22. Straße von Gibraltar

Überraschung: Marbella liegt am Mittelmeer

Na, das war nun keine Überraschung. Aber wie viel sich verändert hat auf den knapp über 40 nm seit Gibraltar: Marinas (heißen nicht mehr so) sind ausgebucht, Yachten von 10m nehmen sie überhaupt nicht (»wir haben nur Liegeplätze für Yachten ab 12 m«, die Snobs), keine Schwimmstege (weil: (so gut wie) keine Tide), Anlegen römisch-katholisch [(keine Ahnung, woher diese Bezeichnung kommt): Heck zum Kai, zwei Achterleinen; im Hafenbecken sind tief unter und vor dem Bug lange Muringleinen verankert, deren Ende vom Kai aus hochgezogen (Marineros), nach vorn geführt und am Bug belegt werden]. Marbella (Victor: »con el jet-set!«) ist am strahlenden nächsten Morgen genauso (wenig) schön wie in der Nacht. Aber wenigstens hat uns der überhilfreiche Abend-Hafenmeister einen Platz am Wartesteg zu- und uns nicht abgewiesen wie sein Kollege von der anderen Marina. Heute morgen mussten wir dann umlegen. Rückwärts in eine kaum schiffsbreite Lücke zwischen zwei andere Yachten gesetzt, der Marinero nimmt die Heckleinen und hebt uns die Muringleine aus dem Wasser. Klappt Bombe. Jetzt ist Celia am Strand, ihren ausgefallenen Sommerurlaub nachholen.

Endlich was gelernt

… hat aber nur einen Tag funktioniert. Und zwar: Richtige Entscheidung, in Sancti Petri fünf (!!!) Tage auf besseren Wind zu warten. Weil: die Strecke nach Barbate, die ich einen langen Tag lang nicht mal zu einem Drittel geschafft hatte, war mit Rückenwind unter Gennaker locker in einem Tag zu machen. Und: Sonntag Nachmittag rief Celia (Tochter) an, setzte sich noch am selben Abend in den Zug und kam am Montag Abend in Cádiz an! Große Freude. Bacalao in Cognaksoße an der Plaza San Franzisco (die zu probieren ich nicht mehr gehofft hatte), Rückweg mit der S-Bahn durch die Vororte, deren Straßen an Halloween komplett verstopft waren. Auch aus der ankommenden S-Bahn stiegen jede Menge feierwütig Verkleidete (Lieblingskostüm: Engelchen (weißes Brautkleid), Teufelchen (schwarzer Minirock, Netzstrümpfe): Cádiz hatte bridge&tunnel day.

Am nächsten Tag Sicherheitseinweisung für Ce und Aufbruch. Sicher einer der schönsten Tage bisher: kräftiger raumer [schräg von hinten] Wind, der Gennaker zog den ganzen Tag, strahlender Sonnenschein. Das Kap von Trafalgar (wo Nelson pures Glück (und günstigen Wind) hatte, wie uns ein missgünstiger Ire angesäuselt-wortreich im Irish pub an der Plaza San Franzisco erklärt hatte) gerundet.

Celia am Cabo de Trafalgar

Gegen fünf kommen hohe Berge weit draußen auf dem Meer, abseits von Spanien in Sicht: Afrika! Das Atlasgebirge Marokkos.

hinter Celias Tasse: Afrika

Beim Dunkelwerden in Barbate eingefahren, erst am falschen Steg festgemacht, dann vom Hafenmeister Liegeplatz, Chipkarte (für Klo- und Stegzugang) und Wegweisung zum Städtchen bekommen. Super Abendessen in Strandpromenadenrestaurant – wir waren die letzten Gäste. Barabate scheint die Hauptstadt des Atun de almadraba (gewesen) zu sein, hat sich aber scheint es nicht halten können: der entsprechende Infopavillon am Hafen ist verwaist und verfallen. Aber immerhin gibt es auf der Speisekarte eine eigene Abteilung für den berühmten Fisch (und eine Abbildung der Fischteile, damit der Kellner einem zeigen kann, welches Stück man serviert bekommt. Ich natürlich nur das Beste: den Bauch. Ce, vegan: Salat, patatas bravas [gekochte, dann frittierte Kartoffeln mit scharfer Soße]. Der Sandstrand von Barbate ist unerreicht: vogelkäfigfein und breit.

Schon beim ersten Versuch, Barbate zu erreichen waren im Funk irgendwelche Amphibien-Manöver angekündigt, das Gebiet ist Übungsgebiet der spanischen Marine. Als wir am Mittwoch (02.11.) die nächste Landspitze südlich umfahren, liegt oder kreuzt dort ein graues Navy-Schiff. Tasächlich sollen wir das Kap mit drei Meilen Abstand umfahren, weist uns der freundliche Funker (»gracias por su collaboration«) an. Zwei Stunden Umweg straks nach Süden. Und später schießen die tatsächlich blitzend explodierende Salven Richtung Land!


Tatsächlich hat die neue Planungskompetenz gerade noch für einen halben sonnigen Tag unter Gennaker gereicht, dann kam der Wind wieder von vorn und wir sind fast vier Stunden nach Tarifa motort (die engste Stelle der Straße von Gibraltar (Ce: »Wahrscheinlich heißt die auf spanisch „Straße von Tarifa“!«, entsprechende Strömungen, die wir aber eingeplant hatten!) und spät, wieder bei Einbruch der Dunkelheit, nach Tarifa reingefahren. Riesenhafter, leerer, ausladend beleuchteter Hafen, keine einzige Yacht zu sehen, spooky. Erst weist uns einer der Männer vom hinausjagenden Piloten-Zubringerboot aus im Hafenbecken nach weiter hinten. Dort ist der Fischereihafen – kein freundlicher Empfang zu erwarten. Von dort scheucht uns der Hafenpolizist vom Land aus weg, zeigt uns in Richtung porentief ausgeleuchtetem, völlig leerem Kai. Dann zeigt uns der zurückkommende Lotsendampfer (mit dem Suchscheinwerfer) einen kurzen leeren Schwimmsteg. Als wir dort festmachen, kommt der Polizist schon angelaufen: für eine Nacht okay, aber am nächsten Morgen müssen wir weg sein, bevor die (Fähre? oder) Ausflugsschiffe den Steg nutzen. Denn (Planungsfehler): Tarifa hat keine Marina. Und kurz darauf legt eine riesige Kreuzfahrtfähre rückwärts entlang des angestrahlten Kais an – Tarifa ist augenscheinlich DER Fährhafen in Länder, wo Frauen Kopftuch und Männer Schnurrbart tragen. Busladungen stehen rauchend und auf Gepäck sitzend am Kai. Später dreht noch eine überbreite Katamaran-Hochseefähre im Hafenbecken und legt an.

ELISHA vor der maurischen Festung von Tarifa

Tarifa hat noch Gebäude aus der Zeit der Conquista, der arabischen Herrschaft in Spanien. Und ein Hafenviertel mit engen Gassen (und Seemannskneipen, bzw. heute Touristenbars. War anscheinend immer Grenz- und Festungsstadt. Und schön.

Tarifa: Burgfried am Hafen

Berückendes Morgenrot am Donnerstag (03.11.), früher Start (09:30), voller Tag unter Gennaker, »farbkastenblauer Himmel« (Ce) in allen Schattierungen und gut Fahrt gemacht. „The Rock“, der Affenfelsen, schiebt sich steil aufsteigend und brüsk abbrechend hinter der nächsten Landzunge in den Horizont: Gibraltar. Die Queensway Quay Marina (im britischen Bereich) hat keinen Platz für ein Schiff wie unseres, liegt anscheinend schon im Mittelmeer.

In der ewig langen Hafeneinfahrt, die voller Frachter vor Anker steht, zerfetzt uns eine Bö den Gennaker, später brechen wir im Seegang am überkragenden Betonkai der Marina von La Linea ein handbreites Stück aus der Scheuerleiste am Übergang zwischen Deck und Rumpf der armen Lizzy – Zeit für den Reparaturaufenthalt irgendwo im Mittelmeer. Zwei Hamburger vom übernächsten Nachbarschiff empfehlen Fuengirola, kurz hinter Marbella. Eine schweizer Rennyacht mit Familienbesatzung, die in der Nacht in Tarifa noch neben uns festgemacht hatte (und uns tagsüber hat stehen lassen), steht schon am Kai und wartet, dass das Büro (nach der Siesta) aufmacht – sehr viel haben die uns auch nicht abgenommen.

kaum zu erkennen: die Bucht von Gibraltar im letzten Licht

Druckspaziergang in die britische Enklave, Grenzübertritt klappt reibungslos, obwohl Ce nur einen Perso dabei hat. Quer über die Landebahn in die Festungsstadt, die gleichzeitg ein britische Seebad am Mittelmeer ist. Mainstreet wie in irgendeiner englischen Kleinstadt, inklusive kaum bekleideter Britinnen. Sauftourismus. Seilbahn auf den Felsen hoch hat bereits geschlossen (nur bis 17:45h), also bergauf. Wir schaffen ca. ein Drittel, mehr als ein Blick über die Bucht incl. Sonnenuntergang ist nicht drin. Keine Affen. Rückweg durch altes Viertel. Gibraltar ist so klein, dass jeder jeden kennt, Vorteil und Nachteil zugleich, erklärt ein Gibraltese (o.ä.). Abendessen in la Linea, im Sparfuchs-Restaurant: Einheitsmenü für € 11, solala.

Ce vor Affenfelsen (Affen nicht zu sehen)

Am Freitag (04.11.) Rauschefahrt unter großer Genua, teilweise im Schmetterling, teilweise bis über 7 kn (wahrscheinlich incl. Meerengenströmung). Und Delfine, eine ganze Schule, sicher mindestens 15 Stück, begleiten uns sicher eine Stunde lang. Ce, die im Bugkorb mit dem Gesicht nach unten lag, kommt ganz beseelt zurück: die Tiere spielen unter und hinter dem Bug mit der Strömung, schubsen sich gegenseitig weg, reiben sich aneinander …

Abends schläft der Wind ein, zwei Stunden unter Motor bis Marbella. Also nicht ganz. Ce am Steuer, ich schau mir unten die Karte für die Einfahrt an, ruft Ce mich hoch: ein Motorboot, und ganz nah! Als ich hochkomme, blendet uns ein Suchscheinwerfer. Ein Schnellboot der Guardia Civil (unbeleuchtet) fährt fast längsseits. Erst sollen wir den Motor stoppen, was wir machen, dann sollen wir wieder aufs Meer hinausfahren, was wir nicht machen. Tatsächlich sollen wir nur den Bug gegen die Wellen stellen, damit ein Polizeibeamter an Bord kommen und das Schiff durchsuchen kann. Schicken sie den jüngsten, der sowas ersichtlich auch zum ersten Mal macht, es kaum herüber schafft (Seegang) und alle Fächer und Bettstellen durchsucht. Und Fragen stellt. »Woher? Schon vorher in Spanien gewesen? Schon mal im Knast gewesen? Weswegen?« Nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei und sie wünschen uns gute Fahrt.
Die kleinere Marina in Marbella, die sie uns empfohlen haben, hat keinen Platz für ein Boot von nur 10 m. Der freundlichere Kollege vom Puerto deportivo (»Bin selbst Seefahrer seit ich ein kleiner Junge war, weiß wie das ist, wenn man nachts ankommt, da kann man doch niemand abweisen!« (er hat den Funkverkehr und mein Betteln um einen Liegeplatz mitbekommen). 21:30 an Marbella, heftiger Bar-, Disko- und Shisha-Cafébetrieb an der Promenade, Abendessen eine Ecke weiter in die Stadt. Und sehr glücklich.

Sehr glücklich: Celia vor Trafalgar

Am Samstag (05.11.) geht Celia Baden, es ist ihr Sommerurlaub, und einkaufen, ich schreibe. Für abends hat sie eine vegetarische Paella an einer Strandbude aufgetan, darauf freuen wir uns. Dann ein Spaziergang den Berg hoch zur Busstation – dort wird am nächsten Tag Ce‘s Blablacar losfahren. Und in der Altstadt (casco antiguo) im el Gallo Bier und ein köstlicher arroz vegetariano (Paella). Wunderschöner letzter Abend mit Ce. Sonntags Baden und Schreiben, Bratkartoffeln mit gebratenen grünen Paprika, um halb vier geht die Mitfahrgelegenheit los. Ich mache um Viertel vor fünf los und dampfe drei Stunden (Flaute) durch einen Sonnenuntergang in allen Regenbogenfarben, der Felsen von Gibraltar und gegenüber der hohe Atlas zeichnen sich deutlich gegen das Abendrot ab, nach it Fuengirola, an 20:30h. Die Promenade ist Gangstalandia: Shishabars, Sportsbars, Discos. Marbella in arm, selbst die Animierpersonen vor den Bars sehen abgelebter aus. Als nichts wie weg hier (Montag, 07.11.), sobald dieser Beitrag hier abgeschickt ist – selbst das WiFi schwächelt.

21. Ab Cádiz

Do, (27.10.), 23:00h. Anscheinend jeden Abend üben an der Strandpromenade, gegenüber vom Containerhafen (wo sie niemanden stören) die Mitglieder eines gigantischen Blasorchesters, sicher 150 Mensch (auch Frauen) stark, alle Instrumente, vier- bis zehnfach besetzt, mit ultrahohen Sopran-Trompeten, die sich über Ventile halb- oder vierteltonweise verstellen lassen und Tubas und Posaunen und Trompeten und einer viel zu lauten Pauken- und Konzerttrommel-Sektion. Abgefahrenes Zeug, das sich (aus der Ferne) anhört wie von einem violinlastigen Symphonieorchester gespielt, die könnten eine Corrida [Stierkampfveranstaltung] ebensogut bespielen wie Filmmusik für eine Endzeit-Dystopie aufnehmen. Unfassbar gut und präzise und zugleich völlig unprätentiös (die Trompeter rauchen während sie ein paar Takte Pause haben; zwischen den Stücken (die Rhthmusgruppe hält den (Marsch-)Takt) checkt die Hälfte der Band die neuesten Handynachrichten). Strange und schön. Hab leider bisher nicht rausgekriegt, wie die sich nennen, scheinen ambitionierte Amateure zu sein. Guckst du: https://youtu.be/bfVerZX1XeM. Jedenfalls superschön am Abend. Z.B. beim Heimtrotten von einem heftig guten Abendessen (Krabben-Kroketten, (Meeresfrüchte-) gefüllter Squid mit Muscheln (Schalen zum Aufbewahren in Spülmittel einweichen!), Tarta de la abuela (Schokoladen-Keksbrei-Torte), Rotwein, Kaffee, Kognak. Hoffe, den Jungs geht’s ebenso gut, die mussten zehn Kilometer marschieren, um morgen ihren Blabla-Car nach Vila Real zu kriegen. Jam Session war also nicht, ebensowenig wie ich losgefahren bin. Ganz nach Lektion 21: Lieber eine zusätzliche Nacht im Hafen verbringen als einen Tag lang gegen widrigen Wind zu kreuzen … Morgen sehen wir weiter.

Manche lernen’s nie
Schiffsfriedhof in Sancti Petri

Sa., 29.10. Sancti Petri. Die Jungs sind weg, doch das Glück ist geblieben: Gestern Nacht den Versuch abgebrochen, gegen den Wind anzukreuzen. Der Club Nautico Sancti Petri (17 km südlich von Cádiz) liegt an [ist auf einem (gegen den Wind) fahrbaren Kurs direkt zu erreichen], nur am Ende, schon in der Landabdeckung, als Wind und Seegang sich beruhigen, zwei Meilen gegenan motort und in die lange Einfahrt um eine vorgelagerte Insel mit Festung und Leuchtfeuer herum eingebogen. Halb zwei Morgens per Funk die Marina und kurz darauf den Warteponton erreicht. Von der Gegenströmung (der Hafen liegt in einer Flussmündung) nichts gespürt, ich hatte sie im Rücken. Merkte ich erst später. Denn Club Nautico ist nicht die (danebenliegende) Marina (des Puerto Sancti Petri), sondern ein Muringbojenfeld. Der Marinero weist mich ein, übergibt mir die Muringleinen zur Boje. Und alles ist gut. Aufgedreht, erst um vier einschlafen können.
Nachtankunft – Morgenschön. Die vorgelagerte hügelige Sanddüneninsel mit der Festung sieht nach Nordsee aus. Die weißgetüchten hingeduckten Häuschen des Hafens mit Schmuckgiebeln und dunkelblau abgesetzten Kanten erinnern an die spanischen Missionsstationen an der kalifornischen Küste (El pueblo de Nuestra Señora la Reina de los Àngeles [geht noch weiter] – Nervt euch meine Schlaumeierei? Tja: einmal Lehrer – immer Lehrer, sorry). Und das Örtchen heißt auch so und ist wahrscheinlich auch aus derselben Zeit.

Sancti Petri: LIZ an Boje
Lady in Red

Elli mit der ungebrauchten, aber dreißig Jahre alten winzigen Fock (mein Sturmsegel), stierblutrotbraun und hochgeschnitten (hab ich für die Kanalüberfahrt geplant gehabt, weil man gut drunter durchgucken kann), mit zwei Reffs im Großsegel (haben die Jungs noch eingebunden). Rausgefahren, rauschend überholt von einem Sportsegler mit Code 0 [Zero, einem übergroßen fliegend [nicht am Stag] gesetzten Vorsegel]. Die haben mich praktisch stehen lassen. Draußen zeigt sich, dass ich exakt für den auffrischenden Wind besegelt bin. Die rotbraune Fock steht gut, mit nur einem Reff im Groß (mit Mühe ausgeschüttelt, Reffleinen übersehen) ist das Rigg ausgeglichen. Wenn die rote Fock innerhalb der Oberwanten geschotet ist [üblicherweise laufen die Schoten des Vorsegels außerhalb der Wanten], ist sogar Höhe zu machen. Allerdings knattert das Achterliek hart am Wind [„Kneifen“] brutal, versetzt das gesamte Rigg in übles Rütteln. Keine Freude. Trotzdem knüpple ich einen kompletten Segeltag gegenan bei Windstärke 5, in Böen 7 (laut Wetterbericht), Seegang 1, oft auch fast 2 Meter. Die gute alte Else steckt das tapfer weg, ein zähes Luder von alter Dame. Signore Giorgio steuert es klaglos aus wie ein hartgesottener Macho. Dennoch anstrengend für Mensch und Material. Manche (z.B. ich) lernen’s eben nie (Lektion 21/Regel 8: lieber zwei Tage im Hafen, als einen Tag gegenan). Das Schiff macht (jetzt noch) allerhöchstens 80° gegen den wahren Wind, nach Süden waren nicht mehr als 220° drin (bei wahrem Wind aus 140°), auf Gegenkurs sind es gerade mal 60° – wir fahren als sozusagen zurück auf Cádiz zu. War ohnehin schwer genug aus dem Hafen heraus, die lange Ausfahrt um die weit außen liegende letzte Tonne – den halben Nachmittag waren die hohen Pylonen der Hängebrücke zu sehen, bis sie gegen Abend endlich im Dunst verschwanden. Andererseits: Für Mensch … Es war ein strahlend schöner Tag, keine Wolke, Seegang hoch aber handhabbar, idealer Segelwind – nur eben aus der falschen Richtung. Und wer leuchtet uns abends an der Boje zum Greifen nah heim: die zwei nachts signalrot illuminierten Pylone der Hängebrücke (auf die wir ein paar Nächte zuvor mit den Jungs schon mehr als vier Stunden unter Motor zugefahren sind). Die guck ich mit dem Arsch nicht an und auch Liz streckt ihnen nur das breite Hinterteil entgegen (Flut).

Heute früh die Marineros angefunkt, die einen sofort abholen vom Boot, geduscht, Kaffee getrunken, telefoniert. Und gleich auch noch Mittag gegessen, weil sie abends zumachen … Nachmittagsschläfchen.

Wochenendausflügler

Ewig langer Sandstrand, Kitesurfer, Windsurfer, ein Touristenbähnchen und eine ganze Reihe Fressbuden – Sancti Petri scheint eines der Naherholungsziele von Cádiz (oder von Chiclana de la Frontera, liegt gleich im Osten) zu sein. Immernoch Samstag, kurz vor Sonnenuntergang (hinter den Dünen der vorgelagerten Halbinsel). Wasser aus beiden Bilgen ausgetupft (zweieinhalb Eimer, ca. 18 l). Anscheinend macht die Lisbeth bei starkem Seegang Wasser (die Laufdecks waren gestern teilweise überspült). Tja, wenn man alte Damen richtig rannimmt, werden sie eben feucht. Sonst nicht. Motorbilge entölt bzw. damit angefangen. (Dort unten stehen sicher fast zwei Liter. Wo die herkommen? Keine Ahnung. Im Motor ist ausreichend Öl – gecheckt, zusammen mit Lukas (Maschinenbauer)). Zeitungen zerknüllt und reingetaucht. Aber nicht einmal zum Ölaufsaugen taugt die Frankfurter Allgemeine. Wahrscheinlich imprägniert (genau wie gegen fortschrittliches Gedankengut). Gennaker heißbereit zurechtgelegt, Schoten nach hinten gezogen, Kopf und Fuß oben im Sack (auf Deck festgezurrt) deponiert. Theoretisch kann ich das Ding direkt aus seinem (festgebundenen) Segelsack hissen. Probiere ich demnächst.

Isla Sancti Petri, Dinghy im Vordergrund; rüberrudern hab ich mich nicht getraut

Bacalao-Salat (mit Orangen) und Chipirones (frittierte Baby-Tintenfische, heißen hier aber Puntillitas und sind die örtliche Spezialität) gegessen, schon mittags, weil sie abends zumachen. Abends scheinen die Ausflügler nach Hause zu fahren.
Pläne: Morgen (Sonntag) das Dinghy klarmachen und einen Ausflug zur Insel mit der Festung – wenn die Flut es zulässt, die hier mit fast drei kn rein- und rausblubbert. Wir stehen in der Mündung eines langen Flusses, der hier auch noch Wasser aus einem ausgedehnten Naturschutzgebiet zieht. Frühestens Dienstag soll der Wind sich drehen, dann aber mehrere Tage lang nach Osten pusten. Plan: Auslaufen mit der höchsten Flut, und wenn es mitten in der Nacht ist. Endlich was gelernt zu haben hoffe ich. Jetzt ist blaue Stunde, der Mond halb oben, Leuchtturm und Bojen in der langen Einfahrt sind angesprungen, der Himmel in allen Pastelltönen taubengrau. Nur der Wind kommt aus der falschen Richtung. Und auf der anderen Seite strahlt die Brücke von Cádiz höhnisch rosig herüber.

20. Nach Cádiz

Am Ende haben die Jungs den Bogen dann doch noch überspannt (zu niedriges Gebot und dann auch noch Zeitdruck gemacht). Jedenfalls sind sie jetzt als Kontakt bei drei Engländern (Andy, Andrew und ein Berufstaucher irgendwo am anderen Ende der Welt) gesperrt. Tja, Fortuna ist eine launische Dame.

Spät am Nachmittag (die Nachtfahrt war geplant) in Guerreros de Rio losgemacht, den Guadiana mit der auslaufenden Ebbe hinab motort, unter der langgestreckten Hängebrücke hindurch, die mich von der Einfahrt in den Panama-Kanal träumen lässt (Telefonat mit Axel), im Dunkeln in Vila Real kurz angelegt, weil Lukas von einem (weiteren) Engländer eine gebrauchte Schwimmweste für Hund SlowMo versprochen bekommen hat, dann hinaus auf die Bucht von Cádiz. Zunächst mit frischem, aber wechselhaften Segelwind gut Fahrt gemacht, dann schläft er ein, wir dümpeln die halbe Nacht, in Julians Wache (00:00 bis 03:00) läuft so gut wie gar nichts, mit der Hydrovane ist er unzufrieden. Auch ich mache in meiner Wache (drei bis sechs) keine nennenswerte Fahrt (und dafür drei ungeplante Halsen). Lukas (sechs bis neun) schwärmt am Morgen vom »schönsten Sonnenaufgang meines Lebens« (er hat schon oft die Sonne aufgehen sehen) und macht Julian neidisch. Am Vormittag weht uns der Wind auf die Nase (von vorn), es geht nur nach Süden voran, wir wollen aber nach Südosten. Schließlich um 17:00 die (ausnehmend zuverlässige!) Maschine angeworfen und motort. Ein Ankerplatz mit vielen Frachtern zieht sich ewig, dann kommen Land und in der Abenddämmerung die Lichter der Großstadt in Sicht. Die Jungs sind begeistert von ihrer ersten Etappe über mehr als einen Tag, am Ende werden es über 30 Stunden, und nach wie vor wild entschlossen, ein Boot zu kaufen und die Atlantiküberquerung anzugehen. In Julians Telefonat mit seinem Vater (Zuschuss angefragt) und seiner Mutter (über die Gefahren beruhigt) höre ich meine milden Weisheiten mit Inbrunst und wortwörtlich zitiert als ewig gültige Wahrheiten wieder – für die Jungs bin ich der Segelgott. Hätten die vielen Zweifler Zuhause mal mitkriegen sollen.

Nachts um halb elf (die Einfahrt nach Cádiz zieht sich ewig) in der Marina Puerto America (gutes Omen für die Jungs, die einen Hitch auf die Kanaren auftun wollen) festgemacht, für uns (über Funk angekündigt) hat die Nachtwache das Marinabüro noch offen gehalten. Ich geh duschen und eine Flasche Wein aufmachen (nur halb geleert, wie Zuhause versprochen), die Jungs haben noch Energie für einen Gang ins Städtchen (SlowMo leeren) und einen Barbesuch.

Heute (Di., 25.10.) sind Reparaturen angesagt: Beim Beiliegen hab ich mir den UV-Schutz der Genua aufgeschlitzt, außerdem ist der Baumniederholer gebrochen. Zudem will ich endlich den Yankee (oder Flieger) aufziehen, den ich zu teuer gekauft, falsch umarbeiten lassen und noch nie gesetzt habe. Und die Jungs gehen selbstverständlich auf Bootssuche: Laut Internet stehen hierin Cádiz mehrere Yachten in ihrer Preisklasse zum Verkauf.

Càdiz hat eine mindestens so schöne Hängebrücke wie Vila Real: schlanke Pylonen, die mit geschlossenen Füßen ihre Knie spreizen, damit die Autos auf der Fahrbahn dazwischen hindurchfahren können. Großer Hafen, Industrie, Fähren ins Mittelmeer und auf die Kanaren, riesenhafte Kreuzfahrtschiffe (AIDA, TUI MEIN SCHIFF). Die Marina Puerto Amerika ist mitten im Hafengewusel, dabei super ruhig und günstig, mit allem, sogar WiFi (in der unmittelbarer Nähe des Büros).

Streunender Hund

Q:  »Woran erkennst du, dass Hippies zu Besuch waren?« –
A: »Weil sie immer noch da sind.«

(Witz, Julians Version)

A: »Weil ihre Hundehaare immer noch da sind.«

(Witz, meine Version)

… wirklich nur ein Witz, die Jungs haben vorbildlich saubergemacht. Also vor allem Lukas. Julian hat eher die Oberaufsicht geführt und intensive Boote gesucht (oder irgendwas anderes am Handy geregeltmacht).
Cádiz ist wunderschön, aber drei Nächte sind (mir) genug. Heute nachmittag weiter Richtung Barbate. Leider steht der Wind ungünstig, genau auf die Nase. Mal sehen, wie weit ich komme.

Knallharte Hippies mit Hund und Glückssträhne (nicht im Bild): Julian und Lukas auf dem Steg in Cádiz

Am Ende haben die Jungs doch wieder Glück gehabt, der Taucher hat sich noch einmal mit einem sehr akzeptablen Gegenangebot gemeldet. Lukas will ihn noch runterhandeln, aber eigentlich sollten sie sich leicht einig werden. Tja, knallharte Verhandler, diese Hippies … Ich glaubejedenfalls, dass ich die JASSEMINE und die Jungs in irgendeinem Hafen noch einmal treffen werde … Ihnen und ihrem Boot herzliche Glückwünsche, Mast- und Schotbruch und immer eine Handbreit … bzw. eine Faustbreit, wie Lukas sich ausdrücken würde (z.B. im Gästebuch)) – Allzeit gute Fahrt, JASSEMINE!

Heute früh tapste der Hund noch über das Achterdeck, habe ich im Halbschlaf mitbekommen. Als ich gegen halb neun losziehe, um Vorräte einzukaufen, ist nichts von SloMo zu sehen. Auf der Hafenpromenade, sicher einen halben Kilometer von der Marina entfernt, kommt er mir entgegen. Ich weise ihn an, sitzen zu bleiben und zu warten, bis ich zurückkomme, selbstverständlich macht er das nicht, sondern trottet mir hinterher. An der ersten Straßenüberquerung rennt er auf die Fahrbahn und hält den Verkehr auf. Von der Baustelle an der Plaza de España knote ich ein Stück Absperrband los und improvisiere daraus eine Leine. Alles geht gut, brav wartet er beim Frühstück im Straßencafé (eine Frau hat ihn schon früher am Morgen herumstreunen gesehen (»Tiene dueño?« – »Si, es el perro de un amigo.«)) Klar hat SloMo nicht nur ein Herrchen, sondern auch dessen Nummer um den Hals. Vor dem Supermarkt binde ich ihn wieder fest. Als ich eine halbe Stunde später herauskomme, ist er weg. Keine Spur von ihm.
Kaum zurück am Boot, bekommt Lukas einen Anruf: Wir haben deinen Hund gefunden! – Wenn das Glück dir hold ist, kämmt es dir eine Strähne. Jetzt ist SloMo wieder da und alles ist gut. Um zwei machen sich die drei auf den Weg, heute abend sind sie (beide Schlagzeuger) zu einer Jam session eingeladen. Wenn der Gegenwind nicht nachlässt, bleibe ich noch eine Nacht und hör mir das an.

Die EILISH im Puerto America in Cádiz

19. Ein Wunder von einem Abenteuer inmitten eines Abenteuers

Weltwunder, ganz bescheiden

Wolfgang Herrndorf Arbeit und Struktur. Auch beim Wiederlesen groß und bewegend. Schrecklich natürlich, dass einer erst sterbenskrank werden muss, bevor er zu einem produktiven (druckbedingt hastigeren, oberflächlicheren) Schreibtempo findet. Bestätigt natürlich das hoffentlich falsche Vorurteil, dass nur große persönliche Tragik große Kunst hervorzubringen imstande ist. Dass er Tschick schon unter dem Bewusstsein seines Todesurteils geschrieben/fertiggestellt hat, hatte ich schon wieder verdrängt.

Die ISOBEL (Bildmitte) in der Marina von Vila Real de Santo Antonio (Rio Guardiana)
Foto: unbekannter Drohnenpilot im Hafen

Sa., 22.10., Guerreros de Rio (Guadiana). Der Fluss bildet die Grenze zwischen Spanien und Portugal, wir sind auf der portugiesischen Seite, aber selbstverständlich hat das roaming-info meines Telefonanbieters eine SMS nach der anderen geschickt. Die Grenze zwischen den Ländern ist leicht zu erkennen. Portugiesische Seite: Olivenhaine, Pinien – Toskana. Spanische Seite: Bettenburgen, Ferienwohnungsblöcke, teils noch (seit Jahren) im Rohbau: Benidorm. Wir liegen an einem Schwimmsteg, nicht wie geplant an einer Muringboje oder vor Anker, alles einfacher, vor allem für Hund SlowMo („Slow Motion“). Lukas hat den Anleger gefahren, alles easy.
Überhaupt läuft es supergut mit den beiden, lieb und nett und rücksichtsvoll und superinteressiert. Wollen alles lernen, wollen alles selber machen. Herrliches Skipperleben: Ansagen absetzen, der Rest ist Entspannung.

Schöne junge Menschen vor schöner alter Landschaft: das muss wohl Glück sein.
Bittersüßer Tee

In Lagos war ich mit dem Weltumsegler des Nachbarbootes ins Gespräch gekommen. Erik, Schwede, hat zurzeit seine Frau an Bord, aber lange Strecken segelt sie nicht mit. Gerne teilt er seine Erfahrungen mit mir, zeigt mir sein Sturmsegel (allererste Qualität, 30 Jahre alt), das er gerne loswerden möchte, für einen Spottpreis, leider passt es nicht ans Babystag der Lizzy, schenkt mir wertvolle Bücher (Bootsreparaturen (auf schwedisch), Atlantikinseln, Atlantikkarte) und erklärt sich bereit, mich in die tieferen Ebenen von Navionics einzuführen, das er selbst auch benutzt. Ich lade ihn auf einen Tee zu mir herüber ein. Er nimmt Zucker. Ich reiche ihm das ehemalige Marmeladenglas mit dem braunen Pulver. Was das sei? – Ich: Brauner Zucker, trinken die jungen Leute heutzutage, schmeckt malziger, aber gut. Erik ist einverstanden. Über Navionics lerne ich Aufschlussreiches, Gezeiten- und Satellitendarstellung bei hoher Auflösung. Nur seinen Tee trinkt er irgendwie nicht. Als wir durch sind (Ich: Will er seinen Tee mitnehmen?) würgt er ihn (wie ich jetzt weiß) dankend hinunter: Ich hab die Gläschen verwechselt und ihm Nesquik angeboten. Erik, falls du das liest: Es tut mir schrecklich leid. Und ist mir peinlich. Wieder einmal bewahrheitet sich Regel 8: Arroganz (»Das trinkt man heutzutage so!«) ist die Wurzel allen Übels.

Tatsächlich am Dienstag (18.10.) abends noch Julian und Lukas an Bord genommen, Sicherheitseinweisung, Kojenzuteilung, Betten überziehen etc. Julian kocht Salat und Nudeln mit Tomatensoße (mit Gemüse aufgepeppt). Mittwoch Morgen (Mittag) los. Die Jungs sind nicht nur süß, sondern total geflasht – für die geht ein Traum in Erfüllung. Video? Guckst du: Ab Lagos https://youtu.be/HO4AZqRm8V8

Und irgendwie ist dieser jugendliche Enthusiasmus auch ansteckend. Die Sandsteinfelsen an der Punta de Piedade bei der Ausfahrt noch einmal aus der Nähe fotografiert (den Touristen oben auf den Felsen zugewunken (zugejubelt: »Alegría!«) und ihren (imaginierten) Neid genossen. Dann ab Richtung Vilamoura. Entspannter Segeltag, ordentlich Wellen, guter Wind, lebhafter Halbwindkurs. Die Jungs schwärmen und bedanken sich bei mir gefühlt jede halbe Stunde (und wollen mich abends drücken, ist inzwischen fast schon Ritual geworden). Vilamoura ist ein Retortenressort, Luxusmotoryachten am besten Pier, wir weiter hinten auf den billigen Plätzen (und unsere Zugangskarte passt auch nur auf unseren Pier – ausgefuchst). Riesenhotel (Tivoli) in der Einfahrt, Hafen gesäumt von Fressbuden aller Nationalitäten. Aber vor allem Engländer. Riesenpavillon am Strand, Sektempfang, Dinner am Pool, schöngemachte Menschen in leichten Kleidchen, mit Blumen im Haar: Height Ashbury (San Franzisko 1969) für pauschal (Bus vom Flughafen, am Eingang warten schon die Kellner mit den gefüllten Tabletts). Dennoch einen Tag geblieben: Es schüttet wie aus Kübeln, keine Besserung in Sicht. Schreib- und Videoschnitt-Tag. Freitag einigermaßen früh (10:30h) wieder los, ewig lang auf die Landzunge vor Faro zugefahren, danach Gennaker rausgeholt und auch die Sonne zeigt sich kurz: die Jungs im Glück (und mir geht’s auch gut).

Julian and Jenny have fun

Die Strecke ist zu lang geplant, wir kommen in die Dunkelheit (finden die Jungs spannend, sind andererseits super motiviert und checken alles, ich kann mich sogar ein Stündchen hinlegen!), die anvisierten Koordinaten vor der Einfahrt nach Vila Real de Santo António erreichen wir um halb zwölf in der Nacht. Flussmündung des Rio Guardiana nicht ganz übersichtlich und nicht eng betonnt. Vor der Einfahrt in die Stadtmarina steht die Tidenströmung stark, aber alles geht gut. Halb eins sind wir da, der Papa geht schlafen, die Kids treiben sich noch bis vier Uhr in der Früh im Städtchen herum.

Heute (Sa., 22.10.) steht der Wind exakt in den Fluss hinein (und hinauf), also segeln wir, nur unter Genua, betörend schön und entspannt, den Guadiana hinauf und machen am Steg fest, den uns der freundliche Engländer (und Hundebesitzer: Kunstrasen als Pissplatz) und Nachbar am Steg in Vila Real empfohlen hat. Kaffee direkt am Anleger, Bar del Rio, die auch extrazuverlässiges WiFi hat.

Vila Real de Santo Antonio. Die LISBETH liegt ganz unten am äußeren Steg.

Wieder ein wunderschöner Tag, wieder umarmen wir uns, weil die Jungs ihr Glück nicht fassen können (sich andererseits als Glücksbringer anbieten und verkaufen wollen – tatsächlich haben sie den Charme, die Ausstrahlung und das Selbstbewusstsein dazu). 

Jeder Tag ein Abenteuer

… wird (vielleicht) der Titel des Reiseberichts, den Julian schreibt. Seine Erlebnisse zu notieren hatte er sich schön länger vorgenommen und hat hier auf der Liz angefangen zu schreiben …
Tatsächlich haben die beiden mit ihren 24 bzw. 25 Jahren schon viel zu erzählen. Julian (Typ Jonny Depp), Zimmermann, war ein paar Monate auf La Gomera und ein Jahr in Australien auf der Walz bzw. hat work&travel gemacht (und im Unterschied zu vielen anderen tatsächlich als Zimmermann gearbeitet), ist viel in Europa herumgereist und jetzt seit mehreren Monaten unterwegs. Lukas (Bilderbuch-Freak, blonde Locks bis zur Brust, leuchtend graue Augen, Zauselbart, sehnig und großgewachsen), Maschinenbauer, hat schon als Schüler angefangen, Oldtimer (Autos und Motorräder) zu restaurieren und sich damit finanziert, auch eine größere Werkstatt betrieben. Mit seinem VW-Bully ist er ab Genua die Südküste Europas entlanggefahren, hat jeden Strand abgeklappert und ist schließlich in Portugal auf dem Campo (Pampa) auf einem eigenen Stück Land inkl. selbstgebautem Haus und Lehm-Iglu (mit Waschmaschinentüren als Fenster) gelandet (sesshaft ist er nicht geworden). Seinen (ersten) Jugendtraum, einen 1956er Magirus-Deutz Laster mit Kastenaufbau („Grummel“) hat er sich bereits erfüllt und war damit unterwegs bis in Marokko.

Er ist nach der Schulzeit und (abgekürztem) Militärdienst (Lastwagenführerschein!) seit mehreren Jahren unterwegs. Die beiden sehen sich, völlig nachvollziehbar, als Glückspilze und auch Glücksbringer – bis jetzt kann ich das nur bestätigen.

Gestern (Sa, 22.10.), nachdem wir den Guadiana mit perfektem Wind und schiebendem Tidenstrom heraufgesegelt sind, 10 Meilen ins Land hinein auch endlich die vielen Yachten gesehen haben, die hier vor Anker oder Muringbojen liegen sollen (ich bin aus sentimentalen Gründen hier, weil ich den Ort sehen wollte, an dem ich beinahe meine erste Moody erstanden hätte (Danke Nacho, Danke Perico)), gestern jedenfalls, wir liegen an einem Steg mit nettem Hafencafé (Guerreros de Rio) und haben den Nachmittag frei, der fiese Platzregen hat sich zum Glück verzogen, übt im Dorf einer lautstark Dudelsack. Muss sicher ein Schotte sein, wie der Typ mit dem ich vor zwei Jahren über die Moody verhandelt habe – am Telefon, hab ihn nie kennengelernt.
Kaum zwei Stunden später, ich sitze hinten unten in der Achterkabine und tippe, da werden die Jungs von einem Mann angesprochen (»Ist das nicht eine Moody 37?«) und in ein Gespräch gezogen. Er ist der Mann mit dem Dudelsack, der Schotte. Aufgescheucht klettere ich aus meinem Kabuff: kennt er nicht etwa (»Schotten kennen sich doch!«) Scot, den anderen Schotten, der hier irgendwo leben muss? Er kennt einen Scot, weiß dessen Nachnamen aber nicht. Wäre wohl auch ein Zufall zuviel gewesen. Lukas war gerade dabei, nach Yachten zu googeln, die zu verkaufen sind und findet auf Apollo Duck tatsächlich ein Boot (JASSEMINE), das wir kurz zuvor im Fluss verankert umkreist und bewundert haben. Komplett ausgerüstet für die Langfahrt und gar nicht unerschwinglich. Aufgeregte SMS-Kontaktaufnahme. Tatsächlich, der Besitzer antwortet, ist zwar nicht im Land, aber ein Freund von ihm schon … long story short: heute vormittag haben die Jungs einen Besichtigungstermin mit klaren Anweisungen („no starting the engine, no hoisting the sails„) auf dem zum Verkauf stehenden Boot, das sie sich sogar leisten könnten! Der Freund, der uns (ich bin eingeladen, mitzubesichtigen) gleich abholen wird, ist … der dudelsackdudelnde Schotte! Wer auch sonst, wenn Julian und Lukas ihre magischen Glückfinger im Spiel haben? – Nach vier Tagen Segeln (auf der Elli) und sieben Tage, nachdem sie ihren Traum (über den Atlantik und in die Karibik) zum ersten Mal angesprochen haben. Wie als Krönung ihrer Erlebnisse: zehn Tagen zuvor in Sines gestartet, innerhalb von fünf Minuten (am Hafen) einen Hitch nach Sagres (Mitsegeln auf dem Boot eines Holländers) klargemacht, (nach Lagos zu Fuß gewandert) und dort, fünf Minuten nach ihrer Ankunft, mich reinfahren sehen und angesprochen. Si non é vero, é buon trovato! [Falls es (die Geschichte) nicht wahr ist, ist sie gut erfunden]. Und jetzt also sogar das eigene Boot in Griffweite – nicht zu fassen!

Der Dudelsackschotte war es am Ende doch nicht, der um zehn an den Steg kam und sein Dinghy ausschöpfte, sondern ein anderer Andy (der allerdings meinen Scot kannte und versprach, ihm Grüße auszurichten). Die Yacht JASSEMINE besichtigt (fünfzig Jahre alt, komplett ausgerüstet (ist schon um die Welt gesegelt), gut in Schuss, aber vor allem: riecht (im Inneren) gut). Die Jungs sind in Verkaufsverhandlungen und haben bereits ein Gegenangebot gemacht. Wahnsinn. Mit Paula telefoniert. Jetzt noch Strecke für heute Nachmittag abchecken, Vorleine betakeln, Bilge ausschöpfen (Milch ausgelaufen). Um vier soll es losgehen, Richtung Cadiz.

18. Ab Oeiras

Morgenröte Lissabon
Vasco da Gama

Der Entdecker des Seewegs nach Indien ist in Sines [„Síndsh“] allgegenwärtig. Nach ihm ist der halbmondförmige Sandstrand im süßen Stadthafen (heute von riesigen Industriekais und Wellenbrechern umbaut) benannt, in dem auch die Marina liegt, darüber die Festung, in der sein Vater Bürgermeister war, daneben die Kirche, in der er mit elf oder zwölf seine erste Tonsur geschoren bekommen hat, das Stadthäuschen, in dem er (vielleicht) geboren worden ist – die Tourismusbroschüre erspart uns kein Detail. Gibt allerdings Schlimmeres, als überall an einen der Helden des Zeitalters der Entdeckungen (heute eher: der Beginn der Kolonialisierung(en) – das Abschaffen der individuellen Sklaverei lässt sich leicht verschmerzen, wenn man (die Europäer) es vermocht hat, sich ganze Volkswirtschaften zur Ausbeutung bereitzuschießen) im 15./16. Jahrhundert erinnert zu werden. Dass die großen Entdecker Hazardeure waren, Glücksritter und Hochstapler, verkrachte Existenzen, die in ihrem bürgerlichen Leben nicht zurechtkamen, steht auf einem anderen Blatt (und nicht so deutlich in den Geschichtsbüchern). Aber wie schon Barr (Justizminister unter Trump) zitierte (ich weiß nicht, wen): »Geschichte wird von den Siegern geschrieben.«

Alles Vasco oder was? Festung, Kirche, Sandstrand (v.r.n.l.), neue Großschot

Auf allen Bildern wird da Gama mit strammen Waden dargestellt (ungewöhnlich für einen Seefahrer!) Wer (wie ich heute zweimal) die steilen Treppen vom Meer zur Festung hochgestiegen ist, kennt den Grund.
Wie immer nach Nachtankunft (Sa., 15.10., 02:00h) ist am nächsten Morgen das Städtchen strahlend schön. Leon, du hast wieder mal Recht gehabt: sobald du abgeflogen warst, hat hier das Wetter auf Sommer zurückgeschaltet, blitzeblauer Himmel, leichter perfekter Segelwind.

Kreuzfahrtschiff am Morgen – zu spät für den Sonnenaufgang über Lisboa

Am Freitag (14.10.) morgens in Oeiras (bei Lissabon) abgelegt, der enge Liegeplatz, nur rückwärts gegen Seitenwind zu verlassen, hat mir unnötig Sorgen gemacht: alles lief gut. Draußen, ich hab eine Strecke von 53 nm vor mir, schlief erst einmal der Wind ein. Hab ich ausgesessen, auch die Motorsegler ignoriert, die mich überholt haben. Eine Stunde später setzt Segelwind ein, erst aus NW, dann aus NE: perfekt. Nach dem Kap Espichel auf Kurs SE gewechselt, der Wind kommt mit Bf 4 genau von hinten, Schmetterling [Groß- und Vorsegel stehen in unterschiedliche Richtungen quer, soll schick aussehen]! Georgieboy (ab heute: Signore Giorgio) steuert den Schmetterling tadellos aus, mehr als sechs Stunden, bis in die Nacht, bis zu fast 5 kn, ab und zu fällt das Vorsegel ein, aber mit mir am Steuer wär das noch viel öfter passiert – ein Traum. So ausgeglichen ist die Fahrt, dass ich (essen und) Kartoffeln kochen und -salat daraus machen kann. Nicht so lecker wie bei Muttern, aber dennoch ein Stück Heimat. Dann zieht sich die Strecke, inzwischen wird sie vom Navi mit 83 nm angegeben, bin ich Umwege gefahren? Ausgerechnet nach Mitternacht, das Ziel ist nur noch weniger als 10 Meilen entfernt, frischt der Wind auf, die gute Elli braust mit 5 kn drauflos. Kann ich nur nicht mehr genießen, weil ich mich jetzt auf die Ankunft vorbereiten muss (Leinen und Fender raus, Hydrovane-Ruder einziehen, Marina anfunken). Um halb zwei am Morgen ist das Marinabüro nicht mehr besetzt, also alleine in den Hafen geschlichen und den erstbesten Liegeplatz angesteuert. Erleichterung. Ich war noch nicht wieder auf Nachtfahrten eingestellt und hatte tagsüber zu wenig geschlafen, war anstrengend (auch danach wieder runterzukommen).

Kartoffelsalat zum Frühstück

Heute Morgen (für mich: Mittag) angemeldet, die lächerlich niedrigen (18€) Gebühren bezahlt, geduscht, Wäsche gewaschen, eingekauft. Dazu im Städtchen (gegenüber der Festung, s.o.) portugiesisches Süßgebäck (Blätterteig, Buttercremefüllung) und einen kleinen Kaffee für 0,85€ (!!) genossen. Paradies. Jetzt Filme schneiden, ausruhen, Abendessen, Wetter für morgen checken. Viel schlafen.
Adega de Sines heißt der Originalportugiese, geführt von zwei tattrigen Alten (auf die alle warten müssen), gibt keinen Fisch mehr, nur Hühnchen, Pommes, Salat, Pudding des Hauses (span. Eierpudding). Ben gegenüber am Tisch, 25, Kalifornier, hat den Jakobsweg gepilgert und wandert jetzt von Lissabon die Küste hinab, teilweise am Sandstrand. Und will mit über den Atlantik: Nummern ausgetauscht. À propos: In Oeiras hab ich eine der Nummern von einem Aushangzettel antelefoniert, eine Ina, die schrecklich jung klang auf ihrer Mailbox. Einen Tag später ruft sie zurück, studiert jetzt, gerade angefangen, ihr Freund ist surfen in Südfrankreich, aber nett, dass ich mich gemeldet hab, blabla: Schuss inn‘ Ofen. Kann man vergessen, die Aushänge (in Lagos hängt derselbe, längst nicht mehr aktuelle Aushang).

Seven Sisters

… oder Zwölf Apostel oder so ähnlich hießen in jedem anderen Land der Welt die bizarr-wunderschönen ausgespülten Höhlen und Bögen, einzeln stehenden Felsen und Sandsteinskulpturen an der Einfahrt nach Lagos. Und wären Weltwunder. Hier ist zumindest eine ansehnliche Flotte von Touristenbooten unterwegs, um die Höhlen anzugucken und auch sonst jede erdenkliche Art von Vergnügen zu bieten (Flöße nachschleppen, Trampolins, Delfine gucken, Mittagessen). In einem Wort: Lagos ist wunderschön, teuer und komplett überlaufen. Aber angenehm. Gestern (Montag, 17.10.) abends noch mit zwei Travellern, Lukas und Julian, Bier trinken gewesen, an der Plaza (Praca), Live-Musik von hochprofessionellen Straßenmusikanten, begeistertes Publikum, das mitgeht und tanzt (oder wenigstens wippt). Superschön. Julian und Lukas (und Hund Slo-Mo) wollen vielleicht eine Strecke mitsegeln.

Punta de Piedade (vor Lagos)

Am So. (16.10.) mittags in Sines losgemacht, nachmittags regnet es, dafür weht so gut wie kein Wind, mit 1,5kn schleichen die Lisbeth und ich nach Süden.

Quizfrage: Warum ist die Situation im Bild nicht bedrohlich?
A) Es regnet, kann also nichts anbrennen;
B) Das nächste Land, die Küste ist ja ganz in der Nähe;
C) Das Foto ist doch mit Teleobjektiv aufgenommen;
D) Zwischen uns und dem Frachter sind ja noch die Salonscheibe und irgendein Seil.
Richtige Antwort: E) Der Frachter hat keine Bugwelle, er liegt vor Anker (im Bild nicht zu erkennen)

Sonnenuntergang okay, ich finde zurück in die single-handed-Routine, schlafe immer wieder zwischendurch, esse zweimal warm (Ratatouille und Reis) um 18:00 und Mitternacht. Um zehn war schon einmal das Leuchtfeuer des Cabo de São Vicente zu sehen, des südwestlichsten Punkts Portugals (und Europas?), verschwand dann aber wieder im Dunst (der nachts nicht zu sehen ist). Später geht der Halbmond strahlend auf und die Lichter der Küste funkeln anziehend; leider ziehen sie nicht so flott vorbei, wie ich wünschte. Um halb drei in der Früh rauscht die Lizzy vielversprechend (4,5 kn)dahin, misstrauisch stehe ich auf und richtig: Sie (bzw. der Wind) hat auf 245° gedreht und fährt Richtung Kanaren. Sehr schön, nur für mich zu früh. Dann schläft der Wind wieder ein bzw. scheint aus allen Richtungen zu wehen. Im Dunkeln schaffe ich es nicht, einen neuen Kurs zu finden. Sobald es (gegen halb acht) hell wird, ist das kein Problem. Kommen allerdings wieder nur 1,5 kn raus. D.h. für die vierzig Meilen bis zum Ziel müsste ich auch noch die folgende Nacht durchsegeln. Hab ich keine Lust zu, denke ich an Leon (»bringt doch nichts«) und werfe die Mühle an. Richtige Entscheidung im Rückblick. Zwar werde ich am Abend fast neun Stunden motort haben, aber Mittags runde ich das Kap im Sonnenschein (zusammen mit einem Dreimaster, der BLUE SKY aus GB).

Doppelt so lang, dreimal so viel Masten, aber auch nicht viel schneller: Blue Sky
Kaum zu sehen: Nebelbänke

Zwei Stunden später bei Sagres ist eine Nebelbank so dicht, dass ich keine 100m weit sehen kann (und froh bin, mit der Maschine stur Kurs halten zu können). Andererseits ist der Nebel nur ganz flach: von oben scheint die Sonne durch die Suppe!
Dann bleiben die Nebelbänke zurück und die sagenhaft schöne Einfahrt nach Lagos liegt in der leuchtend orangen Nachmittagssonne. Halb sieben fest am Besucherkai der Marina, wo mir zwei Freaks (Dreadlocks, barfuß, Hund) schon mit einem selbstgemalten Schild („Canaries“) zuwinken. Und alles ist gut.

Weltwunder, ganz bescheiden

17. Nach Lissabon

(für Ce)
Willkommen zu den höchsten Wellen der Welt

… steht über dem stählernen Torbogen, gleichzeitig Sperre für den Autoverkehr, vor den letzten anderthalb Kilometern steile Landstraße hinunter zur Festung, dem Aussichtspunkt und Leuchtturm („Farol“), über der Brandung bei Nazaré, magischer Ort für Wellensurfer und You-Tube-Afficionados wie mich.

Um sechs nachmittags in der Marina Nazaré angekommen, superfreundlicher Hafenmeister bestellt mir um kurz vor sieben ein Taxi hinauf zur Festung. Im letzten Licht (und dichtem Nebel) kommen mir jede Menge Schaulustige entgegen. Die Festung selbst liegt zum Glück gerade unterhalb des Nebelschleiers, die brausende Brandung am berühmten Sandstrand ist zu sehen und zu hören.

Wellen oder Dünung gibt es allerdings – bei Windstille – keine besonders eindrucksvollen. Dennoch ist die Magie des Ortes zu spüren. Das kleine Museum in der Festung steht voller Surfbretter, signiert und mit Dank an die Helfer, die Bevölkerung und die Atmosphäre in Nazaré vollgeschrieben.

Die Erlebnisberichte sind nichts für schwache Nerven: »zehn Minuten bewusstlos gewesen, kurz aufgewacht, den beiden Vertrauten zugeblinzelt (bewegungsunfähig, weil auf der Trage festgeschnallt,, dann wieder bewusstlos im Rettungswagen, im Krankenhaus wieder aufgewacht«; »die höchsten Wellen, die ich jemals gesehen habe und gesurft bin« – Erfahrungsberichte gibt es nur von denen, die überlebt haben. Es wird rasch dunkel, Festung und Museum leeren sich, die machen um 20:00 dicht.

Oben auf dem Felsen über der Stadt kleben Häuser, Restaurants, Andenkenläden, eine Kirche nah an der Kante, an der Brüstungsmauer geht es hunderte Meter senkrecht hinab, die Lichter der Altstadt liegen unten ausgebreitet.

 Jede halbe Stunde fährt die Drahtseilbahn, schräge gestufte Sitze, bis direkt in die Innenstadt. Mit Leon bin ich im Aki del Mar verabredet, absolut frischer Fisch und Meeresfrüchte in der Auslage, aber eher lieblos zubereitet und dafür dann doch zu teuer.

Am Dienstag (11.10.) früh abgelegt, Kurs Süd. Noch immer ist es diesig, aber wenigstens trocken und Wind kommt auf: fünf Stunden gute Fahrt unter Gennaker, dann frischt es auf und das Riesensegel ist kaum zu bergen, 6,2 kn hat das gute alte Ding uns gezogen.

Wellensurfen (Beispielbild)

Die letzten beiden Meilen rund ums Kap Corvoeiro (Cabo Corvoeiro) kocht die See, aber die gute Bets rauscht mit sieben kn bis zum Wellenbrecher vor dem Hafen von Peniche da Cima (alle sagen nur „Penísch“).

Die Marina ist voll und eng, mühsam wieder rausmanövriert, eine französische Yacht aus St. Malo ist einverstanden, dass wir längsseits gehen und nimmt unsere Leinen. Die wollen im Dezember über den Atlantik in die Karibik und sehen sehr gut ausgerüstet und vorbereitet aus. Warten allerdings auf ein Ersatzteil für ihren Motor. Das heftige Knarren meiner ungeeigneten Festmacherleinen hat den kleinen Sohn (ca. 2 J) aufgeweckt und der französische Skipper (ein belgischer Freund ist auch an Bord) gibt mir seine (geschlagene) Leine: viel besser.

Leon hat wieder den ganzen Tag gesteuert, untadelig, unermüdlich, unablösbar: in den fünf Tagen, seit er in Porto zugestiegen ist, war ich insgesamt vielleicht eine Viertelstunde am Ruder. Allerdings sind wir auch nur höchstens insgesamt fünf Minuten gesegelt. Bis zum Dienstag, den wir beide ausdrücklich sehr genossen haben.

Untadelig, unermüdlich, unablösbar: Leon

Abends mit den Männern telefoniert, großes Hallo. Und mit Paula (aus Berlin zurück) und gekocht: Ottolengis pfannengerührter Spitzkohl à la Jeffrey. Lecker, fand Leon.

Heute früh um sechs nicht mehr schlafen können, wir wollten ohnehin früh los. Ins Fischer-Industrieviertel spaziert, eine 24h-Tankstelle hat geöffnet und verkauft Kaffee und Kippen – Erlösung. In der Marina von Peniche gibt es kein Hafenbüro, nur eine Telefonnummer. Dafür eine Zugangstür, die sich nur mit Codekarte öffnen lässt. Oder eben, indem man auf das Gittertor klettert und den Innen-Knopf von außen drückt. Die superfrühe Abfahrt war dann um zwanzig nach acht. Draußen kein Wind. Also motoren wir. Leon wird morgen nachmittag von Lissabonn aus zurückfliegen.

Die Einfahrt in den Tejo war grandios. Zum ersten Mal an diesem Tag strahlender Sonnenschein, glasklare Sicht, mit bis zu 7 kn bei halbem Wind nach Lissabon reingerauscht, Leon am Steuer (wie immer). Marinaplatz klargemacht, einigermaßen angelegt (heftiger Wind). Duschen und Abendessen in irgendeiner Sozialeinrichtung, kaltes Büffet, das eigentlich warm sein sollte, aber die Heizlampen haben’s nicht gebracht. Dennoch Salat, Lachssteaks mit Knofikartoffeln, Rippchen mit Pommes, Mousse au chocolat. Dann noch zwei Cocktails in der schicken Bar an der Marina (»ihr seid uns sympatisch« – eigentlich ist drinnen nur zum Essen, aber draußen war’s uns zu kalt, wir sind beide etwas verschnupft: zu viel windige Seeluft.

Was glänzt ist die hohe, laute Brücke

Heute (Do., 13.10.) früh fahren zwei Kreuzfahrtschiffe zum Sonnenaufgang in die Innenstadt hinein. Scheinen die extra so zu timen: Lissabon im Glanz. Kurz darauf bringt ein Marina-Angestellter frische Brötchen aufs Boot. Hab ich noch nie erlebt, fantastisch. Also Cockpittisch aufgebaut und draußen gefrühstückt. Leon nimmt ein Taxi, ich leihe mir ein Fahrrad. Schwerer Fehler: für die Strecke zum Placa do Comercio im Zentrum, sollte eigentlich in einer Dreiviertelstunde zu schaffen sein (sagt der durchtrainierte junge Typ vom Bootsbedarfsladen), brauche ich volle drei Stunden.

Placa do Comercio

Dabei bin ich mit Leon verabredet, der um halb zwei zum Flughafen muss. Schwer geschwitzt. Im Bootsbedarfsladen beim schiefen Turm hatten sie auch keine große, dafür umso teurere Auswahl an Leinen – die Großschot ist durchgescheuert, der Ersatz, den ich gestern eingeschoren [eingefädelt] habe, ist zu kurz und taugt nur als Provisorium. Einzige Pause, sonst durchgeradelt, komme völlig fertig am Treffpunkt an. Reicht gerade noch zu Toast und schnellem Bier (für Leon), zu O-Saft und Brathuhnbrötchen und Milchkaffee (Pingo heißt der nur in Porto!) für mich. Lissabon wie immer grandios, strahlend und voller Touristen. (Als ich beim Torre Belem und dem Kolumbus-Denkmal vorbeiradelte, war die Strandpromenade schwarz vor Menschen, die Kreuzfahrtschiffe hatten ihre Kunden für die Stadtrundfahrt ausgespuckt und mit Bussen herangekarrt.) Dann ist Leon weg, seufz. Alone again, naturally.
Rückweg ruhiger angegangen, in einer gutsortierten Chandlery neue Leinen für Großschot und Baumniederholer gekauft, auch einige Umweg vermieden. Kaffee und Eis mit Sahne in einer Strandbar mit Bikini-Schönheiten. Hier herrscht Sommer; kurze Hose, T-Shirt, Sandalen beim Leinen einfädeln. Jetzt noch Nervennudeln kochen, Blog und Insta-Post abschicken (ich hab das WLAN-Passwort verlegt, dabei ist das Wifi in der Marina Oeiras ultraschnell und superstabil!).
Rankin: Der kalte Hauch der Nacht (Set in Darkness): wieder ganz groß. Aber lieber im Original lesen, Rebus‘ Sarkasmus und Schlagfertigkeit leiden in der Übersetzung.

16. ab Vigo

Vigo

3.10. Anscheinend immer, wenn ich nach einer Nachtfahrt irgendwo ankomme, ist die Stadt am nächsten Morgen im Sonnenschein strahlend schön. Vigo macht da keine Ausnahme. Die Fahrt von Finisterre hierher war 10 (von 10): günstiger Wind, keine Wellen, die Segel schlafen, Sonnenuntergang, Sternenhimmel, halber Mond hängt freundlich schief und wirft festliche Reflexe aufs Wasser – perfekt!

360° Sonnenuntergang – die Kimmkrümmung ist von mir, sorry.
Die Einfahrt nach Vigo – der Canal del Norte im Kringel

Festgemacht um 04:30. Die Einfahrt nach Vigo ist nicht ganz ohne (vorgelagerte Inselchen). Vor der Marina per Funk Liegeplatz angefragt – »Affirmativo!« In der verwinkelten Hafeneinfahrt spielt das AIS verrückt, alle 5 Sekunden (nicht übertrieben!) geht der collision alarm los – der Hafen ist voller Yachten mit AIS. Zwischendurch krächzt das Funkgerät »Es la otra marina!« – Hä? Ich bin doch laut Navi in der richtigen Marina? Überfordert mich jetzt, in der engen Gasse zwischen teuren Yachten. Finde ich einen Platz am Steg, kaum fest kommt die Nachtwache (Typ Cyborg: durchtrainiert, braungebrannt, platinblonde Haare): dies ist das Hafenbecken für große (teure) Yachten. Ein kleines Ding wie die Elizabeth kommt in das andere (kleinere) Becken. Die Nacht über (es ist halb fünf Uhr morgens) kann ich aber erstmal hierbleiben. Erleichterung und Schlafen.

Rankin: Let it bleed – ganz, ganz großes Kino. Perfekt: alle sozialen Schichten von Junkiehöhle bis Geldadel, gut kompliziert geplottet, Dialoge und Figuren zum Niederknien, Detective Inspector J. Rebus ein Wrack (Zahnabszess, Alkoholkonsum) (Das Spätnachmittagssegeln gestern war so entspannt, dass ich Zeit zum Lesen hatte.)

Zuckertüte vom Café an der Hafenpromenade, Vigo
(doch kein Linsenfehler, der Schatten, sondern ein (billige Handy-)Hüllenfehler – hat die Nagelschere behoben)

»Wenn du’s erträumen kannst, kannst du’s auch machen.«

Zuckertütchenweisheit

Könnte auch das Motto für diesen Blog sein.

Zweitbeste Eisdiele der Welt (Jutta & Christian) nicht gefunden („Capri“ »direkt gegenüber der Marina«). Eis ist sowieso nicht so meins (die machen hier keine Amarena-Becher).

Schiffsbewegungen …

… gibt es drei (außer der (hoffentlich) Fahrt nach vorn): Rollen [Schaukeln in der Längsachse des Rumpfs – links-rechts] (gleicht der kardanisch [schwenkbar] aufgehängte Herd locker aus – wenn der Deckel auf dem Topf festgebunden ist) (Rollen ist vor allem unangenehm bei Flaute, weil die Segel dann die Bewegung nicht dämpfen, sondern schlagen; das Geräusch mag der Seemann gar nicht; Stampfen [Schaukeln um die horizontale Querachse – vorne hoch, hinten runter und umgekehrt] glücklicherweise setzt die Elli dabei (meist) sanft ein, d.h. der Bug schlägt nicht ins Wasser (auch kein angenehmes Geräusch), und Rütteln [kein Fachausdruck, hab ich erfunden; ruckartige Rumpfbewegungen in alle Richtungen: links/rechts, oben/unten, vor/zurück (Abbremsen/Beschleunigen); ab 6,5 kn, bei Seegang.

In Spanien müssen sogar die Plastikblumen diebstahlgeschützt vergittert werden


Gestern Abend, nach Stadtrundgang (Festung auf dem Hügel über der Stadt, bronzezeitliche (Castro) und römische Ruinen auf der Meerseite des Hügels, Altstadt mit Fischerhäuschen (die ich nicht gefunden hab): Abendessen. Tunfischbauchsalat (der aus der Virgen del Mar in Mazarron ist unerreicht), Pulpo auf galizisch (in feine Rädchen geschnitten, gebraten, mit Paprikaöl beträufelt, Peppinos (gegrillte kleine grüne Paprikas), Wein und Kognak (52€ – teuerstes Abendessen bis dato). Aber fein. Zeit zum Philosophieren (Frauen glotzen). Diva: teurer Haarschnitt, perfekt gebräunt, Glitzersandalen mit Absatz, Lederröckchen, achselfreies T-Shirt, damenhaftes Gehabe (Zeigefinger an Unterlippe, Köpfchen geneigt) – macht was her, muss man gar nicht ausnehmend hübsch sein für. Dagegen die Bedienung: perfekte Figur, hübsches Gesicht, Pferdeschwanz und Brille. Ein Augenschmaus, aber eben nur diensteifrig, neutral, kein bisschen anbiedernd oder flirtend: verkauft sich unter Wert. Wahrscheinlich hab ich zuviel Zeit (und zu viel Magno (schmeckt superdünn) im Kopf) gehabt. Vigo (Vicus bei den Römern) traditionsreiche Salz- (Bronzezeit), Industrie- (Zementfabrik mitten in der Altstadt) und Fischerstadt, heute vor allem Tourist trap, ist ganz nett, aber kein Muss.

Do., 6.10. Leixões [Ley-SCHO-ish] ist hässlich (Industriehafen). Liegt aber günstig zum Flughafen – gleich kommt Leon, der ein paar Tage mitsegelt. Darauf freue ich mich. Jetzt noch Aufräumen, Spülen, klar Schiff. Hab ja nicht so oft Besuch.

Leixões: nicht einmal im Morgenrot schön.
Schön: Seesterne im Hafenbecken

Zwischen zwei Schräubchen (Bilderrahmen im Salon, Cockpitbeleuchtung solar) kurz übers Heck gepinkelt. Ungehörig. Kommt aus dem Nichts ein kleines Motorboot vorbei. Peinlich. Die wohlverdiente Strafe folgt auf dem Fuß: Tabak und Papierchen ins Wasser gefallen.

Kann ich zwar rausfischen und zu trocknen versuchen, aber die nächsten zwei Tage brennt keine einzige Kippe richtig. Selber schuld.

Lauchsuppe zum Frühstück

Dienstag nachmittag um eins (es soll günstigen Wind geben, zumindest für ein paar Stunden) von Vigo losgefahren, eine Stunde bis zur Einfahrt in die Bucht (Ria) motort, dann stolzgeschwellt aus dem Canal del sur hinausgesegelt.

Canal del Sur, Vigo

T-Shirt-Wetter, genial. Um halb sechs, der Wind ist schwach, den Gennaker [größtes, geblähtes Vorsegel] gesetzt, das Meer ist glatt, bis auf winzige Wellen („ripples“), wir machen vier Knoten, die Segel schlafen, ein Traum. Und diesmal auch mit Delfinen. Weil der Wind schwach bleibt und nichts auf eine Wetteränderung hindeutet, riskiere ich es und lasse den Gennaker über Nacht oben (das Segel ist nicht ganz einfach zu bergen [einzuholen]). Außerdem kreuze ich vor dem (Nicht-) Wind [wenn der Wind genau von hinten kommt, schaukelt das Schiff, die Segel flappen. Einige Grade seitlich fährt man zwar einen Umweg, hat aber angenehmere Bewegungen (und ist auch nicht viel langsamer)] Um halb eins in der Nacht zeigt das Navi, dass ich die Grenze zu Portugal überfahren hab, prima. Um zwei Uhr fahre ich meine erste Gennaker-Halse. Klappt fast ohne Probleme. Um halb vier fährt ein grell beleuchtetes Fischerboot genau auf mich zu, dreht auch nicht ab. Sie leuchten mich an, ich richte meine Taschenlampe auf die Segel – hilft alles nichts, sie halten stur auf mich zu. Als sie bis auf 20 Meter (!!!) herankommen, – ich sehe die Fischer so nahe wie an der Bushaltestelle über die Straße, winke, bekomme aber außer Starren keine Reaktion – erkenne ich den Grund: sie ziehen ein ewig langes Tau hoch, nehmen es aufs Boot (untersuchen es, pulen wahrscheinlich evtl. gefangene Fische ab) und werfen es wieder ins Meer. Ab und an kommt auch ein betongefüllter Autoreifen (Ballast) ans Licht (nicht ans Tageslicht, es ist mitten in der Nacht).
Mittag- und Abendessen: Zwiebelreis mit Ratatouille (in Vigo vorgekocht). Kochen auf einer Flamme: Zwiebeln in der Pfanne anbraten, Reis und abgemessene Menge Wasser (1/3 Meerwasser) dazu, einmal aufkochen, dann kommt die Suppe in den Thermosbehälter (Danke, Tom!) und nach einer halben Stunde ist (das Ratatouille in derselben Pfanne und) der Reis fertig, gar und duftend – das Prinzip Kochkiste. Auch die Thermoskanne (Danke, Paula!) funktioniert super: vor der Abfahrt mit kochendem Wasser gefüllt, kann man sich die ganze Nacht über Kaffee aufbrühen.

Ich hab eine Tonne zum Freund
Windpark im ersten Licht

Stundenlang bin ich auf die roten Lichter eines Offshore-Windparks zugefahren/getrieben, teilweise mit unter 0,5 kn (Vergleichstempo: gehbehinderter Rentner mit Spazierstock, der vor jedem Schaufenster verschnauft), um halb acht morgens piepst der Kollisionsalarm los: ich bin an den Schwimmpontons der Windräder (die ich noch nicht sehen kann). Im Halbschlaf drücke ich am Funkgerät die falsche Taste und hab plötzlich das Hindernis (die Tonne AtoN [keine Ahnung, wofür die Abkürzung steht] als „Freund“ eingespeichert. Vorteil: das nervtötende Piepsen hört auf. Nachteil: Weil das AIS davon ausgeht, dass ich ein befreundetes Boot im Blick behalte, warnt es mich nicht mehr vor meinem „Freund“, Tonne Anton (die ich noch nicht sehen kann). Um acht, im ersten Licht, habe ich den Windpark (noch nicht einmal die halbe Strecke nach Porto!) endlich passiert. Und erblicke meinen Freund Anton zum ersten Mal: eine gelbe Bake.

Anton leuchtet schwach in der Bildmitte (hinter dem rechten Delfinrücken)

Die Delfine, mindestens sechs Stück, die die ganze Nacht über um mein Ruder herumgespielt haben (sehr elegant!), fangen jetzt auch noch an, mich anzupfeifen! Deren Sprache spreche ich leider nicht, obwohl ich zurückpfeife, so gut ich kann. Sonnenaufgang hübsch wie gewohnt, Stimmung bessert sich bei Tageslicht deutlich. Mittags passiert mich ein Fischerboot, das in rasender Fahrt klappernd sein Netz auslegt (und auch nicht ausweicht). Um halb eins, die Flaute ist perfekt, noch nicht einmal „ripples“ auf dem Wasser, habe ich noch mehr als 21 nm bis Porto. Maschine angeschmissen und 6h, am Ende auch noch rechtwinklig um das Sperrgebiet um einen Ölhafen herumgefahren, hat mich sicher eine zusätzliche Stunde gekostet, in den Hafen von Leixões eingefahren. Hat nicht viel Charme: draußen, weithin sichtbar, die unzähligen Kamine einer Riesenraffinerie, am Wellenbrecher wird gewerkelt, das Leuchtfeuer funktioniert nicht, ist wohl abgebaut, drinnen Riesencontainerschiffe und am Kai die hochaufgetürmten Lagerflächen für die Überseekisten.

Aber: direkt neben der Kaimauer liegt ein wunderhübscher Sandstrand, incl. Surfer und Kitesurfer, die ihre akrobatischen Kunststücke vorführen. Sundowner in der Strandbar: Pingo („pingado“), das portugiesische Pendant zum cortado (Espresso mit einer Haube Milchschaum). Da sieht die Welt (und der Hafen) doch schon gleich viel freundlicher aus. (Bin ich zu ausführlich? Langweile ich euch?) Abends Taxas, Tapaskneipe, mit dem Spiel Benfica Lissabon gegen Paris St. Germain: unglaublich packender Fußball, die portugiesischen Underdogs lassen sich von der Beste-Spieler-die-für-Geld-zu-haben-sind-Truppe nicht die Butter vom Brot nehmen, kassieren aber in der 20. Minute völlig unverdient (eine einzige Chance) ein unhaltbares Traumtor durch Messi. Danach musste ich gehen, der (rote) Vinho verde (junger, fruchtiger Wein) forderte seinen Tribut. In der Nacht ist jeder Hafen schön.

Sicher sehr schön – wenn man es ausmachen könnte: Aveiro (Foto: Leon)
Aveiro im Nebel

Sa., 8.10. Gestern ist Leon angekommen, Hurra! Sein Flug wurde abgesagt (Eurowings streikt), hat er umgebucht und landete (Lufthansa) schon um zwei (statt um sechs, wie geplant). Bringt meinen Arbeitsplan (Klar Schiff, kleinere Verschönerungen, Kühlschrank putzen, s.u.) völlig durcheinander. Dann steht auch noch Siggi (TALOFA, Regensburg) auf dem Kai über der Lizzy und will zu einem Kaffee eingeladen werden. Kann man nicht ablehnen. Weltumsegler (1989 bis 96), jetzt seit sieben Jahren im Mittelmeer unterwegs, Bär, graue Mähne im Pferdeschwanz, grauer Rauschebart, grollendes Lachen. Weiß Bescheid. (»Im Mittelmeer gibst du deine (letzten) Mittel her«, »Du siehst aus wie ein typischer Ostseesegler.« (kein vernünftiges Dinghi, keine Bimini, keine elektr. Ankerwinsch). Kann ich meinen Arbeitsplan komplett vergessen. Als Leon um vier am Pier steht, scheuche ich Siggi weg, komme nicht mal dazu, seine Tasse wegzuräumen … Aber Leon ist unkompliziert. Einbuchen für eine weitere Nacht, Einkaufen im Supermarkt, Sundowner-Bier in der Strandbar am Surferstrand (dabei steht die Sonne noch hoch), Abendessen beim ersten Portugiesen an der Touristenmeile – aber gut, weil authentisch (und günstig). Schön.

Freitag früh kommen vier Franzosen an, quetschen sich mit Mühe an den winzigen Platz am Steg hinter uns, kommen aus dem Süden und haben einen Tag motoren hinter sich (erzählen uns aber auch von Aveiro). Zehn Uhr abgelegt, unter Motor einen Abstecher in die Einfahrt nach Porto gemacht (Foto für Doro: Porto war unser Sehnsuchtsort nach der geplanten gemeinsamen Biskaya-Überquerung …), die berühmte Brücke ist im Dunst nur blass auszumachen, dann raus und Kurs Süd.

Porto – Brücke im Dunst (Foto: Leon)

Der Nebel wird den Tag über immer dichter, kein Wind, dafür eine lange alte Dünung vom Atlantik herein. Leon steuert die gesamte Fahrt unter Motor, teilweise mit Segelunterstützung (Motorsailing ist gar nicht so verkehrt, die Fock bringt sicher einen halben kn zusätzlich). Aber keine Sicht. Nachmittags soll uns laut AIS ein Schiff mit CPA 1 nm, also in 1800m Abstand passiert haben, wir halten Ausguck, als ginge es um was, können das Ding aber nicht ausmachen. Vor der Einfahrt nach Aveiro wird die Suppe noch dichter, falls das möglich ist.

Im Mælstrom

Als wir uns der Küste nähern und die Wassertiefe unter 20m sinkt, schiebt sich die lange Dünung höher und kürzer auf. Unangenehm, zumal der (laut Karte und Navi) weit ins Meer ausgreifende Wellenbrecher vor Aveiro im Nebel nicht auszumachen ist – es ist noch zu hell für die Leuchtfeuer. Noch unangenehmer. Als die inzwischen meterhohen Wogen oben kleine Gischtkämme bilden, wird es richtig ungemütlich: wenn die brechen, sind wir in Schwierigkeiten. Dann dreht kurz vor der Hafeneinfahrt (hoffen wir) das Navi komplett durch. Obwohl wir mit fast voller Kraft Richtung (vermuteter) Einfahrt fahren, spielt der Richtungspfeil verrückt, dreht in alle Quadranten der Windrose und zeigt als Fahrt über Grund höchstens 2 kn (irgendwohin). Bei Vollgas sollte die Ellie fast sechs kn machen. Das Meer um uns brodelt und kocht, Strudel und aufquellende Flächen. Kabbelwasser auf hohem Niveau. Mehrfach wird das Schiff wie von Geisterhand um 180° gedreht und herumgeworfen. Die Hölle. Leon steuert tapfer. Doch wohin soll er sich orientieren? Was tun?
Laut Karte führt ein Kurs von 60° direkt in die Einfahrt, laut Navi wirbelt es uns mitten in der Einfahrt durch die Gegend. Laut Ausguck ist es in alle Richtungen gleich hellgrau. Also neue Ansage: Navi ignorieren und stur nach Kompass 60° steuern. Klingt so abenteuerlich, wie es war. Trotz auf vollen Touren laufender Maschine kommen wir nur schleichend voran, mit ein bis zwei kn.
Dann taucht schemenhaft eine dunkle Wand backbords auf: wir haben den Wellenbrecher erreicht! Am Fuß der hohen Steinmauer herrscht heftige Strömung aufs Meer hinaus. Überraschung: die Einfahrt nach Aveiro ist zugleich die Mündung eines Flusses, der das angrenzende Naturschutzgebiet mit seinen ausgedehnten Wasserflächen entwässert. Die alte Tante Else muss mit voller Kraft dagegenhalten und doch kriechen wir nur im Schritttempo am Wellenbrecher entlang. Den wir nicht aus den Augen verlieren wollen, das andere Ufer ist nicht zu sehen! Nach einer Stunde motoren haben wir endlich die zwei Meilen zu unserem geplanten Ankerplatz, einer durch Dämme geschützten Bucht außerhalb der Strömung, geschafft und biegen sacht in ruhigeres Fahrwasser ein. Sofort zeigt der Geschwindigkeitsmesser 6,3 kn: die gute Tante Elsbeth hat wirklich alles gegeben. Stand nur eine Tidenströmung von sicher fast 5kn dagegen. Und jetzt, bei Hereinbrechen der Dunkelheit, gehen endlich auch die Leuchtfeuer an den Bojen an. Die Bucht ist voll, die besten Ankerplätze belegt. Wir finden eine Boje in einem Muringfeld der örtlichen Angler. Und setzen zum ersten Mal das Wunderding von Ösengreifer ein, das ich in Plymouth erstanden habe.
Brot mit Oliven, grüner Salat mit Zwiebeln und Kirschtomaten, Spiralnudeln mit zwei Farben Soße, Champagner – der Abend macht den Tag rund.
Die Flasche Schampus wollte ich bei gelungener Biskaya-Überquerung köpfen. Jetzt, in Gesellschaft mit Leon haben wir endlich Gelegenheit dazu. Auf der Biskaya ging mir ein nervtötendes Sägegeräusch an die Nieren. Als ob zwei mittelalterliche Holzfäller mit einer Langsäge einen dicken Stamm bearbeiteten: Ritsche – (Pause) – Ratsche. Immer wieder. Konnte nicht herausfinden, woher das Geräusch rührte (dass keine Holzarbeiter am Schiff werkelten, war klar). Nach der Ankunft in La Coruña die Auflösung: ich hatte die Champagnerflasche schon mal in den (fast leeren) Kühlschrank gelegt. Bei jedem Rollen des Boots kugelte sie über den Gitterrost im Kühlschrank von Bb nach StB (Ritsche) und zurück (Ratsche). Deswegen sind Etikett, Korkenfolie und Zierbänder komplett in Fetzen (und im Kühlschrank verstreut). Und ich kann nicht mehr entziffern, wem ich die Flasche verdanke (Thomas und Paola?). Auf jeden Fall war der Champus, trotz heftigen Rüttelns (inzwischen wieder beruhigt und gut gekühlt) absolut köstlich (Danke, Jemand)!

8.10. Figueira da Foz. Sonnenschein bei der Ankunft nach einem Tag undurchdringlichen Nebels. Leon hat wieder tapfer gesteuert, unter Motor, alles gut. Das Städtchen macht einen netten Eindruck. Gehen wir heute Abend essen.

So., 9.10. Francesinhas (“kleine Französinnen“) heißen die lokalen Spezialitäten (des Restaurants Taxas de Lucia): Filet und Paprikawurst und Käse zwischen zwei Toasts, das Ganze in Käse eingewickelt, auf Pommes, schwimmt in einem halben Liter Bratensoße, obendrauf ein Spiegelei – eine komplette Mahlzeit, sagt Leon. Spaziergang durchs Städtchen: nett.

III. Spanien – 15. La Coruña

Sonntagvormittag eine Runde durchs Städtchen gedreht, Cafe con leche, Kippen, Frühstück in der besten (Eigenwerbung) winzigen Bäckerei an der Plaza do Xeneral Azcarraga geholt, wunderschöne Altstadt, Vormittags noch menschenleer. Ausführlicher Mittagsschlaf, Großfall (verhakt sich am Radarreflektor im Mast) klargemacht, Klo (vollgelaufen, pumpt nicht ab, Riesensauerei) kaputtrepariert, Gasherd dito. Abendessen an der Plaza, gebratene Sardinen, gegrillte Peppinos, Ölkartoffeln (à la Yayi), Salat, zwei Estrella Galicia und ein Carlos III – Paradies.

Elizabeth hinter Gischtvorhang (Foto: J. Huth)

Montagvormittag E-Mails an Paula (Organisatorisches), dann den Blog ab (13.) Plymouth aktualisiert und ins Netz gestellt. Die neuen Festmacher sind Schrott, sie knarrten die ganze Nacht über nervenzerrend. Es sind ehemalige Fallen, null Reck [Dehnung]. Das Knarren ließe sich (möglicherweise) aushalten, aber es rührt daher, dass sich die Taue bei jedem Rucken ein paar Millimeter in den Klampen [zweiarmige Haken am Steg] verschieben. Über Nacht kommen so fast 20 Zentimeter neues Spiel in die Festmacherleinen. Mehr Spiel heißt mehr Belastung beim nächsten Ruckeln – unhaltbarer Zustand. Nachmittags Vorräte einkaufen bei it Gladis (Supermarkt), vier schwere Taschen Konserven,Nudeln, Säfte, Obst und Gemüse – Taxi zur Marina (€ 4,80 – gegen England ist alles scheißbillig hier!). Abends Dichtungssatz für Klo aus der ferreteria naval Pomba (scheißteuer und eine halbe Stunde Fußmarsch am anderen Ende des Hafens entfernt), frisches Brot und Salami (fuet), Dreiviertelflasche Rotwein. Und die alten Festmacher wieder eingezogen.

Dienstag halb zehn Blog geschrieben (Biskaya), als nächstes ist die Kloreparatur dran. Für heute ist draußen starker Seegang angesagt, auch hier, hinter dem Wellenbrecher schaukeln die Schiffe. Also bleibe ich noch eine Nacht. Abends mit Christian und Jutta (Nachbarschiff, kommen aus Hamburg) zum Essen verabredet.

Griff ins Klo

Leider hatte die Überschrift so ganz und gar nichts Metaphorisches an sich: die Schüssel war verstopft. Kein Klopapier, ich schwöre, sondern nur rein organische Materie. Aber gut abgesetzt und verdichtet. Weil der Abfluss im rechten Winkel abgeht, musste ich sogar um die Ecke stochern (halbe Wäscheklammer, davon hab ich genug). Hat mich eine Stunde gekostet, das Ding wenigstens an Laufen (Spülen) zu bekommen. Ich erspare euch die Details. (Doch neugierig geworden? Mehr Einzelheiten, in Farbe, gefällig? Guckst du //http:/youtube/watch=grrrgharch!/ [Link funktioniert nicht? War auch nur ein Witz bzw. ein Geschmackstest]). Um eins gefrühstückt (nach GRÜNDLICHEM Händewaschen), kurz nach halb vier funktioniert die Schüssel wieder, besser denn je – Hurra. Jetzt Waschen, Rasieren, Duschen. Vielleicht reicht die Zeit noch für einen Wisch mit dem Feudel durch das Schiff. Geschirr spülen und Kühlschrank auswischen wären auch dran. Tja, das herrliche Yachtie-Leben hat auch seine Schattenseiten …

Der Leuchtturm am Ende der Welt

Fr., 30.9., Finisterre (Fisterra), das absolute Ende (km 0,00) des Jakobswegs. Voller hard-core-Pilger in entsprechendem Outfit (Sonnenhüte, Wanderschuhe, Kniebandagen, Gehstöcke), Typ Altfreak bevölkern das Örtchen. Fin do Camino heißen die Restaurants und Herbergen. Außerdem der billigste Liegeplatz ever: umsonst. Strom, Duschen? Fehlanzeige. »Es gratis, pero no hay nada.« Am A… der Welt eben.

Das Abendessen in La Coruña mit Christian und Jutta (Roth & Reichelt (consulting)) war sehr schön, Touristenschuppen in der Altstadt, aber raciones und tapas vom Feinsten. Leckere Tortilla und Pepinos. Die beiden haben in Valencia ihr Schiff CAÑAS DOS gekauft und wollten es innerhalb von vier Wochen (!!) nach Norddeutschland (Liegeplatz auf der Schlei) überführen. Haben sie in Vigo abgemustert, einen Skipper (von Navismare) angeheuert, der die Fahrt vollenden sollte. Ist nur bis La Coruña gekommen, 24 h motort. Dort liegt das Schiff jetzt fest, mit Motorproblemen. Sie leben darauf und haben sich in der Stadt in einer Bürogemeinschaft eingemietet (Freiberufler). Im November geht’s nach Hamburg und für nächste Saison ist geplant (das Unterwasserschiff zu machen) und mit dem Skipper über die Biskaya. Guter Plan.

Am nächsten Morgen wollte ich um zehn Uhr los, ist Viertel vor Zwölf geworden. Ziel: Vigo. Selten so gelacht. Ewig gebraucht, das Groß hochzuziehen (Mastrutscher [Plastikteil, das in einer Nut am Mast verschieblich angebracht ist und das Großsegel dort hält] verklemmt). Fast bis zum Sandstrand am Hafenende getrieben, der Rettungskreuzer kam schon an (hab ich mir vielleicht auch eingebildet). Dann zog sich die Ausfahrt nach Norden wie Kaugummi, Eine Dreierformation von Polizeihubschraubern, die während der vergangenen Tage ihre Runden über die Innenstadt zogen (Große Polizei(sympathie)ausstellung im Hafen: Fahrzeuge, Ausrüstung, Mitmachaktionen (Fahndungsforo schießen)) kamen drei Mal herangeflogen bis über mich, drehten dann wieder ab zur Stadt. Nach Westen war kein Vorankommen (Nordwestwind). Und La Coruña und der alte Torre Hercules lagen den ganzen Nachmittag und die halbe Nacht immer wieder querab. Frustig.

Zwei Stunden motort, bis das Großsegel so geknattert hat, dass es nicht mehr auszuhalten war. Mit soviel Wind muss doch zu segeln sein! Gesagt, getan. Beste Entscheidung bisher! Hart am Wind mit 5 Knoten auf Kurs 220 (Südwest) bzw. 310 (Nordwest) Heissa! Hat Spaß gemacht.

Nur: Nach Westen kam ich dennoch nicht. Und Aufkreuzen in der Nacht ist kein Vergnügen. Und stets leuchtet La Coruña querab oder schräg hinter uns wie um uns zu verhöhnen.

Regel 19: Lieber zwei Tage auf guten Wind warten als eine Nacht gegenan bolzen.

Ullis Depp, durch Erfahrung weiß geworden

Morgens um 01:30 Wende, doch die Windanzeige spinnt. Ohne die ist in der Dunkelheit die optimale Segelstellung sauschwer auszumachen. Weniger als 310° sind jedenfalls nicht zu schaffen. Scheißlaune.

Die Mörtelkiste

Costa de la muerte heißt die Küstenlinie um die Nordwestecke Spaniens herum. Keine Ahnung, was das heißen soll, Mörtelkiste vermute ich mal. (Vielleicht hab ich die Übersetzung auch falsch nachgegoogelt. Aber sie passt wie A… auf Eimer: Zäh wie Segeln im Maurerschlamm fühlt sich das an, wenn man trotz Wind und Superfahrt einfach nicht dort hinkommt, wo man hinwill). Und der andauernde Collision alarm bringt mich auch zur Weißglut. Anscheinend sind schon andere Seefahrer an dieser Küste verzweifelt, weil rundherum ODAS-Tonnen [Bojen als Unterschlupf für Schiffbrüchige] aufgestellt sind: Sicher haben sich schon öfter Seeleute aus Frust über die vergebliche Anstrengung an der Mörderküste … ähm: der Mörtelkiste über die Reling gestürzt. Ganz so weit bin ich noch nicht. Aber verstehen könnte ich es.

Der Scheiß, den ich in diese Nacht zusammengefahren bin.
Gelbe Kringel: gefahrene Schleifen. Pinker Balken: Wunschkurs.

Foto

Um halb acht fängt endlich das Morgengrauen an, dann soll laut Funkwettervorhersage der Wind auf N drehen. Und tatsächlich: 08:30 weist das Logbuch Kurs 270° (straks W) und 5 kn Geschwindigkeit aus: »Läuft!« hat der Skipper geschrieben. Dabei ziehen lange hohe Wellenberge vom Atlantik herein, 3-4 m sagt der Wetterbericht. Und: »Meereszustand: ruhig.« Dabei schaukeln selbst die treibenden (oder ankernden?) Frachter wild hin und her. Guckst du Video: Frachterschaukeln
Dennoch: rauschende Fahrt, Müsli zum Frühstück fast vollständig einverleibt (statt: im Cockpit verteilt). Lisbeth legt sich immer wieder hart in den Wind bzw. in die Wellentäler, sicher 15° nach jeder Seite [diesmal sind die °-Angaben Winkel gegen die Senkrechte]. Unten im Salon klatscht Wasser gegen die Bodenbretter, seitlich, wo sie nur wenige Milimeter über dem Rumpf liegen, spritzt es sichtbar hoch. Es ist Salzwasser (Geschmacksprobe!). Die Elsbeth wird doch auf ihre alten Tage nicht inkontinent geworden sein?
Um 11.30 liegt das Cabo Vilàn endlich so weit querab, dass ich auf Südkurs gehen kann, um eins platt vor dem Wind [Wind genau von hinten]. Jetzt schaukeln uns nur noch die Wellen, nicht mehr der Wind. Besser ist das auch nicht.

Einfahrt in Muxía (Foto: J. Huth)

16:45 angelegt in Muxía [„Muschíah“]. Die Marina Muxía, nebenher auch eine Tankstelle, ist die günstigste bis dato.: 16,80, inkl. Strom, Duschen und funktionierendem WLAN. Respekt!
Viereinhalb Eimer Wasser (ca. 30 Liter) aus beiden Bilgen geschöpft (mit dem Schwamm getupft), danach Salon mit Frischwasser gefeudelt – Salzwasser klebt und trocknet sehr schlecht. Nur: Wo kam das ganze Wasser her? Im Schiffsinneren und auf der Einrichtung sind keine feuchten Stellen zu finden. Die Deckskante, die Verbindung zwischen Deck und Rumpf? Immerhin jagte die gute Elli mit so viel Lage [schief] durchs Meer, dass die seitlichen Laufdecks überspült worden sind. (Zum Glück hab ich Verenas Ratschlag befolgt und sämtliche Fender und Festmacher vorher verstaut! (Danke, Hartwig und Verena!)). Am Mast haben sich Leinen um den Radarreflektor verheddert. Als ich das behebe, fällt mir auch der Grund für das Salzwasser im Schiff ins Auge: Auf dem Vorschiff habe ich in der wilden Nacht einen Lüfter abgefetzt, wahrscheinlich mit der Fockschot [wird bei jeder Wende über das Vorschiff gezogen/gezerrt]. Im Deck klafft ein Loch mit fünf Zentimeter Durchmesser!

Hier (Gaffertapekreis) war einmal ein Lüfter

Allerding haben die pfiffigen Konstrukteure der Moody den Lüfter im Klo exakt über dem Waschbecken eingebaut. Und selbst das Wasser, das danebenging, hat auf dem Toilettenboden (dient zugleich als Dusche) keinerlei Spuren hinterlassen.

EntspannendesAbendessen ist angesagt nach dieser Nacht und diesem Tag. Frag ich den Tankwart/Hafenmeister (jung, gelangweilt, unbedarft) nach einem Fischrestaurant. Empfiehlt er mit das beste Haus am Platz (Gruß aus der Küche, Stoffservietten). Aber was solls, musste sein. Salat mit lecker chèvre chaud, aber unter Erdbeersoße versteckt. Exzellenter Pulpo, Grillgemüse leider aus der Dose. Bier, Wein, Kaffee, Kognak: € 47. Tat gut.

Marina Muxía

Heute früh 07:00 wach geworden, stockfinster. Tankstelle/Marinabüro macht um acht auf (Stromadapter zurückgeben, Superbenzin für Außenborder bunkern).
09:45 nach exzellentem Ablegemanöver (mit montiertem Hydrovane-Ruder – da lässt sich das Schiff kaum manövrieren!) hoffnungsvoll alle Segel hochgezogen. Gerade mal aus der Bucht heraus geschafft. Flaute.
Um halb eins den Motor angeschmissen, viereinhalb Stunden bei 1800 U/min und 5 kn Fahrt motort, am Ende um das Cabo finisterre herum. Die MOANA, Jonathan und Frau und zwei 6-8jährige Kinder, ist auch ausgelaufen. Jonathan hatte mich am Vorabend angesprochen. Er hat »tolle Fotos« von meiner Einfahrt in Muxia gemacht (er und die Kinder standen auf der Mole) und will sie mir schicken. Super! Die wollen die Rias abklappern, fjordartige Flussmündungen, von denen es zwischen Muxia und Vigo zahlreiche gibt. Außer der MOANA läuft noch eine Yacht aus, fast drei Stunden motoren wir parallel. Am Kap Finisterre liegt eine Insel im Weg.

Ich fahre innerhalb vorbei (an dem Tag herrschte höhere Brandung, der Fels an der Insel warf meterhoch Gischt in die Luft), ein paar Minuten Kabbelwasser, das war’s. Die anderen beiden fahren außenrum. Bin ich zu leichtsinnig? Um halb fünf in Finisterre eingelaufen, ein junges dänisches Paar, deren Yacht dort schon liegt, über nimmt meine Leinen [hilft beim Anlegen].

Hafen Finisterre. Elizabeth in der Bildmitte

Nagelneue moderne Fischauktionshalle mit Zuschauertribüne hinter Glas. Einladende Strandpromenade (Mama Celia hat ein anheimelnd altmodisches Kneipenschild, ist aber ein hochtechnisierter Schnellabfüllschuppen).

Von der Meerseite gesehen hat Finisterre einen wunderbaren Sandstrand. Dort wandele/pilgere ich jetzt hin, zum Sonnenuntergang. Vielleicht nehm ich sogar die angebrochene Flasche Wein mit … Toilette funktioniert übrigens wie neu.

Der Strand (an der Meerseite) von Finisterre

Sonnenuntergang verpasst (lag eh hinter Wolkenbank) weil: Abendessen (Taschenmessermuscheln), Merca Chino (Brillenschraubenzieherchen, neues Solarlämpchen, Bilderrahmen). Auf dem Weg zum Strand kommen mir Jungfreaks entgegen (Rauschebärte oder Dreadlocks (aber nie beides), barfuß, einer trägt ein meterlanges meergeschwärztes Wurzelholz (Strandgut – wird sicher ein Kunstwerk) oder sitzen im letzten Abendrot in Grüppchen am Strand: das (westliche) Ende der (europäischen) Welt ist ein Sehnsuchtsort. Später, in der Dunkelheit, fluoresziert die rauschende Brandung deutlich. Hab ich zum ersten Mal vor fast fünfzig Jahren an einem Nordseestrand irgendwo in Holland gesehen. Hat mir nie jemand geglaubt. Vielleicht halluziniere ich auch (drei Gläser Wein). Aber bei den Delfinen bin ich mir sicher: irgendwelches Mikroplankton gibt bei Wasserbewegung grünliches Licht ab.

Das Kap der Sehnsucht

Sa., 1.10. Finisterre. Morgens Nieselregen, Videos geschnitten (zusammengefriemelt), hochgeladen. Das über die Biskaya (viereinhalb Minuten) hat fast drei Stunden gedauert. Zwischendurch läuft gar nichts mehr. Kommt eine SMS meines Handy-Providers: meine High-Speed-Daten sind aufgebraucht. Mit einer einzigen Taste kann ich aber 2 GB zusätzliche Daten buchen. Drück ich. Läuft der Upload wieder. Innerhalb von Sekunden. Die Wunder der modernen Technik. Kostet allerdings 10 Euro, später nochmal 10: ihr wisst gar nicht, was mir euer Lesevergnügen wert ist …

Nachmittags klart es auf, spitzelt sogar ab und zu die Sonne raus. Pilgere ich die allerletzten zwei Kilometer des Jakobswegs. Mitten in einer Horde echter Pilger. Die Entgegenkommenden wünschen »Buen camino«, im Café auf dem Kap gibt es Stempel fürs Pilgerbuch, dort steht auch ein Sammelcontainer für ausgebrauchte Wanderschuhe (damit sie nicht in Flammen aufgehen »Ein Ritual, das es niemals gab« – Waldbrandgefahr!). Und dann steht dort der weltberühmte Leuchtturm. 

(Der Schatten oben links ist ein Linsenfehler, danke für den Hinweis. Mein Finger wäre dicker.)

Erinnerungsfotos werden geschossen, Pilger fallen sich in die Arme »Wir haben’s geschafft!«, weltbewegende Telefonate werden geführt »Hello, I am calling from the end of the world …«. Almosenbettelnde Jungfreaks sind selbstverständlich auch da, springen Hunde drumrum … Der Ausblick ist wirklich schön, weites Meer, Brandung, das Ende von etwas. 

Getreidespeicher

Auf dem Rückweg, über den Hügel hinter dem Kap, bin ich fast alleine. Im alten Dorf oben am Hügel stehen noch mehr der in Galizien üblichen Getreidespeicher. (Die Säulenfüße und Kragsteine sollen die Mäuse abhalten). Anderthalb Stunden Lesen am Stadtstrand, dann zum Argentinier. Das größte (und beste) Rinderkotelett meines Lebens (Verzeihung Celia, Lioba: musste mal sein). Jetzt noch diesen Blog abschicken und Feierabend. Morgen soll es Nordwind geben. Gut, um nach Süden zu kommen …

II. Nach dem Bruch – 12. Nach Dartmouth

Ende August ging die Elizabeth wieder ins Wasser und lief sogar fast eine halbe Stunde aus eigener Kraft. Beweise? Hier:

25. August 2022 – ein schöner Tag

Nachträge:

Seit 7. Juni war ich im Gästeappartment der East Cornworthy Farm untergebracht, bei der Familie, die Blackness Marine betreiben. Zwei Minuten Fußweg zum Schiff, sehr praktisch. Das Wochende 11./12. Juni mit Gareth, Lisa, Zac, Oli, Etty (Badger und Moss) auf der Lorelia verbracht. Ausflug zur Fishcombe Cove bei Brixham, wo alles passiert ist. Am Samstagnachmittag das untere Teil des Skegs und ein Stahlteil vom Kiel gefunden. Die Felsen zeigen noch immer Abschürfungen und Reste der schwarzen (und darunter blauen) Farbe meines Unterwasserschiffs.

(Abschürfungen nicht zu erkennen)

Am Sonntagvormittag (Niedrigwasser um 10:45) vergeblich den Anker gesucht. Traumsegeln hin und zurück, Fish&Chips in Brixham, Grillschinken im Brötchen auf dem Boot.

Anfang Juli bin ich, wie lange geplant, auf Heimaturlaub gefahren.

Lobpreis

(vom Stand vor der Rückfahrt nach Köln)
Weil es mir ein tiefes Bedürfnis ist und auf Anregung einer reizenden älteren Dame (meiner Mutter) formuliere ich hier meinen Dank an „Jenes Höhere Wesen, das wir verEhren“ (Heinr. Böll (?)):

Dank dir, JHWE…
– dass in der Zeit auf den Felsen bei Brixham nicht Schlimmeres passiert ist, dass die Rettung in Gestalt der RNLI so rasch kam, dass den Rettern, vor allem dem Helden, der auf das Boot geklettert ist und das Abschleppen organisiert und dirigiert, dann das Leck am Ruderkoker abgedichtet hat, mich mit seinen Kollegen in den Hafen und auf den Platz zum Trockenfallen geschleppt hat, nichts passiert ist;
– dass du mir so viele kompetente Helfer geschickt hast;
– dass mir nichts passiert ist, dass ich zu keiner Zeit Sorge um mich selbst haben musste,
– dass du mir Gareth und Lisa, Zac, Oli, Etty und die beiden Hunde geschickt hast, die mich nicht nur beraten und unterstützt, sondern auch nach Dartmouth geschleppt haben, mich getröstet und bekocht und eine Woche später wieder an die Schiffbruchstelle mitgenommen und das abgebrochene Teil des Ruderskegs gefunden haben – und inzwischen gute Freunde geworden sind;
– dass du mir glücklich die Hand geführt hast beim Entrosten der Schrammen und Abschürfungen am Kiel, beim Ausbau des zerbrochenen Ruders und des verbogenen Ruderschafts, beim Abschrauben der verbogenen Anoden und Entfernen der Schrauben der abgescherten Anode, beim Zersägen des Ruderblatts und Herausschälen den Schafts, beim Ausbau des Propellers, der Schaftstütze (P-Bracket) und der Schaftabdichtung, beim Bohren und Einkleben einer starken Gewindestange um den Skeg zu schienen, beim Laminieren unzähliger Lagen Epoxy um den Skeg, beim Zusammenkleben der beiden Ruderblatthälften und der Rekonstruktion der abgebrochenen Teile;
– dass du mir Louay (Epoxy-Spezialist) geschickt hast, der vier Mann dazu gebracht hat, den unreparierbaren Ruderschaft mit aller Gewalt wieder geradezubiegen, James und Tom, die das Boot aus dem Wasser geholt und fachmännisch manövriert und gelagert haben, Duncan, Engineer, der mir mit Mike einen extralangen Bohrer geschweißt hat, Jamie, der mit einen Excenterschleifer geliehen hat, Kelvin, der versucht hat, einen stoffeligen Gebrauchtteilehändler in Florida dazu zu bringen, den Ruderquadranten nach Europa zu verschiffen, an Marylin und Richard, Gasteltern in der Higher East Cornworthy Farm, David und Rebecca, Manager der Blackness Marine, Pippa Harrington, überfreundliche Rezeptionistin,
– dass du mir (fast) durchgehend reparaturfreundliches Wetter ermöglicht hast (frische gewaschene Wettersocken? Angenehm, das, oder?),
– dass ich trotz Arbeiten mit gefährlichen Werkzeugen (Winkelschleifer, Stechbeitel) von Verletzungen verschont geblieben bin,
– dass meine zweite Socke (aus Gravelines) wieder aufgetaucht ist,
– dass du mir immer wieder neuen Mut geschenkt hast, auch wenn ich oft vor der Größe der Aufgabe zurückgeschreckt und am Ende, wie immer, in Zeitnot geraten bin …
DANKE

Für den Juli (ich in Köln und Waltenhausen) war vereinbart, dass Gareth sich um den Motor kümmert (einmal komplett überholen, einzelne Schläuche und Kabel austauschen, die er für marode hält) und dass Louay die Reparatur des großen Lochs im Rumpf um den Ruderschaft angeht. Passiert ist das nicht. Gareth hat den Propellerschaft ausgebaut und ihn zusammen mit dem Propeller zu seinem Kumpel Ben gebracht, der mit einem Händchen für Metallbearbeitung gesegnet ist.

Ben (rechts; hier mit dem Ruder und dem exakt angepassten -Quadranten)
Dartmouth Sailing Week
So., 28. August, Dartmouth, Devon

Ruderwettbewerbeauf dem Fluss(für Familien, Kneipenmannschaften, KellnerInnencrews), Fässerrollen und ein Riesenjahrmarkt am Kai und auf der Promenade, gestern Nachmittag die Flaggenparade ausgewählter Schiffe vor dem Innenstadtufer, Yachten und Boote aus den letzten hundert Jahren (Kielboote mit Dampfmaschinen!) und gestern Nacht großes Feuerwerk am Fähranleger – Dartmouth feiert die Wiederinbetriebnahme der Elizabeth mit großem Tamtam!

Parade on the dart

Ein Witz, selbstverständlich. Mit seinem unfehlbaren Anfängerglück ist Skipper Klein-Ulli beim Zu-Wasser-lassen seines Bootes in den Dart ausgerechnet in das betriebsamste Wochenende der gesamten Saison geraten. Gab selbstverständlich Stress …

Die Kurzfassung:
  • Bilanz: vier Wochen Segelreise, sieben Wochen Reparatur: kein gutes Verhältnis;
  • Kosten: reine Reparatur ca. 5000 GBP (€ 6500); Unterbringung, Mietwagen, etc.: nochmal das Doppelte drauf;

Derzeitige Situation: Das Boot liegt im Wasser, zwischen zwei Mooringbojen, längsseits mit der Lorelia von Gareth, Liza und den Kindern. Es ist absolut dicht und hat auf den ca. drei Meilen von der Blackness-Bootswerft bis hierher auf Ruder, Motor, Propellereinsatz gut reagiert und ist gefahren, als wäre nie etwas passiert. Jetzt richte ich die letzten Kleinigkeiten wieder her und hoffe, dass ich zum (nächsten) Wochenende Richtung Plymouth starten kann. Ach ja: der Motor funktioniert noch nicht wie er soll. Neue Regel: Wenn der Motor hier nicht erwähnt wird, ist davon auszugehen, dass er funktioniert.
Über die Reparaturarbeiten schreibe ich nur ganz kurz, aber es gab einfach zu viele Leute, die mir geholfen haben, als dass sie hier unerwähnt bleiben könnten. Den Weiterverlauf der Reise findet ihr im übernächsten Kapitel: Ab Plymouth.

Zeittafel:
8. Mai: Abfahrt de Heen
3. Juni: Auflaufen nahe Brixham, abgeschleppt in den Hafen, Trockenfallen auf den Grids dort
5. Juni: von der Lorelia nach Dartmouth geschleppt
7. Juni in der Blackness Marine, East Cornworthy, Totnes, aus dem Wasser gehoben
(2. Juli: Rückfahrt nach Köln, 7./8. August: Wiederankunft Blackness zusammen mit Paula)
25. August: Launching Day

Große Ausname: Skipper in Freizeitkleidung
Juni: Warten auf Louay

In den vier Wochen, die ich nicht in der Werft war, hat Louay, der die Reparatur des Rumpfes mit Epoxy machen sollte, nicht angefangen (heute weiß ich warum). Jetzt kommt er auch nicht bei: Fußverletzung, Rückenprobleme, Gicht.
Arbeiten im Juni: Ruder ausgebaut, Ruderblatt aufgesägt, Ruderschaft ausgeschält (-gebrochen), gesäubert. Ruderblatthälften von Antifouling freigeschält. Propeller ausgebaut. Propellerbock ausgebaut. Propellerwelle auszubauen versucht (so großen Inbus mit Hebel habe ich nicht).
Löcher und Flickstellen im Rumpf freigelegt und mit Kreide gekennzeichnet: Löcher im Rumpf (orange), tiefe Schürfungen (grün) und oberflächliche Kratzer (weiß).
Bruchstellen und Kratzer am Stahlkiel entrostet und vorlackiert.
Kratzer am Überwasserschiff abgeklebt und geschliffen.
(Louay hat die Ruderwelle zu einer Spezialfirma gebracht, die haben es geschafft, das Ding geradezubiegen!)
Nach zwei Wochen bringt Louay endlich das zugesagte Werkzeug (Winkelschleifer, Lackkratzer) und ich kann anfangen, die Löcher und tiefen Kratzer im Rumpf zu flachen Trichtern (handbreite Ränder) auszuschleifen und mit so vielen Lagen Glasfasermatte und Epoxy zu bekleben, bis die Trichter wieder gefüllt sind (ca. 4-5 Lagen).
Um den Skeg [die Kielflosse, die das Ruderblatt nach vorne hält und stützt und das untere Ruderlager umfasst] zu stabilisieren, bohre ich zwei tiefe Löcher (Bohrerverlängerung geschweißt von Mike), nach oben in den Skegstumpf, nach unten in das abgebrochene Skegteil, das Gareth zum Glück an der Unfallstelle gefunden hat. Dahinein wird eine 10mm-Gewindestange mit Epoxy vergossen. Und die Flickstelle mit unzähligen Lagen Glasfasermatte verklebt.(Louay findet die Flickstelle am Skeg zu schwach. Er lässt sich bequatschen, den Skeg selbst zu reparieren.)
Ruderschaft in die beiden Blatthälften eingeklebt (epoxiert) und an den Fugen mit Glasfasermatte und Epoxy belegt. Fehlende Teile des Ruders (Oberkante am hinteren oberen Ende, Unterkante komplett) mit Holzkonstruktion ergänzt und mit Glasfasermatte überzogen.

»Your rudder looks like a rudder again!«

James

Die letzten beiden Lagen Glasmatte für das Ruderblatt aber nicht mehr geschafft, bevor am 2. Juli mein Zug fuhr.
Videozusammenfassung der Reparatur: Timelapse Reparatur Elizabeth

August

Am Montag, 8. August zusammen mit Paula in Cornworthy angekommen, Spaziergang zur Werft, Louay hat das größte Loch im Rumpf, rund um das eingedrückte Führungsrohr des Ruderschafts (Ruderkoker) und den Skeg großräumig freigeschliffen, viel zu tief (findet Gareth). Außerdem hat er Winkelschleifer, Glasmatten und Epoxy wieder an sich genommen. Warten auf L. ist angesagt.

Der Rest des alten Ruderkokers

Das Paket mit dem gebrauchten neuen Quadranten ist nicht angekommen, behauptet Pippa. Stellt sich zum Glück als Irrtum heraus. Für das andere Paket, das ich an mich selbst geschickt habe (ausgetauschtes Funkgerät, Geschenke für die Kinder) muss ich erst Zoll zahlen, bevor sie es zustellen (70 GBP).
Ben, Gareths Kumpel, den ich bis jetzt noch gar nicht kenne, soll es geschafft haben, die unreparierbare Propellerwelle gerade zu biegen. Am unreparierbaren Propeller ist er dran. Der Typ scheint wirklich zaubern zu können.
Louay bringt den verbogenen Propellerbock unbearbeitet zurück – seine Biegespezialisten sind nicht dazu gekommen. Gareth wird sich darum kümmern. Das Paket mit dem Ruderquadranten ist doch da, leider haben sie den falschen eingepackt. Stellt sich aber als Glücksfall heraus.

Der Quadrant

Ein Ruderquadrant lenkt den Impuls der beiden Steuerseile aus Stahl, die vom Steuerrad über Zahnrad und Kette bewegt werden, in eine Viertelkreisbewegung auf den Ruderschaft um. Er ist ein Formteil aus Aluminiumguss und in meinem Fall durch die schweren Schläge des eingerammten Ruderschafts in vier Teile zerbrochen. Ein Ersatzteil (gebraucht) findet sich im Internet, allerdings nur ein einziges weltweit. Es liegt bei einem Gerbrauchtteilehändler in Florida. Kelvin, Metallingenieur und Motorbootsbesitzer und Nachbar auf der Blackness Marine, bietet sich an, das Teil zu bestellen (»nach Europa liefern wir nicht«) bzw. von Bekannten in den USA bestellen zu lassen. Klappt leider nicht.
Auftritt Chris. Paulas Cousine Sibylle (lebt in New Orleans) kommt nach einigem Nachdenken auf den Namen eines guten Freundes, der a) in den USA lebt und b) bereit ist, sich den Quadranten schicken zu lassen und an mich weiter zu verschicken. Chris Carrol tut nicht nur das, er bequatscht den laut Kelvin unerreichbaren Gebrauchtteilehändler in Florida, legt das Porto vor und schafft es, das Teil innerhalb von zwei Wochen an die Blackness Marine zu schicken. Leider habe ich versäumt, ihm zu sagen, dass gar kein Zeitdruck herrscht – ich bin ohnehin nicht dort. Der Quadrant zeigt deutliche Gebrauchsspuren, ist aber voll funktionsfähig – theoretisch. Er muss noch aufgebohrt und angepasst (Keyway) werden. Ben erledigt das vorbildlich. Nur falsch instruiert. Gareth behebt das über Nacht.
Den alten geborstenen Quadranten habe ich auf Kelvins Rat hin mit nach Köln genommen und dort einen Schlosserbetrieb aufgetan, der Kontakte zu einem Spezialschweißer habe, der Aluguss schweißen könne. Stellt sich nach drei Wochen heraus, dass die spezielle Legierung meines alten Quadranten nicht schweißbar ist. Inzwischen ist es auch zu spät für die mechanische Reparatur mittels Edelstahlbolzen, die Kelvin vorgeschlagen hat. Also liegt jetzt ein Teil (liegen jetzt vier Teile) der Elizabeth in einer Werkstatt in Iversheim (Eifel).
Mit dem neu/alten Quadranten, der wie sich später herausstellen wird, das einzige Teil der alten Tante Else sein wird, das tatsächlich nicht mehr zu reparieren war, bin ich am Ende sehr glücklich und konnte Chris – endlich, mit sechs Wochen Verspätung! – ein Foto des eingebauten Quadranten schicken.
Louay ist inzwischen wieder hergestellt und erledigt die Reparatur am Ruderkoker innerhalb von drei Tagen: altes Kokerrohr ausbohren, Reparaturstelle innen freischleifen bis auf das nackte GFK-Gewebe, neues Rohr einpassen (den Flansch daran hat Louay über das Wochenende gegossen/gelegt – er sieht toll aus (der Flansch)!
Außerdem kommen wir bei der Reparatur zum Reden: Schon am ersten Tag hat er zum Marinamanager Dave gesagt, dass der Job am Ende wohl bei ihm landen wird. (Möchte nicht wissen, wie die sonst noch über den Deppen hergezogen haben, der erst sein Boot auf den Felsen setzt und dann behauptet, er könne es innerhalb von zwei Wochen eigenhändig reparieren …)
Und: dass keine Versicherung für die Reparatur aufgekommen wäre. Für die wäre das ein wirtschaftlicher Totalschaden gewesen. Weil: die hätten einen neuen Kiel gießen lassen, außerdem sämtliche Flickstellen am Rumpf VON INNEN reparieren lassen. Zum „reparierten“ Ruder möchte Louay lieber nichts sagen. Außer dass ich stets klarstellen soll, dass die Reparatur nicht von ihm ist.

Paula malt

Inzwischen sind zwei Wochen ins wunderschöne Devon-Land gezogen, Paula hat die Flickstellen am Unterwasserschiff grundiert (Primer) und zweimal mit Antifouling gestrichen, ich habe die Stellen am Überwasserschiff geschliffen und lackiert. Gareth hat den Propellerbock in der Mache. Wir setzen als Termin für das Zu-Wasser-lassen Montag, den 22. August fest. Da für die Elli ein besonders kräftiger Traktor und drei Leute gebraucht werden, muss der Termin mindestens einen Tag zuvor bestätigt/abgesagt werden. Er wird nicht klappen. (Aber das habt ihr euch sicher schon gedacht.)

Rush hour in Devon

Um das Ruderkoker-Rohr einzupassen, haben Louay und ich das Ruder eingesetzt. Sah gar nicht so schlecht aus. Aber als das Rohr eingeklebt ist, schabt die unförmig reparierte Vorderkante des Ruders am Skeg. Schlecht. Louay hätte das Ruder völlig neu aufgebaut. Und mit Schaum ausgesprüht. Und in die alte Form gebracht. Mein Ruder ist unförmig verklebt, außerdem ist die Holzkonstruktion an der Unterkante irgendwie verrutscht und einseitig. Aber was solls, dachte sich Klein-Ulli, unter Wasser sieht das eh keiner. Von Louay kriege ich die Erlaubnis, seine Skeg-Reparatur ein wenig beizuschleifen, damit mein Ruder passt. Außerdem nehme ich von der Vorderkante Ruder so viel weg, wie ich mich traue, ohne dass die beiden Blatthälften wieder auseinanderfallen…

Zwischendurch: bei den Segelmachern

Neuer Launch-Termin ist Dienstag. Gareth ist noch nicht dazu gekommen, das P-Bracket in die Presse zu spannen. Laut Internet gibt es kein Ersatzteil. Wenn der Wellenbock beim Zurückbiegen brechen sollte, ist (nicht nur) guter Rat teuer …

Anderthalb Tonnen Hydraulikdruck – große Gewalt verlangt große Gegenkraft!
(Das P-Bracket (Propellerbock) ist das bedrängte Bronzeteil in der Mitte)

Das Ruder wird oberhalb des Kokerrohrs von einem Lager mit Packung [eingelegte Textilseile, die angepresst werden und den Schaft wasserdicht umschließen] gehalten. Als dieses Lager montiert ist, lässt sich das Ruder kein bisschen mehr bewegen. Das heißt, das Boot ist manövrierunfähig, die gesamte Reparatur für die Katz. Große Frustration am Freitagabend. Könnte man auch Verzweiflung nennen.

Kinderbespaßung


Am Samstagmorgen Reparaturversuch: falls das obere Lager „nur“ verkantet war und damit die Blockade ausgelöst hat, sollte sich das (theoretisch) durch Ausgleichen mit Unterlegscheiben lösen lassen. Klar, dass das Lager inzwischen (von mir) fachgerecht dick mit Abdichtmasse verklebt wurde, die sich nur schwer wieder entfernen lässt …
Klappt aber. Samstagnachmittag große Erleichterung: das Ruder (streift nicht mehr am Skeg und) lässt sich von Hand bewegen. Montagnacht hat Garreth es geschafft, das P-Bracket geradezubiegen (anderthalb Tonnen Druck in einer hydraulischen Presse, aufgeheizt bis fast zum Glühen).
Dienstag abend kommt Gareth mit Familie zum Picknick und setzt innerhalb von wenigen Minuten die Propellerwelle und das P-Bracket ein. Ein mittelgroßes Wunder.

Lisa, Oli (o.), Zac, Skip, Gareth, Etty (v.)
Gareth erklärt, wie er es geschafft hat

Mittwoch besorge ich neue Befestigungsbolzen und Anoden [Metallteile aus Zink (oder einem anderen unedlen Metall/Legierung), die Propeller und -schaft davor schützen sollen, galvanisch angefressen zu werden], es müssen speziell europäische sein, damit die alten Bohrungen passen. Bolzen eingesetzt und mit Marinekleber abgedichtet. Neuer Launch-Termin ist Donnerstag, nachmittags um halb fünf (hängt von der Tide ab: nur bei Flut ist genug Wasser im Dart). Wenn der Termin nicht klappt, kann David, sagt er, mich erst am Montag wieder einsetzen – er hat dreißig Boote im Wasser und alle Hände voll zu tun bis dahin. Inzwischen weiß ich warum: Dartmouth Regatta Weekend.
Donnerstag vormittag nur noch schnell den Quadranten einsetzen und die Steuerseile spannen (nicht zu sehr, sonst blockiert wieder alles – schon ausprobiert!), am Ende funktioniert die Steuerung leichtergängig als zuvor – bilde ich mir jedenfalls ein.
Und rasch die beiden Anoden anschrauben. Steuerbordseite passt gut. Backbord stehen die frisch eingesetzten Bolzen leider ein paar (fünf) Millimeter zu weit auseinander. Deswegen also war die alte Anode auf einer Seite aufgebohrt. Was tun? Anodenstahl wegfeilen? Sieht ziemlich massiv aus.
Also am Morgen des Launching-Tages ein zusätzliches Loch ins Schiff gebohrt. Bolzen neu eingesetzt, abgedichtet. Und zwei Stunden gewartet, bis die Dichtungsmasse einigermaßen fest genug ist, um die Bolzen anzuziehen und mit Antifouling zu überziehen. Rasch noch Staubsaugen, solange ich noch am Landstrom hänge … Frühstück bei Alf Resco.

Die Lower Ferry in Dartmouth (im Hgrd: Kingswear)

Nachmittags um eins hängt die Else bereits in den Gurten des Lift-Anhängers. Wenige Zentimeter über dem Boden, jedenfalls zu tief, um Antifouling an die Unterseite des Kiels zu malen, wo er die gesamten zwei Monate auf zwei Balken aufsaß.  Anoden festgeschraubt. Meine Sachen eingeräumt. Schiff einigermaßen seefest geräumt. Noch immer habe ich keinen Anker. Zur Sicherheit wenigstens ein Vorsegel aufgezogen.
Launch klappt vorbildlich. Bier für die Jungs.

»You’re a gentleman.«

Tom
Am Steg in Blackness (Die Werft liegt oben auf dem Hügel)

Um halb sechs kommt die Lorelia und geht an die Tonne, die für die eine Nacht für uns reserviert ist. Können aber keine zwei Schiffe dran. Also Ablegen (Paula macht ihren Crashkurs Leinenführung innerhalb von Minuten) und hinaus auf den Dart, strahlender Sonnenschein. Ruder und Motor funktionieren vorbildlich. Lizzy fährt sich, als wäre nie etwas passiert. Schiere pure Glückseeligkeit.

Sheer bliss

Nach zwanzig Minuten setzt der Motor aus. Die Lorelia schleppt uns an ihren Liegeplatz weiter unten am Fluss, vor Dartmouth. Anscheinend ist es mir nicht vergönnt, ein einziges Mal aus eigener Kraft in diesen Hafen einzulaufen …
Abends das Dinghi entfaltet und zu Wasser gelassen. Nur leider den Schlüssel nicht gefunden. Gesamtes Boot durchsucht.
Paula muss am nächsten Morgen um sieben an Land, um ein Taxi nach Blackness zu kriegen, dort den Mietwagen holen, ihn nach Exeter zurückfahren, dort ein Taxi zum Zug nach London zu erwischen.
Völlig fertig, zu keinem klaren Gedanken fähig, zusammengesunken auf der Bank im Salon. Wassertaxi per Funk angefordert. Muss ich am nächsten Morgen nochmal machen, sie nehmen keine Reservierungen an.
Nach ein paar Stunden Schlaf wache ich mitten in der Nacht auf und weiß, wo der Dinghi-Schlüssel ist: in einer Plastiktüte bei den übrigen Beiboot-Sachen (Benzinkanister, Kette, Schöpfbecher) in der StB-Backskiste. Tatsächlich finde ich ihn am Morgen genau dort. Dinghi-Motor springt sofort an, bringt Paula und mich auch ein paar hundert Meter Richtung Anleger, stirbt ab. Benzinhahn falsch herum auf- (also zu-) gedreht. Paula winkt einen heimkehrenden Angler herbei, der uns zum Fähranleger schleppt, wo wir festmachen und zum Taxi hetzen …

Am Ende klappt alles, Paula erwischt ihren Zug. Die Erleichterung setzt erst schrittweise und nach Stunden ein. Selbst am nächsten Tag, dem Samstag der großen Flaggenparade und des Feuerwerks kann ich es noch nicht richtig fassen, tatsächlich wieder an Bord zu sein.

Lizbeth: (spärlich) bewimpelt. Lorelia: riesig beflaggt (Capt. Blackbeard)

Montag, Bank holiday. Dartmouth ist am Sonntagmorgen zum regulären Betrieb zurückgekehrt (kein Parkverbot mehr, keine Absperrungen und Einbahn-Ampel in der Innenstadt, sämtlicher Müll verräumt). Was ich noch gebraucht hätte: ein Ersatzruder (meins hab ich in der Hektiknacht auf dem Dinghi gelassen, hat sich losgemacht und ist weg) und eine Ersatzgasflasche, die letzte war leer. Aber seit zwei Wochen gibt es in UK kein Gas in Flaschen – Lieferengpass.
Bis morgen (große Wäsche, Besuch im Internetcafé) hab ich Zeit zum Aufräumen.

Lizbeth, belebt

It takes a village (Danksagung)

Dank an James und Tom (Boot rausheben), Duncan (Packung Ruderlager), Mike (Bohrerverlängerung), Paul, Simon, Lee (Tischverleih), David (Manager), Rebecca (Rezeption), Pippa (Rezeption, Paketpost), Richard und Marilyn (Vermieter East Cornworthy Farm), Louay (GFK, Werkzeugverleih), Rouanne (Sprayhood), Gareth (alles Erdenkliche, Motor, P-Bracket, Riemen, Anker und -kette, Sturmfock), Ben (Wonder(Re-)BENder: Propeller, -welle, Quadrant), Chris (unbekannterweise, Quadrantverschickung), Kelvin (Metallberatung, Quadrantreparatur, Rudersicherung), Grahame und Sue (Vermieter Hunter’s Lodge, Cornworthy), Brigitte (französisch ausgesprochen) und Marge, (Vermieterinnen Red Lion Inn, Dittisham), Lindaon (Barmann Red Lion), Raymond (dito), Jamie und Kara (Schleifmaschine, Fahrrad), Liza, Oli, Zac, Etty (Seelentröstung), Herrn Rupperath, Iversheim (Quadrantreparatur), Paula (Antifouling).

Auf dem Weg nach Plymouth

Zum Erbrechen peinlich

oder

Neues aus der unbeliebten Reihe „Erfahrungen, die man niemals machen –Fehler, die man niemals zugeben möchte“

Dienstag, 30. August. Heute hat sich herausgestellt, das mein Schiffbruch ganz allein meine Schuld war. Und das ging so: Nach fast drei Monaten hatte ich endlich wieder Zugang zur Vorschiffskabine (die war mit den ganzen Sachen vollgestopft, die ich aus der Achterkabine räumen musste). Einer der Punkte auf meiner To-do-Liste war das Hochziehen (des Rests) der Ankerkette. Dabei hat sich herausgestellt, dass ich anscheinend nur weniger als acht Meter Kette gesteckt hatte, als sie gebrochen ist! 8m Kette bei 6m Wassertiefe ist selbst bei absoluter Windstille unsagbar doof. Im Sturm dagegen kriminell dumm. Ein Wunder, dass der Anker gehalten hat. Zunächst lag ich genau im Wind vor der Lorelia mit Liza und Gareth (und diese Tatsache war einer der Gründe warum sie ihren Platz an der Mooring so schnell wie möglich verlassen haben). Aber spätestens als sie weg waren, morgens um halb sechs, hätte ich ohne Probleme mindestens zwanzig Meter mehr Kette stecken können, die extremen Belastungen meiner Kette wären vermieden worden und der ganze Schlamassel wäre nicht passiert. Muss man sich mal klarmachen!

Keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte. Ich hätte jederzeit Stein, Bein und bei meinem Leben geschworen, das ich mindestens zwanzig, eher dreißig Meter gesteckt hatte. (Das war auch der Grund, warum ich den Anker später nicht wiederfinden konnte: ich hab an der falschen Stelle gesucht!)
Die Regel für die Ankerkettenlänge ist: fünfzehn Meter plus zweimal die Wassertiefe. Das wären in meinem Fall 27m gewesen. Und bei besonderen Belastungen (wie z.B. Sturm) mehr Kette zu geben, ist Lektion 101 im Kurs „Ankern für Dummies“. Jeder weiß das. Auch ich.

»Think. Think. Think.«

Marco, skipperte uns von Pula bis Mali Losinj.

Warum ich am fraglichen Morgen darauf nicht gekommen bin, ist mir schleierhaft. Wahrscheinlich sollte ich wirklich nicht alleine segeln. Den jeder und jede Mitseglerin hätte sich (und mir) am 3. Juni morgens die (bange) Frage gestellt: »Haben wir auch genug Kette draußen?«
Kein Wunder also, dass bei den idiotischen Fehlern, die mir unterlaufen, niemand mit mir segeln will …
Und die Spruchweisheit, dass man aus Erfahrung klüger würde, hätte ich mir in diesem Fall sehr gerne erspart. Deshalb klingen auch die Seglerweisheiten von Gareth, die ich mir gestern noch begeistert und leichten Herzens notiert habe, jetzt, in meinem neuen Leben als Vollidiot, in meinen Ohren ziemlich schal:

»Even the highest waves can‘t break a ship. Only rocks can.«

Gareth

»If what you’ve experienced didn’t scare you – nothing will.«

Gareth (auf meine Ankündigung hin, meine Reise abzubrechen, falls mir die Erlebnisse den Schneid abkaufen)

»You don’t step UP into a liferaft. You step DOWN.«

Gareth (über den richtigen Zeitpunkt, von einem sinkenden Schiff in die Rettungsinsel überzuwechseln)

Leider ist es erst zwei Uhr nachmittags, sonst wäre ich jetzt mehr als bereit, eine Flasche Rotwein aufzumachen. Außerdem muss ich noch zum Waschsalon, zum Supermarkt und nach Brixham in den Schiffsbedarfsladen.

Morgen bin ich mit Gareth zum Probesegeln (bzw. Probemotoren) verabredet. Hoffentlich habe ich bis dahin meine Selbstzweifel im Griff. Ein Vierer-Tag, höchstens, auf der Skala von 0=fürchterlich bis 10=genial (nur drei Tage vor dem Launch, als durch meine laienhafte Ruderblatt-Flickerei der Erfolg der gesamten Reparatur infrage stand, war ich noch niedergeschlagener). Bitte vielmals um Verständnis, aber manchmal müssen Seglerblogs, zumal dieser hier, doch tatsächlich weinerlich sein.
Draußen herrscht übrigens herrliches Sommerwetter, weht fantastischer Segelwind, zeigt sich Dartmouth von seiner hübschesten Seite. Und wahrscheinlich läuft sogar mein Motor.

Lorelia querab (die mir, obgleich zweieinhalb Meter länger, den Nachmittag über gerade mal zwei Bootslängen davonfuhr)

Plymouth

Montag, 5. September. Geht weinerlich weiter: Heute morgen auszulaufen versucht, alles vorbereitet, ablegen gegen den Wind mit rückwärts Eindampfen in die Spring. Aber der Unaussprechliche kommt nicht auf Touren, schafft es nicht, das Schiff vom Steg abzudrücken. Und dann funktioniert der Aus-Knopf nicht. Wahrscheinlich sollte ich diesen Blog umbenennen: Wieviele Probleme kann ein einzelner Motor machen? Aber gemäß meiner neuen Regel bin ich dann nicht ausgelaufen, sondern habe einen Mechaniker gesucht. Der kommt vielleicht bald.

Am Mi., 30. August hatte das Probesegelen nicht stattgefunden, Gareth hatte zu viel zu tun, die Familie kam erst gegen sechs. Dafür am Donnerstag (1.9.): raus aus der Dart-Mündung, Start Point gerundet (»der gefährlichste Ort der Küste« (Gareth, weil ich dort die Segel aufgezogen habe)), Bilderbuchsegeln bei Halbwind und der Tidenströmung im Rücken bis 8,2 kn (Rekord bisher!), im letzten Licht gegen halb neun auf dem völlig überfüllten Yealm River einen Platz am Ponton gesucht und dank hilfsbereiter Segler auch gefunden: es ist wieder einmal Regatta-Tag (Salcombe-Yealm). Nachts noch das Dinghy ausgefaltet: die Hunde mussten an Land.

Handwerkern hinterhertelefonieren … (Blickkontakt: Moss – und Etty)

Freitag Mittag wieder los, kaum Wind, deswegen motort. Vier volle Stunden ging das gut. Dann sind wir zurück nach Plymouth, ich wieder mal im Schlepptau.

Etty schleppt ab

19:00 am Ponton das Saltash Yacht Club (max. 2 Stunden). Lisa klärt mit dem Clubchef, dass wir über Nacht bleiben dürfen, weil M.-probleme. »Wir wollen ja nicht, dass ein manövrierunfähiges Boot im Hafen von Plymouth herumtreibt, oder?« Gareth schneidet ein undichtes Stück aus der Dieselleitung. Motor läuft wieder.

Aus dem Zug: Lorelia und Elizabeth im Päckchen am Anleger des Saltash Yacht Clubs

Samstag 7:55 den Zug nach Newton Abbot (große Pferderennbahn) zum Bootsflohmarkt (boat jumble) im Innenraum des Rennbahnrunds. Drei Fender und diverses Kleinzeug gekauft (und Pete Goss geschenkt bekommen, Lisas Lieblingsbuch). Nachmittags zurück, mitten in den Jahrmarkt am Kai, Gareths neues Dinghy geschleppt (mindestens 80 Kilo!) und einen Anschiss vom Hafenmeister kassiert: wir dürfen dort nicht festmachen!

Tatsächlich ist Saltash der perfekte Ort, um Besatzung aufzunehmen: zwei Stunden festmachen am Yachtclub sind erlaubt, acht Min. Fußweg zum Bahnhof an der Hauptstrecke London-Penzance. Gegen vier abgelegt, ziemlich im Sturm, zum Glück immernoch im Päckchen [Elizabeth seitlich gegen Lorelia geschnürt]. Denn: Motor setzt aus, Gareth kommt rüber und repariert Dieselschläuche. Halb sechs: Mayflower Marina, Plymouth (Luftlinie ca. 2 km). Abendessen im Wildwood, 20 min Fußweg, aber schick und lecker und sehr nett. Sonntag (4.9.) 10h losgefahren, aber draußen steigen hohe Wellen, 2-3m, es regnet – wieder reingefahren. Jetzt haben Lisa und Gareth ein Problem: am Montag müssen Oli und Zac in die Schule. Sie suchen jemand, der sie mit dem Auto abholt. Gegen zwei leg ich mich völlig erschossen zu einem Schläfchen und wache erst um fünf wieder auf. Border Force ist in Gestalt einer drei Mann starken Patrouille da, wollen wissen, wo ich losgefahren bin. Ich zeige auf die drei Meter entfernte Box, wo ich tatsächlich bis zum Morgen lag. Fanden sie nicht lustig. Ich muss die Yachtline anrufen, um meinen Stand bei der Immigration zu klären. Tue ich auch. Nur: die sind ausschließlich für ZOLLfragen zuständig, wie lange ich im Land bleibe ist denen völlig schnurz. Was fürein Chaos. Inzwischen herrschte Starkregen, ich hatte den ganzen Nachmittag geschlafen, auf der Lorelia war alles verrammelt. Und doch steht heute früh plötzlich Gareth am Boot! Er hat sich gestern Nacht noch nach Dartmouth durchgeschlagen und das Auto geholt! Die Zwillinge haben schon ihre Schuluniformen an und sind bereit. Auch ich rüste mich, schließlich habe ich morgen meinen Elektroniker-Termin in Dartmouth. Und dann schafft der Motor es nicht, mich vom Steg zu schieben.

In der Marina weisen sich mich an M&G Mechaniker. Die sind ausgebucht, können frühestens in der folgenden Woche. Geben mir die Nummer von einem Mechaniker, der zwar nicht gleich heute, aber vielleicht bald kann. Nick (Marienelektroniker)  habe ich abgesagt, er ist vielleicht diese Woche in Plymouth und kommt dann vorbei… Ich hab mich jedenfalls erste einmal bis zum Samstag hier in der Marina eingebucht. Und vorher das Motorpanel geschrottet.

Am Montag abend tauchen plötzlich Lisa, Gareth und die Kinder auf und Gareth schraubt sämtliche Dieselleitungen aus meinem Motor. Er hat es inzwischen genauso satt wie ich: alles muss neu. Andererseits passen jetzt, wo ich meinen Blog für die Wiederveröffentlichung korrekturgelesen habe, alle Symptome: Wenn die Dieselleitungen undichte Stellen haben, (tritt Diesel aus und) saugt der Motor Luft an. Unter Belastung saugt er mehr Treibstoff. Bekommt er nicht genug, kommt er nicht auf Touren oder stirbt ab. Also neue Hoffnung.

Bessere Zeiten

Außerdem ist es wahrscheinlich gar keine schlechte Idee, in der Marina zu bleiben: draußen jagt ein Sturmtiefe das nächste, jeden Tag mindestens einmal starke Schauer, dazwischen sonnige Abschnitte. Aber Im Moment ist der Schwell [Windwellen] so stark, dass sogar hier, zwei Meilen innerhalb der Mündung und von zwei Wellenbrechern, einer Halbinsel und einer Insel geschützt, die Yachten wild hin- und her schwanken …

Draußen will man da nicht sein, geschweige denn auf dem Weg über die Biscaya. Alles gut also.

11. Ab Worbarrow Bay

Alles ist ruhig – bis ein Sturm aufkommt, ausgerechnet aus der einzigen Richtung, in der das Schiff ungeschützt ist. Geht nicht gut aus.

Mittag in Worbarrow Bay
Abendstimmung

Do., 2. Juni und Freitag, 3. Juni  Worbarrow Bay – Brixham. Abends 21:00 in Worborrow Bay losgemacht, Absegeln war Nervensache, Wind steht in die Bucht rein, die Felsen sind vielleicht dreißig Meter entfernt. Wende klappt aber.

»Wenden geht nicht immer, Halsen geht immer.«

Andreas, Yachtschule Eichler, Hamburg

Platz für Halse wäre vielleicht knapp gewesen. Sei‘s drum, Kurs offenes Meer. Die Dunkelheit bricht rasch herein. Zunächst dem Tidenstrom folgend die Küste entlang nach Westen. Wind soll ab 22:00 kräftiger werden, zunächst nur ein laues Lüftchen, wir kriechen. Dann die Halbinsel Portland Bill entlang nach Süden. Geht gut voran. Über Weymouth (Feuerwerk! Es ist das lange Wochenende des Elizabeth II-70jährigen (Platinum) Kronjubiäums) geht ein bleicher Mond als Sichel unter. Navigation: erst 90° dann 180°, bei genügender Entfernung von der Spitze der Halbinsel (Portland Race ist eine gefürchtete Gefahrenstelle, die Wirbel und Kreuzseen sollen schon ganz Schiffe verschlungen haben) vier nm Entfernung, dann Kurs 270°(oder 250) – Navigation im rechtem Winkel. Wind frischt auf, See noch immer glatt: super segeln. Ab 04:00 fängt es an hell zu werden, Sonnenaufgang (blutig rot) ab kurz nach fünf. Läuft noch immer gut, niedrige Wellen (< 0,5m), bedeckt, aber freundlich. Immer wieder mal versucht, den Motor zu starten, ruckelt manchmal vielversprechend, aber kommt einfach nicht auf Touren. Nach und nach alles gefuttert, was an Mahlzeiten vorbereitet ist (kalt, aus der Thermosdose bzw. dem leeren Marmeladenglas). Trotzdem lecker. Und eine komplette Packung Schoko-Cookies. Fehler. Zum ersten Mal ist mir so etwas ähnliches wie schlecht. Könnte auch an den insgesamt drei Fluppen liegen, die ich mir aus zerfriemelten Kippenresten bastele. Nicht lecker, beruhigt aber die Sucht (etwas).

Hochseeverkehr
… etwa alle zwei Stunden
Weicht nicht gerne aus, so ein Fischer
Hat vor allem Nerven aus Stahlnetz
Und ein weiches Herz

Dartmouth bzw. die Flussmündung des River Dart liegen genau voraus. Der Schlag quer übers Meer, die Küste kaum auszumachen, zieht sich. Die Hügel von Torquay mache ich gegen 13:00 aus. Uff, fast geschafft. Dann schläft der Wind ein. Strömung geht in meine Richtung, vor Dartmouth allerdings nach Süden. So ruhig sind Meer und Wind, dass ich versuche, meinen Patzer vorm Vortag auszumerzen: der waschbenzingereinigte erste (oder Vor-) Filter muss vor dem Einbau gefüllt (geprimed) werden. Ich werde es mit Schuurds maßgefertigtem Kännchen probieren. Letzter rascher Kontrollblick, bevor ich wieder Schweinerei mit Diesel anrichte: das gläserne Kontrollgefäß (sitzt ganz unten) ist fast gefüllt. Könnte doch der Filter darüber ebenfalls voll sein? Motor springt jedenfalls nicht an. Zweiten Filter entlüftet/befüllt (ich brauche eine Spritze für diesen Job). Ohne ist sie (die Schweinerei) kaum zu vermeiden. Geht aber (vielleicht), Sprit ist jedenfalls genug (daneben) ausgelaufen. Schuurds Minitrichter ist lange nicht so genial wie sein Filterkännchen. 16:00 rufe ich den Hafenmeister von Dartmouth und den Funk der Marina. Keine Antwort. Was hätte ich auch erwartet? Neun Meilen vor dem Ziel (also mindestens zwei Stunden Schleppen). Warten auf Wind. Lähmend. Halb sechs kommt so etwas wie ein Lüftchen auf, dass mich innerhalb von drei Stunden in ankerbar flaches Wasser bringt. Habe es tatsächlich geschafft. Winzige Abweichung nach Norden würde mich sogar in eine traumhaft schön (auf der Karte) aussehende kleine Bucht (Fishcombe Cove) bringen. Auch das klappt. Superleise ziehe ich in die Bucht ein, dort sind schon drei Boote, aber Platz ist genug. Nur die Muringbojen fahre ich nicht an, kurz dahinter ist schon der Fels, ich hätte einen einzigen Versuch … zu riskant. Also Ankern. Klappt wunderbar. Die Bucht ist pittoresk, Urwald, Kiesstrand, Badetreppen in den Fels gehauen, Ferienhäuser oben auf der Klippe. Auf einem Boot wird gegrillt, eine junge Mutter führt ihr Kinder auf dem Stand-Up-Brett aus. Idyllisch.

Extrempanorama: lauschiger Abend

Abends ziehen alle anderen Boote ab. Bis auf ein blaues. Romantisch ruhiger Abend, traumhafter Sonnenuntergang. Ich geh früh schlafen, war 23 h unterwegs.

Super Felsen
Super Strand. Links: die Lorelia

PanPan Elizabeth

Nachts werde ich von lautem Lärm geweckt. Ein Sturm ist aufgezogen, aus Nordost. Exakt die einzige Richtung, aus der Seegang quer durch die Torbay, die Bucht von Torquay, auf unsere Zwei-Boot-Idylle einsteigt. Das blaue Boot ist an einer der drei Murings festgemacht, schaukelt ziemlich, hebt die schwere Muringboje bis zu einem Meter hoch aus dem Wasser, hält sich aber tapfer. Auch die Elizabeth hat schwer zu kämpfen.

Aber was kann ich tun? Eine Muringboje könnte ich nur mit dem Dinghi erreichen, traue ich mir bei dem Wind und den wilden Wellen nicht zu. Re-Framing: Die Laute (Knallen, Knarzen, Ächzen, Schlagen), die von der Ankerkette (in ihrer Führung) und der Großschot (an ihrem Flaschenzug) erzeugt werden, sind kaum auszuhalten. Um fünf Uhr früh im ersten Licht geb ich dem Anker mehr Kette. Frühstücken. Danach, oh Schreck, ist das blaue Boot weg. Die lagen auch VIEL zu nahe an den Felsen, vielleicht nur drei oder vier Meter entfernt. Ich hab wenigstens 20m. Reframing geht über die Krächzlaute der Ankerkette. Eigentlich schlimme Töne, aber: solange die Kette ächzt, ist sie nicht gebrochen. Damit sind es plötzlich positive Geräusche, mit denen sich gut leben lässt. Außerdem verbringe ich den Rest der Nacht komplett angezogen in der V-Kabine im Bug (wo man sich ganz gut mit den Hüften einklemmen kann und so die Schiffsbewegungen mitgeht).

»… sitze gerade im schaukelnden Boot im Sturm und wünschte, ich wäre nie losgefahren. Oder fast.«

SMS an Doro, 06:30h

Dann (06:45) hört das Kettengeräusch auf. Ganz wie befürchtet ist die Kette gebrochen. Der wilde Wind treibt die arme Elli rasch auf die Felsen zu. Eine Möglichkeit, unter Vorsegel wegzukommen, scheint beinahe zu klappen. Aber eben nur beinahe. Motor springt nicht an. Juckelt sich die Elli auf den Fels. Wird mit Wucht auf und ab geworfen, um den Rumpf bildet sich braunes Wasser (die Farbe des zermahlenen Felsgesteins).

Rufe ich PanPan über Kanal 16 die Solent Küstenwache. Die haben eine Menge Fragen (»Are you wearing a lifevest?«) und geben dann den (milderen, Mayday gibt man nur, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht) Notruf weiter. Ein Kriegsschiff, das weiter draußen in der Bucht ankert, hat Sichtkontakt zu mir und will (»in the next one-zero minutes«) ein Beiboot schicken. Thank you Warship Portland!) Dazu kommt es aber gar nicht, weil ein Schlauchboot der Küstenwache aufkreuzt, mit viel zu schwachem Außenborder, wie mir scheint, denn die Elli hat sich inzwischen in den Felsen verkeilt und auch Schlagseite. Erster Abschleppversuch klappt nicht.

Zwischendurch meldet die Küstenwache (»All stations, all stations, all stations«), dass die Situation von PanPan Elizabeth (so heißt mein Fall offiziell) „under control“ sei. Da beschwer ich mich aber, ich stecke hier in den Felsen fest, mein Schiff kassiert schwerste Schläge, und das soll unter Kontrolle sein? Hab ich wohl die Reaktion verpasst. Inzwischen wollen die Schlauchbootfahrer einen Mann übersetzen, der das Kommando übernimmt, alle möglichen Fragen klärt (Wassereinbruch? – Glaub ich nicht.) und weitergibt (»… appears to be competent« (auf mich gemünzt) – »Thank you.«) Er erspürt die Schiffsbewegungen (immer wieder schweres Aufsetzen, dazwischen aber auch Aufschwimmen) und dirigiert die Richtung, in die das Schlauchboot ziehen soll – und die kriegen mich frei! Wassereinbruch? Vielleicht doch? Im Motorraum und in der Bilge steht klares Wasser.

»Klares Wasser: schlecht.
Trübes Wasser: gut.«

Unknown Coast Guard Volunteer

Klares Wasser bedeutet Wassereinbruch. Nach kaum fünfzig Meter Schleppfahrt nimmt mich ein Rettungskreuzer der RNLI [Royal National Lifesaving Institution] (acht Mann Besatzung) längsseits, sie werfen auch eine Riesenpumpe an, die Elli und mich am Schwimmen halten soll. In der Hafeneinfahrt von Brixham wechseln sie wieder, die Kaimauer ist für den Rettungskreuzer zu gefährlich (Wasser reicht nicht tief genug) und das Schlauchboot dirigiert mich zu den Grids, unter Wasser liegende Querbalken, auf denen man trockenfallen kann (Grids, nicht Ribs, hatte ich falsch geschrieben, sorry, Leon). Inzwischen sind um die zwanzig Personen für mich im Einsatz, mit roten, gelb-roten, blauen, neongelben und ohne Uniform. Pumpen werden angeschmissen und wieder abgebaut („wir sind kein Reparaturunternehmen“), jemand holt Kaffee für jeden der will (für mich auch einen, bitte), ich erfrage Erlaubnis, mir rasch Tabak kaufen zu gehen (kein Problem, ich bin hier der, der am wenigsten zu tun hat, sondern nur eine Handpumpe bedient und aus dem Weg geht.) Der Dirigiermann, der zuerst an Bord war, spürt inzwischen die Ursache des Wassereinbruchs auf: die Propellerwelle/Stopfbuchse. War aber weiter hinten das Fundament des Ruderschafts, aus dem GFK-Schaum-Komposit-Gewebe sind pflaumengroße Stücke rausgebrochen. Als ich das Schränkchen (mein Büro) ausräume, fallen mir grünlackierte Holzsplitter auf, wie von meiner Rechner-Kiste (zur Blickwinkel-Erhöhung). Tatsächlich hat der Ruderschaft ins Innere des Schränkchens gestoßen und meine Bürokiste angefressen/zertrümmert. Dort unten kommt auch das Wasser in Wasserhahn-Sprudelstärke herein. Der Dirigier-Checker hat (wie ich später feststelle) blitzschnell den Ruderquadranten ausgebaut und mit bordeigener Schnur (m)ein Handtuch um den Ruderschaft gebunden. Hält das Wasser sehr auf. Inzwischen funktioniert auch meine selbstinstallierte Bilgepumpe brav. (Während die Handpumpe zwar ordentlich fördert, aber nur ins Cockpit, wo nichts ablaufen kann, weil ich angewiesen worden bin, sämtliche Außenventile abzusperren.)

Um zehn ist der Spuk so rasch vorbei, wie er begonnen hat. Jemand erklärt mir, wie die Benzinpumpe anzuschmeißen ist, dann sind alle weg. Keiner außer mir hat es geschafft, seinen Kaffee zu trinken, sie nehmen ihn mit. Kommt noch ein Mitarbeiter des Hafenmeisters, bringt eine Elektro-Pumpe (und Stromkabel und Adapter auf Camping-Stecker), dann bin ich auf mich alleine gestellt. Ebbe ist um vier, in sechs Stunden. Aber die Elektropumpe schafft rasend was weg. Die Motorbilge ist in einer halben Minute leer. Im Salon steht das Wasser bis unter die Bodenbretter.

Und dann kommt das Ehepaar vom blauen Boot (im Lauf des Tages erfahre ich, dass die gesamte Marina, wahrscheinlich die halbe Stadt, mein Missgeschick mitbekommen haben, jedenfalls gesehen haben, wie ich mit dem ganz großen RNLI-Besteck in den Hafen geleitet worden bin.)
Lisa macht sich Vorwürfe, dass sie mich in der kleinen Bucht alleine gelassen hätten. Was Quatsch ist. Gareth ist Mechaniker und hätte meinen Motor gestern abend locker richten können. Scheiße gelaufen. Jedenfalls kümmern sie sich rührend um mich, wollen gleich wieder vorbeischauen, Fender bringen etc. Drei kleine Kinder, Zac, Oli und das Nesthäkchen (und Frechdachs) Etty.

Um eins steht die Elli auf Beton (Gareth hat mir erklärt, was ich beim Trockenfallen beachten muss (die Wasservorräte müssen auf die Landseite!)). Also Stress, als Elizabeth überraschend anfängt, auf dem Grund aufzudotzen. Dann steht sie. Jetzt nur noch warten, bis das Wasser abgelaufen ist. (Fish&Chips)

Um 15:00 findet über der Stadt eine Flugschau statt, mit den Red Arrows, Formationsflug vom Feinsten, den ich als Pazifist nicht wirklich wertschätzen kann (tatsächlich war ich zu fertig, um von meiner Mahlzeit aufzustehen).

Kaum zu übersehen: Das Schiff steht ja schief!
Trockenfallen, erster Versuch

Um vier bin ich wieder am Boot, das Dinghi von Lisa und Gareth (und den Töchtern) liegt schon im Flachwasser neben der Lizbeth. Sie können den Rumpf von unten sehen. Ich nicht.

»How does it look?«

Ulli Depp

»You don’t want to know.«

Lisa

Also Gummistiefel an, auf der Platte steht noch zwanzig Zentimeter hoch Wasser, Leiter hinabklettern und inspizieren. Guckst du Video (URL YouTube).

Das arme Ding sieht schlimm aus. Aus dem Kiel (Gusseisen!) ist ein halb basketballgroßer Halbmond aus der Hinterkante gebrochen, die untere Ecke fehlt ebenfalls (Viertel Basketball). Im Rumpf sind mehrere Risse und Eindrückungen. Der Ballastkiel muss gearbeitet haben, die Farbe an der Naht zum Rumpf zeigt einen Riss. Der Propeller, nagelneu und glänzend, noch mit der V.M.S.-Edding-Markierung, sieht aus wie eine vertrocknete Topfpflanze. Und vor allem: Das Ruder ist zerstört. Steht schief vom Skeg [die Ruderstütze, ein flaches Dreieck unter dem Rumpf] ab, der Skeg hat sicher ein Drittel seiner Länge eingebüßt. Unten am Ruder steht der Edelstahlkern verbogen vor. Die Epoxier-Materialien, die ich vorsichtshalber beim Marine-Ausstatter gekauft habe (der machte wegen Kronjubiläum heut schon um drei zu) kann ich glatt vergessen.

Teurer guter Rat.
Gareth sagt: im Prinzip machbar. Wenn er gesagt hätte: Räum deine Sachen aus der Schüssel und fahr nach Hause, hätte ich das auch gemacht (und gar nicht so ungern!)
Was jetzt ansteht: Solange die Ebbe anhält eine Schiene bauen, eine Konstruktion, die das Ruder starr und an seinem Platz hält, dann die Löcher mit Marine Sealant (so eine Art Silikon) verschließen und hoffen, dass das Ding bei der nächsten Flut wieder aufschwimmt (sonst muss die Pumpe pumpen). Was soll ich sagen? Hat geklappt. Als ich mit dem Verstopfen einigermaßen durch bin, kommt einer der Männer von heute früh (blauer Overall), um nach mir zu sehen. Ich erkenne ihn wieder und wir quatschen. Da leckt das Wasser heran. Und ich hab noch nicht aufgeräumt. Wieder Stress (klinge ich weinerlich? War gar nicht so. Als mein Kaffee kam und ich aufseufzte (vor Wonne, denk ich mal), fragte mich der jüngste der Schlauchbootbesatzung ernsthaft und eindringlich »Are you okay?«. Und ich war es. Für einen Nervenzusammenbruch hatte ich überhaupt nicht die Zeit.)

Schalung sitzt!

Drei Segler sprechen mich unabhängig voneinander an, einer bringt mir eine Riesentafel Schokolade. Dann kommt noch der Hafenmeister auf Datenaufnahme und einen Plausch. Dann kommt noch der Hafenmeister aus Dartmouth auf einen Plausch, die Coast Guard habe mich dort schon angekündigt. 

Abends wieder Lisa und Gareth, die mir eine Dusche bei ihnen in der Marina spendieren (war extrem nötig nach vier Tagen vor Anker). Und am Ende des Abends, Drink-Up-Time, war auch noch ein Pint drin. Jetzt, zwei Uhr morgens, ist die Elli wieder sauber auf dem Trockenen und lehnt sich an den Kai und ich kann (diesmal nur mit leichter Schräglage; ich lerne, so rasch ich kann) schlafen.

Montag, 6. Juni, Dartmouth

»Arroganz ist die Wurzel allen Übels.«

Ulli Depp, aus Erfahrung klüger

Denn eigentlich fing das Unglück, um ganz ehrlich zu sein, schon am Vorabend an. Zum Sonnenuntergang rauschte (schlich) ich unter Segeln auf die Fishcombe Cove (neben Fishcombe Point) zu. Georgieboy steuert genau auf eine Mooring-Tonne, aber mit Wind von hinten und ohne Motor traue ich mich nicht, die Öse der Tonne zu erhaschen, es gibt nur einen Versuch. Segel habe ich runtergenommen, lasse den Anker fallen. Alles bilderbuchmäßig, sieht bestimmt toll aus. Ein paar Meter weiter haben zwei Motorbootfahrer geankert. Typ Bankangestellter, der von seinem Abteilungsleiter mit aufs Boot mitgenommen worden ist. Nackte Oberkörper, bleiche Schmerbäuche, Bierdosen in der Faust. Schauen neidvoll herüber. Ich kam mir vor wie der Marlboro-Cowboy persönlich. Schwerer Fehler. Ob ich sie fragen soll, ob sie Zigaretten haben, kam mir in den Sinn. Aber nicht, sie zu bitten, für mich eine Leine zur Mooringboje zu legen. Erstens hätten die das sicher liebend gerne gemacht (kurze Zeit später lichteten sie eh und fuhren nach Hause), zweitens hätte ich dann sicher an einer Boje bis neun Tonnen zulässiges Bootsgewicht liegen können, am besten mit zwei Vorleinen. Gareth und Lisa lagen an so einer Tonne und die haben zwölf Tonnen Gesamtgewicht. Doch die Tonne hielt. Stattdessen sonnte ich mich im Neid der Bleichgesichter. Hab ich teuer für bezahlt.

Im Schlepptau nach Dartmouth
Die Lorelia schleppt. Zac schaut herüber.

Sonntagfrüh, 5. Juni kam die Polizei, wollten meinen Pass sehen, aber vor allem quatschen (die üblichen Fragen nach den Stempeln aus Russland und China. Russland hatte ich bereits vergessen: die phantastischen vier Tage in St. Petersburg, die Paula mir zum 60sten geschenkt hatte). Ob sie mir irgendwie helfen könnten? Ziemlich entspannte Burschen, das. Um elf, kurz bevor die Ebbe wieder einsetzen sollte, kam Gareth mit dem Dinghi, brachte mich zum Büro des Hafenmeisters, um Pumpe, Verlängerungskabel und Adapter zurückzubringen (Security-Typ erklärte sich bereit, die Sachen später einzuschließen, Sonntags ist die Hafenmeisterei nicht besetzt, ich hatte kein Handy dabei und es war auch nicht dringend genug für die Notfallnummer). Dann schleppte Gareth mich zur Lorelia, Lisa und die Kinder (die Zwillinge sind Jungs!) zeigten mir die Yacht. Alles Teak, nur vom Feinsten, Warmwasser, Zentralheizung, ein 24-Volt Kühlschrank, der so gut wie keinen Strom verbraucht. Vielleicht kann ich Gareth helfen, seine Oberflächen zu varnishen (klarzulackieren), vielleicht war es auch nur Spaß von ihm. Lisa macht Rolls (Semmeln) mit Grillwürstchen, Schinken, Burger. Um eins zieht Garreth die Schleppleinen klar und legt los nach Süden. Zieht mich mit, ohne mit der Wimper zu zucken (Perkins-Motor, 80 PS). Außerdem sieht er, dass meine Windfahne der Instrumentendarstellung abgefallen ist, wahrscheinlich von den Erschütterungen auf den Felsen. Vor der Hafeneinfahrt zum Dart gibt es einen rauchenden Felsen einzeln vor der Küste stehend, die Gischt, die in einen Hohlraum dringt und dann als weiße Fahne aufsprüht, sieht exakt aus wie der Ausatem eines Rauchers (und kommt auch im selben Atemrhythmus).

Auf dem Dart. Auf dem Fluss dürfen die Jungs in den (Besan-) Mast klettern.

Dartmouth zeigt sich als Modelleisenbahn-Kulisse. Mittelalterliche Burgen an beiden Seiten der Flussmündung, verwunschene Wehrtürme und Klammbrücken, 19. Jhdt-Klippenvillen mit sicher atemberauschendem Blick aufs Meer (und privatem Wasserzugang oder Bootsanleger), Stadthäuser aus den letzten sechshundert Jahren malerisch in die Hügel gebaut, zwei Fähren (untere: Ponton und drangezwungener Schlepper, obere: Seilfähre, unromantisch) verbinden Dartmouth und die Schwesterstadt Kingswear am gegenüberliegenden Ufer. Dort pfeift auch eine Dampflok mit historischen Waggons, die regelmäßig zu verkehren scheint, allein während wir den Dart hochtuckern, fahren drei Mal pfeifende Züge hin und her – Gustav Märklin hätte es nicht pittoresker hintupfen können. Anlegen (macht Gareth für mich, die Elisa ist längsseits vertäut) am DA Visitor’s Pontoon am nördlichen Ende der Stadt, Lisa und Gareth laden aus, Gareth holt den Wagen, legt die Lorelia an die Boje und bringt das Dinghi weg, ich bin solange mit Lisa, Etty (zweieindrittel) und den beiden Hunden im Park. Sommerfrische muss sich so anfühlen.

Abends Spaziergang ins Städtchen. Ältestes Haus von dreizehnhundertirgendwas, Kneipe sieht auch so alt aus (vorgemerkt). Bootsverleih, Ausflugsdampfer, Yachtanleger, – Marinas und -Muringbojen ohne Ende. Ente, Ingwer, Frühlingszwiebeln, gebratene Nudeln vom Asiaten (mit ungarischer Thekenfrau). Joghurt mit Haferflocken und Honig.

Heute, Montag früh als erstes den superfreundlichen (schwulen? Ist doch voller Vorurteile, dieser Skipper!) Hafenmeister angerufen (»Wir haben gerade über Sie geredet«) und bei der Bootswerft angefragt. Bis 12:00 würden sie mich nehmen, danach geht die Flut weg. Lisa (tel Gareth): heute Vormittag geht es nicht. Sie werden gegen fünf kommen, haben dann hoffentlich ihr Dinghi (das RIB, Rigid Inflatable Boat o.ä.: Schlauchboot) verkauft, sie können Geld gebrauchen. Dann schleppen sie mich zur Blackness Marine, wo ich die Nacht über an Boje C1 bleiben kann. Full english breakfast im Dart Café. Zwei gemütliche Männer (s.o.) als Crew, nur Yachties über 70 als Gäste. Aber lecker Schinkenspeck und O-Saft. Geld gezogen, Vorräte eingekauft. Harbour Control (Luke) war auch da, weil ich geschleppt worden bin, nimmt er nur die Hafengebühr (GBP 15,70). Allerdings gibt es auch weder Strom noch Wasser noch Duschen (soweit ich sehe). Sonniger Nachmittag, etwa wie Bad Neuenahr vor der Flut. Browns Hotel kostet 150 bis 190 für zwei/Nacht inkl. Frühstück.

Dienstag, 7. Juni

An der Boje vor Blackness Point

Die ruhigste Nacht seit langem, kein Windhauch nur die Ebbe gleitet lautlos den Dart hinab. Drei Seehunde wohnen auf dem Ponton zwanzig Meter weiter, haben im Abendlicht noch gejagt (und sind aus dem Wasser gehechtet), eine Idylle.

Drei Seehunde

06:00 wachgeworden, aufgestanden, bevor um halb zehn das Liftkommando kommt, will ich noch das Beiboot klarmachen. Zusammenstecken im Regen, Aussetzen klappt auch, um neun bin ich fertig (gute Stunde, mit Routine sicher weniger). Zwei Jungs mit Traktor und Hebe-Anhänger (wie Neve, nur kleiner) tauchen auf, schleppen mich zum Steg, holen einen größeren Hebeanhänger mit Gurten und ziehen die Elizabeth aus dem Wasser. Allgemeines Staunen über die Schäden an Ruder, Kiel und Rumpf (»Sieht man auch nicht alle Tage.« »Hab ich noch nie gesehen.« »Hast du Glück gehabt, dass du das Boot nicht verloren hast.«) David, der Manager der Werft, macht Ansagen. Über meine Einschätzung, den Schaden innerhalb von vierzehn Tagen behoben haben zu wollen, kann er nur den Kopf schütteln. Ihm ist es egal, sie haben Platz so lange ich brauche. Jetzt ist die Sonne herausgekommen, man könnte es fast aushalten hier.

»There’s worse places to get stranded.« .

Luke Craig, Harbour Patrol Dartmouth

Hier kommen noch ein paar Fotos von den Schäden an der alten Tante Elli. Aber dieser Blog macht Pause (ich will euch ja nicht mit Reparaturberichten langweilen), bis ich wieder flott bin. Bis dahin – schönen Juni (oder Juli?). – oder August.

Ruder
Propeller
Rumpf
Kiel