch dichten Nebel bergab. Aber Lektion 23 »JEDEN fragen!«, beherzige ich stur.

Schlängelt sich ein Weg ins Tal …

Kommt eine Gruppe Männer; kommt ein junger Bauarbeiter im Overall. Unten werde es sonnig und warm, richtig schön. Kann ich, in dicker Nebelsuppe steckend, nicht wirklich glauben.
Ist aber so. Kommen drei Schuljungen mit ihrem Opa.
Dann ist an einer Biegung plötzlich das Meer zu sehen!

Das Ziel in Reichweite, allerdings weit unten, die steilen Berghänge scheinen sich bis direkt an die Küste zu ziehen. Oft ist der Weg nur eine tiefe Rinne zwischen Steinen und Geröll, bisweilen breit und komfortabel gepflastert.

Jetzt führt er auch über die Findlinge in einem Flussbett. Und dann, das Örtchen am Talausgang ist schon zu sehen, fangen, als wären sie schon immer dort gewesen, stolz die Markierungen an: blaue und weiße Pinselstriche wie auf jedem Wanderweg in den Alpen. Zum Kotzen.
Inzwischen ist es zehn Uhr, die vier Stunden habe ich, obwohl langsam und mit zitternden Knien, gut geschafft. Kommt mir eine russische Wandergruppe entgegen (Stöcke, Turnschuhe, bauchfreies Top). Der einheimische Führer weit dahinter, cool-entspannt. Dass ich vom Pico da Cruz komme, kann er nicht glauben, guckt auf seine Uhr. Nein, das war gestern, ich habe die Nacht in den Bergen verbracht. Ja, dann, das leuchtet ihm ein. (Der alte Bauer mit dem Esel mit Abschleppseil hatte ähnlich reagiert.) Will heißen: es lag nicht nur an mir (oder meinen Irrwegen), die Strecke ist in drei Stunden einfach nicht zu schaffen.
Kommt eine Gruppe französischer Pensionäre. Keuchen schon jetzt, wenige Meter über dem Meeresspiegel. Möchte ich nicht gerne wissen, wie weit die gekommen sind.
Ribeira do Penedo, stellt sich heraus, ist das Bergdorf (mit Westler-Freaks, klar) und gar keine Stadt. Müllhalde ist das Flussbett, in das über mir ein leerer Farbeimer im hohen Bogen fliegt. Die Werferin klingt allerdings etwas verwirrt (ich kann ja auch weder portugiesisch noch kreolisch), jedenfalls gebe es im Ort keinen Laden (also keine Kippen, keine Cola). Beschwerlicher Weg durch das trockene Flussbett (wie das bei Regen gehen soll, ist mir ein Rätsel), dann letzte Pflasterstrecke, ein Fahrweg, die Straße am Meer. Wie für mich gemacht gibt es ein Straßencafé, Wasser, Cola, Kippen; Frühstück (Bratfisch mit Graupen-Mais-Bohnen-Mus, Kaffee: leckerster ever!) und, nach zwei Stunden Wartezeit, das Collectivo zurück nach Porto Novo („Port Nov“). So heißt, wie ich jetzt endlich erfragt habe, der Ort, wo die Fähre zurück nach Mindelo ablegt.

Porto Novo, Santo Antao

Dort um 14:00 eingelaufen, gelesen, Kaffee und Kuchen, um fünf die Fähre genommen.

Vor Mindelo, links der Fels in der Einfahrt
Mindelo, Sao Vicente

Um halb sieben zurück auf dem Boot. Um sieben hab ich einen Telefontermin, Paula hat für Freunde gekocht, ich will mich dazuschalten.
Findet aber nicht statt, Paula ist krank, auch die Freunde schwächeln. Weil ich schon mal im Luxushotel-Strandbar-Poolareal mit hervorragendem Wifi bin, telefoniere ich lange mit Axel und arbeite meine E-Mails ab. (Heute ist der Blog über den schrecklichen Sonntagabend mit Gawain vorprogrammiert online gegangen).
Auf dem Boot haben Marlene, Alba, Gustave und André mit dem Abendessen gewartet, die Guten, und sogar einen Kuchen mit einem Topping aus Zitronencreme (lemon turd) und kandierten Nüssen gebacken: es ist mein Geburtstag. Ausklang mit Grock (Zuckerrohrschnaps) und Livemusik im Pub. Ich muss mich leider früh zurückziehen. Und schlafen.

Fazit: Unverzeihlich leichtsinnig und selbstüberschätzend mangelhaft vorbereiteter Ausflug. Konnte die Hexe nichts für. Und zugleich die wildeste (und schlimmste und vielleicht schönste) Wanderung meines Lebens. Hexenweg heißt der Weg (für mich) nach dem Tal: Unten am Hostal (und dem Wartepunkt für das Aluguer) ist eine riesige Hexe samt Kopftuch und Besen an die Wand gemalt.

Auf dem Pickup nach San Pedro: André, Gustave, Marlene, Alba, komischer Typ

Heute kurz zum turtle beach (San Pedro), halbe Stunde Pickup-Fahrt. Aber Marlene, Tauchlehrerin, lehnt es ab, zu unterstützen, dass Tiere (die Schildkröten) angefüttert werden (um Fotomotive für Touristen abzugeben) und dadurch vergessen, sich naturgemäß zu ernähren. Also nur Strandspaziergang und Schattenbaden.

Turtle beach

Und pünktlich zum Karnevalsausklang (Gustave hat erfahren, dass heute ein Sarg durch Stadt getragen und im Meer versenkt wird – de Nubbel is et all schuld!) zurück in der Stadt. Und diesen Blog geschrieben.

Morgen oder übermorgen geht es (wieder mal!) los, see you on the other side. Drei Wochen (mindestens) Pause. Vergesst mich nicht.

29. Sonntagabend im Starkwind

Schräge Geschichte (Foto: Gawain)

WARNHINWEIS: Die im Folgenden geschilderten dramatischen Ereignisse könnten bei LeserInnen hohe Emotionen wecken. Ihre Darstellung ist in einer Art Schockzustand unter dem unmittelbaren Eindruck des Geschehens verfasst worden. Ton und Haltung des Schreibenden entsprechen nicht der Einstellung des Verfassers zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Aus Gründen der Authentizität ist der Text hier in seiner ursprünglichen Fassung wiedergegeben (27.01.)
Oder um es in meinen eigenen Worten auszudrücken: Wir haben scheiße Glück gehabt, dass wir heil davongekommen sind. Wir haben allen Grund, demütig jener unbekannten höheren Instanz zu danken, die ihre schützende Hand über uns gehalten haben muss. Ich persönlich bin noch lange nicht soweit, diese Erfahrung verarbeitet zu haben und nehme mir die Zeit dafür. Das kann noch dauern.

Das Ende der Reise

Sonntagabend (22.01.23). Bevor es dunkel wird, haben wir beigelegt [Das Schiff mit back stehendem Vorsegel quer zum Wind treibend zur Ruhe gebracht] und zwei Reffs ins Groß gebunden. Als wir wieder lossegeln wollen, hat sich die Fockschot vom Vorsegel gelöst, es flattert im Wind wie wild. Der braunrote kleine Flieger lässt sich zwar leicht einrollen, aber nicht fixieren, er macht sich wieder los. Also will ich aufs Vorschiff, das Schothorn einfangen. Lasse dazu meine (neue) blaue Mütze (zuletzt von Paula getragen) unten, weil ich diesen Glücksbringer auf keinen Fall verlieren will. Hole den Bojenhaken aus der Backskiste und erkläre gerade Gawain, wie toll der funktioniert und mit einem Ruck eine Leine durch eine meterweit entfernte Öse (oder ein Schothorn) ziehen kann, als …

Auf dem Weg aus dem Cockpit hat mich der Großbaum knapp über der Schläfe erwischt, in den einzigen paar Minuten dieser Woche, an denen ich meine Mütze (deren doppelter Wulst über den Ohren den Schlag gedämpft hätte!) nicht anhatte – Patenthalse [doofer Euphemismus: ein unkontrolliertes Herumschwenken/-schlagen des Baumes quer über das Cockpit] – im Fallen muss ich den Kompass aus seiner Halterung gerissen haben und komme neben Gawain auf der Querbank im Cockpit zu liegen. Bin aber sofort wieder da, sagt er.
Also rein körperlich vielleicht.

»Woher kenn ich dich nochmal?« – »Ich hatte einen Aushang geschrieben, du hast mich angerufen.« – »Ach, ja, stimmt, hast du gesagt. Und wo war das?« – »In Cádiz. Da kommen wir her.« – »Aha. Wie weit ist das weg?« – »Fünf Tage.« – »Uih. Und wo fahren wir hin?« – »Nach Lanzarote.« – »Ach ja, hast du gesagt. Lanzerote. Und was will ich da?« – »Über den Atlantik, hattest du vor.« – »Uiuiui. Echt? Aha.«
Ich kann mich nur an den letzten dieser Austausche erinnern, aber Gawain sagt, das ging etwa eine halbe Stunde lang so. Immer wieder: »Sag mal, woher kennen wir uns eigentlich?« etc. pp.
Gawain (hat er mir später erzählt) war ziemlich besorgt. Hat sich aber rein gar nichts anmerken lassen, sondern meine ständig wiederholten identischen Fragen mit Engelsgeduld immer wieder gleich beantwortet. Danke, Gawain! »Lanzarote, aha. Und was will ich da nochmal?«

Dann reißt eine zweite Patenthalse die Halterung der Großschot ab, Baum steht quer, Schot hängt ins Wasser. Ohne Großsegel sind wir manövrierunfähig.
Jetzt übernimmt Gawain auch das Kommando. Gut, dass er dabei ist! – Wir müssen die Segel runterholen und motoren. Finde ich gut. Meine Reflexe funktionieren zum Glück noch, Gawain hält das Boot im Wind, ich reffe das Groß und hole das Vorsegel ein. Schwankt aber ziemlich. Einmal legt sich das Boot so überraschend quer, dass ich nur noch seitlich an einer Hand in der Spinnakerbaum-Öse am Mast hänge, Füße über der Reling. Wusste gar nicht, dass ich das kann (und Gawain konnte es im Dunkeln vom Cockpit aus nicht sehen, zum Glück) (aber ich war natürlich eingepiekt, klar). Als ich heil zurück im Cockpit bin, ist keiner erleichterter als Gawain (das wenigstens habe ich mitgekriegt).
Außer mir vielleicht.
Wir nehmen wieder Kurs auf. Selbst unter Motor ist das in den weit über Deck hohen Wellen keine ganz leichte Aufgabe. Die Wogen versetzen den Bug immer wieder, schieben uns vor sich her oder lassen uns hintenüber ins Wellental sacken. »Ich habe meine Mütze verloren.« (Ich trage inzwischen wieder meine alte) – »Nein, die hast du unten ausgezogen.« – »Ach ja, hast du ja gesagt.« Außerdem geht das Ruder unerhört schwer, macht auch unschöne Schleif- und Kratzgeräusche. »Und meine Mütze ist weg.« – »Nein, die hast du unten gelassen.« – »Ach ja, stimmt, danke.« Der Kompass ist auf den Cockpitboden gekracht, funktioniert aber noch, selbst die Beleuchtung. Wir schnallen ihn vor dem Steuerstand am Boden fest. Gawain steuert. Wir haben noch 120 nm zu fahren, Sprit ist genug an Bord. Aber wir werden 24 Stunden durchfahren müssen.
Also schlage ich vor, dass Gawain sich direkt zwei Stunden hinlegt und wir uns danach alle zwei Stunden abwechseln. Anders ist das nicht durchzuhalten. Und auf einen schummrig beleuchteten Kompass zu schielen, die Schiffsbewegungen auszugleichen und uns auf Kurs zu halten, ist genau die leichte Aufgabe, der ich mich gewachsen fühle.
Andererseits: durch eine sturmgepeitschte Nacht zu dampfen, nichts zu tun zu haben, als den Kurs zu halten (und auf jeden ungewöhnlichen Ton und jede Hemmung in der Ruderanlage zu achten) bringt einen auf ungute Gedanken.
Ich hab eine Familie Zuhause, tolle Töchter, eine phantastische, verständnisvolle Frau. Ich könnte im Warmen sitzen, als größte Herausforderung ein spannendes Buch im Ohrensessel schmökern. Ich könnte warm duschen, wann immer mir danach ist. Kochen und Essen, ohne mich an drei Punkten abstützen zu müssen. Ich hab Heimweh.
Außerdem zweifle ich am Schiff. Warum bricht der blöde Kompass ab? Warum reißt der Schäkel unter der Großschot? Und warum, verdammt, funktioniert das von mir in England reparierte Ruder nicht richtig? Ich könnte das Schiff verschenken (Lukas und Julian kennen sicher ein paar Kumpel, die es mit Handkuss nähmen), oder es auf den Kanaren in eine Marina stellen (da stehen schon einige!), ich könnte mich dort in den Flieger setzen und abbrechen. Ich wäre nicht der erste, dem diese Strecke den Schneid abgekauft hat. Es wäre keine Schande. Vielleicht müsste ich ein paar hämische Bemerkungen wegstecken, am schlimmsten wäre wohl mein eigener, verletzter Stolz. Aber darauf keine Rücksicht zu nehmen, hab ich mir geschworen. Also breche ich hier ab. Und das wäre das Ende dieses Blogs.

Ablösung

War es aber nicht. Nach zwei Stunden kocht Gawain Spaghetti, löst mich ab und ich lege mich zwei Stunden hin. Danach bin ich der Überzeugung, dass wir nur das Großschot reparieren müssten und uns einfacher und vor allem mit weniger Belastung der Crew vor dem Wind (gesteuert von Georgie, beim Segeln funktioniert die Selbststeueranlag nämlich!) ans Ziel kämen.

Aus einem der Vorhängeschlösser für die Backskisten (die Anschlüsse sind sehr eng) und ein paar Lagen fester Schnur bastele ich die Großschot wieder fest, Georgie übernimmt und wir können zu unseren drei-Stunden Wachen (in denen man sich auch hinlegen kann) zurückkehren. Heureka!

Auch wenn wir beide viel zu aufgedreht sind, um zu schlafen.

Aber das Ruder scheint eigentlich ganz zuverlässig zu funktionieren. Die Großschot braucht nur einen passenden neuen Schäkel. Und die Kompasshalterung aus Plastik kriege ich mit etwas Epoxy und Glasmatte wieder hingeklebt. Muss ja nicht schön sein. Also, gute alte ELIZABETH: noch geb ich dich nicht auf. Zumal uns die Yacht unbeirrbar und treu durch inzwischen fünf Tage und Nächte stürmische Winde, heftigen Seegang und Whitecaps (brechende Wogen) geschaukelt hat. Es ist wie immer: Am Schiff liegt es nicht.

Montag Mittag haben wir ein Etmal von 75 nm geschafft, um halb vier erreichen wir den Ansteuerungspunkt auf der Karte, wenige Meilen vor der Nordspitze von Lanzerote, bei Einbruch der Dunkelheit sehen wir den Widerschein der Insel am Himmel und um Mitternacht auch die ersten Lichter. Um drei Uhr morgens bringt uns die letzte Halse (Bangen um die reparierte Großschot) auf den Zielschlag auf das grüne Leuchtfeuer der Hafeneinfahrt von Arrecife zu. Klar, dass gerade dann eine Fähre reinkommt und wir uns beeilen, das Hafenbecken rasch zu räumen …
Um sechs Uhr morgens, noch im Dunkeln, machen wir in der Marina fest. Und, wie oft geschworen, Bier auf.

»Kann man früh um sechs am Morgen schon Bier trinken?«

»Sicher. Ist nur ungewöhnlich, wenn es das erste ist.«

Weisheit des Gawain

Hat Gawain auch wieder recht. Wie mit der Mülltüte (übervoll, hat aber bis in den Hafen gehalten). Und auch sonst oft.
Ziemlich angeschickert melden wir uns im Marinabüro an (und ernten Verständnis für unseren (offen eingestandenen) Zustand). Autsch: Wir müssen das Schiff umlegen, noch vor Mittag, es ist Starkwind angesagt, außen am exponierten Steg kann die Yacht nicht bleiben.
Aber auch das klappt, Hilfe von Ian, dem wir zuvor geholfen haben, sein eigenes Schiff umzulegen. Und Aaron! Aaron von der FORWARD UNTO DAWN steht am Steg und übernimmt die Leinen! Es ist fast wie Heimkommen. Und dann schlafen.

Als wir am Spätnachmittag aufwachen, ist Aaron ausgelaufen. Wahrscheinlich hat er angeklopft, uns aber nicht wachbekommen, schade. Aber den sehe ich bestimmt nochmal.
Bei der Einfahrt in den Hafen war ich mit dem Ausbringen von Festmacherleinen und Fendern zu beschäftigt, um eine volle 180°-Kurve in der Einfahrt mitzubekommen. Jetzt bin ich desorientiert, vermute die Insel auf der falschen Seite der Marinaanlage, wo doch dort das große Hafenbecken und hinter dem Wellenbrecher das Meer liegt. Oder ist das eine Spätfolge meiner Gehirnerschütterung? Nachmittags finde ich in der vielleicht zweihundert Meter langen, hochmodernen und durchaus überschaubaren Quaibebauung (Kneipen, Cafés, Klamottenläden), die Toiletten nicht mehr, die wir doch am Morgen schon aufgesucht hatten, muss ins Marinabüro und mir einen neuen Lageplan geben lassen. Abends (es ist noch immer Dienstag) wollen Gawain und ich ein Bier am Marinakai nehmen, ich gehe schon einmal vor, und finde die Kneipe Sailor’s Bar, in der wir verabredet sind, nicht mehr, obwohl ich sie am Morgen gesehen (und Gawain vorgeschlagen) habe.

Ein Tag mit zwei Räuschen

Dann kommt er, wir sind im Lokal Jolly Rogers, der einzigen Seglerkneipe, die es am Kai gibt (die Sailor’s Bar war vielleicht in Las Palmas, ich zweifle inzwischen an jeder meiner Beobachtungen/Erinnerungen), dann stößt Ian, der Alleinsegler (und Labertasche), dem wir umsetzen geholfen haben, zu uns. Wir kommen rasch auf den Brexit zu sprechen, Ian ist bekennender Brexiteer und (ernsthaft!) Trump-Fan, Rassist und verteidigt die britische Kolonialherrschaft, zum Beispiel in Indien („Wir haben dort ein funktionierendes Justizsystem hinterlassen, eine blühende Wirtschaft“). Außerdem ist er felsenfest davon überzeugt, dass A. Merkel eine russische Agentin sein muss (wie auf der gesamte britische Geheimdienst MI5 von russischen Agenten unterwandert sei, »man musste russischer Agent sein, um dort Karriere zu machen!« – »Ja, stimmt, das musste im Lebenslauf stehen.«: Schwacher Witzversuch meinerseits, Ian ignoriert ihn noch nicht mal.) Und dass der Klimawandel eine Erfindung missgünstiger (»kommunistischer«?) Wissenschaftler sei. Kurz: ein Typ mit absolut unerträglichen Ansichten. Aber: intelligent, witzig, charmant, nicht aus der Ruhe zu bringen, dabei kein bisschen konfliktscheu oder zurückhaltend, seine wahnwitzigen Überzeugungen meinungsstark zu vertreten. Wurde, so unglaublich das sicher klingt, ein angeregter und lebendiger, ziemlich amüsanter Abend. Wir haben viel gelacht (auch kopfschüttelnd). Und ein paar Bier haben sicher auch geholfen. Bis die Kneipe zumachte und wir unsere letzten Flaschen (Ian bestand darauf, die zu bezahlen) draußen am Kai trinken mussten. Nur dass er dringend zum Pinkeln auf sein Schiff musste, konnte ihn stoppen.

Der Mittwoch ging spät los. Weder Gawain noch ich waren in der Lage, irgendwelche Entscheidungen zu treffen oder Aktivitäten vorzutäuschen. Außer einem ausgiebigen Frühstück (am Kai gibt es eine französische Bäckerei!), den dringendsten Telefonaten und Aufräumarbeiten (Segel einpacken, Windfahne der Selbststeuerung abbauen, Bimini wieder einhängen, die hatten wir vor dem Sturm mit zwei Handgriffen flachgelegt, sehr praktisch, das neue Teil!) war nichts drin. Und abends kochen. Die Heckleuchte, sicher 80 cm über der Wasserlinie angebracht, ist von den Wellen aus ihrer Halterung gewaschen worden!

Heute, Donnerstag (26. 01.) haben wir angefangen, die Reparaturen in Angriff zu nehmen, die Großschot abgebaut und die Heckleuchte angesehen: Dort ist Salzwasser eingedrungen, die Fassung und die nagelneue LED-Birne (€ 8,50!) sind völlig korrodiert und haben sich teilweise in schwefelgelben Schleim aufgelöst.
In der Ferretería Naval im Städtchen einen neuen Schäkel für die Großschot gekauft, außerdem eine neue Hecklampe und einen Karabiner für die Seilsicherung, falls ich (sicher bald) mal wieder in den Mast muss. Und einen Kescher, um künftig zu fangende Fische aus dem Wasser heben zu können. 

Die Figur mit dem Kescher ist links (Foto: Gawain)

Und Epoxy und Glasmatte. Spaziergang durchs Städtchen, zur Festung, zum winzigen Sandstrand (Sand aus der Sahara hergeweht!), zum Hafencafé und zum Supermarkt. Heute abend wollen wir zur Abwechslung mal … keinen Alkohol trinken, habe ich Gawain falsch verstanden (weil ich die Unsitte nicht loswerden kann, stockende oder unvollständige Sätze meines Gegenübers beenden zu wollen) … kein Bier trinken. Sondern Wein.
Gawain wird kochen. Ich freue mich drauf, den Abwasch fast einer Woche Starkwindfahrt zu machen, weil ich mit Marlene und zwei potentiellen MitseglerInnen eine Stunde lang vielversprechend und so konzentriert wie möglich telefoniert habe. Gawain geht auch telefonieren und macht mir Musik an, irgendeine spanische Frauenband, die ihm empfohlen worden ist. Als ich starte, lese ich den Namen: KeTeKalles, von denen Lio und Martha geschwärmt und Celia und Malin gesungen haben! An einen beschwingteren Abwasch kann mich nicht erinnern. Und versuche sofort, Celia zu erreichen. Schon das das zweite Lied „Amor“ kenne ich vom Corona-Sylvester-Freiluftkonzert von Ce, Malin, Lio und Mia. Schiere Glückseligkeit.
Als Gawain zurückkommt, spiele ich ihm vom Zoom-Video des Konzerts die Version aus unserem Garten vor. Kein stolzer Vater war jemals peinlicher, fürchte ich. Aber Gawain hat brav zugehört.
Und dann noch wunderbar gekocht. Sahnespinat und Kartoffelbrei geht auch mit Rotwein supergut (Sahne! Butter! – wir müssen unsere nicht-veganen Vorräte aufbrauchen, bevor am Sonntag die drei neuen MitseglerInnen ankommen!)
Arrecife ist übrigens in der Nebensaison recht schön. Und das Licht ausgesprochen überirdisch. Wir haben tolle Fotos gemacht: Skipper mit seinem neuen übermannshohen Kescher, Gawain schick im Sonnenuntergang am Rand des alten Innenstadthafens.

Schöne Menschen im Abendlicht: Promenade Arrecife

Im Schuhgeschäft lief Tanzmusik. Hab ich gedanced. Mit Gawain zusammen würde ich sogar in die Disco gehen. Morgen abend gibt es Karaoke in einem winzigen Stadtcafé. Leute, haltet mich fest, bevor ich völlig abhebe! (unbegründete Euphorie als mögliche Spätfolge einer leichten Gehirnerschütterung?)

PS Der Verfasser befindet sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung (hoffentlich) mitten auf dem Atlantik und ist derzeit nicht zu erreichen. Bis bald, Ihr Lieben!

IV. Atlantik – 27. Ab Cádiz (wieder mal)

Zwei, die am letzten Abend auf die Kacke hauen: Gawain und sein Skipper (Foto: G. Joest)

Am Mittwoch (18.01.) hat das Wetter gepasst, immer noch starker Wind, aber der sollte sich laut Vorhersage am Nachmittag legen bzw. schwächer werden. Und von da ab mal stärker, mal schwächer exakt in unsere Richtung wehen:  zu den Kanaren hin. Den ganzen Vormittag schlechte Vorzeichen (für abergläubische Seefahrer): beim Aussteigen über Leine gestolpert, Kaffee verschüttet, der Kuli aus dem Logbuch ist nicht auff­­­­­­indbar. Dann noch einmal Wasser randvoll gebunkert und um halb eins ging es los. Und der unauffindbare Kuli kullerte aus dem Logbuch – alles war gut. Doch schon in der Ausfahrt des Hafens türmten sich Wellen mannshoch. Lag sicher nur daran, dass es in der Bucht rasch flacher wird (beruhigte ich Gawain und mich). Tatsächlich wurde es draußen weniger, die Sonne schien, ein strahlender Tag mit kräftigem Segelwind, es versprach traumhaft zu werden, zumal, wenn der Wind sich abschwächte … Tat er aber nicht. SPOILER: die ganze Überfahrt lang nicht auf Dauer, wurde eher noch stärker.

(Foto: G. Joest)

Schnell wie nie verschwanden die Pylone der hohen Brücke von Cádiz (die Tragseile bilden zwei flache Kegel wie Zirkuszelte) hinter dem Horizont, waren zum Sonnenuntergang (halb acht) schon nicht mehr auszumachen. Ein guter Anfang. 
Leider machte der Seegang Gawain etwas zu schaffen, er musst sich dreimal übergeben, aber fein säuberlich außerhalb des Cockpits. Doch von Aufgeben war keine Rede (wäre auch schwierig geworden, gegenan zurück). Aber so kehrte wie von selbst die für lange Nachtfahrten wünschenswerte Bordroutine ein: schlafen so oft und viel wie geht. Von der Ruhekoje im Salon zur Liegeposition im Cockpit und zurück, unterbrochen nur von Mahlzeiten und Toilettengängen. Morgens um fünf (19.01.) notiert das Logbuch „ruhiger“. Um Viertel nach zehn dagegen „fiese Dünung“, lange, etagenhohe Wellen, die uns anschoben, dann ins Wellental sacken ließen und den Bug immer wieder seitlich verschoben. Georgieboy hat aber unbeirrt gesteuert, praktisch Leon-style: unbeirrbar, unermüdlich, untadelig.

»Nobody does it better
Makes me feel sad for the rest
Nobody does it
half as good as you
Georgie, you’re the best!«

(nach: Carly Simon; für James Bond: The Spy Who Loved Me)

Donnerstag Mittag hatten wir eine Strecke von 107 Meilen auf dem Zähler [Etmal: die zurückgelegte Strecke zwischen zwei Mittagspositionen]. Nachmittags Sonne, Wölkchen, friedlich. Und Gawain kam superschnell wieder auf die Beine (und hat dann auch seine Akku-Punkt-Druckbänder angelegt). Nachmittags wird die See wieder kabbelig, nachts leichter Nieselregen, aber nur kurz.
Am Freitag (20.01.) zeigen sich einzelne hohe Wolken mit dunkler Unterseite am ansonsten bayrisch-blauen Himmel. Sollten das die berühmten „Squalls“ sein [übergangslos einbrechende Lokalgewitter mit heftigen Böen und Starkregen]? Zum Glück sind wir mit zwei Reffs im Groß und dem kleinen (rotbraunen „Sturm“-) Vorsegel losgefahren. Und zum Glück ziehen die dunklen Wolken seitlich vorbei. Jetzt können wir die beiden Reffs aus dem Großsegel schütteln: volle Fahrt voraus, nach Südsüdwest. Nächtlicher Eintrag ins Logbuch: „Wasser dringt ein, im Vorschiff, Backbordkoje (weist auf) Hüfthöhe Tropfspuren (auf, auch auf Gawains Yogamatte)“. Die Matratze darunter ist völlig durchnässt (und kommt in die Achterkajüte, die unbenutzt ist, weil wir beide im Salon schlafen). (Entwarnung: Es ging um maximal zwei Tassen, wahrscheinlich durch eine nicht richtig geschlossene Vorschiffsluke; oder Kondenswasser). Samstag (21.01.) weiß das Logbuch: „nachts wie auf Schienen, bis 6 kn.“ Ein Traum also. Am Nachmittag desselben Tages: „wild“. 23:45h: „[Wind] surrt in der Takelage, Welle steigt ein“. Waren aber nur ein paar Liter, nicht mal knöchelhoch, nur im Cockpit. Aber seitdem lassen wir das untere Stellbrett im Niedergang stehen [das Wassereinbruch in den Salon verhindert soll]. Geschwindigkeiten immer wieder über sechs Knoten, einmal sogar über 8 – Fahrradfahrergeschwindigkeit, fühlt sich aber sportlicher an, könnt ihr mir glauben. Die gute ELISA schmirgelt sich durchs Meer, tatsächlich ähnelt das Geräusch des Wassers am Rumpf nicht mehr dem üblichen Rauschen und Gurgeln, sondern eher einem feinen Schleifen. Hält auch das Unterwasserschiff sauber, stell ich mir vor. Etmal 99 Meilen (ca. 170 km). Wir fahren ohne Vorsegel (das hat im Windschatten des inzwischen ungerefften Groß´ nur gerattert und geknallt) ziemlich platt vor dem Wind. Und hurtig: „(Wind) pfeift“, „Vorwind, wild bewegt“. Etmal am So, 22.01.: 141 nm, (ca. 250 km) – Rekord!

Als es dunkel zu werden droht, wollen wir nicht noch einmal eine Nacht ungerefft dahinrauschen. Also Beiliegen [Boot quer zum Wind gestellt fast unbewegt treiben lassen] und wieder zwei Reffs einbinden.

(… Textteile fehlen!)

Über die Sonntagnacht berichte ich hier zu einem späteren Zeitpunkt (Veröffentlichung: 25.02.23), wir sind den Montag über und durch die Nacht rasant weitergesegelt und am Dienstag früh (24.01.) gut in Arrecife, Lanzarote, angekommen.

Der alte Hafen von Arrecife (Foto: G. Joest)
Las Palmas, Gran Canaria (04.02.2023)
Crewwechsel in Las Palmas: Gustave, Marlene, Alba (Foto: c/o Marlene)

Uff. Lange Strecke, die ich nicht geschrieben habe. Aus gutem Grund. Die Sonntagnacht steckt Gawain und mir noch in den Knochen. Und jede und jeder, dem Gawain sie erzählt (ich rede eh zuviel) packt sie nicht einfach so weg, sondern ist erstmal geplättet. Wir hatten inzwischen fast zwei Wochen Zeit, sie zu verarbeiten. Aber fertig damit sind wir noch nicht. Noch hab ich keine Ahnung, wie (und ob) es weitergeht. Aber einiges spricht dafür. Marlene, Gustave und Alba sind eine super Crew. Das Boot ist im besten Zustand. Fehlt nur noch das Selbstvertrauen des Skippers.

In chronologischer Reihenfolge: Am Do., 26.01. war Reparaturtag. Den Kompassfuß hab ich mit Epoxy und Glasmatte geklebt, sollte stabiler sein als zuvor. Für das Sonntagsfrühstück wollten wir den Tisch aus dem Motorraum holen. Böse Überraschung: ziemlich Öl und Wasser in der Motorbilge. Und: die Konsole mit Ölabsaugpumpe und Dieselfilter hat sich vom Motorblock gelöst; eine der Schrauben liegt in der Bilge, eine steckt noch locker in ihre Bohrung. Die dritte fehlt. Den Job habe ich bis zum Abend vor mir hergeschoben, er stellte sich dann aber als der leichteste des Tages heraus: Öl abschöpfen (war vor allem Wasser), zwei Schrauben einsetzen und festziehen (es gibt zwar drei Bohrungen an der Konsole, aber nur Öffnungen für zwei Schrauben am Motorblock). Luftfilter wieder in seine Gummifassung pressen. Eine Viertelstunde später läuft die Maschine wie neu.

Für Freitag (27.01.) hatte Gawain einen Ausflug vorbereitet. Mit einem Mietroller (vorne zwei Räder) zum Timanfaya Nationalpark (Vulkanlandschaft mit Kratern), Regenpause in einem Tal voller Rebenanlagen, jahrelang aufgehäufte halbkreisförmige Steinwälle schützen einzelne Weinstöcke, dramatische Wolken ziehen darüber, düsteres Licht. 

Reben im Regen: Lanzarote (Foto: G. Joest)

Im Nationalpark (letzter größerer Ausbruch vor erst 300 Jahren!) längerer Spaziergang um den Cráter de la Caldera de Los Cuervos herum und hinein. 

Rundweg: Cráter de la Caldera de los Cuervos

Anschließend Mittagessen im Asador (mies), merienda in einem Ausflugslokal voller angeheiterter Festgäste, Karaoke zu Gitarrenbegleitung und das ganze Lokal singt mit (phantastisch). Im Abendlicht nach Norden hinauf zum Mirador del Rio (Rio heißt die Meerenge zwischen Lanzarote und La Gracía, der Nachbarinsel). Aussicht atemberaubend, aber der Mirador hatte geschlossen, war nix mit dem heißersehnten Kaffee auf der Aussichtsterrasse. Kühl war es nämlich schon auf dem Roller, selbst hinten, obwohl Gawain fuhr wie ein Pro und uns auch navigierte.

Ungrazil vor la Gracía: Skipper (Foto: G. Joest)


Abends noch ein vierte und fünfte Lage Glasmatte auf die Innenseite der Kompasskonsole geklebt.

Drei Farben Neongelb (Foto: G. Joest)

Samstag morgens Roller zurückgeben, Frühstücken gegangen. Nachmittags Kompass angebaut. Selbst Aaron findet die Reparatur gelungen. Sonntag (29.01) kommen Alba, Marlene und Gustave um halb drei an der Estación de Guaguas (so schreiben sich also die Busse auf den Kanaren) an. Kleiner Einkauf, große Sicherheitseinweisung auf dem Boot. Montag quatschen, Dienstag Mittag Abfahrt aus Lanzarote. Die Selbststeuerung ist absichtlich nicht installiert, wir wollen reihum von Hand steuern. Günstiger guter Segelwind bringt uns um die Südspitze der Insel und zwischen ihr und Fuerteventura hindurch. Delfine und ein einzelner größerer Tümmler begleiten uns ein Stück weit. (Video Lanzarote-Gran Canaria: https://youtu.be/oKAcT-uNDFM) Gustave und Gawain haben zusammen Nachwache und überbieten sich darin, das Boot möglichst schnell zu segeln. Außerdem sehen sie die Lichter/Leuchttürme von VIER Inseln (Gran Canaria und Teneriffa noch dazu) und Sternschnuppen. Alba ist etwas seekrank, aber die Stimmung ist bestens und alle steuern in ihren (doppelt besetzen) Nachtwachen tadellos. Ruhige Nacht für den (wachfreien) Skipper. Etmal 95 Meilen, 17:30h Anleger in der Marina Las Palmas. Bloß: sie haben keinen Platz (wie Alba schon vorher telefonisch erfahren hat). Wir müssen (wie alle andere auch) auf den Ankerplatz neben der Marina, liegen um halb acht beim zweiten Versuch fest und packen das Dinghy aus. Neun Uhr in der Sailor’s Bar, aber als die zumachen sind wir alle etwas frustriert bzw. geschafft.

Am Do (02.02.) nachmittag wollen wir duschen gehen, fünf Menschen im Dinghy plus Badesachen. Dann Stadtrundgang, Gustave und Marlene gehen ins Camp der Boathitchhiker („Marocco“), Alba ihrer eigenen Wege, Gawain ins Schuhgeschäft und ich verlauf mich in einem Neubaugebiet. Treffen zum Sonnenuntergang (leider Hügel im Weg) am Stadtstrand. Alba hat News: Um halb neun gibt es in einer nahen Bar eine Jam Session. Also rudern wir nicht zurück aufs Boot, sondern verbringen die Zeit mit Fastfood auf die Hand am Strand, tanzen später (samt Duschzeug) im Motown ab und begleiten die Hitchhiker, die von ihrem Platz vor der Bar vertrieben werden, hinunter zum Strand. Musik, bis die Polizei kommt (02:30h). Auf dem Rückweg zum Boot sind wir nur zu dritt: Alba, Gawain, ich. Marlene und Gustave verbringen die Nacht im Camp. Donnerstag früh weckt mich Peter, erfahrener Weltumsegler, zur Vorführung seines selbstentwickelten Downwind-Segelfallschirms. Beim Einsteigen versenke ich beinahe sein Dinghy: ich bin übernächtigt. Mittags frag ich in der Marina nach, immerhin liegen wir jetzt schon zwei Nächte ungewollt vor Anker. Reagieren die ungehalten und genervt. Rufe ich Juan an (den wir vor zwei Wochen dort kennengelernt haben, Ex-Kollege von Pepe), um ihn nach einem Liegeplatz im direkt nebenan liegenden Club Nautico zu fragen. Regelt der das innerhalb von zwei Stunden: 15:45 an Muelle de Espera im it Real Club Nautico de Las Palmas. (Danke, Juan!) Gleich kommt Tio Pepe und wir gehen Mittagessen. Und morgen fährt Gawain alleine weiter, nach Teneriffa. Seufz.

Blick ins Ferne: Gawain

14. Biskaya

Bekalmt auf der B.

Blauer Himmel von Horizont bis Horizont, die letzten beiden Frachter verschwinden gerade über die Kimm [Horizont, auf dem Meer nur wenige Meilen (6?) entfernt], die Sonne steht tief, putzt sich die Zähne und macht sich zum Schlafengehen bereit, ein laues Lüftchen schiebt die gute Lisbeth gemächlich voran (1,5 kn, Spaziergangsgeschwindigkeit), keine nennenswerte Bugwelle, im Kielwasser noch nicht einmal Bläschen – traumhaft und friedlich: fantastisch. (Dienstag, 19.9.)

Falmouth Adieu

Gestern, Montag, in Falmouth abgelegt (an dem Kai, an dem 1968/69) Knox-Johnston losgefahren und ein Jahr später auch wieder angekommen ist: Bronzeabdrücke seiner Seglerschuhe (erste Einhand-Nonstop-Weltumsegelung, ein ziemlich berühmtes Rennen mit tragischen Geschichten (Selbstmord (??), Nervenzusammenbruch (??): Moitessier fährt einfach weiter in die Südsee). Legendäres Pflaster also.

Morgens die Schwimmhilfen vom Heck und alle Festmacher und alle Fender weggenommen – die werde ich in den nächsten Tagen nicht brauchen. Fühlt sich an wie der Aufbruch zu etwas Bedeutendem. Ein Mitsegler scheint das zu sehen und wünscht mir Glück, er wird auch gleich rausfahren. Kaum Wind, höchstens ablandig, keine Tidenströmung – der Ableger klappt wie im Bilderbuch, das Hydrovane-Ruder ist auch bereits installiert (hab ich vor dem Schuhe-Anziehen in Crocks gemacht, ich muss dazu jedes Mal auf die Badeleiter und knöcheltief ins Wasser). In der Hafenausfahrt, noch vor der Ansteuerungstonne, ziehe ich das Vorsegel auf und schalte den Motor ab. Von jetzt an wird gesegelt. Wind spielt mit, bald liegt Lizard Point, der vorletzte östlichste Zipfel Cornwalls, querab (starkes Leuchtfeuer, das mich die ganze Nacht begleiten wird), dahinter ist die Landzunge von it Land’s End (letzter Zipfel) im Dunst zu ahnen.

England Landesende

Sonnenschein. Morgens beim Spülen und Frühstücken habe ich BBC 2 angemacht und komme den ganzen Tag nicht davon weg: Berichte und Erlebnisse von der Beerdigung der Queen. Der Gottesdienst wird in voller Länge übertragen, über den Trauerzug mit allen Stationen berichtet (dazwischen Verkehrsmeldungen: ganze Stadtteile von Landon und Westminster sind gesperrt, dazu die Autobahn nach Windsor). Große Patrioten, die Briten, stolz auf ihren Dienst in der Armee, auf ihre Fähigkeit, Pomp und Trauer zu inszenieren (das größte Polizeiaufgebot in der Geschichte Großbritanniens), ihrer Queen zugeneigt wie einem Familienmitglied, einer Großmutter. Auch wenn sie bekennende Nicht-Monarchisten sind. Dazwischen die angemessenste Musik, die man sich vorstellen kann: Musical-Arien, Nora Jones, Tom Taylor, Simply Red, Simon&Garfunkel. Nachmittags Telefonbeteiligung und SMS-Berichte von Erfahrungen des Tages (»sind um 4 Uhr morgens losgefahren, 13 Stunden in der Schlange gestanden«, »gucke die Beerdigung auf dem Glockenturm meiner Kirche, nachdem ich 93 Mal für die Queen geläutet habe«, »unser Sohn spielt in der Militärkapelle/ist als Polizist im Dienst/schmiert Sandwiches für den Besucherandrang in den Parks und bei den Public Viewings«. Ein Tag, der schon an seinem Morgen als historischer Tag (»das werden wir niemals vergessen«) markiert ist. Sehr schön und sehr bewegend. »Erinnern Sie sich, wo Sie waren am Tag als die Queen zu Grabe getragen wurde?« – »Auf dem Weg auf die Biskaya.«

So ruhig ist die Fahrt, dass ich dazu komme, meine neuen (auf dem Müll gefundenen) Festmacher auf Länge zu kappen und zu betakeln [die Enden einzuschnüren, damit sie nicht ausfransen]. Es ist derart windstill, dass ich zum Schmelzen der Kunststoff-Taue sogar eine Kerze auf Deck brennen haben kann. Sie wird offiziell zur Takelkerze erklärt.

Noch’n Sonnenuntergang

Gewohnt spektakulärer Sonnenuntergang, Keksmond und Sternmiriaden etc. Fluoreszierende Delfine (diesmal mindestens fünf), einer springt im hohen Bogen aus dem Wasser (damit ich sie nicht wieder für Tunfische halte!) und bei der geruhsamen Fahrt fluoresziert sogar meine (mickrige) Bugwelle – ein Traumbild.

(Beispielbild)

Wird aber noch besser: in der Morgenröte kommen die Delfine wieder, tauchen ihre Rücken aus dem ölig glatten, in allen Regenbogenfarben schimmernden Wasser – schöner geht es nicht (Leider die Kamera zu spät herausgeholt).

Nachts ging ungefähr jede halbe Stunde (gefühlt: gerade, wenn ich mich wieder hingelegt hatte) der collision alarm (»Bidip!-bidip!-bidip!«) los. Aufrappeln, hoch ins Cockpit, Horizont absuchen. War nie was. Bis auf einmal, als ein flutlichheller Fischer auf uns zuzufahren schien … hat aber schnell abgedreht.

Draußen, kurz vor der hundert-Meter-Tiefenlinie, liegen Frachter vor Anker, warten auf Aufträge: es herrscht Krise. Auf einen von ihnen halte ich zu, erreiche ihn aber nicht mehr vor dem Schlafengehen. Morgens liegt er da noch immer (in der Nacht hat der Wind gedreht und wir sind nach Westen (statt nach Süden) gelaufen, aber bei dem lahmen Vorankommen macht es nicht viel Unterschied): der Frachter liegt noch immer dort, es dauerte den ganzen Tag, ihn endlich hinter der Kimm zu lassen.

Auch Frachter schlafen …

Gegen Mittag schläft der wenige Wind komplett ein. Aber alte Wellen (Dünung) lassen die Lillibeth trotzdem rollen und die Segel schlagen (sanft). Fock [Vorsegel] ausgebaumt, dazu den Spinnakerbaum zum ersten Mal in Betrieb genommen und Vor- und Achterholer [Leinen, die den Baum, eine Alu-Stange, die seitlich vom Mast absteht, nach vorn und hinten (und unten) stabilisieren] aufgeriggt.

Die Drei-Punkt-Position: bei jeder Verrichtung, auch bei Flaute, stemmt sich der Seemann mit gespreizten Beinen mit Hüfte oder Hintern an einem Teil der Einrichtung ab. Oder hält sich mit einer Hand fest, beim Zwiebelschälen, beim Erbsenglas aufdrehen, beim Reis abmessen, beim Gasherd anzünden. Stürze fangen mit einer kleinen Bewegung an, die sich aber (unabgestützt) unkontrolliert verstärken würde.

DreiPunktPosition (wenn das Ölzeug einmal nicht rasch genug ausgezogen ist)

Auf Deck ist der Seemann (außerhalb des Cockpits: immer!) mit einer Sicherheitsleine eingeklinkt, die zur Not einen Sturz auffangen würde. Was man aber nicht möchte und sich, wenn geht, zusätzlich festhält.
Auf der großformatigen Karte der Biskaya (1:1.350.000, im Din-A-2-Format, Südküste Englands am oberen, Nordküste Spaniens am unteren Kartenrand) liegen die Kreuzchen, mit denen ich meine Position mindestens alle vier Stunden markiere, fast übereinander. Bei dieser Geschwindigkeit wird das eine SEHR lange Überfahrt. Hoffentlich kann ich an der französischen Küste eine SMS absetzen, damit die Zuhause sich keine Sorgen machen.
Andererseits: heute Nachmittag wuselte ein Schwarm kleiner Fische (Sardinengröße) im Schatten der alten Tante Else um das Ruder der Selbststeueranlage. Das erklärt, was die Delfine unter dem Rumpf des Schiffes wollen: Häppchen abgreifen.
Gerade, rechtzeitig zum Sonnenuntergang (Was soll ich sagen? Kitschig knatschbunt eben) taucht am Horizont wieder ein blendend weißer Frachter auf und es ist vorbei mit der Herrlichkeit, dass der gesamte Ozean allein mir gehört. Traumhaft jedenfalls.
Und: Pinkeln vom Heck (im Lee [windabgewandte Seite]) – die Freuden der Flaute und der Einsamkeit.

Rauschefahrt

Donnerstag, 22.9., etwa auf Höhe von Lorient/Bretagne. Die See liegt ölig, nur ein laues Lüftchen weht: keine Fahrt (aber in die richtige Richtung, haha).

Meer so weit

Flautenzeit ist Lesezeit: Karin Slaughter (der Name ist Programm): Zerstört. (Blanvalet). Kann man lesen, muss man aber nicht. Überkonstruiert, verwirrend geschachtelt, Hauptfiguren hölzern, sprunghaft und unglaubwürdig. Dabei brutal grausam. Und schrecklich mies übersetzt. Aber: mutiges tragisches Ende (kein happy ending!) Eric Hiscock: Sailing around the world in Wanderer III. Stoisch, nüchtern, veraltet (von 1959!). Aber natürlich ein Klassiker.

Flipper (links im Bild)

Irgendwann am Dienstagabend frischte der Wind auf, um neun machte die gute Lizzy 3,5 kn Fahrt. Erfrischend nach zwei Tagen Flaute. In der Nacht (03:00) steigerte sie sich auf viereinhalb (in der Spitze 5,8 kn) und rauschte nur so dahin. Kein Geräusch außer dem Gurgeln und Rauschen des Wassers unter dem Rumpf. Mondsichelchen, sternenklar, Delfine – das ganze Programm. Berauschend. Oder schlicht oberaffengeil.

»Das lauteste, was Sie hören, ist das Klacken der Hängeseifen gegen die Klowand.«

(aus dem Werbeprospekt für die Elizabeth)

(Hängeseifen waren Werbegeschenke von Oscar – Möbel & Objekte. Danke!)
Wir sausen mitten durch die Frachterroute am Südeingang zum Kanal. Endlich kapiere ich die Wunder des AIS [Automated Information System]: Es gibt mit zu jeder Kollisionswarnung auf Tastendruck Name und Herkunft des betreffenden Frachters, auch Ziel, Größe etc. Und eine Peilung (bearing). Am Kompass ist einfach abzulesen, welches der vielen (jeweils 6 bis 8) Schiffe in meinem Sichtbereich gemeint ist. Und die errechnete nächste Annäherung (CPA: Closest Point of Approach) und die Zeit bis dahin (TCPA). Ein Wunderding. Im Morgenrot passiert mich die SOLONG in einer halben Meile Abstand (900m). Ich kann ihre Maschine hören.

Solong (oder so)

Der Mittwoch (21.9.) geht genauso herrlich weiter. Rauschefahrt und strahlender Sonnenaufgang. Gegen acht warnt mich das AIS vor einer Kollision (»collision alarm!  Bidip-bidip-bidip-bidip (da capo al fine)!« Nervtötend und nicht zu überhören, nicht mal im Schlaf!) vor einem Crash mit der ARKLOW CADET aus Irland, untewegs nach IEWAT (nie gehört. Steht wahrscheinlich für It’s Exactly What Anybody Thinks). CPA sollen 0,10 Meilen sein. Ganz schön knapp. Aber immer noch 180 Meter. Und dann dreht der Kahn direkt auf mich zu!
Funke ich ihn an: »Are you aware of me?« – »Yes. I just changed my course to give you way.« – »Thank you. Have a good watch.« Tatsächlich zieht der Frachter in engem Abstand vorbei und geht dann wieder auf seinen alten Kurs. Dankeschön, Arklow Cadet!
Um halb neun kommt mir ein Segelschiff entgegen, seltener Anblick.
Zum Frühstück gibt es Toast. So schräg legt sich die gute Liz ins Zeug, dass ich (von der Salonkoje gegenüber den BODEN der Pfanne von unten sehen kann!
Inzwischen sind wir auf der Höhe der Ile d’Ouessant, dem östlichsten Zipfel Frankreichs. Aber leider kein Handyempfang (»kein Signal« hätte Peter Kress übersetzt): zu weit weg. Ich hätte gerne Zuhause Bescheid gesagt, dass ich mich verspäte, geschätzt hatte ich drei bis sechs Tage für die Überquerung der Biskaya. Werden wahrscheinlich doppelt so viele. Aber jeder einzelne ein Genuss. Mittags sausen wir noch immer mit vier Knoten voran, ein Etmal [Tagesstrecke von Mittag bis Mittag] von 75 sm: nicht schlecht für einen Nachmittag Flaute. Die NORD CRUX aus Singapore passiert mit CPA 1,2 sm – easy!

Kurz darauf die Ellen Essberger, besonders hübsch rot und weiß angemalt, CPA 0,4 sm, 450m.

Ellen Essberger

Wir sausen mitten durch die endlose Reihe von Frachtern am Nordeingang zum Kanal. Aber: kein Verkehrstrennunggebiet (TSS) ist hier ausgewiesen, ich kann fahren, wie ich will (und habe sogar Vorfahrt). Georgie macht dabei seinen Job tadellos, wird nie müde und braucht nie Pause. Ein wirklicher Schatz.

»Nobody does ist better.
Forget about all the rest.
Nobody does it quite like you do,
Georgie, you’re the best!«

Aus der Playlist zum Queen’s Funeral-Radioprogramm. Alles nachdenklich-gedämpfte Songs: Fragile, I will fix you, Bridge over troubled water

Um halb fünf kommt mir schon wieder ein Segelschiff entgegen, ein Katamaran. Unter Motor (und Großsegel) hält er genau auf mich zu. Die MAHANA ist auf Kollisionskurs. Und funkt mich an. Sie kommen aus La Coruña, sei sehr windig dort gewesen. Wollen nach Brest. Und vor allem reden. Erst als sie vorbei sind, entdecke ich die deutsche Fahne am Heck. Hätte mir schon am Akzent auffallen müssen.

Mahana – die wollen nur quatschen

Außerdem meldet er sich mit »Katamaran Mahana«. Ich hätte die beiden bitten können, in Brest einr SMS nach Hause abzusetzen. Als ich ihn anfunke, noch in Sichtweite, geht er nicht dran. Hat wahrscheinlich sein Funkgerät wieder abgeschaltet, wollte wohl nur plaudern.
Ausführliche Fußhygiene (der Gestank fiel schon unter das Biowaffen-Kontrollabkommen) in Atlantikwasser. Die Meerwasser-Seifenmühle funktioniert eins A – Danke, Norbert!
Um halb neun kommt der Nicht-Wind aus allen Richtungen, die Nadel im Masttopp dreht sich mehrfach im Kreis. Ich halse (oder wie immer man das nennt, wenn man versucht, zu erraten, wo der Wind herblasen könnte und Segel und Selbststeueranlage entsprechend einstellt). Kein Erfolg, um halb zehn halse ich zurück. Eine dreiviertel Stunde später zieht Liz gemächlich ihre Bahn, 2,3 kn. Delfine sind nah am Schiff. Kaum zu sehen, aber ihr plätscherndes Auftauchen und prustendes Ausblasen und Atemholen sind eindeutig zu hören.

(Beispielbild)

Inzwischen sind wir auf der Höhe von Douarnez/Bretagne, haben also über ein Drittel der Überquerung geschafft.

AIS: Schwarz vor Frachtern

Donnerstag, 22.9. 01:30: die Nacht ist voller Frachter, die Delfine fluoreszieren wieder (schwach). Um halb vier passiert die EURICA LATVIA mit CPA 0,00 – theoretisch ein Crash. Fährt aber dann doch in einer Entfernung vorbei. Das AIS gibt eben nur Schätzungen und Annäherungen an. Vielleicht sind die Letten auch ausgewichen. In der Nacht schlafe ich bei (sanft) schlagenden Segeln. Ist einfach kein Hauch auszumachen. Im Morgengrauen sehe ich, dass auch die Dampfer nachts schlafen: um mich herum dümpeln 6 Frachter antriebslos (auf über hundert Meter Tiefe werden sie wohl nicht ankern, schätze ich). Jedenfalls gehen ringsum nach und nach die Navigationslichter aus, auch meine.

Auch Frachter schlafen …

Die FMT BERGAMA lag die ganze Nacht in der Nähe. Um halb acht funke ich sie an. »Do you have any form of land communication?« – »Yo, I have Whatsapp.«
Der Mann auf der Brücke ist superfreundlich und nimmt meine Nachricht auf. Er kommt aus Malta, sein Englisch ist makellos, zeigt höchstens leichten Akzent. »Everything okay. Only takes longer. No wind. Ulrich.« (Ulrich hab ich buchstabiert).

Die Stunden später funkt er mich wieder an (»This is Bergama calling unknown sailing vessel, Ulrich«), kann aber meine Antwort nicht hören (vielleicht zu weit weg, meine Antenne sitzt zwar auf der Mastspitze, aber die Antennenhöhe entscheidet über die Reichweite)(später erfahre ich den wahren Grund, s.u.). Ich denke mal, meine Nachricht ist angekommen. Oder er hat sich inzwischen mit Paula angefreundet – er hat schließlich ihre Handynummer.

Eine lange, hohe Dünung (1,50m) rollt vom Atlantik herein – irgendwo da draußen IST Wind. Und nicht zu knapp.
Das Funkgerät spinnt schon wieder. Zwar machen wir im Moment wenig Fahrt, aber 0,0 kn scheint mir doch untertrieben. Ein bisschen Strömung müsste es doch wenigstens geben! (Das Funkgerät misst die Fahrt über Grund (SOG=speed over ground). Dass es ohne Fahrt auch die Kursangabe (COG=course over ground) nicht verändert, leuchtet dagegen schon eher ein.

Knie und Ischias sind schon wieder fast in Ordnung (Tat weh. Sogar Peterspitz-Wickel gemacht – Danke, Mutter! Alte Männer und ihre Wehwehchen: Stoff für einen anderen Blog (den ich nicht schreibe, versprochen! Deswegen erwähne ich auch meine ausführlich Zahnhygiene von heute früh hier nicht.)

Das AIS zeigt Länge und Breite auf vier Stellen hinter dem Komma genau an, also auf eine Zehntausendstel Meile oder 18 cm genau (theoretisch -tatsächlich ist es technisch unscharf gestellt und nur auf ca. zehn Meter genau; doch auf 3m exakt für die US-amerikanischen Truppen – und ihre Freunde). Doch gerade verändert sich noch nicht einmal die letzte Stelle: Wir stehen.

Also: Flautenzeit ist Schreibzeit. Jetzt ist es fast Zwölf und der Windhauch wirkt beinahe, als könnte er sich verstärken … Es ist ein herrlicher Tag, sonnig. Eben hab ich sogar ein paar Fotos von Delfinen UNTER dem Schiff geschossen – glaubt mir doch sonst eh keiner …

WilderRitt

Donnerstag (22.9.) 14:25 die GUANYIN, CPA 0,37sm (genug von Frachtern gehört? Genug Frachterfotos gesehen? Kommen aber noch mehr.) Eine Stunde später kommt Wind auf, dazu Sonnenschein, 4 kn Fahrt aufs Ziel – geht nicht besser. Viertel vor vier das erste Funkgespräch auf spanisch: wahrscheinlich zwei Fischer weit draußen. 16:00 die 200m-Tiefenlinie überfahren. Es geht ins Blauwasser.

20:00 die 2000m (sic!)-Linie überfahren, bin auf der Höhe von Nantes. Der Himmel ist bedeckt, kein Sonnenuntergang, kein Sternhimmel, keine Delfine. Die HAPPY RIVER passiert (CPA 1,2sm) (Nerve ich euch? Wahrscheinlich habe ich aus Nervosität so viel notiert. Und: Jeder Frachter ist Zivilisation in dieser Wüste von Meer. Fluoreszierende Delfine. Kochkartoffeln à la Yayi, Brechbohnensalat, Joghurt.

23:40 Die gute Tante Else zieht genügsam ihre Bahn durch die Nacht, rauscht dahin wie auf Schienen, 4,3 kn. Als ich aufwache ist alles ruhig, das Schiff läuft – genial. Also nochmal umdrehen und weiterschlafen. Oder doch sicherheitshalber den Kurs kontrollieren? Muss ich den inneren Schweinehund schwer an die Kette nehmen. Dabei ist alles bestens: Kurs 250°, 4,3 kn: Läuft.
Obwohl: 250° ist fast direkt nach Westen (270°), wir jagen mit inzwischen 5,1 kn direkt auf den Atlantik hinaus! Die gute Windsteuerung macht ihren Job tadellos. Dafür, dass der Wind gedreht hat, kann sie nichts. Also angezogen (Jacke, Schwimmweste, Sicherheitsleine), Segelstellung korrigiert, Georgie auf den neuen (alten) Kurs 195° justiert, wieder hingelegt.

03:00 bedeckt, draußen alles zappenduster, kein Stern, kein Mond (es herrscht ohnehin Neumond, oder fast. In La Coruña werde ich kein Mondlicht haben – das konnte ich nicht auch noch berücksichtigen.

Freitag früh (04:30) regnet es, die Kimm ist kaum auszumachen. Um 07:10 weckt mich ein merkwürdiger Funkspruch, südländisch (oder Nafri-) klingender Typ, Anbaggerintonation, nuschelt und nennt seinen Schiffsnamen nur verwaschen. Sucht Kontakt zu irgendeiner Segelyacht, mein Schiffsname fällt nicht. Schlaftrunken wie ich bin, melde ich mich trotzdem. In kurzer Entfernung schaukelt eine Motoryacht. Was will der Typ von mir?

»This is Elizabeth. What can I do for you?«

(etwas unwirsch)

Ende der Funkkommunikation. Jetzt, wach, schaue ich mich um (inzwischen hat das Morgengrauen eingesetzt): weit und breit keine Motoryacht zu sehen, überhaupt kein anderes Schiff. Muss ich halluziniert haben.

Georgie muss im Regen stehen

10:00 Sprühregen, aber 3,7 kn. Alles okay. Um elf hat der Wind aufgefrischt, NW 3, der Regen hat aufgehört, die Sonne spitzelt raus. Wir jagen bei halbem Wind (beam reach) mit 6 kn nach Süden – super. Mittags sogar 6,4 k!, so muss sich Piratenglück anfühlen! Nachmittags um drei immer noch wilder Ritt, wir haben die untere Hälfte der Seekarte erreicht, ein Etmal von 73 sm.
Inzwischen auf 4000m Tiefe. Da sollte sich doch das angeblich unbeschreibliche tiefe Meeresblau einstellen, von dem alle Langstreckensegler schwärmen … Blau ist die See, satt dunkel königsblau. Aber es ist nur die Reflexion des Sonnenlichts, bei bedecktem Himmel oder Regen, ist das Wasser genauso grau, als wäre es nur wenige Dutzend Meter tief …

16:00 erreicht die Lizzy ihre bisherige Spitzengeschwindigkeit: 7,2 Knoten. Bei Wind NW Bf 5. Wild und rauschend und geil. Störtebeker-Feeling. Inzwischen gibt es Wellen von fast zwei Metern, die ersten zeigen einzelne Schaumkämme – das wäre dann das Anzeichen für Windstärke 6. Nicht das geringste Problem, wird super.

Aber:

»Starkwind im Sonnenschein ist lang nicht so stark wie Starkwind bei Nacht.« 

Regel 9 (selbst erfunden)

Und weil es auf den Abend zugeht, binde ich das zweite Reff ins Groß und rolle die Fock auf 1/3 ein (dauert beigelegt [Boot steht mit back [gegen den Wind] gespanntem Vorsegel und lose schwingendem Großsegel quer zum Wind und treibt sachte ab] rund eine Stunde. (War vielleicht übervorsichtig, das Reffen. Aber Regel 10 sagt: Rechtzeitig reffen! (Da drückt man sich nämlich gerne vor.)) Um viertel vor sieben sind wir wieder unterwegs, trotz Reff bei raumem Wind [schräg von hinten] 5,3 kn direkt aufs Ziel zu – genial. So besorgt es sich die Ellie die gesamte Nacht hindurch, nie unter 4, meist über 5 Knoten: krass Klasse Braut.

Um Mitternacht kommt uns die zweite Segelyacht auf diesem Törn entgegen, TORBAS, aus D. Morgens 05:10 drehe ich im frühen Licht ein paar Minuten Eindrücke von wilder Fahrt und hohem Seegang. (Video folgt)

Samstagvormittag, immer noch flott unterwegs, strahlt die Sonne und wirft einen funkelnden Regenbogen auf die von NW heranziehenden Cumulus-Wolken (mit dunkler Unterkante: es könnte Regen geben). Mittags errechne ich ein Etmal von 120 sm (fast 200 km!), das beste bisher. Um vier steigt eine der hohen Wogen ins Cockpit, vor allem Schaum bzw. Gischt. Nicht mehr als ein Viertelliter Seewasser kommt hereingespritzt. Aber die See zeigt, was sie draufhat. Die langen, hohen Wellen (4-5m) werden nicht schwächer. Aber bei raumem Wind, gerefften Segeln und Fahrt zwischen 4 und 5,5 Knoten gibt es rein gar nichts zu meckern. Merke:

»Mit sechs Knoten über die Wellen jagen ist bei Tag ein herrliches Schauspiel. Nachts aber eher Nervenkitzel.«

(neuste Ulli-Depp-Weisheit)

Außerdem werden die sonst sanften Schiffsbewegungen ab 6kn ruppiger, die Else rauscht nicht mehr glatt dahin, sondern rüttelt sich über die Wellenstöße. Ein klitzekleinwenig fühlt sich das an wie Boris Hermann (nur dass der mit dem sechseinhalbfachen an Geschwindigkeit unterwegs war).

18:25 Land-ho! Die hohen brauen Felsenklippen bei La Coruña sind selbst aus 27 sm Entfernung zu sehen. Und plötzlich ist die See wieder voller Betrieb. Kleine Fischertrawler, aus Frankreich herüber. Merke: auch der Fischer hat gerne Landsicht (Grüße an Nina!). Es wird dunkel, die französischen Fischer werfen ihre starken Scheinwerfer an und juckeln los, Richtung Heimat. 21:30 Handy hat Empfang – Beruhigungs-SMS an Paula abgesetzt: »Ich kann Spanien sehen!«.
Irgendwas stimmt nicht mit dem Herd. Nur eine Flamme geht noch. Sollte die Gasflasche schon wieder leer sein? Hab ich erst in Dartmouth ausgetauscht!
Selbst als ich nahe an der Küste bin, liegt La Coruña noch um ein Kap herum, 21 sm entfernt. Auch bei günstigstem Wind bleiben noch mehrere Stunden zu fahren.
Dann dreht der Wind in alle möglichen Richtungen, ich bekomme die Selbststeuerung nicht wieder justiert, steuere die letzten Meilen von Hand. Im ersten Licht, als hätte ich es so geplant, hole ich in der Hafenzufahrt die Segel ein, befestige die neuen Festmacherleinen (4 Stück) und hänge die Fender raus (6 Stück). Ich starte den Motor, die Einfahrt dauert noch über eine Stunde, und bin bereit für den ersten Anleger nach sieben Tagen. 07:30 passieren wir in der Hafeneinfahrt den Torre Hercules, – aus der Römerzeit, der älteste noch in Betrieb befindliche Leuchtturm der Welt! –, um 08:30 liege ich fest in der Marina Coruña. Ich habe sie angefunkt, aber keine Antwort erhalten. Da klärt sich mit den beiden supernetten Hafenmeistern der Frühschicht auch mein Funkproblem: Irgendwann habe ich den Squelch (Rauschunterdrückung) zu hoch und dafür die Lautstärke zu niedrig eingestellt. Das Funkgerät funktioniert völlig einwandfrei, man muss es nur zu bedienen wissen!

Netter könnte der Empfang nicht sein. Der Hafenmeister kocht mir Kaffee, sein Helfer legt mir eine selbstgedrehte Zigarette hin (die erste seit vier Tagen!)  – geht nicht besser. Nur der Boden schwankt, ich bin noch etwas unsicher auf den Beinen. Eine lange heiße Dusche später (die erste seit sieben Tagen) und ich bin wieder jung. La Coruña ist ein Traum.

Voll die Flaute!