
(Do., 21.3.)
18 Stunden pro Tag in der Hängematte liegen hört sich nach Erholungsurlaub an. Ist jedenfalls sehr ruhig (bis auf das Motorbrummen, Tag und Nacht). Eine Fahrt den Amazonas hinab ist der Traum aller Weltenbummler – Harald Schmidt hat sie in seinem Gap-Year nach Ende seiner LateNightShow auch gemacht. Und volksnah ist die Sache auch: Auf zwei Decks, das obere dem Wetter ausgesetzt, sind Haken an der Decke festgeschweißt und Lattenroste auf dem Boden ausgelegt: man hängt seine Hängematte auf und stapelt sein Gepäck wasser- und insektensicher auf die Lattenroste. Wir sind wie vorgebucht seit Mittwochmittag unterwegs und es ist so abenteuerlich wie gehofft – nur dass zwischen den spannenden Momenten stundenlang nichts passiert (außer, dass Flusslandschaft vorbeizieht …).

Mittwoch früh steht Armstrongs Fahrer pünktlich wie die Uhr vor dem Hotel, bringt mich zur Bank, leider sind meine Kreditkarten ausgelaugt, für beide wird mangelnde Deckung angezeigt. Also funktioniert meine Finanzierung nicht: weil Armstrong feste Buchungen vornehmen wird, braucht er Vorkasse. In seinem Hotel schmeiß ich das WiFi an und bringe eine Auslandsüberweisung auf den Weg. Dann warten Fahrer und ich ergebnislos, aber schließlich fährt er mich zu Hafen. Welches Schiff? Weiß ich nicht, ich dachte, es gibt nur eins – das, was um elf Uhr losfährt eben. Gehen wir drauf, stehen an einer Art Rezeption an der Rampe, mitten im Weg: schwerbeladene Lastenträger keuchen herein, zwischen parkenden Autos (es ist eine Fähre!) und Ladegut (und wartenden Passagieren wie ich) hindurch. Meine Buchungsnummer ist anscheinend nur agenturintern, sie können zwar die Bestätigungsmail auf meinem Telefon ins Portugiesische übergoogeln, aber finden mich nicht. Fahrer hilft überzeugend, doch am Ende rufe ich die Agentur an und reiche den Hörer an die Rezeptionsdame weiter. Großes Palaver, inzwischen ist auch der Kapitän eingeschaltet, der Name eines anderen (Schwester-?) Schiffs fällt, erleichtertes Aha und Kopfnicken. Und sie tragen mich in die Liste ein, ich bekomme mein Disko-Bändchen ums Handgelenk und bin drin. Möglichst oben, möglichst vorn lautete der Rat für den Platz. Ich finde zwei Haken neben einer Familie mit Kind. Und Punkt 12 geht es, wie von Armstrong prophezeit, los. Der Schiffsdiesel keucht und raucht und heult auf. Die Hafen- und Marktanlagen von Manaus. Flussabwärts der neuere Containerhafen. Die ärmlichen Stadtviertel an den erdrutschgefährdeten Hanglagen. Und der breite Strom. Das Wasser des Rio Negro ist dunkelbraun vor Humus aus dem Amazonasbecken. Sieben Kilometer hinter der Stadt (Richtung Meer) vereinigt er sich mit dem Rio Urucu und wird (für die Brasilianer) erst dort zum Amazonas. Und grüngelb-trüb statt schwärzlich-braun. (Manaus ist wie Augsburg, wüsste Herbert. Auch dort vereinigen sich zwei Flüsse, die ihre Namen lassen müsse(n) …).

Seither brummeln die Motoren ununterbrochen, leiert und wummert Latino-Hiphop und -schlager aus den Wummerboxen an der Bordbar (Deck drei) und liegen wir in den Hängematten …
Auf Deck 0 parken sechs Autos und ein paar (Lasten-) Motorräder. Der Rest des Decks ist vollgepackt mit sicher hundert Kubikmetern Paranüssen in groben Plastiksäcken, geschätzt mehrere (zig) Tonnen. Deck 1 bietet den geschlossenen Passagierraum, gut gefüllt und schlecht belüftet, daneben die Sanitäranlagen, (saubere Duschen und Waschbecken) ein paar Suiten und Kabinen (Camarotes, die sehr kärglich aussehen, grobgezimmerte Stockbetten) und das refectorio, den winzigen Speisesaal. Dreimal am Tag werden warme Mahlzeiten in kompletter Wegwerfoptik ausgegeben: Aluteller, Plastikbecher, und -besteck. Für 15 bis 20 Reales (€ 3 bis 4). Deck 2 weist ein Schiffsdrittel Kabinen und Suiten auf und das obere offene Passagierdeck (insgesamt ist die Fähre für 824 Gäste zugelassen, im Augenblick höchstens zur Hälfte gebucht). Das offene Deck 3 bietet die Bordbar (0730 bis 2400) und zwei Terrassen. Am ersten Nachmittag wechselte der brennende Sonnenschein zu einem Regensturm, fegt die Plastikmöbel über das offene Deck und zerschmetterte einen Tisch und einen Stuhl. Dann wieder Sonnenglühen und nachmittags noch einen Regensturm: es ist Regenzeit, wir sind (3°) südlich des Äquators.

Zwischen 1700 und 1900 (bzw. solange es reicht) gibt es das Abendessen (Schweinebraten, Reis, Spaghetti, Salatgarnitur) und morgens ab 0600 Frühstück (Kaffee, Käsetoast, Obstteller).
»Ô quesu-quesu-quesu!«
Heute früh 0600 im ersten Licht ein Halt. Pontonanleger, ein paar neue Passagiere, etwas Fracht. Aber vor allem Käseverkäufer mit langen Stangen, an deren oberem Ende ein Haken (für die Ware in Plastiktüte) und eine umgedrehte halbierte Plastikflasche (für Geld und Wechselgeld) befestigt sind. Und ihre melodiösen ausgesungenen Lockrufe.
Gegen acht lag zum ersten Mal ein Hügelrücken im Weg, ziemlich ungewöhnliches Bild im topfebenen Amazonasbecken (das einmal (Gondvana) Teil des Kongo-Flusssystems gewesen sein soll – Herbert war (oder ist) Geologie-Student. Um zehn der zweite Halt, diesmal an einer Lehmpiste. Am Ponton verluden sie einen schweren Motor (Generator?) auf eine andere, kleinere Fähre. Am Fluss verstreut einzeln liegende Hütten, Gehöfte, Liegenschaften, teilweise mit Anlegern. Nachts strahlend hell (und einladend) beleuchtet. Heute abend, weiß ich von Armstrong, machen wir über Nacht in Santarém fest. Und ich werde mir ein Abendessen schießen. Die Mittagsöffnungszeit (1100 bis 1300) habe ich nämlich verschlafen, um viertel vor eins gab es nichts mehr. (Nur überbackenes Sandwich von der Bar). Am Spätnachmittag breitet sich der Fluss mitten in einer (hunderte) Quadratkilometer weiten Seenlandschaft aus, zu beiden Seiten nur von flachen (natürlichen?) Dämmen begrenzt, die kaum buschbewachsen sind, mit einzelnen niedrigen Bäumen.

Santarém
Fr., 22.03., Santarém
Die Stadt liegt wie am Meer, mit allem: Strandpromenade mit Kinderbelustigung, Anglern, Fressbuden, Ruhebänken für verliebte Paare, Restaurants (Pizzeria mit Livemusik). Das von der Schiffsassistentin empfohlene Restaurant über dem Wasser ist gerammelt voll mit Touristen; die Bastion mit Kanonen und Luxushotel (»London«) mit Aussichtsterrasse thronen hoch über der Stadt, eine endlose Treppe hinauf. Wieder unten folgt die Einkaufsmeile, nachts selbstverständlich alles geschlossen und die kitschig beleuchtete Kathedrale samt Vorplatz, der als Markt genutzt wird. Und immer noch am Wasser liegt, an der endlosen Promenade, deren Lichter sich bis zum Horizont ziehen. Wir haben um 1800 am Donnerstag angelegt und 17 h Aufenthalt: die ganze Nacht. Mein Hunger war zu groß zum lange Suchen, in einem Ecklokal im Freien servieren sie Gegrilltes, weißen Reis, Gemüsereis mit Graupen/den Kichererbsen und Kräutern, den es auch auf den Kapverden gab, Kartoffelsalat. Und Acerola-Limonade. Dann Spaziergang ins Städtchen. Die Gegend am Ufer wirkt alt und heruntergekommen und mir nicht ganz koscher. Teils Bretterbuden, teils Geschäfte mit großen Plänen: für gemauerte Gartengrills, für Klimaanlagen, eine Fahrschule. Und Eckkneipen und kleine Supermärkte. Später: Freiluftplätze für Beachtennis, auf Beachvolleyballfeldern. Sieht nicht wirklich athletisch aus, aber interessant.
Die Strandpromenade fängt belebt als Treffpunkt der Jugend an, ein Grilllokal mit Biergarten im baumbestandenen Park am Wasser. Von da ab zieht sich die Spazierstrecke das Ufer entlang. Auf dem Rückweg wage ich mich durchs Hafenviertel – alles völlig harmlos. In einer In-Bar, halb offen am Ufer, mit Livemusik (zwei Jungs, Gitarre, Cajon) ist die Hölle los. Ich muss vor allem die Toilette aufsuchen, kann mich aber nicht verständlich machen, die gebe es hier nicht. Finde ich aber. Nach zwei Halbliterflaschen Spatenbräu sieht alles noch freundlicher aus. Auf dem Rückweg setzt Regen ein, ich stelle mich unter. Und bin um elf wieder aufm Schiff.

Heute, Freitag, früh um 0600 vom Kaffeeverkäufer geweckt, der mich über den Tisch zieht. Milch flockig, Kaffee lauwarm, trotzdem verlangt er RS 5 (€ 1). Was sich als Gringo natürlich leicht verschmerzen lässt. Yucca-Pfannkuchen mit Rührei zum Frühstück an der Hafenbude. Plus drei Kaffee für RS 10 (€ 2). Nervig sind zwei andere Passagiere der AMAZON STAR. Sie verlangen Kaffee ohne Zucker (muss frisch gemacht werden), um dann doch esslöffelweise Zucker hineinzurühren, bestellen große Wasserflaschen (die die Budenbetreiberin von quer über den Platz besorgt), um sie dann doch nicht zu nehmen – sie wollen zum nahen Supermarkt, wo es das Wasser billiger gibt. Dabei hat die eine sicher ein halbes Monatseinkommen in aufgespritzte Lippen, gefärbte Haare, Sonnenbrille und -schirm investiert. Und die ganze Zeit beschweren sie sich (soweit ich das verstehe, sie reden portugiesisch) darüber wie teuer alles sei und wie schäbig die Kabinen. Dagegen sind meine alten Kreuzfahrterfahrungen erbauliche Geschichten mit erhebenden Charakteren. Überhaupt Frauen an Bord. Nennen wir sie die Lebenslustige: Minipants, tiefer Ausschnitt, Haare zur Scheitelpalme hochgesteckt. Sucht schäkernd Anschluss mit Jung und Alt, Hauptsache männlich. Und wer sitzt in dem Wagen, der gestern Nacht augenscheinlich ohne Berechtigung Zufahrt zum Anleger erschleichen wollte, das Schmiergeld vorsichtshalber schon nach vorne gereicht? Heute ist die Lebenslustige aufgedreht mit ihrem Sohn (ca. 18) auf der Barterrasse zugange, schießt Selfies und lacht verliebt. Wahrscheinlich bilde ich mir das alles nur ein, sie haben gestern Nacht noch Passagen gekauft, der Junge trägt ein Armbändchen wie wir alle. So erklärt Klein-Ulli sich eben die Welt …
Draußen vor dem Anleger laufen heute zwei Farben Wasser zusammen, dunkelbraun und hellgrün, beides trüb (wie auch aus Wasserhähnen und in der Kloschüssel). Wo der leichte Wind im weiten Flussbogen vor Santarém gegen die Strömung der Wasserläufe steht, baut sich eine kurze, fiese Welle auf. Mal sehen, wie wir dort gleich durchkommen … Seit Manaus habe ich übrigens kein einziges Segelboot gesehen, obwohl es doch schick sein soll, den Amazonas hochzusegeln und es laut Navionics sogar Marinas gibt am Fluss …
hier der link): https://youtu.be/TGODe_Z69nA
Überpünktlich um 1045 pfeift der Dampfer mehrfach dröhnend und legt ab. Einmal Dünnpfiff-Hose (die klumpige Milch von vor dem Frühstück steht in Verdacht!) ausgewaschen, zwei Stunden geschlafen, schon biegt die Fähre in einen Seitenarm mit Sumpfweiden ab und legt 1530 in /Monte Allegre an. Dort drängeln sich Reisende und Snackverkäufer auf dem Ponton und ein Delfinpaar zieht (wie gestern beim Anleger an der Lehmpiste) direkt davor seine Kreise – im Trüben, die können auch mit Ultraschall jagen, hab ich gelesen.
Um halb acht der nächste Stop, Parinha, an einem winzigen verblichenen Holzanleger, zweistöckig, der gut am Mississippi von Onkel Toms Hütte oder Tom Sawyer und Huckleberry Finn stehen könnte. Nur eine Viertelstunde, Passagiere austauschen. Und vier Männer wuchten eine riesige Kingsize Matratze die schmale Treppe zum Oberdeck des Stegs hoch. Spätestens seit Santarém sind wir nicht mehr in Amazonien, sondern im Bundesstaat Pará (nach dem indigenen Namen des /Gråo Pará, des Fluss-(so weit wie das) Meer(es)).
Lukas heißt der Londoner/Brasilianer, der mich, samt seiner blond-kurzhaarigen deutschen Freundin so sehr an mich/uns vor vierzig Jahren erinnert (beide mit riesigen Brillen) und mir deshalb unwillkürlich sympathisch ist. Andrea ist der Italiener aus Livorno, seine Freundin, Brasilianerin, kommt aus Sao Paolo. Die drei Amerikanerinnen, von denen eine deutsch und aus dem Harz ist. Und das französisch-schweizerische Paar aus der Suite No. 8 – es ist der Tag der Bekanntschaften.

Sa., 23.03.
Regensturm um Mitternacht. Seitlich prasselt das Wasser herein. Mein Nachbar, noch exponierter als ich, baut seine Hängematte ab. Auf meinem Platz „nur“ Sprühwasser, nicht mal kalt. Bloß dass der heulende Wind dazukommt. Auf den letzten (überdachten, aber seitlich ungeschützten) drei Metern zum Klo werde ich triefend nass, bevor ich die Klotür gegen den Wind zuknallen kann.

Um 0500 Gurupá. Hier sind sogar die Holzpoller kurz vor dem Verrotten, unbehauen und schief. Zwiebeln und wenige Passagiere werden angelandet und aufgenommen. Die Nacht war lang, ab sechs gibt es endlich Frühstück. Andrea, der Italiener, weist mich darauf hin, dass meine Hängematte viel zu tief hänge. Spanne ich flacher und der zweite Schlaf bis acht geht sehr viel besser. Urplötzlich sind fliegende Händler auf dem Dampfer, der O-queso-queso-queso-Singsang ist wieder da. Dabei habe ich gar nicht mitbekommen, dass wir gehalten oder gar angelegt haben sollten …?


Wider jede Intuition wird der Fluss zur Mündung hin schmaler, verzweigt sich in unzählige Seitenarme. Der, durch den wir fahren, ist gerade mal 200m breit, nach 4,1 nm (über 7 km) gestern. Bretterhütten auf Stelzen, Einbäume, knatternde Motorboote, kleinere Fähren, einige ans Ufer gezogen. Zahlreiche Schiffbauer. (Inzwischen hätte ich auch schon fast wieder Lust, eins anzufangen.) Auch drei Kirchen mit jeweils eigenem Anleger. Kinder und Jugendliche paddeln zur Fähre heran, drehen dann wieder ab. Ob sie Geschenke erwarten? Oder einfach neugierig sind? Feinsäuberlich aufgefächert warten Holzstämme im Wasser auf ihren Weitertransport. Matratzenkino: von meiner Matte aus sehe ich durch einen Wetterschutzgrill das Uferleben wie einen Film vorbeiziehen (s. Video (folgt)). Es ist noch nicht mal 1000 und doch schon ein völlig anderer Film: Regenwald, Einbäume, Bretterhütten. Und strahlender Sonnenschein, außerhalb des Schattens unerträglich.
Wir fahren inzwischen auf einem schmalen Seitenarm, werden Belem sozusagen „auf dem Landweg“ erreichen. Und nicht, wie ich naiverweise vermutet habe, hinaus aufs offene Meer kommen – wäre auch ein enormer Umweg gewesen. Um halb zwölf Sturzregen in einer gelben Wand, so dicht, dass sogar der Dampfer kurzzeitig die Fahrt verringert. Ein ewig langes Hölzerfloß, mitten auf dem Fluss. Und dann erfahre ich, wo die Händler herkommen: mit ihren schnellen Motorbooten legen sie sich außen an den Dampfer, machen an den Traktorreifen (als Fender) fest und klettern an Bord – oder schicken ihre Kinder.
Ein Teenagermädchen, vielleicht 15, hat sich für ihre Verkaufstour mit rotem Minikleid schick gemacht. Fürsorglich schenkt ihr die (brasilianische, aus Sao Paolo) Freundin von Andrea eine Großpackung Kräcker. Die Jugendliche dankt freundlich, aber als sie sich wegdreht, verdreht sie die Augen zu ihrer Freundin – als ob sie nicht genug zu essen hätte …! Ergo: nicht nur ich Gringo hab Schwierigkeiten zu beurteilen, wie schlecht (oder gut) es den Leuten geht.

Um halb drei noch ein Halt, Breves, aber nur ganz kurz, das Hafenviertel am Fluss sieht auch nicht besonders vielversprechend aus. Im Fluss: ein fleischfarbener (Albino?-) Delfin.
Jetzt gerade, Mangroven an Stb, Dschungel an Bb, tritt ein, was Herbert angekündigt hatte: der Wald ist zum Greifen nah, der Flussarm vielleicht noch 30m breit.
Nachmittags esse ich meine Vorräte auf: Tucumao heißt die kokosnussgroße grüne Frucht, an der seitlich Blätter abstehen wie Fischflossen. Innen eine Überraschung: das Fruchtfleisch, ein wenig wie Kiwi und schmeckt auch so, ist leuchtend lila. Und färbt sicher tierisch ab. So kräftig ist der Farbstoff, dass er sogar noch am anderen Ende des Körpers (am nächsten Morgen) das Produkt wunderschön dunkelviolett färbt (Bristol null bis eins). Sonnenuntergang, dramatisch wie immer (mit Wetterleuchten), später gibt es eine hell aufleuchtende Sternschnuppe über einem Schlepper mit endlos langem Hölzerfloß. Und nach einer kurzen Nacht im Morgengrauen: Belém. 0530 legt der Dampfer an, schiebt sich mit Gewalt in den Schlamm (es gibt Ebbe und Flut in Belem, habe ich heute erfahren), alle packen ihre Sachen und Hängematten und die Neuwagen werden von der Fähre rangiert. Wir sind viel zu früh, mein Abholer ist noch nicht da. Später merke ich, dass die Uhr umgestellt wurde, es ist schon halb sieben. Um acht treffen wir uns endlich, Junior hat am Schiff gewartet, ich draußen vor dem (schäbigen, abgelegenen) Hafentor. Er bringt mich ins Hotel, Gepäck abgeben. Wir warten bis der Schlagregen aufhört. Stadtführung ist angesagt: Altstadt, Märkte (Fressbuden, Obst, Gemüse, Medizin- und Kräutermarkt, Fischmarkt). Dann das Museum für Sakral- und Indigenen-Kunst, im ehemaligen Jesuitenkloster aus der Gründungszeit der Stadt (1618). Besonders schön: Muiraquita frogs, aus Jade geschnittene Frösche, die einmal im Jahr verschenkt werden. Und zwar von den Frauen der Ikamiabas, eines Indigenen-Stammes aus der Nähe von Santarém, als Dank an die Männer, von denen sie sich, nur an einem bestimmte Tag, einmal im Jahr, befruchten lassen. Den Rest der Zeit leben die Frauen für sich alleine. Heute werden ähnlich nachgemachte Frösche noch immer verschenkt, als Talisman für Glück und Fruchtbarkeit … Leicht einzusehen: einen Macker nur einmal im Jahr um sich zu haben und sonst seine Ruhe: das ist Glück.


Und die Bastion am Wasser, mit Kanonen.
Im alten Hafen schrubben die Fischer ihre Kutter, sie fahren nachmittags wieder raus. Und die Geier, schwarz, mit grauem Faltenhals, warten auf den Giebeln der umliegenden Altstadthäuser (z.T. mit portugiesischen Kacheln als Fassadenschmuck) darauf, dass die Flut vorbeigeht und die Ebbe den Hafenboden freilegt, wo die Fisch(rest)e liegen, die von den Fischern über Bord geworfen worden sind … Alles sehr prall und lebendig.
Mein Guide Junior stammt aus Marajó einer Insel mitten in der Mündung und der Stadt gegenüber (und größer als die Schweiz), die Belém mit Arbeit (Aluminiumfabrik) und Ost und Gemüse versorgt. Andauernd setzen Fähren über den Fluss, vor allem aber alle Richtungen: der Amazonas ist eher Meer als Fluss.
Abends habe ich die Empfehlungen von Junior abgearbeitet, das Freiluftrestaurant genau neben der alten Oper (so alt wie die Manaus). Excellente Cupuaçu-Limonade, der Filhote alla Cheff, Superfisch gemäß Junior, war leider zu Tode paniert (Fischstäbchen vom Edelfisch), dazu Jambu-Soße, das Leib- und Magen-Würzkraut der lokals (in fast allem vom Likör bis zur Fischsoße). Danach zum Sonnenuntergang (verpasst) die Craft-Brauerei Amazonas Beer am Flussufer probiert. Die ehemaligen Lagerhallen sind zur Ausgehmeile par excellence aufgehübscht, etwa wie das Kranufer (auch mit Kränen!), nur in schön und superpopulär. 2025 wird in Belém der Weltklimagipfel stattfinden, danach kennt es jeder … Kurz: Es ist (für mich) die zweitschönste Stadt Brasiliens.





























































































































































































































